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Periodical volume Nr. 125, 30.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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Mkmrr fokal 
(Friedrnauer 
A«-«rt<W< Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Ungele-mheite». 
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fernlpreeberr pf»l,borg 21S9. 
Zeitung.) 
Organ siir den Kriedmaner Ortsteil nsn ZOneberg und 
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KeNagen 
Jeeten Sonnt»gr 
Llatler für cleuiicbe grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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f»rnlpre«1»»r: Hmt Pfaljburg 3129. 
Ar. 125. 
Aerlin-Ariedenau, Arettag, den 30. War 1913. 
20. Zaßrg. 
vepescken 
Letzte IZacbricbten 
Verlin. In den Fabrikationsränmen der Aktienge 
sellschaft der Lichtenberger Wollfabrik in der Ritterguts- 
straße 121 in Lichtenberg, ereignete sich gestern Abend gegen 
0 Uhr ein schweres Explosionsunglück, durch das 4 Arbeiter 
und ein Meister schwer verletzt wurden. 
Czernowitz. Auf der Straße Nowy-Measto nach 
Czernowitz an der russisch-bukowinischen Grenze wurde der 
Postwagen von Banditen überfallen. Die Räuber erschossen 
drei Reisende und raubten über 50 000 Rubel. Bisher 
fehlt jede Spur von den Banditen. 
Aix-lcs-Bains. Ein großer Brand brach gestern im 
Hotel Montblanc aus. Das Gebäude wurde völlig zerstört. 
Der Schaden beläuft sich auf mindestens 100 000 Franken, 
tvobei der Wert des den Hotelgästen verbrannten Gepäcks 
noch nicht eingerechnet ist. Opfer an Menschenleben sind 
nicht zu beklagen. Wie das Feuer entstanden ist, konnte 
bisher nicht festgestellt werden. 
Wien. Mit der Entlarvung des Obersten Redl scheint 
der Skandal noch nicht erschöpft zu sein. Man hat Anhalts 
punkte, daß eine Redl nahestehende in Galizien wohnende 
Persönlichkeit ihm werktätige Hilfe geleistet. Weiter ist vor 
kurzem ein Offizier aus Galizien, der auch in die Affäre 
Jandritsch verwickelt ist, kürzlich nach Rußland geflüchtet. 
Es verlautet, daß auch noch eine höherstehende militärische 
Persönlichkeit in die Affäre verwickelt ist. 
Wien. In einem Hotel auf der Wieden wurde Frau 
Helene Maubach geb. Freiin v. Bülow von ihrer Schwester 
Fräulein Eleonore Türk im Schlafe überfallen und durch 
einen Dolchstich schwer verletzt. Fräulein Türk tötete sich 
darauf durch zwölf Dolchstiche in Herz und Brust. 
Moskau. Im Butirki-Gefängnis in Moskau über 
fielen mehrere Gefangene, die sich zur Flucht rüsteten, einen 
Aufseher, erwürgten und entwaffneten ihn. Sie verwundeten 
dann noch drei andere Aufseher. Es wurde eine Militär 
patrouille alarmiert, welche eine Salve auf die Gefangenen 
abgab; fünf von diesen wurden verwundet. 
London. Times und Ncuyork Herald melden aus 
Athen folgenden Zwischenfall: Der deutsche Kreuzer 
„Straßburg", der gestern früh uni 6 Uhr aus Konstantinvpel 
im Piräus eingetroffen ist, wurde infolge eines Irrtums 
der Besatzungen der griechischen Hafenforts einer regelrechten 
Beschießung unterworfen. Die griechischen Forts hielten 
den deutschen Kreuzer für ein türkisches Kriegsschiff und be 
gannen, als er die Hafenbefestigung passierte, ein Feuer auf 
das Schiff zu eröffnen. Ein Lotsenboot, das sich der 
Mumenae Menschen. 
Koma» vo« Dora Sünder. 
Schluß. inUa.) 
Friedmann legte lächelnd dem Direktor die Hand aus 
die Schulter. 
„Das größte Wunder aber, das er vollbracht, haben 
Sie zu erwähnen vergessen, lieber Jensen, er hat Sie 
Schweigsamen beredt gemacht." 
Der Direktor nahm die kleine Spitze nicht übel. 
„Ja, wahrhaftig, das hat er. Aber wenn die Herr 
schaften heut vielleichtauch noch glauben, ich übertreibe, die 
Zukunft wird mir recht geben." — 
Helene war mit leuchtenden Augen den Herren voran 
zu dem Kaffceplatz unter den Kastanien geschritten, wo 
Hans, feines lästigen Unterrichts bei dem Kandidaten ledig, 
schon ungeduldig wartete. 
