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Periodical volume Nr. 162, 13.07.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Schrift ausgeführt worden. In der Adresse heißt es: „Ein 
mütig haben die kommunalen Körperschaften der Provinz 
Brandenburg beschlossen, eine Hebammenlehranstalt für die 
Provinz Brandenburg zu errichten. Dieses Haus soll eine 
auf der Höhe wissenschaftlicher Entwicklung stehende Muster 
anstalt werden, es soll 80 Lehrplätze enthalten und mit 
einer Fürsorgestelle für Säuglinge verbunden sein, damit 
dem edlen Beispiele, das auf dein Gebiete der Säuglings- 
fürsorge Ihre Majestät die Kaiserin und Königin gegeben 
haben, auch bei der Jubiläumsgründung der Provinz nach 
eifernd gefolgt werde." Der Adresse beigefügt ist ein Ver 
zeichnis aller in der Provinz überhaupt gelegentlich des 
Jubiläums errichteten Stiftungen. Das Ganze ruht in einer 
geschmackvoll ausgeführten safftanlederneu Mappe von 
gelber Farbe. 
o Wandschmuck für Volksschulen. Um bei den 
Schulkindern den Kunstsinn und das Kunstverständnis zu 
wecken und in dieser Beziehung erziehlich auf sie einzu 
wirken, erscheint es notwendig, die Schulzimmer mit Bildern 
auszuschmücken. Auch soll durch diesen Bilderschmuck dem 
Kinde der Aufenthalt im Schulzimmer angenehm geinacht 
werden. Der Magistrat in Breslau hat zur Beschaffung 
künstlerischen Wandschmuckes in den Haushaltsplair 5000 
Mark eingestellt. Ferner will der Magistrat anordnen, daß 
die im Besitze der Schulen befindlichen Anschauungsbilder 
auf dem Gebiete der Heimatkunde, Erdkunde. Geschichte irnd 
teilweise auch der Naturbeschreibung ständig ausgehängt 
werden. Mit Hilfe von Wechselrahmen sollen dann die 
Bilder in den einzelnen Klassen und den verschiedenen 
Schulen desselben Schulhauses von Zeit zu Zeit ausge 
wechselt werden. Der Magistrat hofft, so den Kindern im 
Laufe der Zeit die Kenntnis und das Genießen einer großen 
Anzahl guter Bilder zu vermitteln. Für die Unterhaltung 
und Ergänzung des kiinstlerischen Wandschmucks sind 1000 
Mark vorgesehen. 
o Der Heidelberger Platz am Bahnhof Schmargen 
dorf wird z. Zt. in einen Schmnckplatz umgewandelt, der 
mit seinen Linden und Blutbuchen schon jetzt einen recht 
freundlichen Eindruck macht. Es sind nicht junge Bäume 
angepflanzt, sondern aste Bäume aus der benachbarten 
Aßmannshausener Straße hierher versetzt worden. In der 
Mitte der Anlage liegt ein großes ovales Parterre, das mit 
Nasen besät wird; den Mittelpunkt sollen eine Figur und 
Sträucher zieren. Ein Kranz anmutiger röticher Sommer 
begonien umgibt das Nosenparterre, um das ein breiter 
Kiesweg führt und das Zugänge von mehreren Seiten hat. 
Nach außen gruppieren sich um diesen Weg Blumen- und 
Rasenbeete mit schattenspendenden alten Bäumen. Der 
nach dem Bahnhof zu belegcne Teil ist erhöht, so daß er 
in gleicher Höhe mit der vorbeiführenden Aßmannshausener 
Straße liegt, er wird als Terrasse ausgestaltet, die eine 
Umrahmung aus Kunststein erhalten soll; einige Meter 
weiter führen breite Steintrcppen hinunter zuin Parterre. 
Ein anderer Teil der Anlage wird zu einem Spielplatz her 
gerichtet, während das übrige Terrain mit Birken, 
Rhododendron usw. bepflanzt wird. Die Arbeiter sind vor 
läufig noch damit beschäftigt, das Kabel tiefer zu legen, 
Erde aufzuschichten usw., in kurzer Zeit aber wird der Platz 
schon einen hübschen Anblick gewähren. 
o Das Henfieber ist unter den Sommerfrischlern ver 
breiteter als sie selbst wähnen, weil sie es nicht kennen. 
