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Periodical volume Nr. 115, 19.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

10 Pfg. für das Kubikmeter, verbrauchten Wassers zu be 
zahlen sind. Während in Berlin ein Einheitspreis von 
15 Pfg. für das Kubikmeter besteht, haben wir in Friedenau 
eine Staffel, die noch dazu für jedes Vierteljahr gilt und 
bei der die höheren Sätze bis 130 Kubikmeter auf jeden 
Fall zur Berechnung kommen, selbst wenn ein größerer 
Wasserverbrauch erfolgt. Wenn der Steglitzer Plan zur 
Ausführung kommen sollte, wäre es daher sehr erwünscht, 
daß Friedenau sich unserer Nachbargemeinde, vielleicht in 
Form eines Zweckverbandes, in der Frage der Wasser 
Versorgung anschlösse. Vielleicht ist es möglich, daß unsere 
Hausbesitzer dann ebenfalls einen billigen Durchschnittspreis 
wie in Berlin erhalten. Jetzt noch sind die Wasserverbraucher 
auf das Privatunternehmen angewiesen und müssen die 
Tasche der Aktionäre durch einen hohen Preis fiillen. 
o Katzensperre. Mit der Hundesperre ist auch gleich 
zeitig die Katzensperre eingeführt worden, die nun durch die 
letzte Bekanntmachung des Regierungspräsidenten bezw. 
Amtsvorstehers über unseren Ort bis zum 31. Juli verhängt 
ist. Nach § 1 der polizeilichen Anordnung sind Katzen so ein 
zusperren, daß sie den Raum nicht verlassen können. Hunde 
und Katzen, heißt es ferner in § 4, die diesen Vorschriften 
zuwider frei umherlaufen, werden getötet. Mau achte im 
Interesse der vierbeinigen Hausfreunde sorgfältig auf die 
genaue Befolgung der polizeilichen Anordnung. 
o Ein Märchen, das noch immer geglaubt wird, 
will davon wissen, daß die Große Berliner Straßenbahn 
jedem, der eine Million gebrauchte Fahrscheine gesammelt 
hat, ein Geschenk in Form eines Pianinos oder in irgend 
einer anderen Form machen soll. Zu wiederholten Malen 
ist dieses Gerücht als jeder Unterlage entbehrend erklärt 
worden. Immer wieder kommen jedoch an die Direktion 
der Straßenbahn Anfragen: es finden sich sogar öfters Leute, 
die die Million Fahrscheine wirklich gesammelt haben. Es 
ist natürlich eine gänzlich zwecklose Bemühung, da das viele 
Papier für Niemanden, auch nicht für die Direktion der 
Straßenbahn, Wert besitzt. Es wäre zu wünschen, daß die 
Berliner Bevölkerung endlich diesen Aberglauben, von dem 
man nicht weiß, wie er entstanden ist, aus ihrem Gedächtnis 
streichen würde. 
o Die wirtschaftliche Lage des Haus- und Grund 
besitzes und der Wehrbeitrag, so lautete das Thema des 
Vortrages, der in einer Vorstandsversammlung des Orts 
verbandes Groß-Berlin des Hansa-Bundes in den Kammer- 
sälen von dem Vorstandsmitglied des Bundes der Berliner 
Grundbesitzer, der sich bekanntlich vor kurzem dem Hansa- 
Bund korporativ angeschlossen hat, Herrn H. Licverenz ge 
halten wurde. Nach einer angeregten Aussprache, in der 
verschiedene führende Mitglieder des Ortsverbandes Groß- 
Berlin des Hansa-Bundes dasWort ergriffen, wurde einstimmig 
folgende Erklärung gefaßt: „Die heute versammelten Vorstände 
der 30 dem Ortsverband Groß-Berlin des Hansa-Bundes 
angeschlossenen Bezirks- und Ortsgruppen erkennen rückhaltlos 
die bedrängte Lage des Haus- und Grundbesitzes an und 
erklären, daß im Sinne der Richtlinien des Hansa-Bundes 
der Haus- und Grundbesitzerstand auf die tatkräftige Unter 
stützung des Ortsverbandes Groß-Berlin des Hansa-Bundes, 
insonderheit soweit es sich um die Beseitigung offensichtlicher 
Rechtsunsicherheiten des Kommuualabgabengcsetzes oder um 
einseitige steuerliche Ungerechtigkeiten handele, rechnen dürfe." 
