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Periodical volume Nr. 116, 20.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Jahren) war die Versammlung einverstanden. Der Vor 
sitzende teilte nvch mit, daß die Abrechnung voni Ge 
nesungsheim innerhalb 3 Wochen erfolgen wird. Nachdem 
der Schriftführer das Protokoll verlesen hatte, das genehmigt 
wurde, schloß der Vorsitzende die Versammlung um i/ 4 l 1 Uhr. 
o Eine Ausstellung für Holzbildkunst ist heute 
Mittag im Künstlerhause, Bellevuestr. 3, eröffnet worden. 
Es sind ungefähr hundert Holzbildwerke ausgestellt, u. a. 
auch von den Friedenauer Bildhauern Prof. Haverkamp, 
Prof. Manzel und Heinrich Mitzfeldt. 
o Haus- und Grundbesitzer-Verein. Die Monats- 
Versammlung findet am Freitag, dem 23. Mai, abends 
8'/ 2 Uhr im oberen Saale des Restaurants „Hohenzollern" 
statt. Auf der Tagesordnung stehen u. a.: Haftpflichtver 
sicherung — Beschlußfassung über ein einheitliches Miets- 
vertragsfürmulür — Jnteresstnfrngen. 
o Man spricht Deutsch — in Berlin. Die „B. Z. 
a. M." berichtet: Im bayerischen Mertel hat sich vor kurzem 
ein kleiner Modelnden aufgetan mit der Aufschrift „Mbdes 
de Paris" und dem Vermerk am Schaufenster: „Man 
spricht Deutsch."' — Zu gütig! 
v Polizei und Gastwirte. In der gestrigen Ver 
sammlung des Vereins der Gast- und Schankwirte wurde 
lebhaft Klage geführt über die Behandlung, die den hiesigen 
Gastwirten durch die Polizei zuteil wird. Die Anzeigen 
wegen Uebertretung der Polizeistunde sind in letzter Zeit 
sehr häufig gewesen und in vielen Fällen konnte/ fest 
gestellt werden, daß die Anzeigen zu Unrecht ergangen 
waren. Ein Gastwirt führte aus, daß es das sogen. 
„Ueberführen" in Friedenau nicht gibt. Der Polizeibeamte 
bringt den Gastwirt, bei dem er nach der Polizeistunde noch 
Licht sieht, einfach zur Anzeige. Obwohl viele Gastwirte 
beim hiesigen Amtsbüro angezeigt haben, daß in ihren 
Lokalen an bestimmten Tagen und zu bestirnmten Stunden 
Vereine tagen, erfolgen doch fortgesetzt die Anzeigen. Die 
Polizeibeamten sind über die Anmeldungen beim Amtsbüro 
nicht unterrichtet. Ein anderer Gastwirt berichtete, daß er 
innerhalb ' 6 Wochen zehn Strafanzeigen wegen Ueber- 
tretung der Polizeistunde erhalten habe. Eine davon mußte 
er als berechtigt anerkennen, gegen die übrigen 9 aber be 
antragte ec richterliche Entscheidung, schon aus dem Grunde, 
um öffentlich feststellen zu lassen, welcher BeanNe die wieder 
holten Anzeigen erstattet hat. Seinem Antrage wurde aber 
nicht stattgegeben, sondern der Amtsvorsteher leitete selbst eine 
Untersuchung ein, vernahm die von ihm (dem Gastwirt) ge 
nannten Zeugen, u. a. auch einen in Magdeburg wohn 
haften Herrn. Das Ergebnis dieser Untersuchung war, 
daß alle 9 Strafanzeigen niedergeschlagen wurden, mithin 
waren neun Strafanzeigen unrichtig. Bei einer Anzeige 
war gesagt, daß ein hiesiger angesehener Kaufmann mit zwei 
zweifelhaften Frauenzimmern nach der Polizeistunde aus dem 
betr. Lokale gekommen sei. Der betr. Herr hat darauf Klage 
wegen Beleidigung erhoben. Ein dritter Gastwirt be 
richtete, daß zu ihm in dem Augenblicke, als er zur fest 
setzten Polizeistunde sein Lokal schließen wollte, ein Polizei 
beamter B. in Zivil erschien. Er habe dem Beamten zwar 
rin Glas Bier eingeschenkt, cs aber nicht bezahlt genommen. 
