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Periodical volume Nr. 102, 02.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Eine Liebe ist der anderen wert; also bitte erfüllen Sie, 
uns unsere Wünsche." Mit vorzüglicher Hochachtung Der 
Verkehrsausschuß des Friedenauer Haus- und Grundbesitzer- 
vereins. I. 91.: Franzelius, Geheimer Hofrat. 
Hierauf antwortete die Strüßcubahugesellschaft am 
29. Oktober v. I. folgendes: 
Zum gefälligen Schreiben vont 21. d. M. Weitn mir 
auch bestrebt sind, die einzelnen Stadtteile unter sich nach 
Möglichkeit durch direkte Linien zu verbinden, so ist es doch 
bei dein ausgedehnten Verkehrsgebiet Groß-Berlins leider 
nicht möglich, allen Wünschen nach dieser Richtuiig hin 
Rechnung zu tragen. Friedenau steht iübezug auf Verkehrs 
verbindungen hinter anderen Vororten durchaus nicht zurück, 
es besitzt im Gegenteil zahlreiche und ausgedehnte gute Ver 
bindungen nach den verschiedensten Richtungen hin. Es 
verkehreii 1. durch die Kaiserallee die Linien 66, F und W 
mit stündlich 16 bis 20 Zügen, 2. durch die Rheinstraße 
die Linien 59, 60, 67, 88, O, F und Y mit stündlich 36 
Zügen, 3. über den Südwestkorso die Linien 69 und 0 mit 
8 Zügen in der Stunde. Eine Unzulänglichkeit der 
Betriebsmittel hat sich auch bei den noch in letzter Zeit 
vorgenommenen Feststellungen nicht ergeben. Die Durch 
führung weiterer Linien nach Friedenau müssen rvir uns 
deshalb mangels eines allgemeinen Bedürfnisses zu unserem 
Bedauern zurzeit noch versagen. Die Linien 51 und 57 
sind auf ihrem jetzigen Wege nicht entbehrlich, cs hat sich 
iin Gegenteil bereits das Bedürfnis herausgestellt, den Fahr 
abstand dieser Linien zeitweise bis auf 5 Minuten zu ver 
dichten. Im iibrigen ist in Aussicht genommen, die Linie 
51 im 15 Minutenbetrieb von der Motzstraße durch die 
Martin-Luther-, Gruuewald-, Berliner Straße und Kaiser 
allee bis zum Kaiserplatz zu führen. Bevor wir weitere 
Entschließungen über diese Linien treffen, müssen wir die 
Ergebnisse auf der Erweiterungsstrecke bis zum Kaiserplatz 
und die weitere Entwicklung des Verkehrs in Friedenau ab 
warten, der wir besondere Aufmerksamkeit zuivendeu werden, 
lieber die Linie 40 ist bereits verfügt; sie soll auf Grund 
vertraglicher Vereinbarungen nach erfolgten: Ausbau der 
Rubcnsstraße bis zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus ver 
längert werden. Hochachtungsvoll Die Direktion. Meyer. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Vom Monat Mar. Der Mai, lateinisch majiw 
rnausis, d. i. der „jugendfrische Monat", war ursprünglich 
der Mutter Merkurs, der „jugendfrischen Göttin" (voa 
inaja) geweiht. Das gothische „niagus“ entspricht den: 
lateinischen „maju8", und so entwickelt sich denn für den 
Monat des „jungen" Laubes die Bezeichnung Magio, 
Maigo, Maige (bei Luther). In alten deutschen Schriften 
wird der Mai Blumeumoud oder Bohncnmond genannt, 
und die Bezeichnung „lYuuuimauottt" (Wonnemond) 
findet heute noch dichterische Verwendung. — Ueber den 
Alm weiß das Volk vielerlei zu sagen und zu scherzen. So 
heißt: cs, daß er eine „gefährliche" Zeit sei. Gefährlich 
nicht nur, weil um diese Zeit die Bäume „ausschlagcn" 
und die Spargel „schießen", sondern weil bei dem Springen 
der Knospen einer verbürgten Aeußerung Heinrich Heines 
nach „im Herzen die Liebe aufgehen" soll. Wie die 
Winternwnate Gesellschaften und Bälle zu zeitigen pflegen, 
so ruft der Mai unaufhörlich Verlobungen hervor, denn 
Maienzeit und Liebestraun: gehören, wenn wir den: alten 
Liede Glauben schenken wollen, nun einmal zusannnen, und 
so lauge die Welt besteht, werden die jungen Leute in: 
Wonnemond Ulchr oder minder verliebt resp. verlobt sein. 