o Die Hauptversammlung der Freiwilligen Feuer 
wehr findet, wie bereits bekannt gegeben, Dienstag, den 
20. Mai, Abends 8^/z Uhr, im oberen Saale des „Hohen- 
zollern" statt. Es sei noch besonders darauf hingewiesen, 
daß nach § 13 der Satzung zu dieser Versaiumlung nur 
durch die Ortsblätter eingeladen wird. 
o Männer-Tnrnverein. Verschiedene Abteilungen des 
Vereins untemahmen zu Pfingsten mehrtägige Turnfahrten, 
mn altem Tnrnerbrauche folgend, ihre Angehörigen die 
Freuden einer Wanderung im Wonnemonat Mai voll ge 
nießen zu lassen. Fangen wir mit den Kleinsten an. Die 
2. Knabenabteilung hatte für ihren Pfingstausflug den 
„hohen Fläming" gewählt, der mit seinen Naturschönheiten 
und geschichtlichen Erinnerungsstätten siir Wanderfahrten 
frischer Burschen wie geschaffen ist. Sonnabend Mittag 
brachte die Eisenbahn 36 Knaben mit ihren Turnwarten 
und einem dritten Turngenosscn nach Belzig. Kaum war 
man dem Zuge entstiegen, gab es schon reizvolles und 
interessantes gn erfragen und zu sehen. Vom Bergfried der 
Burg Eisenhardt, der anno doraini 997 erbaut ist, schauten 
die Jungens mit vergnügten Sinnen hinab auf das hart 
zu Füßen liegende rote Meer der enggedrängten Ziegel- 
dächcr Belzigs, auf die noch aus der Zeit Albrecht des 
Loewengarü sah ihm mit einem beinahe mitleidigen 
Lächeln nach. 
„Alles das um lumpige Fünftausend! Aber freilich, 
bei ihm geht's um den bunten Rock und bei mir um 
das " 
Er dachte den Satz nicht zu Ende und ging an den 
Schreibtisch zurück. 
■ „Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn — 
und ein Endchen gewitzter als dieser grüne Leutnant sind 
wir ja Gott sei Dank immer noch." 
Als Edgar auf die Straße trat, schien sich der Sturm 
gelegt zu haben. Rasch zog er seinen Ueberzieher an 
und schritt in starkem Tempo aus, um sich zu erwärmen 
und seiner Gedanken Herr zu werden. Von Kindheit an 
hatte schnelle Bewegung ihm den Kopf klargemacht. 
Schon an der nächsten Straßenecke sollte er fühlen, 
daß der Sturm nur gerastet, um mit erneuter Gewalt 
loszubrechen. Wie ein Wirbel faßte er den schlanken 
jungen'Mann und drehte ihn förmlich im Kreise. Aber 
es machte ihm nichts. Weiter mußte er nun einmal. So 
oder so die Geschichte zu Ende bringen. 
