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Periodical volume Nr. 102, 02.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Memel (okttl'lnitigft 
(Kriedenauer 
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Ar. 117. 
Wertin-Ariebeimu, Mittwoch, den 21. Mai 1913. 
20. Iayrg. 
vepelcken 
Letzte Nachrichten 
Berlin. Das englische Königspaar ist heute Vormittag 
auf dem Lehrter Bahnhof zur Teilnahme an den Hochzeits 
feierlichkeiten im Deutschen Kaiserhatise eingetroffen. Punkt 
11 Uhr 30 Min. lief der Hofzug des Königs in die Halle 
ein. Die Musik intonierte die englische Nationalhymne, 
und unter präsentiertem Gewehr entstieg als Erster König 
Georg seinem Salonwagen. Der Kaiser und der König von 
England begrüßten sich aufs herzlichste, dann half der Kaiser 
der Königin beim Aussteigen. Die Begrüßung zwischen den 
Prinzen und dem englischen Königspaare hatte einen durchaus 
familiär-freundschaftlichen Charakter. Der König stellte seine 
Begleitung vor. König Georg trug preußische Geuerals- 
uniform mit dem Abzeichen eines Generalfeldmarschalls mit 
Band und Kette des Schioarzen Adlerordens. Die Königin 
hatte eine wasserblaue Brokatrobe, dazu einen Hut mit 
bunten Blumen. Der Kaiser überreichte der Königin ein 
prachtvolles Orchideen-Bukett. 
Karlsruhe. Das Großherzogspaar begab sich heute 
Vormittag 1 / 2 12 Uhr zu den Hochzeitsfeierlichkeiten nach 
Berlin, während die Großherzogin Luise und das Prinzen 
paar Mar von Baden erst heute Abend 8 Uhr abreisen werden. 
Berlin. Zwischen Schmetterlingshorst und Marienlust 
nkherteu sich heute vormittag ein gut gekleideter Mann von 
etwa 30 Jahren und ein junges Mädchen der Spree und 
sprangen ins Wasser. Man fand am Ufer einen Herrenhut 
und einen Damenhut, sowie eine Damenhandtasche, in der 
sich ein Abschiedsbrief des jungen Mädchens befand. Es 
machte darin die Mitteilung, daß es zusammen mit seinem 
Onkel in den Tod ginge, da sich ihrer Neigung zueinander 
unüberwindliche Hindernisse entgegenstellten. Bisher konnte 
festgestellt werden, daß es sich um das Vorstandsmitglied 
der Ortskraukeukasse der Drechsler, den Schirmmacher Ernst 
Tinius aus der Virchowstr. 3, handelt. Die Leiche des 
jungen Mädchens ist bereits rekognosziert worden. Es ist 
die 21 Jahre alte Klara Schimming, die in der Reichen- 
berger Straße bei ihrer Mutter wohnte. Tinius war 
verheiratet und hinterläßt mehrere Kinder. 
Innsbruck. Gestern wurde um 1 / 2 0 Uhr Abends in 
Innsbruck und Umgebung ein schwaches Erdbeben beobachtet. 
Heute um 8.25 Vormittags wurde ein stärkerer Erdstoß 
verspürt. 
Nom. Der römische Advokat Aureli, der Vermögens- 
Verwalter zahlreicher römischer Aristokraten ist, ist seit vier 
Tagen verschwunden. Die Prüfung der Rechnungsbücher 
der ihm anvertrauten Verwaltung ergab einen Abgang von 
einer Million Lire. Der Advokat soll in der letzten Zeit 
schwere Börsenverluste erlitten haben. 
Neuyork. Ein merkwürdiger Unfall ist dem amerika 
nischen Kriegsschiff „Vesuvius" passiert. Die Besatzung 
nahm Torpedoschießübungen vor. Ein Torpedo, das bersZs 
eine ganze Strecke zurückgelegt hatte, drehte sich plötzlich 
und kehrte mit großer Geschwindigkeit zu dem Schiff zurück. 
