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Periodical volume Nr. 104, 05.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

zufalle. Er sei als Berichterstatter im Provinziallandtage 
selber mit der Frage des Brandenbnrgischen Pfandbriefamts 
näher befaßt worden und habe Gelegenheit gehabt, die 
Sache genau zu priifen. Das Institut sei 3 / 4 Jahre in 
Tätigkeit, habe 7 J / 2 Millionen Hyp othekendarlehen gegeben. 
Wenn nian berücksichtigt, daß es erst kurze Zeit bestehe, daß 
es überaus schwer sei, Pfandbriefdarlehen aufzunehmen gerade 
wegen des geringen Kursstandes der Pfandbriefe, daß 
weiter auch die Frage der Zuschußgewährnng hätte ange 
schnitten werden müssen, könne man mit dem Erfolge zu 
frieden sein. 
Bezüglich der zweiten Hypotheken lägen die Dinge 
anders. Er bedauere die Aeußerung des Regierungs- 
vertrcters, wonach das Vorgehen der Stadt Schöneberg nur 
als Versuch angesehen werden sollte. Er sei zu der Auf 
fassung gekommen, daß in der Tat dieses Vorgehen für 
größere Städte durch« usals empfehlenswert zu bezeichnen sei. 
Selbstverständlich würden alle größeren Gemeinden um so 
mehr die genügende Vorsicht bei der Vergebung des Geldes 
für zweite Hypotheken malten lassen, als sie müßten, daß 
sie für diese Hypotheken mitaufzukommen hätten. Auf dem 
Gebiete der Errichtung von Taxämtern könne die Staats 
regierung ani besten und wirksamsten durch gesetzliche Maß 
nahmen helfen. Später werde dann vielleicht die Frage zu 
erörtern. sein, ob eine sonstige Unterstützung der Hausbesitzer 
durch Kreditgewährung oder Anschluß an die Scehandlung 
oder die Zentral-Genossenschaftskasse erwogen werden könnte; 
diese Frage sei aber nur sekundär. 
Der Vertreter des Landwirtschaftsministcriums stimmte 
dem Vorredner darin bei, daß die Schaffung einwandfreier 
Schätzungen zur Feststellung des Grundstücksivertes große 
Bedeutung fiir die Förderung des städtischen Grundkredit 
wesens habe. Wie der Landwirtschaftsminister bei der Be 
ratung des Antrages Arend im Plenum hervorgehoben habe, 
sei ein Gesetzentwurf iiber die Regelung des Schätzungs- 
wesens in Bearbeitung. Die Staatsregierung hoffe, daß es 
möglich sein werde, vielleicht schon im Laufe der nächsten 
Tagung des Landtages den Gesetzentivurf einzubringen. 
Was die Frage der Organisierung des zweitstelligen 
Hypothekar-kredits angehe, so habe der Vorredner den Wunsch 
geäußert, man möge auch in anderen Gemeinden ein Vor 
gehen nach dem Schönebergcr Plan unterstützen. Die Königl. 
Staatsregierung habe bereits Beratungen eingeleitet, um 
endgültig zu dieser Frage grundsätzliche Stellung zu nehmen. 
Es dürfe nicht verkannt werden, daß bei der Entscheidung 
zahlreiche Bedenken und Schwierigkeiten zu prüfen seien, 
die sich nicht ohne weiteres in kurzer Zeit lösen ließen. 
Deshalb habe cs die Staatsregiernng für notwendig ge 
halten, das Schönebergcr Unternehmen als Versuch zu be 
handeln. Zu welchen Ergebnissen die schwebenden Be 
ratungen führen würden, könne er zur Zeit nicht sagen. 
Der Berichterstatter stellte in seinem Schlußwort fest, 
daß eigentlich wohl nur die Frage streitig geblieben wäre, 
ob man über den Wunsch nach Errichtung von Haus 
besitzerkammern zur Tagesordnung übergehen oder ihn der 
Königlichen Staatsregierung als Material überweisen solle. 
