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Periodical volume Nr. 16, 19.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

großen Raume» zur freien Bewegung bedürfen. Ts besteht 
ferner im allgemeinen der Gebraus die eingrfangenen 
Bözel im Winter in der warmen Stube zu halten, 
größtenteils sogar im eigentlichen Wohnzimmer. Beider 
ist für Bögel, welche man freilebend fängt, sehr schädlich, 
namentlich aber für die in der Regel zur Wtnterzeit ge- 
fangenen Körnerfreffer. In solchem Falle wird, mag die 
Pflege eine noch so sorgfältige sein, wenn nicht der Tod, 
so doch gewiß eine bedeutende Disposition zu den ver- 
schiedrnsten Krankheiten — AuSzrhrung, epileptische Ansälle, 
Schwindel, Schlagfluß — die unvermeidliche Folge solch 
naturwidriger Behandlung sein. Deshalb ist jedem Vogel- 
liebhaber anzuraten, die bei uns überwinternden Stand- 
und Strichvögel, welche meistens Körnerfreffcr sind, 
niemals in warmen Stuben zu halten; selbst mäßig 
geheizte Räume sind nachteilig. Ein ungeheiztes Zimmer, 
noch bester ein kalter zugfreier Gang oder dergleichen, 
kann als der zuträglichste Ort gelten. ES erscheint dieS 
begreiflich, wenn man erwägt, daß die Vögel bei an 
dauernder kalter Witterung in der Regel ohne besonderen 
Nachteil in unserem Klima überwintern, indem die vor 
sorgliche Natur sie durch ein dichter Federklcid gegen die 
Einflüste de« WinterS schützt.. Die erwähnte Behandlung 
kann selbst bei Kanarienvögeln angewendet werden; eS ist 
wahrhaft erstaunlich, wie leicht diese an eine sehr niedrige 
Temperatur gewöhnt werden können. Hohe Temperatur 
ist für sie gleichfalls sehr schädlich und erzeugt allerlei 
Krankheiten. Unsere zahmen Nachtigallen, Grasmücken rc., 
bedürfen als Zugvögel, welche bloß die zweite Hälfte tc8 
Frühlings nebst dem Sommer bei uns zubringen, und da 
sie auch weichlicher sind, in der Gefangenschaft einer etwa« 
höheren Temperatur, obwohl eine sehr hohe Stuben 
wärme auch bei ihnen nachteilig wirkt. Man tut am 
besten, sie in einen Raum zu geben, der nicht mehr als 
15 Grad Reaumur ausweist. 
o Der Preusirntag der Fortschrittlichen Volks» 
Partei findet im Kaffersaal des Rheingold-Elablistemenis, 
Brllevuestraße 20. am Montag, 20. Januar, vormittags 
10 Uhr, statt. Die Tagesordnung ist vorbehaltlich weiterer 
Aenderungen vorläufig wie folgt festgesetzt worden: 1 Unsere 
Forderungen an den preußischen Landtag. (Referent: Abg 
Dr. Wiemei). 2. Die Taktik im Wahlkampf. (Res.: Abg. 
Fischbkck) 3. Die Wahlrechtsreform. (Ref.: Abg. Dr. 
Pachnick»). 4 Innere Kolonisation. Ref.: Abg. Hofs). 
5. Wahl eines Vo standeS d-rp^ei ßischenLandeSorganisation. 
— Am 20. Januar, obends 8'/ 2 Uhr, findet eine große 
öffentliche VolkSoersammIung m der Königstadi-Braueret, 
am Schönhauser Tor, statt, in der voraussichtlich die Abgg. 
Dr. Ablaß, Cassel, L'ppmann. Dr W'emer sprechen werden. 
o Haus, und Grundblsitzer»Verein Gestern 
Abend hielt der Haus und Giunddtsttzkl Verein seine 
Haup'veisamuckung im „Hohenzollern" ab Sie wurde 
vom Vo. sitzenden Herrn v. Wrochem gegen 9 Uhr eröffnet. 