Nachdem er ein paar Straßen in der Richtung auf 
Südost durchquert hatte, wo Giebel ihn in einer kleinen 
Weinstube erwartete, blieb der junge Offizier plötzlich 
stehen. Weshalb ging er eigentlich zu diesem Rendezvous, 
da er dem Wucherer nichts anderes zu sagen hatte, als was 
er ihm im Laufe der letzten Tage wiederholt gesagt, 
geschrieben und telephoniert hatte, daß er aller Voraus 
sicht nach nicht imstande sein werde, die fragliche Summe 
für den fünfzehnten November auszubringen. Sollte er sich 
etwa kleinmachen vor ihm, wie er sich vor Loewengard 
kleingemacht hatte, oder hoffte er vielleicht, dieser Wucherer, 
Bären stammende Bricciuskapelle und weithin ins Laud 
über Wälder und saatenbedeckte Hügel. Nach einer kleinen 
Vorlesung iiber die Geschichte der Stadt (Entstehung aus 
dem wendischen Dorf Belici; Verleihung der Stadtrechte im 
13. Jahrhundert; Belagerung durch die Hussiten: Kirchen 
visitation Luthers 1530; Erstürmung durch die Spanier im 
Schmalkaldischen Krieg; Einäscherung durch die Schweden 
im 30 jährigen Krieg) ging es weiter durch die Stadt, an 
einer alten sächsischen Postsäule vorbei, und dann hinaus 
durch die Heide nach Hagelberg, wo die preußische Land 
wehr 4 Tage nach Großbeeren die französische Division 
Girard mit Säbeln und Kolben zusammengehauen hatte. 
Während kurzer Vesperpause an dem Denkmal wurde den 
Jungens der Verlauf der Schlacht vorgetragen, dann wurde 
der Weg wieder aufgenommen, am Hagelberg vorbei, über 
Schmerwitz nach Wiesenburg. Hier sollte das Nachtquartier 
bezogen werden, für das Amtmann Kietz liebenswürdiger 
weise eine große Scheune zur jVerfügung stellte. Um 9 Uhr 
war Zapfenstreich; da mußte alles ins Stroh, aber die 
Jungens dachten beileibe nicht ans Schlafen; die ganze 
Nacht hindurch gab es trotz Ermahnungen und Schelten 
des Turnwarts keine Ruhe, und um 4 Uhr friih war alles 
schon wieder auf den Beinen. Bald dampfe der Kakao in 
den Kochkesseln und noch bevor für die Dörfler Pfingsten, 
dys liebliche Fest, angebrochen war, schallte schon fröhlicher 
Turnersang durch den Wildpark des Schlosses Wiesenburg 
und mischte sich mit den bunten Liedern der Lercheff. Die 
vielen Rehe und Kaninchen hatten aber keine Freuds daran 
und nahmen Reißaus. Munter wurden die Schrote ge 
fördert. Bald war Welsigke erreicht, dann Grubo, und nun 
gings durch dke große Rummel, das alte Flußbett der Plane, 
nach Raben und Burg Rabenstem. Leider durfte der 
Bergfried wegen der Baufälligkeit der Treppe nicht betreten 
werden. Da dauerte denn der Aufenthalt nicht lange, 
zumal allen der Magen bedenklich knurrte, man zog weiter, 
die Plaue entlang, bis halbwegs Rädigke wieder die Kessel 
auf die Feuer gestellt wurden. Während Milchreis, 
Maccaroni und Rhabarber brodelten, zogen die Nixen der 
Plane 2 Knäblein und einen Rucksack an den Beinen in 
die kühle Flut. Da aber die Plane nicht tief ist und die 
Sonne schnell trocknete, hat es keinem von den dreien ge 
schadet und die anderen hatten ihre Freunde daran. Nach 
2*/z ständiger Rast wurde wieder „mächtig losgeklotzt", be 
sonders hinter Buchholz, wo die Gegend weniger Reize 
bietet. In allen Dörfern, die passiert wurden, kamen die 
Bauern an die Fenster und vor die Türen und freuten sich 
sichtlich über die große Schaar der kleinen Burschen, die so 
stramm laufen konnten. In Krahnepuhl gab es letzte Rast 
und ein kleines Geplänkel mit den Dorfjungens, die sich 
für den aufgezwungenen Rückzug aber zu rächen wußten. 
Als das Dorf schon wieder 1 / i Stunde im Rücken lag, 
vermißte ein Junge seine Jacke; er mußte zurück und ent 
deckte sie erst nach langem Suchen hoch oben auf einer 
Bohnenstange, wo sie als Siegestrophäe thronte. Um 5 Uhr 
wurde der Turm der Burg Eisenhardt wieder gesichtet und 
mit Hallo begrüßt; 1 Stunde später verließen die Jungens 
im Eisenbahnzug den Fläming und rollten dem Teltow zu. 
