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Periodical volume Nr. 155, 04.07.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Schülerrndcrvereine, Pfadfinder, Wanderer usw. ebenso rar, 
wie Rodler und Schneeschuhlänfer. Nur hier und da, durch 
örtliche Verhältnisse begünstigt, blühte die Turnerei, der 
Schlittschuhsport, das Rollschuhlaufen, das Radfahren, der 
Ballsport und dergleichen mehr. Heute Zählt der Deutsche 
Pfadfinderbund über 50 000 junge Pfadfinder, ohne die 
Pfadfinder des bayerischen Wehrkraftvereins und der 
evangelischen Jngendverbände, sowie der übrigen Vereine. 
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel mehr, daß die 
deutsche Jugend auf dem Marsche ist, die Zukunft unseres 
Volkes zu sichern. Rach dem klassischen Satz: ,Men8 sann 
in copore sano“ wird unsere Jugend auch geistig wider- 
standsfähiger gemacht. Wer unsere Jugend auf der Wander 
schaft, beim Rudern, Ballspielen, Turnen, Rodeln, Schlitt 
schuhlaufen usw. in letzten Zeiten näher beobachtet hat, wird 
eingestehen müssen, daß in ihr ein guter Kern steckt, der 
nur gepflegt zu werden braucht. Wenn auf der vorhandenen 
Grundlage ant Ausdauer und Kraft weitergearbeitet wird, 
ist es mit dem Pessimismus vorbei. Der Prozentsatz der 
Militärtauglichen, der in Berlin auf nur 28. v. H. der Ge 
stellungspflichtigen zurückgegangen ist, wird sich dann sicher 
wieder heben. Auch die Studentenschaft, die jetzt nur 80 
v. H. Taugliche stellt, wird auf die Dauer Nutzen von den 
Bestrebungen auf Kräftigung der Jugend ziehen. Es wird 
nicht nur die Wehrfähigkeit steigen, auch die Volksgesnndheit, 
Volkskraft, die Liebe zum Vaterland, das Zusammengehörig 
keitsgefühl, die Selbstbeherrschung und der Charakter worden 
gefestigt, Pünktlichkeit und Sauberkeit werden gefördert, 
Selbstgefühl und Selbstvertrauen geweckt. Dies sind alles 
Dinge von unendlichem praktischen Wert fürs ganze Leben. 
Deshalb verdienen alle Bestrebungen auf Ertüchtigung der 
deutschen Jugend die wärmste Unterstützung. Sie werden 
die besten Früchte tragen und uns über alle Stürme hinweg 
bringen, die uns noch bevorstehen. Jungdeutschland ist auf 
dem Marsche. 
o Das Ende des Bezirksschornsteinfeger-Pribilegs 
in Neukölln. Seit Jahren führen die Neuköllner Haus 
besitzer einen erbitterten Kampf mit den Bezirksschornstein- 
fcgenncistern. Prozesse aller Art sind geführt worden. Zum 
Teil handelte cs sich um die Ueberschrcituug der Kehrlohn 
laxe seitens der Bezirksschvrnfegcrmeistcr, zum Teil aber 
aber auch um angebliche Uebertrctung der Neuköllner 
Polizciverordnung vom 15. März 1906 seitens der Haus 
besitzer. Durch diese Pvlizeivervrdnuug werden die Haus 
besitzer verpflichtet, nicht nur das Kehren der Schornsteine, 
sondern auch das Reinigen der Feuerzüge „und dergleichen" 
(worunter die Polizei und die Bezirksschornsteinfeger auch 
die Küchenöfen verstanden wissen wollten) ausschließlich den 
Bezirksschornstciufcgern zu übertragen. Die Prozesse vor 
dein Neuköllner Schöffengericht haben zur Freisprechung der 
angeklagten Hausbesitzer einerseits und zur Verurteilung 
wegen lleberschreitung der Kchrlvhntare durch die Bezirks- 
schvrnsteiufcger andererseits geführt. Die Polizeivcrvrduung 
wurde vom Schöffengericht als unzulässig bezeichnet. Um 
