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Periodical volume Nr. 101, 30.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

ihre Arbeitsvermittlung dem städtischen Arbeitsamt über 
tragen; dasselbe gilt van der Sattler- und Riemerinnnng 
in Freiburg i./33r., dem Gärtncrverein in Hannover', 
Innungen der Friseure, Schmiede, Schuhmacher, Schiefer 
decker, Steinsetzer. Sattler und Tapezierer in Planen i./B., 
sowie zahlreichen in dem Bericht nicht näher bezeichneten 
Innungen in Hagen i. W. 
Bon Karlsruhe ivird gemeldet, daß die landwirtschaft 
liche Stellenvernüttlung der Landwirtschastskammer den 
Arbeitsnachweisen des badischen Verbandes übertragen worden 
ist. In Nürnberg hat' sich die Vcrmittelungsstelle des 
Zentralvereins der Bildhauer Deutschlands an das Arbeits 
amt angeschlossen, und in Düsseldorf ist vom Verband der 
Jsvlierfirmen für Rheinland und Westfalen die obligatorische 
Benutzung des paritätischen Arbeitsnachiveises beschlossen 
worden. Ferner wird ans Köln (weibliches Hanspersonal) 
und aus Neukölln (Steinhauer, Rammer und Steinsetzer) 
von der Einrichtung neuer Fachabteilungen bei den pari 
tätischen Arbeitsnachweisen Mitteilung gemacht. 
Was einzelne Spezialgebiete der kommunalen Arbeits 
vermittlung anlangt, so besitzen einige, namentlich süd 
deutsche Städte, besondere Arbeitsnachweiszentralen für 
städtische Arbeiter, welche bei den vorzugsweise sich mel 
denden, nicht voll erwerbsfähigen Arbeitermatcrial und bei 
dem wechselnden Bedarf an Arbeitskräften in den einzelnen 
städtischen Betrieben unter Beobachtung des Grundsatzes 
möglichster Vermeidung von Arbeiterentlassungen ziemlich 
bedeutende Anforderungen an geschickte und sachkundige 
Leitung stellen. Um sv erfreulicher ist deshalb ein gutes 
Funktionieren dieserAbteilungen, wie es besonders in München 
zu konstatieren war. Auch von der Lchrlingsvermittelung, 
einem Sorgenkind der össentlichen Arbeitsnachweise, wissen 
München, Mülhausen i. E. und Freiburg i. Br. zufrieden 
stellende Resultate zu berichten, ebenso wie Straßburg seine 
Fortschritte auf diesem Gebiete ausdrücklich betont, während 
allerdings eine ganze Reihe von Städten über das Gegenteil 
klagt, ein Mißerfolg, der in den meisten Fällen auf das 
völlige Auseinandergehen von Angebot und Nachfrage nach 
Lehrlingen in den einzelner Branchen zurückgeführt wird, 
und letzten Falles vielleicht nur durch eine mit dein Arbeits 
nachweis verbundene, ihrer schwierigen Aufgabe vollkominen 
gerecht werdende Eltern- und Lehrlingsberatungsstellc abzu 
helfen in der Lage sein ivird. 
In der Reservistenvermittlung war es wieder München, 
das sich' durch günstige Ergebnisse hervortat. Ueber Fort 
schritte in der Vermittelung landwirtschaftlichen Personals 
wurde von rnehreren Städten, besonders auch von Straß- 
burg und Planen i. V. berichtet, während die Dienstboten- 
vernlittlung nirgends viel Anlaß zu besonderer Hervor 
hebung gab. Weder Dienstherrschaften noch Arbeitnehmer 
können sich so recht an die Inanspruchnahme der gemein 
nützigen Vermittlungsbüros gewöhnen. 
Um noch auf die sonstigen Einzelheiten, die die 
Jahresberichte bringen, mit ein paar Worten einzugehen, 
so wurde von verschiedenen süddeutschen Nachiveisen iviedcr 
auf, bic guten Dienste hingewiesen, die ihnen das Telefon 
insonderheit zum interlokalen Verkehr geleistet hat, dies vor 
allein in Verbindung mit dein in Süddeutschland immer 
allgemeiner zur Einführung kommenden Zentralvakanzen 
listen für größere Bezirke. Diese Einrichtung, der gegen 
über manche andere Verbände freilich skeptisch gegenüberstehen, 
hat im letzten Jahre ivieder eine bedeutende Förderung 
erfahren dadurch, daß auf Hinwirken des Verbandes 
bayerischer Arbeitsnachweise neuerdings zwecks Hebung 
der landivirtschaftlichen Arbcitervermittlnng in sämtlichen 
Regierungsbezirken Bayerns solche Zentralvakanzenlisten 
herausgegeben werden. 
