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Periodical volume Nr. 142, 19.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriederrarrer 
Unparteiische Zeitung für rmmunnle und bürgerliche 
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Nr. 142. 
Mertin-Ariedenau, Donnerstag, den 19. Juni 1913. 
29. Iayrg. 
vepelcken 
Letzte Nachrichten 
Johannisthal. Heute früh 3 l / 2 Uhr sind auf dein 
hiesigen Flugplatz der Ingenieur Krastel und sein Fluggast, 
der Werkmeister Gerbitz, mit einem Baumann-Freytag-Doppel- 
decker abgestürzt und getötet worden. 
Jena. Bei einem Brande, der heute nacht ein Wohn 
haus in Jena einäscherte, sind der 22 jährige Bahnarbeiter 
Anton Später aus Leißling bei Weißenfels und ein Säug 
ling verbrannt. Zwei Frauen wurden schwer verletzt. 
Neapel. Heute nacht um 3 Uhr kam, wahrscheinlich 
infolge von Kurzschluß, in zwei Schuppen der Firma Pattison, 
die auf dem Terrain des Marinearsenals liegen, ein Brand 
aus. Das Feuer sprang dann auf eine dritte Werkstätte, 
die den Staat gehört, über. Den vereinigten Anstrengungen 
der Feuerwehren, der Besatzungen der Schiffe und des 
Militärs gelang es gegen 1 / a 7 Uhr, des Feuers Herr zu 
werden. Auch die im Hafen liegenden deutschen Kriegs 
schiffe „Göben" und „Straßburg" leisteten Hilfe. Zehn 
Feuerwehrleute wurden verletzt. 
Braunschweig. Seit Dienstag Nachmittag war der 
sechsjährige Sohn des Tischlers Gontes vermißt worden. 
Als der Knabe Abends spät noch nicht nach Hause ge 
kommen war, begaben sich die Eltern auf die Suche, fanden 
ihr Kind aber nicht. Erst gestern Abend gegen 10 Uhr 
entdeckte man in einem Wandschrank der Gontes'schen 
Wohnung die Leiche des Knaben, der durch einen Revolver- 
schuß iu den Kopf und einen Stich mit einem dolchartigen 
Messer getötet worden ist. Der Tat dringend ver 
dächtig ist den „Braunschweiger Neuesten Nachrichten" 
zufolge, die Nichte des Kindes, eine Frau Marie Buschhorn, 
die sich seit drei Wochen bei den Eheleuten Gentes zu 
Besuch aufgehalten hatte. 
Hamburg. Der Dampfer „Imperator" ist gestern 
Abend lOi/, Uhr in Neuyork eingetroffen. 
Bochum. In der Gerberstraße hat gestern Abend 
10 Uhr der Arbeiter Rudolf Raphael nach kurzem Wortstreit 
seinen Sohn, den 25 Jahre alten Maurer Karl Raphael 
erstochen. Ein 12 jähriger Bruder des Getöteten, der 
Frieden stiften wollte, wurde durch einest Messerstich in den 
Arm gefährlich verletzt. Der Vater wurde verhaftet. 
Paris. Der Militärflieger Leutnant Person stürzte 
gestern in der Nähe von Nevers ans einer Höhe von 150 Metern , 
ab und erlitt lebensgefährliche Verletzungen. — In Etampes I 
ist der Flieger Dewewer aus einer Höhe von 50 Metern 
nbgestiirzt. Er war sofort tot. — Bei Amberien stürzte der 
Zivilflieger Jean ab und wurde schwer verletzt aufgefunden. 
Paris. Bei den gestrigen Schießübungen des 50. 
Artillerieregiments in Rennes krepierte aus bisher noch un 
bekannten Griinden eine Granate weit vor dem Ziele und ver 
letzte 50 Soldaten schwer. Zwei Mann sind so schwer ver 
wundet, daß ihr Zustand hoffnungslos erscheint. 
Anker der Last der Grone. 
Roman von R. M. White. 
16. (Nachdruck »erbot«».) 
„Ihre Majestät die Königin von Astorien!" meldete der 
Hausmeister der Lady Merehaven. 
Tie Lady begab sich sofort in die Empfangshalle. Die 
beiden Frauen tauschten einen Händedruck. 
„Ich habe ihn nicht angetroffen," erklärte die Königin. „Er 
war bei der Herzogin von Norton, ist jedoch dann ins Cbaring 
Croß Hospital gefahren. Ich weiß nicht, was ihn dahin ries. 
