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Periodical volume Nr. 11, 13.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

den Unterstützungswohnsttz. ©eit Jahren führen die Armen- 
verOaltungen, namentlich die der Großstädte, «inen heftigen 
Kampf gegen Personen, die auS Arbeitbscheu sich der 
UnterhaltungLpflicht ihren Angehörigen gegenüber entziehen, 
fodaß letztere auS öffentlichen Armenmitteln unterhalten 
werden müffen. Um diesen für die Kommunen mit großen 
aufgaben verbundenen sozialen Uebelständen, dem wirksam 
mit den bisherigen Gesetzmitteln nicht beizukommen war, 
nachhaltiger zu steuern,'ist in Preußen unterm 23. Juli 
1912 zu dem Aufführungfgesetz über den UnterstützungS- 
wohnsttz eine Novelle ergangen, und mit dem 1. Oktober 
vorigen Jahres in Kraft getreten, deren Wesentlichstes die 
Bestimmung ist, daß dar säumige Familienmitglied 
längstens bis zu 1 Jahre, jedenfalls aber so lange, alS 
die Unterstützungsbedürftigkeit der Seinen sortdauert, 
zwangsweise mit Arbeiten innerhalb oder außerhalb einer 
Anstalt von der in Anspruch genommenen Armenbehörde 
beschäftigt werden kann. In Breslau soll diese Beschäftigung 
vorläufig in einer ©onderabteilung des Arbeitshauses er 
folgen. Der BreSlaner ©tadtauSschuß, als gesetzlich zu 
ständige Beschlußbkhörde, wird sich in kurzem über sieben 
solcher Nährpflichtoerletzter (dem Stande nach 1 Korb 
macher, 1 Schneider, 1 Zimmermann, 1 Reisender und 
3 Arbeiter), die jedenfalls als reif für das Arbeitshaus 
gehalten werden, zu entscheiden haben, ob bei diesen die 
gesetzlichen BorauSsetzungen für die zwangsweise Be 
schäftigung durch die Armenverwaltung gegeben find. GS 
ist wohl anzunehmen, daß eS sich bei diesen Fällen um 
Personen handelt, deren Böswilligkeit und Hartnäckigkeit 
unbedingt diese schwerwiegende Maßnahmen fordern. Er 
mannen sich diese Personen nicht noch in letzter Stunde, 
dar Versäumte nachzuholen, indem sie die vernachlässigten 
Angehörigen in fürsorgende Obhut nehmen, so werden sie 
die Wirkungen dieses neuen Gesetzes durch eine längere 
Freiheitsentziehung — die zwar als Strafe nicht anzu 
sehen ist, da sie von einer BerwaltungS- und nicht Straf 
behörde ausgeht — zur Warnung für Gleichgesinnte zu 
fühlen haben. 
o Für die Errichtung einet Jnrgenfen-Grab- 
denkmalS gingen uns weiter zu von: K. Z. 1 M., 
4 Proz. auS dem Jahre 1912 von der Friedenauer Spar- 
und DarlehnSkaffe 7,60 M., zusammen 8,60 M. Bereits 
quittiert 265,70 M., mithin Gesamtbetrag der Sammlung 
274.30 M. Weitere Beträge werden an die Geschäfts 
stelle unseres Blattes, Rheinstraße 15. erbeten. 
o Ueber die Einrichtung von Laxämteru werden 
zurzeit zwischen den beteiligten Ministerien Verhandlungen 
geführt, um zuverlässigere Grundlagen als bisher für die 
hypothekarischen Beleihungen der Grundstücke zu schaffen. 