ein endgültiges Urteil herbeizuführen, ist auf Betreiben der 
durch Rechtsanwalt Dr. Ostberg-Bcrlin vertretenen Haus 
besitzer die Streitsache bis zur Entscheidung durch das 
Kammergcricht gebracht worden. Das Kammergericht hat 
eine endgültige Entscheidung getroffen in zwei Strafsachen, 
die auf Betreiben der Bezirksschornfcger gegen zwei Neu 
köllner Hauseigentümer wegen Ucbertretung der Polizeiver- 
verordmmg anhängig gemacht worden waren. Durch die 
Entscheidung des Kammergerichts ist die Polizciverordnung 
vom 15. März 1900 über das Kehrwescn in Neukölln für 
null und nichtig erklärt worden. Es gibt also keinen Kchr- 
bezirk Neukölln, und demzufolge gibt es auch für Neukölln 
keinen Bezirksschornsteiufegcrmeister mehr. Die Entscheidung 
des Kammergerichts ist von weittragcnster Wirkung: der 
Kampf mit den Bezirksschornsteinfegcrn ist jetzt beendet, 
denn die Polizeiverorduuug, die den Kchrbezirk Neukölln 
erst schuf, ist durch die Entscheidung des Kammergerichts 
außer Kraft gesetzt. Kein Hauseigentümer in Neukölln ist 
verpflichtet, die Kehrarbeiten, mögen sie einen Namen haben, 
welchen sie wollen, einem Bezirksschornsteinfeger zu über 
tragen! Denn da cs keinen Kehrbczirk Neukölln gibt, 
ist auch die Anstellung des Bezirksschornsteinfegermcister 
seitens der Polizei von Anfang au ungültig ge 
wesen. Bei dem durch die Entscheidung des Kammer- 
gerichts geschaffenen Rechtszustand herrscht nunmehr in 
Neukölln vollkommen freie Konkurrenz. Jeder Hauseigen 
tümer — insoweit er nicht bereits einen schriftlichen Vertrag 
mit einem Bezirksschornsteinfeger geschlossen hat — kann 
hatte von dem Inhalt der Dokumente noch nicht Kenntnis 
nehmen können, Aber sie schrieb, daß sie in ihren Händen 
seien, und sie versprach " 
„Was sie auch immer versprochen haben mag, mein Graf 
— sie dürfte kaum noch in der Lage sei», dies Versprechen 
einlösen. Tenn als sie in ihre Wohnung zurückkehrte, waren 
ihr die Papiere gestohlen. Wir haben es mit ebenbürtigen, wenn 
nicht mit überlegenen Gegnern zu tun, mein bester Graf! — 
Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich geradezu annehmen, 
daß sie mit übernatürlichen Mächten im Bunde stehen müssen. 
Woher um des Himmels willen konnten sie wissen, wo sich 
der König befand? Und wie konnten sie es fertig bringen, 
ihn als einen gesunden und zurechnungsfähige» Mann hierher 
zu schassen, während ich ihn als einen sinnlos Berauschten 
perließ, der sich unmöglich früher als nach Ablauf von zwölf 
Stunden auch nur halbwegs erholt haben konnte? — Und 
dann dieser Meisterstreich, der Gräfin die Papiere iviedcr ab 
zujagen, noch ehe sic Zeit gesunden hat, von ihrem Inhalt 
Kenntnis zu nehmen!" 
„Aber sind Sie denn auch wirklich ganz sicher, daß sie 
ihr gestohlen worden sind?" 
„Ganz sicher! — Obwohl ich es nicht ans ihrem eigenen 
Munde habe. Aber ich hörte die Botschaft, mit der ihre 
Kammcrjungfcr hierher kam, die Botschaft von einem eben 
verübten Einbruchsdiebstahl, bei dem nichts als eine Anzahl 
von Papieren entwendet worden sei. Ich sah das Entsetzen 
ans dem Antlitz der Gräfin und die ivahnsinnigc Hast, in 
der sic die Geiclljchaft verließ. Das alles sprach deutlich 
'genug. Und ich gestehe, daß mich nach diesem nichts mehr 
überraschen würde, ivas ich vom Gegenspiel unserer Feinde höre. 
