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Periodical volume Nr. 123, 28.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Mrumr Fikal-Amkisn. 
(Friedrnaurr 
A«p«cktltsch< ZMng für kmmuiiate md bürgerliche 
Kirgeiegenheite«. 
»eragsprels Kesondere 
M Abholung aus der Geschäftsstelle, 
Rheinstr. 15,1,50 M. vierteljährlich; ourch 
Boten inSHaus gebracht1,80M., durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
Jtdtn Mittwoch) 
(Zhtjblatt „Seifenblasen". 
f«mTpred)*rs Hmt pfaljburg 3129. Ekscheittt lägllH SöLNdS. 
Zeitung.) 
Organ für den Iriedenauer Ortsietl m ZDnederg und 
Oerirksnerein Wildwest. 
Seisagen Unrelgen 
Jeelen Sonntag) 
Blätter für deutsche frauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftssteller Rheinstr. <5. 
75 Pf. Belagnummer 10 Pf. 
kostet 
frniTprtd)*r: Hmt pf»lzbu.-g 3139. 
Ar. 123. 
Merlin-Iriedenau, Mittwoch, den 28. Mai 1913. 
20. Jafirg. 
vepefcken 
Letzte Nachrichten 
Berlin. Heilte vormittag brach in dem Hanse 
Lebnser Str. 5 ein Dachstuhlbrand aus. Der Dachstuhl ist 
vernichtet. — Der Restaurateur Ohlrogge aus Spandau, 
der früher Feldwebel iin Garde-Regiment z. F. und später 
Kantinenwirt war, hat sich gestern vor einen Personenzug 
der Lehrter Bahn geworfen; er wurde überfahren und war 
sofort tot. 
Hannover. Der Flieger Albin Horn hatte heute 
vormittag bei einem Ueberlandfluge zwischen Isenhagen und 
Burgwedel einen Motordefekt. Als er zur Landung schreiten 
rvollte, überschlug sich der Apparat und stürzte aus der 
Luft zur Erde nieder. Horn erlitt einen Schädelbruch und 
war sofort tot. Er war verheiratet und hinterläßt 4 Kinder. 
London. Der Naturforscher Lord Avebury, der frühere 
Sir John Lubbock, ist gestorben. 
London. Auf die außerordentliche Hitze am Sonn 
abend, Sonntag und Montag folgte gestern in inehreren 
Teilen Englands ein Gewittersturm mit heftigein Hagel und 
schweren Regengüssen, durch den in den Obstbaugegenden 
großer Schaden angerichtet wurde. Ueber den südlichen 
Teil von Norfolk brach der Sturm am frühen Morgen los; 
mehrere Gebäude wurden vom Blitz getroffen. In Sheerneß 
fiel so heftig Regen, daß in kurzer Zeit die Straßen voll 
ständig unter Wasser stände!?. Das Hauptpostamt wurde 
vom Blitz getroffen und die telegraphische und telephonische 
Verbindung mit der übrigen Welt war lange Zeit unter 
brochen. 
Paris. Der bulgarische Finanzminister Teodoroff, der 
als Vertreter seiner Regierung bei der internationalen Finanz 
konferenz in Paris weilt, erklärte einem Mitarbeiter des 
Petit Parisien über den Zwist Bulgariens mit Serbien 
und Griechenland: „Ich verhehle Ihnen nicht, daß die Lage 
beunruhigend ist. Persönlich wünsche ich, daß der Streit 
geschlichtet werden möge, ohne daß man zu den Waffen 
greift. Die Balkanverbündeten würden der Welt sonst ein 
skandalöses Schauspiel geben. Jedenfalls wird Bulgarien 
nicht das Signal zum Angriff geben. Aber die Gefahr 
eines bewaffneten Konfliktes besteht. 200 000 Serben und 
80 000 Griechen stehen an unseren alten und neuen Grenzen. 
Wenn die Regierungen von Belgrad und Athen den Hetze 
reien des Militärs nachgeben, was ich noch nicht glauben 
will, dann ist Bulgarien einer Invasion preisgegeben, die 
zum mindesten einige Tage lang nur geringeren Widerstand 
finden wird, denn vier Fünftel unserer Truppn stehen in 
Thrazien, am Marmarameer und jan der Tschataldschalinie. 
Sofia. Es bestätigt sich, daß der serbische Gesandte 
Spalaikowitsch der bulgarischen Regierung zum zweiten 
Male und zwar diesmal formell und motiviert, das Ansuchen 
um Aenderung des Bündnisvertrages unterbreitet hat. 
Natürlich wird der Bescheid Bulgariens ablehnend ausfallen. 
