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Periodical volume Nr. 148, 26.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

nämlich einen Ausweis über seine Person Ansteckt. Und 
Zwar genügt dieser Ausweis in Form einer Adresse. 
„Anglist Müller aus Apolda" ist schon hinreichend, wenn 
der Wohnort nicht gar zu viele Namensvettern ausweist. 
Trägt der Reisende keine behördlichen Legitimationspapiere 
bei sich, so genügt es, wenn er sich Name und Wohnort in 
den Hut, Rock usw. einnäht (oder als Visitenkarte daran 
befestigt). Auch ein deutlicher Stempel ins Hutfutter ist bei 
Herren ausreichend. Der Zweck dieser Vorsichtsmaßregel ist 
nämlich der, daß im Falle eines Unglücks auf der Reise die 
Person des Betreffenden sofort festggestellt werden kann. 
Nun erwartet man selbstredend einen Unglücksfall nicht — 
aber man schafft ihn auch nicht aus der Welt, daß man 
seine Möglichkeit einfach ignoriert. Es kann e)was geschehen; 
damit muß man rechnen! Und wäre es nur ein Ohnmachts 
anfall in fremdem Ort auf offener Straße. Wie gräßlich, 
wenn dann die Menschen herumstehen und jeder sich fragt, 
ob es sich um einen Fremden oder um einen Einheimischen 
handelt, dessen Anhörige benachrichtigt werden könnten. Viel 
peinlicher ist diese vollständige Fremdheit der Person noch 
im Falle einer Eisenbahnkatastrophe, eines Schisfsunter- 
gangs, einer Verunglückung durch Automobil, Droschke, Rad, 
Straßenbahn oder im Falle eines Hitzschlages und Schlag 
anfalls. Und wenn es ein Ziegelstein oder ein Blumen 
topf ist, der dem Passanten auf dem Hut fällt und ihn ver- 
nehmungsnnfähig macht. Man zitiert ja alle die schlimmen 
Möglichkeiten nicht herbei, indem man sie in Berücksichtigung 
zieht — und Vorsicht ist die Mutter der Weisheit! Nun 
noch ein paar allgemeine Reiseregeln: Nimm nicht zuviel 
Kleider mit, die dich unnötig belasten. Halte auf leichtes, 
bequemes, aber in gutem Zustande befindliches Schuhwerk, 
vor allem: ziehe keine neuen Schuhe zur Reise an! Und 
noch zweierlei: die meisten Reisen werden durch allzuvieles 
Hasten und Rennen, sowie dadurch, daß man die Reise- 
spesen zu gering einschätzte, verdorben! 
o Der Reitweg als Kinderspielplatz. Eine gute 
Verwertung hat unsere Gemeindeverwaltung für den Reitweg 
in der Varzinerstraße vor dem Bahnhof WilmerSdorf-Frie- 
denau gefunden. Da dieser durch Eingehen des Reitweges 
im Süvwestkorsv überflüssig geworden ist, hat unsere Ge 
meindeverwaltung einige Bänke über den Weg stellen, 
Spielsand anfahren und durch einen Drahtzaun den Weg 
einzäunen lassen. So wird der ehemalige Reitweg jetzt 
von zahlreichen Kindern als Spielplatz benutzt. 
v (Line neue Laufbahn für mittlere bautechnische 
Beamte wird in der Reichspost- und Telegraphenverwaltnng 
eingerichtet. Doch ist zurzeit der Bedarf an Anwärtern für 
Postbansekretärstellen für längere Zeit gedeckt. Selbst Ban- 
techniker und Architekten, die jetzt angenommen werden, 
haben keine Aussicht auf spätere Uebernahme in das Be 
amtenverhältnis. Hilfsarbeiter mit 0 jähriger Tätigkeit 
können ohne Prüfung in die neue Laufbahn übernommen 
werden, solche mit 3 Jahren müssen die Prüfung nachholen. 
