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Periodical volume Nr. 133, 09.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Das; aber unsere Gemeinde für eine solche Aufabe nicht 
groß genug wäre, rvirde man im Ernste nicht behaupten 
können. 
Weniger kostspielig als ein Volksbad, aber in ihrer 
Art ebenfalls von nicht zu unterschätzender sozialer Be 
deutung wäre eine Volkslesehalle. Friedenau besitzt seit 
langen Jahren eine sog. Volksbibliothek, die jetzt noch 
in einer Gemeindeschule-untergebracht ist und später in das 
neue Rathaus verlegt werden soll. Wie es heißt, soll dort 
auch ein Lesezimmer eingerichtet werden. Wie die Ein- 
richtuirg dieses Zimmers gedacht ist, darüber hat man noch 
nichts gehört, um so erwünschter aber muß den maß 
gebenden Stellen sein, wenn Wünsche und Anregungen vor 
getragen werden, damit möglichst noch vor Beginn des 
Baus auf sie Rücksicht geuvminen werden kann. Auch für 
die Einrichtung und dem Betrieb der Volksbibliothek selbst 
werden solche Anregungen von Wert sein. Sie soll ja den Be 
dürfnissen der breitenSchichten derBevölkerung dienen und nicht 
etwa nur den Lesehunger der besser gestellten Mitbürger be 
friedigen, von denen, wie behauptet wird, die Vvlksbibliothek 
besonders benutzt wird. (Ucbrigens eine Frage: Wäre es 
nicht von Wert, wenn einmal oder noch besser regelmäßig 
eine Statistik veröffentlicht würde, welchen Ständen die 
Entleiher angehören?) 
Ein Volslesesaal müßte nach dem Vorbild der Berliner 
Lesehallen eingerichtet werden. Er müßte leicht zugänglich 
sein, also möglichst im Erdgeschoß liegen und geräumig 
genug sein, daß eine größere Anzahl Besucher in ihm Platz 
findet und sich wohl fühlen kann. Dem entsprechend müßte 
mich die Ausstattung sein, und dafür braucht man die 
Berliner Lesehallen, die nicht durchweg einen freundlichen 
Eindruck machen, nicht gerade zum Vorbilde zu nehmen. 
Die Hauptsache in der Lesehalle ist aber natürlich der 
den Besuchern gebotene Lesetisch. Es müssen eine Reihe 
von Nachschlagewerken zur Benutzung vorhanden sein, 
auch Wörterbücher und Kartenwerke dürfen nicht 
fehlen. Ausliegen müssen selbstverständlich die wichtigsten 
Tageszeitungen, wobei natürlich nicht bloß die Blätter 
einer Partei berücksichtigt werden dürfen. Auch braucht 
man sich nicht auf Berliner Zeitungen zu beschränken, 
sondern müßte auch die großen einflußreichen Blätter aus der 
Provinz, z. B. Kölnische Zeitung, Frankfurter Zeitung, 
Münchener Neueste Nachrichten, ja vielleicht auch eine fran 
zösische und eine englische Zeitung halten. Auch die 
wichtigsten Wochen- und Monatsschriften gehören in einen 
solchen Lesesaal, während man von den bloßen Uitter- 
haltungsblüttern, die man in den Berliner Lesehallen findet, 
ruhig Abstand nehmen könnte. 
Die Halle müßte den Verhältnissen der Bevölkernugs- 
schichten, für die sie eigentlich bestimmt ist, entsprechend, in 
den Abendstunden, etiva von 0—10 Uhr, geöffnet sein. 
