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Periodical volume Nr. 110, 13.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(16. Mai) festgesetzt. Die Wahl findet in sämtlichen 
Wahlbezirken von Friedenau für die I. Abteilung von 
3—4 Uhr nachm., für die II. Abteilung von 4—5 Uhr 
nachm., für die HI. Abteilung von 5 x / 4 —8 Uhr abends 
statt. Die Urwahlbezirke sind von 12 aus 23 vermehrt 
worden. Durch die Verkleinerung -der Bezirke ist auch die 
Zusammensetzung der Abteilungen eine andere geworden. 
Viele Wähler, die bisher, und'auch noch bei der letzten Er 
satzwahl, in der 1. oder 2. Abteilung wählten, wählen nur 
noch in der 2. oder 3. Abteilung. Auch die Wahllokale 
haben sich geändert. Jeder Wähler achte daher besonders 
ans die Ausweiskarte, die ihm von der Gemeinde zugesandt 
wird. Auf dieser findet er. in welcher Abteilung, zu welcher 
Zeit und wo er zu wählen hat. Bei der Wahl ist be 
sonders zu beachten, daß die Wahl eine öffentliche und in 
direkte ist. Der Wähler hat daher nicht einen Wahlzettel 
abzugeben, sondern 2 Wa hlmänner (nicht die von den 
Parteien aufgestellten Hauptkandidaten) zu benennen. Die 
Hauptwahl findet am 3. Juni statt. Bei dieser wählen nur 
die Wahlmänner, und hier erst werden die beiden Abge- 
ordneten unseres Landtagswahlkreises gewählt. — Die 
Wahl der Abgeordneten findet in 8 Gruppen statt, diese 
wählen in Köpenick, Grünau, Beeskvw, Lichterfelde, Steglitz, 
Tempelhof, sowie in zwei Wahllokalen in Wilmersdorf. 
Die ursprüngliche Absicht, alle Wahlmänner nur in Köpenick 
wählen zu lassen, ist nun doch abgesetzt worden. 
o Gegen den Kinderlärm in den Straßen erläßt 
nun auch der hiesige Amtsvorstehcr eine Bekanntmachung. 
Es heißt darin u. a.: ,,Wenn auch der Jugend das Ver 
weilen und Spielen auf der Straße nicht verboten werden 
kann, so muß doch verlangt werden, daß sie auf die An 
wohner, welche nach häufig schwerer Arbeit in ihrer Be 
hausung Ruhe und Erholung suchen, weitgehende Rücksicht 
nehmen. . . Alles unnötige Schreien und laute Rufen, 
sowie das wilde Durcheinanderlaufen und riicksichtslose 
Ballwerfen — auch das Ueberklettern der Vorgartenzäune 
und das Zertreten bezw. Beschädigen der Anpflanzungen — 
muß im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung unter 
bleiben. Ich habe die Schutzmannschaft angewiesen, 
die Namen solcher rücksichtslosen Kinder und Jugendlichen 
festzustellen. Gegen sie werde ich mit aller Strenge vor 
gehen." (Vergl. den Anzeigenteil dieser Nummer.) 
o Mitwirkung der Polizeibehörden bei Verhaftungen 
auf Ersuchen der Justizbehörden. Zwischen den Be 
hörden der Justiz und der Polizei sind wiederholt 
Meinungsverschiedenheiten dariiber entstanden, ob und unter 
welchen. Voraussetzungen die Justtzbehörden befugt sind, die 
Mitwirkung der Polizeibehörden bei Verhaftungen und 
Vorführungen in Anspruch zu nehmen. Der preußische 
Minister des Innern hat daher Veranlassung genommen, 
den Runderlaß vom 24. April 1880 in Erinnerung zu 
bringen. Hiernach sind die Justizbehörden nicht befugt, in 
allen Fällen die Polizeibehörden um die Bewirkung von 
Verhaftungen und Vorführungen zit ersuchen, vielmehr be 
steht die Befugnis nur, soweit die Gerichtvollzicher und 
Gerichtsdiener nach ihrer dienstlichen Stellung und Quali 
fikation zu den in Rede stehenden Geschäften nicht geeignet 
sind. So wenig aber die Justizbehörden verpflichtet sind, 
in den Ersuchungsschreiben zum Ausdruck zu bringen, daß 
die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der Polizei 
behörde vorliegen, haben die ersuchten Polizeibehörden diese 
Frage im Einzelfall zu prüfen. Es ist vielmehr regelmäßig 
davon auszugehen, daß die ersuchende Behörde den maß 
gebenden Verwaltungsgrundsätzen entsprechend handelt. 
