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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

noch garnicht festgesetzt. Zum Schluß bittet er, für die 
Landkrankenkasse zu stimmen. Schöffe v. Wrochem erklärt, 
er wolle keine Rede zum Fenster hinaushalten, er möchte 
die Frage des Abonnementsvereins klarstellen. Der Abonne- 
mcntsverein habe in den ablehnenden Beschlüssen in den 
anderen Orten eine Rolle gespielt, da man annahm, daß 
dieser Verein als Kasse genehmigt würde und damit wäre 
denn auch tatsächlich jede Erörterung über eine Landkranken 
kasse überflüssig, da diese dann unrentabel sein würde. Die 
Frage über die Versicherungsbefreiung habe nach dem Vorstand 
der Ortskrankenkasse letztenendes das Oberversicherungsamt 
zu entscheiden. Das sei aber nicht so aufzufassen, daß das 
Versicherungsamt die Prüfung übernimmt, sondern daß dieses 
nur prüft, ob die gesetzlichen Bestimmungen nicht verletzt 
sind. Die Dienstherrschaften werden also ihre Verhältnisse 
vor den Vorstand der Ortskrankenkasse darlegen müssen und 
es bleibt fraglich, ob sie sich der Prüftmg ihrer Verhältnisse 
vor dieser Oeffentlichkeit unterziehen werden. Wenn der 
Abonnementsverein glaube weiter bestehen zu können, hätte 
er sich sicher bei der Gemeinde bemüht. Er habe um eine 
Auskunft vor längerer Zeit gebeten, warte aber noch heute 
auf die Antwort. Der Abonnemcntsverein sehe wohl ein, 
daß er ans seiner günstigen Position gedrängt werde. Da 
also mit dem Abonncmentsverein nicht mehr zu rechnen sei, 
halte er es für richtig, daß man für die Errichtung einer 
Landkrankenkasse eintrete. Die Kasse werde sicher Ueberschüsse 
bringen. G.-V. Richter hebt hervor, daß man aus sozial 
politischen Gründen für die Allgemeine Ortskrankenkasse sein 
müsse. Er müsse auch entschieden dagegen auftreten, daß 
bei der Landkrankenkasse die Beiträge niedriger wären als 
bei der Ortskrankenkasse. Eine behördliche Verwaltung sei 
doch immer teurer, als eine Selbstverwaltung. (Zuruf: 
Sehr richtig.) Man wäre im Ausschuß sich darüber einig 
gewesen, daß die ganze Sache einfach eine finanzielle Frage 
sei. Wenn sich der Herr Bürgermeister auf das Ober 
versicherungsamt beruft, so möchte er betonen, daß sich der 
Präsident aus rein sachlichen Gründen gegen eine Zer 
splitterung gewendet und das auch gegenüber dem Borstande 
der Ortskrankenkassc zirm Ausdruck gebracht habe. Wenn 
der Herr Bürgermeister mit dem Präsidenten eine Unter 
redung gehabt habe, die iin anderen Sinne verlief, so müsse 
der Herr Bürgermeister diese Idee der Landkrankenkasse dem 
Präsidenten suggeriert haben. Gerade die Aeußerung des 
Präsidenten gegenüber der Ortskrankenkasse habe den 
Vorstand veranlaßt, bereits an die Erweiterung der Kassen 
räume zu denken. Friedenall liege doch nicht auf dem 
Monde, wenn der Herr Bürgermeister sage, die sozial 
politischen Vestrebuligcn gelten für alle Welt, nur für 
Friedenau nicht. Wenn ferner die Berechnung der Kasse 
von dem Herrn Bürgermeister bemängelt würde, so rechne 
doch auch der Geineindevorstand nur mit angenommenen 
Zahlen. Er möchte auch mal fragen, welche Herrschaft den 
voiu Herrn Bürgermeister genannten Lohnsatz von 25, 27, 
HO M. usw. zahlt, das werden sehr wenige in Friedenau 
sein (Widerspruch). Wenn gesagt wurde, das Minus treffe 
nicht zu, so sage er, der Ueberschuß komme erst recht 
nicht in Betracht. Die Ortskrankenkasse habe doch bereits 
verschiedene Einrichtungen, die die Landkrankenkasse erst 
schaffen müsse. Man sollte dahxr^h.ec,OrtskrPzkei^gssL die 
Hand bieten, um solche segensreichen Einrichtungen zu 
unterstützen. Er hebt hervor, daß Berlin, Chorlottenburg, 
Schöncberg, Steglitz, der gesmnte Kreis Niederbarnim, 
Köln usw. sämtlich die Landkrankenkasse abgelehnt haben. 
