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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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Pfingsten, 
Das schönste Fest in den engen Raumen des Hauses 
ist gewiß das Christfest. Pfingsten dagegen ist das herrlichste 
der Feste im großen, weiten Tempel der Natur. Hier gibt's 
unzählige Weihnachtsbäuine im frnhlingsfrischen Bliiten- 
und Blätterschmuck. Start der Weihnachtslichter erstrahlt 
das erhabenste sticht der Welt, das gvldne Sonnenlicht, 
wovon jene nur ein schwacher Abglanz sind. Dumpf ist 
die Stube, Hellund klar die Friihlingslust. Die ganze Erde 
ist ein Weihnachtstisch mit wirklich lebendigem Zauber über 
schüttet, den man von den Bergeshöhen meilenweit über 
blicken kann. 
Me duftet uns der Wald in solcher Frische entgegen, 
wie zur Pfingstzeit im wonnigen Mai. Ungezählte 'Weih 
nachtsbäume, nicht ihres Lebens beraubt, spenden uns hier, 
neben der natürlichen Schönheit, ihre stärkenden, ozonreichen, 
balsamischen Düfte. Die blühenden Kastanien an der Seite 
der Straßen tragen in ihren leuchtenden Blütentranben 
natürliche Weihnachtskerzen mitten im reinen Grün der 
Natur. Buche, Eiche, Birke, Ahorn leuchten im saftigen, 
jungfräulichen Frühlingskleide. Bei Fichte, Tanne, Kiefer, 
Wacholder entwickeln sich mit dem kräftigen Maiwuchs die 
kleinen dunkelroten, leuchtenden Blüten, die gleich Perlen 
mitten in das Grün der Nadeln gesetzt sind. Der iveiche 
Moosteppich ist geschmückt mit den jetzt mit rötlichen 
Glöckchen behangenen Heidclbeersträucherii, die auf eine 
reiche Ernte schließen lassen. 
Und treten wir aus dem Waid, so leuchtet dem Auge 
ringsum, wohin es auch blicken mag, das wohltuende 
Frühlingsgrün entgegen, das so wunderkräftig auf das 
selbe wirkt. 
Kornfelder und Wiesen stehen in üppigstem Wuchs: sie 
strotzen von jugendlicher Gesundheit und wetteifern in Frische 
und Schönheit. 
Die Wiesen sind geschmückt mit dem weithin leuchtenden 
Löwenzahn, mit dem zarten Wiesenschaumkraut, mit Ehren 
preis, Gundermann, Luzernen, gelbem Senf und dergleichen. 
Mit der Freude über das saftige Grün der Felder verbindet 
sich unwillkürlich die frohe Hoffnung auf eine reiche Ernte. 
Wald, Feld, Wiese: alles erfüllt von Farbenpracht, Wachstum, 
Leben und Jubel. 
Die Natur feiert ihre Hochzeit und hat das hochzeitliche 
Kleid angelegt! 
Unsern Lesern empfehlen wir daher, Pfingsten nicht in 
der engen Stube, sondern möglichst im prangenden Reiche 
der buntstrahlenden Natur zu verbringen. Erst da draußen 
ivcrden wir so recht die Offenbarung des hohen Festes ver 
stehen lernen. Möchte nur „schön Wetter" werden — schon 
der schönen Kleider und neuen Hüte wegen. Nun hoffen 
wir das beste! 
Allen unseren Lesern rufen wir zu: 
Fröhliche Pfingsten! 
Oer Kokspreis — eine brennende 
frage. 
Lebhafte Klagen hört man jetzt allenthalben über die 
hohen Kokspreise, die teils wegen des ständig wachsenden 
Mehrbedarfs, teils wegen geringerer Produktion und nicht 
zum wenigsten durch Preistreibereien der Syndikate und 
Truste herbeigeführt und immer mehr in die Höhe getrieben 
werden. 
