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Periodical volume Nr. 144, 22.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

o Mit mehreren Grnndftncksangcbotcn beschäftigte 
sich nnscre Gemeindevertretung in der- letzten geheimen 
Sitzung. Auch zur Erweiterung des Gütergotzer Friedhofs 
war ein angrenzendes Grundstück angeboten worden. 
Sämtliche Angebote wurden von der Gemeindevertretung 
abgelehnt. 
v Die Flugzeit der Blutlaus hat begonnen. Besitzer 
von Obst- und Ziergärten werden daher gut tun. ihre Bäume 
auf das Vorhandensein jener schädlichen Insekten zu unter 
suchen und die Blutlaus beim Vorkommen am besten durch 
Petroleum zu vernichten. 
o (riue große gemeinschaftliche Sanitätsubuug ver 
anstalten die Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz von Berlin 
(Kriegerkolonne), Wilmersdorf, Zehlendorf, Berlin-Frie 
denau, Charlottenburg, der Verband der Genossenschaft 
freiwilliger Krankenpfleger im Kriege vom Noten Kreuz in 
Spandau, ferner die Vaterländischen Frauenvereine von 
Wilmersdorf, Waidmannslust und Charlottenburg am 
Sonntag, dem 22. Juni, Mittags 12 l / 2 Uhr, auf dem 
kleinen Militär-Uebungsplatz an der Mollwitzstraße in Char 
lottenburg. 
o Das Fest der Silberhochzeit begehen am Montag, 
dem 23. d. M., das hierorts allbekannte Albert Neitzel'sche 
Ehepaar, Stierftr. 0. Aus den kleinsten und bescheidensten 
Anfängen hat Herr Neitzel in treuer Mitarbeit seiner Ehefrau 
es verstanden, sein Kohlcngeschäst zu einem angesehenen, 
wenn auch persönlich arbeitsreichen emporzuheben. Dem 
Jubelpaare unsere herzlichen Wünsche! 
o Firmenenltragmlg. Nr. 41 128. Carl Büchle, 
Berlin-Friedenau. Inhaber: Carl Büchle, Buchhändler, 
Berlin-Friedenau. 
o Falsches Geld. Falsche Zwei- und Fiinftnarkstiicke 
werben in letzter Zeit wieder vielfach in den Verkehr ge 
bracht. Die Ansftihrung der Geldstücke ist wohl mit großer 
Sorgfältigkeit vorgenommen worden, doch weisen sie einen 
Fettglanz auf, der bei näherem Hinsehen deutlich zu er 
kennen ist. Die Umrandung der Falschstücke ist nicht so gut, 
wie bei den echten Münzen. 
o Der Friedenauer Bürgerverein veranstaltet eine 
Besichtigung des Gemeinde-Friedhofgeländes in Gütergotz 
und des Synodalfriedhofes in Stahnsdorf ■ am Mittwoch, 
dem 25. Juni 1913. Abfahrt von Friedenau: 3.39 Uhr 
Nachm» vom Wnnnnseebahnhof Friedenau, Ankunft in 
Wannsee 4.08 Min., Abfahrt von Wannsee 4.10 Min., 
Ankunft in Stahnsdorf 4.24 Min. Die Führung durch die 
Friedhofsanlagen hat in liebenswürdiger Weise Herr Schöffe 
Lichtheim iibernvmmen. Rückfahrt von Stahnsdorf 7.02 
Min. Abends. Ankunft in Wannsee 7.09 Min. In 
Wannsee zwangloses Beisammensein der Mitglieder im 
„Kaiserpavillon". Die Rückfahrt nach Friedenau kann mit 
jedem beliebigen Zuge erfolgen. Da die Besichtigung sehr 
interessant zu werden verspricht, bittet der Vorstand um 
einen- recht zahlreichen Besuch der Mitglieder mit ihren An 
gehörigen und Freunden. Gäste sind willkommen. 
o Der Krieger- und Laudwehr-Vereiu beteiligt sich 
morgen (Sonntag) an dem Fest der Fahnenweihe des Krieger 
vereins in Hoherlehme-Wildan. .Die Kameraden versanunlen. 
sich Vormittags um 11 Uhr im Vereinslvknl Hohenzollcrn. 