Sie sind selbstverständlich trotz der zurückgelegten 45 Kilo 
meter gar kein bischen müde — so behaupteten sie 
wenigstens —, aber die folgende Nacht hätten sie doch auch 
in der Wiesenburger Scheune mäuschenstill gelegen und 
länger als bis 4 Uhr geschlafen — so meinen die Turn 
warte. Auf der Station Beelitz feierte daun einer der 
Jungens noch ein fröhliches Wiedersehen mit seinem Stroh 
hut, der ihin auf der Hinfahrt zum Fenster hinaus entwischt 
war. So kam denn alles, was aus Friedenau ausgerückt 
mar, andern Tages wieder vollzählig heim. Ein Heil der 
Kosten der Turnfahrt wurde aus dem Betrage, der dem 
Verein von der Gemeindevertretung für Turnfahrten der 
Knabenabteilungen zur Verfügung gestellt ist, entnommen. 
— Dank dieser Beihilfe könnte auch die 1. Knaben» 
abteilung, der die andere Hälfte des Betrages überwiesen 
war, ihre Pfingstfahrt weiter ausdehnen durch Uebernahme 
eines Teils der Fahrkosten.. Ueber deren Turnfahrt wird 
uns berichtet: „Wer recht in Freuden wandern will, der 
geh' der Sonn' entgegen." So dachten die Teilnehmer an 
der Pfingst-Turnfahrt der 1. Kuabenabteilung, als sie sich 
am Pfingstsonntag uru 5 Uhr am Wannseebahnhof ver 
sammelte, um auf zwei Tage Friedenau zu verlassen und 
hinaüszuwandern in eine der schönsten Gegenden der Mark. 
Vom Stettiner Bahnhof führte die Eisenbahn in einem be 
stellten Wagen bis Eberswalde, dann ging es zu Fuß-durch 
das freundliche Städtchen, über den Finowkanal, auf einer 
aus der Hefe des Volkes hervorgegaugen, würde men ch- 
licher denken als Loewengard, der Sproß eines alten 
Adelsgeschlechtes, ein Mitglied der besten Gesellschaft? 
Schon wollte er umkehren, als er plöglich Eorneliens 
Stimme neben sich zu hören glaubte. Laut und vernehmlich 
sagte diese Stimme: „Du hast versprochen zu kommen, 
also mußt du auch gehen." 
Er blickte um sich. Nichts, niemand als ein paar, 
gleich ihm mit aller Gewalt gegen den Sturmwind sich 
anstemmende fremde Gestalten. 
Und wieder hörte er im Weiterschreiten Eorneliens 
Stimme, wie er sie so oft gehört, tröstend, mahnend, ihn 
aufrichtend mit ihrer jungen Weisheit, die ein Erbteil ihres 
Vaters war, der nach nichts und niemanden fragte auf 
der Welt, der einfach und geradeaus feines Weges ging, 
unbekümmert, was andere dazu sagten. 
Der Professor war ein freierer Mann als er! Es 
war nicht nur die Uniform, die er trug, der er verant 
wortlich war, die ihn gebunden hielt. Leichtsinnig hatte 
er sich hineinverstrickt in hunderterlei unerfüllte Ver 
pflichtungen, die ihm die Schlinge um den Hals gelegt, ihn 
auf Schritt und Tritt die Kette fühlen ließen, in die er 
sich selbst hineingeschmiedet. 
Er reckte die Arme gegen den anbrausenden Sturm. 
Frei sein l Sich regen können! Die Arme gebrauchen 
können! Auf eigenen Füßen stehen! Dem tapfern Mäd 
chen, das er liebte, ein Los bieten, das seiner würdig war! 
Weiter denn je war er davon entfernt. Mutlos ließ 
er die Arme sinken. Vor ihm, dicht vor ihm lag ein 
dunkler Abgrund. Noch sah er keinen Weg, der hinttber- 
führte. Nur einen, der hinabführte in den dunkeln Grund, 
der alles verschlang und keine» wieder herausgab. 
malerischeil Brücke über den Großschiffahrtsweg Berlin — 
Stettin bis zu der schönsten Klosterruine der Mark, Chorin. 