Der Beamte, der der einzige Gast um diese Zeit war, wollte 
dann gehen; in diesen: Augenblick erschien der Polizei 
beamte W. in Uniform und machte dem Gastwirt Vorwürfe, 
daß er noch Gäste nach der Polizeistunde in seinem Lokale 
geduldet habe. Es wurde gegen ihn auch Anzeige erstattet; 
trotz seines Widerspruches mußte er aber 5 M. Straft 
zahlen. In einem weiteren Falle hatte ein Gastwirt Besuch 
aus Schlesien bekommen, der sich noch in seinem Lokale 
länger aufhielt, da seine Prtvaträume nicht ausreichend 
waren. Er erhielt eine Anzeige und mußte trotz Wider 
spruches zahlen. In der ferneren lebhaften Erörterung 
wurde gesagt, daß sich die Polizeibeamten unter einander 
selbst nicht einig wären; als derjenige, der die meisten 
Anzeigen erstattet, wurde ein Polizeisergeant B. genannt. 
— Wenn das, was in der gestrigen Versammlung des Gast 
wirtevereins ausgesprochen wurde, voll und ganz den Tat 
sachen entspricht, so muß das zur schärfsten Kritik heraus 
fordern. Von zehn Anzeigen werden neun als zu Unrecht 
erlassen festgestellt. Der Herr Amtsvorsteher leitet eine um 
fangreiche Unterstlchung ein, vernimmt Zeugen, die außer 
halb, in Magdeburg, wohnen, schlägt die Anzeigen daraufhin 
nieder und gibt dem Antrage auf richterliche Entscheidung 
in allen Fällen nicht statt. Wie viel Schreibarbeit, wie viel 
'Unkosten erwachsen durch solche Vorfälle unserer Gemeinde; 
noch mehr aber, wie viel böses Blut wird erzeugt und das 
Mißtrauen gegen die Verwaltung wächst. ' Otdnmtg muß 
sein, das wurde von den Gastwirten-selbst anerkannt; wenn 
aber ungerechter Weise Anzeigen erstattet iverden« so muß 
dies zu der Anschauung führen, daß manches itr unserer 
Verwaltung nicht gut ist. Der Vorstand des Vereins hat 
gestern die Kollegen gebeten, ihm sämtliches Material 
zu übergeben, damit er es an der geeigneten Stelle 
unterbreiten könne. Hoffentlich aber veranlassen diese 
Zeilen bereits die gewählten Vertreter unserer Bürger 
schaft zu einer Interpellation in der Gemeindevertretung. 
Cs müssen doch solche Fälle völlig klar gestellt werden, 
damit den unerquicklichen Reibereien zwischen Polizei und 
Gastwirten endlich ein Ziel gesetzt wird. — Ueber den 
weiteren Verlauf der gestrigen Versammlnng des Vereins 
der Gast- und Schankwirte geht uns noch folgender Bericht 
zu: Der Vorsitzende, Herr Carl Gundlach, eröffnete die Ver 
sammlung und gedachte zunächst des verstorbenen Mitgliedes 
Carl Triebsch in einem wannen Nachruf- Zu Ehren des 
Verstorbenen erhoben sich die Versammlungsteilnehmer von 
den Plätzen. Nachdem das vom Schriftführer Kollegen 
Thieleke verlesene Protokoll der letzten Versammlung ge 
nehmigt war, gab der Vorsitzende die eingegangenen 
Schreiben, zumeist geschäftliche Angebote, bekannt. Die 
Witwe des verstorbenen Kollegen Triebsch sagt dem Verein 
in einem Schreiben herzlich Dank für die Teilnahme bei 
der Beerdigung ihres Gatten. Herr Thieleke bemängelte die 
Aufstellung der Vereine durch die Führung des Krieger 
vereins bei Beerdigungen, wodurch es letzhin vorgekommen 
sie, daß zwei Gastwirteoereine hinter dem Sarge marschieren 
niußten. Neu aufgenommen und vom Vorsitzenden begrüßt 
unter Hinweis auf die Zwecke und Ziele des Vereins wnrde 
der Kollege Busching. Unter Verbandsangelegenbeiten be 
richtete der Vorsitzende, daß in der Vcrbands-Vorstands- 
sitzung vor der Weinhandlung Bergemann gewarnt wurde; 
ferner wurde dort die Mannheimer Versicherung empfohlen, 
die billiger sei und mehr Vorteile biete als die Stuttgarter. 