Aber einen nicht geringen Bruchteil unserer Bevölkerung 
bilden die Pensionäre und Rentner, die man im allgemeinen 
doch auch dem Mittelstände zurechnen muß. Auch für diese 
Herrschaften wüßte gesorgt werden. Es sind durchweg ältere 
Leute, die wohl jeden Tag ihren Ausgang machen, aber in 
den Abendstunden sich gern im Hause halten. Daher wäre 
es angebracht, nnd das wäre eine bedeutsame Abweichung von 
dem Berliner Muster, daß die Lesehalle auch während ge- 
wisser Stunden des Vormittags, etiva von 11 — 1 Uhr, ge 
öffnet wäre. Es ist unzweifelhaft, daß viele dieser älteren 
Leute, die außer ihrem Leibblatt, das sie sich halten, auch 
gern eine andere Zeitung lesen, aber nicht gerade jeden 
Tag ins Wirtshaus gehen wollen, eine solche Einrichtung 
mit Freuden begrüßen würden. Und es würde sicher ein 
Mittel sein, um die Anziehungskraft unseres Ortes für so 
gern gesehene Einivohner, wie Rentner und Pensionäre es 
doch sind, noch zu vermehren. 
Die Kosten einer Volkslesehalle werden schwerlich be 
sonders hoch sein. Denn die meisten Zeitungen werden 
doch von den Verlegern kostenlos geliefert werden, sodaß 
nur das Bestellgeld zu bezahlen wäre. Und sollte es der 
Gemeinde nicht möglich sein, die Lesehalle aus ihren Mitteln 
zu erhalten, so sollten die Ortsvereine für einej solche die 
Allgemeinheit in hervorragendem Maße dienende Sache feste 
Beiträge bewilligen oder cs sollte sich ein besonderer Verein 
bilden, dem es wahrlich an der Erfüllung schöner Aufgaben 
nicht fehlen würde. 
Eine Notwendigkeit ergäbe sich freilich, wenn die hier 
gegebene Anregung befolgt wird: die Anstellung eines 
Bibliothekars oder einer Bibliothekarin. Wenn es schon 
jetzt bei beschränktem Betriebe der Volksbibliothek kaum 
möglich sein mag, daß ein Beamter, der seinen festen Beruf 
aus — die Königin gab ihr das verabredete Signal. Wie 
aber konnte sie von Mazaroff loskommen? 
Der Russe stand mit verschränkten Armen neben ihr, 
offenbar in Gedanken versunken und sicherlich nicht gewillt sie 
zu verlassen. Ihre Pflicht war es, fegt zur Königin zu eilen — 
und doch durfte sie nicht daran dcnlen, so lange Prinz Boris 
da war. Und sie wusste nicht, wie sie ihn entfernen könnte, 
sie war vollkommen verzweifelt. 
Auf dem Altan tauchte in diesem Augenblick die Gestalt 
eines hochgewachsenen stattlichen Mannes auf. Scharf zeichneten 
sich die Konturen seiner Figur gegen den hcllertcnchteten 
Salon ab. Einige Minuten stand er gegen die Brüstung 
gelehnt; dann kam er langsam in den Garten herunter nnd 
auf die Fontäne zu. 
Er erblickte offenbar die beiden nicht, denn er machte 
Miene, an ihnen vorüberzugehen. Ten Kops hielt er ein 
wenig gesenkt, wie wenn er etwas suche. 
Mazaroffs Gesicht verfinsterte sich, als Jeffie rief: 
„Haben Sie etwas verloren, Kapitän Hope? — Kommen 
Sic her und sagen Sie uns, was es ist." 
8. Kapitel. 
Das Herz klopfte dem jungen Mädchen bis zum Halse. 
Kapitän Ronald Hope war ihr ja kein Fremder — all 
wöchentlich mehrmals halten sie sich zn ihres Vaters Lebzeiten 
gesehen. Damals hatte Jeisic süße — ach wie süße Träume 
gehabt! — Sie hatte den Kapitän geliebt und liebte ihn 
noch; und sie ivar seiner Gegenliebe gewiß gewesen. Daß 
er sie nicht vergessen hatte, wußte sie ans Vera Galloways 
Munde. In diesem Angcirblick reute sie, daß sie dem Ver 
langen Veras gewillfahrt hatte — in diesem Augenblick sehnte 
hat, nebenbei die Geschäfte der Verwaltung versieht, so würd, 
wenn ein Lcsesanl neben der Bibliothek vorhanden sein wird, 
eine volle Kraft dafür erforderlich sein. Darum schaffen wir 
in richtiger Erkenntnis unserer sozialen Pflicht auch auf 
diesem! Gebiet eine Einrichtung, die unserm Ort zur Ehre 
gereichen und den Nachbarn ein schönes Vorbild geben wird! 