Abfahrt vom Görlitzer Bahnhof um 1 Uhr. Es ist zahl 
reiche Beteiligung sehr erwünscht. 
o Das Sommerfest des Evaug. Arbeitervereins wird 
am Sonntag, dem 22. d. Mts., durch einen Familienaus 
flug nach dem Restaurant „Waldesruh" in Zehlendorf 
(Mitte). Machnowerstraffe, begangen. Treffpunkt dortselbst 
an gemeinschaftlicher Kaffeetafel bis 5 Uhr, alsdann Spiele 
uiit Gewinnen bis 7 Uhr, denen sich das gemeinsame 
Abendbrot anschließt. Gäste sind gern willkommen. 
v Die Bierstube n In Aschinger eröffnet. Der Be 
zirksausschuß zu Potsdam hat Herrn Restaurateur Richard 
Thiel die Konzession für sein Lokal „Zum kleinen Rats 
keller", Lauterstr. 14-15, am Marktplatz, erteilt. Die Be 
dürfnisfrage, die vorher der Amtsvorsteher und der Kreis 
ausschuß verneinte, wurde vom Bezirksausschuß bejaht. 
Herr Richard Thiel wird nun morgen (Sonntag) sein Lokal 
eröffnen. -Es ist in vornehmem Stil eingerichtet. Den heute an 
einen sRestaiurüivnsbctticb. auch in hygienischer Beziehung, 
gestellten Anforderungen, ist vollkommen Rechnung getragen. 
Elektrisches Licht erhellt Abends oder an finsteren Tagen die 
Räume; das große moderne Büfett ist mit den neuesten 
Warmhalteäpparaten ausgerüstet, wodurch es Herrn Thiel 
möglich ist, seinen Gästen jederzeit warme Speisen in vor 
züglicher Zubereitung und Beschaffenheit vorzusetzen. Daß 
natürlich auch kalte Speisen und das bekannte Aschingcr- 
Büfett nicht fehlen,, ist selbverständlich. Zum Ausschank 
gelangen Berliner Goldbier, Siechen und Pilsener Urquell. 
Ferner Apfelwein vom Faß und verschiedene alkoholfreie 
Getränke. In Likören wird eine reiche Auswahl geboten, 
als Spezialität führt Herr Thiel den bekannten Habel- 
Cognac. Besonders dem Marktpublikum, Verkäufern und 
Käufern, wird mit der Eröffnung des neuen Lokales sehr 
gedient sein. Aber auch , andere Gäste werden sich gern 
dort einfinden, um bei einem bestens gepflegten Glas Bier 
sich ein Brötchen oder auch eine billige warme Speise 
ivohlschmecken zu lassen. Denn billige Preise für gute 
Speisen, das wird der Grundsatz sein, nach dem Herr Thiel 
in seinem neuen Lokal handeln wird. Wir wünschen ihm 
in seinem jungen Unternehmen viel Glück. 
o Astn Nielsen, die hervorragende Kinokünstlerin, 
tritt in dem großen mimischen Drama „Augenblick", das 
gegenwärtig in den „Hohcnzollern-Lichtspielen" gezeigt wird, 
auf. Es ist dies eine ihrer besten Rollen. Ferner gelangt 
in dem genannten vornehmen Lichtspiel-Theater das spannende 
Draum „Zwei Welten" zur Ausführung. Wir möchten dann 
noch hinweisen auf die die einzelnen Bildern stilvoll be 
gleitende Musik, die von einem erstklassigen Kiinstlertrio 
unter Leitung des Herrn Willy Abigt, genannt der Geigen 
fürst, ausgeführt wird. Die Vorstellungen beginnen heute 
Abend 6 Uhr, morgen Sonntag Nachmittag 4 Uhr. 
o Die Psalzburg-Lichtspiele, Kaiseralleo 72, eröffnen 
heute wieder ihre Pforten. Sie werden während der 
Sommermonate jeden Sonnabend und Sonntag geöffnet 
sein und stets mit einem erstklassigen Programm aufwarten. 