Er müsse gestehen, daß er die Sache lieber als Material 
überwiesen sehen möchte, weil die Frage immerhin er 
wägenswert sei. Gemeinsame Interessen einer bestimmten 
Verufsklasse, die sonst für die Einrichtung einer Kammer 
maßgebend seien, lägen wohl auch beim Hausbesitzerstande 
vor, insoweit er die Sicherung möglichst billiger Kredit 
beschaffung bezwecke. Ein gewisses Änologon sei also wohl 
vorhanden. Es würde sich daher nicht empfehlen, einem 
solchen Wunsch von vornherein sich entgegenzustellen. Er 
beantrage demgemäß, sämtliche in den Petitionen ange- 
regteu Punkte, mit Ausnahme des Punktes 4, in der 
Petition der Berliner Hans- und Grundbesitzerverciue, Er 
höhung der mündelsicheren Beleihuugsgrenze, worüber er 
bitte, zur Tagesordnung überzugehen, der Königs. Etaats- 
regierung als Material zu überweisen. 
Von einer iveiteren Diskussion wurde Abstand ge- 
noinmen. Dabei aber ausdrücklich festgestellt, daß dies trotz 
des großen Umfangs, der in der Petition enthaltenen 
Forderungen mit Rücksicht auf die ausführlichen Ver 
handlungen über den Realkredit im Plenum und die vom 
Negierungsvertreter als bevorstehend und bereits eingeleitet 
angekündigten Beratungen der Königl. Staatsregierung erfolge. 
Darauf beschloß die Kommission zu beantragen: 
Das Haus der-EAbgeordneten wolle beschließen: 
über den Punkte 4 der Petition II 1533 zur 
Tagesordnung überzugehen, im übrigen aber die 
Petitionen II 1533 und 1549 der Königlichen 
Staatsregieruung als Material zu überweisen. 
dessen Macht zu Ende ist, sobald Sie einem andern diese 
schöne blasse Hand reichen." 
Er beugte sich nieder und drückte, sie noch immer bei 
der Linken haltend, einen so brennenden Kuß auf ihre 
rechte Hand, die ihr flatternd vor Angst im Schoße lag, 
daß Helene wie in physischein Schmerz vor ihm zurückfuhr. 
„Es nur zu denken, daß ein anderer danach zu greifen 
wagte! Er wäre des Todes!" flüsterte er heiß, mit dem 
Versuch, die gänzlich Willenlose an sich zu ziehen. 
Kaum aber, daß sie die Berührung seiner Hand an 
ihrer Schulter fühlte, sprang sie auf und wich weit vor 
ihm zurück. Ihr Körper flog in bebender Angst. Sie 
war weiß geworden bis in die Lippen. Ihre Augen blickten 
scheu wie die eines aufgeschreckten Wildes. 
„Warum sprechen Sie so zu mir, Herr von Locwen- 
gard? Wir waren doch immer gute Freunde!" Ihre 
Stimme war kaum hörbar. Ihre Zähne schlugen auf 
einander. 
„Ich pfeife auf Freundschaft," sagte er mit einem 
leisen, zischenden Lachen. „Ein Mann, der liebt, will keine 
Freundschaft. Und ich liebe Sie, Helene!" 
Er hatte sich gleichfalls erhoben und kam wieder 
näher auf sie zu. 
Sie hob die Hände bittend und abwehrend zugleich zu 
ihm auf. 
Sein Gesicht verfinsterte sich mehr und mehr. 
„Sie konnten sich nicht entschließen, meine Frau zu 
werden?" 
Sie schwieg und sah zu Boden. Was sollte sie ihm 
sagen? Sollte sie-ihn als Feind, von sich gehen lassen, 
ihn, den Boaislaw ihr als Schützer und Berater zur 
totales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ueber die Feiertagsruhe in Bäckereien ist eine 
Regiernngspolizei - Verordnung im Dezember v. Js. er 
schienen, die der Amtsvorsteher im Anzeigenteil dieser Zeitung 
veröffentlich. 
o Der neue öffentliche Markt unserer Gemeinde 
an der Rheingaustraße gegenüber der Retzdorffpromenade 
ist heute eröffnet worden. Die Händler hatten sich bereits 
in großer Zahl eingcfunden, so daß die eingerichteten Stände 
voll besetzt waren. Aber auch der Besuch durch Käufer war 
trotz des ungünstigen Wetters ein sehr guter. Es ist daher 
von der Marktverwaltimg schon die Frage nach einer Er- 
weiterung dieses Marktes erwogen worden. Die Käufer 
wurden durchweg sehr befriedigt, denn es kam nur gttte Ware 
zum Verkauf, die sogar teilweise fast noch besser war, als 
die bisher auf dem alten Markt an der Lauterstraße ver 
kaufte. Der Rheingaumarkt wird auch ständig tierärztlich 
überwacht; dies ein Vorzug gegenüber den Privatmärkten. 
