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Periodical volume Nr. 153, 02.07.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

eine unter Anwendung neuer Mittel hergestellte Wolfram- 
Drahtlampe auf den Markt bringt, die unter Beibehaltung 
aller sonstigen Vorzüge dieser Lampe einen Energieverbrauch 
von nur 0,5 Watt für die Kerze hat, gegen 0,8—1 Watt 
bisherigen Verbrauchs, Das Licht der Lampe ist strahlend 
weiß. Zunächst werden die Lampen nur für hohe Ächt- 
stärken hergestellt werden und zwar hofft die A. E. G. zum 
Beginn der kommenden Lichtsaison Lampen von 1000 bis 
6000 Kerzen für normale Spannungen herauszubringen. 
Wenn die Lampen erst für eine Lichtstärke von 50 Kerzen 
hergestellt werden, so stellen sich die Kosten einer Brenn 
stunde solcher 50 kerzigen A. E. G. Metalldrahtlatnpe auf 
rund Pfennig, gegenüber einer jetzigen 50 kerzigen Metalk- 
drahtlampe deren Brennkosten pro Stunde auf rund 1,8 
Pfennig bei einem Strompreis von 35 Pfennige pro Kilo 
wattstunde sich stellen. 
o Klaffenlotterie. Die Ziehung der 1. Klasse der 3. 
Preuß.-Süddeutschen Klassenlotterie wird am 0. Juli d. Js. 
ihren Anfang nehmen. 
o Konkurseröffnung. Ueber das Vermögen der Frau 
Marie Huster, alleinige Inhaberin der Firma Philipp Huster, 
Fabrikation von Waffen und Metallwaren, Stierstraße 16, 
ist am 38. Juni 1913, Vormittags 11 Uhr, das Konkurs 
verfahren eröffnet, da Zahlungsunfähigkeit besteht. Der 
Kaufmann Ernst Zuther, Berlin W 30, Barbarossastr. 42, 
wird zum Konkursverwalter ernannt. Konkursforderungen 
sind bis zum 22. Juli 1913 bei dem Gericht anzumelden. 
o Mehrere Herren des Reichsmarineamts besuchten 
am letzten Sonnabend die „Hohenzollern-Lichtspiele", Hand- 
jerystr. 64, um sich dort einen Film: „Aufstieg von Wasser 
flugzeugen", vorführen zu lassen. 
o 1. Knabenabteilnng des Männer-Tnrnvereins. 
Während der Ferien fällt das Turnen in der Turnhalle 
aus dafür ist an jedem Wochentage von 5'/z—8 Uhr mit 
Ausnahme des Dienstags Spielen und volkstümliches 
Turnen auf dem Turn- und Spielplatz am Maybachplatz. 
An den Spielen können auch Schüler teilnehmen, welche 
der 1. Knabenabteilung nicht angehören. Jeden Dienstag 
Baden und Schwimpien im Stadtbad Steglitz. 
o Die Hoyeitzollern-Lichtshicle erfreuen sich dauernd 
eines großen Zuspruchs seitens des Friedenauer Publikums. 
Die Programme sind ja auch tadellos gewählt, sodaß die 
Besucher immer auf ihre Kosten kommen.' Bon heute ab 
wird das ergreifende Drama „Der letzte Gang" gezeigt. 
Es spielt in der italienischen Finanzwelt und ist wunderbar 
koloriert. „Das Rätsel der Bärenschlacht" ist ein Drama 
in 2 Akten nach dem berühmten Roman von Georges 
Ohnet. Eine hübsche Komödie ist „Mar auf Brautschau", 
gespielt von Max Linder, dem Tausendsassa der Kinoknnst. 