Es traf den Kreuzer unter der Wasserlinie und bohrte ein 
20 Zentimeter großes Loch in den Rumpf des Schiffes. 
Das Wasser drang sofort mit großer Gewalt in den Schiffs 
rumpf ein und das Schiff begann zu sinken. Die Schiffs 
pumpen vermochten das eindringende Wasser nicht zu be 
wältigen. Der Kapitän gab Befehl, mit Volldampf auf 
das 5 bis 0 Kilometer entfernte Ufer zuzusteuern. Auf diese 
Weise konnte das Schiff auflaufen und die gesamte Mann 
schaft von 50 Mann gerettet werden. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Der diesjährige Nnderkursus für Oberlehrer 
höherer Lehranstalten in Preußen hat am 19. Mai, im 
Schülerbvotshaus am Wannsee, das auch von den Schüler 
vereinen des Fried enauer Gymnasinms und Real 
gymnasiums benutzt wird, begonnen. Der Kursus, der bis 
zum 7. Juni dauert, ist auch in diesem Jahre von allen 
preußischen Provinzen beschickt. Teilnehmer sind fernerhin 
abgeordnet vom Hamburger Staate und aus den Groß- 
herzogtümern Oldenburg und Sachsen-Weimar. 
o Unsere Freiwillige Fenerwehr hielt gestern Abend 
im „Hohenzollern" ihre Hauptversammlung ab, die von den 
Mannschaften des aktivenKorps vollzählig besucht war, während 
von den passiven Mitgliedern außer dem Vorstand nur ein Herr 
anwesend war. Der Vorsitzende Herr Ordl. Lehrer Golitz 
bedauerte in seiner kurzen Ansprache bei Eröffnung der 
Versammlung das geringe Interesse der passiven Mitglieder, 
insbesondere aber, daß nicht ein einziges Mitglied des Ge- 
meindevorstandes und der Gemeindevertretung zugegen war, 
obwohl diese Herren noch schriftliche Einladungen erhalten 
hatten. Herr Oberbrandmeister Stoltzenburg erstattete 
dann den Jahresbericht des aktiven Korps, dem wir 
folgendes entnehmen: 
Das verflossene Jahr brachte unserer Wehr reichliche Arbeit, 
hervorgerufen durch die ständige Weiterentwickelung Friedenaus 
und die dadurch gesteigerten Ansprüche an die Schlagfertigkeit der 
Feuerwehr. Zur Wasserentnahme für Fenerlöschzwecke aus dem 
das Gemeindegebiet durchzieheuden Rohrnetz bieten 308 Ilnterflur- 
uud 3 Oberflurhydranten Gelegenheit. Der Abstand zwischen den 
einzelnen Hydranten betragt 100 Meter, der Druck in der Leitung 
3'/, bis 4'/, Atmosphäre. Die Hydranten werden regelmäßig durch 
die Mannschaften unter Oberaufsicht des 1. Brandmeisters kon 
trolliert. Gefundene Unregelmäßigkeiten oder Mängel werden ge 
meldet, und für deren Abstellung wird unverzüglich Sorge getragen. 
Monatlich wird der Gemeindebehörde ein Bericht eingereicht. Das 
aktive Korps zählte zu Beginn des Berichtsjahres 40 Mitglieder, 
davon schieden im Laufe des Jahres aus 5, es traten neu ein 0, 
sodaß das Korps zurzeit 44 Mitglieder stark ist. Diese setzen sich 
zusammen aus 1 Oberbrandmeister, 1 I. Brandmeister, 2 Feldwebeln, 
davon Feldwebel Rehmer als Leiter der Brandwache beruflich, 
4 Oberfeuerleuten, 36 Wehrniännern. Der Bericht gedenkt dann 
des Ausscheidens des bisherigen langjährigen Führers, des Ober- 
brandmeisters Steinmetz. Tie Kameraden werden ihres „Vaters 
Steinmetz" stets freundlich gedenken! War er doch nichl nur ein 
guter Vorgesetzter, sondern auch ein treuer Freund und Berater in 
allen Lebenslagen, eingedenk des Wahlspruches: „Einer für alle, 
alle für einen." Das Korps bewies ihm seine Daukbarleit, indem 
es ihn auf dem Abschiedskvmmcrs an: 1. Juni 1912 zum Ehren 
oberbrandmeister ernannte. In der am 15. April 1912 vorge 
nommenen Neuwahl des Kommandos wurde einstimmig der bis 
herige I. Brandmeister Stoltzenburg zum Oberbrandmeister, der 
bisherige Oberfeuermann Reffte zum I. Brandmeister gewählt. 
