Path:

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Beilage z« Nr. 15Ü des „Friedenaner 
Sonntag, den 29. Juni 1913, 
DU bunte Mocks 
Plauderei für den „Friedcnaucr Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 27. Juni. 
Sommerliche Stille. — Die Berliner Wettwut. — Bon Buch 
machern und andern Sündern. — Die fidele Fensterputzer 
zentrale. — Die Tabellen des Herrn Mark. — Angewandte 
Mathematik. — X, und Z. 
Tie Nachrichten, für die das dehnbare Rubrum „Lokales" er 
sonnen ward, fließen selbst in Berlin spärlich in den großen Strom 
der Ereignisse. Hier ein Mord, dort ein Konfliktchen in der Haute 
Finance, hier ein neuer Theaterkrach, dort eine Protestversammlung 
unentwegter Dichter gegen die Bedroher der sogenannten „heiligsten 
Güter". Das ist alles in diesen Tagen sommerlicher Stille. 
Der Heumond ist schon im Anzug, und seine heißen Strahlen 
fallen sengend in die schlafende Zeit. Die Herren der Schöpfung 
tragen weiße Flanellhosen und blaues Jackett, eine sehr bunte 
Krawatte und braune Stiefel. Sie wollen dadurch zart andeuten, 
daß sie als Sportsleute jeden Sonntag auf dem Wannsee rudern 
und daß sie in erster Linie im Grunewald und in Hoppegarten auf 
Pferde setzen, die nie gewinnen, und die stets in den Rcnnberichtcn 
unter der Spitzmarke aufgezählt werden: „Ferner liefen" 
Es wird wohl nirgends in der weiten Welt mit solch leiden 
schaftlicher Hingabe und auch mit so geringer Sachkenntnis 
gewettet, wie hier zu Lande. Es gibt in ganz Berlin fast kein 
Zigarrengeschäft, das nicht Rennwetten erledigt. Kleine Leute, 
Fabrikarbeiter, Ladenmädchen, flinke Hausburschen und selbst die 
ungewaschenen, langhaarigen Aestheten aus dem Cafe des Westens 
tragen ihre kargen Pfennige zu diesem „sportlichen Zweck" herbei. 
Tritt man in ein Zigarrengeschäft Berlins, so sieht man aller 
hand Gestalten, die untereinander die „Tips" beraten. Meist sitzen 
sie über Wett- und Renn-Depeschen gebeugt und suchen Pferde aus. 
Ihre Unterhaltung beivegt sich in streng pferdespvrtlichen Bahnen, 
so daß der Laie beschämt und erstaunt 'über so viel Wissen ist. 
Daß die Polizei täglich geschäftige Buchmacher hinter Schloß 
und Riegel steckt, schränkt dieses blühende Gewerbe nicht im geringsten 
ein. Die Buchmacher ersinnen natürlich täglich neue Ideen, um 
ungestört ihr Handwerk betreiben zu können. 
Eine geradezu geniale Methode verfolgte ein Buchmacher, 
der gestern mit seinem ganzen Stabe in der Chorincr Straße ver 
haftet wurde. Um unbehelligt seinem Gewerbe nachgehen zu 
können, hatte er eine „Feustervutzerzentrale" eröffnet. Un 
unterbrochen hielten täglich Radfahrer mit kleine» Leitern und 
niedlichen Eimerchen vor der Tür. Das siel weiter nicht auf. Ehr 
bar aussehende Fensterputzer traten von hier aus ihre Wege morgens 
an und kamen zurück. In Wirklichkeit waren diese Hilfsmannen 
alle Buchmacherboten, die aus den Filialen die Wettausträge in 
diese famose „Zentrale" brachten. Kein Mensch hat je daran ge 
dacht, auch nur das kleinste Dachfenster zu putzen. Sie trugen die 
Jnsignen ihres Standes mit Würde und selbstverständlicher Hingabe. 