Das winterliche Stubensitzen verweichlicht auch die Schleim 
häute in Nase, Hals und Augen. Der freie, unsichtbare 
Blutenstaub der Wiesenblumen, namentlich der getrockneten 
und besonders des Heues, das bis zur Blüte gekonunen ist, 
fliegt überall in der Luft herum und bleibt auf den feuchten 
Schleimhäuten sitzen, auch wird er mit eingeatmet. Ans 
den Schleimhäuten erzeugt er Entzündung, wie Augen- 
tränen, Schnupfen, Niesen, durchs Einatmen auch Husten 
und Brustbeklemmung. Dieses alles ist wohl für den An 
fang nicht bedenklich, kann aber mit der Zeit nachteilige 
Folgen haben, drum sind von empfänglichen Personen solche 
Oertlichkeitcn mit herumfliegenden Blütenstaub zu meiden 
und dagegen der Aufenthalt an stärkender, erfrischender Wasser 
luft, namentlich an der See zu empfehlen. Bei entziindeten 
Augen schützt eine blaue Brille, auch Einpiuselungen in 
Nase und Augen sind dienlich, bei Hustenanfällen nützt 
Trinken von Zitronenlimonade, bei Brustbeklemmung das 
Einziehen von Dämpfen angebrannten Salmiakpapiers. 
o Falsches Geld. Seit einigen Tagen werden sowohl 
in Großberlin als auch in den Orten der Mark gefälschte 
Zweimarkstücke in größeren Mengen in Umlauf gesetzt. Die 
Verbreitung der Falsifikate wird seitens der Falschmiinzer 
planmäßig vorgenommen. Die dreisten Burschen ziehen 
Margregor flüsterte ihm ein paar Worte zu. die ihn ver 
anlaßten, seinen Blick nach jener Seile zu wenden, wo sich dir 
Tür zum Arbeitszimmer befand. 
Und jetzt sah auch er, was der General schon früher 
bemerkt hatte: einen schmalen Lichtslrcifen, der durch den 
winzigen Spalt unterhalb der Tür über den Fußboden hinfiel. 
Es war kein Zweifel, daß sich jemand in dem an 
stoßenden Gemache befand und daß er den Hebel des elektrischen 
Lichtes aufgedreht hatt«. 
29. Kapitel. 
Die glänzenden Gescllschastsräumc in Lord Merchavcns 
Hause begannen sich allgemach zu leeren. Aber noch immer 
war eine Anzahl von intimeren Freunden des Hauses da, die 
sich offenbar nur schwer entschließen konnten, die gastlichen 
Gemacher zu verlassen. Jessie hatte sich in einen Vcr- 
bindnngsgang zurückgezogen, der ihr gestattete, auf einer 
hinter Palmen und Azaleen fast ganz versteckten Bank ein 
wenig zu ruhen. Tenn sic war tatsächlich kaum noch imstande, 
sich auf den Füßen zu erhalten. Die Erregung hatte ihr bis 
her fast übermenschliche Kräfte verliehen, nun aber, wo sich 
die unausbleibliche Reaktion einstellte, drohten ihre Nerven 
mit cinemmale völlig den Dienst zu versagen. Sic vermochte 
sich kaum noch Rechenschaft zu geben über ihre Lage und 
über das, was sie morgen früh zu tun haben würde, wenn 
es ihr wirklich gelang, ohne eine beschämende Entdeckung 
über diese Nacht hinwegzukommen. 
Müde sank ihr Haupt gegen die Rückenlehne des 
Sessels, und einen Augenblick später war sie eingeschlummert. 
Nicht die rauschenden Klänge der Musik, nicht das Stimmen- 
geschwirr und Gelächter, das ans den Salons zu ihr herüber-. 
von Ort zu Ort, um die Falschstücke loszuwerden. Von 
den echten Münzen unterscheiden sich die gefälschten 
Fabrikate durch einen dunipften Klang. Auch fühlen sie sich 
fettig an. Sie zeigen die. Jahreszahl 1008 und das 
Münzzeichen A. 
o Wieder eine Vnchmacherzentrale aufgehoben. Die 
Schöneberger Kriminalpolizei hat eine Buchmackierzentrale 
des Restaurateurs R., die nicht weniger als 15 Wettan 
nahmestellen unterhielt, aufgehoben und einen erheblichen 
Geldbetrag sowie zahlreiche Wcttzcttel und Bücher beschlag 
nahmt. R. war früher Inhaber eines sehr gutgehenden 
Restaurants auf der sogenannten Insel in Schöneberg und 
ist bereits einmal wegen des gleichen Vergehens bestraft. 