Heute und morgen werden vorgeführt die Schlager: „Die 
Ehre des Bankiers", herrlich koloriertes Drama, ,,Die alte 
Schuld", ergreifendes Lebensbild, „Mar Linder auf Braut- 
schau", eine herliche Humoreske sowie weitere prächtige 
Bilder.. Heute Abend beginnt die Vorstellung um 7 Uhr, 
morgen um 3 Uhr. 
u Wohnnngsschwindler. Vor einiger Zeit mietete 
sich bei einer Familie R. in der Marksteinstraße in Steglitz 
der Gärtner Max K. aus Schivanenfeld bei Helmstedt mit 
seiner Ehefrau ein. Die Aftermieter entliehen sogar auch 
von der allzu bereiten Wirtin 25 ID!, bares Geld. Eines 
Tages jedoch fand die Wirtin in dem vermieteten Zimmer 
nur noch die Schlüssel vor. Das Ehepaar war mit seinen 
Sachen verschwunden. Die Prellerei dürfte auf strafrecht 
lichem Wege kaum verfolgbar sein; wenigstens seien hier 
die Friedenauer vor dein unsicheren Mieterpaar gewarnt. 
o Eigentümer gesucht! Vergangene Nacht gegen 
1 Uhr bemerkte der Wächter Migeod von der Nachtivach- 
Gesellschaft einen, Mann in der .Lanhacher. Straße, der 
mehrere Bündel schleppte. Der Wachmann sowie der zur 
Beaufsichtigung der Ansschachtungsarbeiten in- der Laubacher 
Straße gestellte Privatwächter versuchten den Verdächtigen 
zu stellen. Als dieser die Absicht der Wächter bemerkte, 
warf er die Bündel von sich, ergriff die Flucht nach der 
Richtung Schmargendorf zu und entkam leider. Die Bündel 
enthielten folgende Gegenstände: 1 Spiegel. 1 grauen 
Emailleeimer, 10 Teller, 3 Gläser, 1 Tasse, 3 Untertassen, 
2 Milchtöpfe, 3 Kochtöpfe, 1 Pfanne, 1 Brotbüchse mit 
Messern und Gabeln, 1 Tischdecke, 3 Kinderkleider und 
einige Schürzen. Vermutlich gehören die Sachen Lauben 
kolonisten in der Nachbarschaft der Laubacher Straße. Die 
Gegenstände ivnrden durch den Wachmann in der Polizei 
wache zu Friedenau abgegeben. 
o Eine Eifersuchtstat verübte gestern Mittag in 
Berlin an der Ecke Karl- und Albrechtstraße die hier in der 
Schöneberger Straße 7 a wohnhafte Frau des bei der A. E. G. 
am Friedrich-Karl-User beschäftigten Ingenieurs Udo Boldt. 
Die Frau glaubte, daß ihr Mann sie mit der in seinem 
Büro tätigen Kontoristin Gertrud Frische hintergehe und 
betrüge, was aber nicht der Fall war. Gestern Mittag, 
als Fräulein Frische vom Mittagessen ans einer Pension in 
der Oranienburger Straße zurückkehrte, sprang plötzlich Frau 
Boldt bis mif eine Entfernung von kaum 20 Zentimetern 
hinzu und gab unter dein Ruse, daß sie ihren Mann und 
ihr Glück geraubt habe, vier Revolverschüsse ans Fräulein 
Frische ab, che noch die Begleiter und die anderen Straßcn- 
passnntcn sie von ihrem Vorhaben abhalten konnten. Alle 
Schüsse trafen die Unglückliche: zwei drangen ihr in den 
Unterleib, einer ging in den linken Arm und der vierte 
streifte sie am Halse. Am gefährlichsten waren die beiden 
Schüsse, die in die Bauchhöhle eingedrungen waren. In 
der Charite-, wohin man sie sofort brachte, konnten ihr die 
Kugeln aber gleich nach der Aufnahme entfernt werden. 