Der Chef des Hauses beschäftigte im ganzen 30 „Putzer". Und 
wenn sich wirklich einmal ein Geschäftsmann in diesen sonderbaren 
Laden verirrte, um einen Auftrag auf ein paar richtige Fenster 
scheiben zu geben, so nahm der Chef die Bestellung nicht an. Leider 
sei das 'ganze Personal derart in Anspruch genommen, daß die 
nächsten Tage auch kein einziger Putzer frei sei. Mit solchen Aus 
reden brach der geschäftige Leiter der Zentrale dann die aussichts 
lose Verbindung ab. 
Das Nest wurde ausgehoben und viele Tausend Mark Welt 
gelder wurden beschlagnahmt. Auch die Eimerchen und Leiterchen 
wurden einstweilen in Verwahr genommen. Wahrscheinlich zieren 
sie bei der demnächst stattfindenden Gerichtsverhandlung den Tisch 
als schwer belastendes Material. Daß die Polizei auch auf Grund 
der vorhandenen Geschäftsbücher die Adressen von nahezu 20 „Filialen" 
und-500 „Kunden" erfahren hat, ist bedauerlich. Die braven Leutchen 
werden natürlich allesamt mit einem kleinen Strafmandat bedacht 
werden. 
Mein Name ist nicht dabei. Seit ich vor drei Jahren auf 
einer landwirtschaftlichen Ausstellung eine Ziege gewonnen habe, 
und seit ich mich damals zwei Woche'» lang bemüht hatte, das Tier 
mit Anstand loszuwerden, und seit ich schließlich dem Schlachter 
im Nebenhause noch drei Mark geben mußte, damit er das Tier 
nur abhole, — seit jenen Tagen der Aufregung und Unruhe will 
ich mit Wetten und Lotterien nichts mehr zu tun haben. Auch 
verstehe ich von den Wettgebräuchcn so viel wie die kleine Frau, 
die mit ihrem Manne auf der Rennbahn folgende Unterhaltung hatte: 
„Du sagtest vorhin, daß das Pferd, auf das Du gesetzt hast, 
mit 10 zu 1 läuft. WaS bedeutet das denn?" 
„Das ist doch sehr einfach. Wenn ich 20 Mark auf das Pferd 
gesetzt habe und es läuft von 10 zu 1, daun habe ich 200 Mark 
gewonnen." 
„Ja, was machst Du aber dann, wenn es die drei Stunden 
von 10 bis 1 Uhr nicht vollhalten kann und nicht gewinnt?" . . . 
Für diese verzwickten Rechnungen müßte man eigentlich die 
Markschen Tabellen zu Hilfe nehmen. Tie deutschen Zeitge 
nossen werden bald erfahren, daß sich das gesammte wirtschaftliche 
und kulturelle Leben vom Rhein bis an den Pregel nur auf Grund 
dieser Tabellen bewerten und berechnen lassen wird. Herr Jn- 
xsenieur Ernst Mark in Charlottcnburg hat an den Reichs 
tag eine Petition gerichtet, in der er sich mit der jetzigen Er 
hebung der Einkommensteuern befaßt. Die Formel, nach der 
die Erhebung stattsindet, sei ungerecht, weil, — nun kommt eine 
lange Erklärung, von der ich nichts verstehe und die ich aus diesem 
Grunde auch den Lesern vorenthalten will. 
Herr Aiark schlägt vor, die Steuer nach einer Formel zu er 
heben, worin st den Steuerbetrag, X den Prozentsatz, E 
das Einkommen und B den Pauschalsteuerbetrag bedeuten. 
Ruit nennt Herr Mark die Formel, nach der jeder Steuerzahler 
in Schrimm Und Huntinghauscn seine Steuer sehr leicht berechnen 
Und einstellen könne. Die Formel lautet: 
8t -- ^ I ~ also st- log E%. E 
oder auch: st- (log E-l) % • E. 
In Zukunft hätte also jeder Steuerzahler Logarithmentafeln 
wälzen müssen, um seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. 