Das künstliche Hochtreiben der Preise ist zwar gegen 
die guten Sitten verstoßend und mit dem Wucher zu ver 
gleichen. Aber wer kümmert sich heute beim Damnum 
nehmen für Hypothekcnbeleihungen um den zuin Pappen 
stiel degradierten Wucherparagraphen des deutschen Straf 
gesetzbuches, in dem 8 302 besagt: „Wer beim Geldver- 
ieihen sich Borteile versprechen läßt, welche nach den llm- 
ständen des Falles in auffälligem Mißverhältnisse zur 
Leistung stehen, wird wegen Wucher bestraft." 
Die hohen Kokspreise belasten besonders diejenigen 
Hausbesitzer, welche Zentralheizung und Warmwasserver 
sorgung in ihren Häusern haben, um jährlich 1000 bis 
2000 M. mehr als früher. Einesteils ist ja durch die Zu 
nahme des Gebrauchs von elektischem Licht und Kraft die 
Produktion des Gases gehcmnit und andererseits ist der 
Mehrverbrauch von Koks durch die vielen neuen Häuser mit 
Zentralheizung und Warmwasserversorgung bedingt. Aus 
der Not anderer machen sich nun aber die Gasanstalten 
durch Verabredung einheitlich hochgeschraubter Preise be 
deutende Mehreinnahmen aus dem Verkauf des so not 
wendigen Wärmecrzeugers. 
Es ist volkswirtschaftlich durchaus unrichtig, den Ver 
trieb der wichtigsten zum Leben gehörigen Bedarfsartikel in 
die Hände einzehner weniger zu legen, welche durch ihr 
Kapital und durch den Umfang ihrer Unternehmungen sich 
die Vorherrschaft verschafft haben und den auf diese Weise 
gewonnenen Einfluß auf das öffentliche Leben nur zu ihrem 
eigenen Vorteile ausbeuten wollen. Gerade bei so wichtigen 
Konsumartikeln wird die Allgeineinheit unbedingt schwer ge 
troffen. Die Gefahren für das allgemeine Wohl sind leicht 
zu begreifen. 
Rechnet man hierzu noch die Bestrebungen der Boden- 
reformer, so ivird sich jeder sagen, wir werden immer mehr 
in den Sozialismus hineingetrieben. Keiner freut sich mehr 
als die Sozialdemokraten; mir wollen Staatsmonopolen 
durchaus nicht das Wort reden: ehe mir aber die Herrschaft 
iiber Wärme und Licht in Gestalt von Spiritus-, Kohlen-, 
Koks- und Petroleum-Syndikaten und den Verkauf ebenso 
luksitiger Genuß- und Nahrungsmittel, wie des Tabaks, des 
Kaffees und der Milch und den Verdienst hieraus einem 
mir für eigenes Interesse arbeitenden Konsortium überant- 
ivorten, ist cs besser, wenn der Staat sich des Vertriebes 
dieser Artikel bemächtigt: dann bleibt wenigstens der Nutzen 
der Allgemeinheit. 
Monopole sind in. jedem .Falle schädlich; dann aber 
Sonntag, den 11. Mai 1913. 
lieber Staatsmonopol, als Privatmonopol einiger weniger, 
welche den ganzen Verdienst einhamstern. 
Es muß daher einer solchen Bewegung von Anbeginn 
das Rückgrat zerbrochen werden und dazu gehört ein fest 
gefügter Zusammenschluß aller in Mitleidenschaft gezogener 
Vereine, Korporationen, Institute u. dergl. Ein solches 
festes Gefüge muß dann durch seinen Einfluß bewirken, daß 
es bei den Preisbestimmungen von Koks zur Mitwirkung 
herangezogen wird; es muß ferner sämtliche gesetzliche 
Faktoren, wie Regierung, Land- und Reichstag für die Zer 
trümmerung dieser Truste zu bekommen suchen; dann wird 
schließlich :zum Wohle aller etwas erreicht werden; denn 
nicht dem Hausbesitzer allein ivird das Brennmaterial ver 
teuert, sondern auch jedem anderen Bürger, und der ärmste 
Blaun muß beim Kochen seines Mittagessens seine Abgaben 
auch bei dem geringen Quantum Brennmaterial an die 
Kohlenbarone bezahlen. 