In diesen Tagen hat der Herr Landwirtschaftsminister 
Abgeordnete der verhhiedenen Jntereffentengruppen, der 
Hypothekeninstitute und Bodengesellschaften einerseits, und 
der Grundbesitzer anderseits emfpangen. In der Audienz, 
die der LandwirtschaftSmivister den Vertretern des „Bundes 
. der HauS- und Grundbesttzeroereine von Groß-Berlin" ge 
währte, erkundigte er sich außerordentlich eingehend nach 
den Ursachen der Notlage deS städtischen Grundbesitzers 
und zeigte sich bereits auf daS eingehendste unterrichtet über 
di« allgemeine Lage auf dem städtischen Bau- und Hypotheken 
markte. Nach allem, was wir auch sonst in Erfahrung ge 
bracht haben, dürften die städtischen Schätzungsämter unter 
staatlicher Aufsicht gestellt oder den Katasterämtern angegliedert 
werden. Dabei werden voraussichtlich auch Vertreter der 
städtischen Grundbesttzeroereinezur ehrenamtlichen Mitwirkung 
herangezogen werden. 
o Eingefrorene Wasserleitungen Beim Eintritt 
deS FrostwetterS erfolgt sehr leicht ein Einfrieren der 
HauSwafferleitungen, .besonders der Waffermeffer. Um 
diesem Uebelstande vorzubeugen, sind zunächst die Schächte, 
in welchen sich die Waffermeffer befinden, gehörig mit Stroh 
zu verpacken und die Fenster in den betreffenden Kellern gut 
geschloffen zu halten. Wo HofklosettS vorhanden sind, 
müssen die EntwäflerungShähnchen geöffnet und die Gruben 
ebenfalls mit Stroh oder dergleichen verpackt werden; 
auch sollte zum Schutze des AuSlaufrohreS am Klosettbecken 
letzteres mit einem dichtschließenden Holzdeckel zugedeckt 
werden. 
Blick in das Nebenzimmer geworfen hatte, um sich zu 
überzeugen, daß niemand darin war, ging er wieder an 
seinen Schreibtisch und beschäftigte sich mit seiner Korre 
spondenz, bis das junge Mädchen, das ihn vorhin unter- 
brochen hatte, wieder erschien. 
„Ich werde Ihnen das Telephon ungestört lassen. 
Fraulein Bilcon," sagte er höflich, während er aufstand 
und seine Papiere zusammenschob. „Ich werde unterdessen 
eine Besorgung machen, die Sir William mir aufae- 
tragen hat." a 
Als er das Zimmer verlassen hatte, nahm das junge 
Mädchen nicht sogleich den Hörer ab, sondern sie setzte sich 
auf den Schreibsessel und zog das Telephonbuch zu sich 
heran. ^ 
„Jansen hat er gesagt," sprach sie vor sich hin, „und 
die Nummer war 1002." Sie blätterte eine Zeitlang in 
dem Buch, dann schüttelte sie den Kopf. „Unter Jansen ist 
keiner zu finden, der die Nummer hat. Es muß also wohl 
ein Angestellter gewesen sein. Wie kriege ich's nur heraus? 
Halt! ich hab's!" Und sie nahm den Hörer ans Ohr. 
Bitte Amt 11 — Bitte, Fräulein, geben Sie mir die Aus- 
kunftsstellel — Ja, bitte — danke! Ach, Fräulein, 
wollen Sie so liebenswürdig sein und mir sagen, wer die 
Nummer 1002 hat? — Wie bitte? Abraham Levison. 