Das vom Schnfiflihrer Herrn Engelhardt verlesene 
Protokoll der vorigen Versamarlung fand Annahme. Herr 
S.'urn bat, che Tagesordnung möglichst schnell zu «ledige,>,.. 
ba er am Schluß eine wichtige Sache zur Besprechung 
bringen möchte. Der Vo fitzende gab dann unter ,GZchä't. 
liche Mitteilungen- so!geiifcf§ bekannt: Die Hypolheken- 
angelegi-nheit ist im. p'.ußischen AbgeordnettNhaufe ncch 
nicht verhandelt worden; sie wnd vorausfichtl'ch auch 
garnicht medr zur Verhandlung kommen, da am 19 Mat 
berriiS die N-uwahlen stallfinden sollen. Die vom Verein 
beabsichtigte Gründung einer AuSbiktungSgarantie Genossin- 
schaft erfreue sich noch nicht der Beliebtheit, die nötig ist, 
um den Antrag an die Gemeinde auf Gründung eincS 
HypothekenamIeS zu stellen. Der Vorstand werde daher 
diese' Tage ein neues Ruridschretben an sämtliche Grund 
besitzer ergehen lasten mit der Aufforderung, den Beitritt 
zur Ausbietungsgarantie Genossenschaft'zu erklären. In 
diesem Schreiben weiden auch alle Bedenken zerstreut, die 
bisher bezüglich der Haftpflicht usw. bestanden. Wie auS 
dem Jahresbericht ersichtlich ist, hatte sich ein Sonder 
ausschuß auch mit der Frage der Ortsreklame beschäftigt. 
Die Angelegenheit sollte zurückgestellt werden, bis die 
amtliche Aufstellung über die Wohnungkoerhältniss« vorlag. 
Diese Ausstellung ist jetzt vorhanden und au» ihr ist zu 
ersehen.' daß sich da« Verhältnis der 1—4 Zimmer- 
Wohnungen jetzt bedeutend bester stellt als im Frühjahr. 
Ja den großen Wohnungen ist dagegen ein Stillstand oder 
Rückschritt eingetreten. Es stehen von 5—10 Zimmer 
wohnungen 166 Ileer. Für steuerkrästiges Publikum ist 
also noch viel Platz in Friedenau. Ob man Einrichtungen 
schafft, die steuerkräftiges Publikum heranziehen, bedarf 
also sehr wohl der Prüfung. Auch die Gemeinde werde 
sich an der OrtSreklame beteiligen und eS liege auch sicher 
im Jntereffe der Gemeinde, dem Verein die Sache nicht 
allein zu überlasten; denn die leerstehenden Wohnungen 
entsprechen, wenn sie besetzt find, einem Steuerbelrag von 
rund 30 000 M., der der Gemeinde zu gute käme. Der 
RrklameauSschuß werde also in nächster Zeit mit be- 
stimmten Vorschlägen kommen. Der Vorsitzende geht dann 
noch kurz auf den gedruckt vorliegenden Jahresbericht ein. 
Der Bericht sei eine Chronik der Verhandlungen. Man 
hätte ihn vielleicht auch ander» gestalten können, vielleicht, 
indem man allgemeine Fragen vorweg genommen hätte. 
Dann härte man sagen müssen, daß daS oerfloflene Jahr 
für den Grundbesitz kein günstige» war. Die Lasten, die 
der Grundbesitz zu tragen habe, seien sehr groß. Diese 
Erkenntnis bemächtigt sich sitzt auch der politischen 
Parteien und eS ist kürzlich von dem Vertreter cimr 
politischen Partei, die sonst nicht gerade gut auf die HauS. 