Wir sind überzeugt, daß unsere Hausfrauen im Westen sich 
sehr bald an diesen neuen Markt gewöhnen und ihn ständig 
besuchen werden. Besonders beliebt dürfte sich auch der 
dort jeden Sonnabend Abend stattfindende Abendmarkt 
machen. Der Tagesmarkt ist jeden Montag und Donners 
tag Vormittag bis 1 Uhr Mittags. 
o Verbilligung der Telegraunngebühren nach Steglitz. 
Mit der Eröffnung des Rohrpostbetriebes bslm Postamt 1 
in Steglitz, worüber wir schon berichten, ist mrch eine Er 
mäßigung der Telegrammgebühren erfolgt. Für Telegramme, 
die im Bereich des Berliner Rohrpostnetzes nach Steglitz 
aufgeliefert werden, beträgt also die Wortgebühr künftig nur 
noch drei Pfennig anstatt wie bisher 5 Pfennig. 
o Erweiterung der Hunde- oder .Katzensperre. 
Nachdem an einein in Spandau frei umhergelaufenen Hunde 
die Tollwut festgestellt ist, hat der Regierungspräsident zu 
Potsdam durch eine soeben in einer Soitderausgabe des 
Aintsblatts veröffentlichte viehseuchenpolizeiliche Anordnung 
Schutzmaßregeln, bestehend in Festlegung oder Maulkorb- 
und Leinenzwang für Hunde sowie Absonderung der Katzen, 
für die nachstehenden Gemeinden und Gutsbezirke an 
geordnet: Stadtkreis Spandau, Zehlendorf mit Schlachtensee, 
Dahlem, Schmargendorf, Friedenau, Grunewald, Grune- 
wald-Forst, Pichelsberg, Ruhleben, Pichelsdorf, Pichels- 
werder, Gatow, Cladow. 
o Das Regierungs-Jubiläum Sr. Majestät des 
Kaisers und Königs in würdiger, erhebender Weise zu 
begehen, ist die Absicht mehrerer königstreuer Vereine 
Schönebergs, dte sich am vergangenen Freitag in der Schloß 
brauerei zu einer Vorbesprechung versammelt hatten. II. a. 