Den vier Verbandsdelegierten wurden je 10 M. für Teil 
nahme an der Delegiertenversammlung, die im nächsten 
Monat in Prenzlau stattfindet, bewilligt. In der Frage 
des Verbots betr. den Verkauf von Bier an Sonn- und 
Feiertagen nach der gesetzlichen Verkaufszeit wurde dem 
Vorstand aufgegeben, sich mit dem Verbandsvorstaud in 
Verbindung zu setzen, um Schritte zur Aufhebung dieser 
polizeilichen Bestimmung einzuleiten, llnter „Innere Ver- 
einsangelegenheiten" wurden dann die Beschwerden gegen 
unsere Polizei vorgebracht, worüber in der Einleitung be 
richtet ist. Zum Beisitzer wurde darauf der Kollege 
Groschinski gewählt. Der Kollege Kiewitz ersuchte wiederum, 
die Kohlensäurebücher gut auszufüllen und dem Vorstand 
einzureichen, damit dem Verein die ihm zustehenden Prozente 
zukommen, die Kollegen selbst erleiden dadurch keinen 
Schaden, sie verlieren ihre Prozente nicht. Von- den 
Kollegen Schindler, Kiewitz, Thieleke u. a. wurden die Biere 
der GenossMschaftsbrauerei Groß-Berlin (Nordstern) empfohlen, 
besonders wurde den Kollegen, die andere helle Biere 
schenken müssen, geraten, wenigstens das Schwarzbier 
(Malzbier)- der Genossenschaftsbrauerei mrszuschänken, das 
sich vorzüglich im Apparat hält. Unter Geschäftliches wurde 
besonders auf die Fabrikate der Finna I. Brandtner, 
Schöneberg, Fritz Reuterstr. 5: Suppenwürze, Bouillon 
würfel, Hühnerbrühe-Würfel, konservierte Tauben- und 
Hühncrsuppe mit Fleischinhalt, Edel-Rosenpaprika usw. hin 
gewiesen. Schluß der Versarnmlung gegen 10 Uhr. 
o Mällttür-Tnrnverein. Als Ersatz für das am ver 
gangenen Freitag wegen der Landtagswahl ausgefallene 
Turnen unternahm die Alters-Abteilung am Sonntag 
eine Turnfahrt, die diesmal in den herrlichen Südosten 
Berlins führte. Von: Ringbahnhof aus ging die Fahrt 
über Treptow bis zur Station Eichwalde-Schmöckwitz, die 
schon in frühester Morgenstunde erreicht wurde. An die 
Bahnfahrt schloß sich eine Wanderung durch die Zeuthener 
Heide nach dem Albrechtshof, einem idyllisch gelegenen 
Restaurant am Zeuthener See, von wo aus nach kurzer 
Frllhstücksrast der Dampfer die Turner nach Rauchfangs- 
werder brachte. Die Fahrt über den Zeuthener See war, 
trotz des etwas kühlen Wetters, prächtig. Das Dorf 
Zeuthen umsäumt den See in etwa 4 Kilometer Länge 
mit feinen hübschen Villen und Gärten in malerischer Art. 
