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Periodical volume Nr. 129, 04.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Mark einschließlich in 36 (32) Fällen, mehr als 20 M. bis 
50 M. in 73 (49) Fällen, mehr als 50 M. bis 100 M. 
in 96 (70) Fällen, mehr als 100 M. bis 300 M. in 152 
(122) Fällen, mehr als 300 M. in 38 (87) Fällen. Die 
geringste Klagesnmme war 2,43 M. (2,70 M.), die 
höchste 3486,77 M. (30 000 M.). Von den anhängigen 
Klagen haben ihre Erledigung gefunden: durch Zurück 
nahme 35 (25), desgl. außerhalb und nach mündlicher Ver 
handlung 23 (9), Vergleich 169 (131), Verzicht — (—), 
Anerkenntnis 4 (4), rechtskräftiges Versüumnisurteil a) gegen 
Kläger 6 (3), b) gegen Beklagten 49 (41), andere End 
urteile und zwar: a) gegen Kläger 37 (40), b) gegen Be 
klagten 24 (28), c) teilweise Abweisung 24 (U), Ruhen 
lassen 20 (27), außergerichtlichen Vergleich und auf andere 
Weise 29 (18), zusammen 420 (337). Außer den 65 (44) 
rechtskräftigen Versäumnisurteilen sind noch weitere 36 (39) 
Versäumnisurteile ergangen, die aber infolge rechtzeitigen 
Einspruchs aufgehoben wurden. Von den Friedenau 
betreffenden Klagen haben 15 (4) durch Zurücknahme, 18 
(16) durch Vergleich, 9 (5) durch Versäumnisurtcil, 14 (8) 
durch anderes Endurteil, 3 (3) auf andere Weise Erledigung 
gefunden, 6 (5) Sachen schweben noch. Von den 6 aus 
dem Vorjahr übernommenen Sachen sind eine durch Ver- 
säumnisurteil, zwei durch Endurteil, eine durch Vergleich 
und eine durch Zurücknahme erledigt worden. Wegen Unzu 
ständigkeit des Kaufmaunsgerichts sind 7 (2) Klagen zurück 
genommen, 5 (4) durch Urteil abgewiesen, 13 (8) durch 
Beschluß an das Gewerbegericht, 1 (1 an das Kaufmanns 
gericht Berlin und 1 (—) au das Kaufmannsgericht Potsdam 
verwiesen worden. Vom Gewerbegericht wurde keine (2) 
Klage an das Kanfmannsgericht verwiesen. Terminstage 
wurden abgehalten: vor dem Vorsitzenden allein 31 (35), 
vor dem Spruchgericht 22 (19). Die Zahl der au den 
einzelnen Gerichtstagen zur Verhandlung gelaugten Sachen 
betrug: vor dem Vorsitzenden allein 429 (413), vor dem 
Sprnchgericht 329 (215), zusammen 758 (628). Die 
Höchstzahl der an einem Tage vorhandenen Sachen war 
vor dem Vorsitzenden 21 (25), vor dein Spruchgericht 21 
(19), die Mindestzahl war 1 (1) bezw. 11 (6). Durch 
schnittlich standen an jedepr Terminstage vor dem Vor 
sitzenden 14 (12), vor dem" Spruchgericht 14—15 (11 —12) 
Sachen zur Verhandlung. Von den im Berichtsjahre ein 
gegangenen Klagen sind 200 (156 in brauchbarem Zustande 
schriftlich eingereicht worden, der Rest von 245 (204) zu 
Protokoll des Gerichtsschreibers. Von den Klagen sind 
erledigt worden in der Zeit von weniger als einer Woche 
84 (39), 1 Woche bis ausschließlich 2 Wochen 92 (104), 
2 Wochen bis ausschließlich 1 Monat 89 (93), 1 Monat 
bis ausschließlich 3 Monaten 76 (48), 3 Monaten und mehr 
30 (8), zusammen 371 (292). Hierzu die für ruheud 
erklärten und „auf andere Weise" erledigten Sachen 40 (45), 
ergibt 420 (337). Beweisschlüsse sind 89 (73) vor dem 
Vorsitzenden und 54 (28) vor dein Spruchgericht, zusammen 
143 (105) ergangen. Es wurden 90 (128) Zeugen, davon 
4 (8) eidlich vernommen, 5 (2) Sachverständige gehört und 
6 (7) Parteieide geleistet, davon 3 (4) voin Kläger. Gegen 
10 (6) Urteile des Kaufmanusgerichts wurde Berufung ein 
gelegt. Hiervon sind 3 (6) erledigt, eine durch Bestätigung 
und' zivei durch teilweise Abänderung unseres Urteils. 