Die Gasanstalten geben jetzt schon vielfach nicht mehr 
Koks einzeln an die Konsumenten ab, sondern überlassen 
den Vertrieb an Großhändler, die natürlich wieder ihrerseits 
kräftig verdienen rvollen. 
Wir können keineswegs die städtischen und die für 
ihren eigenen Erwerb abeitenden Privatgasanstalten in 
Schutz nehmen, wenn sie den Hausbesitzern, welche die 
meisten Steuern in der Kommune aufbringen, die Existenz- 
möglichkeit dadurch erschweren/ daß sie den Koks nicht den 
Bürgern zur Verfügung stellen und nicht direkt liefern, 
anstatt erst durch die Vermittlung der Händler und diese 
den Gewinn einheimsen'lassen. Wenn sie wenigstens dem 
Bürger zu demselben Preise, wie dem Händler liefern würde, 
so hätte sie keinen Nachteil, der Bürger aber eine bedeutende 
Ersparnis. 
Gasanstalten im Orte zu haben, ist für keine Gemeinde 
angenehm. 
Wir hören, daß in Schöneberg beispielsweise die Bürger 
folgende Nachteile durch die Gasanstalt erleiden. 
1. Die Verschlechterung des Leuchtgases, dadurch geringere 
Leuchtkraft und zu hoher Gasverbrauch, über welchen 
namentlich allgemein geklagt wird; 
2. die Koksverteuerung; 
3. die jetzt nach Genehmigung des Niescngasometers 
durch diesen drohende Schädigung des betreffenden 
Stadtteils infolge der Beeinträchtigung des Lichtes, 
der Luft und der Belästigung durch Ranch und Ruß 
und die damit verbundene Entwertung der Grundstücke. 
Diese Nachteile überwiegen die Geldvorteile, welche die 
Stadt durch Steuern, Gewinnbeteiligung usw. von der Gas- 
anstalt erhält, bedeutend, wenn man berücksichtigt, daß die 
Bürger, welche durch ihre geringeren Einkünfte weniger 
Steuern an die Stadt aufzubringen imstande sein werden. 
Ueber den Unterschied zwischen Schmclzkoks und Gas 
koks läßt sich folgendes sagen: 
Es läßt sich nicht genau angeben, wieviel Prozent die 
Hcizkraft des Schmelzkokses höher ist. Es kommt hier. cin= 
mal darauf an, ob nach Hektoliter oder nach Zentner ge 
rechnet ivird. Dem Gewicht nach ergeben beide Koksarten 
theoretisch nahezu denselben Heizeffekt. Nun schlackt aber 
Schmclzkoks bedeutend weniger als Gaskoks und daraus er 
gibt sich hauptsächlich, daß man mit Schmelzkvks viel weiter 
kommt als mit Gaskoks, denn die Schlacken sind nnver- 
brennbare Stoffe, welche von vornherein in dem Koks ent 
halten sind, und die mit dem Kokspreis bezahlt werden 
müssen. Wenn z. B. Schmelzkoks 10 Proz. Asche hinter 
läßt, Gaskvks dagegen 25, Proz., so ist der Schmelzkvks dem 
Gaskoks gegenüber etwa 20 Proz. ergiebiger. Hierzu kommt 
dann noch "die Annehmlichkeit, welche der Heizer bei Schmelz 
koksbetrieb genießt und der Umstand, daß Schmelzkoks da 
durch, daß er wenig schlackt, auch das Rostmaterial sehr 
schont, wodurch ebenfalls Ersparnis im Betrieb erzielt 
werden. Alan kann deshalb sagen, daß der Schmelzkoks 
trotz seines höheren Preises im Betrieb viel mehr Annehm- 
kciten bietet als der Gaskoks, aber dabei nicht teurer wird, 
wenn alle Umstände in Rücksicht gezogen ivcrden. 