£okales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
85 v Schönes Wetter wird für den morgigen Himmel 
fahrtstag von den Wetterkundigen vorausgesagt. Es besteht 
allerdings die Möglichkeit, daß durch Gewitter eine Storung 
eintritt, doch im allgemeinen kann gerechnet werden, daß 
die ivarmen Tage noch eine längere Zeit anhalten. , Das 
ausgedehnte Tiefdruckgebiet im Westen, von dem mehrere 
Tage ein schneller und vollständiger Wctterumschlag zu be 
fürchten ivar, hat sich von Europa, anscheinend in nord 
westlicher Richtung, wieder entfernt und dürfte keinen 
wesentlichen Einfluß mehr auf unsere Witterung gewinnen. 
Der tiefe Druck über Südeuropa kann zwar möglichenfalls 
wollen „mit Ihnen zu sehen", "ließ aber das' Zwsiche'n- 
wort fallen. 
Helene erzählte von München. Sie kannte cs sehr 
genau. Sie war einmal als Backfisch mit dem Vater 
längere Zeit dort gewesen, der Studien über irgendein 
seltsames Gestein in der Umgegend machte. Später oft 
genug mit Bogislaw. 
Sie setzten sich, Hans in die Mitte nehmend, auf den 
ausgehöhlten Baumstamm, durch den die Solleitung ging. 
Helene entwickelte ihren Plan, den sie für zwei Tage 
entworfen hatte. 
„Am ersten Tage die Alte Pinakckthek, ein paar 
moderne Sammlungen —" 
„Dein Bild auch, Mutti!" rief Hans dazwischen. 
„Eine Spazierfahrt durch die Stadt rmd den Eng 
lischen Garten." 
Hans hüpfte vor Vergnügen und warf den Hut so hoch 
in die Luft, daß er beinahe den Abhang hinuntergekollert 
wäre. 
„Am zweiten Tag die Neue Pinakothek und die 
Glyptothek. Nachmittags eine Fahrt zur Thercsienwiese 
und Besichtigung der Bavaria für den Jungen." 
„Süße, einzige Mutti!" 
„Ersticke mich nur nicht vorher, sonst wird nichts aus 
dem schönen Plan. Am ersten Abend wirst du übrigens 
Herrn Kähne freigeben und mit deiner Mutter allci'.r vor 
liebnehmen müssen, Junge." 
Hans machte ein langes Gesicht. 
Herr Kühne fragte enttäuscht nach dem Grund. 
„Es werden dis „Meistersinger" im Prinz-Regentcn- 
Theater gegeben. Sie haben mir einmal erzählt, daß es 
Ihre Lrcdlstrgsoper' sei und Sie sic seit Jahren nicht gehört 
Hütten." 
eine Verschlechterung des Wetters herbeiführen, doch ist auch 
dies wenig wahrscheinlich, und jedenfalls sind Störungen 
von Dauer von dorther nicht zu befürchten. Ausschlag 
gebend ist, daß das barometrische Maximum, das am 
Sonntag noch in Osteuropa lag, sich nordwärts verlagerr 
hat, sodaß es jetzt Nordost- und Nordcuropa bedeckt. 
Damit ist die beständigste Wetterlage hergestellt, die in 
Tagen schönen und warmen Sommcrwctters überhaupt 
erhofft werden kann. 
