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Periodical volume Nr. 15, 17.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Frik-rnmr 
(Kriedenauer 
Anparieiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
S«rugspr«is Besondere 
Jtd*n QKttwod); 
CnitjbUtt „Seifenblasen". 
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s«rn1pr»-b»r: Hmt pfaljbarg 2129. @rfd)Cillf kägslH (tßCttbd. 
Wr 15. 
Zeitung.) 
Organ für den Friedenaner Ortsteil.non Zchöneberg und 
Kesirksnerein Züdmest. 
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Blätter für deutsche fraucn. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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Berlm Frifdemm. Freitag, den 17. Januar i9;3. 
20. Iahrg. 
Letzte Nachrichte». 
M -Gladbach. Gistern Abend 10.05 Uhr riß bei 
der Blockstelle Ticker (Strecke Neuioerk—Rheydt) der Güter 
zug 6318 durch. Acht im Gefälle zurücklaufende Wagen 
stießen mit einem im Bahnhof Neuwerk hallenden Güter- 
zug zusammen. Ein HilfSschaffner wurde getötet. Der 
Zugverkehr auf dem gesperrten Gleit war 4 Stunden lang 
unterbrochen. Die Untersuchung ist eingeleilet. 
Düsseldorf. Im Heu- und Strohdepot de« hiesigen 
königlichen Proviantamtes brach gestern abend Feuer auS. 
ES gelang der Feuerwehr nach harter Aibeit, daS an 
grenzende Hauptgebäude deS PcooiantamleS, das die übrigen 
Borräte der hiesigen Garnison birgt, vor der Gefahr deS 
UebergreifenS deS Brandes zu schützen. Etwa 260 Zentner 
Stroh sind verbrannt. 
Posen. Auf einer Rotwildjagd in der Obersörsterei 
Notwendig erlegte die als Jägerin bekannte Gräfin 
Rothmer-Dratzig einen 97 Pfund schweren Wolf. In letzter 
Zeit wurden in den angrenzenden Wäldern öfters Wolfs, 
spuren bemerkt. 
Köln. Nach einer Depesche der Kölnischen Zeitung 
auS Sofia hat die Besprechung deS König« und der Minister 
mit den Oberbefehlshabern und Generälen in Mustopha 
Pascha die völlige Bereitschaft der Armee zur Wiederauf 
nahme deS Kampfes gegen die Türkei ergeben. Nach 
bulgarischer Auffassung kann Bulgarien somit dem Abbruch 
der Frteden«oeihandlungen mit Ruhe entgegensehen. 
Triest. An Bord deS Dampfers „Seben co* der 
dalmatinischen DampfschiffahrtSgesellschaft, der eine Ladung 
Karbid an Bord hatte, erfolgte eine furchtbare Explosion. 
Vn Mann wurde sofort getötet, ein anderer tödlich oer- 
I.tzt, einige andere sind mehr oder minder schwer verletzt. 
London. Nach einer drahtlosen Meldung auS Vigo 
an der Nordwestküste Spaniens scheiterte gestern Morgen 
auf der Höhe von LeixoeS der britische Dampfer „Baronesse", 
der kurz vorher mit 139 Paffagteren — nach einer änderen 
Meldung sind eS 370 — Bigo auf der Ausreise nach 
Brasilien verlassen halte. Drahtlose Nachrichten wurden 
ausgeschickt, aber eS war unmöglich. Hilfe zu senden, da 
ein heftioer Sturm wehte und kein Schiff auSlaufen 
konnte. Nur der Dampfer .Hollandia", der von Argen 
tinien unterwegs war, stand dem Wrack von 7 Uhr 
Morgens bis gegen Mittag bei, konnte aber keine wirksame 
Hilfe leisten. Nach den litzien Meldungen ist eine 
Verbindung mit der Küste hergestellt wocdm und 84 Passa 
giere sollen bereits gelandet sein. Man befürchtet 
jedoch, daß 16 Personen bei dem ersten Versuch?, an Land 
zu gelangen, ertrunken sind. Ueber daS Schicksal der 
letzten Passagiere und der Mannschaft ist bis zur Stunde 
noch nicht« b-konnt. 
Des Staatsanwalt. 
Don H. Hill. 
g flilchdruck setSclnr) 
„Du möchtest wohl wieder versuchen, mich zu t osen, 
wie du es gemacht hast, als wir Ostern hier waren. Nein. 
nein, mein Söynchen. Das last dir vergehen. Ich weist 
wohl, warum ich die Leiter fortgenommen habe. Uno 
bilde'dir nicht etwa ein, daß ich hierher gekommen bin. 
um die Ehre und das Vergnügen zu haben. Herrn Robert 
Brandts begrüßen zu dürfen. Lady Graßman hat in.ch 
hergeschickt, um deiner Mutter ein Villelt zu bringen." 