Wohl dem Jüngling, der sich da einen lustigen Maikäfer 
oder ein liebliches Mniblümchen erringt, das ihm das ganze 
Leben zum ewigen Lenz gestaltet. Der „ivnuderschöne 
Monat Mai" steht aber nicht ausschließlich unter der Herr 
schaft Amors, des losen Bogenschützen, sondern auch der 
biedere Bacchus pflegt in ihm seine Getreuen uni sich zu 
rersammeln und labt die durstigen Kehlen mit duftigen 
Maitrank. Da findet dann rnancher (Jung-) Geselle seinen 
(Wald-) Meister, denn wer nicht verliebt ist, der trinkt gern, 
das ist ein alter Erfahrungsgrundsatz, und wer da wirklich 
bei einer Maibowle des Guten zu viel tut, der wird am 
nächsten Morgen hochcrstaunt sein, wenn er nicht mit einem 
Dem stattlichen Mann in elegantem Reiseanzug beide 
Hände entgegenstreckend, sagte sie mit zärtlichem Vorwurf 
in der spröden, alternden Stimme: 
„Endlich, mein lieber, lieber Herr von Loewengard!" 
Loewengard beugte sich auf die stark gepuderten Hände und 
drückte auf jede einen flüchtigen Kuß. 
„Ja," sagte er dann, die Achseln zuckend, „mit der 
Lokomotive Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten — 
wir hatten Verspätung, teuerste Freundin. Aber nun bin 
ich ja da —" 
„Und bleiben lange, lange!" fiel sie ihm mit kokettem 
Augenaufschlag ins Wort. 
„Qa depend," gab er mit geheimnisvollem Lächeln 
zurück, indem er wohlgefällig an den schwarzen, leicht 
nachgefärbten Enden seines Schnurrbarts drehte. 
Frau Reibe führte ihren Gast in ein kleines, unauf 
geräumtes Zimmer, indem es nach Patschuli, Puder und 
parfümierten Seifen roch. 
Auf dem Stuhl neben dem Kafseetisch lagen ein paar 
lange schwarzscidene Strümpfe und ein rosa Iupon. 
Leontine raffte, die Verlegene spielend, die Toiletten 
gegenstände eilig zusammen und trug sie — auf die Un 
ordnung ihrer Jungfer scheltend — durch eine offen stehende 
kleine Tür. 
Sie verweilte ziemlich lange im Nebenzimmer, aus 
dem stärker der Duft von Patschuli drang. Als sie zurückkam, 
bemerkte Loewengard, daß sie frisches Rot aufgelegt und 
die Brauen und Wiinpern mit Kohle nachgedunkelt hatte. 
Die Jungfer hatte inzwischen Kaffee, Kognak und Zi 
garetten serviert und war dann mit einem Ausschelter 
über ihre Unordnung in Ungnaden entlassen worden. 
Als sie allein waren, zündete die. Reibe sich eine 
Zigarette, eine starke Blum Pascha ohne Mundstück, an 
und bot ihrem Gast Feuer. 
„Also, was gibts Neues in der langen Zeit, da wir 
uns nicht gesehen haben?" 
„Das wollte' ich' gerade Sie fragen, teuerste Freundin !" 