Jüngere unterliegen den neuen Bestimmungen. Bewerber 
müssen ein Banhandwerk erlernt und die Abgangsprüfnng 
an einer staatlich unterhaltenen oder unterstützten Bau- 
.gewerkschnle bestanden, 4 Jahre Praxis haben und dürfen 
das 28. Lebensjahr nicht überschritten haben. Der Vor 
bereitungsdienst dauert 2 Jahre. Hieran schließt sich die 
Pvstbausekretärprüsnng. Prüfungen finden nur in Berlin 
für den Nordwesten und Norden und in Düsseldorf für den 
Westen und Süden statt. Dann folgt die Ernennung zum 
bantechnischen Diätar. Dieser bezieht in 6 Jahren 1(500— 
2200 Ai. Dann erfolgt die etatsmäßige Anstellung als 
Postbnnsekretär. 
o Der Nttderverciu am Friedeuancr Gymnasium 
veranstaltet am Sonnabend, dem 28. d. Mts., sein dies 
jähriges Sommerfest in Form einer Ausfahrt nach Lind 
werder, wozu alle Freunde und Gönner des Vereins freund 
lich eingeladen sind. In Lindwerder wird eine Regatta 
veranstaltet, an die sich ein Fischerstechen und ein Wett 
schwimmen anschließt. Ein Tanzkränzchen wird das Fest 
beschließen. Eintrittskarten zum Preise von 1 M. und 
Programme sind bis Freitag Alittag beim Schuldiener 
(Maybachplatz) oder am Sonnabend am Dampfer erhältlich. 
Abfahrt ab Wannsee erfolgt um 4 Uhr nachmittags von der 
Friedrich-Leopold-Vrücke des Kreises Teltow. 
o^ Das Sommerfest des evangelischen Arbeiter 
vereins am letzten Sonntag hatten zahlreiche Mitglieder 
und deren Angehörige nach dem schön gelegenen Restaurant 
Waldesruh in Zehlendorf gelockt. Nachdem gemeinschaftlich 
Kaffee getrunken und ein Lied gesungen war, ging es in 
den Wald hinein. Bei ungezwungener Fröhlichkeit wechselten 
meinem Blau einen Prem aussetzen sär den, der diese Doppel 
gängerin ausfindig macht, meinelmegen eine beträchtliche 
Summe. Tie Sache muß sogchalten sein, daß der Verdacht 
nicht völlig von der Leichte des Lord Merchavcn genommen 
wird — das gibt eine hübsche, spannende, sensationelle Notiz. 
Und ich müßte mich sehr irren, wenn wir aus diese Weise 
nicht wirklich die Diebin aussinoig machten." 
Tie Gräfin lächelte und vielte. Tas >var in der Tat 
das Klügste, was jetzt noch geschehen konnte. 
In diesem Augenblick wurden das bestellte Essen und 
der Wein serviert. Gleichzeitig legte der bedienende Oberkellner 
einen Brief vor die Gräfin auf den Tisch nieder. 
„Tas Billett wurde soeben gebracht," erltärte er. „Ein 
Polizeibeamter beauftragte mich, cs Ihnen sogleich zu übergeben." 
Tie Gräfin Saens löste den Umschlag und las das ziem 
lich kurze, in amtlichem Stil gehaltene Schreiben. Es be 
sagte, daß eine junge Person, auf die die Beschreibung der 
Zofe der Gräfin genau paßte, i»S Eharing Eroß Hospital ge 
bracht worden sei, nachdem sie von einem Eab überfahren 
worden. 
Schweigend reichte sie Hunt das Schreiben, der cS eben 
falls rasch überflog. Tie beiden wechselten erstaunte Blicke, 
verhielten sich jedoch so lange stumm, als die Kellner im Zimmer 
waren. 
Erst, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen, sagte Hunt: 
„Die Polizei hat uns da einen großen Ticnsl geleistet. 
Jedenfalls war die Person so verletzt, daß sie heute abend 
nicht mehr vernommen werden konnte; das bedeutet doch wohl 
der Satz, daß Sie morgen früh mehr erfahren fallen." 
