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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

103 des 'MtltMmmt 
Die bunte Mocbs 
Plauderei für den „Fricdenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, de» 2. Mai. 
kin lantcS Jnbilnnui. — Ein stilles Jubiläum. — :?57 000 M. 
Steuern. — Moste, Scherl, Ullstein. — Scherl, der Sonderling. 
Gymnasiasten als Schlepper. 
Eine aufregende Feier wurde in Berlin festlich begangen. 
Der alte Herr Herz, ein neunzigjähriger Greis, der als Senior 
der Berliner Kaufmannschaft Vorsitzender der Handelskammer ist, 
wurde mit Ansprachen, Titeln, Gedichten und Würden derart über 
gössen, daß cS selbst dem Außenstehenden angst und bange werden 
mußte. 
Wenn die Oeffcntlichkeit mit dem Aufgebot der ganzen Liingen- 
krast solch einen alten Herrn anbläst, dann muß cs ihm doch fast 
zu viel werden. Ich weiß nicht, ob cs im hohen Grcisenalter noch 
den trocluen Gaumen kitzelt, wenn die nebensächlichsten und selbst 
verständlichsten Dinge.immer und immer wiederholt ivcrden. 
Wenn inan sich von schivltzcndeii Herren im Frack, die im 
Namen irgend einer Deputation irgend ivaS reden, immer vorhalten 
lassen muß, daß man viel Glück ini Leben gehabt hat, um diese 
Sprosse zu erklimme!:. 
Ich kenne viele alte Herren, die so etwas immer wieder 
gern hören. 
Denen die Sensalion Bedürfnis ist und die gar nicht einsehen, 
daß derartig laute Festlichkeiten im eisgrauen Alter doch weiter 
nichts sind, als eine peinliche Generalprobe zum Begräbnis. 
Das mag hart und kalt klingen; aber cs ist doch nun einmal so! 
Wie sympathisch berührt da das Verhalten eines Alaun cs, der all 
die so laut gefeierten um Haupteslänge überragt. Er feiert jetzt 
seinen 70. Geburtstag, lind statt spaltenlanger, nichtssagender 
Berichts und statt gewissenhafter Aufzählung aller zu erivartcuder 
Blumeuspendcn laßt er in seinem Blatt, dem „Berliner Tageblatt", 
in drei Zeilen folgendes verkünden: 
„Seinen 70. Geburtstag feiert am 0. Mai Herr Rudolf Mosfc. 
Herr Masse ivird an diesem Tage nicht in Berlin sein." 
Selbst die politischen Gegner des „Berliner Tageblatt" werden 
rückhaltlos anerkennen müssen, daß Rudolf Masse ein Mensch ist, 
der heute eine Wcltmachtstellung einnimmt. 
Sein Haus, das er aus dem Nichts geschaffen hat, besoldet 
heute über 1L00 Angestellte. 3 öederitcnde Tageszeitungen 
und an 00 Fachzeitschriften erscheinen i» seinem Berlage. Ter 
Umsatz beträgt jährlich über 50 Millionen Mark. 
Das Reichsadreßbuch aber allein genügt, um den Namen 
Mossc aus die Nachwelt rühmlichst zu überbringen. 
Wir von der deuischeu Presse tonnen mit Stolz ans diesen 
Mann blicken, ganz einerlei, ob !vir seine politischen Tendenzen 
billigen oder nicht. 
Männer, ivie Masse, Scherl und Ullstein sollte man der 
Sache wegen ehren und achten. Durch die allem Maßstab spottende 
Steigerung des Zeitungsbetriebes haben sie besrnchtend und bekehrend 
für die deutsche Presse gewirkt. Und wenn ihre Gegner mehr von 
ihnen gelernt hätten, dann könnten sie heute im Selbstgefühl ihrer 
Kraft der Uebermacht anders begegnen! 
