Path:
Periodical volume Nr. 116, 20.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Frie-kMkr FiKol-Amtign. 
(Kriedenauer 
An-«Mtsche Zeiümg für kommunal« und bürgerliche 
Ängelegenheitm. 
Sefonderr 
I«ck«n kvlttvockr 
Mrsblatt „Seifenblasen". 
kezugsprels 
Sei Abholung aus der Geschäftsstelle, 
Rheinstr. 15,1,50 M. vierteljährlich; durch 
Voten inSHaus gebracht 1,80M-, durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
fernlpreelrerr Umt pfalzdorg 2139. lägüH llökN!>ö. 
Zeitung.) 
Organ für de« Kriedenaner 
Kerirtsverein 
Kollagen 
Jecken Sonntag» 
Lläncr für deutsche frauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle» Rheinff. iz. 
»an Zchönrbttg und 
Hnjeigen 
75 Pf. Velagnummer 10 Pf. 
f«mTpr«*tr: Hmt pkalzbu/g 3129. 
M. 116. 
Wertin-Ilriedenau, Aienrlag, den 20. Wai 1913. 
20. Iayrg. 
vepelcken 
Letzte Nachdickten 
Berlin. In der neuen Grünstr. 33 sprang die 
19 jährige Hertha Wilke aus Stettin aus dem 2. Stock auf 
die Straße. Mit schweren Arm- und Beinbrüchen wurde 
sie nach der Eharitä gebracht. 
Essen. In den angrenzenden westfälischen Landesteilen 
ging ein furchtbares Unwetter nieder. Die Landwirtschaft 
hat schwer gelitten, die Saaten sind völlig vernichtet. Mel 
Vieh ist in dem Wetter umgekommen. Die Chausseen sind 
auf lange Strecken hin ausgewaschen. In den Straßen der 
Ortschaften steht das Wasser meterhoch. In Marburg riß 
der Sturm eine Scheune um und begrub eine Schafherde 
unter den Trümmern. 
Frankfurt a. M. Der Hoteldiener Johann Friedrich 
Münz, der auf seine Geliebte eifersüchtig war, mietete sich 
gestern im Hause Elbestt. 39 neben dem Zimmer, das das 
Mädchen bewohnte, ebenfalls ein Zimmer. Als er im 
Zimmer das Mädchen sprechen hörte, kletterte er außen auf 
dem Fenstersims entlang, drückte die Scheibe zum Zimmer 
des Mädchens ein und sprang in das Zimmer; er schoß 
auf das Mädchen und seinen Nebenbuhler den Hotel 
diener Gleim. Während das- Mädchen nur leicht verletzt 
wurde, ging der andere Schuß dem Gleim in den Kopf; 
er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er starb. Münz 
schoß sich selbst in den Mund und liegt hoffnungslos im 
Krankenhause. 
Paris. Auf der Bahnstrecke Belfort—Mülhausen 
wurden in der Nacht zum Sonntag in der Nähe des Bahn 
hofes Chevremont mehrere Balken und Steine auf die 
Schienen gelegt. Doch wurden die Hindernisse von dem 
Paris—Mülhausener Schnellzuge weggefegt. 
Panama. Die Kanalbehörden haben den Damm 
südlich von Miraflores durchstochen und das Wasser des 
Paeifischen Ozeans auf eine beträchtliche Strecke in den 
Kanal gelassen. 
Kommunale Angelegenheiten 
Erläuterungen des Gemeindevorstandes zur Tagesordnung 
der Sitzung der Gemeindevertretung am Donnerstag, dem 
22. Mai 1913, abends 7 Uhr. 
Vorlage betreffend Beschlußfasiung über die Gültigkeit der am 
23. v. Mts. stattgehabten Gemeindeverordnetenersatzwahl. 
Bei der vorbezeichneten Wahl ist vom 2. Bezirk der 
3. Wählerabteilung an Stelle des verstorbenen Gemeinde- 
verordneten Schu der Bäckermeister Wermke zum Gemeinde- 
verordneten gewählt worden. Einwendungen gegen die 
Richtigkeit der Wahl sind nicht erhoben worden. Gemäß 
8 66,2 der Landgemeindeordnung beantragen wir zu be 
schließen: die Gemeindeverordneten - Ersatzwahl wird für 
gültig erklärt. 
Vorlage betreffend Einführung und Verpflichtung des neugewählten 
Gemeindeverordneten Wermke. 
Vorlage betreffend Beschickung der Versammlung des Verbandes 
der größeren preußischen Landgemeinden. 