Loewe.ngards Augen nah,neu bei dieser Frage einen 
gewaltigen Kater, sondern nur mit einem ganz zierlichen 
Maikätzchen erwacht. 
o GcschaftSfreier Sonntag. 9lm Sonntag, dem 
4. Mai, dürfen die offenen Verkaufsstellen bis 6 Uhr 
9lbends, mit 9lnsschluß ddr Kirchzeit, geöffnet bleiben. (Vergl. 
die Bekanntmachung in dieser Nummer.) ( 
o Zum Sänitätsrat ernännt wurde Herr. Dr.Grätzer, 
Bismarckstr. 22. 
o Die schnell hcreingebrochene Hochsommer- 
temperatur zeitigt bei der Pflanzenwelt recht merkwürdige 
Erscheinungen. Flieder und Kastanien blühen bereits, 
obgleich sie erst vor einigen Tagen Blüten angesetzt hatten. 
Alan lasse sich aber bezüglich empfindlicher Gewächse dadurch 
nicht beirren und bringe sie nicht vorzeitig ins Freie. Die 
gestrengen Herren sind noch nicht vorüber, es kann noch 
Nachtfröste geben. Eine solche Temperatur herrschte 1780 
und Friedrich der Große war sehr ungeduldig, als der Hof 
gärtner in Sanssouci die Orangenbäume 9lufangs Mai noch 
nicht ins Freie gebracht hatte. Der Gärtner erlaubte sich 
auf die noch kouunenden „strengen Herren" Mamertus, 
Pankratius und Servatius (11., 12. und 13. Mai) hinzu 
weisen, woraus der König erzürnt erwiderte: Stelle er sie 
heraus oder er wird noch einen anderen strengen Herrn 
kennen lernen. Bereits am 13. Mai waren Morgens alle 
Orangenbäume erfroren und zeigten schwarze, herabhängende 
Blätter. Der Gärtner hat den anderen strengen Herrn aber 
nicht kennen gelernt, denn Friedrich schenkte ihm mit 
gnädigen Worten eine Schuupftabacksdose. — Der gestrige 
Himmelfahrtstag, der Tag der Frühpartien, verlief bei 
dem herrlichsten Sommerwetter. Besonders in der Friihe 
war das Wetter prächtig und Tausende suchten die schöne 
Frühlingsluft im Grunewald, au Havel und Spree zu 
atmen. Doch je näher die Mittagszeit kam, desto unan 
genehmer machte sich die Glut der Sonne bemerkbar. Es 
war nur gut, daß die Luft durch ein frisches Windcheu 
bewegt :var. 9lbends in der 10. Stunde bezog sich der 
Himmel und damit trat auch eine merkliche Abkühlung der 
Temperatur ein. Gleichzeitig uu: diese Zeit wurde auch 
ein heftiges Wetterleuchten in westlicher Richtung beobachtet. 
Ein Gewitter zog aber nicht heran. — Im Hinblick auf 
die marine Witterung ist auch das Freibad Waunsee 
bereits gestern eröffnet worden. Der Besuch war schon 
recht rege. Es ergingen sich viele Freunde des Schwimm 
sports in den kühlen Fluten. 
o Der Gesamtvcrkehr auf dem Teltowkanal. 
Während der Zeit vom 1. November 1911 bis 31. Oktober 
1912 wurden auf den: Tcltowkanal an Gütern insgesamt 
befördert 591 032 t oder 219 556 t mehr als im ver 
gangenen Jahre. Auf den Verkehr in der Richtung Havel- 
Spree entfallen hiervon 260 133 t, auf die Richtung Spree- 
Havel 330,899 t. 9lu beladenen Schiffen durchfuhren den 
Teltowkanal im Durchgangsverkehr 2524 gegen 1606 im 
Vorjahre und an leeren Schiffen 1226 gegen 920. Im 
Ortsverkehr wurden in: ganzen 813 709 t befördert gegen 
über 769 565 t des Vorjahres. Der gesamte Güterverkehr 
auf dem Tcltowkanal überstieg in der Zeit vom 1. November 
1911 bis 31. Oktober 1912 bei weitem eine Mill. Tonnen 
und hat sich gcgcniiber der gleichen Zeit des Vorjahres nicht 
unwesentlich gesteigert, da 1 404 741 t nur 1 141 041 t 
gegenüberstehen. 