Tatsache ist, daß diese drei Männer, die das gesamte Berliner 
Zeilungswcsen Monopol isicrt haben, in enger sinanziellcrJiitcressei!- 
gemcinschafl wirken. 
Tatsache ist, daß noch vor kürzern Rudels Masse sich an dem 
„Lokalanzeigcr" des Herrn Scherl mit 10 Millionen Mark beteiligt 
hat. Zwar heißt cs. daß die Beteiligung von der Finanzgrnppc 
ausgeht, der Herr Masse nahesteht und daß er selber nichts damit 
zu tun hat. Man kann es auch s o nennen. 
Aber es steckt ein Stück von der rücksichtslosen Kühnheit, von 
dem riesenhaften Unternehmungsgeist des amerikanischen Kaufmannes 
in diesem Zcitungsmagnateii/der mit solch großer Summe in seine 
schärfste Konkurrenz „gehl". 
Interessant ist auch, daß Rudolf Masse bisher alle Titel und 
Ehrungen abgelehnt hat. Er Hai unendlich viel Gutes gewirkt, 
und schon oft sollte diese Tätigkeit öffentlich anerkannt iverdcn. 
Unter seinen Stiftungen verdient an erster Stelle das Erziehungs 
heim in Schmargendorf errvähnt zu werden. Seine Gattin, Frau 
Emilie Mojse ist vor einigen Jahren in Anerkennung ihrer sozialen 
Verdienste, Dame des Wilhelmsordens geworden. 
Ich will auch die kleine Indiskretion begehen und der Mitivelt 
künden, daß Rudolf Mossc in Berlin jährlich das nette Sümmchen 
von 357 000 Mark Steuern zahlt. Das sind am Tage rund 
1060 Mark. 
Sein Palais am Leipziger Platz gleicht einem fürstlichen 
Herrensitz; seine 4 großen Rittergüter haben es nicht vermocht, ihn 
für die Agrarier zu gewinnen. Er ist ein Mann, der sich selbst 
von seinem Amte unterscheidet. Seilt Schwiegersohn, ein 25 jähriger 
Jurist, der das von dem Gewaltigen adoptierte Töchterlein vor andert 
halb Jahren geheiratet hat, wird dereinst sein Ecbe antreten. Herr 
Lachmann, so heißt der glückliche, der selbst aus einer steinreichen 
Patrizierfamilie stamnit, hat die an sich wenig einträgliche Jrrristerei 
an den Nagel gehängt, wirkt in stiller, kaum sichtbarer Arbeit trotz 
seiner Jugend mit reichen Schöpscridccn in dieser gewaltigen 
Organisation. 
Noch zwei ivcitcrc Persönlichkeiten ans der Zeitungswelt werden 
demnächst viel genannt iverden. Für die bevorstehenden Jubilänms- 
festlichkeiten sind verschiedene Ehrungen, Nobilitierungen und Er 
nennungen vorgesehen. Es heißt mit Bestimmtheit, daß die Herren 
Scherl und Stille zu den Glücklichen gehören, denen der Adel 
verliehen wird. 
Stille ist der bekannte Berlagsbuchhändtcr, der den Berliner 
Bahnhossbnchhandel in Händen und die vielen hundert Zeitungs 
kioske Groß-Berlins geschaffen und ausgebaut hat. 
Ob Herr Scherl als August von Scherl wohl zugänglicher 
sein wird, als jetzt? Es ist Tatsache, daß Scherl für keinen Menschen 
der Außenwelt zu sprechen ist. Dieser geniale Sonderling ist ein 
weltentrückter Einsiedler. Es ning paradox klingen, daß der Gründer 
und Chef der größten Zeitung Berlins, des nervenansreibeiistcii 
Betriebes, ein stiller, weltschcner Träumer ist. 