Der Schöneberger Kriminalpolizei war es aufgefallen, daß 
bei R. in der Gustav-Müller-Straße viele Radfahrer ver 
kehrten, und nachdem sich der Verdacht gegen den früheren 
Restaurateur verstärkt, stattete die Kriminalpolizei dem R. 
einen Besuch ab, der zu sehr günstiger Zeit ausgeführt wurde. 
o Eine längere Verkehrsstörung entstand gestern 
Abend kurz nach 1 l^d Uhr an der Martin-Luther- Ecke 
Hohenstaufenstraße. Ein Motorwagen der Linie 60 war an 
der dort befindlichen Weiche aus den Schienen gesprungen 
und versperrte den Verkehr nach beiden Richtungen. Es 
dauerte über eine halbe Stunde, bis es gelang, den Wagen 
wieder in die Schienen zu bringen. Während dessen wurden 
die durch die Martin-Lutherstraße verkehrenden Straßenbahn 
linien in beideri Richtungen über den Winterfeldtplatz und 
durch die Goltz- und Grunewaldstraße abgelenkt. 
o Nächtlicher Ueberfall. Vor seinem Hause in der 
Augustastraße 7 in Wilmersdorf wurde der Bergwerksmeister 
Karl D. von mehreren Burschen überfallen. Es kam 
natürlich zu einer wüsten Schlägerei, in deren Verlauf das 
Messer eine gewichtige Rolle spielte und der Ueberfallene 
eine Schnittwunde am Kinn davontrug. Bei der nächtlichen 
Ruhestörung wurden die Anwohner der Augustastraße 
naturgemäß etwas unsanft aus dem besten Schlaf gerissen, 
und als überall au den umliegenden Fenstern drohende, 
benachtmützte Gestalten erschienen, zogen es die Rowdies 
vor, das Weite zu suchen. Der Ueberfallene mußte sich 
jedoch mit seiner Schnittwunde zur Rettungswache begeben, 
wo er einen Notverband erhielt. 
o Gemeinsam in den Tod. In einer Wohnung in 
der Uhlandstraße zu Wilmersdorf wurde der 21 Jahre alte 
Kaufmann Erich Buchheim, der in Ottersberg bei Bremen 
in Stellung war, und die 22jährige Verkäuferin Else Böthe, 
die in der Adalbertstraße 39 bei Kittelmann wohnte, tot 
aufgefunden. Sie hallen sich durch Gas vergiftet. In 
einem hinterlassenen Briefe gibt der junge Mann an, die 
Schwester des jungen Mädchens habe ihn zu dem Schritt 
veraulaßt. Die Frau, in deren Wohnung sich die Tragödie 
abspielte, ist die Taute des jungen Mannes. Eie befindet 
sich gegenwärtig auf Reisen und hatte den Schlüssel zu 
ihrer Wohnung ihrer Schwester übergeben. Von dort hatte 
sich der junge Mann die Schlüssel abgeholt, um mit seiner 
Geliebten, da der ehelichen Verbindung unüberwindliche 
Hindernisse entgegenstanden, gemeinsam in den Tod zu gehen. 
o Mordversuch ans den Dienstherrn. Heute Nacht 
gegen 1 Uhr verübte die Wirtschafterin Wendel auf ihren 
früheren Dienstherrn, den Regienmgsrat Einecker mis 
Dahlem mr der Ecke der Geßlerstraße und Ladenbergstraße 
in Dahlem ein Revolverattentat. Sie schoß viermal auf 
den Herrn, ohne ihn zn verwunden, und schoß dann sich 
selbst eine Kugel in den Kopf, die sie sofort tötete. 
Oie bunte Mocke 
Plauderei für den „Friedenaucr Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 11. Juli 1913. 
Herbst in Berlin. — Hundstagc bei Blättcrfall. — Die liebe 
Montagöprcssc. — Friedmann ist wieder da! — Der Riesengauner 
Koghen. — Konkurs des „Boardinghanscö". — Schutzleute mit 
Sonnenschirmen. 
„Ter Nebel steigt, cs fällt das Laub, schenk ein den Wein, 
den holden; wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja ver 
golden". 