Sie haben uns für den Augenblick auf der ganzen Linie ge 
schlagen. Und wir iverden unseren ganzen Scharfsinn auf 
bieten müssen, um ihnen den Sieg iviedcr streitig gn machen." 
von jetzt ab die Reinigung seiner Schornsteine „und dcr- 
glcichcit" jedem freien Schornstcinfegermeistcr übertragen, 
ohne Gefahr zu lausen, mit Strafmandaten bedacht zu 
werden, wie dies in letzter Zeit leider an der Tages 
ordnung war. 
o Die Linde blüht. Lieblich süßen Duft strömen jetzt 
die zahllosen Blüten der prächtig gerundeten Baumkronen un§ 
entgegen, sei es, daß wir die schnurgeraden Linien entlang 
promenieren oder in ivohlgepflegten Parks umherstreifen. 
Schon seit altersgrauer Zeit war die Linde ein beliebter und 
„wichtiger" Baum. Wie man die Eiche preist als die Ver 
körperung der deutschen Kraft und fester, unbeug 
samer Sinnesart, so ist die Linde ein Bild deutscher Ge- 
mütsticfe uitd Innigkeit. Die alten Germanen versammelten 
sich unter der Gcrichtslinde, um den Spruch des Rechts 
entgegenzunehmen. Dagegen fand sich in trauter Dämmer 
stunde unter der Dorflinde, die meist auf dem Platze vor 
der Kirche stand, die jugendliche Schar zusammen, um sich 
beim Klange der Fiedel im lustigen Tanze zu drehn. Unter 
der Linde vor des Hauses Tür aber saß nach des Tages 
Mühe der Greis, um seinem Sohne und Enkelsohne von 
längst vergangener Zeit Kunde zu geben. Des Hauses 
Trauer- und Freudentagc schnitt man in die Rinde des 
Lindenstammes, damit er dieselben den kommenden Ge 
schlechtern > überliefere zu spätem Gedenken. Und wie die 
Linde eng verwachsen war mit dem Staats-, Gemeinde- 
und Familienleben unserer Vorfahren, so wurzelt das Zu- 
gehörigkeitsgefühl zu ihr noch heute im Herzen unseres 
Volkes, das ihr ein wohl unverwüstliches Denkmal gesetzt 
hat in dem herrlichen, immer aufs neue vielgesungenen 
Lied: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Linden 
baum . . ." 
o In dem Konkursverfahren über das Vermögen 
des Kaufmanns Gustav Feldmann zu Berlin-Friedenau, 
Varziner Str. 2, ist eine Gläubigerversammlung auf den 
8. Juli 1913, nachmittags 1 Uhr, anberaumt. Beschluß 
fassung über Fortführung eines Prozesses mit der Firma 
Zech, Dupont u. Co. in Hoboken. Der auf den 15. Juli 
1913, Mittags 12 Uhr, bestimmte Termin ist aufgehoben. 
v Mänuer-Turnverein. Die 2. Knabenabteilung 
machte vergangenen Sonnabend und Sonntag ihre 6. dies 
jährige Turnfahrt, die (durch die 3 Kreise Zauch-Belzig, 
Jiiterbogk-Luckenwalde und Teltow hindurch) von Michen 
dorf über Seddin, Kähnsdorf, Stücken, Blankensee und 
Glau nach Trebbin führte. Ter Turnwart berichtet darüber 
folgendes: Am Sonnabend ging es nur bis Kähnsdorf. 