„Ich glaube ivotzl! — Sie müssen nun freilich Ihre 
Notiz den veränderten Umständen anpassen, Mister Hunt. Ich 
aber bin nicht gesonnen, mich bis morgen ixi gedulden." 
hier Spiele, Verlosungen, gemeinsame Gesänge und Vor 
träge der Gesang-Abteilung des Vereins unter Leitung ihres 
Dirigenten Herrn Mar Voigt, wohltuend für Herz und 
Gemüt, einander ab. Des Kaiserjubiläums gedachte die 
Ansprache des Mitgliedes Herrn Banse in gebührender 
Weise. Als nächste Beranstaltungen sind die Sedanfeier des 
Vereins am Sonntag, dem 31. August d. I. und der Aus 
flug der Gesang-Abteilung nach Spandau zum Sommerfest 
des dortigen Brudervereins ain Sonntag, dem 17. August 
d. Js. zu nennen, woselbst die Gesang-Abteilung Lieder- 
vorträge zrnn Besten geben wird, wie dies auch bei der 
Silberhochzeit des Mitgliedes Herrn Neitzel und seiner Ehe 
frau am letzten Montag geschah. Der Vorsitzende Herr 
Hugo Richter überreichte im Namen der Sangeslustigen in 
einer herzlichen Ansprache die in Silber gehaltene Lieder- 
svlge des Festabends. 
o Sein erstes Uebnugöschicsteil veranstaltet der 
Krieger- und Landwehrverein am 20. Juni im Schützenhaus 
zu Berlin-Zehlendorf. Zuni Schießen wird das neue 
Militärgewehr Modell 98 verwendet. Gästen ist die Teil 
nahme beim Schießen auf Silber- und Ehrenscheiben gestattet. 
o Gin herzliches Wiedersehen. Auf einem von Berlin 
kommenden Straßenbahnwagen stand gestern Nachmittag 
vorn mit einem kleinen Handkofferchen ein junger Matrose. 
Alan sah es seinem gebräunten Gesicht deutlich an, daß er 
von einer weiten Seereise zurückkehrte. Plötzlich, am Lauter 
platz, zuckte über sein Gesicht ein freudiges Lächeln. Hastig 
packte der junge Seemann seinen Handkoffer, sprang vom 
Wagen, ehe dieser noch richtig hielt und eilte über den 
Fahrdamm der Ringstraße zu. Bon hier kamen eben be 
dächtigen Schrittes zwei alte Leutchen. Als sie den 
Matrosen erblickten, zitterte das schneeweiße Mütterchen vor 
Freude, während der alte Mann die Arme jauchzend in die 
Luft warf und laut rief: „Mar! Aiax! unser Junge." 
„Mein lieber Junge!" wiederholte die Frau, ohne vor Freude 
von der Stelle zu kommen. Der Matrose umarmte den 
Alten und warf sich nach einem herzlichen Kuß sogleich in 
die Arme der vor Freude weinenden Mutter. Sofort hatte 
sich um die alles um sich her vergessenden drei glücklichen 
Menschen eine Anzahl Neugieriger gebildet, die aber, 
ergriffen von diesem Familienidyll, sich in respektvoller Ent 
fernung hielten. 
v Jagd auf einen Kanarienvogel wurde heute Vor 
mittag im südlichen Teil der Handjerystraße gemacht. Das 
Tierchen tonnte trolj aller Anstrengungen nicht gefangen 
werden, bis endlich das „Mädchen für alles", die Feuer 
wehr geholt wurde. Ein Feuerwehrmann besprengte den 
gelben Vogel aus einer Zimmerspritze, sodaß das Tier vom 
Baum herunterfiel und nun eingefangen werden konnte. 
v Plötzlicher Tod. Ein etwa 85 jähriger Mann sank 
heute Morgen am Fahrkartenschalter des Potsdamer Fern- 
bahnhvfes plötzlich bewußtlos zu Boden. Man brachte ihn 
in die nächste Unfallstation, wo er-infolge eines Gehirn 
schlages nach wenigen Minuten starb. 
o Tödlicher Atttoinvbilunfall. Gestern Abend wollte 
in der Hauptstraße zu Schöneberg die 72 jährige, in dem 
Hanse Hauptstr. 54 wohnende Frau Auguste Schäffer den 
Damm überschreiten, als ein Droschkenautomobil in schneller 
Fahrt herrannahte. Der Chauffeur konnte seinen Wagen 
nicht mehr zum Hatten bringen. Frau Sch. wurde zu 
Boden geschlendert und erlitt eiiipii Schädelbruch, an dessen 
Folgen sie bald darauf verstarb. 