Die Kommission hat beschlossen, dem Reichstag den 
Uebergang zur Tagesordnung zu empfehlen in der Ueberzeugung, 
daß die meisten Staatsbürger lieber etwas mehr Steuern zahlen 
würden, als diese Rechnung vorzunehmen! 
DaS ist sehr zu bedauern. 
Denn das Rechnen mit Logarithmen ist bekanntlich doch eme 
Lieblingsbeschäftigung des guten Staatsbürgers, der von der Klipp- 
schute her noch weiß, was ein Wurzelexponent ist, und dessen Mathe 
matische Fähigkeiten umgekehrt proportional sind dem reziproken 
Wert der hinterzogenen Steuer, wobei es bekanntlich, genau 
wie beim Logarithmus, transcendente Zahlen gibt. 
Ueberhanpt scheint es angezeigt, unser bürgerliches LeRnmehr 
treff- 
, anspruchs- 
lerse: 
Ein Jüngling, hier mit x benannt, 
hat sich in eine Maid verrannt; 
(mit y benennt man sie) . . . 
Ihm wurde stets, er wußt' nicht wie. 
er folgt' ihr ständig und verliebt, 
wie sich's aus diesem Bild ergiebt: 
y 
Ein schöllet Sommerabetid kam. 
Da traf es sich ganz tvufldersain. 
Sie setzte sich auf eine Bank; 
wie war sie jung, und schön und schlank! 
Er nahm am andern Ende Patz, 
und es ergab sich dieser Satz: 
x y 
Der Mond schien hell, die Lust war mild, 
Und bald sah man dies schöne Bild: 
xy 
So blieb es auch. Es kam die Zeit 
der intensivsten Seligkeit, 
mit Glockenläuten und Altar . . . 
Und so verging dann Jahr um Jahr. 
Da, eines Tags, gabs ein Malheur l 
Es kam ein Kavalier daher, 
(der wird bezeichnet hier mit *), 
er war, wie immer, lieb und nett, 
und leider sah das Bild, o, Graus, 
wie diese halbe Gleichung aus: 
x.y,z, 
Was war das Ende von dem Lied? 
Es kam zuerst, wie män's hier sieht: 
^>och hielt die Freude auch nicht Stand, 
kaum zog ein Jährchen in das Land, 
stand y und z für sich 
lind x? Der freut sich fürchterlich! 
Aus diesem einfachen Beispiel erkennt man klar, wie gut sich 
mathematische Formeln im irdischen Leben verwenden lassen. Nicht 
immer geht es so aus, wie es hier geschildert wurde. Tausend X. 
wissen nicht, daß sie eine Null sind und in der traurigen Gleichung 
ihres Lebens haben sie von der Existenz des leidigen Z meistens 
keine Ahnung. Heinrich Binder. 
Gerichtliches 
P Den Bericht in Nr. 148 über die Verurteilung zweier Frauen 
wegen Schädigung der hiesigen Ortskrankeukasse berichtigen wir 
dahin, daß Frau Marie Mnsowski nicht zu 4 Wochen Gefängnis, 
sondern nur zu 30 M. Geldstrafe verurteilt wurde. Die höhere 
Strafe traf die andere Angeklagte. 