Im übrigen eignen sich alle Kessel mit Schüttfeuerung 
ohne weiteres auch für Schmelzkvks. Die Kessel werden 
dadurch nicht mehr angegriffen, auch ändert sich in der 
Bedienung allgemein nichts. Der einzige Unterschied ist 
nur das öftere Abschlacken, welches der Gaskoks verlangt. 
Gaskoks hat nun allerdings den Vorzug, daß er leichter 
brennt und dies kommt beim Fenermachen und in der 
Uebergangsperiode sehr zu statten. Deshalb würde man 
es nicht für falsch halten, auch etwas GaSkvks nebenbei zu 
halten, den man dem Schmelzkoks beimischen kann. Bei 
kleinen Feuerungsanlagen, wie z. A. bei Warmwasser 
bereitungen, die auch im Sommer zu arbeiten haben, würde 
man sogar empfehlen können, wenigstens im Sommer mit 
Gaskoks zu arbeiten. 
Unter Schmelzkoks versteht man im allgemeinen den 
westfälischen. Der schlesische ist nicht so gut, oft sogar nicht 
besser als Gaskoks und sein Preis verhältnismäßig hoch. 
Wenn man sich scheut, des hohen Preises wegen Schmelz 
koks zu verwenden, Gaskoks dagegen seiner größeren 
Schlackenbildung wegen keine guten Resultate ergibt, so 
wird man auch im Winter mit einem Gemisch von halb 
Gas- und halb Schmelzkoks im allgemeinen gut durch 
kommen. In Betracht ist ferner noch zu ziehen, daß 
Schmelzkoks um so günstiger dasteht, je höher die Gaskvks- 
preise werden, weil "die Differenz zwischen beiden Koksarten 
dann prozentual geringer wird. F. E. 
Die bunte Ttocbe 
Plauderei für den „Fricdenaner Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 9. Mai. 
L e n z n b e r r a sch UI l g e n. — Das veredelte Junggesellenhdm. — Die 
Leihbildnerei G. m. b. H, — Regiefehler bei der Hofoper. — 
Das hopsende Waldvögelein. — Von Macbeth zn Mackbeel. 
Ter Lenz dieses großen Jahres hat manche Ilcberraschung 
gebracht. 
Ten Völkern hätte er um Haaresbreite einen Krieg beschert, 
weil der verflixte üutus quo, oder wie der Kerl heißt, auf dem 
Balkan sich so übel benommen hatte, lind wie die Launen des 
Frühlings in niiglanblichcr Weiberart wechseln, so bangte Europa 
Tag für Tag uni das Geschick seiner großen Kinder, 
Aber die Sonne lacht wieder auf die niaienfrische Welt her 
nieder, blank und festlich, als habe sic der Regisseur der Weltbühne 
eigens putzen lassen zu des V'ölkerfrllhlings holdem Frieden. 
Wir aber wollen uns freuen, daß der Ltutns qvo wieder schläft 
oder daß er schon totgeschlagen ist; daß die gräßlichen 25 Pfennig 
stücke endlich wieder eingezogen werden; daß die Dampfheizung 
in den Berliner Miethäusern noch bis zum 15. Bkai in 
Tätigkeit zu sein hat: daß Nikita aus Skutari ausgezogen 
ist und statt dcS Waffenrvcks den wärmenden Schafpelz wieder an 
gezogen hat; daß die Berliner Stadtbahn bald elektrisch 
betrieben wird und daß nian hier an der Spree und im ganzen 
lieben deutschen Vaterland die „Leihbildnerei" einrichtet. 
Das ist die bedeutsamste Lenzüberraschuiig dieses großen Jahres. 