Agent, Croßway Street 451 Danke sehr. — Dachte ich 
mir's doch! Dieser Herr Abraham Levison wird sicherlich 
nicht von dem Chef beauftragt, seine Bankgeschäfte zu be- 
orgen. Ich weiß doch ganz genau, daß er mit einer alten, 
soliden Firma in der Throgmortonstreet arbeitet. Ich möchte 
wissen, warum Herr Hermann Trenkley mir diese Lüge 
aufgebunden hat. Vielleicht spekuliert er selbst oder weitet 
und vielleicht ist dieser Herr Levison nicht nur Agent, sondern 
Buchmacher. Auf jeden Fall, so viel steht fest, der Herr 
Sekretär hat das Telephon zu seinen eigenen Zwecken be 
nutzt und nicht im Auftrag Sir Williams. Und es war 
irgendeine unsaubere Sache, sonst hätte er mir nichts vor 
zulügen brauchen. Wenn ich ihn nicht für zu albern hielte 
um etwas Böses im Schilde zu führen, so würde ich dem 
Chef sofort von meiner Entdeckung Mitteilung machen" 
o Dat Vermietungsgeschäft in Friedenau steht 
sitzt in voller Blüte. Der Apcilumzu wird ein bedeutender 
sein; und auch der Zuzug von außerhalb düifke ganz er 
heblich werden. Die Nachtrag- unserm Wohnungs 
anzeiger hat in den letzten Togen einen Umfang angenommen, 
wie nie zuvor. Friedenau macht für sich selbst Rckiame 
und bedarf keiner besonderen Empfehlung in der Groß- 
verliner Presse. Dar vornehme Wohnen in unseren stillen 
Wohnstraßen spricht sich herum und wer sich nach de» 
TageS Last und Mühen im trauten Kreise seiner Lieben 
ganz der stillen Ruhe und Beschaulichkeit hingeben möchte, 
der findet hier bei unS die beste Gelegenheit, abseits deS 
lärmenden, hastenden Verkehrs »S zu tun. In lebhaften 
Gegenden ist auch Nachfrage nach Geschäfttzlokalen vorhanden, 
nur stoßen sich die befferen Berliner Geschäfte an die Vor 
gärten, die allerdings nach großstädtischen Begriffen für den 
kommerziellen Verkehr, besonders für Detailgeschäfte, alS 
Hindernisse betrachtet werden. Wo ihre Wegnahme ge 
nehmigt ist, wie z. B. in der lebhaften Kirchsteaße, sollte man 
nicht länger säumen, die gefaßten Beschlüffe auszuführen. 
ES würde das nicht zuletzt der Gemeinde selbst zum Vor 
teil gereichen. Die Inhaber befferer Geschäfte siech meist 
selbst gute Steuerzahler, also eine Spezies von Leuten, die 
wir hier noch brauchen können. Solange st« sich aber nicht 
betätigen können, ziehen sie selbstverständlich auch nicht her. 
Solche Aeußerungen hören wir täglich in unserer Geschäfts 
stelle und geben sie hiermit weiter 
o Ruhe herrscht bei den Vögeln in der j-tzigen 
Zeit, nur der Zaunkönig singt aller Kälte zum Trotz und 
in Tannenwäldern brüten sogar die Kreuzschnäbel. 
Dennoch sind noch viele bei unS geblieben, wie die metsten 
Raubvögel, Eulen, der große Würger, Raben, Elstern. 
Krähen, Spechte, Eisvogel, Haubenlerchen, Buch- und 
Bergfink, Amsel, Grünling, Zeisig. Hänfling, Goldammer. 
Stieglitz, Dompfaff, Meisen, Goldhähnchen und natürlich 
der sich überall herumtreibende Sperling. Viele von den 
bei unL überwinternden Vögeln sind, wenn auch derselben 
Art angehörig, doch nicht dieselben, sondern im Norden 
geboren und kommen im Winter zu unS, weil sie unser 
Klima vertragen. Sie sind also nicht wie jene Stand, 
sondern Zugvögel. 
o „Gehn wir mal int Kino!" Dieser echt 
moderne Ruf ist jetzt in tausend und abertausend Abarten 
zu hören. Ein „echter" Kinobesucher besucht die Licht- 
spiele, um etwatz „Schönes" zu sehen. Doch neben ihm 
gibtS zahlreiche andere Leute, die daS Kmo anderer Zwecke 
wegen aufsuchen. Da haben wir junge Leutchen, die sich 
im Kino ihr zweites oder drittes Rendez-oouS geben und 
die glücklich sind, wenn sie still nebeneinander sitzen können, 
womöglich Hand m Hand (und in tiefsten Finsternissen 
mal gelegentlich Mund auf Mund!) gelegt. O ihr Schüler- 
mützen und blonden, braunen und schwarzen Backfischzöpfe, 
die ihr in lichtvollen Augenblicken aus den Kmonifchen 
hervorlugt! Doch Scherz beiseite; auch noch andere Zwecke 
hat der Aufenthalt im Kino. Manche Mutter schickt ihren 
Nachwuchs, wenn sie Besorgungen zu machen hat, einfach 
inS Kino — allerdings eine Kinderbewahranstalt nicht 
immer einwandfreier Art. Bei dem einen dient daS Licht 
spieltheater dazu, ungesehen einen kleinen Imbiß auS dem 
Papier zu wickeln, Jber andere wieder wirft sich hier dem 
Gotte Morpheus in die Arme, bis ihm jemand «inen 
gelinden Stoß gibt mit der freundlichen Aufforderung: 
„Bitte, schnarchen Sie doch nicht so!" Mancher sucht und 
findet im Kino einen tatsächlichen Kunstgenuß, der vor 
handen ist, wenn die Vorführungen wirklich gediegene 
Auffaflung verraten. Die tollst« Burleske kann schön, dar 
ernsteste Drama lächerlich sein! Nicht auf daS WaS, 
sondern auf daS Wie kommt eS an. Nicht wenig liegt 
auch an einer guten musikalischen Begleitung. Und dann 
frische Luft, flimmerfreie Bilder, keine unnötigen Störungen, 
noch häßlich große Damenhüte zwischen Beschauer und 
Bild! Immer mehr entwickelt sich daS Lichtschauspiel zu 
einem ganz bemerkenswerten Kultur- und Bildungsförderer. 