Jedenfalls hat er auf das bestimmteste versichert, daß er 
noch im Laufe der nächsten Stunde hier vorsprechen würde." 
„Varney ließ mir dies schon am Nachmittag durch einen 
Boten mitteilen. Wenn Eure Majestät geruhen wollten, sich 
der Gesellschaft ein wenig zu zeigen — Eure Majestät 
wissen " 
Die Königin legte ihre Hand auf den Arm der Lady 
und ging mit ihr fort. Als sie den ersten Salon durchschritten, 
bemerkte die hohe Frau Jesste. Mit dem Fächer machte sie 
ihr ein kleines, für jeden anderen unverständliches Zeichen; 
das junge Mädchen begriff jedoch sofort, daß die Königin sie 
zu sprechen ivünschte. 
Sie hielt sich geflissentlich in der Nähe der Gruppe hoher 
Offiziere und ordengeschmückter Herren im Frack, die gleich 
darauf die Königin umgab. Margarete von Astorien tat, als 
bemerke sie das junge Mädchen erst jetzt, und winkte sie zu 
sich heran. 
„Nun, Liebling, haben Sie mir die Photographien her 
ausgesucht?" sagte "sie so laut, daß es die Umstehenden wohl 
vernehmen konnten. 
Gegen äie LanäkranlrenkaNe» 
Von eineni im Krankenversicherungswesen und in der 
Kommunalpolitik erfahrenen Herrn wird uns folgendes 
geschrieben: 
Die Gemeindevertretung soll sich heute — nachdem ihr 
Verhalten in der Sitzung vom 23. Januar d. I. den 
Gemeindevorstand veranlaßte, die Vorlage zurückzuziehen — 
wieder mit der Einrichtung einer Landkrankenkasse be 
schäftigen. Am meisten ivürden alle diejenigen betroffen, 
welche Dienstboten zu halten gezwungen sind. Der 
Abonnementsverein von Dienstherrschaften für kranke Dienst 
boten zu Berlin auf Gegenseitigkeit (Geschäftsstelle: SW. 68, 
Markgrafenstraße 100), welcher bis 1. Januar 1914 — von 
welchem Termin an die Bestimmungen der Reichsversicherungs- 
vrdnung über die Krankenversicherung für Dienstboten in 
Kraft treten — jährlich 9 M. Beitrag erhebt, ist nicht auf 
gelöst worden und wird es auch wohl nicht werden, wenn 
er dasselbe leistet, was die Landkrankenkassen bieten. Das 
wird er können, wenn er den Beitrag auf höchstens 12 M. 
pro Jahr erhöht. Nun hat der Gemeindevorsteher an Hand 
einer sehr zweifelhaften Berechnung in seiner Erläuterung 
selbst zugegeben, daß in der niedrigsten (IV.) Klasse der 
Wochenbeitrag 09 Pfg., d. h. der Jahresbeitrag 35,88 M. 
beträgt. Das macht das Jahr gegen 12 M. Beitrag bei 
obengenanntem Verein mehr für einen Dienstboten 23,88 
Mark, wenn der Dienstbote in der IV. Klasse eingeschätzt 
ist. Die ganz willkürliche Aufmachung rechnet aber 1000 
Dienstboten als in die III. Klasse gehörig — man wird 
bald erleben, daß sie alle dahin gehören — und da sieht 
die Mehrbelastung noch anders aus. Dann betrügt der 
Mehrbeitrag das Jahr 33,08 M. gegenüber der Beitrags 
prämie, die an den obengenannten Privatverein — der seinen 
Verpflichtungen bisher stets nachkam — zu zahlen ist. 
Die Einnahmeaufmachung nimmt 4000 Dienstboten in 
Friedenau an, wo sitzen denn die in den hier vorhandenen 
950 Häusern, von denen noch eine ganze Anzahl Villen 
(Einfamilienhäuser) sind? 
Die Einrichtung wird der Gemeinde keinen Ueberschuß, 
sondern einen Unterschuß einbringen, den die Gemeinde 
glieder, vor allem die Hausbesitzer, zu tragen haben werden. 
Die Erdrosselung der Ortskrankenkasse wird empfohlen, 
iveil man in Aufsichtskreisen allgemein die letzteren als eine 
sozialdemokratische Institution betrachtet, was aber schon mit 
Rücksicht auf die Leitung derselben als irrig bezeichnet 
werden muß. 