Da die Schwerverletzte die Operation gut bestand, ist wohl 
kaum mehr Gefahr vorhanden, daß sie ihr Leben einbüßen 
muß. Nach diesem Anschlag entrissen Vorübergehende der 
sich ganz wahnsinnig gebärdenden Frau den Revolver und 
übergaben sie Schutzleuten, die sie nach dem Polizeirevier 
brachten. Hier gab sie nur kurz an, daß sie die Tat in 
sinnloser Eifersucht verübt habe, weil sie der Ueberzeugung 
sei, daß Fräulein Frische sie mit ihrem Manne betrüge! 
o Von einem Privatautomobil überfahren wurde 
gestern Abend gegen 8 Uhr in der Rheinstraße. am Markt 
platz. die etwa 40 Jahre alte Frau Döring, Wielandstr. 30 
wohnhaft. Die Unglückliche mußte erst unter dein Auto 
mobil hervorgezogen werden, sie erlitt schwere Verletzungen, 
anscheinend auch Rippenbrüche. Nachdem ihr auf der hiesigen 
Sanitätsmache durch den Arzt vom Rettungsdienst die erste 
Hilfe zuteil geworden, wurde sie nach dem Schöneberger 
Krankenhause in der Rubensstraße überführt. 
v Aus der Haft entlassen ivnrden die unter dem 
Verdacht, das Automvbilverbrechen in Grunemald begangen 
zu haben, festgenommen gewesenen Schlosser Schulz aus 
Schöneberg und Mechaniker Lemke. 
Ansknnftö- und Fnrforgestclle (Kaiscrallee 06), 
für Tuberkulöse: Aerztliche Sprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12—t, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12 — 1 Uhr, 
für Alkoholfranke: Aerztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
§ck)öueberg 
—o Der für Groß-Berlin ausgearbeitete neue Grund- 
lehrplan für die Volksschulen, wodurch die allgemeine Ein 
richtung des achtstusigen Systems an den Großberliner Ge 
meindeschulen erreicht werden soll, wurde vom Magistrat 
genehmigt. 
—v Mit der baldigen Beschaffung eines neuen Auto- 
mobillöschzuges fiir die Hanptfeuerwache erklärte sich der 
Magistrat grundsätzlich einverstanden und beauftragte die 
Feuerlösch-Deputativn mit den weiteren Vorarbeiten. 
—o Für dje Stelle einer technischen Lehrerin der 
Uhlandschule wählte der Magistrat die technische Volksschul- 
lohrcrin Fräulein- Vülcker. 
—o Handelsgerichtliche Eintragung. Bei Nr. 11 207. 
Cafs Woerz & Billard-Acadeiiiie Berlin, Nollendorfplatz, 
mit beschränkter Haftung. Der Frau Magdalene Gewolf, 
geb. Hofbaucr in Berlin-Schönebcrg ist Einzelprokura erteilt. 
Durch den Beschluß vom 9. Juni 1913 ist Z 7 de§ Gesell 
schaftsvertrages aufgehoben und ist über die Vertretungs 
befugnis folgendes bestimmt: Die Gesellschaft wird durch 
einen Geschäftsführer vertreten. Der Geschäftsfiihrer ist be 
richtigt, Prokuristen zu ernennen. Kaufleute Josef Peunekamp 
und Bernhard Bleckmann sind nicht mehr Geschäftsführer. 
GerickEckes 
(:)Ur. Schadenersatzklage bei zwei sich störenden öffentlichen An 
lagen. (Entscheidung des Reichsgerichts.) In einem im Kreis 
eigentum stehenden Chausscekörper hat zunächst die beklagte Gesell 
schaft zum Betrieb einer Kleinbahn ihre auf Schienenrückleitung 
eingerichtete elektrische Straßenbahn eingebaut. Demnächst sind Zn 
nicht gereuen soll," sagte, er als daS junge Mädchen ge 
endet. „Mas ich da von Ihnen gehört, habe, ist ohne allen 
Zweifel die merkwürdigste und romantischste Geschichte, von 
der ich je in meinem Leben Kenntnis erhalten. Und ein Arzt 
hört doch so mancherlei, was den Augen eines anderen 
Sterblichen verborgen bleibt. Ich glaube jetzt zn wissen, 
was ich zu tun habe. Tenn ich weiß, was Sie nicht wissen 
können, daß Vera da einen verzweifelten Schritt nntcr- 
nomnien hat im Interesse eines jungen Mannes, den sic.licbt. 