besttzer zu sprechen ist, im Abgeordnetenhause auch zuge- 
geben worden, daß der Hausbesitzer heute sehr belastet ist 
und daß die Berechnung der Grundwertsteuer nach dem 
gemeinen Wert eine ungerechte sei; die Steuer müffe vom 
EctragSwert erhoben werden. ES ließe sich bet dieser 
Frage vielleicht auch die weitere Frage erörtern, ob man 
in Friedenau auS den Nöten herauskäme, wenn man die 
Eingemeindung Friedenaus betriebe. Wenn man nur 
wüßte: wohin? und ob man sich bester stehen würde, 
wenn man das Glied eineS anderen OrteS sei. WaS bis 
her in dirser Angelegenheit geschrieben ist, hat noch lange 
nicht den Beweis dafür erbracht, daß unsere Lage so ist, 
daß wir unsere Selbständigkeit aufgeben müssen. ES 
würde also wohl gut sein, wenn wir diese Sache vorläufig 
in Ruhe lasten. Er möchte dann noch auf das im 
November in Aussicht stehende Jubiläum deS Vereins zu 
sprechen kommen. Wenn auch von einer Seite gesagt 
wurde, der Verein bcschäflige sich hauptsächlich mit EiSbein- 
esten und Festlichkeiten, so möchte er doch betonen, daß die 
HauptlätigkeildiSVereinS inlachlichmVerhandlungen bestehe. 
Doch das JubltäumdeSVereins wolle man naiürlichwürdig be 
gehen. Wie man wohl schon auS dem „Fciedenauer Lokal- 
Anzeiger" ersehen habe, hat der Vorstand an den Ge- 
meindevo stand und daS Kuratorium die Bille gerichtet, 
mangels eines geeigneten prioaten CaaleS ihm den Fest- 
foal dek Realgymnasiums zur V-rfügung zu stellen, well 
inan daS Fest möglichst in Friedenau feiern möchte. Eine 
Antwort ist auf diese Eingabe noch nicht erteilt worden. 
.----.Der Vor sitzende..gedachte daraus, der im. 4-tzten Müvat, 
verstoibeneii Mitglieder, der Herren Nehrkorn und Schulz. 
DaS Andenken der Verstorbenen wurde durch Erheben von 
den Plätzen geehrt. Weiler wies Herr v. Wrochem auf 
das Herreneffen am KaiserSg-burtSIoge in der Aula de» 
Reform-ealgymnastumS hrn. Es wurden darauf 15 neue 
Miiglieoer uufgenommen. U-bcr die KastenprÜluiig be- 
nchteic Herr Lange; er beantragte Entlastuag deS Kafsin- 
sühreiS, die erteilt wurde. Herr Wieiener sührte aus, daß 
der Vorstand wohl immer für eine reichhaltige Tages 
ordnung gesorgt habe, aber er habe ein? vermißt: Ts sind 
zu wenig alloemeine Kommunalfrogen zur Verhandlung 
gekommen. Die Gemeindevertretung besiehe doch zu 2 / 3 
aus Grundbesitzern und da wäre eS wünschenswert, wenn 
sich wenigstens diese -j A Auskunft holten über die Stimmung 
in Grundb-sitzerkreisin zu den einzelnen kommunalen 
Fragen. Es waren in letzter Zeit sehr viele allgemein 
interessierende Fragen, die im Verein hätten besprochen 
werden können. Er erwähne nur den RalhauSbau, den 
Verkauf drS Grundstücks am WllmerSdorfer Plotz, die 
FriedhofSangelegenheit. den Bau der 3 Volksschule, va» 
Oberlyzeum usw. Unsere sämtliche öffentlichen Gebäude 
liegen an der Grenze, nur ein einzige», die Knabenschule 
in der Albrstraße. mitten im Ort. Und nuu verkaufe die 
Gemeinde noch da? letzte Grundstück, da» sie in der Mitte 
dkS OrtS besaß. SS sei sa wohl sehr gut. daß die Post 
dahin komme, aber die Post Kälte hier auch noch ein 
anderer Grundstück-gesunden. Er wendet sich ferner gegen 
die Verwendung de» SammelfondS für die öffentlichen 
Bauten und bemängelt e», daß so viel hinter verschlossenen 
Türen verhandelt werde und daß Herren, die früher 
darüber immer ihre Glossen machten, jetzt selbst für die 
geheimen Verhandlungen wären. Der Vorsitzende erklärte, 
daß er Herrn WieSner nicht unterbrochen habe, obwohl 
seine Ausführungen nicht zu dem vorliegenden Punkt ge- 
hörten. Wenn Herr WieSner bemängelte, daß zu wenig 
kommunale Fragen zur Sprache gekommen wären, so möchte 
er da nur auf den Bürgerverein hinweisen. E» wurde 
ja als ein Programmpunkt jenes Verein» aufgestellt, daß 
die Gemeindeoerordnrien dort Antwort undRedestehen sollten. 