Das unsterbliche Stormschc Stimmungsbild ist der einzig 
mögliche Ausdruck für die kühle Herbststimmung, die jetzt in der 
Mitte des Juli über der Reichshanptstndt lagert. An vielen Platzen, 
am Lützowplatz, Tönhoffplatz, Belle-Alliancc- und Nollendorfplatz 
tragen die Bäume ihr herbstlich buntes Kleid und stehen zum 
größten Teil schon entlaubt da. 
Ter Grund liegt einesteils an dem wenig vornehmen Wesen, 
das der sattsam bekannte Herr Petrus der Welt zeigt, andererseits 
aber ist er darin zic suchen, daß die Erde dieser viel benutzten 
Plätze schnell verbraucht wird. In der benzin- und rußerfüiltcn 
Luft können die Bäume nicht frei atmen, und schon im Hochsommer 
neigen sich sterbend die Blätter. 
Während die Natur herbstliche Aprilorgien feiert, während der 
tägliche Wetterbericht stets ein verflixtes Minimum aufweist und 
klang, vermochte sie wach zu halten. Der Schlaf war ihr ein 
Wohltäter; er verscheuchte all die quälenden Sorgen tino 
. Acngste, unter denen sie während der lctzleit Stunden gelitten. 
.Wie ein wüstes Ehaos ivar alles in nichts zerstoben, als sic 
die Augen schloß; und ihre Gedanken hatten sich im Traume 
mit ungleich angenehmeren uitd lieblicheren Bildern zu be 
schäftigen. Sie träumte sich an der Seile des Geliebten in 
einen mondbcschienenen, von Roscndust erfüllten Garten, 
sie lauschte seinen zärttichcn Worten und duldete glückselig seine 
Liebkosungen. 
Eben brach er eine Rose, um sic ihr ins Haar zu siechten, 
und legte seine Hand auf ihre Schulter, um sie zum Stehen 
bleiben zu nötigen. Aber ,vic seltsam schwer seine Hand auf 
ihr lastete! — Es wurde ihr mit einem Male angst, und 
sie versuchte, sich des Druckes zu entledigen. Aber er wich 
nicht — die Gestalt des geliebten Mannes verschwand in 
einem Nebel, rmd nur jener feste Griff ließ nicht von ihrer 
Scknlter. Noch einmal machte sie einen Versuch, sich davon 
zu befreien — und erwachte. 
Vor ihr stand der Mann, den sie im Traume zu sehen 
wünschte — Ronald Hope. Er hatte ihr die Hand auf den 
Arm gelegt, um sie zu wecken; mitleidig blickte er ihr in die 
Augen, die müde zu ihm aussahen. 
Du darfst hier nicht schlafen. Lieb," flüsterte er. „Es 
sind nur wenige Damen, Lady Merehavens Freundinnen, 
noch da, und sie halten sich hier im benachbarten Rdkoko- 
Salon auf. In jedem Augenblick kann jemand hier vor 
überkommen und Dich sehen." 
Jessie hatte sich schnell ermuntert und erhob sich. 
„Du gehörst jedenfalls auch zu den Freunden des Hauses, 
Ronald, da Du noch hier.bist," sagte.sie.. .Ich freue mich 
in verzweifelter Gleichmäßigkeit stets von starken Niederschlägen 
spricht, sind über die Menschheit langsam,' aber doch sicher die ge 
fürchteten Hundstage erbarmungslos hereingebrochen. 
Ein Blick in die Presse beweist das zur Genüge. Der „Im 
Tode sprechende Ulan", die „Eisenbahnschienen aus Papiermache, 
die Blinddarmoperation im Luftschiff, die Kreuzung zwischen Hund 
und Hahn, und all die andern stetig wiederkehrenden und stets von 
„vielen Leuten beglaubigten" Nachrichten spuken schon seit einigen 
Tagen im Blätterwalde. 
Nur in der Berliner Presse scheint cs keine Hundstagc zu geben 
und vor allen Dingen nickn in der Berliner Montagspresse, 
die sich jede Woche wie toll gebärdet, die jede Woche die sozialen 
Fragen lösen will und die mit innigem Behagen allwöchentlich 
im Sumpfe der Großstadt schmatzend herumwühlt. 
In Berlin erscheinen bekanntlich' ein paar Wochenzeiwngen, 
die den Titel „Skandalprcsse" sogar mit heftigem Männerstolz für 
sich in Anspruch nehmen. In diesem kleinen, aber völlig be 
deutungslosen Sumpfe, gärt und kocht, sprudelt und quirlt cs all 
wöchentlich, daß die Dämpfe bis zum blauen Himmel steigen. 