Am 11. und 12. Juni d. Js. hält der Verband der 
größeren preußischen Landgemeinden, dem die Gemeinde als 
Mitglied angehört, seine 10. ordentliche Mitgliederversamm 
lung in Breslau ab. Im Hinblick auf die wichtige und 
interessante Tagesordnung beabsichtigt der Bürgermeister 
an der Versammlung teilzunehmen. Wir sind damit ein 
verstanden und ersuchen die Gemeindevettretung zu be 
schließen : Als Vertreter der Gemeinde Berlin-Friedenau wird 
der Herr Gemeindevorsteher bestimmt; die erforderlichen 
Reisekosten werden aus I, 13 a des Voranschlages bewilligt. 
Vorlage betreffend Vorlegung des Entwurfs eines Aborthäuschens 
auf dem neuen Marktplatz. 
In ihrer Sitzung vom 24. April 1913 erklätte sich die 
Gemeindevertretung grundsätztlich damit einverstanden, daß 
bei der Einrichtung des neuen Marktes in der Rheingau 
straße eine öffentliche Bedürfnisanstalt errichtet werde. Es 
sind nnnmehr für eine solche mehrere Projekte seitens des 
Bauamts aufgestellt, die der Gemeindeverttetung in der 
Sitzung vom 22. d. Mts. zur Entscheidung vorgelegt werden 
sollen. Da der Bauausschuß sich mit der Angelegenheit erst 
in seiner Sitzung vom 20. d. Mts. befassen wird, wird 
Berichterstattung im übrigen mündlich in der Sitzung 
erfolgen. 
Vorlage betreffend Abänderung einiger Bestimmungen der 
Geschäftsordnung für die Gemeindevertretung. 
In Uebereinstimmung mit dem Geschäftsordnungs 
ausschusse machen wir zur Aenderung der Geschäftsordnung 
für die Gemeindevettretung folgende Vorschläge: 1. In 
§ 5 wird hinter dem fünften Absatz eingefügt: „Alle Anträge 
mit Ausnahme von Schlußanträgen müssen schriftlich 
eingebracht werden (siehe auch 8 7)." 2. Die Ueberschrift 
des 8 6 soll lauten: „Tagesordnung und Behandlung von 
Anträgen." 3. In 8 6 Absatz 5 und am Schluß des 8 8 
wird hinzugesetzt: „Das Schlußwort hat der Versammlungs 
leiter." 4. 8 ^ erhält folgende Fassung: Wird von 
mindestens 6 Mitgliedern beantragt, einen Gegenstand zur 
Vorberatung einem Ausschuß zu überweisen, .so muß dem 
gemäß verfahren werden, wenn die Hälfte der anwesenden 
Mitglieder diesem zustimmt. Wir ersuchen die Gemeinde 
vertretung zu beschließen: Den vorgeschlagenen Aenderungen 
zu „Geschäftsordnung für die Gemeindevertretung" wird 
zugestimmt. 
Vorlage betreffend Veranstaltung einer Feier ans Anlaß des 
Regierungsjubiläums des Kaisers und Königs, sowie Be 
willigung der Kosten. 
Auf Anregung verschiedener Vereine wird beabsichtigt, 
das Regierungsjubiläum des Kaisers und Königs auch im 
hiesigen Orte durch eine ernste und würdige Feier am 
Montag, dem 10. Juni d. Js., Nachmittags 5 Uhr, in der 
Aula der Königin Luise-Schule zu begehen. Wir ersuchen 
die Gemeindevertretung, sich hiermit einverstanden zu er 
klären und die erforderlichen Kosten in Höhe von 200 M. 
aus dem Dispositionsfonds zu bewilligen. 
Vorlage betreffend Beschlußfassung über den Erlaß einer anderen 
Gewerbeordnung. 
In der letzten Sitzung ist die gleiche Vorlage dem 
Finanzausschuß zur Vorprüfung übenviesen worden. 