Zwischen dem großen und kleinen Seddiner See eingebettet, 
mit sanften Hügeln im Hintergrund, lag der Sri, ein 
reizendes Stückchen Mark, in der Abendsonne da und lackte 
zum Bleiben. Es wurde Nachtquartier gesucht und schon 
die zweite Tür, an die wir klopften, wurde uns gast 
freundlich aufgetan: Die Frau des Dorfschulzen wies uns 
die Bel-Etage eines Stallgcbäudes, dessen Parterre 24 Kühe 
und mehrere Schweine bewohnten, zum Nachtlager an. Im 
Obstgarten hinter dem Hofe flogen nun die Rucksäcke vom 
Buckel, cs wurde gevespert und dann blieben den Jungens 
noch 2 Stunden Zeit zu allerhand Kurzivcil auf und im 
Wasser, zur Besichtigung der Ställe und zu Strcifzügen 
durch das Dorf und seine Umgebung. Im Dorf fanden 
wir als sehenswürdig eine riesige Esche und mehrere Stall- 
gebäude, deren erste Stockiverkc hübsche Galerien mit Rund 
bogen ausweisen. Um 9 Uhr war Znpfeilstreich, es wurden 
noch einige Turnlieder gesungen, und dann ging es ins 
Heu zu diesmal ungestörter Nachtruhe, die bis 4 Uhr 
dauerte. Zu dieser Stunde war alles wieder munter. Bald 
dampfte der Kakao in den Kesseln, und um 1 / 2 6 Uhr setzten 
wir die Wanderung fort. Im nächsten Dorf wurde schon 
wieder fürs leibliche Wohl gesorgt, d. h. Jvhaimisbeercu 
zum Schmoren für das Mittagsmahl gekauft, und nach ver 
traulicher Zwiesprache mit einem Adebar ging es Blankensee 
zu. Jetzt fielen die ersten Tropfen, und mit geringen 
Unterbrechungen blieb uns nun den ganzen Tag über der 
Regen treu. Aber der konnte uns nichts anhaben. Wir 
haben auf den Glauer Bergen unser Kriegsspiel abgehalten, 
und iit Glau im Regen abgekocht. Fein hat's geschmeckt, 
das Menu war für Turnerjungens allerdings auch fast zu 
opulent: Heroüohneu (in Tomatentunke mit feinen Kräutern 
und Flcischertrakt), geschmorte Johannisbeeren und zum 
Schluß Kaffee. Da mag wohl mancher Junge das Vater 
unser mit der Variation gebetet haben: Unser heutiges Brot 
gib uns täglich! Von Glau aus ging dann der Marsch 
ohne weitere Pause bis zum Endpunkt Trebbin, und um 
Graf Gleiksietn ivollte etivas erivivern, aber er ram 
nicht mehr dazu, denn in diesem Augenblick gesellte sich 
Lcchmere zu ihnen. Sein farbloses Gesicht war ganz Liebens- 
ivlirdigkcil und Süßigkeit, als er mit einem seinen Lächeln 
sagte: 
„Was für eine Verschwörung wird denn hier zwischen 
zwei allen Freunden angezettelt?" 
Auch der Geschäftsträger zwang sich zu einer unbefangen 
verbindlichen Miene. 
„Da ist von keiner Verschwörung die Siebe — wenigstens 
nicht, soweit es sich um diplomatische Angelegenheiten handelt. 
— Aber woher, mein bester Lechniere, wissen Sie, daß Sie zwei 
alte Freunde vor sich haben?" 
Meine Augen und mein gutes Gedächtnis, Herr Graf! 
Denken Sie an den 15. November des Jahres 1897! — Es 
war im Hotel St. Petersburg zu Moskau, wo in einem sepa 
raten Zimmer drei Herren spielier». — 'Außer ihnen gab es da 
nur noch einen einäugigen Ausivärtcr, an den Sic sich vielleicht 
entsinnen werden. — Oder haben Sie den Vorgang vergessen? 
Nun, auch das hätte ja weiter keine Bedeutung. Toch ich 
will die Herrschaften jedenfalls nicht länger stören." 
Er zog sich zurück, mit demselben süßen Lächeln, mit 
dem er eben, wie aus der Erde gewachsen, neben ihnen 
aufgetaucht war. 
Mazarofs aber murmelte bestürzt: 
„Was kann er meinen? — Was, um des Himmels 
willen, kann dieser verteufelte Bursche wissen?" 
24. Kapitel. 
Gleikstcin blickte indigniert wie sein Gefährte. Tie Er 
innerung, die Lcchmere da geweckt hatte, schien nicht sonderlich 
erfreuliche Gedanken in ihnen hervorzurufen. 
