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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Beilage z« Nr. 114 des „Friedenamr Lokal Aazeiger". 
Sonntag, den 18. Mai 1913. 
Die bunte Mocbe 
Plauderei für den „Friedcnauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 16. Mai. 
Epilog zur Kaiserkette. — Hie Köln — hie Berlin' — Kritischer 
Unfug. — Das Cafs im Brandenburger Tor. — Die Unkultur 
Berlins. — Die ablenkende Statistik. — Die Brennpunkte des 
Weltverkehrs. — Berliner Allerlei. 
Schon oft wurde festgestellt, daß die Berliner gern alles für 
sich in Anspruch nehmen wollen: Die älteste Frau, die meisten 
Kinos, die breitesten Straßen, die schönsten Mädchen und die 
häufigsten Konkurse. 
Was noch fehlte, um der Stadt das absolute liebergewicht 
über die Kulturstätten des deutschen Reiches zu geben, haben wir 
jetzt auch bekommen: die „Kaiserkette" für unsern Lehrergesangverein 
und das Cafö am Brandenburger Tor. 
Naturgemäß ist der Kölner Männergesangverein, der die Kette 
an die gräßlichen Berliner abgeben mußte, erheblich verschnupft. 
Er macht beim nächsten Kaiserpreissingen nicht mehr mit und nach 
den erregten „Stimmen der Presse" zu urteilen, steht eine Mobil 
machung der alten, prächtigen Stadt am Rhein gegen unser wasser 
köpfiges Berlin uumittetbyr bevor. 
Man sendet vielleicht die karnevalsberühmte „Funken-Artillerie" 
gegen die Spree. Einstweilen beobachtet die Berliner Garnison 
die westlichen „Grenzen" der Stadt und nimmt eine abwartende 
Haltung ein. 
Eines steht fest: Ter Berliner Lehrergesangvcreiu läßt sich 
seine so schwer errungene Kaiserkette nicht stehlen. Er gibt besser 
acht, als die Herrn am Rhein. Wie ich höre, hat er sich an die 
Regierung gewandt, um die Kette im Juliusturm in Spandau 
unterbringen zu dürfen. Hier ruht bekanntlich der Kriegsschatz 
und nach Aussage der leitenden Stellen Deutschlands und des 
Baedekers ist hier der sicherste Platz in Groß-Berlin. 
Bedauerlich ist nur, daß wegen einer solchen Auszeichnung 
zwei Städte in eine so grimme Fehde fallen. Ich kenne das 
Temperament der Kölner und werde mich hüten, bei meiner nächsten 
Rheinreise dort zu sagen, daß ich aus Berlin komme 
Der edle Sängerkrieg ruht ja vorläufig und man kann wieder 
schlafen. 
Nur eines möchte ich der Mitwelt verkünden. 
Ein Berliner Bureau, das sich zur Aufgabe macht, sämtliche 
Kongresse der Welt zu bearbeiten, hatte auch den Frankfurter 
Sängerkrieg „übernommen". Anscheinend hat aber der Bericht 
erstatter unter der im Sommer zu erwartenden Hitze schon deratt 
gelitten, daß er den größten Blödsinn aus seinen großberliner 
Tintenfingern saugte. Er schrieb u. a. über den Bortrag eines 
Vereins: 
„Nur im Ansatz war der Vorttag etwas zu schnell". 
Das heißt soviel wie: „Meine Tante hat ein Gebiß, aber die 
Schlafwagen der preußischen Staatsbahnen sind schöner gedichtet, 
als däS Bruchband meines Onkels Gustav" . . . Oder so ähnlich. 
Derselbe Herr schreibt dann noch: 
„Die Kreuznacher Liedettafel machte sich zahlreicher Unrein 
heiten in der Tongebung schuldig". 
Wobei zu bedenken ist, daß der von keiner Sachkenntnis getrübte 
Kollege sich zahlreicher Verunreinigungen „in Bezug aus" Stil und 
Urteil zu Schulden kommen ließ. 