Letzterer hat den ihr beigefügt gewesenen neuen Entwurf 
einer anderen Gewerbesteuerordnung einer eingehenden 
Prüfung unterzogen und empfiehlt den Wortlaut der Frank 
furter Ordnung mit folgender Aenderung genau zu über 
nehmen: Statt der Bezeichnung: Zweigniederlassung und 
Betrieb ist überall das Wort „Forensalfilialbetrieb" gesetzt 
worden, weil es nach konstanter Rechtsprechung in einwandfreier 
Weise kennzeichnet, welche Bettiebe der Besteuerung unterworfen 
werden sollen. Der den Mitgliedern der Gemeindeverttetung 
bereits mit der vottgenVorlage übersandte Entwurf erfährt nun 
mehr folgendeAenderungen: Anstelle der 88 1— 3 tritt folgender 
8 1: „Die nach 8 28 des Kommunalabgabengesetzes ge 
werbesteuerpflichtigen Betriebe der Gewerbesteuerklassen I, II, 
III und IV, welche in Berlin-Fttedenau nur einen Forensal 
filialbetrieb haben und deshalb außerhalb zur Gewerbe 
steuer veranlagt sind, werden unter sinngemäßer Anwendung 
der für die staatliche Gemerbestenerveranlagung geltenden 
Grundsätze zu einer Gewerbesteuer veranlagt". Im 8 6 
muß cs statt „Forensalbetrieb" heißen „Fvrensalfilial- 
betrieb". Im 8 6 statt „8 4 und des 8 — „8 2 und 
des 8 3". Im 8 7 statt „Betrag" --- „Ertrag". Im 
8 8 statt „(8 5)" --- „(8 3)". 8 0 beginnt wie folgt: 
„Abgesehen von den Fällen des 8 1 erfolgt die Gemeinde 
besteuerung in Prozenten der vom Staate veranlagten Ge 
werbesteuer oder des auf Berlin-Friedenau überwiesenen 
Teilbetrages". In 8 14 fallen die Worte „gegen die 
Heranziehung zu der besonderen Gewerbesteuer" fott. In 
Uebereinstimmung mit dem Finanzausschuß ersuchen wir die 
Gemeindeverttetung, dem von ihm empfohlenen Entwurf 
der dem Protokoll als Anlage beigefügten neuen Gewerbe- 
steuerordnung nunmehr zuzustimmen. 
Vorlage betreffend Bewilligung von Mitteln zur Beschaffung von 
Zählern. 
Die Anschlüsse an das Elektrizitätswerk haben sich in 
der letzten Zeit wieder erheblich vermehrt, sodaß der Bestand 
an Zählern aufgebraucht und seine Ergänzung notwendig 
ist. Hierbei bietet sich Gelegenheit den von der 3 610 000 
Mark Anleihe verbliebenen Restbestand in Höhe von 
792,48 M. zu verwenden. Im Einverständnis mit den 
Elektrizitätswerks- und Finanzausschüssen beantragen wir, 
beschließen zu wollen: Für die Beschaffung von Zählern 
werden 20 000 M. bewilligt und zwar 792,48 M. aus dem 
Restbestand der 3 610 000 M. Anleihe und 1207,52 M. 
aus XV, 4 für 1913. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Der Kauf des Gemeindegrundstücks am 
Schmargendorfer Platz durch die Post ist in der Tat von 
der Budget-Kommission des Reichstages abgelehnt worden. 
Damit ist allerdings noch nicht endgültig der Bau eines 
Postamtes in Friedenau erledigt, die Postverwaltung wird 
vielmehr den Antrag auf Ankauf des Grundstücks im nächsten 
Mumenüe Menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
47. Ptaltari Mtliba.) 
0J5 war keine große Marke, aber immerhin, Giebel war 
gesellschaftlich und kulinarisch nicht eben verwöhnt. 
* Ein breites Schmunzeln zog sich denn auch wirklich 
über Giebels fettes, farbloses Gesicht, als der Kellner die 
Flasche auftrug. 
„Ei, ei, so nobel, Herr Leutnant!' 
Bei dem Hundewetter muß man sich ,a wohl was 
extra genehmigen, wenn man sich keine Influenza holen 
will" Er schenkte ein und bot Giebel seine kostbare, »mt 
dem Wappen der Lersch geschmückte Zigarettendose. 
Giebel spitzte die dicken kurzen Finger nach Möglichkeit 
und nahm die Blum Pascha in Empfang. 
Sie tranken und rauchten schweigend. Jeder wartete 
darauf, daß der andere das heikle Thema anschneiden, 
leinen 'Feldzugsplan verraten sollte. 
Nachdem drei Diertel der Flasche geleert waren, strich 
Giebel sich das fette, glatte Kinn und fragte lauernd : 
Na, Herr Leutnant, wie denken Sie stch also die Ge 
schichte? Ich warte auf Ihre Proposition. Ich bin kein 
Halsabschneider und werd' mit mir reden lassen." 
Edgar atmete auf. Wirklich schien er heute den Kleinen 
bei der richtigen Seite gepackt zu haben. 