Dreimal (dreimal) wurden Ordnungsstrafen gegen Zeugen 
und einmal gegen eine beklagte Partei verhängt. 
o Gegen die Filialstener. Der Verband Deutscher 
Filialbetriebe e. V., Sitz Berlin, wendet sich in einer um 
fangreichen Eingabe, die jedem Gemeindeverordneten zuge 
stellt ivvrdcn ist, gegen die in Berlin-Friedenau geplante 
Einführung einer Filialsteuer. Der Verband, dem die nam- 
haftesten Filialbetriebe aller Branchen Deutschlands (Klein-, 
Mittel- und Großbetriebe) angehören, richtet au unsere 
Gemeindevertreter die dringende Bitte, der vorgeschlagenen 
Sondersteuer auf Filialbetriebe in Friedenau die Genehmi 
gung zu versagen. Er bemerkt: „Die lediglich für Filial 
betriebe, also für willkürlich herausgegriffene Gewerbebetriebe 
in Friedenau vorgeschlagene, besonders hohe Belastung mit 
Gewerbesteuern versucht man damit zu rechtfertigen, daß 
1. die einheimischen Betriebe gegen die auswärtige Kon 
kurrenz geschützt werden müßten, 2. es die Filialbetriebe 
verständen, sich der Gewerbesteuer dadurch zu entziehen, daß 
sie den Jahresertrag der Filialen in Friedenau durch be 
sondere möglichst hohe Berechnung der Einstandspreise der 
an die Filialen gelieferten Waren künstlich so niedrig 
wie, möglich halten". Diese Begründungen werden nun 
von dem Verband in kürzeren Ausführungen widerlegt. 
leicht ans dem Wege geben können, umsomehr als sie nur 
niemals zumutet, sie bei der Unterhaltung ihrer Gaste zu 
unterstützen. Außerdem ist sic sehr kurzsichtig. Mein Oheim 
hat heute großen Empfang, und cs ivcrden so viele Leute 
da sein, daß es Sie nur einen geringen Acifwand von Ge 
schicklichkeit kosten ivird, sich unter dieser Menge zu bewegen, 
ohne sich irgendivo in ein längeres Gespräch verwickeln zu 
lassen. Ein wenig Takt und Geistesgcgemvart Hilst Ihnen ganz 
geiviß glücklich über alle Klippen hinweg." 
Es ivar eine unwiderstehliche Kraft der Ucbcrrcdiing 
in Vera Galloivays Worten, in dein weichen, flehenden 
Klang ihrer Stimme und in dem angstvoll ans Jessics Antlitz 
gerichteten Blick ihrer schonen Augen. Die Bedenklichkeiten 
der jungen Modistin, die ihr selber anfangs so unüberivindlich 
erschienen ivaren, hatten dem Zusammenwirken all dieser ein 
schmeichelnden und überzeugenden Einflüsse nicht zu wider 
stehen vermocht. 
ZWcnn Sie wirklich der Meinung sind, daß es sich 
wagen ließe ! — Aber möchten Sie mir nicht vor 
allem erklären. Miß Galloivay, wie Sie gerade ans mich ver 
fallen sind und woher Sie überhaupt Kunde von meiner 
Existenz erhielten?" 
„Sie haben wohl ein Recht darauf, cs zu erfahren. Und 
cs ist im Grunde gar nichts Wunderbares dabei. — Erinnern 
Sie sich au den Hauplmanu Ronald Hope?" 
Die verräterische Röte, die plötzlich in Jessics Wangen 
aufstieg, ivürc eigentlich schon Antwort genug geivescn. 
„Ja, ich erinnere mich seiner," sagte sie leise. „Er ver 
kehrte zuweilen in meines Vaters Hanse." 