Nach etwa einstiindiger Rast, während der die Friedenauer 
Damenabteilung mit lautem „Gut Heil" begriißt werden 
konnte, wanderte man weiter durch herrlichen Buchenwald, 
begleitet von den Rufen des.Kuckucks, nach Forsthaus Licpe 
und den: Krugsee, dessen Ufer zu längerer Rast einluden. 
Schnell wurden zwei Feuerstellen errichtet und bald entstieg 
den Alluminiumkesseln der liebliche Duft des Kakaos und 
nachdem sich alles gestärkt hatte, regte sich bei den Jungen 
die Spiellust, ein flottes Trapper- und Jndianerspiel hlib 
an. Müde vom Spiel kehrten die Jungen ins Lager 
zurück und ftöhliche Turnerlieder erklangen, bis der Führer 
nach 3 l/rständiger Rast zum Aufbruch mahnte. Das Ziel 
des ersten Tages, Oderberg, wurde um 5 Uhr erreicht. 
Nach gründlicher Säuberung erschienen unsere Friedenauer 
Jungen auch in weißen Turnhosen und Turnhemd und 
nahmen eingehend denWirtschastShof, dieScheune, die Ställe jc. 
in Augenschein, um später den Gästen des Schützenhauses 
an den Schaukelringen schwierige turnerische Uebungen 
vorzuführen. Nach dem Abendbrot wurde das gemeinsame 
Nachtlager bezogen, doch dauerte es noch lange, bis auch 
die eifrigsten Erzähler zur Ruhe kamen. Früh um 6‘/ 2 
Uhr war die Abteilung wieder marschfertig und man zog 
zur Alten Oder auf Liepe zu. Links lag der Oderbergcr 
See, zur Rechten die mit herrlichem Flieder bestandenen 
Höhen. Dann hinauf auf den 118 Meter hohen Pim- 
ptnellen-Berg, der eine prächtige Aussicht auf das weite 
Oderbruch bietet, und weiter über die Teufelsberge mit 
ihren zahlreichen Schluchten, wo noch schnell Frühstücksrast 
gehalten wurde, und durch Liepe zu den gewaltigen 
Schleusenanlagen, die einen Wasserstandsunterschied von 
36 Meter ausgleichen. In der Nähe wurde längere Rast 
gemacht und abgekocht. Gar lieblich broddelte in den 
Kesseln Crbssuppe mit Schinkenspeck, auch Kaffee gab es 
noch, der noch weit besser schmeckte, als der Morgenkaffee 
im Quartier. Nach drei schönen Stunden ging es dein 
Endziel entgegen, Eberswalde, das über Forsthauö Fohlen- 
berg, Mecherslust und Mönchsbrück am Finowkanal entlang 
erreicht wurde. Auf der Heimreise stellte sich natürlich 
wieder der beste Freund der Jugend, der Hunger, ein und 
sämtliche Rucksäcke wurden noch einmal einer eingehenden 
Musterung unterworfen, ob sich nicht noch etwas Genieß 
bares fände, was dann freundschaftlichst verteilt wurde, denn 
geteilte Freude ist doppelt. Wie schön allen Jungens diese 
zwei Tage in freier Gottesnatur gefallen hatten, das zeigten 
die fröhlichen Turner- und Vaterlandslieder, die den letzten 
Teil des Weges, die Eisenbahnfahü, ausfüllten. Wohl 
behalten langte man 8 Uhr abends wieder in Friedenau 
an. 30 Knaben, 2 Vorturner, 1 Turnwart und 3 Gäste 
nahmen an der Fahrt teil- — Auch die Damen-Ab- 
teilung des Vereins unternahm eine 2 tägige Wanderung 
unter Leitung ihres 2. Turnwarts. In der Frühe des 
1. Feiertages fuhren die Turnerinnen bis Chorinchen, 
wanderten dann zum Kloster Chorin und nach eingehender 
Besichtigung, der schönen. .Ruine weiter über Liepe nach 
Oderberg und durch die herrlichsten Buchwälder bis Frcicu- 
walde, wo im Alexandrinenbad Quartier bezogen wurde. Es 
war nur natürlich, daß in der schönen Maiennacht das 
etwas harte Lager allen Damen wie ein Himmelbett dünkte 
und man am anderen Morgen neu gestärkt erwachte. In 
der Frühe wurde das liebliche Freienwalde in Augenschein 
genommen und dann zum Baasee gewandert. Den weiteren 
Teil des zweiten Tages füllte eine Wanderung durch die 
prächtigen Wälder der näheren Umgebung Freienwaldes 
aus. Als gegen Abend die Bahn die Turnerinnen nach 
Friedenau zurückführte, geschah es gewiß allen zu früh, denn 
das Wetter, die Gegend und die Stimmung waren auch 
hier in jeder Beziehung vorzüglich. 