Die Leihbildnerci, — man verzeihe das vorerst unverständliche 
Wort, — ist die Morgeugnbe findigen Geschäftsgeistes an die 
d c n t s ch e n In n'g g es die n. 
Ich will garnicht einmal von den Berliner Junggesellen reden. 
Das ist eine Klasse für sich, die ans angeborener Verworfenheit heraus 
1. viel später heiratet, als andere gute Menschen, 
2. anspruchsvoller und daher bei Müttern mit erwachsenen 
Töchtern erheblich unbeliebt ist, und die 
3. na, man weiß ja . . . 
Also: Den deutschen Junggesellen blüht eine neue Wohnkultur. 
Man hat ja selber die Erfahrung, wie die übliche „Bude" aus 
gestattet war. Kein gutes Bild an der Wand. In neunzig von 
hundert Fällen ein neckischer Oeldruck, auf dem ein Trompeter 
sich malerisch an ein Pferd lehnt und anscheinend das Lied von 
der häßlichen Einrichtung bläst. Oder aber die Eltern der Logis- 
leute in herzzerreißender Kreidevergrößerung; — (Bild umsonst, 
Goldrahmcn 12 Mark» ... In der Mitte leuchtete aber ein 
riesiges, buntes Bild mit vielen Fahnen und schweren Geschützen. 
In einer Ecke des Rahmens entdeckte nian die Photographie eines 
Soldaten, dessen kriegerischer Blick durch einen glatten Pomaden- 
scheitel immerhin geniildcrt wurde. Darunter stand dann der schöne 
und gewiß tief enipfundenc Vers: „Wertreu gedient hat seine Zeit, 
dem sei ein volles Glas geweiht." 
In fünfzig von hundert Fällen vervollständigte ein ergreifendes 
Bild den Wandschmuck, daS eine weibliche Gestalt darstellte, und 
unter dem zu lesen mar, daß man die Königin Luise damit meinte. 
Dann kamen noch die üblichen Gipsbüsten, — Faust und 
Gretchcn, (bronziert), Schiller (mit abgestoßener Nase), — viele 
Hirsche, Rehe und anderes Getier aus einem Möbel, das unter dem 
'Jinmen „Vcrtitow" ein Mittelding ist zwischen Kommode, Wichs- 
kasten und Wäscheschrank. 
Das war die Jnnggesellcnbude! 
Wir besseren Wilden, deren Entwicklung schon immer von 
etwas Stilgefühl beschwert ivar, packten am Tage des Einzuges 
die „Nippes" immer zusamincu und stellten den süßen Kitscki vor 
die Zimmcrtür auf den Fußboden. Die beleidigte Ehre der Wirtin 
reparierte man durch die schöne Lüge, daß all die prachtvollen 
Sachen doch leicht zerbrechen könnten, wenn man nachts einmal 
des süßen Weines und fallen Bieres voll nach Hause käme. Und 
das wäre dann doch schade und so ... . Was in den meisten 
Fällen auch eingesehen wurde. 
Das ist jetzt anders geworden. 
Man abonniert in der „Leihbildnerci G. m. b. H. gegen 
einen Mvnatsbcitrag von 50 Pfg. bis 2 Mark und erhält dann 
„hochkUnstlcrischcn, individuellen Bildschmnck" für die Wände dcS 
„JunggefellenheimS." 
Das ist ein Gedanke, den man nicht genug loben kann. Vor 
allem die Möglichkeit, die Wände wechselnd und „individuell" 
schmücken zu können, wirkt bestechend .... 
In welche künstlerischen Tiinensioncii 
wird bald das Junggesellcnhcim entzückt, 
wenn erst die Zimmer, die wir still bewohnen, 
durch die moderne Bildncrci geschmückt! 
