Path:
Periodical volume Nr. 301, 23.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Fm-enmr LiKal-Amei-er. 
(Frledrnaner 
Anparieitsche Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Besondere 
Bezugspreis 
Sei Abholung aus der Geschäftsstelle, 
Kheinstr. 15,1,50 M. vierteljährlich; durch 
Voten inSHaus gebracht1,80M., durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
“Jtdtn Mittwoch: 
dttjblatt „Seifenblasen“. 
ferntprecher: Hmt ptal,borg 3139. Erscheint täglich aöSNdS. 
Zeitung.) 
Organ für den §riedenauer Ortsteil von Zchdneberg und 
Kesirksuerein Züdmeft. 
K 11 1 ft 0 * tt Hnjeigen 
Jecken Sonntag: 
Blätter für deutsche frauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: RbeinTtr. 15. 
werden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
Preis der öaespaltenen Zeile oder deren 
Raum 80 Pf. Die Reklamczeile kostet 
75 Pf. Belagnummer 10 Pf. 
fernsprech er: Hmt pfaljborg 3139. 
Nr. 111. 
Berlin-Friedenau, Mittwoch, den 14. Mai 1913. 
20. Iahrg. 
DepeTchen 
Letzte Nachrichten 
Der Knabenmörder verhaftet. 
Die Kriminalpolizei hat in der vergangenen Nacht den 
30 Jahre alten Diener Joseph Ritter aus der Hohenzollern- 
straße 20 verhaftet unter dem dringenden Verdacht, den 
Gemeindeschiiler Otto Klähn ermordet zu haben. Der Täter, 
der anfangs leugnete, hat angesichts des erdrückenden Beweis- 
inaterials bei seiner Vernehmung durch die Mordkommission 
unter Leitung des Regierungsrates Lindenau am späten 
Vormittag ein Geständnis abgelegt. Er habe den Jungen 
mit in die Wohnung seiner Herrschaft genommen. Der 
Junge habe dann von ihm Geld verlangt und gedroht, er 
werde Anzeige erstatten. In seiner Angst habe er dann den 
Jungen gewürgt. Als er dann merkte, der Junge sei tot, 
habe er dann, um die Leiche besser beiseite schaffen zu 
können, dieselbe zerstückelt, in Pakete gepackt und sich dieser ans 
die bekannte Weise entledigt. 
Treptow. In der Krebsstraße waren Arbeiter der 
Firma Siemens u. Halste damit beschäftigt, einen Straßen 
bahnmast aufzurichten. Dabei fiel die zentnerschwere Krone 
herab. Dem Arbeiter Markus schlug sie auf den Kopf. 
Er wurde lebensgefährlich verletzt. Dem Arbeiter Schultze 
wurden die Füße zerschmettert. Beide Arbeiter wurden 
nach der Unfallstation transportiert. 
Wien. Wie die Polnischen Nachrichten melden, ist 
aus Anlaß der Lösung der galizischen Statthalterfrage im 
Ministerium für Galizien eine Krise ausgebrochen. Der 
Minister für Galizien, von Dlugoß, hat seine Demission 
überreicht. 
Paris. In einem telegraphischen Bericht des Matin 
aus Saida in Algier über die Affäre des Bürgermeisters 
Trömel von Usedom wird bestätigt, daß Trömel beim 
zweiten Regiment der Fremdenlegion unter dem Namen 
Tunge Dienst genommen hat. Von seinen Offizieren und 
Kameraden befragt, verwahrte er sich gegen die ihm von 
deutschen Zeitungen zugeschriebene Absicht, die Legion zu 
verlassen. Trömel, der am 10. April in Saida eintraf, 
hat, wie er erklärt, niemals sein Bedauern über seine Flucht 
ausgesprochen; er behauptet, daß er seine Handlungsweise 
reiflich überlegt habe und sich in voller Kenntnis 
dessen, was er tat, bei der Legion habe anwerben lassen, 
die er auch unter keinen Umständen verlassen wolle. — 
Der „Matin" will mit diesem Bericht augenscheinlich der 
Auffassung entgegentreten, daß Trömel in einem Anfalle 
von Geistesverwirrung in die Fremdenleginn eingetreten sei. 