Wer aber die jungen Leute kennt, die an der Spree das Urteil 
des Tages fällen, lächelt, wie die Auguren lächelten, und er hält 
ihnen zu Gute, daß sie bis vor kurzer Zeit meistens noch in 
Konsekttonehäusern heftige Verkaufstalente entwickelten', Ms sie dältst 
gewaltsam den Sprung aus den Berliner Parnaß unternahmen. 
g n'Berlin ist eben alles möglich. 
ogar ein Cafö am Brandenburger Tor. 
Das Unglaubliche scheint Ereignis zu werden. Das Haus. 
daS an ’ die Südseite des Brandenburger Tors grenzt, soll in ein 
„mondänes" Cafo umgewandelt werden. Ein richtiges Berliner 
Cafö mit Fünfuhttee, einem langhaarigen, ungarischen Kapellmeister 
aus Schöneberg und geschminkten, späten Mädchen. Ja, noch mehr: 
Dir „Sachverständigen-Kommission für den Berliner Orts 
schutz" hat den Plan schon geprüft und genehmigt! 
Die Nameit dieser Kommissionsmitglieoer sollten an allen 
Straßenecken veröffentlicht werden, damit die Welt erfährt, wie 
schlimm es in der Verwaltung der Stadt Berlin aussieht. 
So weit wußte cs kommen, daß der einzige Platz der Stadt, 
der noch von einer vornehmen, alten Kultur zeugt, wegen kleinlicher 
Sonderinteressen dem amusischen Geist eines barbarischen Zeitalters 
geopfert wird! 
Zwar soll das „Cafe" dem Charakter des Tors und des 
Pariser Platzes angepaßt werden! Wie nett und gütig ist das 
doch von den Leuten! Nicht einmal einen kleinen Lunapark mit 
Dampskaruffel und „Mister Meschugae" wollen sie also aufstellen! 
So ungefähr hört sich diese Entschuldigung an. 
Es liegt jetzt am Kaiser, der das letzte Wott in dieser be 
dauerlichen Angelegenheit zu sprechen hat. In dieser Angelegenheit, 
die den an sich schon stark ramponierten Namen der neuzeitlichen 
Berliner Kultur noch weiter in der ganzen Welt untergraben wird. 
In jeder anderen Hauptstadt würden die Männer, die ein 
solches Projekt genehmigen, mit Schimpf und Hohn aus dem Amt 
gejagt. Der gesunde Sinn der Bürger ließe auch etwas derartiges 
garnicht zu. 
Die Berliner hätten allen Grund, mit ihren spärlichen Kultur 
resten so sparsam wie möglich umzugehen. Man sehe sich die stille, 
verseinerte Kultur Wiens an, man ziehe die stilvolle und patriar 
chalisch gehütete Baukultur anderer deutscher Städte in Vergleich: 
Dresden. Stuttgart, Bremen, Nürnberg. Hamburg, Danzig, München, 
Karlsruhe und viele, viele andere noch. 
Und da kommt man zu dem bedauerlichen Schluß, daß Berlin 
ein Parvenuepolis schlimmster Sorte geworden ist. Daß der platteste 
Krämergeist eines kinoübersättigten Zeitalters waltet, und daß es 
auf diesem Wege abwärts unaufhaltsam weitergeht. 
Der Wunsch, noch weiter der verärgerten Seele Spannung zu 
entladen und die Pflicht, dem Berliner Leben die heiteren Seiten 
abzugewinnen, bedrängen einander. 
Ein gutes Mittel, aus der einen Gemütserrcgung in die andere 
zu gleiten, bildet immer die Statistik. 
Ich hatte einen Onkel, der den gewiß nicht beneidenswerten 
Beruf eines Schriftstellers und Redakteurs ausübte. Er war auf 
seinem Platze der Einzige, der alles machen mußte. Innerhalb 
einer halben Stunde wurde eine Elegie auf den Tod eines Bürger- 
vorstehers, ein Scherzgedicht auf die mangelhaften Bedürfnis 
anstalten der Stadt, eine Kritik über die „Iphigenie" und die 
leidenschaftlose Beschreibung eines Dachstuhlbrandes verlangt. 
Zwischen den einzelnen Gcmütsphasen, in die er sich hinein 
fühlen, hineinsteigen mußte, las er immer schnell eine Seite Statisttk. 