Ter Gras wurde iu diesem Augenblick angeredet; Mazaross 
5 Uhr begann die Heimfahrt. An der Turnfahrt hatten 28 
Jungen und 3 erwachsene Turner teilgenommen; die nahen 
Ferien werden die Ursache der im Verhältnis zu früheren 
Ausflügen geringen Beteiligung gewesen sein. 
o Das Viosontheatcr in der Rheinstraße 14 bringt 
von heute ab wieder eine ganze Serie interessanter lebender 
Bilder zur Vorführung. Ein ergreifender Film ist der 
Zweiakter „Frauenleid", in dem Herr Fuchs vom Lessing- 
Theater den Fabrikanten Jordan, sein Kollege Herr Ziemer 
den Kompagnon, Herr Necb von: Lustspielhans den Ingenieur 
Bergmann und Frau Julie Boummecstcr die Frau 
Bergmanns spielt. Ein spannendes Schauspiel in 2 Akten 
ist „Der verloren geklaubte Sohn." Dramatisch großartig in 
der Konzeption und künstlerisch abgerundet in der vortreff 
lichen Darstellung. Tripolis II. Teil ist eine schöne Natur 
aufnahme dieses interessanten Landes. Adolar in falschem 
Verdacht und Willy will eine Trommel haben, sind nette 
Komödien. Reich an Abwechslung ist die Vilderfolge des 
Pathö-Jonrnals mit Darstellungen aus Vorgängen der 
jüngsten Zeit aus aller Herren Länder. Anfang 6 Uhr, 
Sonntags 4 Uhr. Vorstellung bis 11 Uhr ohne Unter 
brechung. Vorzügliche musikalische Illustration der Bilder 
durch die beliebte Hauskapelle des Biosontheaters. 
v Asta Nielsen und Karl Klewing werden als 
Hauptdarsteller in dein unvergleichlichen Drama aus dem 
Spreewaid „Der fremde Vogel", das vom 5.—8. Juli in 
den „Hvhcnzollern-Lichtspielen" gezeigt wird, auftreten. Die 
Namen beider Darsteller bürgen dafür, daß den Besuchern 
unserer vornehmsten Lichtbildbühne wieder einmal Hervor 
ragendes geboten wird. Ein fesselndes Lebensbild in zwei 
Akten ist der Film „Das letzte Glück". „Wahre Liebe" be 
titelt sich ein herziges Drama. Aber auch die anderen 
Bilder werden das Publikum erfreuen. Wir machen ferner 
noch ans die vorzügliche Künstlerkapekle aufmerksam. Die 
Vorstellungen in dem großen gut ventilierten Saal beginnen 
Wochentags 6 Uhr, Sonntags 4 Uhr; bei warmer Witterung 
finden die Vorstellungen im schönen Natnrgarten statt. Bei 
irgend welchen Wünschen wende man sich an den technischen 
Leiter Herrn Direktor H. Sollten, der jeder an ihn gestellten 
Bitte nach Möglichkeit Folge geben wird. ^ 
o Eine empörende Tierquälerei ist vor einigen Tagen 
auf dem Pichelswerder verübt worden. Um ungefähr 
1 Uhr 30 Minuten fand sich auf der Ostscite eine Kino- 
Gesellschaft ein. Es wurde eine Gänseherde den Abhang 
hinuntergetricben, und ein Automobil mußte in diese hinein 
fahren und einige Tiere zur Strecke bringen. Es wurden 
von dieser Szene etwa drei Aufnahmen gemacht. Nachher 
sah man auf der Straße eine Menge Federn umherliegen. 
Augenzeugen äußerten ihre Empörung über die unerhörte 
Tierquälerei, haben aber leider verabsäumt, den Namen der 
Gesellschaft festzustellen. Der „Tierschutzvcrein für Wilmers 
dorf und Umgegend" ist bemüht, die Namen der Tier 
quäler festzustellen und bittet alle, die Angaben zwecks Fest 
stellung der genannten Gesellschaft machen können, solche zu 
richten an Herrn Gendarmerie - Wachtmeister Karalus, 
Spandau, Pichelsöorfer Strasse" 48, oder an den Vorsitzenden 
des Vereins, Baron von der Osten-Sacken, Detmolderstr. 00. 