Auch die übrigen Bilder werden das Entzücken der Zu 
schauer finden. Wir empfehlen daher wiederholt die Hohen- 
Lichtspiele, dieses vornehmste Friedenauer Lichtspieltheater. 
o Im „Park-Restaurant Südende" mit seinem herr 
lichen, am Wasser, gelegenen Naturpark, findet jeden Sonn 
tag und Donnerstag großes Militär-Konzert statt. Jeden 
Dienstaff sind dort die „Leipziger Sänger", jeden Mittwoch 
ist Kaffee-Frei-Konzert. Das Park-Restaurant Siidende ist 
von Friedenau mrs bequem zu erreichen durch die elek 
trische Bahn vom Wannseebahnhof Steglitz. Der neue In 
haber des Restaurants, Herr F. Eschstruth, wird bemüht 
sein, seine Gäste durch Lieferung guter Speisen und Ge 
tränke jederzeit zufrieden zu stellen. (Siehe Anzeige.) 
o Aus Furcht vor dem Examen ist seit einiger Zeit 
der sind. phil. Gerhard Holz, der Sohn eines Pfarrers, 
aus dem Hause Varziner Str. 3 verschwunden. Der junge 
Mann, der im Juni seine Oberlehrerprüfung machen sollte, 
war in letzter Zeit sehr nervös und äußerte Selbstmord 
gedanken, da er das Examen nicht bestehen zu können 
glaubte. Der Verschwundene ist 1,70 Meter groß, hat 
braune Augen, rotblondes Haar und einen kleinen Schnurr 
bart. Zweckdienliche Nachrichten nimmt das Schöneberger 
Polizeipräsidium, Zimmer Nr. 24, und jedes Polizeibüro 
entgegen. 
o Ein frecher Eiubrnchsdiebstahl ist in einer der 
letzten Nächte bei dem Gastwirt St., Ecke der Martin- 
Luther-Straße und Meininger Straße, verübt worden. Die 
St.'schcn Eheleute hatten sich gegen 1 Uhr in ihrem nach 
dein Hof zu gelegenen Schlafzimmer zur Ruhe begeben und 
das Fenster des Parterrezimmers geöffnet. Die von der 
nicht Fräulein Galloway über verschiedene Dinge befragen 
könnte. Er gab mir einen Brief an die Direktion des Charing 
Croß Hospitals, der mir sicherlich Zutritt zu der Verwundeten 
verschaffen ivird. Es ist ein Wagnis, das ich unternommen, 
doch es mußte versucht werden. Ich habe Vorbereitungen für 
meine Rückkehr in das Haus des Lords getroffen, und 
ah, deni Himmel sei Dank, sie haben sie abgewiesen! — 
Kommen Sie werter in den Schatten hier, Herr Maxwell, 
damit sie uns nicht sieht." 
Ter kleine Mann drinnen in der Halle hatte dem Portier 
ein Zeichen gegeben, die Tür zu öffnen. Die Gräfin Seiend 
mußte wohl einsehen, daß iveitcres Drängen nutzlos sei; 
denn mit einem kurzen, kühlen Nicken ging sie hinaus. 
Jessie hatte Maxwell weiter von dem Portal zurück 
gezogen und flüsterte ihin rasch zu: 
„Ich bitte Sie — gehen Sie jetzt! — Es wäre alles 
verloren, wenn uns die Gräfin hier erblickte. Ich muß 
ohnedies nunmehr hinein. — Gehen Sie — gehen Sie schnell! 
Sie muß sogleich ans die Straße hinaustreten. 
Ebenso hastig und leise gab Maxwell zurück: 
„Ich muß Sie noch in dieser Nacht sprechen! — Sie 
müssen mir mitteilen, >vas Vera Ihnen gesagt, ivenn mich die 
Ungewißheit nicht töten soll. Ich werde in einer Stunde in 
dem Garten beim Hanse des Lords sein — wollen Sie mich 
da erwarten? — Ich flehe Sie an — sagen Sie nicht „ein!" 
„Wenn es irgend möglich ist, werde ich dmt sein," 
antwortete Jessie. „Doch nun — wenn Sie Vera lieben, so 
entfernen Sie sich so schnell als möglich! Frauen wie die 
Gräfin Saens pflegen scharfe Augen zu haben, und Sie 
werden nicht alles, was ich erreicht,, durch eine Leichtfertigkeit 
aufs Spiel setzen wollen." 
Der andere entfernte sich nun wirklich mit eiligen Schritten, 
und Vera zog sich hinter einen Pfeiler zurück — keinen Augen 
blick zu friih, denn im nächsten Moment trat die Gräfin Sneys 
auf die Straße hinaus. 