Nach seiner Anficht „lenkte" das wunderbar „ab" . . . Andere 
halten es mit einer Zigarette, mit einem Fluch, mit einer tele 
phonischen, geschickt inszenierten AuSeindersetzung mit der Ehefrau, — 
(die doch auch etwas von dem Aerger mitqenießen soll), — mit 
einem halben Liter Bier oder mit andern „Ablenkungen". 
Ich halte es mit der Statistik. 
Da habe ich durch Zufall Einblick erhalten in Material, das 
erst in einigen Monaten veröffentlicht wird, da die amtlichen Stellen 
noch nicht mit den „Erhebungen" fertig sind. Ganz abgesehen da 
von, daß sie das ja niemals werden, haben die einzelnen Groß 
städte unter einander Material ausgetauscht über den Riesen 
verkehr, der durch ihre Hauptstraßen flutet. Da sich diese Stattstik 
auf amtliche Quellen stützt, ist sie interessant und zuverlässig. 
Es handelt sich um die belebtesten Straßen der Welt. Um 
jene Brennpunkte im Weltverkehr, an denen das Leben wie ein 
ungeheurer Strom bt'andet und flutet. Der Reihe nach werden 
folgende Stätten und Plätze nebst der Personenzahl aufgezählt, 
die an einem Tage nach angestellten Stichproben dort passieren: 
London 
Neuyork 
Paris 
Chicago 
Madrid 
Berlin 
Petersburg 
Tokio 
Wien 
Bank von England 
Broadway 
Place de l'Opera 
Staate Street 
Puerto del Sol 
Friedrichstraße 
Ncwsky-Prospekt 
O-dori-Sttaße 
Gräben 
500 000 Personen 
500 000 
„ 
' 450 000 
„ 
400 000 
350 000 
300 000 
300 000 
300 000 
250 000 
hi 
in Neuyork 00000, in Paris 03000 und in Berlin nur 22000. 
Dabei ist jh bedenken, daß bei uns der größte Berkehr nicht über 
die Fricdrichstraße, sondern über den Potsdamer Platz flutet, an 
dem man täglich über 30000 Wagen, Gespanne, Bahnen und Autos 
festgestellt hat. Daß Paris einen größeren Verkehr haben soll, als 
Berlin, scheint auch nicht den Tatsachen zu entsprechen. 
Es ist schon lange erwiesen, daß die Pariser gern etwas flunkern, 
wenn es gilt, ihre eigene Größe und Bedeutung festzustellen. 
Der Berliner hat es nicht nötig. 
Er kann getrost erzählen, daß wir die meisten Kinos, die herr 
lichsten Nachtcafvs, die höchsten Mieten und Steuern, die schlechtesten 
Theater, die bummeligste Stadtbahn, die verfehltesten Verkehrs 
anlagen, die meisten Schieber und Dämchen und bald sogar ein 
Caf« im Brandenburger Tor haben. 
Und das ist alles leider nicht einmal gelogen! 
Heinr. Binder. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ferienkolonien. Vom hiesigen Verein für Ferien 
kolonien wird die erste Kolonie Anfang nächsten Monats in 
das Ferienheim nach Zinnowitz abgehen. Im Monat Juli 
folgt eine bezahlte Kolonie, für die Frau Wetzest, Kaiser 
astee 131 noch Anineldungen entgegennimmt, im August 
und Juli folgen dann weitere vom Verein bezahlten 
Kolonien. Vor erst 28 Jahren hat der Züricher Pfarrer 
Bion die erste Ferienkolonie ins Leben gerufen. Aber 
diese hat sehr bald Nachfolgerin gehabt, und heute 
entsendet in jedem Jahre jede größere Stadt ihre Ferien 
kolonien. Mittelstädte und kleinere Städte schließen sich an, 
und alljährlich können viel tausend Kinder im Soimner 
Erholung in der Ferienkolonie genießen. Feste, Bazare ilsw. 
werden zum Zweck veranstaltet, es gibt Vereine, welche 
lediglich die Sammlungen für die Ferienkolonien als Vereins- 
zweck verfolgen. Alles das ist gut und schön, stellt dem in 
Deutschland lebenden Gemcinsinn ein gutes Zeugnis aus. 