Die.Witwe mit der hübschen Tochter. Die Schöne 
berger Kriminalpolizei konnte gestern eine Gaunerin fest 
nehmen, die mit folgendem Trick arbeitete: Sic suchte stets 
in eleganter Trauerkleidiing Haltestellen der Straßen- und 
Untergrundbahn, Postämter usw. als Schauplatz ihrer Tätig 
keit aus. Dort näherte sie fidj -gut gekleideten Herren und 
fing plötzlich mit fieberhafter Eile an ihre Handtasche zu 
durchsuchen. Plötzlich rief sie dann ans: „Na das ist aber 
stark, da hat man mir mein Portemonnaie gestohlen!" Ohne 
weiteres erzählte sie den Umstehenden, daß sie soeben in 
einem Geschäft ein Paar Stiefel gekauft habe, und daß sic 
dabei ihr Portemonnaie verloren habe oder daß cs ihr ge 
stohlen sei. Im Laufe der Unterhaltung ließ sie dann ein 
stießen, daß sie Wittwe sei, in sehr günstigen Vermögens- 
Verhältnissen lebe und in Charlottenburg eine scchszimmerige 
Wohnung besitze. Sie habe auch eine 18 jährige, sehr 
hübsche Tochter, die Musik studiere, die ihr aber einiger 
maßen Sorgen bereite, da sie gerne Herrenbckanntschaften 
mache. Schließlich bar die Schwindlerin um ein Darlehu 
von 10 bis 15 Mark, da sie noch Einkäufe machen müsse. 
Sie bot ihren Helfern stets das Paket mit den angeblich 
neugekauften 18-Mark-Stiefeln, an, das in Wirklichkeit ein 
Paar alte Hausschuhe enthielt. Zum Schluß ließ sie dann 
stets einstießen, ihr edelmütiger Helfer könne ja gleich nach 
Charlottenburg fahren, wo ihre Tochter dem „gegen die 
ging in den Garten hinaus. Er -befand sich in einer pein 
lichen Situation. Nicht uyr, daß sein Spiel gescheitert war, 
schien man auch zu wissen, welchen Anteil er an allcpi 
gehabt hatte. Tie Sache machte schon den Eindruck xjyes 
öffentlichen Geheimnisses, und doch waren die Vorbereitungen 
so vorsichtig, so unauffällig getroffen worden, daß niemand 
etwas davon hatte bemerken können. 
_ Prinz Boris Mazaroff ivar ein russischer Agent, dessen 
Aufgabe es war, die Abdankung des Königs von Astoricn 
herbeizuführen. Er war mit hohen Summen an der Sache 
interessiert, und ein Fehlschlagen seiner Pläne bedeutete für 
ihn den Verlust eines Vermögens. In dem Augenblick, da 
König Erna abdankte und die Königin die Siegierung allein 
übernahm, _ würde bei der gegenwärtigen Stimmung in 
Astoricn die Sicvoliuion ansbrechen. Rußland hatte dann 
einen Vorwand, seine Truppen dorthin zu senden, nur den 
Frieden ausrecht zu erhalten. ' Sicherlich würde irgend ein 
Schciiilönig eingesetzt werden; in Wirklichkeit aber iväre 
Astoricn nichts anderes mehr als eine russische Provinz. 
Still Morgen dieses Tages schien den russischen Ver 
bündeten das Glück zu lächeln. Es gelang, den König in den 
Spielsalon zu locken — die Gräfin Saens erhielt die Papiere 
— der Anschlag war dem Gelingen nahe. 
Und nun! — Ter König hier, die Toknmcntc ge 
stohlen — die Pläne Mazarosfs offenbar aufgedeckt — cs 
war zum Verzweifeln! Plan mußte sicherlich noch einmal 
da ansangen, wo man vor Wochen gewesen war; diesmal 
aber sollte cs seinen Feinden nicht gelingen, den König zu 
retten. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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