AUmorgendlich fährt sein Auto an seiner Türe des gewaltigen 
Scherlschen Komplexes vor, die von keinem andern Sterblichen be 
teten wird. Mit hastenden Schritten eilt er in sein Privatkvntor und 
nur drei seiner nach Tausenden zählenden Angestellten genießcir den 
Vorzug, in das Allcrheiligste zu Konferenzen und Besprechungen ein 
treten zu dürfen. Nach ein paar Stunden verschivindet der Gewaltige 
wieder... Wie ein Schiff, im Nebel lautlos, geisterhaft flitzt seilt 
Auto wieder zur Villentolonic Grnnewald. 
Es ist Tatsache, daß im Schert'schen Betriebe Männer an 
leitender Stelle schon 8 Jahre stehen, die bisher noch nicht das 
Vergnügen hatten, den Chef des Hauses zu sehen, geschweige denn 
zu sprechen. Man kommt eher an den Hof des Königs von Japan, 
entdeckt eher den Nordpol, gewinnt eher das große Los und erhält 
sogar an der Kasse der Berliner Hoftheater eher ein Billett, 
als daß man Herrn Schert zu sprechen bekommt .... 
Gerade in den letzten Tagen haben sich wieder sehr viel Un- 
znträgtichleiten gezeigt. Man iveiß, daß die kunstbegeisterten Berliner 
oft stundenlang vor den Theatern stehen, um eine Karte zu be 
kommen. Zu hunderten warten die Leute auf die Kassenössnung. 
Kürzlich drückte nun ciir Berliner Blatt seine Freude darüber 
aus, daß gerade zahlreiche Gymnasiasten mit bunten Mützen 
vor den Hoftheaterkassen halbe Tage und Nächte herumstehen, 
um ein Billet zu bekommen. Die Aufklärung aberfolgte ans dem 
Fuße und ivirkte wie ein kalter Wasserstrahl.... 
Keine stammende Kunstbcgeistcrung trieb diese Jünglinge, 
sondern sie standen in Diensten der Billetthündlcr, die seit den 
skandalösen Earusotagen leine Karten mehr ausgehändigt bekommen. 
Die Entlohnung für die Zeit und Mühe betrug 3—5 Mart .... 
Man f!■■!)}, das: die Berliner Fugend praktisch zu denken »er 
sieht. peider »rußte es so tounnen. Schuld daran hat das gafize 
System unserer Hosbühnen. Wenn man bedenkt, inir welch glühender 
Sonntag, den 4. Mai 1913. 
Begeisterung wir früher die endlosen Wendeltreppen zur Galerie 
hinaufgesprnngen sind, wie wir uns unten am Eingang geprügelt 
haben, nur um als Erster auf den Olymp zu kommen, — und 
wenn man heute die schon blasierten Gesichter der Herrchen sieht, 
die, mir um bessere Zigarretten kaufen und in den Limapark gehen 
zw können, derartige Schlepperdicnste leisten, dann kommt man sich 
mit einigen dreißig Jahren wie ein Tapcrgreis vor, der nörgelnd 
der guten alten Zeit Tränen nachweinen muß. 
Die anderen Berliner Thenterdirektorcn ivcrdcir seufzen, wenn 
sie die Mär von dem Gedränge der Hosbühnen vernehmen. Bor 
ihren Bauten steht lein Bein und cs ist Tatsache, daß man für 
fast sämtliche Berliner Privatbühncn Karten in großer Anzahl ge 
schenkt bekommen kann. 
So kracht eines nach dem andern. An der Weidendammer 
Brücke liegt das Deutsche Schauspielhaus, das früher einmal 
Komische Oper hieß. Drüben, über der Spree ragt das Komö 
dienhaus, das ein so unrühmliches Ende gefunden hat und jetzt 
nur noch, ivie das letzte Aufflackern vor dem Tode, in schlechten 
Vorstellungen zuckt und röchelt. 
Ich aber fahre still vorüber dem hohen Norden 31t und sehe 
rechts und links von der Brücken 
Transplcitaiiicn — — — Cisplcitanien. 