Erst daraufhin wird der Kaiser von Rußland einen Schieds 
spruch zu fällen haben. 
träumende menschen. 
Aoman Don Dora Sünder. 
54. |S«4lraa vtriftn.) 
„Er ist gestorben wie ein Held," sagte Rolf, „uneingedenk 
der Gefahr, vor der er mich warnen ließ." 
Helene ging zagend auf Rolf zu. 
„Es ist Ihnen in Wahrheit nichts geschehen?" 
„Nichts, gar nichts. Ein Schreckschuß in die Luft ge 
feuert, als er Schritte hinter sich hörte. Aber was nun? 
Sie werden ihn nicht so ohne weiteres mit seiner Beute 
entkommen lassen?" 
Auch Cornelie stimmte Kähne sehr energisch bei. 
Helene schüttelte den Kopf mit einem Blick aus den 
Toten. 
„Nicht jetzt, nicht hier. Wir wollen erst'hinübergehen 
und ihm seinen alten Freund Giese schicken. Er soll die 
Totenwache bei ihm halten und ihm von seinen lieben 
Blumen bringen." 
„Es ist Herrn von Loewengards Schuld, daß Mörbe 
hier, ein Toter, liegt," bemerkte Kähne mit Nachdruck und 
dem starken Willen, Helene zurückzuführen auf das, was 
für den Augenblick not tat. 
Aber' in ihren Augen stand etwas, das da sprach: 
Lebst du nicht? Was soll ich ihn verfolgen, da er dir das 
Leben ließ I 
Sie gingen still aus dem kleinen Haus. 
Rolf schritt hinter den Schwestern her auf dem ver 
schneiten Wege, auf dem er den Unhold vergeblich ver 
folgt hatte. Er dachte scharf nach, wo und wie man seiner 
würde habhaft werden können. E-s würde schwe.r sein, zu 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel »ur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Verschärfung der Hundesperre. Der Regierungs 
präsident zu Potsdani hat schärfere Anordnungen für die 
Handhabung der Hunde- und Katzcnsperre verfügt. Wir 
bitten die Hunde- und Katzenbcsitzer, die amtliche Vekannt- 
niachung in dieser Nummer zu beachten. 
o Ueber die Erfahrungen, die unsere Gemeinde mit 
der Einführung russischen Fleisches in Friedenau gemacht 
hat, enthält der Verwaltungsbericht der Gemeinde folgendes: 
Auf Grund des Gemeindebeschlusses vom 7. November v. I. 
hatte sich die Gemeinde am Bezüge russischen Fleisches 
durch die Stadt Berlin beteiligt und den Weiterverkauf an 
die Friedenauer Bevölkerung durch hiesige Fleischer bewirken 
lassen. Hierzu hatten sich 11 Meister bereit gefunden. Da 
sie sich indessen nach kurzer Zeit weigerten, den Verkauf 
fortzusetzen, und die Gemeinde selbst hierzu mangels geeigneter 
Räume und geeigneten Personals nicht in der Lage war, so 
wurde der Verkauf eingestellt. Erhatvom 13.November 1912 bis 
10. Januar 1913 gemährt. Verkauft wurden insgesamt 
323 Zentner russisches Rind- und Schweinefleisch. Der 
Einkaufspreis betrug 22 568,09 M., der Verkaufspreis 
22 698,77 M., sodaß ein lleberschuß von 130,68 M. ver 
blieb. Der von der Gemeindevertretung bewilligte Kredit 
von 6000 M. brauchte deshalb nicht in Anspruch ge 
nommen werden. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß 
nach den bei dem Verkaufe gemachten Erfahrungen die Ein 
führung ausländischen Fleisches in unseren! Orte als ein 
dringendes Bedürfnis nicht anerkannt werden kann. 
o Los von der Potsdamer HandelskarNmer, das 
war der Ruf, der in einer zahlreich besuchten Versammlung 
der Wilmersdorfer Handel- und Gewerbetreibenden ein 
lebhaftes Echo fand. In seinem Bericht wies der Vor 
sitzende des Gewerbevereins, H. Heenemann, auf das 
Unnatürliche des Umstandes hin, daß Berliu-Wilniersdorf, 
ein Vorort von nahezu 140 000 Einwohneru, als einziger 
großer Berliner Vorort noch der Potsdamer Handelskammer 
angeschlossen sei, während die übrigen Vorortstädte wie u. a. 
Charlottenburg und Berlin-Schöneberg zu Berlin gehörten. 