Nb. 
£oka Us 
(Nachdruck unserer o-Orrginalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Für die Reinhaltung der Wälder. Unser Ge- 
meindevorstand hat sich in einem Schreiben an die Schul 
leiter mit der Bitte gewandt, in den Schulen für die Rein 
haltung der Wälder zu wirken. Die Schüler dürften darauf 
hinzuweisen sein, daß es die Pflicht jedes Deutschen ist, 
seinen Wald, sein Ideal von alters her zu schonen und zu 
schützen und jede Verunreinigung von ihm fernzuhalten. In 
den jugendlichen Gemütern würde einerseits der Sinn für 
die Schönheit des Waldes und andererseits die Abscheu 
dagegen zu erwecken sein, den Wald durch Papier, Eier 
schalen, Flaschenscherben und dergleichen zu verschmutzen. 
Durch die Kinder würde schließlich auch auf das Haus und 
insbesondere auf die Eltern eingewirkt werden, so daß auch 
dort in den Anschauungen und im Handeln eine Wendung 
zum besseren zu erhoffen sei. Dieser Hinweis wurde in der 
letzten Vorstandssitzung des „Vereins der Vororte Berlins" 
verlesen und mit Beifall aufgenommen. Vertreter der Ostbahn-, 
Waunsce-, Schlesischen- und Görlitzer Strecke bemerken dazu, 
daß in ihren Orten durch Kostgänger der Gemeinden der 
Wald gesäubert wird, damit die -Ausflügler einen reinen 
Wald vorfinden. Der engere Vorstand wurde mit den 
weiteren Maßnahmen in dieser Sache beauftragt. Justizrat 
Wagner ersucht den Vorstand, an die K- E. D. mit der 
Bitte heranzutreten, in den Bahnaütcilungen Täfelchen anzu 
bringen mit der Aufschrift: „Haltet den Wald rein". Da 
gegen wurde geltend gemacht, daß ein Vertrag zwischen der 
Eiscnbahnverwaltung und einem Unternehmer bestehe, wonach 
letzterem das Verfügungsrecht über die Benutzung der Wand 
flächen zusteht; er berechne für diese Reklame ganz erhebliche 
Gebühren., Der Vorsitzende wird bei der Königlichen Eisen 
bahn-Direktion anfragen, ob das Anbringen von Plakaten 
mit der Aufschrift „Haltet den Wald rein!" genehmigt 
werde, und zwar kostenfrei. — Ein weiterer Beratungs 
gegenstand der Vorstands-Sitzung des Vereins der Vororte 
betraf die Wünsche für den Sommer-bezw. Winterplan 1014/15. 
Es wird beschlossen, die dem V. d. V. angehörenden Ge 
meinden und Vereine zu ersuchen, etwa vorliegende Ver 
kehrswünsche so zeitig einzureichen, daß die danach gefertigte 
Petition der Kgl. Eisenbahndirektion bis zum 1. Oktober 1913 
eingereicht werden kann. Bezüglich der Erhöhung der Tarife 
im Stadt- Ring- und Vorortbahnverkehr beschloß man, 
Eingaben an das Staatsministerium und das Abgeordneten 
haus richten. Die weitere Beratung dieses Gegenstandes 
wurde dem engeren Vorstand überwiesen mit dem Recht 
der Kooptation. 