Wenn erst die Wände, die uns kalt umpfangcn, 
von allem Kitsch gereinigt, neu erstch'n; 
und wenn wir erst, in heißem Knnstvcrlangcn, 
der wcchselvollcn Bilder Schönheit seh'n; 
Mama kommt zu Besuch! Sofort bestellt man 
ein braves Bild vom alten Achenbach; 
vielleicht auch „Lohn der Arbeit" von H. Feldmann; — 
sie sicht cs an und wird vor Rührung schwach. 
Doch kommt der gute Onkel, der zur Miete, 
die nie bezahlt wird, stets die Gelder schickt. 
Taun ist cs Zeit, daß „Bismarck in der Schmiede", 
als Bild der Arbeit, breit die Wände schmückt; 
Doch kommt verschüchtert, heimlich still die Kleine 
znm ersten Male wie ein Lieh um'S Eck, 
dann grüßt in unsrer Lampe Dämmcrschcine 
bunt von der Wand ein flotter Reznicek. 
Und Goethes Kopf darf nie und nimmer fehlen, 
wenn zwei sich küssen so im jungen Mai 
Was soll ich denn noch vieles hier erzählen! 
Ich abonniere bei der Bildnerin! 
Vielleicht abonniert auch das Königliche Opernhaus in 
Berlin. 
Es kann sich dann für die nächste „Siegfried"-Vorstellung 
ein Bild des in den Wurm verwandelten Fafner anschaffen. Das 
Tier, das hier gezeigt wurde, hatte zwar die vorschriftsmäßigen 
schrecklichen Höcker und Hauer. Aber wie es, statt aus dem Boden 
fauchend zu kriechen, auf ein Mal fast frcischwebend in der Luft 
baumelte und wie eine wild gewordene Leberivnrst an zwei dricken 
hing, da wollte das Granen so recht nicht nnftommen mid eine 
wilde Heiterkeit stimmte mein verstocktes Herz fröhlich. Daß der 
erlegte Wurm dann während des ganzen Aktes auf der Szene 
liegen blieb, ist doch geradezu ein grober Regicfchlcr, der an der 
ersten Bühne Berlins nicht vorkommen dürfte. 
An dem gleichen Abend wurde noch eine zweite Unmöglichkeit 
>egangen. 
Der Waldvogel wurde in streng realistischer Darstellung in 
kt ff- ulminniin 
Ast gesetzt. 
Dort saß es regungslos wie der bekannte Greis auf dem Dache. 
Nur wenn Frl. Dur unsichtbar hinter der Szene die entzückenden 
Töne sang, die eigentlich von dem besagten Federvieh gesungen 
werden sollten, dann hopste der Vogel im Takt dazu und tat so, 
als ob 
So benehmen sich Kibitze, wenn sic ein gesprenkeltes Ei ge 
legt haben. . 
Derart stilwidriger und geschmackloser „Realismus mag meinct- 
wcgen in Ncutomischel höher schlagen lassen; in das Bühnenbild 
einer ersten Hofoper paßt ein automatisch hopsender pAd- und 
Waldpclikan, — es kann auch eine Lumme gewesen sein, — schwer 
lich hinein. ^ r 
Eine ähnliche Stilwidrigkeit erlebte ich im Theater an 
der König grätz erste aß e, wo augenblicklich Shakespeares welt- 
ergreifendes Drama „Macbeth" in einer sonst vollendeten Dar 
stellung geboten wird. - (Wegener als Macbeth ist ein tiefes, 
bisher'wohl noch nie geschautes, lang nachwirkendes Erlebnis). — 
Während der Vorstellung leistet sich säst jeder Mitspieler das 
Vergnügen, den Rainen des unglücklichsten aller Könige anders zu 
sprechen. Von der richtigen Aussprache bis zum Mcckbett, ja selbst 
bis zum Mackbeet durchläuft dieser Rame alle möglichen und un 
möglichen Rnancen. , 
Kleinigkeiten, Kleinigkeiten! —, wird man jagen. Genug. —
        
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