Man muß sich wundern, daß es immer noch Leute gibt, die 
das eigentümliche Spiel mitmachen; die einesteils Geld hergeben 
für die Aufrechterhaltung dieser Verlagserscheinungen und die 
andererseits gutgläubig genug sind, die mit grellen Ueberschriften 
dort aufgebauschten Nichtigkeiten überhaupt nur zu lesen. 
Wahllos greife ich ans den Artikeln, die diese Presse iit dieser 
Woche brachte, die nachstehenden Ueberschriften heraus: 
Wildgcwordene Mütter 
Der rutschende Demokrat 
Herr Vahlsen ein Ehrenmann 
Großmäulige Kneifer 
Ehrnesenliebe 
Proleten 
Ein Schiebergenic. 
Ganz zn schweigen von den vielen Artikeln, die sich mit der 
Berliner Prostitution beschäftigen, in der diese Art von Presst die 
meisten Anregungen empfängt und die für sie der kastatische Quell 
bedeutet. 
Was in Berlin gescheitert ist, was sich zurückgesetzt oder in 
seinen Rechten gekränkt glaubt, notorische Querulanten, Apostaten 
und auf parteipolitischen! Boden Gestrauchelte, all diese Mannen 
treffen sich als Mitarbeiter dieser Montagspresse in wechselvollein 
Neigen wieder. 
Und so wird es auch nicht lange dauern, bis der Name Fritz 
Friedmann unter irgend einem Artikel in diesen Zeitungen prangt. 
Dr. Fritz Friedmann ist Ȋintich von den Ufern der Seine in das 
verzeihende Berlin zurückgekehrt und hat — ausgerechnet in der 
Motzstraße, — sein Quartier aufgeschlagen. 
Ter Name Friedman» klingt wie ein Märchen aus rauschenden, 
vergangenen und vergessenen Tagen. Damals, vor 10, 1b Jahren, 
war Tr. Fritz Fricdmann auf der Höhe seines Ruhmes angelangt. 
Er ivar der beste, schlagfertigste und intelligenteste Verteidiger 
Berlins, und diesen Ruhm koi!nte ihm selbst der ivcit ältere und 
vielleicht sachlichere Scllo nicht streitig machen. Wenn es galt, 
einen bedenklichen Zeugen zur Strecke zn bringen, für politische 
Maßnahmen Stimmung zu machen, den Staatsanwalt imd den 
Gerichtshof durch schneidiges Auftreten und unglaubliche Ueber- 
raschuogen zu verblüffen, dann war Friedmann der Sensationsjurist 
ersten Ranges, der.jeder forensischen Gefahr gewachsen war. Mochte 
der Staatsanwalt'noch so geivandt sein, Friedmann griff als ge 
wandter Matador den Stier bei den Hörnern und seiner glänzenden, 
mit Sentenzen und Epigrammen gespickten Dialektik gelang es, 
sogar einen Raubmord als unschuldiges Pfänderspiel hinzustellen. 
Das war Fritz Friedmaiin. 
Kein Wunder, daß cs keinen fetten Prozeß gab, den er nicht 
führte; kein Wunder, daß er im Jahre Hunderttausend«! verdiente; 
kein Wunder, daß dem kleinen, beweglichen Mann das Glück zu 
Kopfe stieg. Er wurde durch das Spiel und durch die Frauen 
ruiniert und mußte die Anwaltsrobe qrrsziehcn. Er rächte sich an 
dem deutschen Anwaltsstand für diesen Herben, aber gerechten Spruch 
dadurch, daß er sich drei Monate auf deutschen Varietes herum 
trieb und zwischen boxenden Känguruhs und sehr alten, aber sehr 
neckisch tarnenden Dämchen „Eonsehenxen" über hie edIg.Jnxjsterei 
abhielt. Aber das Geschmacklose seines Beginnens hat er doch 
bald selbst eingesehen. Er hat seine^kßitigkeit als Varietokünstler 
aufgegeben und ist in Paris bis jetzt seinem früheren Berufe als 
Sachverwalter des Rechts nachgegangen. Jetzt aber trieb ihn die 
alte Sehnsucht in die Stadt des SchipNtdets, in das Zentrum der 
unbegrenzten Möglichkeiten. 