o Keine Raupenplage. In diesem Jahre werden 
trotz der schon früh eingetretenen warmen Witterung an 
unseren Straßenbäumen nur tvenige Raupen beobachtet. Es 
ist dies der Erfolg der energischen Tätigkeit unserer Gemeinde- 
gärtner, die schon im Februar mit denr Abraupen vorgingen 
und jeden Baum eingehend behandelten. H)ie am häufigsten 
auftretende Raupe ist der Goldafter, der besonders die 
Rüstern befällt, aber auch Ahorn- und Lindenbäumen schäd 
lich ist. Auch in den Privatgürten ist — mit geringen 
Ausnahmen — das Abraupen in diesem Jahre gründlich 
geschehen, auf Grund der polizeilich getroffenen Maßnahmen. 
o Kupferdrahtdiebstahle sind wiederum um Teltow 
kanal verübt worden. Es sind verschiedentlich von dem 
bronzenen Leitungsdraht für die Fernsprechleitung größere 
Mengen abgeschnitten und entwendet morden. Wer dem Kreis 
ausschuß des Kreises Teltow bis Ende März 1914 einen 
solchen Dieb nachweist, so. daß eine gerichtliche Bestrafung 
erfolgt, erhält eine Belohnung von 100 Mk. 
o Hugo Keller P. Der Sensenmann hat wieder dem 
irdischen Leben eines alten Friedenauers ein Ziel gesetzt. 
Am vergangenen Sonnabend Vormittag entschlief nach 
langem, schweren Leiden der Bäckermeister Hugo Keller 
im 55. Lebensjahre. Der Verstorbene kam vor fast 29 
Jahren nach Friedenau und begründete die.noch heute be 
stehende Bäckerei. Vor etwa 4 Jahren, am 10. September 
1909, konnte er im Kreise seiner Familie und zahlreicher 
Freunde mit seiner Gattin ein dreifaches Jubiläum feiern: 
sie sich heiß danach, die Maste abzuwerfen, hinzutreten 
vor die Leute, die sie getäuscht, und ihnen stolz zuzurufen: 
„Weist mich hinaus, wenn cs euch beliebt — ich bin 
Jeffie Harconrt, die Tochter eines Mannes, der euch sicherlich 
ebenbürtig ist!" 
Sie ^ fürchtete, daß Ronald sie erkennen würde, und 
doch hoffte sie es, ersehnte sic cs von ganzem Herzen. 
Mochte er sie immerhin verraten! Ihr lag nichts daran — 
vor ihm würde sie sich rechtfertigen können, nnd nach der 
Meinung der anderen fragte sie nicht. 
Hope war auf ihren 'Anruf hin stehen geblieben und sah 
mit einem kleinen, etwas wehmütigen Lächeln auf. 
„Ich suchte meine verlorene und verdorbene Jugend, Fräu 
lein Gallowap!" sagte er mit einer Stimme, deren geliebter 
Klang Jeffie erbeben machte. „Oh, ivas ist das für eine 
Nacht!" 
„Eine Nacht, geschaffen für die Liebe," erwiderte Maza 
roff. „Schade, das; ich kein deutscher Dichter bin. Kennen 
Sie Heine, Heinrich Heine, verehrtester Kapitän? Solche 
Schichte pflegte er zn besingen, mit Nachtigallen-Schluchzen, 
Rosendnst nnd silbernem Mondlicht." 
Hope lachte. Jessie aber fragte: 
„Und an was erinnert diese Nacht Sic, Kapitän Ronald?" 
Sie stand ein wenig vornüber geneigt und wartete atem 
los ans die Antwort. Glücklicherweise verbarg die Dunkelheit 
Mazaroff das Glühen ihrer Wangen und den Glanz in ihren 
Augen. 