v Pastor Helnnder, der Geistliche der schwedischen 
Viktoriagemeinde in Großberlin, der viele Jahre im Schvne- 
bergcr Ortsteil in der Thorwaldsenstraße wohnhaft war, hat 
Berlin verlassen, um die Pfarrei von Dänersborg in 
Wcstcrgötland zu übernehmen. Die schwedische Kolonie 
veranstaltete ihm zu Ehren ein Abschiedsfest, bei dem der 
Gesandte Graf Taube der Verdienste des Scheidenden ge 
dachte und ihm ein silbernes Teeservicc als 9lndenken 
überreichte. 
o Missiottsstunde. Montag; den 5. Mai, abends 
8 Uhr wird Missionar Lange in: Goßncrschen Missions 
hause, Handjerystraße 10/20, die monatliche MissioNsstuude 
halten. 
o Der Verband der Väterlättdischeu Frauen-Vereine 
der Provinz Brandenburg hielt am Dienstag, den: 
20. April d. Js.. Nachmittags 3 Uhr, seine General- 
versanunlung im Laudcshause zu Berlin ab. Die Leitung 
Är Verhandlungen fiel der stellvertretenden Vorsitzenden des 
Ausdruck starker Spannung au, den er vergebens zu ver 
bergen trachtete. 
Die Relbe zog ein ironisches Gesicht und sagte mit 
leisem, ungeduldigem Aufschlag ihrer weißen Finger auf 
das nicht ganz einwandfreie Kaffeetuch: 
„Soviel ich mich erinnere, lautete unsers Ver 
abredung —" 
Kurt von Loewengard ließ sie nicht zu Ende sprechen 
und zog eilig seine Brieftasche 
„Daß ich das vergesse» konnte! Ja, was vergißt man 
nicht alles über den Reizen einer schönen Frau!" 
Er beugte sich galant zu ihr hinüber, indem er ihr eine 
Tausendmarknote reichte und ein kleines mit Ziffern be 
decktes Blatt. 
„Hier die genaue Abrechnung und Ihr Ueberschuß, 
verehrte Freundin. Sehen Sie die Abrechnung aufinerksau: 
durch. Sie werden sich überzeugen, daß sie bis ins kleinste 
Detail — wie selbstverständlich — stimmt." 
Leontine hatte das Blatt bereits dicht vor die kurz 
sichtigen Augen genomineu, aufmerksam die Zahlenreihen 
prüfend. 
Dann tippte sie mit dem Finger auf die letzte Rubrik. 
„Was bedeuten diese cinhundertdreißig Mark, Loewen 
gard ?" 
Er lächelte und streichelte die weißgepiiderte Hand. 
„Sie dürfen mir nicht böse sein, liebste Leontine. 
Ein kleiner Bargewinn. Ich setzte für Sie, um den Tau 
sender voll zu machen, und gewann. Welcher Gentleman 
wird mit einer Dame über achthundertsiebzig Mark ab 
rechnen !" 
„Riesig feudal von Ihnen, Kurtchen, und besten Dank. 
Run sollen Sie auch Ihr Teil haben. Ob es Ihnen freilich 
Freude machen wird —" 
Sie hielt noch einmal inne und schenkte ihm einen 
frischen Kognak ein. 
Als sie dabei bemerkte- daß Loewengard sich ver 
gebens nach einem Aschenbecher^ umsah, rief jie den Pudel 
berbei. 