Und wie viele kommunale Fragen sind dort zur Sprache 
gekommen? Daseien im Grundbesttzerverein noch viel mehr 
kommunale Angelegenheiten besprochen worden. Ueber 
dos RalhouS und verschiedene Echulsragen wurde hier ge 
sprochen. ES laste sich nicht immer ermöglichen, daß 
einzelne Fragen vorher im Grundbesttzerverein zur Ver- 
Handlung kommen, denn kein Mitglied der Gemeindever 
tretung dürfe darüber Aukkunst geben. waS in den AuS- 
schüsten besprochen sei Ec gebe zu, daß die Besprechungen 
nachher nur akademischen Wert hätten. ES wäre da 
enrpfkhlcnSwrrter, wenn sich die Mitglieder zusammentun 
würden und sagen: über dieS oder jenes wünschen wir zu 
verhandeln. Wenn s. Zt. der Borstand auS formalem 
Grunde die EingrmeindungSfrage nicht öffentlich verhandeln 
wollte, so tat er eS in der Erkenntnis, daß e» nicht 
zweckmäßig sei, unsere schmutzige Wäsche in aller Oeffent- 
lichkeit zu waschen. WaS die öfsinlliche Behandlur-g 
von Bauten in der Gemeindevertretung angehe, so seien 
derartige Fragen stets öffentlich verhandelt worden. Da 
gegen können GrundstückSfragen nicht öffentlich besprochen 
werden, da pekuniäre Rücksichten für die Gemeinde dabet 
inbetracht kommen. Nur, und Personaifragen können 
nicht öffentlich besprochen werden. Herr WieSner ant 
wortete, daß, wenn der Bürgerverein da» nicht tue, waS 
notwendig fei, sich der Haut- und Grundbesttzerverein nicht 
danach zu richten brauche. Die Herren der Gemeindeoer- 
tretung hätten auch garnicht nötig, auS den AuSschußoer- 
Handlungen zu plaudern. Er entsinne sich da. daß Herr 
Schremmer immer sagte: reden Sie meine Herren, ich darf 
nicht« sagen. So könnte eS auch jetzt sein. Er wäre ja 
auch stet» dagegen gewesen, daß der Vorsitzende Mitglied 
der Gemeindevertretung sei, weil er da nicht frei wäle. 
Aber zur Sprache könnten die Sachen kommen, die Herren 
brauchen ja nichts aus ihrer amtlich.-» Tätigkeit verraten. 
Der Vorsitzende wies auf den Ausspruch deS Herrn 
, Schrrrifiner hjn. so ginge e« ihm upd den anderen Herren 
der Gemerndeoerlrelung auch; sie können nur hören und 
daher empiehle er nochmeis, daß die Mitglieder derartige 
Sachen zur Sprache bringen. Zum Kassenbericht wünschte 
Herr Knaak noch daß in einer besonderen Position über 
die Einnahmen und Ausgaben der Geschäftsstelle berichtet 
werde. Eia solcher Antrag wurde angenommen und der 
Vorsitzende berichtete, daß die Einnahmen etwa 2100 M. 
betragen haben; 900 M. waren die sachlichen Aufgaben, 
300 M. sein für daS GrschäflSlokai gezählt worden und 
800 M. habe der Geschäftsführer erhallen. Zum Punkt 
V rstandswahlen berichtete Herr Homuth, daß der Aus 
schuß beschlossen habe, die satzungSgemäß ausscheidenden 
Herren Engelhardt, Sröcker und Dr. Thurmann zur Wieder 
wahl zu empfehlen. Die Herren Dobert und Hermann 
haben auS Gesundheitsrücksichten eine Wiederwahl abge 
lehnt Für sie schlage er die Herren Afdring und Brücker 
vor. Die zur Wiederwahl gestellten Herren wurden durch 
Zuruf wiedergewählt. Da für die beiden Neuwahlen noch 
die Herren Mittelslädt und Korri«c»ka ln Vorschlag ge- 
nommen hatte, und als habe sie Lust, ihn darüber zu be 
fragen. Und doch tonnte Julius nicht denken, daß dies der 
Grund ihrer Blicke sei, denn Sir William hatte doch aus 
drücklich gesagt, sie habe keine Ahnung von der Gefahr, in 
der er schwebte, und der junge Arzt hatte sich schon manch 
mal gewundert, was der Staatsanwalt seiner Frau als 
Grund für seine Anwesenheit im Hause angegeben hatte. 