Der Diener riß den Wagenschlag ans, und sie stieg ein, 
ohne nach rechts oder links.Lu blicken.. Tie prachtvMn.Pferde 
Arbeit ermüdeten Gatten schliefen bald ein und bemerkten 
nicht, daß mehrere Männer durch das Fenster ihr Gemach 
betraten. Die Diebe, die sich einer Blendlaterne bedient 
haben müssen, revidierten zunächst die Kleidungsstücke, die 
auf Stühlen neben den Betten lagen.' Sie stahlen die 
Portemonnaies imd Uhren des Ehepaares, packten wertvolle 
Wäsche und Garderobenstücke zusammen und begaben sich 
dann nach dem Billardzimmer, wo sie die Elfenbeinbälle 
mitnahmen. Dann statteten die Diebe dem Restaurations 
saal einen ausgiebigen Besuch ab, räumten die Ladenkasse 
aus und begannen dann zu tafeln. Sie aßen und tranken 
nach Herzenslust, rauchten teure Zigarren und Zigaretten 
und stahlen die übrigen Lebensmittel, die sich auf dem 
Buffet und im Keller befanden. Dann nahmen sie den 
Türschlüssel, der in dem Beinkleid des Restaurateurs gesteckt 
hatte, schloffen die Tür des Restaurants damit auf und 
entkamen unbemerkt. Der Schaden, den der Gastwirt durch 
den frechen Diebstahl erleidet, ist ein beträchtlicher. 
o Feuer. Im Hause Lefövrestr. 26 war gestern Abend 
gegen 10 Uhr in einer Mädchenkammer durch Unvorsichtig 
keit des Dienstmädchens Feuer ausgekommen. Es ver 
brannten mehrere Sachen. Unsere Wehr, die unter Führung 
des Herrn Oberbrandmeisters Stoltzenburg bald zur Stelle 
war, konnte das Feuer mit der'Zimmerspritze schnell löschen. 
Vermischtes 
*ü Der Stadtrat von Paris hat, um in seiner Weise für die 
Vermehrung der Bevölkerung Sorge zu tragen, den Beschluß gefaßt, 
in den Arbeiterwohnhäuseru, die städtisches Eigentum sind, die 
Mietpreise sozusagen im umgekehrten Verhältnis zur Zabl der 
Kinder des Wohnungsinhabcrs festzusetzen. Während der Mieter, 
der ein bis drei Kinder hat, für 4 Zimmer 400 Frank, für drei 
Zimmer 333 Frank und für 2 Zimmer 233 Frank zahlen muß, 
brauchen Mieter, die mehr als drei Kinder haben, für 4 Zimmer 
300 Frank und für 3 Zimmer nur 250 Frank zu zahlen. Man 
ging bei der Festsetzung dieser Mietspretse von der Erwägung aus, 
daß, da ein Arbeiter lücht allein, das heißt durch seiner Hände 
Arbeit alle Unterhaltungskosten für drei oder mehr Kinder unter 
15 Jahren aufbringen kann, die Gesamtheit für ihn eintreten muß, 
um ihm wenigstens das Mictezahlcn zu erleichtern, um so mehr, 
als ärmere Familienväter aus Sparsamkeitsgründen jetzt ihre 
Kinder in engen und ungesunden Räumen unterzubringen genötigt 
sind, zum großen Schaden der Moral und der Hygiene, wo dieser 
Schaden im letzten Grunde finanziell doch ivieder auf die Gesamt 
heit abgewälzt wird. Nach Berechnungen über die Löhne im Ver 
hältnis zu den Mindcstausgaben einer Arbeiterfamilie ist man für 
Paris zu dem Schlüsse gelangt, daß die einer Arbeiterfamilie zu 
gewährende Unterstützung 25 bis 30 Prozent der Löhne betragen 
müßte, je nachdem die Familie drei bis mehr als sieben Kinder 
unter 15 Jahre hat. Der italienische Stalistiker Schiavi, der sich 
mit diesem Gegenstand beschäftigt, teilt mit, daß auch die Gesell 
schaft für den Bau von Arbeiterwohnhänscrn in Mailand die 
Absicht hat, die Mieten in drei von ihr erbauten Häusern für die 
Familien, die Kinder unter 15 Jahren haben, herabzusetzen: die 
Preisherabsetzung beträgt 10 bis 30 Prozent, je nach dem mindestens 
vier oder mehr als acht Kinder vorhanden sind. Im günstigsten 
Falle zahlt der Mieter die Miete für zwei Zimmer, während er 
drei bewohnt. 