Nur Wilmersdorf, das durch seine sozialpolitische 
Rückständigkeit bekannt ist (Zurufe, Widerspruch) habe 
die Landkrankeilkasse beschlossen. Ja, Wilmersdorf sei rück 
ständig, diese reichste Gemeinde Preußens habe noch nicht 
einmal ein Krankenhaus, eine Badeanstalt usw. Wenn das 
zum Ruhm Wilmersdorfs sein soll? Er bleibe dabei, 
daß Wilmersdorf sozialpolitisch rückständig sei. Im 
Ausschuß ivurde alles eingehend besprochen und auch fest 
gestellt, daß in der Ortskrankenkasse keine Mißstände be 
stehen. Es seien also einfach politische Gründe, die hier 
mitsprechen. Zu seiner Freude habe sich auch der Aerzte- 
vcrein gegen die Landkrankenkasse ausgesprochen,' wenn die 
Fachleute so beschließen, sollte dem doch Rechnung getragen 
werden. Der Redner wird wiederholt durch Zuruf und 
Lachen des Schöffen Draeger unterbrochen. Als der Redner 
weiter von den Hausbesitzern und die Begründungen von 
Vorlagen durch Fachleute spricht, wird er aberinals vom 
Schöffen Draeger durch den Zuruf: „Jeder für sich" unter 
brochen. G.-V. Richter wendet sich gegen diese persön 
lichen Zurufe, er müsse dem ernstlich ividersprechen. Herr 
Draeger scheine garnicht zu wissen, was persönlich sei. 
Bürgermeister Walger (unterbrechend): „Ich bitte Sie, 
sachlich zu bleiben. G.-V. Kalkbrenner: Wer hat denn 
das Wort: Herr Richter oder Herr Draeger?) G.-V. 
Richter: Ich stelle hiermit das Benehmen des Herrn 
Schöffen Draeger an den Pranger. (G.-V. Kalkbrenner 
u. a.: Sehr gut); wir sind verpflichtet, ernsthaft an eine 
Sache heranzugehen und nicht wie es Herr Draeger tut, sie 
ins Lächerliche zu ziehen. (Zuruf: Sehr richtig.) — Wie 
alle Gemeinden, müssen auch wir uns gegen die Land- 
krankenkasse erklären. Die Landkrankenkasse ist ein Gebilde, 
das die Agrarier in die Versicherungsordnuug mit hinein 
geschmuggelt haben. habe niemand dabei daran gedacht, 
daß Orte wie Friedenau daran denken könnten, eine der 
artige Kasse anzulegen. Was die Versicherungsfreiheit an 
betreffe, so misse er nicht, wer wohl nachsichtiger sein werde, 
die Selbstverwaltung oder die Behörde? Die Herrschaften 
iverden lieber den Bürgern als dem Steuermann einer Be 
hörde Auskunft geben. Er fordert auf, die Landkranken 
kasse abzulehnen. Bürgermeister Walger erklärt, daß er 
dem Präsidenten des Oberversicherungsamtes nicht in die 
Hand gegeben habe, die Landkrankenkasse zu genehmigen. 