Der Sohn des Lehrers sah sehr enttäuscht aus. „Ach, 
sei doch nicht so eklig," bat er. „Ich habe so schon genug 
auszustehen. Vater schimpft den ganzen Tag, ich bin von 
seinem ewigen Nörgeln schon ganz nervös geworden." 
„Weil du seine Aepfel stiehlst, nicht wahr 7" 
„5ldj wo! Das ifl's nicht; er bildet sich ein, er hätte 
mir da einen Riegel vorgelegt. Aber ich bin schlauer als 
er wie du siehst. ' Seit einiger Zeit schließt er nämlich die 
Stalltür zu, damit ich nicht von innen die Treppe herauf 
kann, aber das war verlorene Liebesmüh. Ich habe einfach 
hier oben den Riegel aufgemacht, und nun benutze ich 
die Leiter. Und jetzt sei gut und stell' sie wieder auf. Ich 
verspreche dir, daß ich nichts gegen dich unternehmen 
-zch habe aber kein Vertrauen zu dir. Warum quält 
fr >:"b form, wcnn's nicht wegen der Aepfel ist? Bist du 
vielleicht wieder einmal während der Kirchenzeit mtt dem 
Frettchen im Wald gewesen?" ^ „ ... 
Das Frettchen ist tot," antwortete Robert. „Es ,fi 
etwas viel Ernsteres. Dir wird ja wohl nicht viel daran 
liegen aber Vater will mir meine ganze Karriere ver 
derben Du weißt doch, wie ich mich für alles interessiere, 
was Verbrechen heißt. Ich hatte mein Herz daran ge- 
hängt, Jurist zu werden und mir einmal einen großen 
Namen als Staatsanwalt au.machen.. Aber er behauptet, 
Was wiss das Frauenturnen? 
Der Friedenauer Männer-Turnverein hat über diese 
Frage ein Merkblatt herausgegeben, daS folgenden Wort 
laut hat: 
DaS Frauenturnen will die Gesundheit, den Frohsinn, 
die L.benSkraft und die LibenLlust, Gewandtheit, Ebenmaß 
und Anmut fördern und erhalten, Furcht vor An 
strengungen, Zaghaftigkeit und Zimperlichkeit bekämpfen, 
zu Aufmerksamkeit, Geistesgegenwart, Selbstvertrauen und 
Unterordnung unter die Arbeit für ein größeres Ganze 
erziehen. 
Was will daS Frauenturnen nicht? Es will nicht 
die Turnerinnen zu Kraftmenschen ausbilden noch die 
Grenzen der Weiblichkeit verwischet. Wo diese Grenze 
liegt, beantwortet jede Zeit anders. Lange Jahre hin 
durch bestand der Turnanzug aus geschlossenem grau 
leinenen Beinkleid und mehr oder minder langem Hänger; 
jetzt tragen die ältesten wie die jüngsten Turnerinnen 
mäßig weite blaue Pumphose und blauwollnen oder halb- 
wollnen Schwitzer oder Bluse, auch bei öffentlichem An 
treten. Der Tracht entsprechend hat sich daS UebungS- 
gebiet erweitert. 
Mannigfacher, kräftigender, besonders die Muskeln 
deS Röcken«, Brustkorbs und UnterletbeS in Anspruch 
nehmend, sind die Frei- und Handgeräiübungen geworden, 
daS wesentliche Gebiet für Anfängerinnen, für ältere 
Damen und für GesundheitSlurnerinnen. ES ist unglaub 
lich, wie wohl mau sich nach wenigen Wochen regelmäßigen 
Turnens nach 15—20 Minuten stiammer und wohlge- 
wählter Freiübungen bkfiudet. Kann in der guten JahreS- 
zeit im Freien geturnt werden, dann sorgen Laufübungen 
dafür, daß Lunge und Herz geübt und in ihrer LeistungS 
fahtgkeit gesteigert werden. 
Die Geräte der Turnhallen werden fämtlich-benutzt 
und manche ältere Turnerin springt über den brusthohen 
Bock. die das vor 3, 4 Jahren nicht für möglich ge- 
halten hätte. Zwei Gesichtspunkte gehen allen andern 
voran: Der gesundheitliche Wert der Uebungen bestimmt 
die Auswahl, der Grad der Uebung und der K äftezustand 
den Umfang der Uebungen. Ueberanstrenguvg und un 
schöne Uebungen werden vermieden, wer aber sein Können 
wachsen fühlt, der macht auch einen Hechtsprung über« 
Pferd, üb» den Handstand am Boden oder übt sich, die 
Geheimnisse der Kippe zu erfassen. Schönheit ist Be- 
herrschung deS Körper«! Turnkunst ist da« Gefühl, daß 
da« Können wächst, daß der Körper keine Last mehr ist 
und daß eS nach dem Turnen — umheimlich schmeckt. 