Der böse Kino! 
Skizze von Johanna Zunk (Friedenau). 
(Nachdr. vcrb.) 
Hoch an der felsigen Küste Bornholms war es. Die 
Sonne hatte an Glut und Brand so reich gegeben, daß die 
Menschen im Tal seufzen unter ihrem Segen. Ein ganz 
kleines, primitives Bad, eigentlich nur ein Streifchen leuch 
tenden, schneeigen, -feinen Sandes, umsäumt von steilen 
Klippen, hatte Erholungssuchcnde hier hergezogen. Weit 
und breit tiefe Einsamkeit, stundenlanger alter Wald. Nur 
oben, wo hochstämmige Kiefern ihren harzigen Duft aus 
strömten, leuchtete grellrot ein bescheidenes Häuschen. Auf 
steinerner Grundmauer, mit weißem Dache und blinkenden 
Fensterchen, sah es über Küste und Meer. In großen, 
schwarzen Buchstaben grüßten die Worte: „Et delight 
Udsigt" d>en Vorübergehenden. Es lag mitten auf dem 
Wege, der ein armseliges Fischerdorf mit der Hafenstadt 
verband, und die Dänen mit dem hellen Teint und den 
blonden Bärten, die wöchentlich ihren Fang zweimal hin 
übertrugen, rasteten gern auf dem Heimwege in „Der 
schönen Aussicht". Ein Fischer hatte vor Jahr und Tag 
einmal einen Deutschen am Hafen, der das Dänische gut 
sprach, auf sein Bitten mit in das Dorf genommen. Die 
Neugier, zu schauen, wie es wohl daheim war bei dem 
englischer Zucht zogen an, und rasch rollte daS Gefährt von i 
dannen. Jessie wartete, bis der gleichmäßige Husschlag in 
der Ferne verklang; dann betrat sie das Krankenhaus. 
Ter Portier mochte nicht wenig erstaunt sein, als znm \ 
zweiten Mal in dieser Nacht eine so elegant gekleidete Dame s 
das junge Mädchen sprechen wollte, die doch nach ihren 
eigenen Angaben nur eine Modistin war. Er wollte abermals 
eine höflich ablehnende Antwort geben; Jessie händigte ihm 
jedoch das Schreiben Doktor Varneys ein und beauftragte 
ihn, es einer maßgebenden Persönlichkeit zu überbringen. 
Gleich darauf kam der Mann zurück und bat Jessie, 
ihm zu folgen. Er führte sie über mehrere steinerne Treppen j 
hinauf in ein kleines Wartezimmer und bat sie, Platz zu 
nehmen. 
„Die Kranke, die Sie zu sprechen wünschen, ist noch 
wach, und es wird deshalb weiter keine Schwierigkeiten machen, 
gnädiges Fräulein!" sagte er. „Wir müssen nur die Schwester 
aus dem Krankensaal holen, die dort behilflich ist, einen Kranken 
zu betten." 
Jessie mußte einige Minuten warten, che die Schwester, 
eine ältliche Person mit angenehm gutmütigen Zügen, erschien. 
Sic warf einen prüfenden Blick ans das Gesicht Jessies und 
folgerte ans der großen Achnlichkeik, daß die beiden Damen 
wohl Schwcslern sein müssen. 
Sie lrng deshalb auch kein Vedcnken, Jessie mit Vera 
Galloway allein zu lassen, nachdem sie sie vorher gemahnt, 
die Kranke nicht aufzuregen, lieber Veras Oiesicht war ein 
freudiges Lächeln geglitten, als sie den späten Besuch erkannt, 
und sie streckte Jessie beide Hände entgegen. 