Hcinr. Binder. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
0 Die Auflösung des Vereins zur Bekämpfung der 
Tuberkulose in Friedenau ist gestern, in der letzten außer 
ordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins, beschlossen 
morden. Gleichzeitig wurde auch die Uebergabe der Fürsorge 
stelle au die Gemeinde Berlin-Friedenau genehmigt. Der 
Vorsitzende, Herr Dr. Lohmann, eröffnete gegen 9 Uhr die 
Versammlung. Er begrüßte die Erschienenen und ging 
nochmals kurz auf die Vorgänge ein, die zu dem Antrage 
des Vorstandes auf Auflösung des Vereins geführt haben. 
Zunächst wurde nun über die Verwendung des Vcreins- 
vermögens verhandelt. Nach Berichterstattung des Schatz 
meisters, Herrn Bankvorstehers Kaatzer, wurde beschlossen, 
nach Regelung aller Verbindlichkeiten (Löschung des Vereins 
im Vereinsregister usw.) den verbleibenden Restbetrag der 
Gemeinde zu überweisen mit der Bitte, diesen Betrag für 
die Tuberkulosebekämpfung zu verwenden. Der Beschluß 
über die Auslösung des Vereins und die Uebergabe der 
Fürsorgestelte an die Gemeinde wurde einstimmig gefaßt. 
Unter „Verschiedenes" wies Herr Dr. Heinecker noch darauf 
hin, daß das Zcntralkouiitee zur Bekämpfung der Tuberkulose 
am 8. Mai, Vormittags 10 Uhr, im Sitzungssaals des 
Reichstages die Generaluersammlung abhält. Der Vorsitzende 
dankte hierauf allen, die für die Tilbcrknlosebekämpstmg in 
Friedenau uneigennützig tätig waren, insbesondere sagte er 
Dank dem Fürsorgearzt Herrn Dr. Heinecker, der die segens 
reiche Einrichtung aus dem Nichts geschaffen habe, ferner 
dem Schatzmeister Herrn Kaatzer, dein Schriftführer Herrn 
Tahins mid den Beisitzern Herren Justizrat Skopnik und. 
Baron v. Vehr. Er sprach die Hoffnung ans, daß das 
Interesse, das alle die Herren für den Verein und seine 
Bestrebungen gehabt haben, auch von der Gemeinde anerkannt 
werde. Möge das, ivas geschaffen wurde, segensreich fort 
bestehen. Ter Vorsitzende bar dann noch, das bisher für 
die Tuberkulosebekämpfung gezeigte Interesse weiter zu pflegen 
durch Beitritt znm Provinzial-Verband. Darauf schloß er 
die Versammlung. 
0 Deutscher Wchrverein. Der Vorstand der Orts 
gruppe Berlin-Friedenau des deutschen Wchrvereins fordert 
unsere Mitbürger in einem Aufruf an den Anschlagsäulen 
auf, für seine Sache und damit für die Sache unseres 
Deutschen Vaterlandes zu wirken. In dem Aufruf wird 
zunächst aus die dem Reichstag unterbreitete Wehroorlage 
hingewiesen. Es ivird der Balkankrieg und die durch ihn 
geschaffene veränderte Lage hervorgehoben. Der Ausgang 
des Krieges bedeutet eine stetige ernste Bedrohung Oester 
reichs. Dckr Habsburgischen Monarchie wird der Kampf 
ums Dasein nicht erspart bleiben. An ihrem Bestand aber 
hängt der unsere. Oesterreichs Zerfall würde das Deutsche 
Reich inmitten feindlicher und übermächtiger Nachbarn den 
schwersten Gefahren aussetzen. Weiter wird in dem Aufruf 
auf die feindseligen Bestrebungen unserer Nachbarn im 
Osten und Westen hingewiesen. Deutschland kann zwar 
nicht in den Verdacht kommen, daß cs den Krieg will; aber 
es darf auch keinerlei Zweifel aufkommen lassen, daß es 
entschlossen ist, zu behaupten, was es hat. Begegnen aber 
kann es solchen Zweifeln nur durch die offenkundige An 