Sehr verbunden, Herr Giebel. Wenn wir unsere Ab 
machung dahin abändern könnten, daß ich Ihnen am 
Fünfzehnten tausend abzahle und so wetter an jedem 
Fünfzehnten. Letzte Rate am fünfzehnten Marz. 
Giebel batte, das Sektglas an den Lippen, ruhig.zu- 
gehört. Jetzt setzte er das geleerte Glas ab und wijchte 
sich die breiten, feuchten Lippen. 
„Gegen welche Sicherheit?" 
Der andere schwieg. 
„Haben Sie eine Einrichtung oder sonstige Wertgegen 
stände zu verpfänden? Etwa eine Erbschaft oder eine 
künftige Schenkung? Oder könnten Sie mir eine Gut 
schrift besorgen von der gnädigen Frau Tante? Nein? 
Ja, dann muß ich bedauern, mich auf nichts einlassen zu 
können. Dann muß ich bestehen auf meinem Schein: 
Fünftausend Mark am Fünfzehnten dieses, bis mittags 
zwölf Uhr." 
Edgar hatte zornig fein volles Sektglas von sich 
gestoßen, daß sein Inhalt über den Tisch floß. Mit ge 
ballter Faust und finster blickenden Augen saß er da. 
Dieser gemeine Mensch, dieser widerwärtige, hundsgemeine 
Mensch! Er hätte ihm an die Gurgel springen mögen. 
Daß man verflucht war, mit solchem Subjekt zu paktieren! 
Die kleinen, habgierigen Augen Giebels hatten sich 
an dem heißen erregten Gesicht des jungen Leutnants 
förmlich festgesogen. Wie ein Raubvogel hielt er ihn in 
seinen Fängen. 
Edgar fühlte den Blick. Mit grenzenloser Verachtung 
dachte er: „Du sollst mich nicht haben, du nicht! Eyer 
noch ein anderer, mit dem ein Ende wird auf inimer, so 
sauer mich's auch ankommt zu gehen." 
Dann wandte er sich zu dem Wucherer und sagte 
eisig : „Ich werde Ihnen eine der gewünschten Sicherheiten 
geben. In den nächsten Tagen werden Sie meine Ant 
wort haben." Dabei machte er eine nicht mißzuverstehende 
Handbewegung. 
Der Kleine sah den jungen Offizier verblüfft an. 
„Nanu? Mit einem Male?" 
Edgar antwortete nicht. Er hatte den Rest der Flasche 
in sein Glas geschenkt und blickte auf die aufsteigenden 
Perlen in seinem Grunde. 
Da erhob sich der Wucherer schwerfällig, warf noch 
einen grenzenlos verwunderten Blick auf den in eiserner 
Beherrschung Dasitzenden und ging dann achselzuckend aus 
dem engen Zimmer. Er konnte es abwarten, Gott fei 
Dank, was daraus werden würde. 
Nachdem die Tür hinter Giebel zugefallen war, atmete 
Edgar tief und erleichtert auf. Er zog sein Taschentuch 
aus der Tasche und wehte die Luft weit von sich weg, 
die der andere geatmet hatte. Dann klingelte er nach 
dem Kellner und ließ eine Flasche Perrier-Iouät Brut 
kommen. 
Nachdem er sie, Glas auf Glas herunterstürzend, ge 
leert, wußte er, was er wollte. Es gab nur noch ein 
Ba-banque-Spiel für ihn. Was galt ihm in dieser ver 
zweifelten Stunde das Wort, das er dem Kommandeur, das 
Wort, das er sich selbst gegeben hatte? 
War das Glück mit ihm, war er in wenigen Stunden 
aus dem ganzen, ihn umklammernden Elend heraus. War 
es gegen ihn, dann — nach ihm die Sintflut. Auf ein 
paar Tausend mehr kam es dann nicht mehr an. 
Er warf dem Kellner seine letzte Doppelkrone auf den 
Tisch. 
„Den Rest für Sie," sagte er und stürzte davon. 
Als Loewengard gegen zwölf Uhr nachts in seinen 
„Klub" kam, trat der ältliche, verlebte Mensch mit dem 
kahlen Schädel, der eingedrückten Hemdbrust und dem 
verschobenen Schlips, der in jener Sommernacht die Bank 
gehalten hatte, als Loewengard mit den beiden jungen 
Offizieren oben gewesen war, auf ihn zu. 
Er nahm ihn beiseite und sagte halblaut:
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.