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Periodical volume Nr. 112, 15.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartiket nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Friedenau, der gesundeste Ort! Nach den Berichten 
über die Gesundheitsverhältnisse im Monat März steht von 
den Orten bis zu 18 000 Ginwohnern herunter Friedenau 
an erster Stelle. Auf 1000 Einwohner und aufs Jahr 
berechnet beträgt die Sterblichkeit in Friedenau 6,8. Hier 
nach! kommen Neukölln mit 7,6, Steglitz 8,2, Tcmpelhof 
9,8, Wilmersdorf 7,2, sonst in Preußen Altenessen 0,1, 
Caternberg 9,8, Cöpenick 9,1, Dudmeiler 8,6, Geestemünde 
9;6, Gummersbach 7,6,,Hilden 6,4, Höhscheid 7,9, Langen 
dreer 9,6, Langerfeld 9,8, Merheiin 8,9, Rendsburg 8,4, 
Saarlouis 8,2, Ronsdorf 9,8, Siegen 9,9, Sterkrade 9.9, 
Sulzbach 9,43, Wald 7,1, Wermelskirchen 7.7, Werne 9,4, 
Wilhelmsburg 7,3, Wilhelmshaven 8,3. In Bayern gab 
es keinen Ort mit einer Sterblichkeit unter 10, im König 
reich Sachsen war es nur Wurzen mit 9,8, in Baden- 
Rastatt 9,1, in allen übrigen Bundesstaaten nur Rüstringen 
mit 8,8. Besonders ungesunde Orte mit einer Sterblichkeit 
von mehr als 28 waren in Preußen nur Sorau mit 27,0, 
in Baiern Ingolstadt mit 23,7, Ansbach mit 26,6, Stran- 
bing 27,6, in Württemberg Tübingen 27,3, in Baden 
Lörrach 28,6. In den anderen Bundesstaaten kam eine so 
hohe Sterblichkeit nicht vor. 
o Wo bleiben die Blumen? Die Rasenstreifen in der 
Rheinstraße schauen in diesem Jahre öd und leer aus. Den 
so nett angelegten Blumenbeeten fehlen die Blumen. Es 
ist allerdings, geplant, die Rasenstreifen und auch den Bahn 
körper der Straßenbahn in der Rheinstraße nach Steglitzer 
Vorbild untzugestalten. Die Gemeindevertretung hat so be 
schlossen, nachdem die Straßenbahn-Gesellschaft sich mit den 
vom Gemeindevorstand gestellten Bedingungen einverstanden 
erklärt hat. Aber dennoch dürfte die Umgestaltung des 
Straßenbahnkörpers noch lange Zeit auf sich warten lassen. 
Es würde sich auch empfehlen, mit der Buddelei nicht vor 
dem Herbst zu beginnen. Bis zur Inangriffnahme der 
Arbeiten aber könnten doch Blunten in die Beete gesetzt werden. 
Anstatt die Blumen in der Genieindegärtnerei verblühen 
zu lasten, kann turnt sie doch in die Beete pflanzen und 
so — wenn auch nur noch für kurze Zeit — das Straßen- 
bild verschönen. Oder hat unsere Geineindegärtnerei keine 
Blumen tnehr? , 
o Zur Laudtagswahl. Morgen findet nun überall 
in Preußen die Wahlmännerwahl für die Wahl zutu Abge 
ordnetenhause statt. Die Bedeutung des Abgeordnetenhauses 
wird vielfach zu gering eingeschätzt und doch hat das Ab 
geordnetenhaus über viele wichtige Fragen, so über alle 
kulturellen Fragen, über das Schulwesen, über Steuerfragen 
und über Verkehrsfragen zu entscheiden. Daher ist es not 
wendig, daß alle Wähler auf dem Postett sind und ihr 
Wahlrecht pflichtgemäß ausüben. Bei dem bestehenden 