Patentschau 
mitgeteilt vom Palentvsiro Johannes Koch, Berlin NO. 18, Große 
Frankfurterstr. 59. Abschriften billigst. Auskünfte kostenlos. 
Dr. Karl Eyler, Berlin-Friedenau, Slubenranchstr. 17: Ber- 
fahren zur Herstellung von Fornmldehydleder. (Angem. Pat.) 
Erwin Fallenthal, Berlin-Friedenau, Lauterste. 38: Vor 
richtung zur Umwandlung von Wechsel in Gleichstrom und um 
gekehrt. (Angem. Pat.) 
Anna Lilienthal, geb. Rothe, Berlin-Lichterfelde, und Otto 
Ring, Berlin-Friedenau, Fregestr. 51: Modellierbogen. (Verl. GM.) 
Schöneberg 
—v Durch Beschluß des Amtsgerichts Berlin-Schöne- 
berg vom 11. Juni 1013 ist die Entmündigung der unver 
ehelichten Salomca Zielniewicz zu Berlin-Schöneberg, Hohen- 
staufenstr. 15, wegen Trunksucht wieder aufgehoben. 
— o Prokuraerteiiung. Bei Nr. 10 325. (Firma 
Edliard Pineuß in Berlin): Dem Willi) Locmenthal zu 
Berlin-Schöneberg ist Prokura erteilt. 
„Hut des Himmels willen — tau Sie nichts Unüber 
legtes!" warnte der Amerikaner. „Es kann unberechen 
barer Schaden daraus entstehen." 
„Ich habe nicht die Gewohnheit, unüberlegte Handlungen 
zu begehen,' erwiderte die Gräfin ruhig. „Ich werde heule 
abend noch das Eharing Eroß Hospital aussuchen und mir 
Gewißheit zu verschassen suchen. Es ist ohnehin Zeit, baß 
wir die Unterredung beenden; Sie müssen Sorge tragen, daß 
der verabredete Artikel in Ihr Morgenblalt eingerückt wird." 
Hunt berichtigte die Zeche. Ter Oberkellner machte ein 
recht verdutztes Gesicht; von den Speisen war nichts an 
gerührt worden, nur ennge Glas Champagner halte der Ameri 
kaner in lange», durstigen Zügen hinuntergestürzt. 
Gleich daran; verließen die beiden das Hotel; die Gräfin 
fuhr in ihrem Wagen rasch davon, während Hunt von 
Lechmere angeredet nnirde. Der überraschte Herausgeber des 
„Merkur" gab die Auskunft, die von ihm verlangt wurde; 
davon aber wußte die Gräfin Saens nichts. Während sie 
dem Eharing Croß Hospital zufuhr, näherte sich ihm von der 
anderen Seite Jessie im Automobil des George Laseelles. 
„Pongo" äußerte unverhohlen sein Vergnügen an dieser 
nächtlichen Fahrt. Er plauderte munter, während der Ehanssenr 
den Wagen lenkte; dabei entging es ihm völlig, wie schweig 
sam und unruhig sich Jessie verhielt. 
Je näher sie ihrem 'fiele kamen, desto mehr wuchs die 
Nervosität des jungen Mädchens. Sie hörte kaum noch, was 
ihr Begleiter sprach. 
Als sie sich dem Hospital bis auf eine kurze Entfernung 
genähert hatten, wandte er sich mit der Frage an sie, ob sie 
nun vielleicht nmkehren wollte. 