Hinsichtlich der Vorführungen ist besonders zu bemerken, 
daß die Justizbehörden in der Regel nicht befugt sind, die 
Polizeibeamtcn, welche eine Vorführung bewirkt haben, zur 
Bewachung des Vorgeführten in dem gerichtlichen Tennine 
heranzuziehen. Auch ivird sich in zahlreichen Fällen die 
Abfertigung der mit der Vorführung von Personen betrauten 
Polizeibeamten oder bei gleichzeitiger Vorführung mehrerer 
Personen die Abfertigung eines Teiles der beteiligten vor 
dem Beginn des gerichtlichen Termins ermöglichen lassen. 
Sämtliche Regierungspräsidenten und der Polizeipräsident 
von Berlin sind angewiesen, die Nachgeordneten Polizei 
organe uiit entsprechender Anweisung zu versehen. 
o Ehrung eines Friedenaucr Künstlers. Der Kron 
prinz hat Herrn Geschichtsmaler G. Adolf Cloß in 
Friedenau aus Anlaß von dessen Mitarbeit an dem vom 
Kronprinzen herausgegebenen Album „Deutschland in 
Waffen" sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift übersandt. 
In dem Buch rührt u. a. von Herrn Cloß das Bild „Garde 
du Corps" her, zu dem der Kronprinz selbst den begleiten 
den Text geschrieben hat. 
o Aus Anlaß der Jürgensenfeier ist der Witwe des 
verstorbenen Dichters noch folgendes Telegramm zuge 
gangen: „Leider verhindert, der heutigen Feier beizu 
wohnen, sendet der Witwe seines alten Kameraden in 
treuein Gedenken beste Grüße Gallwitz, General der Artillerie, 
Charlottenburg." — Die Postkarten mit dem Bilde des 
Reliefs vom Grabdenkmal Eduard Jürgeusens sind zum 
Preise von 10 Pfg. zu haben in der Wohlthat'schen Buch 
handlung, Rheinstr. 11, in der Papierhandlung von Wilh. 
Ebers, Rheinstr. 15, sowie in der Geschäftsstelle des 
„Friedenaucr Lokal-Anzeigers", Rheinstr. 15. — Die Ab 
rechnung über die Verwendung des für den Gedenkstein ge 
sammelten Betrages werden wir in nächster Zeit ver 
öffentlichen. 
o Von der Totenbahn. Der Fahrpreis nach den 
Kirchhöfen in Stahnsdorf beträgt für einfache Fahrkarten 
von den Bahnhöfen Charlottenburg, Savignyplatz und 
Zoologischer Garten in der 2. Klasse 45 Pfg., in der 
3. Klasse 30 Pfg., von Bahnhof Tiergarten 55 bezw. 
35 Pfg., von Bahnhof Westend 55 bezw. 35 Pfg. und 
von Bahnhof Jungfernheide 70 bezw. 40 Pfg. 