spannung aller seiner Kräfte. Die Einwendungen, die 
gegen weitere Rüstungen erhoben werden, sind überwiegend 
finanzieller Natur. Die finanzielle Frage aber werde sich 
regeln lassen. Der Wchrverein ist stets eingetreten für die 
volle Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht. Wir sind 
lange nicht mehr: Ein Volk in Waffen. Das ist jetzt 
Frankreich, dessen Heer nach Einführung der dreijährigen 
Dienstzeit das uusrige weit übertreffen wird. Darum herbei 
Ihr Deutschen alle, die Ihr an die Zukunft unseres Volkes 
glaubt, und sie führen wollt, helft dem Wehrverein in seiner 
guten, in seiner großen Sache. Der Aufruf erinnert an ein 
Wort Blüchers: „Nie ivird Preußen untergehen, wenn Eure 
Söhne und Enkel Euch gleichen" und schließt mit den 
Worten: Laßt uns deshalb kein Opfer scheuen, zeigen wir 
den Nachbarn, daß Wille gegen Wille steht! — Der 
„Deutsche Wehrverein" erstrebt die Stärkung des vater 
ländischen Bewußtseins, sowie die Erhaltung eines mann 
haften Geistes im deutschen Volke. Besonders tritt er dafür 
ein, die deutsche Wehrmacht innerlich wie zahlenmäßig so 
stark zu machen, daß sie unbedingt imstande ist, den Schutz 
des Reiches und dessen Machtstellung in der Welt zu ver 
bürgen. Beitrittserklärungen und Anfragen werden erbeten 
an die Geschäftsstelle Moselstr. 1 III bei Herrn Oberst a. D. 
von Rohrscheidt. 
0 Eiu Stadttheater in Steglitz. Nach dein Vorgang 
Neuköllns und Spandaus, denen sich wahrscheinlich auch 
Wilmersdorf anschließen ivird, will sich nun auch Steglitz 
ein eigenes Stadttheater leisten. Wie wir erfahren, schweben 
schon längere Zeit zioischen der Gemeinde Steglitz ilnd den 
Herren Heist' (bisheriger Oberinspektor am Neuen Schau 
spielhause) und Zilzer ivegen Erbauung eines Stadttheaters 
Verhandlungen, die mit Rücksicht auf die gute finanzielle 
Basis irgend welche Bedenken oder Zweifel für das Unter 
nehmen ausschließen. Das Theater, 1200 Personen fassend, 
und am Stadtpark gelegen, soll im Sinne der Schiller- 
theater geleitet werden und Operette eventuell auch Oper 
in den Spielplan aufnehmen. Ein bestbekannter Theater 
banmeister und Architekt ist mit der Ausführung betraut 
und hat die Entwürfe hierzu bereits fertiggestellt. Die 
Verhandlungen sind jedoch noch zu keinemAbschluß gelangt. — 
Sollte es nicht für das Theater selbst rentabler sein, wenn 
man es nicht an das äußerste Ende von Steglitz, sondern 
an die Hauptverkehrssträßc, die Schloßstraße, nicht allzu fern 
der Fricdenauer Grenze errichten würde? 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Fort mit dem längst veralteten Zopfkram. 
llcbcrall im öffentlichen Leben bricht sich imincr mehr der 
liberale Gedanke Bahn, daß der Selbstverantwortung und Selbst 
verwaltung des Einzelindioiduums möglichst freier Spielraum zu 
lassen und die Willkiirherrschaft der Einzelbchördcn dagegen einzu 
schränken sei. Nachdem unter Bismarck s. Zt. die allgemeine 
Gcmerbefreiheit eingeführt wurde, blieb cs jedem Geiverbetreibeiiden 
überlassen, >vo, wie und in ivelcher Branche er sich etablieren wolle, 
vb als Schneider oder Bäcker, Seidcinvarenhändlcr oder Schlosser, 
Jmvelier oder Schlächter, ob in einer einsamen Gegend ohne Kon 
kurrenz oder dort, wo bereits ein Dutzend neben ihm existierten. 