Hätte sie ganz aufrichtig sein sollen, so wäre cs ihre 
Pflicht gewesen, hinzuzufügen, daß sie sich von all ihren 
einstigen Bekannten keines einzigen so gut und so oft er 
innert hatte, wie gerade dieses jungen Offiziers, dein die erste 
Zu 1. meint der Verband, daß ein Schutz der einheimischen 
Betriebe durch, eine derartige Steuer nicht erreicht werde; 
die Bevorzugung der Filialen seitens des Publikums sei 
ohne weiteres erklärlich, eininal in der Lieferung guter 
Ware und billiger Preisstellnng, ferner aber auch in der 
kaufmännischen Schulung des Personals, wogegen der Klein 
handel das große Sanunelbecken für zahlreiche Personen 
geworden ist, die daran verzweifeln, auf anderem Wege ihr 
Auskommen zu finden. Gerade das Uebermaß der Ge 
schäftsgründungen im Kleinhandel ohne die erforderliche gute 
Fundierung, ist der Hauptgrund zu seiner mißlichen Lage". 
Weiter wird angeführt, was der Verband mitteldeutscher 
Handelskammern zu Braunschweig betont hat: „Nicht daraus 
sollte das Augenmerk gerichtet sein, ivie man die stärkeren 
Bctriebsformen schivüche, sondern darauf, wie man die 
schwächeren Betriebsformen stärke!! Das sächsische Gemeinde 
steuergesetz vom Dezember 1912 hat die Umsatzsteuer auf 
Filialbetriebe verboten. Bevor man also die Filialbetriebe 
einer Sonderfteuer unterwirft, um die Kleinhaudelsbetriebe in 
Friedenau zu schützen, sollte man von diesen verlangen, 
daß sie im Wege der Selbsthilfe von ihrer Seite das zur 
Behebung der Notlage Erforderliche tun und somit den 
Nachweis ihrer wirklichen Existenzberechtigung erbringen. 
Die Steuer würde auch die Grundbesitzer schädigen, deren 
große Läden meist von Großbetrieben gemietet werden. 
Zu 2. verwahrt sich der Verband auf das allerentschiedenste 
gegen die leichtfertig erhobene Unterstellung, als ob es bei 
den Filialbetrieben allgemein üblich sei, den Jahrcsertrag 
der Filialen durch allerhand Manipulationen künstlich zur 
Ersparung der Geiverbesteuer niedrig zu halten. Sämtliche 
Filialbetriebe sind in der Lage, auf Grund ihrer Bücher 
den Nachiveis zu erbringen, daß die aufgestellte Behauptung 
der Gewinnvcrschleierung unwahr ist. Zum Schluß wird 
dann die Bitte ausgesprochen, von der Einführung der 
Sondersteuer im Interesse der Gerechtigkeit abzusehen und 
die Reform des preußischen Kominunalabgabengesetzes im 
Herbst dieses Jahres abzuwarten. 
o Auskünfte über Spareinlagen. Es ist mehrfach 
beobachtet worden, daß Verwaltungen von Kreis- und Ge- 
meindesparkasseu, um das Publikum zur Benutzung ihrer 
Spareinrichtungen anzuregen, in Bekanntmachungen, welche 
durch die Tagespresse veröffentlicht werden, oder durch 
Plakate, welche in den Kassenräumen ausgehängt iverden, 
ausdrücklich darauf hinweisen, daß ihren Angestellten die 
Erteilung jeder Auskunft über Sparer und Spareinlagen 
„auch gegenüber den Steuerbehörden" untersagt sei. Diese 
Mitteilungen sind insofern irreführend, als zwar für die 
Zwecke der Veranlagung der Staatssteuer die Einsichtnahme 
in die Bücher der Sparkassen nach Vorschrift des 8 30 des 
Einkommensteuergesetzes den Steuerbehörden untersagt ist, 
dagegen kein Zweifel darüber besteht, daß die Bcainten und 
Angestellten der Sparkassen weder im Rcchtsmittelverfahren 
noch im gerichtlichen Strafverfahren wegen Steuerhinter 
ziehung eine Verweigerung ihres Zeugnisses über Vorhanden 
sein und Höhe von Spareinlagen auf jene Vorschrift des 
Einkommensteuergesetzes begründen dürfen. Es erscheint 
nicht ausgeschlossen, daß Steuerpflichtige, im Vertrauen aus 
die ihnen zugesicherte absolute Geheimhaltung ihrer Spar 
einlagen bei den Sparkassen, sich dazu verleiten lassen, diese 
Ersparnisse in den Steuererklärungen oder sonst der Steuer 
behörde gegenüber zu verschweigen und daß sie sich hier 
durch Bestrafungen aussetzen. 