Und es kann nicht mein Wunsch fei», ihre Absichten zu 
durchkreuzen» auch wenn ich mit ihrem Plane nicht ein 
verstanden gewesen wäre, falls sic mich, vorher um meinen 
Rat gefragt hätte. — Sie dürfen unbesorgt sein, .Fräulein 
Harconrt — ich werde- Jyr Geheimnis nicht verraten." 
„Das ist sehr gut. von Ihnen» Herr Doktor! — Aber 
Sic dürfen mir nicht, zürnen, wenn, ich unbescheiden: genug 
bin, noch mehr von Ihnen zu verlangen." 
„Noch mehr? — Und das wäre?" 
„Wenn ich nicht trotz Ihrer gütigen Unterstützung 
sehr bald Schiffbruch leiden und wenn ich überhaupt daran 
denken soll, meine-Rolle noch länger durchzuführen, miiß ich 
Vera notwendig noch in dieser Nacht spreche», wäre es 
auch nur aus ein paar Minuten.. Und ich fürchte» daß man 
cs mir ohne eine gewichtige Fürsprache nicht gestatten würdet 
„Das ist allerdings sicher. — Aber sagen Sie mir doch. 
Sie mutiges kleines Fräulein, wie Sie cs ansaugen wollen, 
nach dem Charing Croß Hospital zu fahren^ ohne daß man 
Sie hier vermißt?" 
„Ich habe schon einen Plan," berichtete Jessie. „Ich ge 
denke mich dazu eines jungen Mannes zu bedienen, von dem 
ich allerdings vorläufig nichts anderes weiß, als daß man ihn 
mit dem Spitznamen Pongo bezeichnet, und daß er eine kleine 
Schwärmerei für Vera Galloway hat. Wenn er so harmlos 
ist, wie ich c§ vermute, werde ich mich getrost seinem guten 
Willen anvertrauen dürfen." 
„Cs ist Mr. George Lascclles, von drin Sie red n," 
sagte der Doktor. „In der Tat, ein guter Junge, obwohl 
mau sich iu der Gesellschaft vielfach dar ii gefallt, ihn als einen 
Einfaltspinsel zu behandeln. — Wenn er sich erst einmal 
verheiratet uub seinen eigenen Hausstand begründet hat. werden 
wir vermutlich anders von ihm denken. .— Aber wie wollen 
Sie tß .ansangen, ihn Ihren At sichten dienstbar zu '.machen?" 
Jessie erzäulte i,»i die Geschichte von dem Aulomoblt 
in der Straße Himer dc:n Hause. 
„Ich werde ihii vciaiilafsxii, mich mit aller Geschwindig 
keit, die er seinem Wagen zu geben vermag, »ach Charing 
Croß zu fahren. Und da ich sicherlich nicht mehr als wenige 
Minntcn brauchen werde, um mich mit Vera ju ver 
ständigen, kann ich reckn wohl ivicdcr zurück sein, noch ehe 
meine Abwesenheit Her bemerkt worden ist. — Sind Sic mit 
diesem Plane einverstanden, Herr Doktor?" 
«Was bleibt mir denn anders übrig, als ihm meine 
Zustimmung zu geben, nachdem Sic mich einmal gczwirngeil 
haben, Ihr Bundesgenosse zu werden?" erwiderte Doktor 
Varney lächelnd. «Sie sind ein so lliigcs nnd entschlossenes 
Mädchen, daß cs töricht wäre, sich Ihren Absichten zli 
widersetzen. — Ich werde also in die Bibliothek gehen, um 
Ihnen ein paar Zeilen aufzuschreiben, die Ihnen ohne 
weiteres Zutritt zu Vera Galtoivay verschaffen luerdcn. — 
Aber wenn mir noch vor wenig Stunden jemand gesagt hätte, 
daß ich mich in meinem Alter zu solchen Dingen hergeben 
iviirde —" 
Es sollte klingen, als ob er feine Willfährigkeit schon 
wieder halb und halb bereue. Aber Jessie brauchte ihn nur 
anzusehen, um die Gewißheit zn.erlangen, daß sie ans dieses 
Mannes Frenndschast nnd Zuverlässigkeit bauen dürfe wie aus 
einen Fehen. 