0 Die Besteuerung des Grundbesitzes nach dem 
gemeinen Wert. Mit der Frage, ob die Besteuerung des 
Grundbesitzes nach dem genieinen Wert (Verkanfswert) 
wirklich die Nachteile mit sich bringt, die von den Gegnern 
dieser Sieuerart behauptet werden, beschäftigt sich eine Ein 
gabe des Vorstandes des Preußischen Ctädtetages an die 
Staatsregierung und den Landtag. Zum Nachweis solcher 
Nachteile hatte der Schutzverband Deutscher Grundbesitzer in 
Köln „Nachrichten über wirtschaftliche Schädigungen bis zum 
Vcrmögensverfall durch die kommunale Grundwerlstener in 
Preußen" herausgegeben und darin auch ans einer Reihe 
von Städten nachprüfbare Einzelfälle bezeichnet. Der 
Vorstand des Städtetages hat diese Einzelfülle nachgeprüft 
und konnnt an Hand sorgfältig zusammengestellten Materials 
zu dem Ergebnis, daß die Einzclfälle einer Prüfung nicht 
standhalten. 
0 Nohrpostbetrieb nach Steglitz. Der Rohrpvstbctrieb 
bei dem Steglitzer Postamt 1 wird, wie wir hören, am 5. 
Mai aufgenommen werden. 
0 Das Ende der 25-Pfennigstncke. Von der Reichs- 
regierung ist mit Rücksicht auf die Unbeliebtheit der Fünf 
undzwanzigpfennigstücke die Abschaffung dieser Münze be 
schlossen worden. 
o Verlängerung der Hundesperre — ein neuer 
Tollwutanfall. Im königlichen Institut für Jnfektivns- i 
krankh eiten wurde gestern abermals ein an Tollwut erkrankter , 
Hund eingeliefert. Das Tier, ein kleiner Rchpinscher, ge- ! 
hört einer Dame ans Spandau, von wo cs seit einigen : 
Tagen vermißt wurde. Es hat sich in Schöncberg, Wilmers- j 
dorf und Charlottenburg umhergetrieben und muß in Berlin i 
von einem tollwütigen Hund gebissen worden sein. Das ‘ 
Institut bestätigt, daß die Tollwut an dem eingelieferten 
Tiere einwandfrei festgestellt worden ist. Das Polizei- ! 
Präsidium Berlin wird noch heute eine neue Hundesperre auf 
die Dauer von drei Monaten, laufend bis zum l. August 1913 
einführen. Die Hundesperre wird auch diesmal ans die ; 
Vororte ausgedehnt werden. 
0 Untersuchung von Schukliuderu durch Spezial- ' 
ärztc. Die ärztliche lleberwachung unserer Volksschnlkinder ; 
geschieht durch den Schularzt Herrn Do. mecl. Schultz, j 
Ferner sind Schnlzahnärzte von unserer Gemeinde ange- | 
stellt. Spezialärzte sind bisher nicht an unserer Volksschule 
tätig. Im Fürstentum Lippe mar es nun den Schulärzten 
früher aufgefallen, daß eine große Zahl der Kinder an 
speziellen Schäden der Augen, Ohren, Nasen usw. litt, und 
da sind die Lehrer beauftragt worden, den Schulärzten alle 
Kinder mit solchen Schäden zu bezeichnen,, damit, besondere 
Termine angesetzt werden könnten, wo die Spezinlärzte 
ihres Amts zu walten hätten. Die Ergebnisse für die 
Jahre 1011 und 1012 sind jetzt abgeschlossen worden, und 
das Stnatsininistcrimn hak dem Landtage die Mitteilungen 
der beiden Spezialärzte zugestellt. Von etwa 26 000 Volks- 
schulkindcrn wurden 1340 Krankheitsvcrdächtige dem Spezial 
arzt für Ohren-, Nasen- und Halskrankhciten zugeführt. Der 
erkannte davon 1255 Kinder als krank. Die meisten Kinder 
standen im.Alter von 8—13 Jahren. Es hat sich ein auf 
faltend starkes Zurücktreten des ersten Schuljahres gegen 
über den älteren Jahrgängen ergeben, was ans zwei Ursachen 
zurückgeführt wird: Erstens nahmen die Erkrankungen der 
Gehörorgane und der oberen Luftwege in den späteren 
Schuljahren zu, parallel mit der Zunahme der Infektions 
krankheiten (Masern, Scharlach), als deren Folge Ohrcn- 
krankheiten häufig auftreten. Zweitens wird Schwerhörig 