Es wurde eine Resolution gefaßt und die Absendung einer 
Petition, in der der Anschluß von Wilmersdorf an die 
Berliner Handelskammer als dringend erwünscht bezeichnet 
wird, an den Handelsminister beschlossen. 
o Vorsicht bei der Verwahrung von Firmen 
stempeln. In vielen Geschäften ist es üblich, bei der 
Zeichnung von Rechnungen. Lieferscheinen, Quittungen usw. 
Firnienstempel zu benutzen. Erfahrungsgemäß pflegen 
ungetreue Angestellte sich dieser Stempel zu bedienen, um 
bei etwaigen Betrügereien sicherer vorgehen zu können. In ; 
diesen Fällen tritt die Frage auf, wer den Schaden zu 
tragen hat: der Geschäftsinhaber, dessen Stempel miß 
bräuchlich benutzt wurde, oder der Empfänger des ge 
stempelten Schriftstückes, der darauf Waren geliefert oder 
empfangene Waren bezahlt hat. Ein Fall, in dem der 
Stempel einem Lieferanten gegenüber mißbräuchlich benutzt 
ivorden war, bildete den Gegenstand eines Gutachtens der 
handeln, wenn Helene sich in abwehrendes Schweigen 
hüllte. 
Rolf wußte nicht, in welcher Höhe der Scheck lautete, 
noch auf welche Bank er ausgestellt war. Jede verlorene 
Minute konnte verhängnisvoll werden! In jedem Fall 
wollte er telephonisch ein Telegramm an Friedmann auf 
geben. Es schien ihm sicherer und diskreter, als ein tele 
phonisches Gespräch zu sein, das belauscht werden konnte. 
Alles brannte in ihm, für Helene zu handeln. 
Jetzt, in dieser Stunde, war ihm zum erstenmal Ge 
legenheit gegeben, ihr mit der Tat einen Bruchteil seines 
Dankes, seiner Ergebenheit zu beweisen. Er mußte sie zum 
Sprechen bewegen. 
Cornelie war die letzte Wegstrecke vorangelaufen, um 
den alten Giese mit Mürbes Liebliugsblumen aus dem 
Warmhaus an das Lager des kleinen Toten zu schicken. 
Sie wollte Hans vorbereiten auf den Verlust des alten 
Freundes, ihm sagen, er sei die glatten Stufen hinab 
geglitten und habe eine schwere Kopfwunde davongetragen. 
Ueber allem aber schwebte ihr heißes Dankgefahl, oaß 
Edgar mit diesem Teufel, diesem Loewengard, nicht zu 
sammengetroffen war. 
Kalte Schauer liefen über sie hin bei dem bloßen Ge 
danken! Ihm ein Leids, dessen erste Küsse noch auf ihren 
Lippen brannten! — 
Bleich, mit geschlossenen Augen, um die schweigsamen 
Lippen ein unergründliches Lächeln, lag Helene in einem 
der fliederfarbenen Sessel des kleinen Salons. 
Vor ihr stand Rolf Kähne und sprach auf sie ein mit 
einer zähen Energie, die sie vordem nie an ihm gekannt 
hatte. Langsam stieg ein feines Rot der Freude in ihren 
Wangen auf, als sie vernahm, wie er um sie und das 
Ihre besorgt war. 
Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin. Bei einer Firma, 
die schon früher auf unterstempelte Bestellscheine hin ge 
liefert Hatto, wurde eines Tages auf Grund eines solchen 
Bestellscheines wieder Ware verlangt und anstandslos aus 
gehändigt. Der Lieferant forderte die Firma, von welcher 
die Bestellscheine und Stempel stammten, zur Zahlung auf. 