waren Vertreter entsandt worden: vom Konservativen Bürger- 
verein, vom Parochialvercin und Parochialverein der Posi- 
von Nathanael, von der Schützengilde, vom Verbände 
mittlerer Reichs-Post- und Telcgraphenbeainten, vom Verein 
selbständiger Handwerker und Gewerbetreibender und vom 
Zweigvcrein vom Roten Kreuz. Die Verhandlung ergab 
bei den Erschienenen eine freudige Stimmung für eine solche 
Huldigung, die auch in dem Wunsche zum Ausdruck kam, 
daß noch andere Vereine von Schöneberg und Friedenau 
dieser Festfeier sich anschließen möchten. Die Feier, für die 
der 18. Juni in Aussicht genommen wurde, ist als eine 
gemeinsame, patriotische Huldigung aller beteiligten Vereine 
gedacht, ohne, daß dabei der eine, oder der andere 
Verein in den Vordergrund treten soll. Schönebergcr, oder 
Friedenauer Vereine, die an dieser nationalen Feier 
noch teilnehmen wollen, werden gebeten, dies dem Vor 
sitzenden des Konservativen Bürgervercins, Herrn Kaufmann 
Greeven zu Berlin-Schöneberg, Grunewald Str. 53, an 
zeigen zu wollen, der mit den Vorarbeiten zur Festfeier be 
traut wordeit ist. Die nächste Vertreterversantmlung ist am 
20. Mai d. Js. 
o Der Gaspreis wird ermäßigt. Die Berliner 
städtischen Gaswerke und die Englische Gasgesellschaft, die 
auch nach Friedenau das Gas liefert, sind übereingekommen, 
größeren Abnehmern von Gas zu Heiz-, Koch- und Be- 
leuchtungszmeckcn höheren Rabatt als bisher zu gewahren,- 
um den Absatz zu steigern und der zuitehinenden Konkurrenz 
der Elektrizität zu begegnen. Die Gaswerke wollen auf den 
Preis von 13 Pf. für 1 cbm. Gas bei Abnahme bis 
5000 cbm. 5 Prozent Rabatt, bei 5001—25 000 cbm. 
9 v. H., bei 25 001 — 60 000 cbm. 9 * l / 2 v. H., bis 75 000 
cbm. 10 v. H. und steigend für jede weiteren 25 000 ebnn 
Gas 1 v. H. Rabatt bewilligen, sodaß bei Abnahme von 
mehr als 300 000 cbm. ein Rabatt von 20 Prozent ge- 
Seite gestellt? Sollte sie, von allen verlassen, ganz allein 
ihren Weg gehen, auf dem sich die steilen Höhen und 
schroffen Abgründe täglich zu mehren schienen? 
Er sprach noch einmal. Beinahe drohend klang seine 
Stimme. In feinen Augen brannte ein dräuendes Licht. 
Es schien zu bedeuten: Hüte dich! 
i „Lassen Sie mir Zeit," bat sie scheu. 
„Bis morgen," gab er eisern zurück. 
„Bis morgen denn!" 
Loewengard fuhr in fein Hotel. Er warf Hut, Stock 
und Handschuhe beiseite, bestellte rasch einen starken, 
heißen Tee und riegelte sich, nachdem der Kellner serviert 
hatte, in fein Zimmer ein. Er ließ die Vorhänge herab, 
drehte das elektrische Licht auf dem Schreibtisch an, nahm 
den kleinen, englischen Kofferschlüssel aus der Westentasche 
und schloß den Koffer auf. 
Aus einem geheimen Fach, das oben in dem Deckel 
eingelassen und ganz mit Schriftstücken angefüllt war, 
nahm er das kleine schwarze Buch, das er damals aus 
dem Geheimfach seines Schreibtisches genommen, nachdem 
der dicke Kölner ihn verlassen hatte. 
Zwischen den Schriftstücken versteckt lag ein kleiner 
zierlicher Revolver, den er zu sich steckte. 
Er setzte sich an den Tisch, schlug nach, trug ein, 
notierte, mit eiserner Stirn, mit finster zusammen 
gezogenen Brauen. 
Es gab für Loewengard nach der heutigen Stunde kein 
Schwanken und Zögern, kein Tasten, keine Unentschlossen 
heiten mehr. Nur noch ein Entweder — Oder. Würde 
Helene seine Frau, so stand binnen Jahr und Tag alles, 
was er begonnen und geplant hatte, im Dienst der Fabrik, 
währt werden soll. Für Gas zur Flur und Treppen 
beleuchtung sollen ohne Rücksicht auf die Höhe des Konsums 
15 Prozent und für das zuin Motorenbetrieb, zu Heizzwecken 
und zur zentralen Warmwasserversorgung oder ähnlichen 
Zwecken verwendete Gas 20 Prozent vergütet werden. Die 
Mindereinnahmen, die durch die Einführung dieser neuen 
Rabattsätze für die städtischen Gaswerke entstehen, sind auf 
jährlich 600 000 M. geschätzt, können aber durch größeren 
Absatz wettgemacht werden. 
o Zur Landtagswahl. Im Nachgange zu unserem Bericht 
über die hiesige liberale Wählerversammlung vom 25. v. M. 