(:)kk. Pflicht jedes Hausbesitzers ist es, sich von Sicherheitspolizei- 
vorschriften Kenntnis zu verschaffen. Der Ehemann einer Klägerin 
ist am 80. April 1011 in einem vor dem Hause deS Beklagten be 
findlichen Lichtschacht gestürzt und dabei ums Leben gekommen: Der 
von der Klägerin erhobene Schadenersatzanspruch ist ihr vom Be 
rufungsgericht zugesprochen, weil das über den Lichtschacht gelegte 
Eisengitter nicht befestigt gewesen ist, und der Beklagte damit 
gegen ein Schutzgesetz im Sinne des § 823 verstoßen habe. Dies 
wurde in § 30 des Ortsbaustatuts für die Stadt D. vom 8. De 
zember 1906 gefunden. Darnach war die Anbringung von Keller 
lichtschachten an den Oberflächen der Straßen verboten und für die 
bereits vorhandenen Schächte angeordnet, daß zur Abdeckung in die 
Stratzenoberfläche fest eingelegte Gitter zu verwenden seien, die 
nicht geöffnet werden konnten. Der Beklagte hat die objektive Ver 
letzung des § 30 des Ortsbaustatuts nicht bestritten, aber be 
hauptet, daß sie nicht aus seinem Verschulden beruhe. Er habe von 
dem Inhalt des § 30 keine Kenntnis gehabt. Von ihm, einen 
Laternenwärter, also einem Manne aus einfacher Volksschicht, könne 
ein stetiges Lesen der amtlichen Publikationsorgane nicht verlangt 
werden. Er habe erwarten können, daß die Polizei, wenn sic 
nachträglich Aenderungen an früher von ihr genehmigten Ein 
richtungen fordere, den betr. Eigentümer die besondere Auflage 
mache. Das müsse umso mehr gelten, als es ungewöhnlich sei, 
das polizeiliche Anordnungen mit rückwirkender Kraft erlassen 
würden, Das Reichsgericht hgt die Revision zurückgewiesen. Jeder 
Hauseigentümer sei verpflichtet, dafür zu sorgen, daß sein Grund- 
stück dauernd sich in einem denfficherheitspolizeilichen Vorschriften 
entsprechenden Zustande befinde und müsse daher auch dafür Sorge 
tragen, daß er von dem Erlaß neuer polizeicher Vorschriften recht 
zeitig Kenntnis erlange. Die Beobachtung solcher Vorschriften müsse 
von allen Grundstückseigentümern ohne Abstufung nach den per 
sönlichen Verhältnissen und Fähigkeiten der einzelnen Eigentümer 
verlangt werden. Die ordnungsgemäße Bekanntmachung der er 
lassenen Vorschriften genüge, um'jeden von ihren zur Bedingung 
zu verpflichten. Der Beklagte hätte, wenn er die amtlichen Publi 
kationsorgane nicht halten wällte, durch Benutzung der Ein 
richtungen eines Hausbesitzervcreins, durch Nachfragen bei der 
Polizei oder in sonstiger Weise von dem Erlasse des Ortsbau 
statutes Kenntnis erlangen können, (llrt. VI. 450/12 v. 7. Jan. 
1013, Deutsche Jur.-Ztg. 1913 Nr. 7). 
Der Blinde. 
Skizze von Nanny Steinmann. 
(Schluß.) 
Der Wirt kam jetzt heran und sagte: „Na für heut 
ist's genug, Erle; nun geht man los mit Eurem Blaß- 
schnäbelchen." Helene schnellte jetzt in die Höhe. Sie schämte 
sich, daß sie geschlafen hatte. 
Vater packte seine Geige ein, und dann gingen sie 
beide fort. Es war ziemlich still auf der Straße, nur 
aus den Kneipen tönte noch Geigen und Singen und Lärmen. 
Der Blinde hielt seines Kindes Hand heut besonders 
fest. Er tastete an den feinen Knöchelchen herum, um zu 
fühlen, wie elend das Kind schon sei. 
„Helene, bist Du sehr müde?" fragte er besorgt. 
„Nein, Vater, garnicht!" antwortete Helene tapfer. 
„Sag' mal, fühlst Du Dich denn elend?" 
„Nein, Vater, mir ist' ganz gut." 
„Hast Du denn auch noch rote Backen?" 
„Ach ja, manchmal auch noch", sagt Helene und drückt 
Vaters Hand liebevoll. Mutter hat ihr schon gesagt, Vater 
dürfe nicht wissen, daß sie jetzt immer so blaß sei. 