o Ausdehnung der Hunde- und Katzensperre auf 
die Stadtkreise Spandau, Potsdam und Eberswalde und 
die Landkreise Niederbarnim, Osthavelland, Teltow, Ober 
barnim und Angermünde. Durch viehseuchenpolizeiliche An 
ordnung des Potsdamer Regierungspräsidenten hat die 
Hunde- und Katzensperre eine größere Ausdehnung erfahren, 
nachdem ein tollwutverdächtiger Hund von Spandau nach 
Angermiiude gelaufen ist und zwei weitere tollwutkranke 
Hunde in diesen Städten mehrere Menschen und zahlreiche 
Hunde gebissen haben. Die Sperre ist außer den Stadt 
kreisen Spandau, Potsdam und Eberswalde für sämtliche 
Ortschaften des Kreises Niederbarnim angeordnet, während 
von den anderen Landkreisen nur Teile in den Sperrbezirk 
einbezogen sind. Die Sperre ersteckt sich u. a. auch auf folgende im 
Kreise Teltow gelegenen Vororte: Waunsee, Nikolassee, 
Zehlendorf mit Schlachtensee, Dahlem, Lichterfelde, Lankwitz, 
Südende, Steglitz, Schmargendorf, Grrinewald, Grunewald- 
Forst, Friedenau, Tcmpelhof, Britz, Marieudorf, Marien 
felde, Buckow, Grünau, Altglienicke, Rudow, Adlershof, 
Johannisthal, Köpenick, Berlin-Niederschöneweide und Berlin- 
Treptow. Die Sperre dauert bis zum 31. Juli d. Js 
o Das Biosontheater in der Rheinstr. 14, welches 
sich an den Pfingstfeiertagen eines starken Besuches erfreute, 
bringt von heute ab wieder eine neue interessante Bilderfolge 
zur Vorführung. Die Ehre des siebenten Regiments ist 
eines jener stets gern gesehenen Jndianerkampfdramas aus 
der Zeit, als die Rothäute in die für sie bestimmten Reser 
vate gedrängt wurden. Um eine Erbschaft heißt der zweite 
Schlager in 2 Teilen, fesselnd und realistisch dargestellt. 
Auch am Rande des Lebens ist ein spannendes Drama in 
2 Akten. Eine schöne Naturaufnahme ist der Film das Tal 
von Var in den französischen Alpen. Wochenschau von 
Goumont bietet viel Abwechslung. Sehr spaßhaft präsentiert 
sich Augustin als Boxerkönig, auch der Frühling konunt und 
Adolars pvstlagernde Liebe sind nicht von Pappe. Heute 
Anfang 4 Uhr, sonst an Wochentagen 6 Uhr. Freitag neues 
Programm. 
o Ihren Verletzungen erlegen ist im Krankenhause 
die 14jährige Elly S., die sich, wie wir berichteten, in 
Schöneberg aus dem Fenster stürzte. 
o Der vermißte Kellner Denke und seine beiden 
Söhne als Leichen gefunden. Wie wir berichteten, ver 
schwand der Genannte mit seinen Kindern spurlos am 
2. d. M. aus seiner in der Maaßenstraße 20 in Schöne 
berg belegenen Wohnung. Jetzt ist seine Leiche mit denen 
seiner Kinder am Waldesrand des rechten Dahmeufers bei 
Grünau zwischen den Restauomts Schmetterliugshorst und 
Waldesruh ans Ufer geschwemmt worden. Sie waren mit 
einer Leine zusanunengebunden und sind von den Verwandten 
bereits rekognosziert worden. D. hatte am 3. d. Mts. in 
Grünau ein Boot gemietet, das später leer auf den: Wasser 
treibend gefunden wurde. Nur die Kopfbedeckungen der 
drei Vermißten lagen darin. Die Toten sind nach der 
Halle des Köpenicker Friedhofes gebracht worden. Denke 
war trübsinnig geworden über den Verlust seiner vor 
einiger Zeit verstorbenen Ehefrau, mit der er und seine 
beiden 5 und 8 Jahre alten Söhne sehr glücklich zusammen 
gelebt hatten. Alle, die die sehr ordentliche und hoch 
achtbare Familie kannten, sind erschüttert und betrübt über 
das tragische Schicksal der bedauernswerten Familie. 