Jedenfalls haben die Ortskrankenkassen den Gemeinden 
noch nichts gekostet, aber die Landkrankenkassen werden es in 
vielen Fällen tun und deshalb sollte die Errichtung einer 
Landkrankenkasse in Friedenau entschieden abgelehnt iverden 
zum Vorteil sowohl der Versicherungspflichtigen wie der 
Gesamtheit der Einwohner Friedenaus. Aus diesen stich 
haltigen Gründen haben auch unsere Nachbargemeinden 
Schöneberg, Steglitz usw. die Errichtung einer Landkranken 
kasse energisch abgelehnt. Gehet hin, und tuet desgleichen! 
R. 
Jessie bejahte mit einem tiefen Knicks. 
„So werde ich sie mir ansehen!" fuhr die Königin fort. 
Und gegen die Umstehenden geivendet, die dem jungen Mad- 
chen die Ehren vielleicht ein ivenig neideten, die ihr von seiten 
der Königin an diesem Abend so überreich zu teil ivnrden, 
sagte sie: 
„Man hat mir gesagt, daß unsere Diva unS durch 
den Vortrag der aslorischen Nationalhymne erfreuen iviro. 
Ich werde mich also in einer Viertelstunde im Musiksalon 
einfinden." 
Sie nahm den Arin des jungen Mädchens und lenkte 
sie mit sanftem Druck in die Richtung, die sie einznjchlagen 
ivünschte. Tann öffnete sie die Tür eines Zimmers, das die 
Hausbibliothek enthielt. 
„Hier haben wir keine Ueberraschnng zu fürchten, Vera," 
sagte sie. „Nun? — Es hat sich etwas Neues ereignet wäh 
rend meiner Abwesenheit?" 
12. Kapitel. 
„Eure Majestät haben nichts von alledem erfahren, was 
hier geschehen?" 
Königin Margarete machte eine Bewegung, die ein klein 
wenig ungeduldig war. 
„Nein, nein — aber martern Sie mich nicht lange mit 
Vorreden, Vera! — Ist etwas Unangenehmes geschehen, so 
sprechen Sie es ruhig ans. Tie Ungewißheit hat mich bereits 
bis an die äußerste Grenze der Nervosität getrieben." 
„Es war leider das Fenster des Zimmers, in dem der 
König schlief, nicht ordentlich geschlossen. Ein unbekannter 
Freund machte mich brieflich daraus aufmerksam, das; man 
von der Terrasse hinten im (harten in das Zimmer hinein 
sehen tonne. Ich ging hinauf, um den General zu ivarnen. 
Paul Margregor flößte dem Könige gerade die Medizin ein, 
einen Tropsen aus der kle.inen Flasche, und — —" 
£okaks 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
0 Der Geschäftsbetrieb unserer Gemeindeverwaltung 
ist durch die uatiirliche Entwicklung unseres Ortes ständig 
in erheblicher Zunahme begriffen. Nach dem Verwaltungs 
bericht unserer Gemeinde für 1912 verzeichnen die Tage 
bücher an Eingängen für das vorige Geschäftsjahr bei der 
Gemeindeverwaltung 9147 (1911: 7557), der Gemeinde- 
steuervermaltung 10 751 (12 677; das Weniger erklärt sich 
daraus, daß weniger wichtige Sachen nicht mehr eingetragen 
iverden), der Gemeindearmen- und Waisenverwaltung 8942 
(7810), der Gemeindeschulverwaltung 2630 (2611), der Ge 
meindekasse 5717 (5423), der Gemeindebauverwaltung 
(Hochbau, Tiefbau-und Baupolizei) 3270 (4114), der Amts- 
(Polizei-)Verwaltung 20 635 (18 701), der Standesamts 
verwaltung 3170 (1771), zusammen 04 262 (60 664), gegen 
1911 also 3598 Eingänge mehr. Es sei dabei bemerkt, 
daß nur wichtige Eingänge in die Tagebücher eingetragen 
werden. 
o Zur Residenzpflicht der Beamten und Lehrer. 