geben wir nachstehend die Rede des nationalliberalen Kan 
didaten Herrn Amtsgerichtsrat Dr. Liepmann ausführlicher 
wieder. Der Redner führte aus: 
Die Landtagswahl ist diesmal van besunderer Bedeutung, da 
es gilt, nicht nur die Wahlrechtsreform, sondern eine Fiuanzreforni 
für Preußen und das Reich zu verabschieden, welche beide im engen 
Zusammenhange stehen. Die Reform der Einkommensteuerwird beraten 
werden müssen, da die dem jetzt auseinaudergehenden Landtage ge 
machte Vorlage nicht zur Verabschiedung gelangt ist. Es handelt 
sich hiermit insbesondere um die Frage der Erhaltung der Zuschläge 
zur Einkommensteuer, die seinerzeit nur unter Bemessung auf einige 
Jahre bewilligt worden sind, um die Mehrkosten der Beamteube- 
soldungsreform zu decken. Der Finauzmiuister will diese Zuschläge 
aufrecht erhalten, während die liberalen Parteien dem widersprachen 
unter Hinweis auf den bald auf 4M Millionen angelaufenen Aus 
gleichsfonds und auf die Notwendigkeit der Quolisierung der Steuer 
durch einen beweglichen Faktor. Die für das Reich durch die Vor 
lage für die Vernichrung der Rüstungen notwendig gewordene 
Finanzreform wird, abgesehoi» von der natürlichen und indirekten 
Rückwirkung auf die preußischen Finanzen, diese deswegen in er 
heblichen Maße beeinflußen, 'weil die Regierung beabsichtigt, die für 
die laufenden Ausgaben erforderliche Steuerdeckuuq durch die bundes 
staatliche Gesetzgebung im Wege der „veredelten" Matrikularbeiträge 
aufbringen zu lassen. Im übrigen würde die beabsichtigte Ver 
mehrung der Präsenzstärke unserer Armee um ca. 140 0M Mann 
sich auf deni Arbcitsmarkt recht fühlbar inachen, insbesondere auf 
die Leutenot in den landwirtschaftlichen Großbetrieben. Hier könne 
nur eine planmäßige und erhebliche Verstärkung der inneren Koloni 
sation und die Zerlegung von Domänen in mittleren und kleineren 
Baucrnbcsitz helfen sowie die Einschränkung der Fidcikommißbildung. 
Ein solches Vorgehen würde auch von natioualliberaler Bedeutung 
für die Forderung unserer Ostmarkeirpolitik sein. Die erforderlichen 
Mittel für den einmaligen Wehrbeitrag und für die dauernde Aus- 
gabe der Hecresvcrstärkung müssen bewilligt werden, jedoch nur 
nach sorgfältiger Ausscheidung aller derjenigen Ausgaben, die nicht 
durchaus notwendig sind. Der einmalige Wchrbcitrag dürfe nur 
den starken Schultern auferlegt und hinter Progression nach Maß 
gabe der Tragfähigkeit. Bei der Abschätzung der Vermögen dürfte 
eine Bevorzugung, wie sie dem landwirtschaftlichen Grundbesitz 
zugedacht sei, nicht geduldet werden. Ob Hoch oder Niedrig, jeder, 
der dazu im Stande sei, müsse sich an dem Opfer für des Vater 
landes Sicherheit beteiligen, deshalb auch unsere Fürsten und ihre 
Familien uud zwar nicht auf Grund ihrer ffrciwilligen Erklärnng, 
sonder» kraft gesetzlich festgelegter Pflicht. Ebenso müssen, soweit 
es angängig sei, die Besitztümer der „toten Hand" herangezogen 
werden. Eine Veredelung der Matrikularbeiträge sei aber nur 
dann anzuerkennen, wenn sic zusammengebracht würden unter 
Anwendung der steuerlichen Gerechtigkeit durch Belastung des Be 
sitzes im Wege direkter Steuern. Als solche kämen nur die Ver 
mögens-, Einkommens- uud Erbschaftssteuern in Frage. Was das 
geltende Wahlrecht betrifft, so hätte der Minister des Innern ver 
geblich versucht, es zu verteidigen. Gerade habe jetzt die Auslegung 
der Berliner Wahllisten, nach ivelchcn in einem Bezirke ein Steuer- 
beitrag vvniiber 350000 Mark erforderlich, um in der ersten Klasse 
zu wählen, und dies in vielen anderen Bezirken mit einem Steuer 
beitrage von nur 62 Mark ermöglicht wird, ■ wiederum - den unge 
heuerlichen Widersinn dieses Wahlsystems dargetan. Es müsse zur 
Verekelung der Wahlbcteiligring führen. Sodann setzte der Redner 
das Eintreten der nationalliberalen Partei für Industrie und Handel. 