v Schnlnachricht. Zum Turnlehrer am Helmholtz- 
Ncalgtzmuasium wurde der bisherige Hilfsturnlehrer Thamm 
der Comcniusschule gewählt. 
o Ein Wahrzeichen Wilmersdorfs, das alte Guts 
haus in der Wilhelmsaue, fällt jetzt nebst allen Neben 
gebäuden der Spitzhacke zum Opfer. Hier war der Stammsitz 
derer von Wilmersdorf, die viele Jahre hindurch das nach 
ihnen benannte Rittergut verivaltcten, von dem später auch 
der Gemeindebezirk Friedenau abgetrennt wurde. Neben 
dem Nittergute entstanden s. Zt. auch mehrere Baucrn- 
gehöfte, die den Ursprung zum Dorfe Wilmersdorf legten. 
Nach und nach erfolgte die Vereinigung von Dorf und 
Rittergut zu einer Gemeinde, die im Jahre 1905 vom 
Teltower Kreise losgelöst und Stadt wurde. 
v 3000 M. Belohnung. Durch das Schwurgericht 
des Königlichen Landgerichts II ist der Nestauralcur 
Wilhelm Dertinger wegen Nachmachung von Neichsbank- 
noten zu 100 M. mit 0 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren 
Ehrverlust und die Witwe Lydia Hannemaun wegen Ver 
breitung solcher Fälschungen mit 9 Monaten Gefängnis be- 
zärlliche Regung ihres jungen Herzens gegolten und der ihr 
seinerseits ans seinem marinen Interesse für sie so wenig cm 
Hehl gemacht hatte, daß cs wohl verzeihlich gewesen wäre, 
wenn sic sich in ihren Träumen niauchinal schon als seine 
Braut gesehen hätte. 
Ter jähe Tod des Obersten Harconrt hatte diesem 
Traum ein Ende gemacht, wie so manchem anderen, und 
Jcssie hatte sich tapfer bemüht, ihre holden Illusionen zu ver- 
gessen. Die liebliche Bcrivirrnng, die sich jetzt ans ihrem 
Gesicht ausprägte, ivar Zeugnis genug dafür, wie wenig es 
ihr gelungen ivar. 
Vera Galloivay indessen schien nichts davon bemerkt zn 
haben, denn sie fuhr rasch und unbefangen in ihrer Er 
klärung fort: 
„Ronald muß sehr viel von Ihnen und Ihren An 
gehörigen gehalten haben, denn er crivähntc sehr hünsig 
Ihren Rainen und sprach bei der Gelegenheit jedesmal von 
der ivuildcrbarcn Achnlichkeit, die zwischen Ihnen und mir be 
stehen sollte." 
Ich batte aus dicseiii Grunde lebhaftes Interesse für 
Sie schon 31t einer Zeit, wo ich noch nicht entfernt daran 
dachte, Ihre persönliche Bekanntschaft zn machen. Weil 
Ronald mir schmerzlichen Bedauerns sagte, daß er seit Ihres 
Vaters Tode jede Spur von Ihnen verloren habe, ivandte 
ich mich einmal an Air. Beryll, einen Herrn meiner Bekannt 
schaft, der in unseren Kreisen für einen Alleswisser gilt, mit 
der Frage, ob er nicht in Erfahrung bringen könne, was 
ans Oberst Hareourts Töchtern geworden sei. lind vor 
einigen Tagen brachte er mir richtig die Anslnnst. daß 
Aist; Jessic Hareouct eine Stellung im Atelier der Aindame 
Bicilmaison in Bond-Street angenommen habe. Ich »ahm 
mir vor. Sie mir gelegentlich einmal dort anzusehen, denn 
Ihr mutiger Entschluß imponierte mir nicht wenig, und außer 
straft ivorden. Frau Hannentann gab am 22. Dezember 
1011 Abends bei dem Kaufmann Schwartz m Bcrlin- 
Schöneberg, Goltzstr. 40 b, eine von Dertinger nachgemachte 
Rcichsbanknote zu 100 M. in Zahlung. Schwartz wies 
die Rote zurück, folgte der das Geschäft verlassenden Iran 
in unauffälliger Weise und ließ sie in dem Augenblick, als 
sie einen Straßenbahnwagen besteigen wollte, durch einen 
Schutzmann festnehmen. Durch die Festnahine wurde die 
Entdeckung des Banknotenfälschers Dertinger und die Ver 
urteilung der beiden Verbrecher ermöglicht. Das Reichs- 
bank-Direktorium hat Herrn Schwartz für die Anzeige in 
Gemäßheit seiner in den Fahndungsblättern vom 21. Juni 
und 22. September 1905 veröffentlichten Auslobung eine 
Belohnung von 3000 M. auszahlen lassen. 