„Wjc gut von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" flüsterte 
sie; das Sprechen koiiele ihr offenbar doch Mühe. „Nun, es 
sieht mit mir nicht gar so schlimm. Ter Schreck war wohl 
das Schlimmste bei ter ganzen Geschichte; der Arzt meint, 
daß ich in drei oder vier Tagen das Bett wieder werde 
verlassen können. — Aber Sie — was haben Sie sicherlich ans- 
slehen müssen! — Sie liebes-, tapferes Mädchen!" 
Sie druckte Jessies Hände herzlich., „Das liebe, .tapsexe 
kräftigen Nordländer, half dem Deutschen den langen Weg 
überwinden. Und dieser eine hatte ein Häuflein nach sich 
gezogen, die alle, angelockt von dem würzig duftenden 
Wald und der ewig schönen Herrlichkeit des Meeres, hier 
fiir Wochen hinaus Erholung suchten. War auch die Kost, 
welche die Fischer den Sommergästen boten, nur einfach 
und derb, so gab sie doch, in guter, dänischer Art zubereitet, 
rote Wangen und Körperfrische. In diesem Sommer, da 
das Meer, wie nie zuvor mit seinen kühlen Wogen lockte, 
war unter der kleinen Schar der Gedanke rege geworden, 
zur Stärkung des Körpers neben der Waldluft noch das 
Meer heranzuziehen, und die Wegstunden nicht zu scheuen, 
die bis zu dem Sandstrand führten, um dort von dem 
weichen, weißen Boden ans ins Meer zu tauchen. Das 
Bad war geschaffen; gab es auch keine Holzhüttchen, welche 
die Garderobe darstellen sollten, so bildeten die grauen 
Klippen, mit dem weit voraus ragenden, zackigen Gestein 
kleine Naturkämmerchen, die zum An- und Ausziehen her 
halten mußten. Ein Freibad, wie es idyllischer nicht ge 
dacht sein konnte, breitete sich unter „Et delight Udsigt" 
aus. Männlein und Weiblein schieden sich nach zwei 
Seiten, um, wenn sie die moderne Gewandung abgestreift 
und den Badeanzug angelegt hatten, sich im Wasser wieder 
zu treffen. Gleich Kindern tollten und jauchzten sie in der 
kühlen Flut, schwammen und drehten sich im Ringelreihen. 
So ging es nun schon volle 4 Wochen. Da erschien ein 
neuer Badegast auf der Bildfläche. Eine ältere, hagere 
Person weiblichen Geschlechts. Darauf wies eigentlich nur 
das lange, enge Kleid hin; der Kopf war ganz nach 
Männerart kurz geschoren; die Brille, welche über scharf 
blickende, dunkle Augen gespannt war, erhöhte auch den Ein 
druck des Weiblichen nicht. Fest saß sie über der schmalen, 
knöchernen Nase, und die blassen, dünnen Lippen waren wie 
im Schmerze aufeinander gepreßt. Mitten hinein in das 
fröhliche Treiben kam sie, wie ein wütender Lehrer vor eine 
lärmende Klasse tritt. Die Hand hielt sie wie zum Schlage 
erhoben. Dicht bei ihr stand eine junge, hübsche Witwe. 
„Strandkönigin" nannte man sie wegen' der großen Ver 
ehrung, die ihr alle Männer widmeten. Sie war gerade 
dabei, den Schwimmanzug anzuziehen. Als sie die drohende 
Medusa so vor sich sah, schrie sie leicht und nahm Reißaus 
ins Wasser. Ihr Trikot lag der Fremden zu Füßen. Die 
Schar lachte, aber die Dräuende wandte verächtlich das 
Haupt und ging waldeimvarts. Eine Woche lang erschien 
sie nun jeden Mittag um die gleiche Zeit unter den 
Badenden. Frau Mika Feutern, die Witwe, fing schon an 
ihren guten Humor zu verlieren. „Das geht nicht so weiter, 
die Medusa nimmt uns 'jede Stimmung!" Die anderen 
pflichteten ihr bei. 
„Aber was tun, wie sie weggraulen? Was macht sie 
eigentlich den ganzen Tag?" fragte jemand. 
„Hinten im Dorfe logiert sie, im letzten Haus. Sie 
geht spazieren und schreibt die übrige Zeit Briefe," erklärte 
eine ältere Dame, welche ihr' gegenüber wohnte. 