Verbandes, Frau von Arnim-Züsedom, zu, da die Vorsitzende, 
Ihre Exzellenz Frau Freifrau von Mauteusfel-Krossen, durch 
den erst kürzlich erfolgten Tod ihres Herrn Gemahls au: 
Erscheinen verhindert war. Die 113 Vaterländischen Frauen- 
Vereine, die zurzeit in der Provinz Brandenburg bestehen, 
waren durch etwa 150* Delegierte vertreten. Der Verbands 
schriftführer, Herr Landessyndikus Gerhardt, referierte über 
den Geschäftsbericht des abgelaufenen Jahres, während der 
Verbandsschatzmeister, Herr Landesrat Dr. Lene, die 
Ergebnisse der Jahresrechnung für 1912 vortrug und die 
Etats des Verbandes und seines Mutter- und Krankenhauses 
„Auguste-Viktoria-Hcim" in Eberswalde zur Genehmigung 
unterbreitete. Im Anschluß an die alljährlich notwendig 
werdenden Vorstandswahlen hielt der Geschäftsführer des 
Hauptvereins, Herr Oberstabsarzt a.'D. Dr. Friedheim, einen 
Vortrag über „die Kriegs- und Friedenstätigkeit der 
Helferinnen vom Roten Kreuz sin: Vaterländischen Frauen- 
Verein". Die sehr eindrucksvollen Ausführungen des 
Referenten und die darauf folgenden lebhaften und aus 
giebigen Erörterungen bewiesen, daß das Interesse der 
Vaterländischen Frauen-Vereine für ihre Hauptaufgabe, die 
Vorbereitung der Kriegs-Krankenpflege wohl mit Rücksicht 
auf die politische Lage überall in den Vordergrund gerückt 
ist und eine intensive Betättgung hervorgerufen hat. Die 
Vaterländischen Frauen-Vereine verfügen zurzeit neben etwa 
250 Schwestern von: Roten Kreuz über rrrnd 500 theoretisch 
und praktisch wohl vorgebildete Helferinnen. An fast allen 
Vereinsorten finden weitere Helferinnenkurse statt, zu denen 
die Vaterländischen Frauen-Vereine Anmeldungen entgegen 
nehmen. Beim Fortschreiten dieser erfreulichen Entwicklung 
darf gehofft werden, daß die Vaterländischen Frauen-Vereine 
der Provinz Brandenburg die ihnen bei einem etwaigen 
Kriege im Rahmen der Organisation des Roten Kreuzes 
zufallende Verpflichtung, wirksame Hilfe zur Pflege ver 
wundeter und erkrankter Krieger zu leisten, durchaus zu er 
füllen imstande sein werden. 
o Zwangsversteigernngsergebnis. Kaiserallee 110 
in Gemarkung Berlin-Friedenau, den: Maurermeister 9ldolf 
Geusow in Berlin gehörig. Das Zwangsversteigerungsver 
fahre:: wurde einstweilen eingestellt. 
o Die Friedenauer Orchester-Vereinigung gab am 
26. April im Gesellschaftshause des Westens unter der be 
währten Führung ihres Dirigenten, dem Direktor der 
hiesigen Adusik-Akademie, Herrn. Johannes Scheurich, ein 
Konzert, das, von reichen: Beifall der zahlreich erschieneüön 
Zuhörer begleitet, von statten ging. Sille Nummern des gut 
gewählten Programms gaben Zeugnis von dem ernsten, 
zielbewußten Streben der vereinigten Künstler sowohl, wie 
ihres Leiters, dessen dezente aber trotzdem sichere Direktions 
weise jede Schönheit der einzelnen Konrpositionen hervor 
zuheben, und jeden: Instrument nicht nur den rechtzeitiger: 
Einsatz, sondern auch die angemessene dynamische Schattierung 
zi: geben verstand. Besonders erwähnen möchte ich 
Meyerbeers Krönungsmarsch, der geradezu elektrisierend 
wirkte; dann Mendelsohus melodische Trompeter-Ouverture; 
ferner die zarte Gestaltung der 6-ckur-Sinfonie von Heydn 
und das kontrapunktisch so reiche ausgestattete „Adeziette de 
l'Arlesicnne" von Bizet. Als Solisten wirkten in den: 
Konzert' der vorzügliche Baritonfft Herr W. Sauer; die' 
Konzertsängcrin Frl. 'Morgen; der Rezitator Herr W. 