Die Wehr wurde inr Berichtsjahre zu Dienstleistungen in Anspruch 
genommen 84 mal, zu Feuer im Ort (hiervon 2 Großfcucr) 37 mal, 
<52 mal erfolgte die Meldung durch Melder, 2 mal durch Fern 
sprecher und 3 mal durch Meldung bei der Brand- und 
Polizeiivache. Zu Feuer außerhalb rückte die Wehr aus 
nach Berlin-Schönebcrg 2mal, nach Berlin-Steglitz 3mal. In 
Tätigkeit trat die Wehr im erstgenannten Orte Imal, in letzterem 
2mal. Blinde Alarme erfolgten 22, böswillige Alarme 4. Zum 
Wasserpumpen, zur Hilfeleistung bei Straßenunsällen. zum Transport 
gestürzter Pferde und ähnlichem wurde die Wehr in Anspnich ge 
nommen im ganzen 10mal. In weiteren 4 Fällen, nämlich 2mal 
S m Transport entwurzelter Bäume, Imal zum Ocffnen einer ver- 
losscnen Tür, Imal zur Beseitigung von Salmiakgasen erfolgte 
die Erledigung unmittelbar durch die Wache. Außerdem fanden 
statt Probealarme durch die Gemeindevertretung l, durch den Ober- 
brandmeister 1. Insgesamt 84 Alarme. Die Alarme werden für 
die Stunde und den Mann mit 80 Pfg. vergütet. Im ganzen sind 
1723 M. ausgezahlt worden. Der durch den Feuerlöschverein ge 
währte Zuschuß von 20 Pfg. für Mann und Stunde betrug insge 
samt 484 M. Tie Mitglieder der Wehr sind gegen Unfälle in Aus 
übung ihrer Tätigkeit bei der Lebens- und Unfallvcrsicherungs- 
gesellschaft Deutschland zu Berlin versichert. Außerdem besitzt die 
Wehr eine eigene UnterstiitzungSkasse. Tie Brandwache ist ständig 
mit 2 Mann besetzt. Um der Gefahr vorzubeugen, daß der Ort an 
Sommcrsonntagen des genügenden Feuerschutzes entbehrt, wurde im 
verflossenen Jahre der Versuch gemacht, die Wache während der 
Zeit von 2—10 Uhr nachmittags um 6 Mann zu verstärken. Tie 
entstandenen Kosten von 198 M. wurden von dem Feuerlöschverein 
getragen. Da sich diese Einrichtung gut bewährt hat, ist auch für 
dieses Jahr die gleiche Besetzung der Sountagswache beschlossen 
worden. Von der Wehr wurden ferner 18 Wachen auf dem Ver 
gnügungspark und 68 Wachen in den verschiedenen Lichtspieltheatern 
gestellt. Letztere erfahren eine regelmäßige wöchentliche Revision 
durch die Chargierten. In Biertcljahrsabständen wird über diese 
feuerpolizeilichen Revisionen dem Herrn Amtsvorsteher Bericht er 
stattet. Uebungen fanden statt: 28 Korpsübungen, 7 Zugübungcn. 
Die Korpsübungen erfolgen während des Sommerhalbjahres jeden 
Mittwoch Nachmittag, im Winterhalbjahr findet 14 täglich eine 
Zugübung und monatlich eine Korpsübuug statt. Tie Beteiligung 
betrug 84 °/ B . Die Ausbildung der ncucingetretcucn Kameraden 
lag dem Oberfeucrmann Steinmetz ob und erfolgte in 14 besonderen 
Uebungen. Am 10. Dezember v. Js. wurde am Gymnasium am 
Maybachplatz vor dem Gcmcindevorstand eine Druckprobe vorge 
nommen, die folgendes Ergebnis hatte: Der Druck betrug ain 
Hydranten 4 1 ', Atmosphären, im 5. Stockwerk dagegen hatte er sich 
bei zwei Schlauchleitungen auf l‘/ 4 Atmosphären verringert. Diese 
Feststellung liefert den klaren Beweis, wie er auch durch zwei 
Ernstfälle seine weitere Bestätigung gefunden hat, daß der Wasser 
druck zur wirksamen Bekämpfung eines Dachstuhlbrandes durchaus 
ungenügend ist. Ich möchte nicht verfehlen, an dieser Stelle 
darauf hinzuweisen, daß zur Erhaltiuig der Schlagfertigkeit der 
Wehr die Anschaffung einer Motorspritze unbedingt erforderlich 
ist, und daß das Fehlen dieses technischen Hilfsmittels nicht durch 
noch so große Tüchtigkeit und vollendete Ausbildung der einzelnen 
Mannschaften ersetzt werden kann. An einem von der Sanitätskolonnc 
abgehaltenen Saniariterkursus beteiligten sich 18 Feuerwehrleute. 