Wer nicht zurecht kam, fing in anderer Branche von vorne an, wer 
seine Selbständigkeit nicht zu behaupten vermochte, ivurde Ange 
stellter usiv. und gerade in dieser freien Entfaltung aller Kräfte 
konnte jeder die seinen erproben und entfalten. Handel und 
Wandel gediehen und unser Natronalwohlstand hob sich. Nur drei 
Berussarken behielten den alten Zopf bei, Theater, Apotheken und 
Schankgeiverbe. Ueber die ersteren beiden mögen sich die bctr. 
Fachleute anslassen; hier soll nur das absolut Unberechtigte und 
Widersinnige der Konzessionspflicht znm Schankgeiverbe nachge 
wiesen werden. Um diese Konzessionspflicht überhaupt zu verstehen, 
müssen mir uns erst einmal die Gründe zu dem derzeitigen Erlasse 
derselben ansehen. Erstens ivarcn s. Zt. alle alkoholischen Getränke 
so billig rmd der Bersülschmig und Aerdünnung derselben so viel 
Spielraum gelassen, daß namentlich der Cchirapsvcrkauf durch den 
dabei erzielten hohen Verdienst ein sehr verlockendes Gewerbe war. 
In den Arbeitergcgcnden namentlich häuften sich deshalb zu jener 
Zeit die sogen. Destillen in unheimlicher Weise, sodaß sic ln ihrer 
übergroßen Fülle die Trunksucht förderten und auch die Bolks- 
gcsnndheit untergruben, weit die schlechten, verplauschten Schnäpse 
selbst den weniger Trinkenden schadeten. Deswegen war eine Ein 
schränkung durch KonzessionSerteilung schon aus diesem Grunde 
damals voll berechtigt. Wie ganz anders verhält es sich aber 
heute mit dem Schankgeiverbe! Die bloßen Schnapsverkanfsläden 
— Destillationen — werden immer weniger, ivcil am SchnapS 
heute durch die hohen Stenern nicht mehr annähernd daS zu ver 
dienen ist ivie früher und Verfälschungen streng kontrolliert und 
hart bestraft werden. An Stelle der Destillationen treten heute 
meist die sogen. Aschingcr-Frühstücksstuben, welche vor allem kalte 
Speisen —'die großen auch warme — und Bier verkaufen, 
Schnäpse dagegen nur sehr in der Minderheit vcrschänken. Wozu 
nun aber diese BolkSerfrischungsrüume, denn das sind sie in der 
Tat mir, noch der behördlichen Konzession bedürfen, ist jedem 
vorurteilsfrei denkenden Menschen absolut unerfindlich. Svllen sie 
etwa die Volksgesnndbeit untergraben, oder die Trunksucht fördern, 
oder zur Völierci und Verschwendung reizen? Solche Be 
hauptungen aufzustellen, wird doch wohl kaum jemand wagen. 
Vielmehr zur Verschwendung verlocken die vielen Seidcnwarenläger, 
Jnwelierläden usw., welche in unseren vornehmen Hauptstraßen 
sich oft in beängstigender Fülle Hänsen. Denkt denn hier jemals 
jemand an eine KonzessionSerteilung und doch hatten einst 
preußische Könige scharfe Verordnungen und sogar harte Strafen 
gegen den übermäßigen Luxus erlassen. Also fort inii dem alten 
Zopf auch im reellen, soliden Schankgeiverbe. Mögen sich soviel 
Aschinger-Vierqucllcn aufmachen wie nur immer tonnen und wenn 
auch hier und da ein paar nebeneinander, sie werden unser Volk 
nicht verderben, aber sie selbst werden sich verbessern müssen. 