14. Kapitel. 
Jessie eilte in den Garten hinaus und, den näheren Weg 
über die Terrasse nehmend, znm Ansgang. George Lascclles 
begrüßte sie sehr freudig: Jessie aber erklärte ihm lächelnd, 
daß sic noch nicht fertig- sei. 
„Ich bin in einer Viertelstunde bestimmt hier," sagte 
sie. „Ich kanir leider nicht früher fort." 
Pongo versprach ihr, zu warten, bis sie kommen würde; 
sie solle sich nur clivas beeilen, denn er sei ja nicht einmal 
wie Ritter Toggcnbnrg imsiandck, seinen Hunger durch Wur 
zeln git stillen, da alle Gemüsehändler um diese Zeit bckannt- 
ticch geschlossen hätten. Jessie lachte; sie versprach noch einmal, 
ganz pünktlich zu seiiw und kehrte dann in das Hans zurück. 
Varney kam ihr an der Schwelle des Garrcnsaalcs 
entgegen, ein weißes Blättchen in der Hand. . 
er. „Cs werden Ihnen sicherlich leine Schivierigkeilen 1>creilct 
werden, wenn. Sic ihn vorweisen. — Aber so dürfen Sic nicht 
gehen. Cs ist kühl draußen, und Arie müssen sich einen 
Mantel umlegen." 
„Woher aber soll ich ein solches Kleidungsstück nehmen, 
ohne auszufallen?" fragte Jessie. 
Doktor Varney dachte einen Augenblick nach. Dann sagte er: 
„Kommen Sie in die Garderobe und nehmen Sic irgend 
einen Dameiimantel, der dort hängt! — Roch bricht niemand 
aus, es t|t gar keine Gefahr dabei: Sehr lange dürfen 
Sic jedoch auf keinen Fall fortbleiben." 
Jessie zögerte, diesem Rat zu folgen, mußte aber schließ 
lich doch cmschcu, daß sie in ihrem Ballkleid nicht fahren 
könne. Sie gingen durch mehrere Salons in den Empfangs, 
faal hinübcv, in dem-sie zu-ihrer Verwunderung die Mehrzahl 
der anwesenden Gäste um zwei Polizeibeamte und ein leb 
haft gcstlkulicrcndcs Mädchen in der Kleidung einer Zofe ver- 
samnwlt sahen, die ihnen offenbar irgend clivaS erzählte. 
Ein Legationssekretär, an Heu sich Varney mit einer Frage 
wandte, cvHävtc ihnen bereitwilligst bic Bebeutuna bes 
Auftritts.- J 
„$03 Mädchen ist die Zofe der Gräfin Saens," sagte 
er. „Es handelt sich, wenn ich den -Dialekt der Person recht 
verstanden habe, um einen- Einbruch. — Aoer da ist die 
Gram,! Nunwcrdcn wir ja wohl das Nähere erfahren." 
Die Gräfin kam lächelnd herein, voll allen- Seiten durch 
lebhafte Zurufe begrüßt. crie >var sthon — das war außer 
Zweifel; Jessie aber bemerkte, wie lall nnd hait ihre Augen 
bllckten. nnü ivie wenig liebcnswürdg ihr Lächeln ivar. 
. "2M-r ist sie?" fragte sie Varney leise. .Sahen Sie 
jemals fo unheimliche Augen?" 
»Ich, selbst weiß nichts Näheres von ihr," gab der 
Doktor ebenso leise zurück. „Sie ist ber Stern ber Saison- 
gefeiert und umschwärmt. Sie gibt Gesellschaften, die Un- 
flimmen kofven müssen. Aber man ivciß so ivenia ctivas 
Gewlfses über ihre Vergangenheit, als über die Quellen, aus 
denen ihre 'Jicrtitinncv geflossen sind." 
S.i. e >fc Halle wahrend dessen in großer Erregung ans 
ihre feyonc Hrrrin eingesprochen, diese aber, anscheinend sehr 
wenig aus der Fassung gebracht, schünclre den Kopf. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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