„Wasstss sie?" 
Niemand wußte es. 
Ein großer schneidiger Jurist, welcher der Strandkönigin 
eifrigster Vasall war, nahm das Wort. 
„Das Weibsbild geht nicht freiwillig, und die Ferien 
freude soll sie uns doch nicht versalzen. Ich mache einen Vor 
schlag. Ich selbst in höchsteigener Person werde mich be 
mühen, quälen im Schweiße meines Angesichts, die Brillen- 
jnngfrau zu bekehren. Ich hefte mich an ihre Fersen bis 
sie gerührt von meiner Anhänglichkeit, mit uns Wölfen 
heult." 
„Na, na, ob das so leicht gelingt?" fragte eine Stimme. 
„Wie Ihr Männer Euch unwiderstehlich dünkt! Also 
auf: Gut Glück! Herr Dr. Spät! Aber warum wollen denn 
gerade Sie sich opfern?" fragte Frau Mila. 
„Hm! Weil ich gern mal sehen möchte, ob auch 'ne 
Häßliche mich mag! Bei den Schönen fehlt es mir nie!" 
Ein Seitenblick streifte listig über Mila Feutern hin. 
Frau Mila blieb still; sie packte ihre Sachen zusammen 
und ging heim. 
Aber die Fischersfrau, die heute ein halbes Dutzend 
goldbraun gebackene Schollen und dampfende Schalkartoffeln 
auf den Tisch stellte, mußte recht lange warten, ehe ihre 
Mieterin zum Essen kam. Und dann, als sie eintrat, hatte 
sie rote Augen. Das Unglaubliche geschah. Am dritten 
Mädchen zwang sich zu einem srcundlichcn Lächeln» ob- 
Ivohl ihr sehr wenig fröhlich. zumute war. Tjc. Aussiebt, 
noch drei oder vier Tage länger die Komödie spielen zu müssen, 
wirkte öeiiiabe niederschmetternd. 
„Alles schien so glücklich gelungen, als dieses schreckliche 
Gab kam," sagte Vera. „Es war ein entsetzliches Gefühl, 
wie die Rüder über mich hinweg gingen. Ich — — aber 
das ist ja jetzt nebensächlich. Erzählen Sie mir nur, ivas sich 
inzmischcu ereignet Hai." 
Jessie berichtete ihr, was sich im Hanse des Lords zuge 
tragen. Während ihrer Erzählung warf sieh Vera ständig in 
den Kissen herum; sie schieil unter dcnr zu leiden, was Jessie 
halle durchmachen muffen. 
»Also ich bin in Gefahr — die Gräfin hat mich ent 
deckt!" sqgte sie endlich. „Oh, cs ivar alles wahr das über 
Lancilig und Maxwell — wenn ich Charlie nur sehen 
kömue * 
„Ich sah ihn vor noch nicht fünf Minuten," sagte Jessie 
ruhig. „Es ist vielleichi. besser, ivenn Sic mich ruhig zu 
Ende anhören, Fräulein Galloway. Dann ivcrde ich Ihnen 
alles beantworten, ivas Sie fragen mögen." 
Vera versprach, sie geduldig anzuhören. Sie lauschte Jessie, 
ohne sie noch einmal zu unterbrechen. Sie schwieg auch, als 
Jessie ihren Bericht beendet; offenbar wußte sie wicht, was sie 
ihr sagen sollte. 
„Fräulein Galloway, ich rnnß Sic bitten, mir zu ver 
trauen!" sagte Jessie dringend. „Später ivcrde ich Sie er 
suchen, mir einige Jnsirnklioncn zu geben, wie-ich-mich »neuer 
zu verhalten habe. Vorher aber geben Sie mir Antivort 
auf einige Fragen: Waren Sie — ich meine, sind Sir —" 
Vera Galloway erriet, was sie sagen wollte. 
„Ja, ich bin ini Hause der Gräfin Saens geivesen!" er 
klärte sie ruhig. „Es handelte sich um jene Papiere. Eie 
sehen, daß ich wußte — 
(Fortsetzung folgt.)
        
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