Wer soll turnen? JedeS leidlich gesunde Mädchen von 
14 Jahren ab ist im Verein willkommen, mag eS der 
Schule entwachsen sein oder auch in der Schule noch ein 
paar Turrstunden haben, jede Frau in jedem Alter, mag 
sie auch erwachsene Töchter haben oder besser noch mit- 
das Studium sei zu kostspielig, er könne mich unmöglich 
so lange erhalten." 
„Er wird's ja wohl am besten wissen," meinte Nora 
weise. 
„Ach, Unsinn! Ich werde es dir gleich erklären. Ich 
gebe ja zu, daß er diesmal etwas mehr Grund zum 
Widerspruch hat, als gewöhnlich. Aber ich wollte mich 
mit ihm einigen und kam ihm auf halbem Wege entgegen. 
Ich schlug ihm nämlich vor, wenn es ihm zu teuer sei, 
mich Jura studieren zu lassen, so wolle ich Privatdetektiv 
werden. Das wäre natürlich nicht ganz dasselbe gewesen, 
aber ich hätte mich doch immerhin damit beschäftigen 
können, Verbrechen zu entdecken und zu verfolgen. Na, ich 
kann dir sagen, die Wut hättest du sehen sollen ! Er sagte, 
lieber wolle er mich tot sehen, als in einem solchen Beruf. 
Dann hielt er mir eine lange Rede über seine gesellschaft 
liche Stellung. Und weiht du, was ich werden soll? Höre 
und staune: Volks — schul — lehrerl Und dann soll 
ich später seine Stellung hier übernehmen. Hübsch aus 
gedacht, nicht? Du könntest mich wirklich ein bißchen be 
mitleiden, Nora." 
Das junge Mädchen schaute nach der am Boden liegenden 
Leiter, aber als sie sah, wie erwartungsvoll auch Roberts 
Blicke darauf gerichtet waren, schüttelte sie schelmisch den 
Kopf. 
„Nein, nein, noch gebe ich nicht nach. Aber ein bißchen 
Mitleid habe ich mit dir. Wie du weißt, interessiere ich 
mich selbst sehr für den Beruf eines Detektivs, und wenn 
du einer wärest, so würde ich einen Teil meines Gehaltes 
sparen, um dir den Auftrag zu geben, Sir Williams 
Sekretär zu beobachten. Ich habe ein instinktives Gefühl, 
d«ß er nicht der gute, harmlose Mensch ist, für den er ge 
halten wird." 
„Das Ekel, der Trenkley? ist er auch hier?" 
„Nein, Sir William hat ihm einen kurzen Urlaub ge 
geben, aber leider kommt er schon in wenigen Tagen nach. 
Wir haben übrigens jetzt noch einen anderen Hausgenossen, 
einen jungen Mann, den der Chef als Hausarzt engagiert 
bringen. Erfahrene Frauen und Mädchen sorgen ln 
besonderen Riegen dafür, daß auch ältere Anfängerinnen 
die erste Scheu überwinden und an einfachen stärkenden 
Uebungen ihre Freude haben. Wer auf irgend welche 
Schwächen und Gebrechen Rücksicht nehmen muß, darf 
sich von einzelnen Uebungen, ausschließen, wie man über 
haupt jederzeit kommen und gehen darf. Wer nie geturnt 
hat und recht ungeschickt zu sein fürchtet, komme getrost, 
kein Mensch denkt daran, über seine anfängliche Unbe- 
holsenheit zu lächeln. Wir waren olle einmal weniger 
geschickt und haben schon vielen geholfen, geschickter zu 
werden. 
Was treiben wir außer dem Turnen? Solange eS die 
Jahreszeit erlaubt, wird in und neben den Turnstunden 
gespielt, besonders Schlagboll, Tamburinball, auch Faustball, 
Schleuderball, Barlauf, Setlziehen, Gerwerfen u. bergt, 
und, wa« das Schönste ist, es kostet nicht einmal etwas 
und wir dürfen dazu Freundinnen mitbringen, die nicht 
im Vereine sind. 