Mittelstand, Beamte, Privatbcamte, Lehrer und Arbeiter auseinander, 
uud forderte, daß die leitenden Stellungen in unserem auswärtigen 
und inneren Staatsdienste nur nach dem Gesichtspunkte der Tüchtig 
keit und Geeignetheit zu erfolgen habe und daß Rücksichten auf 
Geburt und Beziehungen dabei nicht mitsprechen dürfen. Wäre die 
Auswahl bisher nach dicseni Prinzip getroffen, so hätte unsere 
Regierung durch die Balkanereignisse nicht überrascht werden dürfen. 
Tie notwendige Verstärkung unserer Rüstung hätte dann nach und 
nach veranlaßt werden können, ohne das Ausland zu alannicrcu 
uud ohne daß die erforderlichen Opfer in so-jäher i>nd plötzlicher 
Weise hätten veranlaßt werden muffen. Ter Vortragende schloß 
mit einem flammenden Appell, durch Stimmabgabe am 10. Mai 
zum Siege des Liberalismus beizutragen. 
o Der Veteranen- und Krieger-Verein Friedenau 
hielt am vergangenen Sonnabend nach Ablauf des Vcreins- 
jahres, die ordentliche Hauptversainmlung im Kaiser-Wilhelm- 
Gartcn ab. Der 1. Vorsitzende, Kamerad Leutnant Becker, 
warf einen Rückblick ans das verflossene Vereinsjahr und 
dankte allen Kameraden für die treue Kameradschaft und 
eifrige Mitarbeit, die dazu beigetragen haben, daß ein so 
günstiges Ergebnis für den Verein erzielt worden ist. Hier 
auf erstattete Kamerad Kaufmann Kossakowski den Bericht 
über das 17. Geschäftsjahr — 1. Mai 1912 bis 30. April 
1913. Ans diesem sind besonders hervorzuheben die Geld 
verhältnisse. Das bare Vereinsvermögen betrug ain 30. April 
1912 M. 3348,05, im Laufe des Jahres Einnahme 
M. 1215,21 und Ausgabe M. 501,48, also Ergebnis ein 
Reingewinn von M. 653,73- und einen baren Gesamt 
brachte sie zu höchster Blüte. Wurde sie es nicht, so spann 
er langsam und sicher mit den Fäden, die er bisher nur 
untätig in der Hand gehalten hatte, zu seinen Gunsten, 
an ihrem Ruin. 
Er hatte während des letzten Jahres nicht nur ein, er 
hatte mehrere Vermögen im Spiel verloren. Da ihm das 
Glück am grünen Tisch hartnäckig die Gunst versagte, mußte 
er es eben anderswo zu gewinnen versuchen. Mit 
Helenes Hand, mit ihrem Barvermögen, mit Klein- 
Wloffow, dessen Wert er erst vor kurzem hatte an Ort und 
Stelle taxieren lassen, würde ihm diese Korrektur seines 
Glücks auf geradem Wege ein leichtes sein. Sagte Helene 
nein, mußte er es eben mit dem va banque versuchen und 
in dieses Wagespiel hineinziehen, was ihm unter die Finger 
kam. — 
Er hatte vielleicht zwei Stunden gearbeitet. Es mochte 
gegen zehn Uhr fein, als lallt und wiederholt an feine 
Tür geklopft wurde. 
Er fuhr heftig auf und steckte das schwarze Buch in 
seine Brusttasche. 
Er öffnete die Tür. „Ich habe doch jede Störung 
verboten," fuhr er den Kellner em. 
Der höfliche Mann zuckte mit den Achseln und sagte, 
geringschätzig hinter sich weifend: 
„Ein Bote aus der Pension Siegfried. Er will sich 
nicht abweisen lassen." 
Ein junger Bursch trat an Loewengard heran und 
übergab ihm ein Billett. 
Loewengard maß es mit finstern Blicken. 
„Ist Antwort nötig?" 
(tzortsetzung folgt.)
        
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