London. Ein großer Transportdampfer der Union 
Castle-Linie ist an der westafrikanischen Küste in der Nähe 
von Dada gestrandet. Der englische Kreuzer Forte hat 
Befehl erhalten, denr Dampfer zu Hilfe zu eilen. Einzel 
heiten über das Unglück sind noch nicht bekannt 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Orlginalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die amtlichen Ausweiskarten zur Landtagswahl 
sind nun allen hiesigen Wählern zugestellt worden. Dabei 
ivird mancher darüber erstaunt gewesen sein, daß er dies 
mal in einer anderen Abteilung wählt, als bei der letzten 
Wahl. Das hat seinen Grund darin, daß die Bezirke neu 
eingeteilt und von 12 auf 23 vermehrt wurden. Als 
Kuriosum werden uns da von einem Wähler zwei amtliche 
Ausweiskarten, die er jetzt erhalten hat, vorgelegt. Nach 
der einen ist er in dem Bezirk seiner früheren Wohnung 
Wähler erster Abteilung und im Bezirk seiner jetzigen 
Wohnung Wähler zweiter Abteilung. Er ist also doppelt 
wahlberechtigt. Es ist dies ein Fehler in der Wählerliste, 
in welcher der betr. Wähler zweimal, mit seiner früheren, sowie 
mit seiner jetzigen Wohnung aufgeführt ist. — Die Urwahlen 
finden bekanntlich am Freitag, dem 16. Mai statt. Jeder 
Wähler hat in seiner Abteilung nur zwei Wahlmänuer 
(nicht die von den Parteien aufgestellten Kandidaten) zu 
wählen. 
o Der neue Markt an der Nheinganstraste hat sich 
schnell eingebürgert und wird von den Hausfrauen im 
Westen Friedenaus gern besucht. Der letzte Sonnabendabend 
markt hatte einen besonders starken Besuch aufzuweisen; 
leider fehlten aber verschiedene Verkäufer, sodaß ein Mangel 
an Ware eintrat. Der Grund lag darin, daß der Vor 
mittagsmarkt an der Lauterstraße überaus großen Zu 
spruch hatte und bei vielen Großhändlern die Ware voll 
kommen geräumt war, sodaß sie den Abendmarkt nicht mehr 
beziehen konnten. Von unserer Marktverwaltung ist jedoch 
Vorsorge getroffen worden, daß solche Fälle künftig nicht 
mehr eintreten. So wird der morgen (Donnerstag) Vor 
mittag stattfindende Markt wieder von den Händlern reich 
beschickt sein und reichliche, vor allem aber gute Ware 
ausweisen. Wie der öffentliche Markt an der Lauterstraße 
wird auch der Rheingaumarkt von demselben Tierarzt 
ständig überwacht. Wir können unseren Hausfrauen daher 
nur den Besuch des Rheingaumarktes empfehlen. 
o Das neue Fernsprechverzeichnis. Von dem Ver 
zeichnis der Teilnehiner an dem Fernsprechnetze in Berlin 
und Umgegend hat die kaiserliche Oberpostdirektion eine 
neue Ausgabe hergestellt, die, vom 1. April datiert, am 
15. Mai verteilt werden wird. Infolge der Vermehrung 
der Anschlüsse ist das Buch wieder um 64 Seiten gewachsen; 
es zählt jetzt 1352. Am Kopf der Seiten des Verzeichnisses 
kehren bekanntlich im regelnüißigen Wechsel Hinweise auf 
die wichtigsten Regeln beim Fernsprecher wieder. Neu 
hinzugetreten ist ein vierter Hinweis: „Vor neuem Anruf 
mindestens 1/2 Minute warten." Von der aufmerksamen 
und verständnisvollen Befolgung dieser vier Hinweise hängt 
die ordnungsmäßige Abwicklung des Fernsprechbetriebes 
wesentlich ab. Ein Benachrichtigungszettel auf dem Deckel 
des Buches macht die Teilnehmer der Vermittlungsanstalt 
Lützow darauf aufmerksam, daß dort von: 18. Mai an der 
Dienstleitungsbetrieb zur Einführung kommt. Bei diesem 
Verfahren haben die Teilnehmer beim Verlangen einer Ver 
bindung nicht nur das andere Amt, sondern gleichzeitig 
auch die Nummer des verlangten Teilhabers anzugeben, 
z. B. „Moabit 2040". 
o Eine eindringliche Mahnung an alle Ausflügler 
richtet der Landrat des Kreises Teltow, nachdem sich auch 
in diesen! Jahre bereits wieder Wald- und Wiesenbrände 
ereignet haben, deren Entstehen auf Achtlosigkeit zurückzu 
führen ist. Es wird daher ersucht, bei der Arbeit und bei 
einem Aufenthalt in der Nähe von ausgetrockneten Gegen 
ständen, insbesondere auch in den Forsten, die größte 
Vorsicht walten zu lassen, vor allen Dingen das Rauchen 
sowie das Wegwerfen von Zigarren oder Zigarettenresten 
und Zündhölzern tunlichst zu vermeiden, um keinen Anlaß 
zu einer Bestrafung nach §§ 308 und 309 des Reichs- 
Strafgesetzbuches oder 8 44 des Feld- und Forstpolizei 
gesetzes zu geben. 