Er habe s. Zt. ein Schreiben durch den Landrat abgesandt, 
daß, da wir noch keine Aufforderung erhalten hatten, über die 
Errichtung einer Landkrankenkasse ein Beschluß noch nicht gefaßt 
worden sei. Das Schreiben könne in den Akten nachgesehen 
werden. Er habe nun kürzlich vom Präsidenten eine Aufforderung 
bekommen hinzukommen, um klar zu legen, warum noch 
kein Beschluß gefaßt worden sei imd sei nun ersucht worden, 
einen Beschluß herbeizuführen. Eine Suggestion sei voll 
kommen ausgeschlossen. Was die Ausführungen des Herrn 
Richter über die Behandlung der Frage im Finanzausschuß 
anbetrifft, so habe der Finanzausschuß beschlossen, der Ge 
meindevertretung die Errichtung der Ortskrankenkasse zu 
enipfehlen. Er stehe auch uoch auf dem Standpunkt, daß 
eine große Kasse zu empfehlen sei. Hier in diesem Punkte 
müsse man aber von diesem Gesichtspunkte abweichen, weil 
man der Bürgerschaft dadurch die Versicherung der Dienst 
boten verbilligcre. Herr Richter habe dann von einem Beschluß 
des Aerztevereins gesprochen, er behaupte, daß der Aerzte- 
verein einen solchen Beschluß nicht gefaßt habe. Ein Arzt, 
der sich erst schriftlich für die Landkrankenkasse erklärt habe, 
habe nachträglich geschrieben, er müßte jetzt seine Ansicht 
ändern und sei nun für die Allgemeine Krankenkasse. Wenn 
Wilmersdorf Rückständigkeit vorgeworfen wurde in sozial 
politischer Hinsicht, weil es kein Krankenhaus habe, so habe 
Wilmersdorf doch die Krankenkenversicherung genau so wie 
wir (G.-V. Richter: Wir gehören zum Kreis). Wilmersdorf 
muß doch auch zum Kreis zahlen und hat dafür die Betten 
im Groß-Lichterfelder Krankenhause. Er sei zwar nicht 
befugt, für Wilmersdorf hier einzutreten, er müsse aber, 
wenn solche Angriffe hier laut werden, erklären, daß 
Wilmersdorf durchaus vernünftig auf sozialpolitischem Ge 
biete fortschreitet. G.-V. Kalkbrenner meint, man solle 
doch auch an die Gewerbetreibenden denken, die die hohen 
Beitrüge für die Ortskrankenkasse aufzubringen hätten. Man 
sollte da die guten Risiken der Ortskrankenkasse zuführen, 
um die Gewerbetreibenden zu entlasten. Auf der einen 
Seite die Furcht vor den „Herrschaften", auf der anderen 
Seite aber fürchtet man nicht die Mehrbelastung 
der Gewerbetreibenden. Herr Richter habe auf die Sozial 
politik hingewiesen, der Herr Bürgermeister habe in 
seiner Jubiläumsrede die Sozialpolitik gelobt, ans große 
Ganze müsse man sich anschließen. Wenn man Gutes tun 
wolle, dann schaffe man etwas Ganzes. Jetzt schließt sich 
auch der Herr Bürgermeister dem Lachen an, das wir dort 
drüben stets vor Augen haben. (Zuruf des Schössen Draeger. 
Bürgermeister Walger ersucht den G.-V. Kalkbrenner, mög 
lichst sachlich zu bleiben und sich nicht durch Zwischenrufe 
stören zu lassen.) G.-V. Kalkbrenner: Ich bitte dann, 
die Zwischenrufe zu unterlassen, besonders dort aus jener 
Ecke am Vorstandstisch. Die Verbesserungen der Ortskranken- 
kasse wurden hervorgehoben. Die Landkrankenkasse soll sie 
auch erhalten. Die Ortskrankenkaffe habe ein Genesungsheim, 
auch das müsse die Landkrankenkasse erst schaffen und da 
werden natürlich die Beiträge höhere werden. Er meint 
dann, warum der Bürgermeister nicht auch bei anderen 
Dienstbotenkrankenkassen wegen der Krankenziffer angefragt 
habe, warum nur bei der Teltower. Vielleicht ergebe sich 
dann ein anderes Bild. Die Vorschriften über die Ver- 
sicherungsfrciheit gelten doch genau auch für die Landkranken 
kasse. Er wendet sich dann gegen die von Herrn Bürger 
meister Walger genannten hohen Lohnsätze der Dienstmädchen, 
die er bezweifelt. Wenn man nur experimentieren wolle, 
so experimentiere man doch so, daß man zunächst die All 
gemeine Kasse einrichtet, bewährt sich die Sache nicht, so 
errichte man später die Landkrankeukasse (Zuruf: Dürfen 
wir nicht). Wo steht das, das steht nirgends. Er bittet, 
die Laudkxgnkeusaffe abzulehnen. G.-V. Dr. 2»hu.rmann 
berichtet über die Verhandlungen inr Aerzteverein. Es kamen 
da auch die Kassenangelegenheiten zur Sprache, und im 
Laufe der ersten Aussprache entschied inan sich für die Land- 
krankenkasse (hört, hört! am Vorstandstisch); dann hatte man 
inzwischen anch die neuen Satzungen der Ortskrankenkasse 
erhalten und daraus ersehen, daß gute allgemeine soziale 
Gesichtspunkte, die in der Tat sehr weitgehend sind, dort 
bestehen. Aber schließlich wäre man doch wieder in der. 