o HauS» «ud Grundbesitzer-Verein. Die ordent- 
liche Hauptversammlung findet am Freitag, dem 17. 
Januar, AbendS 8 1 /^ Uhr tm oberen Saale des Restaurants 
„Hohenzollrrn", Handjerystr. 64 statt. Auf der TageS- 
Ske erledigte jetzt die Angelegenheiten, die sie ur 
sprünglich ans Telephon geführt hatten, als sie vorhin 
beim Eintreten gehört hatte, wie der Sekretär eine Nummer 
verlangte, von der sie wußte, daß es nicht die des Bank 
hauses war. Dann überlegte sie noch einmal, was sie be 
treffs der überraschenden Entdeckung tun sollte, und kam 
zu dem Schluß, die Sache einstweilen für sich zu behalten. 
Denn sie dachte sich wohl, daß der Herr des Hauses auf 
ihre Meinung nicht viel geben werde. Denn sie, Fräulein 
Nora Bilcon, war erst seit kurzem als Gesellschafterin der 
gnädigen Frau im Hause, während Herr Trenkley seinen 
Posten schon seit Jahren inne hatte. Seitdem Nora in 
ihrer Eigenschaft als Gesellschafterin und Vorleserin der 
leidenden Gatttn des Staatsanwalts das Haus betreten 
hatte, hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, wie ein 
Mann, deffen Beruf es schon seit vielen Jahren erforderte, 
menschliche Charaktere zu ergründen, Herrn Trenkley über- 
Haupt hatte engagieren können. Noch verwunderlicher 
aber war es ihr, daß Sir William, nachdem er dies geran 
hatte, ihn so lange hatte um sich dulden können. Ihrer 
verehrten Gebieterin hatte sie bereits gestanden, daß ihrer 
Ansicht nach in Herrn Trenkley Eigenschaften schlummerten, 
vor denen ihr graute. 
Gleich den übrigen Mitgliedern des Haushaltes wußte 
auch Nora nicht, welches die eigentlichen Gründe waren, 
die den Staatsanwalt bewogen hatten, Julius Penfold 
in sein Haus zu nehmen. Aber die Vermehrung des 
Familienzirkels durch den stattlichen jungen Arzt war nicht 
erfolgt, ohne daß Fräulein Nora sich überlegt hätte, was 
wohl die Ursache seines Engagements sein könne. Denn 
nicht nur besaß sie in reichem Maße den Erbfehler der 
-Töchter Evas. die Neugierde, sondern sie war auch der 
liebenswürdigen Dame, in deren Diensten sie stand, auf- 
richtig ergeben, und es schmerzte sie um deretwillen, zu 
hören, daß Sir William es für nötig hielt, einen Hausarzt 
in seiner Familie aufzunehmen. Nachdem sie die persön- 
l,che Bekanntschaft des jungen Arztes gemacht hatte, fühlte 
sie einigen Zweifel darüber, ob der angegebene Grund 
der richtige sei. Doktor Julius Penfold sah nicht aus wie 
ordnung stehen u. a.: Bericht der Rechnungsprüfer und 
Entlaftuiiq des Vorstände?. VorstandSwahlen. Wahl der 
Rechnungsprüfer. Jnrereffenftagen. D-°r Einladung ist 
diesmal ein eiiisstihrlickier Jahrcsbericht nebst Kaffenbericht 
für das G-schäfttzsabr 1912 beigefügt, auf den wir in einer 
ipäteren Nummer noch zurückkommen werden. 