„Mich?" kam cs als Antwort zurück. Und Ronald Hope 
blickte träumerisch in die Ferne. „An eine Nacht ivie diese 
stt, Fräulein Gallowap! An eine Stacht so köstlich und >üß, 
daß sie die Gemüter verzauberte und das Leben erscheinen 
ließ ivie ein Märchen. An einen Garten wie diesen, und an 
die Silberhochzeit, das 25 jährige Geschäftsjubiläum und das 
25jährige Bürgerjubiläum. Hugo Keller zog nämlich ain 
16. September 1884 nach Friedenau., das er auf ferner 
Geschäftsreise als Vertreter der „Konditorzeitung kennen 
gelernt hatte. An deinselben Tage fand auch die Hochzeit 
durch eine knappe Feier statt, nach der sich Herr Keller 
sofort in die Backstube begab. Es war damals die erste 
Feinbäckerei, die in Friedenau, im, Hause Rhdmstraße 01, 
eröffnet wurde. Durch regeii Geschaftsflerß brachte es Herr 
Keller dahin, daß er drei Jahre später bereits ein eigenes 
Heim errichten konnte, Rheinstraße 6/7. Hierhin vcr egte er 
nun seine Bäckerei, ivo sie sich auch yeutc noch befindet 
und seit einigen Jahren voir seinem Sohne betrieben wird. 
Er wurde dann, wieder einige Jahre später, noch Besitzer 
des Hauses Hedwigstraße 16. Der Verblichene gehörte 
außer verschiedenen Berliner Vereinen dem Krieger- nnd 
Landwehrverein, denr Harrs- und Grundbesitzerverein und 
der Bäckervereinigung an, ferner war er Mitglied der 
Gewerbesteuer-Einschätzungskommission des Kreises Teltoiv. 
Mögen sich seine Angehörigen trösten in dem Bewußtsein, 
daß das Hinscheiden Hugo Kellers von vielen Freunden 
und Bekannten tief betrauert wird. Die Beerdigung findet 
ktraße 6/7, ans statt. 
o Ein Freiheitslied. Mit Bezug auf unseren Bericht 
über das Wohltätigkeitskonzert der hiesigen Fürsorgevereinignng 
für nicht versorgnngsberechtigte, hilfsbedürftige Kriegs 
veteranen in Nr. 132 sind uns Zirschriften mit der Bitte zu 
gegangen, das vor hundert Jahren in den deutschen Landen 
gesungene Freiheitslied von E. M. Arndt hier zum Abdruck 
zu bkingen. Wir kommen diesen Wünschen umso lieber nach, 
als cs bei jenem Wohltätigkeitskonzert, ungeachtet des Regens, 
mit Begeisterung gesungen wurde. Redner hatte in seinen 
einleitenden Worten erwähnt, daß dies herrliche Lied damals 
von allen Kirchtürmen nnd Mauern herab den abziehenden 
Freiheitskämpfern nachgesungen sei nnd nun wohl kaum 
noch jemals wieder erklingen wird. Jede Zeit habe ihr 
Lied, damals „O du Deutschland, ich muß marschieren", 
anno 1870: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie 
Schwertgeklirr und Wogenprall". Das Freiheitslied, das 
nach der Melodie „Weißt du, wie viel Sternlein stehen", 
gesungen wird, lautet: 
1. O, du Deutschland, ich muß marschieren, v, du Deutschland, 
ich muß fort! Eine Zeit lang muß ich scheiden, eine Zeit laug muß 
ich meiden, mein geliebtes Vaterland. — 2. Nun ade, herzliebster 
Vater: Nun ade, so lebet wohl! Wollt ihr mich noch einmal 
sehen, steigt auf jenes Berges Hohen, schaut hinab ins tiefe Tal. — 
3. Nun ade, herzliebstc Mutter! Nun ade, so lebet wohl! Halste 
mich zum Schmerz geboren, für die Feinde auserkoren, o, du grau 
sam Herzeleid. — 4. Nun ade, herzliebstes Mädchen! Nun ade, 
so lebe wohl! Liebster Schatz tu' nicht verzagen, helfen wir die 
Feinde schlagen, liebster Schatz, verzage nicht, du bleibst doch mein 
sanftes Licht! — 5. Nun ade, herzliebster Bruder! ;Nun ade, so 
lebe wohl! Weit wir jetzo müssen scheiden, für das Vaterland zn 
streiten, und muß gehen vor den Feind, darum manches Mädchen 
iveiut. — 6. Nun ade, herzliebste Schwester! Nun ade, so lebe 
wohl! Liebste Schwester, ich muß sagen, ich möcht'bald vor Grnni 
verzagen, weil du mich so sehr geliebt, d'runi bin ich so ganz be 
trübt. — 7. Tie Trompeten hört man blasen, draußen auf der 
grünen Haid'! O, wie lieblich tun sie blasen! Vater, Mutter zn 
verlassen, o du grausam Herzeleid! — 8. Große Kugeln hört man 
sause», aber kleine noch viel mehr. O, so bitt' ich Gott im Himmel, 
daß ich ans dein Schlachtgetiimmel glücklich zu euch Wiederkehr. 