„Lloch nicht," ertviderte Jessie. „Ich habe Ihnen etwas 
anzuvertrauen, Herr Laseelles * 
Gerichtliches 
p. Butler mit Oet und Margarine versetzt und mit präpariertem 
Eigelb gefärbt, brachte der in der Dijonstraße wohnhafte Kaufmann 
und Butterhändler Otto Leßnmnn in den Handel und Verkehr. 
Wegen Nahrungsmittelfülschung mußte sich Letzmann deshalb vor 
den, Schöffengericht Schöneberg verantworten. Air einer aus dem 
Geschäft der Buttcrhändlerin Frl. Fuchs in Friedenau ent- 
nommenen Probe der vom Angeklagten gelieferten „Butter wurde 
die Verfälschung erkannt und von den gerichtlichen Gutachtern durch 
die chemische Analyse beiviesen. Der Amtsanwalt beantragte 000 
Mark Geldbuße ev. 60 Tage Gefängnis. Das Gericht erkannte an; 
300 M. Geldstrafe und gerichtliche Bekanntmachung des Urteils m 
den Zeitungen auf Kosten des Angeklagten. . 
P. Tie Friedenaner OrtSkrankeiikape gememschastllch durch 
falsche Vorspiegelungen geschädigt zu haben, ivar von dem Schöffen 
gericht Berlin-Schöneberg den beiden Frauen Marie Musvwski 
und Marie Neumann zur Last gelegt. Beide hatten es fertig ge 
bracht. durch Betrug 80 M. von der Krankenkasse herauszuholen. 
Das Urteil lautete gegen die N. auf 30 Al. Geldstrafe eventl. sechs 
Tage Gefängnis und gegen die Al. aus 4 Wochen Gefängnis. 
Der Blinde* 
Skizze von Nauny Steinmann. 
Es ist zehn Uhr Abends. Da geht durch die dunkle 
Straße ein blinder Mann. Er wird von einem kleinen 
Mädchen geführt. Das Kind ist zierlich, fast zerbrechlich 
zierlich mit blassein, elendem Gesichtchen. Ein dünnes, rotes 
Röckchen bedeckt die kleinen Glieder. Es geht aber mit 
sicheren Schritten durch die Menge und hält seinen Vater 
ganz fest. Es weiß, welch eine Verantwortung es hat mit 
dein Amte, den blinden Vater zu führen. Die Kleine ist 
Helene Erlen. 
„Ist es noch weit? Wo sind wir denn?" fragt Helene, 
wie allabendlich einmal auf dem Wege, nin dem blinden 
Vater Gelegenheit zu geben, seine Ortskenntnis zu zeigen. 
„Bald' an der Ecke, Helene. Dann siehst Du schon 
die rote Laterne." 
„Könntest Dn wohl den Weg allein gehen, Vater?' 
fragt Helene mit liebevollen Stinnnchcn, weil Vater die 
Frage so gern hört. 
„Gewiß, Kind, Mutter will es nur nicht erlauben. 
Ich könnte ganz allein gehen." 
Frau Helene bestand aber jeden Abend darauf, daß 
Helene den blinden Vater immer begleitete. Anfangs hatten 
sie einen kleinen fremden Jungen, der den Blinden in die 
Kneipe führte, wo er Abends zum Tanz aufspielen mußte. 
Der Junge hatte ihn aber bestohlen. Und sic brauchten dip 
paar Groschen so sehr notivendig. Trotzdem ihnen beiden 
das kleine Töchterchen leid tat, mußte es nun an jedem 
Abend heran, um den Vater zu begleiten. Frau Erlen 
hätte es gern selbst getan; aber sie hatte nach langen 
Mühen und vielen vergeblichen Versuchen, Arbeit zu be- 
koinmen, eine Garderobe in einen! Variötötheater erhalten. 
Also ihre Arbeit fing auch erst des Abends an; sie konnte 
daher ihren Mann nicht begleiten. 
Sv lvanderte Helene nun schon seit einem halben Jahr 
jeden Abend in die rote Laterne. 