Immerhin sehen wir, daß die Einnahmen für die Ferien 
kolonien doch imnier den günstigen Zeitverhältnissen unter 
liegen. In verschiedenen Städten, ans denen alljährlich im 
Sommer Ferienkolonien entsendet zu werden pflegen, wird 
in diesem Jahre die Klage laut, daß die Geldspenden für 
diesen Zweck nicht so reichlich zugeflossen seien, wie in 
früheren Jahren, obioohl sich fast überall die Anzahl der 
,. sich., zu..»den -Ferienkolonien-hinzudrängenden Kinder ver- - 
mehrt habe. Die Ursache der Herabmindening der wohl 
tätigen Spenden liegt klar zu Tage. Die Teuerung der 
Lebensmittel und damit im Verein eingetretene Stockung 
des Geschäftslebens entwickeln notwendiger Weise den Spar 
sinn der Bevölkerung, wenn auch die größeren Spenden für 
die Ferienkolonien aus den Kreisen zu kommen pflegten, die 
nicht direkt unter dem Einfluß der Lebensvermittelteuerung 
zu leiden hatten. Diese Beobachtung fordert zu eingehendenl 
Nachdenken heraus, dessen Folge sein muß, daß es be 
denklich erscheinen wird, die Gesundheit vieler Tausender 
Kinder von der Privatwohltätigkeit abhängig zu machen. 
Jede Stadt hat ihre Kranken-, Siechen- und andere Wohl- 
tätigkeitsanstalten, die zwar von städischen Mitteln unter 
halten werden, denen aber nebenbei oft genug Gaben von 
Wohltätern zufließen. Man braucht also durchaus nicht 
ganz bei der Sache der Ferienkolonien auf die Wohltätig 
keit zu verzichten. Nur die Ferienkolonien der Privatwohl 
tätigkeit vollständig zu überlassen, ist, wie gesagt, nicht das 
richtige. Das Heranwachseil einer gesunden Generatton ist 
eine so eminent wichtige Sache, daß unsere Stadtvertretungen 
oder der Staat schon längst den Ferienkolonien eine finanzielle 
Basis gegeben haben könnten. 
o Prinz und Prinzessin August Wilhelm von 
Preußen veranstalten am Montag, 19. d. M., in der Um- 
gebun^der Römischen Bäder zu Charlottenhof (Park von 
Sanssouci) ein Gartenfest, dessen Ertrag dazu bestimnit ist, 
einigen Zöglingen der Kinderpflege- und Erziehungsanstalt 
„Zionshilfe" zu Berlin-Friedenau, Rubensstraße einen 
Aufenthalt in Ferienkolonien zu ermöglichen. Die Dauer 
des Festes ist von 2'/ 2 bis 8 Uhr Nachmittags festgesetzt. 
Während eines Promenadenkonzerts werden Erfrischungen 
geboten; gleichzeitig findet ein Verkauf von Blumen und 
Karten statt, an dem die hohen Herrschaften sich selbst be 
teiligen wollen. Unter anderen Vergnügungen ist ein 
Blumenkorso auf dem Teiche in Charlottenhof geplant. 
Eintrittskarten zum Preise von 3 M. sind bei Beginn des 
Festes am Eingang des Parks von Charlottenhof zu haben, 
femer im Vorverkauf sowohl durch das Hofmarschallamt in 
Villa Liegnitz wie auch in der „Zionshilfe", Friedenau, 
Rubensstraße, (Tel. Steglitz 740). Die Anfahrt ist nur vom 
Oekonomieweg des Parkes von Sanssouci aus zu nehmen; 
die Abfahrt erfolgt von der Viktoriastraße an den Gitter 
toren des Parkes Charlottenhof. Für Fußgänger ist der 
Zu- und Abgang wie vorstehend sowie mich durch die 
Lennv- und Viktoriasttaße. Gaben für das Fest werden 
auf dem Hofmarschallamt in Villa Liegnitz dankbar ent 
gegengenommen. 
o Die Spargelzeit hat begonnen. Der Spargel ist 
das erste Produkt aus der vegetarischen Welt, das die neu 
erwachte Natur liefert und die menschliche Zunge erstellt. 