Bon Zeit zu Zeit und in Zukunft recht oft unter 
nehmen wir Wanderungen. Auch wir wollen die Heimat 
und die weitere Umgebung kennen und unS von der Sonne 
bräunen und von fcischer Luft durchwehen lassen. Natürlich 
warscha äßig gekleidet und den Rucksack gepackt, da stört 
un« kein Wind und kein Wetter. Wir gehen, wo eS schön 
rst, kehren ein höchsten«, um eine Tasse Kaffee zu trinken, 
wenn wir nicht vorziehen, ihn unterwegs selbst zu kochen, 
und kehren cm Abend vergnügter beim, al« hätten wir 
einen Beutel von Geld mitgehabt. Wer will daS nächste 
Mal mir? 
Wa« sollen wir lange vom Frauenturnen reden? unS 
tut j?de Schwester leid, die ek nicht kennt und nicht pflegt. 
Kommt zu unS und seht, turnt mit und fühlt e«, e« gibt 
nichts Herrlicheres als daS 
Frauenturnen im Turnverein! 
«Lokales- 
l« Äknrck ssieiei '’-OtlglKalaittfei an» ntt Querie-iacr-ab- gebart- ) 
o Die nächste Gemeindevertrete»fitzung findet 
am DonuerStag, dem 23. Januar 1913, Abends 7 Uhr, 
im Sitzungisaal deS ReformreolaymnasiumS (Homuth- 
straße) statt. Die Tagesordnung finden unsere Leser im 
Anzeigenteil dieser Z itung. 
o Gewerbetreibende! lasrt die Maße «nd 
Gewichte eichen! Der Eichmeister ist zur Zeit in 
Friedenau, Niedstraße 2, anwesend. Die Gewerbetreibenden 
sind vecpfl'.chtet, die Maße, Gewichte und Wiegeschalen zur 
Nacheichung dem Eichmeister vorzulegen. BiS jetzt haben 
erst sehr wenige Gewerbetreibende diese Nacheichung vor 
nehmen lassen. ES ist aber wünschenswert, daß unsere 
Gewerbetreibenden rechtzeitig die Maße und Gewichte vor 
legen. da e« möglich wäre, daß der E-chmeister in den 
hat, und der ihm nie von der Seite weicht. Es ist mir 
ein Rätsel warum, denn meiner Ansicht nach ist er so 
gesund wie ein Fisch. Der Arzt heißt Doktor Julius 
Peufold." 
„Donnerwetter!" rief Robert aufgeregt, „das muß doch 
der berühmte Sportsmann sein! Ein entzückender Mensch, 
wenn alles wahr ist, was die Sportzeitungen von ihm 
sagen. Aber," fügte der junge Mann in einer plötzlichen 
Anwandlung von Eifersucht hinzu: „Das hast du wohl 
schon selber herausgefunden?" 
„Jawohl, mein lieber Nob, ich bin schon halb verliebt 
in ihn. Ich warte nur auf eine günstige Gelegenheit, um 
ihn zu bitten, sich mit mir gegen Trenkley zu verbünden." 
„Ich springe sofort herunter und zwinge dich, das zu 
widerrufen. Wenn ich mir den Hals breche —" 
Er hielt plötzlich ein, — denn der Finger dxs jungen 
Mädchens hatte sich warnend auf ihre Lippen gelegt. Sie 
hatte nämlich entdeckt, daß sich von der Gartentür her ein 
kleiner Mann in einem schäbigen schwarzen Rock und ein 
großer Mann in Iagdkleidung ihnen näherten. Der kleine 
Lehrer harte rotes Haar und machte mit seinen schleichen 
den Bewegungen ein wenig den Eindruck eines Fuchses. 
Der Herr an seiner Seite, wenn auch seine Kleidung 
ziemlich mitgenommen aussah, konnte doch den vornehmen 
Herrn nicht verleugnen. Er ging mit großen, festen Schritten 
und sah aus, als habe er das Leben von verschiedenen 
Seiten kennen gelernt, und als habe er sich mehr in der 
frischen Luft bewegt als in geschlossenen Räumen. Das 
aristokratische Gesicht trug die Spuren früheren aus 
schweifenden Lebens und zeigte einen weltverachtenden Aus 
druck. — 
„Dein Vater und Sir Harry Dunloo kommen," rief 
Nora dem jungen Mann zu. „Ich mache mich davon, und 
du wirft dich auch besser zurückziehen." 
Widerwillig und nur der Macht der Umstände ge 
horchend, schloß Robert die Tür und blieb auf dem nun 
dunklen Heuboden horchend stehen. Er hörte, wie die 
äußere 5)oftür, die auf die Landstraße führte, leise in den
        
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