Aus der Kriftallfchale, die. bis an den Rand mit 
Flieder und Narzissen gefüllt, in der Mitte des Tisches 
stand, hatte er große Büschel voll gezogen und hielt sie 
den ankonrmenden Herren entgegen. 
Friedmann sprach drollig seinen Dank für den feier 
lichen Empfang aus. 
„Aber gar nicht für Sie, Herr Friedmann, und für 
Sie auch nicht, Herr Direktor. Heut ist doch Mordes 
Geburtstag! Sie müssen die Sträuße auf fein Grab 
legen, gleich hier dicht bei, und dem Herrn Kähne können 
Sie nur sagen, daß ich sehr böse auf ihn bin, todböse." 
„Weshalb denn, Hansemann?" fragte Friedmann 
amüsiert. 
„Weil er Mörbes Geburtstag vergessen hat. Voriges 
Jahr am zwanzigsten Mai haben wir ihm Blumen und 
eine große Kiste aus Reichenhall geschickt." 
„Bestell' ihm das nur am Sonntag selbst, mein Junge. 
Er läßt dich nämlich schön grüßen und dir sagen, daß er 
Sonntag nach Klein-Wlossow käme — natürlich nur, wenn 
du ihn haben willst." 
Hans warf seinen Strohhut mit einem lauten Hurra 
in die Luft, riß den Herren die Sträuße wieder aus den 
Händen und lief damit, laut vor sich hinsingend, zu 
Mörbes Grab. 
„Straßburg" näherte, benachrichtigte den Kommandanten, 
daß sich das Schiff inmitten des Minengürtels befinde und 
anfs äußerste gefährdet sei. Der Lotse ließ sich nach 
längerem Zureden dazu bewegen, den Kreuzer aus der be 
drohlichen Minenzone herauszuführen, worauf die Einfahrt 
der „Straßburg" in den Piräus ohne jeden weiteren 
Zwischenfall erfolgte. 
Sevilla. Der Hofzug in dem der König von 
Spanien die Rückreise nach Madrid angetreten hatte, über 
fuhr in der Rahe von Utrera ein Kind. Der König ließ 
den Zug halten und bemühte sich selbst um das Kind, das 
indes seinen Verletzungen erlag. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die nächste Gemeindeliertretersihung findet am 
Donnerstag, dem 5. Juni, Abends 7 Uhr im Sitzungssaale 
des Reformrealgymnasiums (Homuthstraße) statt. Die Tages 
ordnung finden unsere Leser im Anzeigenteil dieser Nummer. 
o Schundliteratur. Ein Ministerialerlass vom 21. 
September 1913 an die Höheren Lehranstalten hat 
folgenden Wortlaut: Die Gefahren, die durch die überhand 
nehmende Schundliteratur der Jugend und dainit der Zu 
kunft des ganzen Volkes drohen, sind in den letzten Jahren 
immer mehr zutage getreten. Neuerdings hat sich wieder 
mehrfach gezeigt, daß durch die Abenteurer-, Gauner- und 
Schmutzgeschichten, wie sie namentlich auch in einzelnen 
illustrierten Zeitschriften verbreitet werden, die Phansie ver 
dorben und das sittliche Empfinden und Wollen derart ver 
wirrt worden ist, daß sich die jugendlichen Leser zu schlechten 
und selbst gerichtlich strafbaren Handlungen haben hinreißen 
lassen. Die Schule hat es auch bisher nicht daran fehlen 
lassen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dieses 
Uebel zu bekämpfen und alles zu tun, um bei den Schülern 
und Schülerinnen das rechte Verständnis für gute Literatur, 
Freude an ihre Werken zu wecken und dadurch die sittliche 
Festigung in Gedanken, Worten und Taten herbeizuführen. 
In fast allen Schulen finden sich reichliche Büchereien, die 
von den Schülern und Schülerinnen kostenlos benutzt 
werden können. Aber die Schule ist machtlos, wenn sie 
von dem Elternhause nicht ausreichend unterstützt wird. 