Wahlrecht kommt es mehr noch als bei dem Reichstags 
wahlrecht aus jede Stintme an, sind doch in den ein 
zelnen Abteilungen einzelner Urioahlbezirke nur wenige 
Wähler eingeschrieben. Da die Zahl der Urwahlbczirke in 
Friedenau gegen die letzte Wahl von 12 auf 23 vermehrt 
ist, sind diesmal insgesamt 138 Wahlniünner in Friedenau 
zu wählen. Die Wähler mögen darauf achten, daß sie 
nicht die Abgeordneten, sondern nur zwei Wahl 
männer zu wählen haben. Wie uns der Ausschuß der 
vereinigten Liberalen mit der Bitte um Veröffentlichung 
mitteilt, sind von ihm folgende liberale Wahlmäniter für 
Friedenau aufgestellt werden: 1. Bezirk: Justizrat Skovnik, 
Postassistent a. D. Sturm, Rentier Hasse, Rentier Grävenitz, 
Kaufmann Siegert, Kohlenhändler Davidsohn; 2. Bezirk: 
Rentier Bchn, Malermeister Matthies, Prof. Dr. Fitte, 
Töpfermeister Langer, Ingenieur Vehr, Bäckermeister Wermke; 
3. Bezirk: Architekt Haustein, Buchdrnckereibesitzer Schultz, 
Architekt Graßmann, Dozent Dr. Krug, Kaufmann Ebers, 
Klempnermeister Steinmetz; 4. Bezirk: Professor Dr. Harms, 
Landbauinspektor Willens, Chefredakteur Dr. Jsberner, 
Konditor Laurisch, Oberlehrer Gadow, Malermeister 
Schölzel; 3. Bezirk: Bürovorsteher a. D. Dreger, Kauf 
mann Meineber, Kaufmann Wolfs, Ingenieur Wolgien, 
Kaufmann Gantikow, Eisenbahnbetriebssekretär a. D. 
Krebs; 6. Bezirk: Rentier Flauger, Buchdrnckereibesitzer 
Gartmann, Kaufmann Müller, Kaufmann Mandel, Molkerei 
besitzer Pastow, Malermeister Müller; 7. Bezirk: Architekt 
Schönknecht,jGeometerPöhritzsch; Bankier Sekurius, Oberlehrer 
Dr. Dreyhaus, Bücherrevisor Hepcke, Ingenieur Ziegler; 
8. Bezirk: Architekt Minus, Bergassessor Pohl, Kaufmann 
sehend. Sie nickte ihm freundlich zu und gad ihm die 
Hand. 
„Was an mir liegt, brauchen Sie mit der Expedition 
nicht mitzugehen, Menne." 
Wahl wandte sich zu dem Professor zurück. 
„Wenn Sie mich wirklich behalten wollen, Herr Pro 
fessor, topp und eingeschlagen." 
„Bravo," riefAndreasReimannmit seinem dröhnendsten 
Baß und nahm seine Töchter unter den Arm. 
„Habt ihr euch amüsiert, Kinnings?" 
„Famos, alter Herr," rief Cornelie lustig. 
Lena aber drückte ihrem Vater einen langen, zärtlichen 
Kuß auf die bärtigen Wangen. 
„Nanu?" fragte er erstaunt. Aber er ließ sich's gern 
gefallen. 
18. Kapitel. 
Loewengard saß in dem Wartezimmer erster Klasse 
der Kölner Bahnhofs. Er hatte eine halbe Flasche 
Bordeaux und ein Kaviarbrötchen vor sich stehen, aber er 
rührte weder Wein noch Speise an. Auch die kleine Boa 
warf er nach wenigen Zügen beiseite, lehnte sich weit in 
den Stuhl zurück und drehte ärgerlich an den Spitzen 
seines Schnurrbarts. Da er ganz allein im Zimmer war, 
konnte er sich gehen lassen. 
Dann sah er auf die Uhr. Eine halbe Stunde noch, 
bis der Zug nach Brüssel fällig war. Frank, den er vor 
einer Stunde bestellt hatte, schien nicht kommen zu wollen. 