Mehrzahl, zu etwa 9 / 10 , wieder auf dein alten Standpunkt 
angelangt und habe sich für die Landkrankcnkassc erklärt 
(Zuruf: Nochmals hört, hört). Schöffe Lichtheim bemerkt 
bzgl. der Dienstbotenlöhne, daß der vom Bürgermeister an 
geführte Durchschnittslohn von 21 M. sehr niedrig wäre, 
in Wirklichkeit werde mehr gezahlt. G.-V. Richter be 
mängelt, daß der Bürgermeister nur einzelne Zahlen genannt 
und einzelne Berufe hervorgehoben hätte, er hätte alle 
Krankenkassenzahlen angeben sollen. (Bürgermeister Walger: 
Vielleicht können Sie mehr Zahlen angeben, ich sehe ja, daß 
Ihnen fortwährend Zettel ans dem Zuschauerraum übergeben 
werden, vielleicht sind sie da besser unterrichtet.) Ich habe nur 
einen Zettel soeben erhalten, das wird wohl gestattet sein, 
obwohl ich kein Freund von solcher Sache bin. (Bürgermeister 
Walger: Ich Habeja nichtgesagt, daß es nichtgestattet ist, sondern 
daß Sie wohl besser unterrichtet sind, weil Ihnen fortwährend 
Zettel herüber gereicht werden.) Ich habe nur einen Zettel 
erhalten. (Bürgermeister Walger: Es ist wiederholt ge 
schehen.) Ich erkläre, daß ich nur einen Zettel erhalten 
habe. (Bürgermeister Walger: Die Herren hier am Vor 
standstisch haben auch gesehen, daß es wiederholt geschehen 
ist.) Dann müßte ich doch davon etwas wissen. Da weiß ich 
nicht, was ich dazu sagen soll. — Der Herr Bürgermeister 
habe Wilmersdorf rühmend hervorgehoben. Das Lichter- 
felder Krankenhaus ist ständig überfüllt, warum? weil Wil 
mersdorf dort seine Kranken hinschickt, da müssen die Kranken 
aus dem Kreis, auch aus Friedenau zurückstehen. Nur weil 
Wilniersdorf seine sozialpolitische Pflicht nicht erfüllt. — 
Es geht nun ein Schlußantrag ein, der angenommen wird. 
G.-V. Kalkbrenner beantragt namentliche Abstimmung. 
Bürgermeister Walger erklärt, er verzichte auf das Schluß 
wort, besonders auf eine Erwiderung der persönlichen An 
griffe der G.-V. Richter und Kalkbrenner. Es stimmen für 
die Landkrankenkasse: Bürgermeister Walger, Schöffen 
Bache, Draeger, Lichtheim, Wvssidlo, Sadee, v. Wrochem, 
Eggert, Heise, Kunow, Lehment, Dr. Lohmann, Matthies, 
Sachs, Schönknecht, Schultz, Stöcker und Dr. Thurmann; 
dagegen stimmen die G.-V. Berger, Dreger, Finke, Haustein, 
Huhn, Kalkbrenner, Ott, Richter und Wermke. Mit 18 
gegen 9 Stimmen ist also die Errichtung der Landkrankcn- 
kasse genehmigt. 
Die Punkte 9 und 10 werden, da sich ergibt, daß sie 
lange Erörterungen zeitigen werden, bis zur nächsten 
Sitzung vertagt. 
Für die Errichtung eines Zeltes auf dem hiesigen 
Friedhof während des Umbaues der Kapelle werden 250 M. 
bewilligt. 
Bürgermeister Walger bittet um die Zustimmung, daß 
die Mitglieder des Feuerlöschausschusses nach Leipzig zur 
Feuerivehrausstellung auf zwei Tage fahren. G.-B. Ott ist 
gegen die Entsendung. S. Zt., als vorgeschlagen wurde, 
den Straßenreinigungsausschuß nach Dresden zu schicken, 
wurden zwei Herren dorthin entsandt, die mit der Straßen 
reinigung nichts zu tun hatten. Bürgermeister Walger 
gibt zu, daß man damals einen Fehler gemacht habe, Herr 
Ött wolle nun jetzt aber den Fehler wiederholen. _ G.-V. 