Fräulein Nora Bilcon war auch eine neue Bekanntschaft, 
die ihm über die Einförmigkeit seines Wachtpostens hinaus 
half. Aber das war auch alles, ein tieferes Interesse fühlte 
er nicht für sie. Jener letzte Abend im Drogcngeschäft, als 
das Mädchen in dem schäbigen schwarzen Kleid ihn durch 
ihre wunderbare Schönheit und ihre persönliche Anteilnahme 
an seinen Angelegenheiten gefesselt hatte, hatte ihn dazu 
gebracht, gegen Einflüsse von seiten des weiblichen Geschlechts 
sich abweisend zu verhalten. Aber auch unter anderen 
Umständen wäre es sehr zweifelhaft gewesen, ob Nora 
Bilcons knabenhaftes Benehmen Eindruck auf ihn gemach! 
hätte, selbst wenn sie versucht hätte, ihn an sich zu fesseln, 
was sie in keiner Weise tut. Aber die lebhafte ileinc 
Gesellschafterin mit ihrer ungtzncrten Liebenswürdigkeit und 
ihrer unverhohlenen Neugierde amüsierte ihn, und sie 
waren sehr schnell gute Kameraden geworden. 
Sic hatten sich sogar schon in vorsichtigen Worten über 
den abwesenden Hausgenossen, Herrn Hermann Trenkley. 
unterhalten, der noch nicht von seinem Urlaub zurückgekehrt 
war. Julius, der den Privatsekretär nur wenige Tage 
gesehen hatte, hätte es für unrecht gehalten, wenn er die 
absprechende Meinung Noras geteilt hätte, aber er versprach 
ihr, Herrn Trenkley genauer zu beobachten, sobald dieser 
zurückkehrte. Er teilte ihr allerdings nicht mit, daß dies 
zu seinen Pflichten gehörte, den» jeder Hausgenosse konnte 
ein geheimer Abgesandter der Verbrccherbande sein. 
Es war acht Tage nach ihrer Ankunft auf dem Lande, 
als Sir William und Julius »ach dem zweiten Frückstäck 
in angeregtem Gespräch auf der Terrasse vor den, Hause 
hin und -her gingen. Da kam ein Diener heraus und über 
reichte dem Staatsanwalt ein Telegramm, das soeben am 
hintere.» Eingang abgegeben war. Sein Herr las es mit 
unbewegtem Gesicht und erklärt-' dem'Diner, cs sei keine 
Antwort nötia. 
„Sobald aber Friedrich sich zurückgezogen hatte, reichte 
Sir William die Depesche seinem Begleiter und bemerkte: 
„Dies wird Sie vielleicht überzeugen, daß Ihr Amt 
keine Sinekure ist." 
Die Drahtbotschaft lautete: , 
„Leiche Browns in einem Dickicht von Richmond Park 
gefunden. Strick um Hals, wahrscheinlich erwürgt. Morgen 
Untersuchung. Doktor Penfold wird wohl als Zeuge er 
scheinen müssen. Brief mit näheren Angaben folgt. Black, 
Inspektor, Kriminal-Abteilung." 
Julius war bestürzt, aber nicht überrascht. Dev un 
glückliche Hausmeister war offenbar dazugekommen, als die 
Schurken gerade dabei waren, die Flasche anzubohren od-r 
zu verschließen, und sie durften ihn nicht am Leben lassen, 
denn er hätte ja die Tat verraten und wahrscheinlich auch 
die Giftmischer wiedererkannt. In der Tat verriet die 
Todesart, daß Brown sofort beim Eintritt in die Speiie- 
kammer überwältigt und erdrosselt worden war, um ihn 
zu verhindern, um Hilfe zu rufen, und um ihn leichter fort 
schaffen zu können. Bei Leute», denen es, wie Inspektor 
Black versichert hatte, auf ein Menschenleben mehr oder 
weniger nicht ankam, durfte mau nichts anderes erwarten. 