o Der Männer-Tnrnverei« zu Friedenau hat 
im Januar noch folgende Versammlungen. Dienstag, 14 
Januar: 2. Männer- (Alters-) Abteiluna, JahreSver- 
sammlung, nach dem Turnen Abends 10 Uhr in der 
Kaiser-Eiche. Donnerstag. 16 Januar: 1 Männerab 
teilung, Jahresversammlung. Abends 9 Uhr im Hohen- 
zollern. Freitag, 17. Januar: Damenabteilung. Jahres 
versammlung. AbendS 9 Uhr im Hohenzollern. Eonn 
abend, 18. Janur: Dorturneiversammlung, AbendS 9 Uhr 
im Hohenzollern. In allen diesen Abteilungsversammlungen 
ist die Tagesordnung: Abteilungtzangelegenheiten, Neu 
wahlen und Vorbesprechung der Hauptversaminlung, die 
Mittwoch, den 22. Januar alS ordentliche Mitgliederver 
sammlung (H 21 der Satzungen) im Hohenzollern. AbendS 
9 Uhr stattfindet. Tagesordnung: Jahresberichte des Bor- 
stands, Berichte deS Zeug- und BücherwactS. — Bericht 
der Kaffenprüfer, Entlastung des Vorstandes. — Neuwahl 
des Vorstandes. — Wahl von 3 Kaflenprüfern und einem 
Stellvertreter. — Zahlungen aus der Gustav Retzdorff» 
Stiftung zur Förderung der Turnens. — Neuwahl der 
Fahnenbegleittmg. — Festsestung des Mitgliedsbeitragetz. 
— Deutsches Turnfest. — Verschiedenes. Die Mitglieder 
werden bei der Wichtigkeit der Versammlungen um pünkt 
liches und zahlreiches Erscheinen gebeten. 
o Verein der Gast. «ud Schankwirte von 
Friedenau und Umgegend. Die nächste VereinSoersammlung 
findet heute, Nachmittags 5 Uhr, beim Kollegen Schönherr, 
Südweftkorso 19, statt. Aus der Tagesordnung stehen 
u. a.: Anmeldung und Aufnahme neuer Mitglieder. Zur 
Aufnahme gelangen folgende Kollegen: Or:o Milke, Haupt 
straße 76; Leopold Dcaheim, Stierstr. 1. Besprechung 
über die seitens der Behörde eingezogene Steuer in der 
Sylvesternacht. Verbandkangelegenheiten. Kuffmrevision. 
Abrechnung von der Weihnachtsbescherung. Um pünktlich« 
sowie rcchr zahlreiche Belnl gung wird gebeten. 