Dabei stellte sich heraus, daß Unbefugte ihre Bestellzettel 
ausgefüllt, ;nit Blaustempel versehen und die darauf er 
haltenen Waren für sich verwandt hatten. In diesem Falle 
haben sich die Aeltesten dahin ausgesprochen, daß die 
Firma, deren Bestellscheine benutzt worden waren, den 
Schaden zu tragen, d. h. die von den Schwindlern ent 
nommene Ware den Lieferanten zu zahlen hatten. In 
einein zweiten Falle, der zur Begutachtung vorlag, handelte 
es sich um die Täuschung eines Abnehmers. Er hatte 
einen Posten Waren gekauft und geliefert erhalten. Der 
überbringende Bote hatte einen Begleitschein vorgelegt, auf 
den der Expedient außer der Bezeichnung der gelieferten 
Waren nach Menge und Preis einen Quittungsvermerk ge 
setzt hatte, ohne dazu berechtigt zu sein. Die Unterschrift 
unter die Quittung gab der Expedient in der Weise ab, 
daß er den Firmenstempel darunter setzte und unter Vor 
anstellung eines „p" mit seinem Namen unterzeichnete. Da 
der Begleitschein noch den Vordruck „Ware gegen Kasse" 
enthielt, trug der Empfänger kein Bedenken, dem über 
bringenden Boten den Kaufpreis auszuhändigen. Der Bote 
lieferte jedoch das Geld nicht an der Kasse ab, sondern 
übergab es auf Verlangen dem Expedienten, der es unter 
schlug. Der geschädigte Geschäftsherr klagte auf nochmalige 
Zahlung gegen den Empfänger der Waren. Auf gericht 
liches Ersuchen haben die Aeltesten ihr Gutachten dahin ab 
gegeben, daß der Verkäufer die Quittung iin vorliegenden 
Falle, wo sie zugleich mit der Lieferung der Waren vor 
gelegt wurde, nach der im Verkehr herrschenden Anschauung 
gegen sich gelten lassen müsse. Es handelte sich um 
ordnungsmäßige Rechnungen des Klägers auf seinen 
Formularen. Es habe keinen Anstoß zu erregen brauchen, 
daß der Namensunterschrift ein „p" vorgesetzt war. In 
einem früheren Falle, wo die unberechtigt ausgestellte mit 
Stempel versehene Quittung nicht gleichzeitig mit der Ware 
überbracht ivorden war, hatten die Aeltesten allerdings fest 
gestellt, daß der Schuldner nochmals zahlen müsse. Jeden 
falls kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, 
daß Firnienstempel möglichst sorgfältig aufbewahrt und 
nur solchen Angestellten anvertraut werden, bei denen für 
sorgfältige Verwahrung Gewähr gegeben ist. 
o Erholungsurlaub. Die hiesige Ortsgruppe des 
Deutschnationalcn Handlungsgehilfen-Verbandes schreibt uns: 
Es kann dankbar anerkannt werden, daß, vornehmlich in 
l Großhandlungen und Fabrikkontoren, die alljährliche Ge 
währung eines Soinmerurlaubs an die Angestellten zu 
einer ständigen Einrichtung geworden und in vielen Be 
trieben seit Jahren Gebrauch ist. Trotzdem stehen immer 
noch zahlreiche Firmen zurück und besonders im Kleinhandel 
gibt es noch viele Geschäfte, die eine regelmäßige Urlaubs- 
gMähruug für ihre Verkäufer und Kontoristen für unnötig 
oder kzoch undurchführbar halten. Und doch ist auch hier 
Aber ihre KHßpen schwiegen. Was fragte sie nach 
ihrem Geld, was nach diesem Loewengard, dessen Name 
ausgelöscht sein mochte für alle Zeit. Was ging er sie noch 
an, da er i h n verschont hatte? Da er ihr gelassen hatte, 
was ihr mehr war als alles sonst auf der Welt — sein 
Leben I Sie hob die -Hände zu Rolf auf und bat: „Nein, 
Nein! Ich will nichts hören von all dem Häßlichen I" 
Er verneigte sich stumm, schweren Herzens. Ihr Wille mußte 
geschehen. 
22. Kapitel. 
Der Park von Klein-Wlossow stand in ein Meer von 
Blüten getaucht. In schimmernden, duftenden Dolden hing 
der Flieder zwischen den grünen Bosketts. 
Um die mit roten, gelben, weißen und blauen Blumen 
gesprenkelten Wiesen blühten der Rotdorn und die zart- 
weißen , rosa getupften Weißdoruhecken. Die großen 
Kastanienbäume sandten bei jedem leisen, lauen Lufthauch 
ihre Vlütenschauer auf den runden Platz, und unter den 
Rabatten, an den Wegsäumen, leuchteten in langen Streifen 
Narzissen, Goldlack, blaue und zartrosa Sternblumen auf. 
Zwischen dem Tannensteig und dem Platz unter den 
Kastanien, nicht weit von dem mit zartgrünen Weiden 
schleiern überhangenen Teich, wölbte sich ein kleiner, ganz 
mit Grün und Blumen überwachsener Hügel. Auf einem 
einfachen Stein, an seinem Kopfende, waren Namen, 
Geburts- und Todesdatum des kleinen Invaliden einge 
meißelt, und darüber die Worte: „Er war getreu bis in 
den lob, Ehre und Dank seinem Angedenken." 
Hans war eben aus der Dorfschule gekommen und 
lief leichtfüßig auf den Hügel zu. Er trug einen großen 
Strauß bunter Wiesenblumen im Arm. Langsam schritt 
Helene hinter ihrem prächtigen Jungen her.
        
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