Er summt zur rechten Zeit! Es spielen viele Prozesse, in 
denen sich seine Wesenheit mit sicherciü Instinkt zurechtfinden würde. 
Aber leider sind seinem Talent.Zügel angelegt; leider darf er die 
Ehrenrobc eines deutschen Anwalts nicht inchr tragen. 
Ter Millionenschwindler Koghen kämpft mit allen 
Mitteln um seinen ramponierten Ruf. -Es ließen sich Hunderte von 
Stimmungsbildern ans diesem widerwärtigen Schauspiel schreiben. 
Daß er seine Zigarettcngeschäste in Berlin von einem russischen 
Popen einweihen ließ, daß er den Schauspieler Giampietro 
für einen Tag gemietet hatte, der in dem Zigarcttengeschäft 
in der Friedrichstraße sich aushalten und den Kunden alberne 
Späßchen auftischen mußte, daß er das ganze Metropol-Theater an 
einem Abend für 6200 Mark für seine Kunden gemietet und nie 
bezahlt hat, das; er hinterher für die Schauspicterinnen und Schau 
spieler des gleichen Theaters einen Seklabcnd in seiner Wohnung 
gab, bei dem das kalte Buffet allein über 900 Mark kostete, die 
natürlich nie bezahlt wurden, daß er diesen ganzen riesenhaften 
Schwindel mit 2500 Zigaretten eröffnete, die ebenfalls noch nicht 
bezahlt sind, daß er diesen Zigarrcttcn russische Namen verlieh, 
obwohl sie ein gutgläubiger Fabrikant aus der Ritterstraßc ihm 
gepumpt hatte; daß er zwei Witwen stls Geschäftsinhaberinnen 
aufnahm, die eine um 400 000, die andere um das Doppelte kränkte, 
das alles ließe sich in köstlichen Episoden schildern. 
Nun aber rollt dieser echt-berliner Schwindclsilm weiter und 
eine bittere, herbe, zu Herzen gehende Bilüerserie steigt auf. Als 
Zeugin wird in den Saal geführt die 32jährige Frau des Gauners. 
Sic ist vollständig erblindet. Nachdem sie Kenntnis genommen 
dessen. — Aber ist irgend etwas geschehen, oder habe tch 
Dir unwissentlich etwas getan? — Du blickst so trübe." 
„Nein — du hast mir nichts getan!" lautete die ernste 
Erwiderung. „Aber ich leide mit jeder Minute mehr unter 
der Rolle, die Tu hier spielst, leide bäumtet, gerade weil Lady 
Merchavcn meine Freundin ist. Wenn ich mir vorstelle, was 
sie sagen würde, wenn sie " 
„Tu darfst mich desivegen nicht tadöln, Ronald," siel 
ihm Jessie rasch ins Wort. „Tu bist freilich nicht imstande. 
Dich in meine Lage zn versetzen, und noch vor wenigen 
Tagen hätte ich selbst. vielleicht eine Handlung ivie meine 
heutige streng verurteilt. Ich. habe durch eine harte Schule 
gehen müssen, Ronald, che ich lernte, anders zu denken. Heule 
mittag blickte ich der 9tot in ihrer furchtbarsten Gestalt ins 
Antlitz. Ich wußte nicht mehr, wo ich für meine Schwester 
und mich morgen das Essen, hernehmen sollte — wußte 
nicht, auf welche' Weise ich mir meinen Lebensunterhalt ver 
dienen könnte. Eine entlassene- ohne Zeugnis entlassene Mo 
distin — niemand hätte mir eine Stellung gegeben. Tu kennst 
einen derartigen Zustand ilicht aus eigener Erfahrung, und 
Du vermagst Tir nickt vorzustellen, wie furchtbar cs ist, so 
auf die Straße geworfen zu sein. Nciit, Ronald, vor meinem 
eigenen Gewissen vermag ich meine Handlungsweise zu ver 
antworten; und ich bin sicher, daß auch Tn mir desivegen 
nicht zürnen kannst." 
Sie führten die ganze Unterredung im Flüsterton. Ohne 
ihre Stimme zu erheben und 'ohne allen Pathos hatte Jessie 
ihm von ihrer verzweifelten D^ge,-gesprochen; gerade dadurch 
wirkten ihre Worte besonders start ans ihn. Er litt sichtlich 
knrcklbar unter dem, was sie hatte durchmachen müssen. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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