Frenzcl, und der zu großen Hoffnungen berechtigte Violinist 
Herr Knaak. Letzterer executierte ganz vortrefflich, mit 
schönen: Ton und regem Temperament das Violinkonzert 
Nr. 1 von Bereut. Die Gesangskünstlerin erfreute durch 
den Vortrag heiterer Lieder von A. Förster und Teich, 
indeß der schöne, dunkel gefärbte Bariton des Herrn Sauer 
die 9lrie aus Mendclsohns Elias ebenso stinrmungsvoll zu 
Gehör brachte, wie die 9Irie aus Lvrtzings Oper: Zar und 
Zimmermanr: —: „O selig ein Kind noch zu sei::." Eine 
besondere Wirkung erzielte der Sänger mit den: neuen 
£Löc: „O Schwarzwald, o Heimat" von Hirsch, das in der 
sachgemäßen Instrumentation — für diesen Abend eigens 
von Herrn Direktor Scheurich bearbeitet : — und von ihm und 
seiner tüchtigen Musikerschaar stylvoll begleitet, allgemeine 
Begeisterung auslöste. Man kann Herrn Joh. Scheurich zu 
dem künstlerischen Erfolg des Abends gewiß beglückwünschen 
und ein günstiges Prognostikon für die weitere Entwickelung des 
Friedenauer Orchestervereins unter seiner förderlichen Leitung 
— 
„Schlot, Herrchbri bedielten, ritsch!" 
Der gut dressierte Pudel" nahm sofort auf dem leere:: 
Stuhl neben Loewengard Platz und strich ihm mit der 
Pfote geschickt die Asche von der Zigarette. 
„Sehen Sie, was er noch kaun, Loewengard! Er 
hat Sie nicht vergessen, trotzdem Sie eit: so seltener Gast 
sind!" 
„Es wird ihm nicht an Uebung gefehlt haben" — 
dachte Loewengard boshaft bei sich. 
Dann sagte er, ungeduldig werdend: 
„Also bitte!" 
Frau Relbe saß zurückgelehnt in ihrem Stuhl, blies 
den Rauch ihrer Bluu: Pascha vor sich hin und sagte in 
dem Bemühen, rein sachlich zu' bleiben, mit unterdrückter 
Gereiztheit: 
„Sie waren eiunial wieder ein schlechter Menschen- 
kenner, Loewengard. Dieser Kähne ist kein harmloser, ver 
träumter Bursche, sondern ein ganz gefährlicher Mensch, 
ein Scheinheiliger —" 
Loewengard sah der geschminkten, künstlich aufgemachten 
Frau mit unverhohlenem Sarkasmus ins Gesicht: 
„Bloß weil er Ihnen nicht ins Retz gegangen ist? 
Oder haben Sie noch andere Beweise, Frau Relbe?" 
Sie war kreidebleich unter der Schminke geworden. 
Ihre kleinen Augen funkelten vor Wut. Gerade in: Begriff, 
ihm eine insolente Antwort zu geben, erinnerte sie sich 
noch zu guter Zeit der Tausendmarknote, die noch neben 
ihr auf einem großen Kaffeefleck gleicher Farbe lag. 
„Woher wissen Sie?" fragte sie keuchend. 
Er zuckte die Achseln und meinte boshaft: 
„Es gibt mehr hellseherische Augen, Leontinchen, als 
die Ihren. Auch solche, die mir nicht weniger ergeben 
sind." 
„Sie kränken mich tief, Loewengard," sagte sie weiner 
lich, die Sentinientale spielend. 
Er sah aus die llbr. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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