Verdammt, wie seit einigen Monaten, eigentlich von dem 
Tage ab, an dem er sich in Reichenhall seinen Korb geholt 
hatte, alles schief ging. Verluste an der Börse, Verluste 
am grünen Tisch. Die Vorteile, die er aus dem Weiter 
verkauf der geschützten Muster der Lerschschen Fabrik auf 
Hübner, Abteilungsvorsteher Bott, Gärtner Winter, Traiteur 
Radtkc; 9. Bezirk: Justizrat Conrad, Professor Freye, 
Kanzleisekrctär Gehrccke, Kaufmann Habermann, Fonds- 
makler Smigielski, Postsekretär Stamm: 10. Bezirk: Kauf 
mann Hoffmann, Wirklicher Geheimer Kriegsrat Uhlenbrock, 
praktischer Arzt Dr. Hollmann, Professor Weber, 
Oberlehrer Dr. Hoffmann, Amtsgerichtssekretär Keller; 
11. Bezirk: Architekt Drägcr, Chemiker v. Wrvchem, Rechts 
anwalt Küster, Architekt Afdring, Fouragehändler Englcr, 
Kaufmann Groß; 12. Bezirk: Architekt Kübler, Rentner 
Oettinger, Dr. phil. Vogt, Kaufinann Bieber, Geheimer 
Registrator Winkelmann, Nautischer Inspektor Gadow; 
13. Bezirk: Architekt Thias, Kaufmann Viering, Kaufmann 
Michaelis, Apothekenbesitzer Weißenberg, Rechtsanwalt 
Bering, Architekt Kranz; 14. Bezirk: Rentier Fleiß, Privat. 
Hecht, Versicherungsbeamter Jung, Ober-Postpraktikant Dr. 
Roscher, Bürovorsteher Gerhard, Registrator Woldeit; 
13. Bezirk: Rentner Buckow, Rentner Lent, Reg.-Rat Dr. 
Büchner, Oberingeniettr Agte, Revisor Heilmann, Rentier 
Jäger; 16. Bezirk: Zimmermeister Kreuschmer, Direktor 
Schoeber, Prof. Dr. Fuchs. Syndikits Dr. Tänzler, Ing. 
Schwarz, Ing. u. Fabrikbesitzer Praßer; 17. Bezirk: Redakt. 
Hirte, Bäckermeister Richay, Obersekretär Borck, Lehrer 
Volkmann, Korrektor Bannenberg, Werft-Verw.-Sekretär 
Lange; 18. Bezirk: Architekt Eger, Schriftsteller von Janus- 
zkiewicz, wissensch. Lehrer Leonhardt, Kaufmann Terjung, 
Lokomotivführer a. D. Herrmann, Ingenieur Wolf; 19. Be 
zirk: Kaufm. Roescler, Kaufm. Neumann, Rechn.-Rat Siegel, 
Handl.-Konstllent Reemtsen, Kaufm. Brandt, Bürovorst. Melz; 
20. Bezirk: Architekt Mittelstädt, Kattfmann Wassmantt, Kauf- 
matur Falkenthal, Geiteralsekretür Hubrich, Kaufmann Schlüter, 
Restaurateur Drewitz; 21. Bezirk: Eigentümer Noack, Lehrer 
Schulz, Oberlehrer Dr. Reeder, Prokurist Ballin, Lokomotiv 
führer a. D. Rabe, Lehrer Blümel; 22. Bezirk: Restaurateur 
Gundlach, Rentier Runge, Kaufmann Benda, Nautischer 
Inspektor Zeller, Gerichtsvollzieher Jsberner, Gemeinde- 
sekretär Neumann; 23. Bezirk: Fabrikant Lateur, Kaufmann 
Haupt, Kaufmann Schartiger, Ingenieur Stern, Rentier 
Marggraf, Privatier Knebel. — Jedesmal die ersten beiden 
Namen gelten für die 1. Abteilung, die nächstfolgenden beiden 
für die 2. Abteilung und die letzten beidett für die 3. Abteilung. 
In jeder Abteilung jedes Bezirks sind also nur zwei 
Wahlmänner zu wählen. 
o Das große Los der preußisch-süddeutschen Klassen- 
lvtterie tvurde in der heutigen Borntittagsziehung gezogen. 