Nur wenn die Eltern in klarer Erkenntnis der ihren 
Kindern drohenden Gefahren und im Bewußtsein ihrer 
Verantwortung die Lesestoffe ihrer Kinder, einschließlich der 
Tagespresse, sorgsam überwachen, das versteckte Wandern 
häßlicher Schriften von Hand zu Hand verhindern, das Be 
treten aller Buch- und Schreibwarenhandlungen, in denen 
Erzeugnisse der Schundliteratur feilgeboten werden, streng 
23. Kapitel. 
Der Sonntag, der letzte im Mai, schien nicht halten 
zu wollen, was Hans sich von ihm versprochen hatte. 
Ein feiner Strichregen fiel herab und hüllte die 
blühende Pracht des Parkes wie in feine graue Schleier- 
tücher ein. 
Die Hälfte des Vormittags war verstrichen, und Herr 
Kähne war noch immer nicht gekommen. 
Helene vertröstete vergebens. 
„Mag fein, die Arbeit hat Herrn Kähne aufgehalten." 
Der Junge schüttelte ungläubig den Kopf. 
„Am Sonntag arbeiten?" 
„Es find nicht alle Leute so faul wie du, Strick I Die 
Herren nehmen oft den Sonntagvormittag zu Hilfe, be 
sonders jetzt, da Herr Mewes und Herr Kühne sich mit der 
Einführung einer neuen Technik beschäftigen." 
Aber der Junge wollte von alledem nichts wissen. 
Wenn es wenigstens schönes Wetter gewesen wäre! Wenn 
er wenigstens im Garten hätte turnen oder tollen können, 
damit die Zeit vergangen wäre! 
Endlich kam Helene auf einen Gedanken. 
„Weißt du was, Hans, lauf' zu Mamsell in die Küche 
hinunter und überleg' mit ihr, was für Kuchen wir für 
Fräulein Heines Hochzeit backen wollen. Solche, die du 
schön mitnehmen kannst, wenn du mit Tante Nellie hin 
überfährst." 
Ja, das war eine Idee! Ueberhaupt, diese Hochzeits 
einladung war der einzige lichte Punkt in Hans' traurigem 
Dasein I Er war noch nie auf einer Hochzeit gewesen, 
und nun sollte er gar zu einer reisen, und allein mit 
Tante Nellie. Hei, würde das lustig werden! Und die 
komische kleine Stadt sollte er sehen mit dem dicken, roten, 
runden Pulverturm, der, wie Tante Nellie sagte, aussah 
wie ein Kommerzienrat nach dem Diner, und die roten 
Fcstungsmauern, in denen noch die alten Schießlöcher zu 
sehen waren, und Herrn Kühnes alte Mama und Herrn 
Kühnes Halbschwester, die so feine Sachen stickte, und 
Heines Garten hinter der Festungsmauer, in dem Mutti 
und alle Leute danials gefrühstückt hatten, große Kalbs 
braten und Würste, so lang wie Schlangen. 
„Ist auch ein Burgverlies da. Mutti?" 
verbieten und selbst überall gegen Erscheinungen dieser Art 
vorbildlich und tatkräftig Stellung nehmen, nur dann ist 
Hoffnung vorhanden, daß dem Uebel gesteuert werden kann. 
Bei der Ausmahl guter und wertvoller Bücher wird die 
Schule den Eltern wie auch den Schülern und Schülerinnen 
selbst mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihnen die 
jenigen Bücher angeben, die sich für die Altersstufe und für 
ihre geistige Entwicklung eignen. Zu diesem Zwecke werden 
es sich die Lehrer und Lehrerinnen gern angelegen sein 
lassen, sich über die in Betracht kommende Jugendliteratur 
fortlaufend zu unterrichten. Das in dem Weigmann'schen 
Verlage in Berlin erschienene Buch des Direktors Dr. F. 
Johannesson „Was sollen unsere Jungen lesen?" wird den 
Schülern und auch Schülerinnen ivie deren Eltern als Zu 
verlässiger Wegweiser dienen können. 
o Fontaneschule. Nach dem 6. Jahresbericht (1912/13) 
bcsilchten die Fontaneschule (Städtisches Lyzeum) in Berlin- 
Schöneberg, Rubensstraße, am 1. Februar d. Js. 389 
Schülerinnen. Nach dem Religions-, Staatsangehörigkeits 
und! Heimatsvcrhältnisse der Schülerinnen waren 355 evan 
gelisch,"16 katholisch, 12 jüdisch, 6 Dissidenten, 347 Preußen, 
37 nicht preußische Reichsangehörige, 6 Ausländer, 384 
Schülerinnen waren aus dem Schulort, 5 von außerhalb. 