Es ist besonders berühmt durch seine Werften und besitzt 
eine der größten Werften Deutschlands für den Bau von 
Motor- und Segelyachten. Von Rauchfangswerder ging die 
Wanderung mit fröhlichem Sang über den bewaldeten 
Schinöckwitzer-Werder, der ein beliebter Sonntagsaufenthalt 
'für Segler und Rnbeöeit Issi Zunieist kckck Uftt des Zeuch euer-, 
Jähre wiederholen. Nur ein«. Verzögerung ivird dadurch 
herbeigeführt und das ist tief zu bedailcnl iin Interesse 
eines geregelten Postbetriebes in Friedenau. Denn daß 
unsere jetzigen Postvcrhältnisse zu vielfachen Klagen Anlaß 
geben, ist eine allbekannte Tatsache. Der von der Budget 
kommission für die Ablehnung gegebene Grund, daß Frie 
denau schließlich doch einmal einem Nachbarorte angegliedert 
werde, bedeutet eine Verkennung der Tatsachen. Gerade 
für den Friedenauer Bezirk ist ein ausreichendes Postamt 
unbedingt erforderlich. 
o Zur Landtagswahl. Stichwahlen finden morgen, 
Mittwoch, 21. Mai, nachmittags 51/4—8 Uhr in denselben 
Wahllokalen, wie bei der Hauptwahl statt, und zwar im 
1.. 3., 4., 5., 9.. 11., 12., 14., 15., 17., 18., 21. und 22. 
Urwahlbezirk zwischen Liberalen und Sozialdemokraten, im 
10., 13. und 16, Bezirk zwischen Liberalen und Konser 
vativen, im 2. und 7. Bezirk zwischen je 2 liberalen Wahl- 
rnännern einerseits und je 1 konservativen und 1 sozialdem. 
Wahlmann andererseits. Man sieht, zu welch merkwürdigen 
Konstellationen dieses eigentümlichste aller Wahlsysteme 
führt. Von den: Ergebnis der Stichwahlen hängt die Ent 
scheidung ab. Hierzu wird uns von liberaler Seite ge 
schrieben: „Wenn die liberalen Wähler ihre Schuldigkeit tun 
und vollzählig zur Wahl kommen, dann wird der erfreu 
liche Erfolg, den die vereinigten Liberalen bei den ersten 
Wahlen in Friedenau wie im ganzen Wahlkreise ernmgen 
haben, sich zum vollen Sieg gestalten. Der Arbeitsausschuß 
der ver. Liberalen befindet sich - während der Wahl im 
Restaurant Käisereiche. Daselbst nach der Wahl Zusammen 
kunft der liberalen Obmänner und Wahlhelfer. — In 
Steglitz fanden gestern bereits die Stichwahlen statt. Es 
wurden gewählt: Liberale 47, Konservative 2, Sozialdemo 
kraten 11. Es ergeben sich jetzt für Steglitz: 172 liberale, 
37 konservative und 48 sozialdemokratische Wahlmänner als 
Endergebnis. ■ v - ■ i. 
0 Gegen das Landratsamt des .Kreises Teltow 
erhebt der Verein für Feuerbestattung E. V. 311 Berlin in 
seinem neuesten Jahresbericht den Vorwurf, daß bei dieser 
Behörde neuerdings Anschauungen Geltung erlangt haben, 
die eine gewollte Erschwening der Feuerbestattung in sich 
schließen: Es heißt in dem Bericht wörtlich: „Wir wollen 
nur erwähnen, daß, wenn aus einer Ortschaft des Kreises 
Teltow eine Leiche zur Einäscherung nach Berlin gebracht 
wird, dazu ein Leichenpaß beschafft werden muß. Soll 
sie aber in Berlin der Erde übergeben werden, dann ist 
kein Leichenpaß erforderlich. Die Beschaffung des Leichen 
passes aber verursacht etwa 12 M. Kosten und mehrere 
Stunden Zeitverlust. Ob diese Unterscheidung gesetzlich zu 
lässig ist, ist mehr als zweifelhaft." Dagegen rühmt der 
Jahresbericht das Entgegenkommen, das die Königlichen 
Polizeipräsidien ' zu Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, 
Wilmersdorf, Neukölln und Lichtenberg jederzeit der Feuer 
bestattung bezeigen. Kommt einmal bei eineni der nnteren 
Beamten eine kleinliche Auslegung vor, so wird sie in der 
Regel von den Vorgesetzten bald beseitigt. Und ist auch 
die Erledigung aller Formalitäten sehr viel umständlicher, ' 
zeitraubender und kostspieliger als vor Inkrafttreten des 
preußischen Gesetzes, so trifft die Schuld daran eben das 
Gesetz, nicht aber die Polizeibehörde. 