Denn: Nur das Gute kann in der Konkurrenz bestehen. F. 8. 
Die Auslandsreisen der Pfadfinder. 
?[.: Hast Tn die Notiz in der Zeitung gelesen: Eine große 
Freude soll den Pfadfinder!; '.-geboten werden durch freie Reisen 
nach Holland oder nach Ungarn? 
V-: Ja, ich habe mich aber nicht „mitgefreut". 
A. : Na ist das etwas Trauriges? 
B. : Sogar sehr traurig. 
A. : Heute im'Jahrhundert des Kindes, wo sich alle» um das 
Wohl des Kindes, der Zukunft deS Landes kümmert 
B. : Halt ein! Sie sollen sich um die Säuglinge kümmern, sic 
sollen die heranwachsenden Jungen und Mädchen gut nähren, gut 
behandeln, gut erziehen, bescheiden und ehrfürchtig machen; aber sie 
sollen ihnen nicht dienen, sie nicht überfüttern und nicht überfüllen 
und eitel machen, sonst ist dieses vermaledeite Jahrhundert des 
Kindes des Teufels. 
A.: Du bist heute wieder sehr ungerecht und sehr bo,cr Laune. 
V.: Wenn Tn es willst, kann ich ja auch darüber lachen, 
wenn die Kindsköpfe unsere Kinderköpfc allmählich zu blasierten 
Flachköpfen machen. Meinen Jungen laße ich jedenfalls nicht 
mitreisen. 
A. : lind entziehst ihm einen großen Nutzen. 
B. : Hub entziehe ihn einem großen Schaden. Ich entziehe ihn 
de» dummen Jungen, der albernen Begrüßung durch Körperschaften 
und Deputationen, ganz unangebrachten Bewirtungen und anderen 
forcierten Spielereien. 
?(.; Und die Kenntnis fremder Städte? 
B.: Ec soll fremde Städte kennen lernen, wenn er reif und 
bcrcchligt dazu ist, nicht so leicht und imverdiciitermaßc» als 
läppischer Nachahmer der Großen. Er kann froh sein, wenn ich 
ihm Urlaub und Geld zu seinen Reisen im Vaterlande gebe. Ich 
selbst, nachdem ich mich mit der Selmsucht und hoffenden Träumen 
begnügt hatte, kam erst spät auf die Reise. Als ich,abn als Sludw 
auf der Fericnrcif' znm ersten Mal eine alte deutsche Stadt betrat, 
voll der andächtigen Erinncruna, und zum ersten Mal einen deutschen 
Fluß sah, den ich von der Geographiestunde htr noch kannte, wie 
war ich da glücklich, wie war ich jung-empfänglich und wie dank 
bar, daß mir das gegönnt war. Nebenbei hatte ich mir mein 
Reisegeld selbst verdient. 
A. : Na! ich meine, je früher hinaus, desto besser. Früh 
krümmt sich usw. . 
B. : Gib also einem Flaschenkinde statt der Milch guten Rhein 
wein zu schlucken. 
A. : Ja! wenn Du so übertreibst! 
B. : Ich übertreibe nicht. Was bleibt denn denen noch an Ucber- 
raschung, Genns; und Freude? Neulich sollen ja Obersekmidancr 
nach einer außerordentlich löblichen Idee ihres Lehrers im Anschluß 
an den Unterricht einen Abstecher nach Rom gemacht haben. Ob sie da 
auch ehrenvoll vom Magistrat empfangen sind, die jungen Abge 
sandten, weiß ich nicht. Ich sehe sie vor mir. wie sie da unreif 
und vorlaut trotz allen Wissens auf den heiligen Steinen, auf dem 
geweihten Boden hernmgelappelt find. Blei» Gott! Roni! nach 
Rom zu kommen! Wieviel reife Künstler träumen diesen Trnmn, 
der sich ihnen nie erfüllst Welche Sehnsucht soll da gestillt werden,
        
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