o Verhaftung einer jugendlichen Einbrecher» 
bände. Nach einer wilden Jagd sind in der vorletzten 
Nacht in Groß'Lichterfelde vier jugendliche Einbrecher ver 
haftet worden. Der Eigentümer deS Hauses Chaussee- 
straße 60 in Lichterfelde hatte das auf dem gleiche» 
Grundstück vclegene Restaurant von Brachmülle besucht, 
und als er gegen Mitternacht die Hautztür ausschließen 
wollte, bemerkte er zwei verdächtige Gestalten, die sich in 
auffälliger Weise vor dem Hause herumtrieben. In dem 
Glauben, es handle sich um sogenannte „Schmierensteher", 
kehrte der Hausbesitzer schleunigst .wieder nach dem 
Restaurant zurück und bat die dort anwesenden Gäste, ihm 
beim Einsangen der Einbrecher behilflich zu sein. Sofort 
waren fünf Gäste bereit, die Verfolgung der Diebe aufzu- 
nehmen. Die beiden Schmierensteher — tatsächlich handelte 
eS ftch um solche f— wurden ohne weiteres überwältigt 
und der Polizei übergeben. Sodann wurde das ganze 
HauS umstellt und alle Eingänge besetzt. Man drang nun 
in daS Gebäude ein und auf dem Boden entdeckte man 
auch zwei fremde Gestalten, die durch die Dachluke hin 
durch aufs Dach entflohen. Die Flucht über die Nachbar- 
dächer sollte aber nicht lange währen, da nur einige Neben- 
Häuser vorhanden sind. Schließlich ergaben sich die beiden 
anderen Einbrecher in ihr Schicksal und ließen stch fest 
nehmen. Die Polizei ermittelte in den Verhafteten vier 
junge Berliner und zwar die Brüder William und Fritz 
Callwitz, den Hausdiener Hermann Fabian und den 
„Arbeiter" Paul Wüstenhagen. Gefesselt wurde die Ein 
brecherbande inS Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Man 
glaubt, in den vier Dieben die Urheber jener fortgesetzten 
Einbrüche ermittelt zu haben, die in letzter Zeit tu vielen 
westlichen Bororten verübt worden sind. 
o Reiche Bente machten Klingelfahrer, die am 
Sonnabend Abend in die Wohnung der Kaufmann-frau 
E. in der Pariser Straße drangen. Die Frau ging gegen 
7 Uhr aus. 10 Minuten später auch daS Mädchen zum 
jemand, den ein älterer Herr sich gerade zum Leibarzt er 
wählen würde, und außerdem erinnerte sich Nora nicht, 
daß Lady Graßman jemals eine Besorgnis über den Ge 
sundheitszustand ihres Gatten geäußert hätte. 
Und jo kam es, daß Fräulein Noras Köpfchen sich 
sehr viel mit dem neuen Familienglied beschäfügte, und trotz 
ihrer Zweifel freute sie sich über dessen Ankunft, erstens 
weil es angenehm war, einen hübschen, liebenswürdiaen 
und offenen jungen Mann als Hausgenossen zu haben, 
und zweitens, weil sie schon eine Uebereinstimmung zwischen 
ihm und sich entdeckt hatte. Als der Arzt und der Sekretär 
gestern abend im Speisezimmer einander vorgestellt worden 
waren, hatte Nora in Doktor Penfolds ehrlichen Augen 
deutlich gelesen, daß Trenkley ihm unsympathisch war. 
„Er hat ihm die Hand gegeben als ob er einen Frosch 
berühre, und hat ein Gesicht gemacht, als ob er wünsche, 
Handschuhe anzuhaben." dachte die scharfe kleine Be- 
obachterin. 
Als sie ihre Geschäfte am Telephon erledigt hatte, 
begab sich Nora Bilcon in das behaglich ausgestattete 
Zimmer, wo Lady Graßman ihre Tage meist unter Schmerzen 
verbrachte, die sie mit edler Geduld trug. Die güttge Dame, 
die infolge ihrer Leiden älter aussah, als sie in Wirklichkeit 
war, und deren Gesicht den Eindruck machte, als ob sie 
einen großen Kummer erlitten habe, der ihr einen un 
auslöschlichen Stempel aufgedrückt hatte, empfing ihre leb 
hafte Gesellschafterin mit freundlichem Lächeln. 
„Ich bin furchtbar lange geblieben, liebe gnädige 
Frau," sagte Nora und beugte sich herab, um die Kissen, 
auf denen ihre Gebieterin ruhte, bequemer zu ordnen. „Aber 
Herr Trenkley hatte das Telephon mit Beschlag belegt, 
und ich mußte lange warten bis er fertig war. Nun ist 
aber auch alles besorgt. Die Hühner sind sehr teuer, aber 
ich habe doch welche bestellt." 
„Da haben Sie sehr recht getan, liebes Kind." ver- 
setzte die Dame. „Mein Mann liebt die Hühner sehr, und 
wir dürfen daher auf einen kleinen Preisunterschied keine 
Rücksicht nehmen. Sie sind mir wirklich ekne große Hilfe, 
Kind." (Fortsetzung folgt.)
        
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