o Ein Knabcnlustmord ist in der Nacht zum 1. Feiertag 
im Westen Großberlinsverübt worden. Am Sonntag, Vor 
mittag 11 Uhr, wurde von einem in Schöneberg wohnenden 
Offizier in der Bedürfnisanstalt an der Ecke Kaiserallee- 
Maicrottostraße (am Joachimsthalschen Park) ein mit starkem 
Bindfaden geschnürtes, mit gelblich-grünem neuen Packpapier 
umhülltes Paket gefunden. Der Offizier machte den in der 
Nähe postierten Schutzmann darauf aufmerksam, der das 
Paket au dem oberen Ende öffnete. Er sah da zu seinem 
Schreck zwei blutbefleckte unbekleidete Füße. Der Beamte 
benachrichtigte sofort das Polizeirevier 0 in der Aschaffen- 
burgerstraße, das die Meldung an das Schöneberger und 
Berliner Polizeipräsidium weiter gab. Aus Schöueberg 
eilten daraufhin Kriminalkommissar Sanders, von Berlin 
Regierungsrat Lindcnau an Ort und Stelle, besichtigten die 
Fundstelle und ließen das Paket mit den Leichentcilen nach 
dem nächsten Revier schaffen. Zur Untersuchung wurden 
Medizinalrat Scholz vom Leicheuschauhaus, Mediziualrat 
Störmcr und mehrere andere Aerzte herbeigerufen. Die 
Untersuchung ergab, daß die in dem Paket befindlichen Beine 
etwa 20 Ztm. oberhalb der Kniegelenke mit einem scharfen 
Messer abgetrennt, die Knochen mit einem Beil durchge 
schlagen worden waren. Nach der Größe der Extremitäten, 
der schlanken Form und dem wvhlgepflegteu Aeußern nach 
zu urteilen, glaubte man anfangs, daß die Beine einer 
weiblichen Person von etwa 1,60 Meter Größe gehörten. 
Es erschienen sofort die roten Plakate des Polizeipräsidiums 
au den Anschlagsäulen, die 1000 M. Belohnung für Er 
mittelung der Persönlichkeit und für nähere Nachrichten 
über den Tatbestand ankündeten. Inzwischen war bei der 
Polizei eine Anzeige eingelaufen, daß der 12 1 / 2 Jahre alte 
Schulknabe Otto Klähn, der bei seiner Mutter in der 
Steinmetzstr. 46 wohnt, vermißt wurde. Am Nachmittag 
des 1. Feiertages bemerkte nun auf dem Potsdamer Bahnho 
derBahnhvfsportier Wesenberg, daß neben einerdcrgroßenSäu- 
len, die das Dach derVorhalle ttagen, ein großes, anscheinend 
schweres Paket lag. Neben dem Paket stand eine junge Dame, die 
anscheinend auf jemanden wartete. Zunächst fiel dies dem 
Portier nicht weiter auf. Als jedoch die Plakate, in denen 
die Mordtat mitgeteilt und besonders auf den Umschlag 
hingewiesen wurde, auch in der Bahnhofshalle angeschlagen 
wurde, erinnerte Wesenberg sich des Pakets in der Vorhalle. 
Er begab sich in den Vorraum des Bahnhofs und fand, au 
eine Säule gelehnt, einen mit Bändern umwickelten Karton 
vor. Das junge Mädchen war jedoch verschwunden. Nun 
rief Wesenberg zivei Bahnpolizeibeamte herbei, denen er den 
etwa 60 Pfund schweren Karton übergab. Die Polizei 
beamten öffneten das Fundstück vorsichtig und entdeckten 
eine menschliche Hand. Da man nun sicher war, die übrigen 
Leichenteile gefunden zu haben, benachrichtigte man die 
Mordkommission, die den Karton völlig öffnete. Man fand 
darin den Körper eines noch bekleideten 13jährigen Knaben, 
dem beide Beine fehlten. Der Hals, um den noch ein Strick 
hing, zeigte stark ausgeprägte Strangulationsmerkmale, die 
darauf hinwiesen, daß der Tod des Kindes durch Erdrosselung 
erfolgt sei. Eine nähere Untersuchung ergab, daß der Knabe 
zu unsittlichen Zwecken mißbraucht worden ist. In einer 
Tasche des Anzuges, mit dem die Leiche bekleidet war, fand 
man einen Zettel, der darauf hindeutete, daß es sich um den 
13 jährigen Schüler Otto Klähn aus dem HauseSteiumetzstr. 46 
handle. Die Kriminalpolizei betrieb nun mit fieberhaftem Eifer 
die Nachforschungen nach dem Täter. Zunächst handelte es sich 
um die Feststellunqen, wo sich der Knabe vor Ausführung 
des an ihm begangenen Verbrechens ausgehalten hat. Der 
Klähn besuchte die 156. Gemeindeschule in der Knlmstraße. 
