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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

&u diesem Zweck habe ich mich hierher zurückgezogen. 
Ich bin im Besitze eines Akademiepreises für Nerven- 
und Muskelergänzungen. Aber ich pfeife auf all' die 
öffentlichen Ehrungen und interessiere mich nur für 
Meine Experimente. Sie sind der erste intelligente 
Mensch, der mir hier bisher begegnet ist. Sie werden 
mich verstehen . . In diesem Tone ging es noch 
eine Weile fort, indem er mich durch seine goldgefaßten, 
blinzelnden Brillengläser ansah. Er machte auf mich 
den Eindruck eines kräftigen Sechzigjährigen, der ohne 
Hast seiner Wissenschaft obliegt. Einzig seine Stimme 
erschien mir hin und wieder von einem nervösen Ton 
durchzittcrt, wie er zeitweilig hysterisch veranlagten 
Kindern eigen ist. 
Endlich erlaubte ich mir, ihn an den Zweck meines 
Besuches zu erinnern. 
„Ach ja. Sie wollten sich nach dem Verbleib des 
Louis Martin erkundigen. — Nun, er ist weder tot 
noch verschwunden. Er befindet sich in meinem Labora 
torium!" Und den Blick fest auf mich gerichtet, fuhr 
cr gelassen fort: „Wahrscheinlich haben Vorüber 
gehende in den letzten Tagen seine Schreie gehört. . 
„Seine Schreie?" 
„Jawohl! — Er war jedenfalls nicht stark genug 
chloroformiert, während ich experimentierte. Denn kürz 
lich verinochtc cr noch zu schreien. Da cr jedoch gut 
festgebunden war, arbeitete ich ruhig weiter . . ." 
Ich starrte den Doktor erschreckt fragend an. 
„Die Sache verhält sich folgendermaßen," erklärte 
darauf Duval: „Als ich Martin in meinen Dienst 
nahm, bedurfte ich keines Dieners im eigentlichen 
Sinne, beim meine alte Magd sorgt vollständig für 
mich. Ich habe Martin vielmehr zum Experimentieren 
angenommen. Sie werden begreifen, daß ich endlich der 
Tiere als Versuchsobjekte überdrüssig war. Ich habe 
ihn denn auch — ich darf wohl sagen — recht geschickt 
umgestaltet; vermittels aufgepsropftcr Nerven und 
Muskclstränge geschah es. Allerlei Tiere habe ich 
bereits in ähnlicher Weise umgestaltet, die ganz gut 
weiterleben. Ich werde sic Ihnen gern zeigen . . . Für 
mein großartiges Experiment genügten mir indessen 
die Tierversuche zuletzt nicht. So habe ich denn Martin, 
äls cr eines Nachts schlief, chloroformiert, gefesselt 
und arbeite seitdem an ihm. Wollen Sie ihn 
sehen? . . ." 
Er war völlig ruhig, und ich begann Schlimmes 
zu ahnen, obwohl ich nicht den vollen Sinn seiner 
Worte zu begreifen wagte. 
So folgte ich seiner Führung durch einen langen 
Gang, bis zu einer eisernen Tür, deren schwere Riegel 
dem kräftigen Drucke des Doktors Hand nachgaben. 
Die Tür sprang auf, und wir betraten einen großen, 
weißgetünchtcn Raum, der eine große Anzahl der ver 
schiedenartigsten Instrumciite enthielt. An' den Wänden 
entlang-standen-Käfige mit sonderbar, verkrüppelten 
tierischen Lebewesen. Ganz im Hintergründe erblickte 
ich — und glaubte zuerst, ein Schreckbild meiner Sinne 
täusche mich — doch nein, es war. grausige Wirklich 
keit, eine schreckliche Mißgestalt. Auf einem Bündel 
Stroh kauerte, mit einer Eisenkette an einem in der 
Hand befestigten Ringe gefesselt, ein furchtbar verun 
staltetes Geschöpf — halb Mensch, halb Tier, mit dicken 
Narben und Bandagen bedeckt. Die Kreatur lebte, 
und beim Herannahen des Arztes drückte sie sich mit 
allen Anzeichen des Entsetzens gegen die Wand. 