o Vogelschutz. Sobald die Zeit heran ist, daß Eier 
in den Vogelnestern liegen, erwacht in vielen Knaben der 
böse Trieb, • die Eier auszunehmen. In einigen Fällen 
kommen die Eier in irgend eine Sammlung; in den 
meisten Fällen werden sie fortgeworfen und zertreten. Ans 
jeden Fall wird durch diese Nesträuberei in weitem Maße 
eine Zunahme der Vogelwelt verhindert. Nicht umsonst 
mahnt aber der alte Vers: „Nimmst du dem Vogel Nest 
und Ei, ist's mit Gesang und Obst vorbei." Es erscheint 
daher bei der beginnenden Brutzeit angebracht, ans das 
Vogelschutz-Gesetz für das Deutsche Reich vom 30. Mai 
1908 erneut hinzuweisen. Wir bringen deshalb nachstehend 
einen kurzen Auszug aus dem genannten Gesetz zur 
Kenntnis unserer Leser: 8 1. Das Zerstören und das Aus 
heben von Nestern oder Brutstätten der Vögel, das Zer 
stören und Ausnehmen von Eiern, das Ausnehmen und 
Töten von Jungen ist verboten. 8 2. Verboten ist ferner: 
Das Fangen von Vögeln inittels Leimes oder Schlingen, 
Fangen und Erlegen von Vögeln mit Netzen oder Waffen, 
Fangen von Vögeln mit Anwendung von Körnern oder anderen 
Futterstoffen, denen betäubende oder giftige Bestandteile beige 
mischt sind, Fangen von Vögeln mittels Fallkäfigen, Fall 
kästen, Neusen, Schlag- und Zugnetzen usw. 8 3. In der 
Zeit vom 1. März bis 1. Oktober ist der An- und Verkauf, 
Feilbieten usw. von lebenden wie toten Vögeln auch zu 
Handelszwecken verboten. (In der übrigen Zeit bedarf es 
polizeilicher Erlaubnis, eines Jagdscheines oder dgl.) Dieses 
Verbot erstreckt sich für Meisen, Kleiber und Baumläufer 
auf das ganze Jahr. 8 6. Zuwiderhandlungen gegen die 
Bestimmung dieses Gesetzes oder gegen die von dem 
Bundesrat auf Grund derselben erlassenen Anordnungen 
träumende menschen. 
Roman von Dora Suitier. 
4 2 (R<4tn4 inliUm.) 
Cornelie war stehengeblieben und legte die kuyle yano- 
fläche gegen das heiße Gesicht. 
„Wie dumm, sich so zu ereifern." 
Dann plötzlich beschleunigte sie ihren Schritt und trieb 
auch Helene, die nicht recht wußte, was sie auf Nellies 
Ausbruch erwidern sollte, zu rascherem Gehen an. 
„Warum eilst du denn plötzlich so, zum Steinbruch 
zu kommen?" 
„Ack, nichts! Eine Kinderei. Ich hatte sie ganz ver 
gessen. Ich habe Wahl versprochen, mir die große Buche 
dicht am Steinbruch anzusehen und die Runen, die er als 
Jüngling hineingeschnitten hat; Zeichen seiner unvergäng 
lichen Liebe. Nun wartet der arme Mensch sicher schon 
mit qualvoller Ungeduld darauf, mir sein Heiligtum zu 
zeigen." 
„Darf man fragen, wen und was er da verewigt hat? 
Oder ist es Geheimnis?" 
„Ja, hast du denn keine Augen im Kopf, Menscheng- 
kind? Wenn ich von Menne Mahls — das ist seine 
Lokalbezeichnung — unvergänglicher Liebe rede, so kann 
doch niemand anders damit gemeint sein, als die dicke 
Lotte. Du hast doch gesehen, sie sind unzertrennlich. Der 
gute lange Mensch läßt ja kaum einen Blick von ihr. 
Ich bin überzeugt, er möchte den Papa — trotz aller 
Begeprerung und Bewunderung für ihn — am liebsten 
abmurksen dafür, daß er ihn drei Stunden von der dicken 
Lotte fernhält." 
Helene war mitten auf dem Wege stehengeblieben 
und starrte die Schwester ungläubig an. 
In ihrem zarten Gesicht kam und ging die Farbe in 
raschen Wellen. Sie stand ganz steif und füll, die Hände 
fest ineinander gekrumpft, um die Bewegung nicht zu ver- 
raten, die wie Sturmwind durch sie hinging. 