In den letzten Tagen wollte er sich gern etwas Geld ver 
dienen, um einen Schulausflug mitmachen zu können. _ Am 
Freitag mittag fragte er bei dem Kolonialwarenhändlcr 
Scholz in der Lützowstr. 52 au, ob er dort als Austräger 
arbeiten könne. Sein Wunsch wurde auch erfüllt. Am 
Sonnabend begab sich K. wieder nach dem Kolonialmaren 
geschäft, um einige-Groschen verdienen zu können. Abends 
gegen 8 Uhr fragte er Herrn Sch., ob er etwas früher als 
die anderen Angestellten gehen dürfe, er wolle Besuch am 
Bahnhof abholen. Man ließ ihn auch um 8 Uhr gehen, 
und seitdem wurde er dann vermißt. Die Polizei nimmt 
an, daß der Junge von einem fremden Manne angesprochen 
worden ist. Jedenfalls hat ihm dieser einen Aufttag gegeben, 
ihm etwas Geld eingehändigt, und in dem Gedanken, für 
den am kommenden Freitag stattfindenden Schnlausflug ein 
paar Groschen mehr in der Tasche zu haben, ist der Knabe 
auf das Anerbieten des Fremden eingegangen. Die zweite 
Bekanntmachung des Berliner Polizeipräsidenten, die nach 
Aufklärung der Person des Ermordeten an den Anschlag 
säulen erschien, ersucht insbesondere um folgende Angaben: 
1. Wo ist in den letzten Tagen Packpapier oder ein Karton der 
beschriebenen Art gekauft oder abhanden gekommene 2. Wo 
sind am Pfingstsonntag oder in der Nacht zuvor Personen 
mit Paketen von derartigem Aussehen, insbesondere in der 
Gegend des Potsdamer Bahnhofs oder der Kaiserallee ge 
sehen worden? 3, Wo ist Otto Klähn in den letzten Tagen 
gesehen worden? 4. Wo ist ein Knabe, mrf dem die Be 
schreibung des Otto Klähn paßt, in verdächüger Begleitung 
gesehen worden? 
o Mord oder Doppel-Selbstmord? Ein noch nicht 
aufgeklärtes Berbrechen beschäftigt die Polizei unserer 
Nachbargemeindc Steglitz. Auf dein Waunsee ivurde am 
Pfingstsonntag ein unbemanntes Boot aufgefundei',, in dem 
ein Üeberzieher, ein Revolverfutteral und ein Brief lagen. 
In . dem Brief ivar die Bitte ausgesprochen, daß man die 
Leiche des Schreibers und die seiner Frau beerdigen möge 
und die Kosten der Beerdigung aus dem Verkauf der Sachen 
bestreiten solle. Als Wohnungsadresse war Steglitz, 
Bismarckstr. 2, angegeben. Der Brief war mit Rudolf 
Jenni unterschrieben. Die benachrichtigte Steglitzer Polizei 
entsandte einen Beamten nach der angegebenen Adresse, wo 
der Kuustbildhauer Rudolf Jenni und seine Frau wohnten. 