Vom Turnunterricht waren auf Grund ärztlichen Zeugnisses 
im Sommerhalbjahr 26, im Winterhalbjahr 40 Schülerinnen 
befreit. Am wahlfreien Unterricht in Nadelarbeit beteiligten 
sich im Sommerhalbjahr von 38 Schülerinnen der 4. Klasse 
29, im Winterhalbjahr von 37 Schülerinnen 27, im 
Sommerhalbjahr von 29 Schülerinnen der 3. Klasse 26, im 
Winterhalbjahr von 28 Schülerinnen 13, im Sommerhalb 
jahr von 25 Schülerinnen der 2. Klasse 23, im Winter 
halbjahr von 26 Schülerinnen 16. Vom verbindlichen 
Unterricht in Nadelarbeit waren auf Grund ärztlichen Zeug 
nisses im Sommer 11, im Winter 18 Schülerinnen der 
Klassen 9—5 befreit, vom Zeichenunterricht 20 bezw. 27, 
vom Gesang 16 bezw. 21. Den katholischen Unterricht er 
teilte die wissenschaftliche Hilfslehrerin Fräulein Thiel. Zum 
1. April d. Js. trat Herr Otto Sauermilch als ordentlicher 
Lehrer neu in das Kollegium der Anstalt. — Das 
Königliche Provinzial-Schulkollegium hat die Errichtung 
eines Doppelosterzötus an der Fontaneschule beginnend mit 
der Eröffnung der zweiten Klasse X zu Ostern v. I. durch 
Verfügung vom 4. April 1912 genehmigt; die Unterbringung 
dev neu zu errichtenden Klassen in dem Gebäude der 
8. Volksschule, in dem die Fvntaneschule einstweilen noch 
immer ihr Heim hat, wird aber sehr bald nicht mehr 
möglich sein, und es ist deshalb in Erwägung gezogen 
worden, ob nicht einige Klassen des neuen Osterzötus in 
das neue Schulgebäude der Rückertschule am Stadtpark zu 
„Das weiß ich nicht, Junge. Das wird dir alles Herr 
Heine sagen können." 
„Na, dann werd' ich mal mit Mamsell reden. Sie 
soll am besten einen Baumkuchen backen, so groß und 
dick wie der Pulverturm." 
Helene lachte. 
„Tante Nellie wird sich für das Hanogepäck bedanken." 
Endlich war der Unband zur Tür hinaus. — 
Helene setzte sich an ihren Arbeitstisch. 
Sie sah noch einmal durch, was Friedmann ihr neu 
lich an Geschäftspapieren mitgebracht hatte. 
Sie schloß den eichenen Kasten auf, zerriß ein paar 
überflüssig gewordene Papiere, blickte flüchtig auf die Liste 
mit dem Klein-Wlossower Inventar. 
Aber alles, was sie tat, tat sic mechanisch. Sie war 
nicht bei der Sache. Ihre Blicke flogen hin und her. 
Das Blut kam und ging in ihrem schmalen, schönen Gesicht. 
Ihre Hände waren unruhig und unstet. Hastig griffen 
sie zu und ließen wieder fallen, was sie eben ergriffen 
hatten. 
Durch das Fenster, das nicht auf den Park, sondern 
auf den Obst- und Gemüsegarten sah, blickte sie auf die 
Weinspaliere, auf die verblühten Pfirsich- und Aprikosen 
kulturen. Sie sagte sich, daß sie in diesem Jahre zum 
letztenmal die Früchte von den Spalieren ernten würde. Daß 
im Winter jemand anders hier sitzen und auf die Obst 
und Gemüsegärten sehen würde, und auf das Torwärter 
häuschen, das mit seinem spitzen Dach und seinen seit 
Mörbes Tode fest geschlossenen Fensterläden hinter dichtem 
Buschwerk auftauchte. 
Aber sie dachte das alles nur unklar, verschwommen, 
wie durch eine graue, sich fortwährend hin und her 
schiebende Nebelwand. 
Ihre Gedanken, ihr eigentliches Leben war da, wo es 
all diese langen, einsamen Monate lang gewesen war, in 
der Fabrik, in dem Zimmer neben dem hellen Zeichensaal, 
in dem Rolf Kähne mit Mewes arbeitete. 
Sie sah seine Hand, an der sie jede Linie kannte, mit 
dem Stift über das Papier fliegen, sah seine warmen, 
dunkeln Augen aufleuchten, wenn ihm etwas gelungen 
war, sah die Achten auf seiner Stirn, wenn er unzufrieden 
mit sich war. Sie hörte seine Stimme, die sie aus viel
        
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