Ott: Er sei nicht für den ganzen Ausschuß, halte vielmehr 
es für genügend, wenn 4 Herren hinfahren. Der Antrag, 
den gesamten Ausschuß zu entsenden, wird mit 12 gegen 
13 Stimmen abgelehnt. Dagegen wird der Antrag Ott, 
den Obcrbrandmeister und 3 Gemeindeverordnete nach Leipzig 
zu entsenden, angenommen. 
Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls wird 
die öffentliche Sitzung gegen s / 4 12 Uhr geschlossen. Es 
folgt eine geheime Sitzung. 
Die bunte CCTocbe 
Plauderei für den „Fricdenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 20. Juni. 
Die feinnervigen Bewohner der Brunnenstraße. — Der „all 
abendliche Vorleser". — Wie Frauen die Zeitungen lesen. — 
Der Kampf der Pneumatikfirmcn. — Tie geplatzten Renen. — 
Die Panne Gcrhart Hauptmanns. — Das anmaßende Berlin. 
Ter über Gebühr aufgebauschte Straßenbahnunfall, der sich 
vor wenigen Tagen in der Brunnenstraße ereignete, hat jetzt Folgen 
gezeitigt, 'in denen Aussichten auf einen neuen Beruf in Berlin er 
öffnet werden. 
Es stießen dort zwei Straßenbahnwagen zusammen, in denen 
einige vierzig Menschen saßen. Abgesehen von vier Verletzten, 
kamen die andern Fahrgäste mit dem bloßen Schrecken davon. 
Aber die entsprechenden Nervenschocks, die Schreckzustände und 
Veitstänze stellten sich erst später ein, als man daran dachte, von 
der Direktion der Großen Berliner Straßenbahngesellschast eine 
Entschädigung, oder gar eine kleine behagliche Jahresrente auf 
Lebensdauer zu beziehen. 
Tatsache ist, daß die genannte Direktion jetzt über 
schwemmt wird mit Schadenersatzansprüchen von Leuten, 
die an jenem Morgen „mit dabei" waren. Robuste Anwohner der 
Ackerstraße zeigen auf einmal ein ungemein empfindliches Nerven 
system und die Frau Hulda Kulicke, verwitwete Negendauk, ge 
schiedene Buttzenmcyer kommt zu der späten Erkenntnis, daß die 
nervösen Zuckungen ihres wohlfrisierten Kopfes weniger aus den 
Alkohol, als auf jenen Straßenbahnzusammenstoß zurückzuführen sind. 
Tie Weltstadt zeitigt ja so viele neue Berufe, daß cs auf einen 
mehr oder weniger nicht ankommt. Gestern bot sich ein „Zeitungs 
vorleser" durch eine Anzeige in einem der größten Lokalblätter 
Berlins an. 
Er schrieb von der „Hast des Tages" und der „allgemeinen 
Ermüdung", von der inangclndcn Zeit nach des Tages Last und 
der nicht vorhandenen Lust, dann noch die Zeitnitgcn zu lesen. 
Er schafft Hilfe und Rat. 
„Sagen Sie mir, ivas Sie interessiert und ich komme allabend 
lich zu irgend einer gewünschten Zeit zu Ihnen ins Haus und lese 
Ihnen Ihr Blatt vor. Ich lese Ihnen zuerst die Spitzmarken und 
Ueberschriften irnd dann sagen Sie inir, für welche Aufsätze Sie 
besonderes Interesse haben." 
Der „beschädigte Fahrgast" und der „allabendliche Vorleser" 
sind ohne Frage Erscheinungen, die nur auf dem heißen Boden 
des spiegelglatten Berliner Asphalts herausgeboren werden können. 
Ganz abgesehen davon, daß der findige Vorleser die Zeichen 
der Zeit weise zu deuten versteht. Er spekuliert auf die immer 
inehr zunehmende Bcguemlichkcit gewisser Kreise und auf die psy 
chologisch intcressnute Tatsache, daß die wenigsten Menschen 
im Stande sind, eine Zeitung richtig zu lesen! 
Jede Redaktion hat schon in hunderten, ja in tausenden von 
Fällen auf Einwendungen sagen müssen: „Aber Mensch! Das stand 
doch gar nicht in unserm Blatt! Was haben Sie da wieder einmal 
gelesen!" 
Und wie die lieben Frauen die Zeitungen lesen, ist ja als 
heiteres und betrübendes Kapitel im Erdcnleben hinreichend bekannt. 