Nun sind sie zu Haus. Es ist zwölf Uhr. Mutter 
kommt erst um 2 Uhr. Sie gehen beide zu Bett in der 
kleinen Stube, und Helene liegt bald in festem Schlaf. Der 
blinde Vater findet aber keinen Schlaf: So geht das nicht 
weiter. Das Kind darf nicht elend und krank sein. Es 
ist schon schrecklich genug, daß seine Frau trotz ihrer Krank 
heit noch selbst arbeiten muß. Wie mag sie wohl aus 
sehen? Sicher hat sie ihm auch immer vorgeredet, daß 
es ihr ganz gut ginge. Sicher ist sie auch wie das leib 
haftige Elend; denn den schlimmen Husten hat sie ja noch 
immer. 
Mt diesen Unruhigen Gedanken wälzt er sich hin und 
her und sucht nach einetst Ausweg, nach einer Hilfe in all 
der Not. 
Er kann dett Weg des Abends gut allein gehen. 
Helene soll jetzt richtig schlafen gehen um 9 Uhr. wie es 
sich für ein Kind gehört. An diesem Gedanken klammert 
er sich schließlich. Das gibt ihm etwas Beruhigung. Und 
morgen schon wird er es so machen: Seiner Frau wird er 
es garnicht sagen. Denn sonst redet sie doch dagegen. 
Lokal-Anzeiger". 
Die unruhigen Gedanken und der Wunsch, gleich den 
Vorsatz auszuführen, lassen ihn nicht schlafen. Es muß wohl 
schon 2 Uhr sein; denn der leise Schritt seiner Frau ertönt 
auf der Treppe. 
Als sie eintritt, richtet er sich im Bett hoch; gerade 
als wolle er auch jetzt seine Augen zum Sehen zwingen. 
„Nanu, was gibt's?" fragt Frau Erlen erschrocken. 
„Nichts weiter. Ich bin nur aufgewacht." 
Leise geht die Frau durch die Stube und sieht nach 
dem schlafenden Kinde. Dann fängt sie an sich auszu 
kleiden. Es ist gut, daß niemand da ist, der von der 
müden, elenden Frau sprechen kann; denn sonst müßte der 
Blinde es wieder Horen: „Sie sieht aus wie das leibhaftige 
Elend." Blaß, mager und vergrämt. — 
3111t nächsten Abend ist der Blinde in einer ungewöhn 
lichen Aufregung. Er fragt oft, ob es denn noch nicht für 
seine Frau Zeit sei, fortzugehen. Endlich geht sie, und er 
ist allein mit dem schlafenden Kinde. 
„Wecke nur Helene. Sie muß sich anziehen. Ihr 
müßt ja gleich gehen." Mit diesen Worten war Frau Erlen 
gegangen. 
„Ja, ja, ich mach' es schon", hatte er leise genutivortct, 
um das Kind nicht zu wecken. 
Sobald seine Frau fort ist, fängt er an, nach seinen 
Stiefeln zu tasten und sie ganz leise anzuziehen. Daun 
holt er sich seinen Mantel und Hut. Als er zum Fort 
gehen fertig ist, schleicht er Noch einmal bis zum Bett, 
wo Helene liegt und horcht auf ihre regelmäßigen Atemzüge. 
„Du kleines 3lepfclchen, Du sollst wieder rote Backen 
haben", murmelt er. 
Dann tastet er sich behutsam zur Tür. Vorsichtig 
öffnet er mtd schließt wieder. Mit der einen Hand hält er 
den Stock, mit der andern tastet er sich vorsichtig an der 
Wand entlang. So gelangt er die Treppe hinunter auf 
die Straße. Er hält sich dicht an den Häusern und schlügt 
mit dem Stock gegen die Mauer, um sich nicht zu stoßen. 
Nur langsam kommt er vorwärts. Es geht doch schwerer, 
als er gedacht. Aber der Gedanke, daß Helene nun heut 
tüchtig schlafen kann, treibt ihn vorwärts. Er schiebt sich 
weiter und weiter. Es ist doch ein langer Weg. Das 
Schlimmste kommt auch noch: der Uebergang über die 
Querstraße. 