0 Die Lose 1. Klasse der 3. Preuß.-Süddeutschen (229. 
Kgl. Preuß.) Klassenlotterie iverden den bisherigen Spielern 
14 Tage nach beendeter Ziehung, also vom 5. bis 19. Juni, 
aufbewahrt. Die Einlösung muß in dieser Zeit wegen Vor 
legung der Lose 5. Klasse 2. (228.) Lotterie erfolgen. 
0 Ballonwcttsahrt. Der Berliner Verein für Luft 
schiffahrt veranstaltet ain Sonnabend, dem 7. Juni, Nach 
mittag 5 Uhr, von der Ballonhatte in Schmargendorf aus 
eine nationale Weitzielfahrt mit selbstgcwählten Zielen, zu 
welcher insgesamt 12 Ballone gemeldet haben. 
0 Edith von Voigtlaender wirkte am 16. Mai in 
einem Konzert des Kirchenchvrs der „Kaiser-Fricdrich- 
Gedächtniskirche" im Verein mit Frau Mary Schmidt- 
Hagen, den Königl. Opernsängerinnen Fr. Grete Parbs, 
Fr. Helene Lieban-Globig u. a. Das Fachblatt „Die Ton 
kunst" schreibt darüber: „Ganz abgewendet von diesen ans 
äußerlichen Effekten aufgebauten Erfolgen der Frau Lieban- 
Globig wandelt Edith von Voigtlaender ihre Bahn. Welch 
elegantes Spiel, ivelch blendender Tonrcichtum, welche Kraft 
iin Ausdruck und ivclche Sicherheit in den schwierigsten 
Passagen und Doppelgriffen? Eine gottbegnadete Künstlerin, 
die doch wieder so sympathisch bescheiden die ihr jubelnd 
dargebrachten Ovationen annahm, als gälten sie mehr ihrem 
vorzüglichen Begleiter am Flügel, Herrn Fritz Fuhrmeister, 
von dem sie eine erst am gleichen Tage im Manuskript 
erhaltene reizende Gavotte Abends als Zugabe bereits — 
auswendig spielte. Diese prächtigen Violinsoli von Kreisler 
Halvorsen usw. waren doch die Höhepunkte der ganzen 
. Veranstaltung." 
0 Das Naturtheater der Deutschen Heimatspiele zu 
Potsdam gibt in dieser, seiner Dritten Spielzeit zur Jahr 
hundertfeier der Freiheitskriege ein Volksstück „Marschall 
Vorwärts", das Blücher zum Helden hat. Ein Schauspiel- 
personal von 98 Personen wirkt init. Die Dekorationen 
sind massiv errichtet. Gespielt wird jeden regenfreien Nach 
mittag um 5 Uhr und zwar bis zum 17. August. Bergt, 
die Sonderbeilage in dieser Nummer. 
0 Wiedergefunden. Von den beiden verschivundenen 
Söhnen in der Bautzener Straße 13 zu Schön^berg ist der 
sechsjährige Sohn Alfred gestern Morgen in Lichterfelde- 
West dem Polizeirevier in der Drakestraße durch ein Dienst 
mädchen, das den Jungen ans der Straße gefunden hatte, 
eingeliefert und von der Mutter bereits abgeholt worden. 