0 Verstorben ist in Wilmersdorf im Alter von 57 
Jahren Herr Amtsgerichtsrat Nagel. Der Verstorbene 
wohnte viele Jähre bei seinem Vater in Friedenau. Als 
vor etwa 4 Jahren sein Vater, der Gerichtssekretär Nagel, 
im Alter von 84 Jahren verstarb, verlegte Amtsgerichtsrat 
Nagel, der beim Amtsgericht Charlottenburg tätig war, 
seinen Wohnsitz nach Wilmersdorf. 
0 Allgemeine Ortskrankenkasse. Gestern Abend fand 
im Kaiser-Wilhelm-Garten die Generalversammlung der 
Allgemeinen Ortskrankenkasse statt, die von 8 Arbeitgeber- 
und 38 Arbeitnehmer-Vertretern besucht war und um 9 Uhr 
von dem Vorsitzenden der Kasse Herrn Hensel eröffnet 
wurde. In das Büro wurden gewählt zu Beisitzern die 
Herren Bauer und Davidsohn, zum Schriftführer Herr 
Heider. Der Geschäftsführer der Kasse Herr Breves berichtete 
dättn eingehend über die auf Grund der neuen Reichsver- 
sicherungsordnung notwendigen Aenderungen der Satzungen 
und der Krankcnordnung. Die den Delegierten vorge 
legten Abänderungen wurden ohne Erörterung ange 
nommen und ebenso wurde dem Vorstand genehmigt, 
redaktionelle Berichtigungen noch vorzunehmen« Mit den 
Satzungen zugleich ist auch die von uns bereits gestern ver 
öffentlichte Beitragsskala angenommen. Mit einer Ab 
änderung des Pensionsregulativs im §14 (von 16 auf' 18 
„Schöne Geschichten Das, Loeryengard. t Der junge 
Mensch, ja wohl ein Verwandter, den Sie im Sommer 
mal mitgebracht, und der sich seither nicht hat sehen lassen, 
hat vor einer Stunde seine fünfzigtauscnd Mark gut ver 
loren." 
Loewengard pfiff durch die Zähne. 
„Deibel auch! Nun wird's der schönen Helene doch 
an den Kragen gehen!" 
20. Kapitel. 
Den nassen Sturmtagen war ohne jeden Uebcrgang 
ein leichter sonniger Frost gefolgt. Draußen auf dem 
flachen Lande waren Seen und Teiche schon mit einer 
silbrigen Eiskruste überdeckt. Strichweis war Schnee ge 
fallen und ließ die Landschaft glänzen und gleißen, als 
ob Weihnachten schon vor der Tür stände. 
Hans, der vorgestern seinen Einzug in Klein-Wlossow 
gehalten hatte, wußte sich vor Jubel nicht zu lassen. „Ganz 
wie in St. Moritz," jauchzte er und ließ sich von Mörbe 
den alten Schlitten vom Boden holen, um ihn zum 
„Rodeln" herzurichten. 
Bis das große Werk getan war, lief er „Rennbahn" 
um das beschneite Roscnrondell unterhalb der Terrasse. 
Helene hatte ihrem rotbäckigen, prächtigen Jungen 
eine Weile mit stohen, dankbaren Augen zugesehen. Dann, 
nachdem sie noch ein wohlgezielter Schneeball getroffen, 
war sie ins Haus zurückgegangen, mit dem festen Ver- 
sprechen. Mörbe bei felitein großen Werke anzutreiben. 
Als Helene den Jungen und das sonnige Parkbild 
un Rücken hatte, stieg sie sehr langsam und niichdenll'ch 
beinahe ein wenig müde, die Stufen zum kleinen Salon 
Humus. 