Er ist nicht nur ein hoher Genuß für den Vegetarier, 
sondern auch für echte Fleischesser. Ja für manche ist die 
Spargelzeit eine wahre Hochsaison und nicht mit Unrecht, 
denn außer seinem Wohlgeschmack ist seine gesundheitliche 
Wirkung unbestritten, gerade am meisten für den Fleisch 
esser, weil Spargel das Blut in sehr starkem Maße reinigt 
und erleichtert, sodaß ihn manche mit ausgezeichnetem Erfolg 
zu einer Frühlingskur wählen, die neben der guten 
Wirkung das Angenehme des guten Geschmacks bietet. 
Nur darf dann nicht in reichlichem Maße braune Butter 
dazu genossen werden, weil diese sehr schwer verdaulich ist. 
o Einbruchsdiebstähle. Die gestrige Bitte an unsere 
Leser, uns über Diebstähle usw. Nachrichten zugehen zu 
lassen, da unsere Polizei die Herausgabe derartiger Nach 
richten verweigert mit der eigenartigen Begründung, 
Friedenau nicht in den Ruf eiiles „Verbrecherncstes" zu 
bringen, hat uns heute bereits zwei Mitteilungen einge 
tragen. Es handelt sich in beiden Fällen um Boden- 
einbrüche. In der vorigen Woche wurden in einem Hause 
der Lauterstraße vier Bodenverschläge aufgebrochen. Im 
Laufe von einem halben Jahre ist dort bereits zum dritten 
Male eingebrochen worden. Dicsesmal wurde nichts ge 
stohlen, aber alle Behältnisse wurden durchwühlt. — 
Während der Feiertage ist in einem Hause der Frcgcstraße in 
zwei Bodenkammern eingebrochen worden. 7 Schlösser 
wurden erbrochen; gestohlen wurden zahlreiche neue Sachen, 
1 Dainen-Gehpelz, ein neuer Jagdanzug, ein Sommer- 
paletot, ein Reisehandkoffer u. a. — Von den Einsendern 
wird uns die Verwunderung über das sonderbare Verhalten 
unserer Polizei ausgedrückt. Sie bemerken, daß doch nur 
durch die schleunigste Bekanntgabe der Einbrüche und der 
gestohlenen Sachen es möglich ist, eine Spur der Verbrecher 
zu finden. Werden die Diebstähle usw. verschwiegen, so 
ist cs den Spitzbuben leicht möglich, die „Sore" bei Alt- 
Händlern usw. zu „verschärfen". 
GericklUcbes 
P. Mit fremdem Kolbe pflügte der aus dem Tegeler Siraf- 
gesängnis gestern der 0. Strafkammer vorgeführte Handlungs 
gehilfe Erich Werner, der früher als Lehrling in dem Geschäft des 
Spediteurs Maserkopf zu Friedenau angestellt war, in Gemeinschaft 
mit dem ebenfalls wegen Betruges und Urkundenfälschung ange 
klagte», jedoch nicht erschienenen Handlungsgehilfen Poppel. Beide 
erhielten von ihrem Brotherrn eine Pauschalsumme zugewiesen mit 
dem Aufträge, die Löhne für die im Geschäft tätigen Packer und 
Aushilfsarüeiter davon zu bezahlen. Gelegenheit macht Diebe. 
Werner und aucb dem ausgebliebene» Poppel war in der Anklage 
zur Last gelegt, daß sie gelegentlich in mehreren Eiuzelsällen den 
Lohnbeträg für einen oder zwei Arbeiter mehr berechneten, die 
überhaupt garnicht beschäftigt gewesen waren. Diese fingierten 
Lohnbeträge wurden dann zu Unrecht bei der Rechnungslegung 
über die Verwendung der Pauschalsumme in Ansatz gebracht. Tel 
Geschäftsinhaber M. entdeckte eines Tages durch Zufall den 
Schwindel. Werner, der zur Zeit eine ihm anderweitig wegen 
ähnlicher Straftaten zuerkannte Freiheitsstrafe von 0 Monaten 
verbüßt, war vor der Strafkammer geständig. Der Staatsanwalt 
beantragte gegen ihn eine Zusatzstrafe von 3 Monaten Gefängnis. 