Der Hauptgetvinn von 800 000 M. entfiel auf die Itummer 
227 708. — Int weiteren Verlauf der Ziehung entfielen 
180 000 Dt. auf Nr. 20 840, 6000 M. auf die Nummern 
63 971, 68 690, 98 317, 218 623. 
o Eröffnung der „Totenbahn". Die Staatsbahn- 
vcrwaltung macht folgendes bekannt: Am 3. Juni d. Js. 
wird die von der Fernstrecke Berlin—Nordhatisen und den 
Vorortstreckeit Berlin Stadtbahn—Potsdam ünd Berlin 
Wannseebahnhof—Potsdam abzweigende 4,24 Kilometer 
lange Hauptstrecke Wannsee—Stahnsdorf Friedhof für den 
Personen-, Gepäck-, Expreßgut-, Leichen- und Güterverkehr 
eröffnet. An der neuen Strecke liegt der nur für den Per- 
sonen-Gcpäck- und Expreßgutverkehr bestimmte Haltepunkt 
„Dreilinden" und der dem Personen-Gepäck-, Expreßgut-, 
Leichen- und Güterverkehr dienende Bahnhof 111. Klasse 
Stahnsdorf Friedhof. Die neue Strecke wird den Vorort 
strecken zugerechnet. Zu ihrer Bedienung werden eine An 
zahl Vorortzüge der Strecke Erkner—Berlin Stadtbahn— 
Wannsee nach Stahnsdorf Friedhof weitergeleitet. 
o Ein Bebauungsplan für das rechtsseitige Havel- 
gelände. Der Kreisausschuß des Kreises Osthavelland tritt 
mit einem großen Wettbewerb zttr Erlangung von Ideen 
für einen Bebauungsplau an die Oeffentlichkeit. Er erläßt 
ein Preisausschreiben um einen Bebauungsplan für das 
rechtsseitige Havelgelände gegenüber dem Grunewald und 
setzt an Preisen einen ersten von 12 009 M, einen zweiten 
von 9000 M. und einen dritten von 6000 M. aus. Außer- 
dent stellt er 6000 M. für Ankäufe zur Verfügung. An 
dem Wettbewerb mit Frist bis zum 1. November 1913 
können sich reichsdeutsche und andere im Deutschen Reich 
seßhafte Architekten und Ingenieure beteiligen. Dem Preis 
gericht gehören u. a. an Geheimer Baurat Theodor Goecke 
(Berlin), Prof. Bruno Möhring, Prof. Richard Petersen 
(Berlin) und Geh. Regierungsrat Dr. - Ing. Muthesius 
(Nicolassee). 
o Beförderung der Wahldrucksachen zum Drucksachen 
porto. Den Vereinen, die sich mit der Wahlagitation be- 
eigene Hand und in eigene Tasche zog, waren längst nicht 
so groß, als es anfangs den Anschein gehabt hatte, kaum 
das gewagte Spiel lohnend. 
Auch der dicke Frank schien kneifen zu wollen, nachdem 
er den im Frühjahr zu jeder Zahlung Bereiten ein bißchen 
stark in die Höhe geschraubt hatte. 
Vor zwei Stunden war Loewengard von Krefeld ge 
kommen, wo er im Interesse der Fabrik ein paar alte 
Geschäftsfreunde Bogislaws aufgesucht, ein wenig herum 
gehört hatte, was es Neues auf dem Textilmarkt gab, 
und wo man eventuell auf eigene Hand würde vorteil 
haft vorgehen tonnen. 
Er hatte die Stimmung ungemein flau gefunden. 
Die reichen Krefelder konnten den Druck allenfalls aus 
halten, der moinentan auf dem Markte lag. In Berlin 
tonnte man sich diesen Luxus nicht so ohne weiteres ge 
statten. 
Irgendeinen Menschen mit ganz neuen originellen 
Ideen für die Branche finden, damit wäre vielleicht noch 
ein Coup zu machen gewesen I Muster, die alles aus- 
stachen, was bisher für prima gegolten hatte, auf den 
Markt bringen! 