„Das ist allerdings nicht sehr ermutigend," ertlärre 
Julius. „Aber mich schreckt es nicht ab. Das einzige, was 
mir unangenehm ist, ist, daß ich morgen bei der Unter 
suchung nicht zugegen sein kann. Ich möchte Sie nicht 
hier allein lassen, denn die Kerle, die ihre Augen überall 
zu haben scheinen, würden sicher auch erfahren, daß ich 
abwesend bin." 
Ich werde während Ihrer Abwesenheit im Zimmer 
bleiben und auch keine Besuche empfangen," erklärte Sir 
William. „Es hieße, sich mutwillig in Gefahr begeben, 
wollte ich allein ausgehen. Der arme alte Brown! Es ist 
scheußlich, wenn man bedenkt, daß ein alter treuer Diener 
sein Leben lassen mußte, daß er gleichsam zertreten wurde, ! 
wie ein lästiger Käfer, der jenen Banditen über den Weg ! 
kroch. Julius warf dem Staatsanwalt einen raschen Blick ! 
zu, und mit den Augen des Arztes erkannte er, daß die 
Nerven seines Chefs durch die Mitteilungen mehr erschüttert ! 
waren, als sein Stolz zugeben wällte. .! 
„Kommen Sie.. Sir William." sagte er in heiterem l 
Ton. „Sie müssen sich dadurch nicht allIusehr niederdrücken 
lassen. Das beste ist, wir unternehmen irgend etwas All 
tägliches, damit wir uns einbilden, daß wir hier ein ein 
faches, gemütliches Landleben führen, und daß nichts Außer- 
gewöhnliches im Hintergrund lauert. Was meinen Sie zu 
Golf? Oder wollen wir lieber sehen, daß wir ein paar 
Forellen fangen können?" 
Der Staatsanwalt gab sich einen Ruck. „Sie haben 
recht," erwiderte er, „und wir wollen auch Ihren Rat be 
folgen, aber in anderer Weise. Es ist mir erzählt worden, 
daß Sir Harry Dnnloo sein Haus an eine französische 
Gräfin und ihren Sohn aus erster Ehe, einen Herrn Franz 
Scharnock, vermietet hat. Man wird es merkwürdig finden, 
wenn wir nicht dort Besuch machen. Meiner Frau erlaubt 
es ihr Gesundheiiszuftand nicht, gesellschaftliche Pflichten zu 
erfüllen, aber Sie und ich, wir könnten uns einen Spazier 
gang machen und drüben vorsprechen oder unsere Karten 
abgeben, wen» niemand zu Hause ist." 
Julius war mit Freuden bereit. Es gibt kein besseres 
Mittel, jemand aus trüben Gedanken herauszureißen, als 
ihn mit neuen Personen bekannt.zu machen, und so war 
dieser vorgeschlagene Besuch Julius sehr willkommen, uin 
seinen Chef vom Grübeln über das Schicksal seines Dieners 
und allem was damit zusammenhing, abzulenken. 
Es war jetzt fast drei Uhr. und da sie nach dem 
Hause Sir Harrys ungefähr eine Stunde zu gehen hatten, 
so würden sie gerade zur vorgeschriebenen Besuchszeit dort 
ankommen. k 
Sie machten sich sofort aus den Weg, und da sie durch 
das Städtchen mußten, so erklärte der Staatsanwalt seinem 
Gefährten mancherlei von den Angelegenheiten des kleinen 
Ortes. Das meiste davon hatte Julius bereits von Nora 
Bilcon gehört, aber es interessierte ihn, die Dinge auch 
von anderer Seite kennen zu lernen. Unter anderem 
erfuhr er, daß der Besitzer des Schlosses, das sie eben 
aufsuchen wollten, ein Sonderling war, den seine Standes- 
gciioffen über die Achseln ansahen, für den aber Sir William 
eine aufrichtige Freundschaft hegte. 
(Fortsetzung fo!gt.1
        
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