„Und diese Lotte?" 
Jedes einzelne Wort fiel schwer und langsam von 
ihren Lippen. 
„Wie man sieht, scheint sie mit Wohls Anbetung 
recht einverstanden und erwidert sie in ihrer etwas phleg 
matischen Art. Bis vor kurzem war er seiner Sache 
noch nicht recht sicher — er machte den definitiven Antritt 
seiner Stellung bei Papa im Grunde auch wohl nur davon 
abhängig — redete sich ein, daß sie einen andern gern 
habe. Vielleicht war auch was dran, wenigstens sagte mir 
Fräulein Berta heut, wie alle sich darüber freuten, daß 
diese beiden nun endlich zusammenkämen, und welch ein 
Glück es sei, daß Fräulein Heine über eine eingebildete 
Iugendtorheit höchst einseitiger Art fortgekommen sei. Aber 
nun komm auch, Lena, wir treffen sonst die Herren am 
Ende gar nicht mehr." 
Helene stand gegen den glatten Stamm einer jungen 
Buche gelehnt. Sie hatte den Hut vom Kopf genommen, 
so daß der laue Wind in ihren blondbraunen, lockigen 
Haaren spielte. Ihre Augen strahlten in träumerischem 
Glanz. Ein feines sanftes Rot lag auf ihren schmalen 
Wangen. 
„Die Frau mit den Hyazinthen," lächelte Cornelie, 
die schöne Schwester mit Bewunderung betrachtend. 
„Fehlen nur die Hyazinthen statt des Huts." 
Sie schritten nun schnell in der Richtung zu, in die 
Wahl sie gewiesen hatte. Cornelie sprach rasch und leb 
haft. Helene faßte keines ihrer Worte auf. Nur einmal, 
als der Name Kühne an ihr Ohr schlug, wurde sie auf 
merksam. Cornelie sagte: „Wenn du nicht willst, Lena, 
so werde ich der alten Dame meinen Besuch machen. 
Ich finde, wir sind ihr das schuldig. Ich bin überzeugt, 
die kleine alte Frau hat sich in all die Kosten und Un 
ruhen nur gestürzt, um sich bei dir für ihren Sohn zu revan 
chieren." 
„Ich werde selbst gehen," sagte Helene in freudiger Hast. 
Cornelie mußte schon wieder den Kopf schütteln. 
„Vorher lehntest du noch so entschieden ab." 
„Sprachen wir davon?" 
„In Heines Gurten, ganz gewiß." 
„Vorher, ja," ihre Stimme klang jung und froh — „da 
war ich müde und — aber jetzt ist das alles vorüber." 
Sie eilte elastischen Schrittes neben der Schwester her, 
noch immer mit glänzenden Augen und rosigem Gesicht. 
„Du siehst aus wie eine Sechzehnjährige, Lena. 
Wahrhaftig, so dumm es ist, ich muh dir einen Kuß 
geben!" 
In einer Viertelstunde waren sie am Steinbruch. 
Cornelie hatte ihre Ankunft mit einem lauten Juchzer 
angemeldet. 
Wahl kroch aus der Höhle herauf und kam den 
Damen eilig entgegen. - 
„Endlich, Fräulein Cornelie. Ich hatte schon Angst, mein 
Herz in der Buche möchte inzwischen zuwachsen. Uebrigens" 
— er sprach sehr leise und betrübt — „der Herr Professor 
ist verstimmt. Der Fund entspricht nicht seinen Er 
wartungen." 
„O weh," flüsterte Cornelie zurück. „Unsere armen 
Gastgeber!" . 
Der Professor saß unten im Grund auf einem Stein 
block und untersuchte mit Hammer und Mikroskop eine 
rotgraue Masse, die er auf den Knien hielt. 
Als er die hellen, wehenden Kleider seiner Töchter 
oben am Rand des Bruchs gewahrte, rief er, ohne auf 
zusehen, laut und grollend: 
„Kehrt nur ohne mich um. Und wartet auch nicht 
mit dem Essen auf mich. Ehe ich hinter die Geschichte 
nicht gekommen bin, bin ich doch nicht zu haben." 
„Darf Herr Wahl uns begleiten?" rief Nellie hin 
unter, ihre Hand wie ein Schallrohr um den Mund legend. 
„Meinetwegen." 
„Also los." 
Wahl führte die Damen zu der alten Buche, unter 
der eine kleine Bank angebracht war, und zeigte ihnen 
das Herz mit den alten eingeschnittenen Zeichen. 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.