Doch Duval, der die Hände in die Taschen seines 
Operationskittels vergraben hatte, betrachtete gelassen 
sein Objekt und wandte sich dann lächelnd zu mir: 
„Nun, ist mir diese Umgestaltung nicht glänzend ge 
lungen? Das ist er! Ich wollte die Grenze verwischen» 
die den Menschen vom Tier trennt. Aus diesem jungen 
Mann habe ich ein veritablcs Tier gestaltet I Sie ken 
nen die Idee von Doktor Moreau, der das Tier zum 
Menschen umgestalten will. Das ist unmöglich! Da 
bei kommt man niemals zum Ziel! Ich dagegen habe 
das Gegenteil versucht, lind hier sehen Sie, mit welch 
glänzendem Erfolg! Ein Beweis für die Wahrheit des 
alten Satzes, der da lautet: Man kann die Natur 
niemals verbessern — höchstens verschlechtern. Sehen 
Sie, wie sorgfältig ich experimentiert habe, um meinen 
Zweck zu erreichen. Seit nahezu drei Monaten arbeite 
ich mit unermüdlicher Geduld an diesem menschlichen 
Objekt. Immer wieder habe ich innegehalten mit dem 
Experimentieren, um das Schließen der Wunden ^ab 
zuwarten. Ich habe mit großer Mühe dem Körper eine 
andere Gestalt gegeben; die Haut, das Antlitz, die 
Gliedmaßen, die Stimmbänder ausgewechselt. Doch 
die meiste Sorgfalt habe ich auf die Zerstörung des 
menschlichen Gehirns verwandt. Eine ungeheuer mühe 
volle Arbeit, glauben Sie mir! Gehirnoperationen 
führen gar zu leicht zum Tode . . . Jetzt ist mein Werk 
vollendet! Er geht auf vier Füßen, bellt statt zu 
sprechen, und sein Aeußercs hat nichts Menschliches 
mehr! Trotzdem ist er noch kräftig, Ich werde ihn dem 
nächst in der wissenschaftlichen Gesellschaft vorführen. 
Sie können ihm übrigens ruhig nahekommen, Herr 
Staatsanwalt, ihn genau betrachten. Er tut Ihnen 
nichts! Auch versteht cr nicht, was wir sprechen, da 
ich ihm die dazu nötigen Gehirnzellen amputiert habe. 
Großartiger Erfolg, nicht wahr? Dieses Geschöpf, das 
noch vor drei Monaten ein normaler Mensch war, 
an seine Heimat, seine Familie dachte, ist nun völlig 
zum verständnislosen Tier geworden, da er nichts mehr 
von dem versteht, was ein Mensch zu ihm spricht." 
Mit wachsendem Entsetzen hatte ich dem Doktor 
zugehört, während meine Augen wie gebannt au dem 
bedauernswerten Versuchsobjekt hingen. 
Da plötzlich bemerkte ich eine Veränderung in 
seinen mißgestalteten-Zügen:- Ich'sah'— der Arzt sah 
es gleichzeitig. — Und mit einer krampfhaften Be- 
:,fu. .11,. ..UM!. .(IW. It.llil«. ..,m. 
wegfing meinen Arm zwischen seinen knochigen Fingern 
pressend schrie cr auf: „Unx Gotteswillen, mein Werk 
ist zerstört — cr hört — er erinnert sich — sehen Sic 
— er weint!" — 
, . . Kurze Zeit darauf starb Duval in der Land' 
irrcnans'talt. Doch sein unglüMches VersuchSvbje.'. 
lebt im Zustande halber Vertierung noch heute, nach 
fünfzehn Jahren, in einem Siechenheim." 
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