Wo aber einen Kerl finden mit einem Kopf, der der 
gleichen zu erfinden imstande war, der sozusagen eine 
völlig neue Mode, eine total neue Geschmacksrichtung auf 
brachte I 
Wer Erfindungsgabe hatte, mit Stift und Farben Be 
scheid wußte, der ging so sicher, wie zwei mal zwei vier 
war, unter die modernen Maler, unter die Sezessionistcn, 
die Impressionisten, oder wie sonst die Jsten alle heißen 
mochten. Loewengard hatte sich sein Leben lang mit 
diesem Kram nicht ernsthaft beschäftigt, und würde ihm 
heut auch schwerlich so viel Zeit und Gedanken gegönnt 
fassen, tvar von der Postbehörde vor einiger Zeit mit- 
geleiit ivorden, daß die Drucksachen zu Wohlzwecken 
bei handschriftlicher Anfügung der Nummer der Wahl 
listen nicht mehr zum Drucksachenporto befördert werden 
können. Jetzt ist von den Postämtern diese Bestimmung 
durch folgendes Schreiben aufgehoben worden: „Die in 
dein vorbezeichncten Schreiben angeführte Bestiinntung, wo 
nach die zu Wahlzwccken zur Versendung gelangenden 
Drucksachen, bei denen auf der Außenseite (Äufschriftscitc bei 
Karten) die Nummer der Wählerliste handschriftlich ange 
geben ist, gegen die Drucksacheutare nicht befördert werden 
dürfen, hat nach einer inzwischen eingegangenen Verfügung 
des Reichs-Postamts keine Gültigkeit mehr." 
o Ortsgruppe „Berlin - Steglitz und anliegende 
Vororte" des Zentralverbandes pensionierter Beamten 
und Lehrer sowie deren Hinterbliebenen. Die am 
6. Mai im Albrechtshof zu Steglitz anberaumte Monats- 
versammlung war zugleich eine allgemeine Pensionär- 
Versamnilung für Groß-Berlin. Diese war recht zahlreich 
besucht, auch von Nichtmitgliedern des Verbandes, sowie 
von den Vorständen verschiedener anderer Beamten- 
Vereinigungeit. Es sprachen der 1. Vorsitzende des Zentral 
vorstandes, Geh. Baurat von Schütz, der Verband-Syndikus 
Maximilian Görlich, der t. Vorsitzende der Ortsgruppe 
Steglitz, Polizeihauptniann und Bürgermeister a. D. 
von Carnap, der 1. Schriftführer, Bahnhofsvorstehet a. D. 
Tacge und der Gerichtsvollzieher a. D. Paech. Die Vor 
träge gaben der Versammlung ein klares Bild von dem 
gegenwärtigen Stand der Pensionärfrage in den Parlamenten 
und von den guten Hoffnungen, die sich daran knüpfen 
lassen. Reicher Beifall tvurde jedem einzelnen Redner 
zuteil. Erst nach dreistündiger Sitzung konnte die Ver 
sammlung geschlossen werden. Es mag nochmals darauf 
hingewiesen werdeit, daß es doch wohl Ehrenpflicht jedes 
Pensionärs ist, dem Verbände.beizutreten und sich durch 
Lesen der Vereinszeitung über seine Zukunft zu informieren. 
Je größer die Zahl der Mitglieder, desto größer der Einfluß 
auf die Abgeordneten und desto sicherer der Erfolg. Also, 
Alt- und Neupensionäre, die ihr noch nicht Mitglieder des 
Pensionärverbandcs seid, tretet demselben ungesäumt bei. 
Nächste Sitzung mit Dienstag, dem 3. Juni, Nachmittags 
8 llhr, im Albrechtshof zu Steglitz. 