Frau Erlen hatte Furcht, ihren Mann allein zu schicken. 
Den Weg hätte er vielleicht schon gefunden, aber es konnte 
ihm doch ein Unglück zustoßen. Nein — nein! Der 
Gedanke war unmöglich. Es mußte ihn einer begleiten. 
Zwar ivar es schlimm für das kleine Mädchen, die halben 
Nächte mach zu sitzen. Aber es half doch nichts. Am 
Nachmittag mußte Helene den verlorenen Schlaf nachholen. 
In der Schule war sie manchmal so müde, daß ihr die 
Augen zufielen. Wenn aber Fräulein Friedrich sie fragte, 
ob sie denn so sehr spät schlafen gegangen sei, dann log sie 
tapfer, wie es die Mutter ihr gesagt hatte: „Nein, Frollein, 
ich bin schon um 9 Uhr ins Bett gegangen." Mutter hatte 
nälnlich gesagt: „In der Schtile darf das niemand wissen, 
sonst tnüssen ivir noch Strafe zahlen." 
Zivar sagte Frälltein Friedrich in der Religionsstunde 
und auch sonst oft: „Ihr sollt nicht lügen, Kinder. Das ist 
so sehr häßlich." Aber ivas half es? Es war doch nicht 
so schlimm, als wenn Vater noch hätte Strafe zahlen müssen, 
wo er schon immer klagte, daß das Geld nicht reiche und 
man „lumpig" ivenig sei. 
Jetzt hatten Vater und Tochter die rote Laterne erreicht. 
Vater klinkte die Tür auf. Ein dicker, schwerer Rauch schlug 
ihnen entgegen, lauter Lärm, Schreien und Lachen, daß es 
Helene einen Augenblick völlig betäubte. Auf der Straße 
war sie die Führende gewesen. Hier war sie es, die Schutz 
suchte, sie klammerte ihre kleine Hand um die ihres Vaters 
und folgte ihm durch die lärmende Menge bis an den Tisch, 
der rechts hinten an der Wand stand. 
„Nennen Sie mich doch Pongo," unterbrach sie da der 
1«uge Mann, der imnicr noch glaubte, sie scherze. „Es ist 
mir, ivie wenn — —" 
"Gut denn — Pongo, lieber Pongo, wenn Siewollen," 
sagte Jessie verzweifelt. „Ich habe Ihnen etwas anzuver- 
trauen. Sie müssen mich hier aussteigen lassen und allein 
zurückfahren. Dann müssen Sie sich in der Gesellschaft sehen 
lassen, so beiläufig erwähnen, daß ich mir Ihr Automobil 
angesehen und nun hinausgegangen sei, daich ein wenig Kopf 
schmerz hätte. In einer halben Stunde kehren Sie dann 
hierher zurück, um mich zu iholen. — Wollen Sie das für 
mich tun, Pongo?" 
Tas Gesicht des Herrn Laseelles war mit einemmal sehr 
ernjt. 
. «Ich bin nicht recht klar geivorden, was Sie da von 
nur verlangen," erwiderte er ruhig, während er gleichzeitig 
dem Ehanssenr ein Zeichen zum Halten gab. „Gnädiges 
Fräulein, ich will Ihnen clivas sagen. Ich spiele eine ko 
mische Figur in der Gesellschaft — niemand tveiß das so 
gut, wie ich selber. Ich mache nichts als dumme Streiche, 
und ich lasse mich zu jeder Narrheit verführen. Vielleicht ist 
e» so eine Art Philosophie, daß ich mich vollständig zum 
Narren mache, obwohl ich vielleicht nicht so närrisch bin, 
ivie ich zu sein scheine. Wie gesagt, ich lasse mich zu 
jedem dummen Streich verführen, und ich pflege das denen, 
die mich dazu anstiften, nicht übel zu nehmen. Wenn mich 
aber eine Dame aus der besten Gesellschaft, die ich achte 
und verehre mjc vielleicht keine ziocitc, um etwas bittet, 
daS — das ich — —* 
(Fortsetzung folgt.)
        
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