Der Gerichtshof erkannte demgemäß und zog die beiden zuerkannten 
Strafen zusanimen auf eine Gesamtstrafe von 10 Monaten 
Gefängnis. Gegen den ausgebliebenen Mitangeklagten Poppel 
erließ die Strafkammer einen Haftbefehl. 
Der Ticrnrcufn). 
Groteele bou F rö d ö r i c Bautet. 
Autorisierte Ucbcrtragung von M. Doeriug. 
Nachdruck verboten. 
(IR. „Ja, meine Herren," begann der Staats 
anwalt, indem er seinen Stuhl zurückschob und sich 
eine Zigarette anzündete, „da wir einmal beim Erzählen 
sind, so kann ich auch mit einem sehr merkwürdigen 
Erlebnis aufwarten. Und zwar will ich Ihnen das 
eindrucksvollste hier mitteilen, das inir in meiner langen 
Praxis je begegnet ist." Cr ballte seine Serviette zu 
sammen, legte sie neben das geleerte Rotweinglas auf 
den Tisch und fuhr fort: 
„Das Ereignis trug sich im zweiten Jahre meiner 
Amtstätigkeit zu, als ich noch in einem cntsegenen 
Loiredepartement arbeitete. Es war gräßlich dort. Lilles 
war widerwärtig; die ärmliche Gegend, die langweilige 
Ehausseepromenade, die ungebildeten Einwohner — 
ja, selbst die Verbrechen, die dort begangen wurden, 
waren widerwärtiger Art. Mit einem Wort, mein Be 
rns wurde ’ mir in der Umgebung schier verleidet. 
Aber es sollte noch schlimmer kommen. 
Im März jeneZ Jahres war es, als ich durch 
verschiedene anonyme Briefe ans das Verschwinden 
eines Menschen aufmerksam gemacht wurde, der nute! 
dem Namen Louis Martin seit Mitte Dezember be 
einem Doktor Dnval im Dienst und seit der Zeit nichi 
mehr gesehen worden war. Trotz der fehlenden Unter- 
schriften machten die Briefe ans mich den Eindruck 
berechtigter Denunziationen. Und ich entschloß mich 
die Angelegenheit persönlich zu untersuchen. 
Nach einer unangenehmen, stundenlangen Wagen 
fahrt im Regen, langte ich in dem Dorfe, wo Doktor 
Dnval wohnen sollte, an. Vergebens versuchte ich du 
Leute auszufragen. Eine ^Iri mit Angst gemischter 
Respekt schien ihnen die Zungen gebunden zu haben 
Ich konnte nichts über die Persönlichkeit des Doltorr 
erfahren, der etwa dreihundert Meter vom Dorf ent 
fernt ein einsames Haus bewohnte. 
Nachdem ich den Gendarmen Weisung gegeben 
suchte ich das bezeichnete Haus auf, das sich immttci 
eines von hoher Mauer umfriedeten Gartens erhob 
Erst -auf mehrmaliges energisches Läuten an der eiser 
nen Gartentür ward mir von einer alten Dienerir 
geöffnet. Ohne Umstände drang ich trotz ihres heftigel 
Protestes ein und stieß an der Haustür mit dem Doltch 
zusammen, den der Lärm aus seineul Arbeitszimme' 
gelockt haben inochte. 
Ich stellte mich ihin vor und gab den Zweck meinet 
Besuches an. Er ließ mich ruhig ausreden und lächelt« 
dabei überlegen, nötigte mich indessen höflich in seil 
Wohnzimmer. 
„Wie einfältig doch die Bauern sind," meinte e 
achselzuckeud. „Plan hat mich cchso denunziert. Dar 
hätte ich mir eigentlich denken können. So geht's 
wenn man ungestört arbeiten will!' Sie müssen wissen 
Herr Staatsanwalt, daß ich. hier als Privatgelehrte 
lebe. Ich habe Geld genug, um auf medizinische Pra.rst 
verzichten und meineli Experimenten leben zu können
        
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