o Der Wahlkampf in Teltow-Beeskow-Storkow- 
Wilmersdorf. Vom Wahlausschuß der vereinigten liberalen 
Parteien unseres Wahlkreises iverden wir gebeten, folgendes 
zu veröffentlichen: Die armselige Novelle zum preußischest 
Wahlgesetz, mit der Herr von Bethmann-Hollweg im Jahre 
1906 als Wahlrechtsreformer debütierte, ist denr Wahlkreise 
Teltow-Beeskow-Storkow-Wilmersdorf — und ehemals noch 
Charlottenburg — zu verdanken. Die Köpenicker Wahlnacht 
von 1903 erzwang die Absonderung Charlottenburgs von 
dem Riesenwahlkreis vor den Toren Berlins. Der größte 
Landtagswahlkreis Preußens ist aber auch das Reststück des 
alten Kreises geblieben, ebenso wie es einstweilen dessen 
Tradition dadurch fortführt, daß es — bis jetzt wenigstens 
noch — konservativer Besitz ist. Unbedingt ^sicherer Bestand 
teil des konservativen Mandatsreichtums ist Teltow-Beeskow- 
Storkow-Wilmersdorf indessen keineswegs. Die Konser 
vativen zählen ihn vermutlich selber zu den Posten, die 
ihnen verloren gehen werden. Der Landtagswahlkamps 
nähert sich seinem Ende. Die liberalen Kandidaten, der 
als Vorsitzender der nationalliberalen Wahlkreisorganisation 
wirkende Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Liepmann und der 
fortschrittliche Lizentiat Gottfried Traub, haben in fast allen 
größeren Orten des Wahlkreises Versammlungen abge 
halten; eine Anzahl hervorragender Parteifreunde, so der 
Führer der nationalliberalen Landtagsfraktion Geheimrat 
Friedberg, der Präsident des Bauernbundes Reichstags- 
abgcordneter Wachhorft de Wente, der Landtagsabgeordnete 
Maurer, der Generalsekretär der nationalliberalen Partei 
Breithaupt, hat beide Kandidaten hilfreich unterstützt, und 
der bekannte Kirchenrechtslehrer Geheimrat Professor 
Dr. D. Kahl.ist noch zu Gunsten Traubs mit seinem ver 
öffentlichten Schreiben eingetreten, in dem er ausführte, 
daß die religiöse Stellungnahme Traubs keinen kirchlich 
gesinnten Wähler abhalteit dürfe, ihm seine Stimme zu 
geben. Unter der Einivirkung dieser Versantmlungstätigkeit, 
die überall überraschend erfolgreich war, hat sich sogar — 
und das will mit Rücksicht auf das stimmungtötende Wahl 
recht viel heißen — eine lebhafte Wahlbegeisterung ent 
wickelt, die starke Wahlbeteiligung der liberalen Wählerschaft 
erwarten läßt. In svelchem Grade sich diese Erwartung 
haben, wenn ihm die Not nicht mehr und mehr an den 
Kragen gegangen wäre. 
Uebrigens schien es andern nicht viel besser zu gehen. 
Kurt von Loewengard zog feine Brieftasche aus dein ele 
ganten, braunen, englischen Reiserock und entnahm ihr einen 
Packen Schriftstücke, die er vor sich auf den Tisch aus 
breitete. Drei Briefe auf starkem, bläulichem Papier, mit 
dem Lerschschen Famiüenwappen geschmückt, sonderte er 
aus. Sie waren alle drei von der Hand des jungen 
Offiziers geschrieben. Alle drei aufgeregt und sorgenvoll. 
Edgar klagte, daß Loewengard noch immer auf Reisen 
sei, daß er niemand habe, der ihm raten und Helten 
könne. Er habe, feit er aus dem Manöver zurück fe«, 
unter der Hand schon überall angeklopft und anklopfen 
lassen: nirgends fei 'Aussicht, bis zum fünfzehnten No 
vember die fünftausend Mark aufzutreiben, für die er, 
statt der dreitausend, die er in Wahrheit bekommen, diesem 
Hund, dem Giebel, aufkommen, müsse. 
Für die kleinen Läpperschuldckc habe er überall Pro 
longation erwirkt. Es seien eben anständige Leute, mit 
denen er da zu tun gehabt. Er wolle, bevor Loewengard 
zurück sei, noch einmal versuchen, diesen Halsabschneider, 
den Giebel, zu vermögen, sich auf eine Abzahlung einzu 
lassen, so daß er sich am ersten fälligen Termin mit 
tausend Mark zufriedengäbe gegen die schriftliche Zusicherung, 
bis zum ersten Januar den Rest der Summe zu erhalten. 
Wo er diese tausend freilich herbekommen solle, sei eine 
zweite Frage. Das .Spiel, habe er-'.abgesckworen, und zu 
Frau von Lersch ginge er in keinem Fall wieder, obwohl 
sie es ihm direkt habe anbieten lassen. Er wolle sich vor 
ihr und Fräulein Retmann „nicht, .die Annen ausschäinen. 
(FortseZung folgt.)
        
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