Der Knabe, der mit seinem Bruder nach Grvß-Lichterfelde 
gelaufen ivar, hatte eine ziemlich große Kopfwunde, die er 
sich bei einem Fall zugezogen hatte. Der ältere Knabe, der 
neunjährige Herbert, hat den Kleinen heut morgen im 
Slich gelassen und ist weiter gewandert, doch ist die Polizei 
ihm auf der Spur. Die Kinder haben die acht Tage in 
ein und demselben Hanse in Lichterfcldc auf dem Boden 
übernachtet, wobei der altere der beiden das Lager ans 
Stroh zubereitete. Ihren Lebensunterhalt bettelten sie sich 
zusammen. 
0 Schwarze Pocken in Steglitz'? Unter dein Verdacht 
der Erkrankung an schwarzen Pocken ist der Lagerist Köhler 
ans der Ahornstraße in Steglitz dem Stubenranchkrankenhaus 
zugeführt worden. Die Untersuchungen sind noch nicht ab 
geschlossen. Zn einer allgemeinen Beunruhigung ist keine 
Veranlassung, da alle Vorsichtsmaßregeln getroffen sind. 
Jminerhin ist denjenigen Personen, die mit Köhler in letzter 
Zeit zusammengetroffen sind, besondere Diät und äußerste 
Reinhaltung des Körpers anzuempfehlen. Es wurden diese 
Personen, soweit sie zn ermitteln waren, auch sofort vorsichts 
halber einer Schutzimpfung unterzogen. 
0 Eiir Spitzbube verhaftet. Mit einem Paket ge 
stohlener Kleidungsstücke wurde in der letzten Nacht ans 
Steglitzer Gebiet ein Mann von einem Wächter angelroffeii 
und angehalten; bei näheren Nachforschungen gab der Mann 
dein Uhu' ich luuijicuij, meine angevtiche Doppelgängerin 
wenigstens ans der Entfernung kennen zu lernen. Aber cS 
wäre vielleicht noch eine lange Zeit vergangen, che ich wein 
Vorhaben zur AnZjnhrnug gebracht hätte, wenn nicht.plötzlich 
dies Entsetzliche über mich gekommen wäre, diese schrecklichen 
Wirrnisse, ans denen meine Vcrzivciflnng keinen Aysiveg 
mehr zn finden vermochte. - Ta — im letzten Augenblick, 
nachdem ich lange vergeblich mein armes. Hirn zermartert 
hatte, siel mir wie durch eine Offenbarung ein, was Ronald 
über unsere Achnlichkeit gesagt hatte, und in meinem Geiste 
entstand der Plan, der Ihnen vorhin so toll und abenteuerlich 
erscheinen ivvllle. Ich fuhr zn Madame Malmaison nno 
machte mir unter dem Vorivande eines Einkaufs so lange in 
ihrem Aiagazin zu schaffen, bis sich Gelegenheit fand, Cie 
zn sehen und Sie eine Zeitlang zn beobachten, ohne daß Sie 
selbst eine Ahnung davon hatten. Ich fand alles übcrtrosfcn, 
nms ich nach Ronalds Bericht hinsichtlich der Uebereinstimmung 
unserer äußeren Erscheinung' .erwartet hatte. Aber ich fand 
auch noch etwas anderes — nämlich, daß Lüe ein sehr gutes, 
liebenswürdiges Gesicht hatten, ein Gesicht, das nur der 
Spiegel eines edlen mitfühlenden HcrzcnS sein konnte. Und 
in der Gewißheit, mich darin nicht'getäuscht zn haben, schrieb 
ich Ihnen den Brief, durch den Sie gewiß in nicht geringes 
Erstaunen versetzt ivorden sind. — Unsere persüikl'ichc Be- 
lannlschast aber hat den Eindruck, den ich schon aus der 
Entfernnng von Ihnen empfing, so verstärkt, daß ich in 
diesem Augenblick nicht mehr den geringsten Zwcisel hege an 
Ihrer Bereitwilligkeit, mir zn helfen." 
„Ja, ich bin dazu bereit," erklärte Jcssie mit Festig 
keit, „denn ich habe die Ueberzeugung, damit einer guten Sache 
zu bienen." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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