Durch den Oberbrandmeister wurden 5 Brandmeister-Sitzungen im 
Kreishause zu Berlin besucht. Auch auf den beiden llutervcrbands- 
tagen zu Steglitz und Lankwitz war die Wehr durch Führer und 
Mannschaften vertreten. Ans letzterem wurde deut Kameraden 
Salis das Zeugnis über seine von der Kommission des Unter 
verbandes zu Lankwitz abgelegte Prüfung zum Oberfeuermann 
ausgehändigt. Bemerkenswerte Verbesserungen erfuhr die Alarm 
bereitschaft. Auf dem Feuerwehrgrundstück finden nunmehr in 
einem ncuerrichtcten Stall ständig 2 Gespann Pferde Unterkunft. 
Ter alte Pferdestall ist in eine Werkstatt umgewandelt worden, in 
der kleinere Reparaturen gleich von der Wache ausgeführt werden. 
Auch für die Erweiterung der elektrischen Weckeranlnge wird un 
ausgesetzt gesorgt. Zur Zeit stehen durch diese Anlage 33 Wehr- 
männer in direkter Verbindung mit der Zentrale aus der Polizei 
wache. Am Tage erfolgt die Alarmierung außerdem durch eine 
von der Feuerwache zu betätigende elektrische Sirene. Ta dem 
Alarm durchschnittlich von 25—30 Mann Folge geleistet wird, 
stehen für einen zweiten Ernstfall imnier noch genügend Mann 
schaften in Reserve. Auch die Zahl der Feuermelder ivurde durch Neu- 
crrichtung eines solchen an der Schmalbacherstraße, Ecke Laubacher- 
über Helene hingegangen. Ihre von Schmerz zerwühlte 
Seele klammerte sich an einen Strohhalm, an den einzigen 
Gedanken, ihn zu halten um jeden Preis, um ihretwillen 
und seinetwillen! Sollte sie ihn wieder hinauslassen in den 
bitteren, schweren Kampf ums Dasein, ohne die Sicherheit, 
daß er ihn diesmal siegreicher auskämpfen würde? Wie 
aber sollte sie ihn halten? Sie konnte ihm nicht sagen: 
Ich liebe dich! Du bist mir notwendig wie nichts auf 
der Welt! Auch ich habe in den Tag hinein gelebt, ein 
Wohlleben ohne eigentliche PfAcht, ohne ernste verant 
wortliche Arbeit! Mit dir, von dir will ich Pflicht und 
Arbeit lernen! Laß uns Hand in Hand gehen! 
Aber wie konnte sie das, da nichts, nichts in seinem 
Herzen für sie zu sprechen schien? Nicht einmal die heiße 
Freude des Wiedersehens, die längst durch seinen Entschluß, 
von ihr zu gehen, ausgelöscht war. 
Da plötzlich, wie ein Blitz die Dunkelheit, erhellte der 
Gedanke an die Blätter, die Mewes ihr gegeben, und die 
kaum handbreit von ihr in ihrem Schreibpult eingeschlossen 
lagen ihr schwer verdüstertes Gemüt. 
Lebhaft sprang sie auf und trat zu dem in stummer 
Erwartung vor ihr stehenden Mann. In ihren schönen 
grauen Augen stand eine feste Zuversicht, die ihm das Herz 
zufammenkrampfte. Wenn sie ihn bäte, zu bleiben I Wenn 
sic ihn in seinem, in Monaten schwerer Kämpfe errungenen 
Entschluß wankend machte I Nein, das nicht, nur das 
nicht! Er wollte nicht wieder feige werden, fein Herz, 
feine anbetende Liede für diese Frau, nicht Herr werden 
lassen über seinen Stolz. 