Unter dem 23. November 1910 teilte der Magistrat Berlin- 
Schöneberg dem hiesigen Gemeindevorstande mit, daß er 
seinen früheren Beschluß, wonach den städtischen Beamten 
und Lehrern ohne weiteres das Wohnen in unserem Orte ge 
stattet ist. wieder aufgehoben habe, so daß also in 
Zukunft diesen Personen das Wohnen in Berlin-Friedenau 
nur noch mit besonderer Genehmigung gestattet werde. Im 
Hinblick darauf, daß die Verhältnisse Groß-Berlins eine 
Maßregel, wie sie in Berlin-Schöneberg ergriffen worden ist, 
nach Ansicht unseres Gemeindevorstandes nicht rechtfertigen, 
hat die Gemeindevertretung unter dem 15. Dezember 1910 
beschlossen, den hiesigen Gemeindebeamten und Lehrern das 
Wohnen in Berlin-Schöneberg nicht zu verbieten. Im 
übrigen wurde unseren Beamten nachstehende Verfügung in 
Erinnerung gebracht: 
Berlin-Friedenau, den 15. Oktober 1012. Es muß daran fest 
gehalten werden, daß die Beamten am Orte ihrer Beschäftigung 
auch ihren Wohnsitz haben, wie es sich im übrigen aus der Residenz 
pflicht des Beamten ergibt. Kein Beamter darf deshalb ohne Ge 
nehmigung seinen Wohnsitz außerhalb seines Beschäftigungsortes 
nehmen, die nur aus ausnahmsweise und beim Vorliegen erheb 
licher Gründe erteilt werden wird. Ich bringe diese Pflicht hiermit 
erneut zur Kenntnis der Beamten. Der Amts- und Genieinde- 
vorsteher. Walger. 
0 Versorgungsansprnch der Gemeindebeamten. Der 
preußische Minister des Innern hat durch einen neuen Erlaß 
die Frage des Versorgungsanspruches der Gemeindebeamten 
gegenüber dem früheren geändert. In dem neuen Erlaß 
wird bestimmt, daß den auf Lebenszeit Angestellten die auf 
Zeit und die auf Kündigung Angestellten für den Fall 
gleichzustellen sind, daß ihnen beim Ablauf der Dienstzeit 
bezw. im Kündigungsfall ein unbedingtes Recht auf Ruhe 
gehalt und Hinterbliebenenrente zum festgesetzten Mindest 
betrage zusteht. DieWirkung dieser Bestimmungen ist folgende; 
Alle Gemeindebeamten haben bei der Entlassung Anspruch 
auf Versorgung, d. h. sie fallen ohne Rücksicht auf die Art 
ihrer Anstellung unter das Versicherungsgesetz für Angestellte, 
insofern ihnen nicht bei Ablauf oder bei Beendigung des 
Dienstverhältnisses durch Maßnahmen der Anstellungsinstanz 
„Vera, er gab dem Könige nur einen Tropfen, nicht 
wahr? — Es ist ja töricht, aber — beim Himmel, wenn ich 
an seiner Stelle gewesen wäre — —, Er gab dem Könige 
nur einen Tropfen, Vera?" 
Todesangst klang ans der Stimme der Königin. Jessie 
dachte an das, was ihr der General gesagt; und ohne 
Zögern erwiderte sie: 
„Seine Majestät erhielt die Medizin in meiner Gegen- 
wart! — Die letzten Tropfen gab ich ihm selber. Seine 
Majestät befindet sich augenblicklich glücklicherweise besser." 
Ein tiefer Atemzug hob die Brust Margaretens. 
„Gut — das ist gut! Aber der General — was ist's 
mit dem General? Weshalb ist er nicht hier?" 
„Ich teilte ihm mit, was ich durch den Brief erfahren. 
Er ging darauf zum Fenster, um die Vorhänge fest zu 
schließen. Dabei wurde auf ihn geschossen — jedenfalls 
von der im Briefe erwähnten Terrasse aus." 
Die Königin wurde bleich. 
„Es wurde auf ihn geschossen? — Aber er ist nicht 
schwer verwundet?" 
Der Schuß traf ihn in die Schulter. Er meinte, es 
wäre nur eine Fleischwunde, aber er litt ersichtlich große 
Schmerzen." 
Jesne erzählte nun, wie der General die Kleider mit 
dem König gewechselt hatte und fortgefahren war. Marga 
rete von Astorien drückte ihr warm die Hand. 
„Sie sind mir eine tapfere, eine wahre Freundin, Vera," 
sagte sie. „Ter Himmel möge Sie segnen dafür. Niemals 
werde ich den Dienst vergessen, den Sie heute mir und meinem 
Lande geleistet. — Aber ich hege große Besorgnisse wegen der 
Verwundung des Generals. Ich muß ihn so bald, als es 
angänglich ist, sehen. Seine Wunde kann doch schlimmer sein, 
als er selbst annahm.'!.
        
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