Jetzt hat er die gefährliche Stelle erreicht. Lange steht 
er an dem Rande des Dammes und horcht auf die vor- 
überrvllenden Wagen. Einmal hat er das Gefühl, als ob 
einer dicht neben ihm stände. Da spricht er zu ihm: 
„Bitte, bringen Sie mich doch über die Straße. 
3lbcr niemand faßt ihn an. Er muß also wohl nicht 
gehört worden sein. Jetzt ist es still auf dem Damm. 
Er faßt Mut . . . und geht. Da hört er ein 3luto. Er 
macht ein paar schnelle Schritte. Aber wohl nach der falschen 
Seite. 
Schon ist das Unglück geschehen. Er fühlt einen Stoß . 
und dann nichts Mehr. 
Im Augenblick ist eine große Menschenmenge ver 
sammelt. Der Blinde wird unter dem Auto hervorgezogen; 
da erkennt ihn einer aus der Menge: „Das ist ja der blinde 
Geiger, der immer in der roten Laterne spielt. Der wohnt 
in der Goteugasse." 
Unterdes ist die Unfallstation benachrichtigt worden, 
und die Träger kommen und holen den Verunglückten. 
Inzwischen liegt Helene und schläft friedlich in ihrem 
Bett. Da klingelt es plötzlich. Sic fährt empor und 
wundert sich, daß die Stube so dunkel ist. 
„Vater, Du bist wohl eingeschlafen?" fragt sie. 
Als keine Antwort kommt, klettert sie aus dem Bett 
und eilt da schon erneutes Klingeln ertönt, zur Tür. Sie 
öffnet. Ein Mann steht draußen — und vor Kälte in ihrem 
dünnen Hemdchen zttternd — blickt sie zu ihm auf. 
„Bist Du die kleine Erlen?" fragt der Mann. 
,Ja." 
„Ist Deine Mutte hier?" 
„Nein. 3lber Vater" sagt sie, in dem sicheren Glauben, 
daß der blinde Vater in der Stube eingeschlafen ist. 
„Dein Vater?" fragt der Mann verwundert. „Der 
ist doch nicht hier. Der ist doch eben überfahren." 
„Nein," sagt Helene sicher, „das kaun nicht sein. 
Vater geht nie allein fort." 
Damit eilt sie hinein und ruft: „Vater!" 
Keine Antwort ertönt. 
„Er schläft sicher so fest," versichert sie dem Manne, 
der mit in die Stube getreten ist. 
Mit zitternden Händen zündet sie das Licht an. Und 
blickt nach des Vaters Stuhl hin. 
Er ist leer. ' 
„Vater!" gellt es durch das kleilie Stübchen. 
Sie eilt in die Küche. 3luch hier ist niemand. 
„Wo ist er denn?" fragt sie mit vor Furcht erstickter 
Stimme. 
Dein Mattn treten die Tränen in die Augen und er 
sagt freundlich: 
„Zieh Dich nur an, ich bringe Dich zu ihm." 
In fliegender Eile zieht sie ihre kleinen Rockchen an. 
Ihr ist, als hätte sie einer plötzlich in eine ganz fremde 
Stube gestellt. Es kommt ihr alles unbekannt vor. Sie 
wagt Nicht, einen Ton zu sagen. Sie hat auch 3lngst vor 
dem Manne, den sie ja garnicht kennt. 
Jetzt ist sie fertig. Sie eilen beide aus der Stube. 
Die Treppe hinunter. Die Straße entlang. Bis zur Un 
fallstation. Ein Wärter kommt auf sie zu und fragt den 
Mann, der neben ihr geht: „Wo ist denn die Frau?" Da 
fällt diesem erst wieder ein, daß er ja die Frau hatte holen 
sollen. Daß er statt der Frau ein zartes Kind gefunden, 
dem er die Schreckensnachricht geben sollte, hatte ihn ganz 
verwirrt. 
Jetzt fragt der Beamte die Kleine nach ihrer Mutter. 
Helene gibt 3lntwort, wo die Mutter ist. Und der Mann,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.