Helene hatte ihre Hand mit sanfter Berührung auf 
seinen Arm gelegt. Seine Nerven erbebten in heißem 
Schauern. 
Qäumenae Menschen. 
Roman von Dora Sünder. 
43, (M«4knd »ntatA.) 
„Gnädige Frau," sagte er endlich beinahe tonlos, 
„Sie müssen mir gestatten, es kurz zu inachen. Ich bitte 
Sie um meine Entlassung." 
Er mußte cs zweimal sagen, leise und eindringlich, ehe 
sie den Sinn seiner Worte auch nur begriff. 
Dann stieß sie es hervor langsam, schwer, als ob sie 
jedes Wort sich aus der Seele reißen müsse: 
„Sie wollen fort von —," sie hatte sagen wollen „von 
mir", aber sie verbesserte sich rasch, „von Hans? Bon 
dein Jungen, der fo abgöttisch an Ihnen hängt, dem Sie 
alles geworden find? Ja, uin Gottes willen, was ist denn 
geschehen?" 
Er hörte aus ihrer Rede nichts als die bange Sorge 
der Mutter, die sich vor den Verlust eines Menschen 
gestellt sieht, dem sie ihr Kind gern anvertraut hat. 
Etwas ruhiger, besonnener fuhr er fort, ohne seine 
müde, traurige Haltung aufzugeben: 
„Nichts ist geschehen, gnädige Frau — als das eine 
— ich hätte niemals kommen sollen. Ein Mann soll selbst 
In der bittersten Not nicht unterkriechen unter ein Dach 
wie das Ihre. Nicht Wohltaten und Bezahlung annehmen 
für eine Tätigkeit, die gar keine Tätigkeit, sondern nur 
«in Wohlleben ist. 
Wie klein, wie erbärmlich klein müssen Sie von einem 
Manne denken, der durch Monate von Ihrei Güte ge 
lebt hat, ohne die Spur einer gleichwertigen Gegenleistung!" 
Rolf war hinter keinem St.uhl hervorgekommen und 
näher aus Helene zugegangen. In sein blasses, gebräuntes 
Gesicht war ein Schein von Farbe getreten. Seine Hal 
tung war elastischer und fester zugleich geworden. 
„Eine Entschuldigung gibt es nicht. Vielleicht so etwas 
wie eine Erklärung, und die möcht' ich Ihnen geben 
dürfen, liebe gnädige Frau, um nicht so ganz erbärmlich 
vor Ihnen dazustehen. 
Nicht, daß ich am Verhungern war, als ich zu Ihnen 
kam, soll mein Konnnen erklären, vielleicht aber vermag es 
die furchtbare innere Not, die ich gelitten, die Kämpfe, die 
ich vergebens gekämpft, und die mich am Ende stumpf ge 
macht, die bittere Sorge um die Meinen, die Verant 
wortung, die ich für sie übernahm! Ich hatte meine letzte 
Hoffnung auf die Kunst gesetzt, oder vielmehr auf das, 
was ich dafür hielt. Ich sprach Ihnen einmal davon, wie 
diese Hoffnung mir genommen wurde, kaltherzig, roh. Er, 
der sie mir zerschlagen, trieb mich damit bis an die 
Schwelle der Selbstvernichtung, er raubte mir den letzten 
Rest von Selbstbewußtsein, das ein Mann mehr als alles 
andere braucht, will er ein Mann sein und bleiben. Das 
übrige taten die verfehlten Versuche, mit den Brocken 
meines Wiffens und Könnens, mir eine Existenz der Arbeit 
zu gründen. — Zu Ihnen kam ich, ein zerbrochener, kranker 
Mensch —. kein Mann mehr — nur noch das erbärmliche 
Scheinbild eines Mannes. 
Vielleicht, daß alles dies mich ein wenig in Ihren 
Augen entlastet! Nun aber ist's genug. Ich würde bitten: 
lassen Sie mich heut, zu dieser Stunde gehen, erschiene 
sch Ihnen nicht vielleicht undankbar, ginge ich, bevor Sie 
Ersatz gefunden. Es wird nicht schwer sein, gnädige Fraul" 
Wie ein kalter, eisiger Strom, der alle Lebens 
hoffnungen vernichtet und fortschwemmt, war Rolfs Rede
        
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