o Willy Deckert, der hier durch seinen Schülerkreis 
bekannte Zellovirtuvse, wird mit seinem Trio, Dr. Mark 
Günzburg, Klavier, Sam Fiedelmann, Violine, auch im 
nächsten Winter seine Konzerte mit Werken lebender 
Komponisten, unter besonderer Berücksichtigung der heimischen 
Tondichter veranstalten. 
o Eine Siegesfeier veranstaltete der Nationalliberale 
Ortsuereiit mit Damen am Sonnabend in den Weinstubeic 
von I. P. Trarbach Nachflg. (Inh. Waldemar Reuter), 
Moselstr. 1-2. Herr Geh. Regierungsrat Vogt entwarf'einen 
Rückblick mif die letzte Landtagswahl, die der liberalen Sache 
einen glänzenden Sieg eingetragen habe. Er dankte allen, 
die sich bei der Wahl betätigt und so mitgewirkt haben 
zu dem großartigen Ergebnis. 
o Eine nationale Ballonwettfahrt veranstaltete der 
„Berliner Verein für Luftschiffahrt" am Sonnabend vom 
Ballonfllllplatz in Schmargendorf aus, wozu sich auch viele 
Friedenauer, u. a. auch der Geschäftsführer des Vereins, 
Herr Leon Christmann, eingefunden hatten. Durch das 
stürmische Wetter und dadurch, daß der Verein nicht 
genügend Hilfsmannschaften gestellt bekam, verzögerte sich 
die Füllung der Ballone und damit auch der Start. Als 
erster stieg gegen 6 Uhr der Ballon Bitterfeld auf, er kam 
glatt ab nnd gewann schnell eine größere Höhe. Der 
zwei glückliche Menschen, die so märchenhaft glücklich schienen, 
das; sie selbst es nicht fciifeu sonnten Tie beiden waren 
sehr sentimental. Sie standen an einer Rosenhecke und 
lauschten der Nachtigall; der Mann brach eine dcr blutroten 
Rosen und gab sie dem Mädchen. 
„ 6^ "lein Herz," sagte er dabei. „Bewahren Sie 
cs gut. _ Und er deklamierte den Anfang eines Liedes von 
jenem Heine, das er einst in der Ferne gehört." 
t- ^-dK^aroff lächelte; ihm schien diese Sentimentalität beinahe 
iiuolicl).. -vjcfltc aber preßte die Rechte auf die Brust, die ihr 
vor Glückseligkeit zn zcrsp ringen drohte. 
.. , weiß auch ein Lied, das auf diesen Fall passen 
stst st , - Ronald," sagte sic. Und in deutscher Sprache, niit 
falscher Betonung, falscher Aussprache und doch rührend innig 
„Im wunderschönen Monat Mäh 
Stls alle Knospen sprangen, 
Da ist in meinem Herzen, 
Tie Liebe ansgegangen. 
Da hab' ich ihr gestanden 
Mein Sehnen und Verlangen." 
~ '^ 0 ii c kMte unwillkürlich wie abwehrend die 
Land erhoben. Run trat er rasch näher, und wie in banger 
Frage ruhten seine Augen ans Jessies Gesicht. 
Prinz Boris Mazaroff bemerkte von alledem nichts. Seine 
UmgebungmlMc. bc,cljä ’ ti 3 tcn "w so, daß er nicht auf seine 
Er fuhr erschrocken zusammen, als etwas klingend zu 
" ' (Fortsetzung folgt.)
        
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