o Drei „schwere" Jungen verhaftet. In der Stacht 
zum Sonntag wurden von einem Friedenauer Polizei- 
beamten drei Spitzbuben festgenommen und zur Wache ge 
bracht. Dem Beamten, der am Friedrich-Wihelm-Platz 
postiert war, kamen drei Männer, die einen schweren Sack 
mit sich schleppten, verdächtig war, sodaß er zu deren Fest 
nahme schritt. Von anderer Seite wird uns gemeldet, daß 
zwei Zivilpersonen, die dem Kleeblatt gefolgt waren, den 
Beamten auf die Drei aufmerksam machten und diesen zur 
Festnahme der Verdächtigen veranlaßten. Bei der Ver 
haftung, die mit Unterstütznng einiger Zivilpersonen erfolgte, 
lief der eine Bursche davon. Dem Beamten gelang cs 
jedoch später, ihn in der Hähnelstraße zu erwischen und 
festzunehmen. Bei der Untersuchung des Sackes stellte sich 
Giebel war noch nicht anwesend, als Eogar das kleine, 
enge Hinterzimmer der Weinstube betrat, in dem er schon 
mehrmals mit dem Wucheren zusammengetroffen war. 
Edgar klapperte vor Frost. Er bestellte sich einen starken 
Grog von Arrak und zündete sich eine Zigarette an. In 
einem hatte Loewengard recht, Ruhe mußte er bewahren. 
Edgar hatte kaum die Hälfte des Glases geleert, als 
Giebel eintrat. Er war ein kleiner, untersetzter, sehr brü 
netter Mann mit glattrasiertem, farblofemGesicht, dick auf 
geworfenen Lippen und einer stark gekrümmten Nase. Er 
begrüßte den jungen Offizier sehr familiär, nannte ihn 
„lieber Herr" und fühlte sich ganz in der Rolle des bei 
weitem Stärkeren, die Dinge nach seinem Willen Lenkenden. 
Als Edgar kleinlaut eingestaud, daß er das Geld nicht 
habe, wohl auch schwerlich bekommen würde, schnippte 
Giebel mit den Fingern und meinte in gemütlichem Ton, 
daß er das gar nicht anders erwartet habe. 
„Sie werden jetzt einsehen, lieber Herr, daß Geld heut 
zutage ein kostspieliger Artikel ist, und daß es ein großes 
Entgegenkommen von mir war. Ihnen die Summe gegen 
so kulante Bedingungen zu überlassen." 
Edgar wollte auffahren^ riß sich aber zusammen. 
Der kleine Händler war augenscheinlich nicht in der 
schlechtesten Stimmung, hatte vielleicht gerade eben ein 
vortreffliches Geschäft abgeschlossen. Wenn er es versuchte, 
ihn bei Laune zu erhalten, dieselbe etwa noch aufzubessern, 
""""'Pt' UU[) er voll) IM wuren mit Ihm zusammenkam, 
ohne sich allzuviel vergeben zu müssen. 
® 1 ’ Angelte nach dem Kellner und bestellte halblaut 
eine Flasche Mercier. 
(Fortsetzung folgt.1
        
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