Da nützt auch der „allabendliche" Vorleser nichts. Wer's nicht 
glauben will, versuche das nachstehende Familienidyl auf sein 
eigenes Heim zu übertragen 
Der Gatte saß im Klubsessel und las die Ereignisse vom Tage 
der kleinen Frau vor, die am Fenster saß und über die Bäunic des 
freien Platzes hinausträumte, der sich vor ihrem Hause breitete. 
Er hielt von Zeit zu Zeit inue und warf eine Frage dazwischen. 
Ans der Art der Antworten mußte er Zweifel hegen, daß sie bei 
der Sache war. Ep machte ihr zarte Vorwürfe darüber, daß sie 
ihre Gedanken wo ganz anders habe, ivas sie aber energisch ver 
neinte und betonte, jedes Wort gehört zu haben, ivoraus er 
weiterlas 
Nach fünf Minuten stockte er iviedcr und sah sie von der Seite 
über das Blatt hinüber an. Er bemerkte einen weltfremden Zug 
in ihren Augen, der jhm die Gewißheit gab, daß ihre Gedanken 
sicher nicht bei den lokalen Ereignissen hafteten. So wendete er 
geräuschvoll eine Seite um, — um die kleine Pause glaubhaft zu 
machen, und fuhr daun fort: 
„Letzte Nacht, etwa um dreiviertel siebzehn Uhr gegen Mittag, 
ein paar Minuten vor der üblichen Friihstückszcit, kaufte ein 
kleiner Junge im Alter von 65 Jahren einen Korb voll Spiritus 
und warf ihn mit einem Schrei des Entsetzens über eine Mauer 
von mindestens 20 Meter Zelsius. Nach weiteren zwanzig Jahren, 
am gleichen Tage und zur gleichen Stunde, brütete eine Gans 
drei kleine Elefantenküken aus. Aber ein starker Windstoß kam 
auf und tötete drei eiserne Modellpuppen eines Modewarcn- 
geschäftcs, die im Begriff waren, aus dem Schaufenster heraus 
das Gleise der Obergrundbnhn zu unterschreiten." . . . 
„Was sagst Tu dazu, Schatz?" fragte er plötzlich 
Sie fuhr zusammen, drehte sich um und sagte lächelnd: 
„Das wäre doch ein ausgezeichueter Kauf, Heinrich. Nimm 
doch gleich ein Dutzend, iveil Deine Hemden doch wirklich zur Neige 
gehen " 
lind da sage einer, daß der Berus des Vorlesers keine Be 
rechtigung hat! Zum mindesten wird der Mann so viel wirken 
können, wie der „Mitfahrer" für Automobilisten, der sich im 
gleichen Blatt empfohlen hat. Wieder ein echtes Stück Berlin. 
„Als Mitfahrer für Automobilisten empfiehlt sich ein gebil 
deter Mechaniker. Bei etwa eintretenden Panncir unentbehrlich. 
Guter Gesellschafter mit bescheidenen Ansprüchen" . . ; 
Aus dem Inserat geht nun nicht klar hervor, ob der Mann 
hinten oder vorne im Auto sitzen will. Nach der Vorkehrung seiner 
gesellschaftlichen Talente zu urteilen, beansprucht er wohl einen Sitz 
hinter dem Chauffeur, der doch eigentlich bisher bei „Pannen" dem 
Wagen wieder auf die Beine geholfen hat! 
Aber wer weiß, ob nicht auch dieser Mann in Zukunft seine 
lohnende Beschäftigung finden wird! Augenblicklich ist ja ein 
mörderischer Konkurrenzkampf zwischen den Pneumatik 
firmen entbrannt. Eine französische Firma sing an, die Preise für 
Autoreifen in einer Art herabzusetzen, bei der ohne Frage zugesetzt 
werden nkuß. Es blieb jetzt den deutschen Konkurrenzfirmen nichts 
anderes übrig, als zu folgen. 
In Berlin zeitigt dieser unerquickliche Kampf einer bedeutenden 
Industrie liebliche Blüten. 
Es fahren Reklameautos durch das Gewühl der Stadt, auf 
denen in grellen Lettern die Vorzüge der eigenen Pneumatiks ge 
schildert werden. Daß vorgestern aber an der Ecke Mohren- und 
Friedrichstratze der rechte Vorderreifen eines solchen Wagens platzte, 
ist ein liebenswürdiges (Spiel des neckischen Zufalls, über das sich 
vor allem die deutschen Firmen weidlich freuen müßten!
        
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