Nachdem den Beamten nicht geöffnet wurde, brach man 
auf wiederholtes Klopfen und Klingeln schließlich die Tür 
gewaltsam auf. Bei der Durchsuchung der Wohnung wurde 
im Badezimmer Frau Jenni in der Badewanne tot aufge 
funden. Auf einem Stuhl in der Nähe der Badewanne 
stand eine Tasse mit dem Rest einer Flüssigkeit, die von den 
Polizeibeamten beschlagnahintivurde. Die ärztliche Untersuchung 
ergab, daß Frau Jenni ihren' Tod durch Ertrinken in der 
Badewanne gefunden hat. Man weiß,noch nicht., ob. Fxau 
Jenni sich auch vergiftet hat. Die Leiche des Mannes ist 
noch nicht aufgefunden. Es ist auch nicht möglich gewesen 
festzustellen, ob es sich hier um einen vereinbarten Doppelselbst- 
uwrd haudcll, oder ob hier ein Verbrechen vorliegt und 
das im Boot zurückgelassene Rcvolverfuttcral nur zur Irre 
führung dient. 
o Ein schwerer Straßenbahnnnfall ereignete sich am 
Pfingstmontag abends gegen 7>/ 4 Uhr an der Rhein—Ecke 
Ringstraße gegenüber der Rönnebergstraße. Ein in mittleren 
Jahren stehender Mann versuchte einen in Fahrt befind 
lichen Straßenbahnwagen der Linie E zu besteigen; er glitt 
hierbei aus und geriet unter den Wagen. Blutüberströmt 
zog mau ihu hervor, und brachte ihn zu dem praktischen 
Arzt Dr. Planer, der dem Schwerverletzten die erste Hilfe 
zuteil werden ließ. 
o In Männerkleidern sich zu erschießen versucht 
hat die 10 Jahre alte Tochter eines achtbaren Ehepaares 
in einem Restaurant in der Pallasstraße zu Schöneberg. 
In einem Winkel des Lokals saßen zwei elegant gekleidete 
junge Herren, von denen einer ein mädchenhaftes Wesen 
zur Schau trug. Als ein älteres Ehepaar eintrat, wurde 
der jüngere der beiden Herrchen sehr erschreckt. Die alte 
Dame stürzte auf ihre Tochter — denn diese war tatsächlich 
der junge Elegant — los und beschwor sie, mit nach Hause 
zu kommen. Der ältere Herr wollte den Verführer seiner 
Tochter — die heimlich ausgerückt war — feststellen lassen 
und ging auf die Suche nach einem Schutzmann. Inzwischen 
hatte die abenteuerlustige Maid einen Revolver ans der 
Tasche gezogen und sich mit den Worten: „Mutter, laß 
mich sterben!" eine Kugel in die Brust gejagt. Die 
lebensmüde Ausreißerin in Männerkleidern wurde nach dem 
Elisabeth-Krankenhause in der Lützowstraße gebracht. Ihre 
Verletzung ist als ungefährlich erkannt worden, jede Lebens 
gefahr ist ausgeschlossen. Gegen den angeblichen Verführer 
soll Anklage wegen Entführung einer Minderjährigen er 
hoben werden. Er behauptet, das Mädchen garnicht ent 
führt zu haben. 
Vereins-Hackrichlen 
Morgen Mittwoch tagen: 
Theatcrvcrein „Xerxes" 1873. Sitzungen jeden Mittwoch 
9'/j Uhr im Vereinslokal Paul Sponholz, Steglitz, Körncrstr. 48c. 
Gäste als Mitglieder willkommen. 
Anskunfts- und Fürsorgestelle (Kaiserallee 06), 
für Tuberkulöse: AcrztlichcSprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12—1, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12—1 Uhr, 
für Alkoholkranke: Aerztl. Sprechstunde jede» Freitag von 12—1 Uhr. 
Schömberg 
— o Ordensverleihung. Dem in Schöncberg wohnhaften 
Rechnungsrat Karl Koßmann ist der Kronenordcn 3. Klasse 
verliehen worden. 
—v Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das Ebers 
straße 40, belegen«', aus den Namen des Rentiers Matthes 
Sepdel in Berlin-Steglitz, Sachsenwaldstr. 27 bei Schroeder
        
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