Seltsam, wie anders, als sie es sich vorgestellt, das 
Wiedersehen mit Rolf Kähne verlaufen war! Seltfamcr 
noch, was diesem Wiedersehen gefolgt war. Würde sie das 
eigentliche Wesen dieses Mannes niemals ergründen 
können ? Niemals wissen, woran sie mit ihm war? 
Steif, höflich, kühl, hatte sie seine Begrüßung sich 
vorgestellt, genau so steif, höflich und kühl wie seine 
Briefe durch Monate gemefen waren. Und nun war der 
kühl Zurückhaltende gekommen in hellstrahlender, nicht zu 
verbergender Freude. Warm und lebhaft war dem Wort 
kargen die Rede über die Lippen geströmt. Seine Augen 
hatten geleuchtet. Lang und innig war der Kuß gewesen, 
der erste, den er ihr auf die Hand gedrückt. 
Und am nächsten Morgen schon dasselbe scheue, ge 
drückte Wesen. Ein Fremdsein, das ihr ans Herz griff. 
Nicht einmal ihren warmen Dank für feine treue Fürsorge 
an dem Jungen hatte er angenommen. 
„Es ist ein Nichts," hatte er erwidert. „Natur und 
Aerzte haben Hans gesund gemacht, nicht ich." 
Dann war er gleich nach dem Frühstück mit dem 
Jungen davongegangen. Die Aerzte hatten auch in der 
Heimat zu jeder Jahreszeit viel Bewegung in freier Luft, 
ein strenges Abhärtungssystem verordnet. 
Er schien gar nicht daran gedacht zu haben, daß sie 
den Wunsch haben könne, nach der langen Trennung, der 
langen Einsamkeit, sich ihnen anzuschließen. Sie selbst hatte 
diesen Wunsch nicht zu äußern gewagt. In Rolfs Gesicht 
hatte etwas gestanden, das ihr den Mund verschloß. Sie 
hatte das Gefühl, als ob ihre Gegenwart die beiden stören 
würde, die durch so lauge Monde ganz auseinander an 
gewiesen gewesen waren, in ihren Gewöhn!,eiten völlig 
Zusammengewachsen waren. 
Und was würde die nächste Stunde bringen? Feierlich 
und formell hatte er durch Mörbe bitten lassen, ihn,uni 
elf Uhr im klemen Salon empfangen zu wollen. 
lind der klcineJnvalide hatte nachdenklich densttuppigen 
Kopf geschüttelt, als er die Bestellung ausgerichtet, und 
etwas wie Kummer und Sorge war über kein kleines 
faltiges Gesicht gegangen. 
Mit dem Schlage elf trat Rolf Kähne in den kleinen 
Salon. Durch dieselbe Tür, durch die er gekommen war, 
als er im März sich Helene von Lersch vorgestellt hatte, in 
derselben Haltung wie danials, als er niit einem Gemisch 
von Bewunderung, Staunen und Erschütterung die Frau 
mit den Hyazinthen in ihr erkannt hatte. 
Fast so bleich und nicht minder erreat. trat er Helene 
heut entgegen. 
Sie mochten in dem Augenblick tiefen beklommenen 
Schweigens, das zwischen ihnen lag. beide jener Stunde 
gedenken. 
Und wie dainals den Fremden, bat Helene heut den 
Freund, Platz zu nehmen, nur daß ihre Stimme unsicherer 
klang, wie von mühsam unterdrückten Tränen. 
Er beugte schweigend den Kopf, blieb aber hinter den, 
Stuhl Frau von Lersch gegenüber stehen, die Hände wie 
haltsuchend um die hohe Lehne gelegt. 
„Was gibt es denn?" fragte sie zaghaft und leise, 
da er noch immer stumm blieb. 
Er setzte zweimal zum Sprechen an. Jedesmal stockte 
ihm das Wort im Munde wieder. Seine Augen blickten 
starr und glanzlos in grenzenloser Traurigkeit über Helene 
fort, gegen die fliedeksärbene Wand des kleinen Salons. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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