keit infolge der häufig sehr großen Teilnahmslosigkeit der 
Ncueingeschulten oft der Beobachtung entgehen. Ueber die 
Organisation der Untersuchungen wird gesagt, daß es sich 
empfehle, die Tätigkeit der Lehrer bei der Auswahl der 
Kinder zu vereinfachen, da man sich im wesentlichen auf 
die Untersuchung der Schwerhörigen beschränken könne. ES 
empfehle sich ferner, die Seminaristen kurz vor dem Ab 
gänge und die Lehrer etwa ans einer Lehrcrversamm- 
lung durch einen kurzen ärztlichen Bortrag in der 
Ermittelung der hi er fraglichen Krankheiten besonders 
unterweisen zu lassen. Ganz außerordentlich bewährt habe 
sich für diese Untersuchungen die Anwesenheit der Eltern 
oder deren Vertreter. Denn der Hauptwert liege in der 
Verbreitung vvn Aufklärung. Der Augenarzt hat festgestellt, 
daß unter den 26 000 Kindern der Volksschule 1296 augen 
krank sind. Die iveitalts größte Zahl der kranken Kinder 
war mit angeborenen oder erworbenen Refraklionsanomatien 
(Fehlern im optischen Ban des Auges) behaftet. 156 
Kinder waren übersichtig, 85 kurzsichtig, 226 litten arr 
anderen Bcrechnungsfehlern. Vielfach sei die ganz irrige 
Anssasiung hervorgetreten, daß ein Kind mit Schielen erst 
im Alter von 10 bis 12 Jahren zum Arzt gebracht werden 
dürfe. Ganz im Gegensatz dazu stehe die moderne Augen 
heilkunde. Das beste wäre natürlich, daß jedes Kind gleich 
beim Eintritt in die Schule ans den Zustand seiner Augen 
ärztlich untersucht würde, aber daS lasse sich kaum erreichen, 
da es große Mittel erfordere. Deshalb sei es ausreichend, 
wenn jedes neu eintretende Schulkind innerhalb der ersten 
vier Wochen von seinem Lehrer an der Hand der für die 
Augenuntersuchnngen angegebenen Anleitungen untersucht 
würde. Die Eltern aller so als krank befundenen Kinder 
wären dann auf das Untersuchungsergebnis aufmerksam zu 
machen, und es wäre ihnen zu raten, ärztliche Untersuchung 
und Behandlung folgen zu lassen. Alle drei Jahre hätte 
dann die durch den Staat zu veranlassende ärztliche Unter 
suchung und Behandlung aller als augcnkrank befundenen 
Kinder einzutreten, wobei den älteren Kindern wertvolle 
Fingerzeige für die Berufswahl gegeben werden könnten. 
Durch ein solches Zusammenarbeiten von Lehrer und Arzt 
würde ohne große finanzielle Opfer das geleistet werden 
können, was 'zurzeit als ausreichend für. die Augen der 
Schulkinder bezeichnet werden tonne. Der Augenarzt weist 
schließlich darauf hin, daß es sich auch dringend empfehle, 
die Schüler und Schülerinnen der höheren Schulen durch 
die Lehrer ans Angcnfehler prüfen zu lassen. 
v Tie Eröffnung der Teltower.Kreisschiffahrt. Am 
Himmelfahrtstage nimmt die Teltower Kreisschiffahrt wieder 
ihre regelmäßigen Fahrten auf denr Teltvwkanal und den 
Havelseen nach dem Sommerfahrplan aus. An Sonn- und 
Festtägen ist auf allen Strecken 1 j„ ständiger Verkehr ein- 
gerichtet, zu dem auch die neuen kvmfortablcn Schiffe der 
Kreisflotte zur Verfügung stehen. Bemerkenswert ist die 
neu eingerichtete Dampferoerbindung Neukölln—Potsdam, 
für die jeden Sonn- und Festtag zwei große Dampfer in den 
Dienst gestellt werden. Im Sommerfahrplan ist vor allem 
auf günstige Anschlüsse Bedacht genommen, um ein beliebiges 
und leicht erreichbares Ziel wählen zu können. Der Fahr 
preis für die Strecke Neukölln—Potsdam beträgt für Er 
wachsene nur 55 Pf., für Kinder 30 Pf. Für Vereine und 
Gesellschaften vermietet die Geschäftsstelle Dampfer und 
Motorboote und mich das „Wasserauto" steht dort ans 
telephonische Bestellung bereit. 
o Die Mifrstände ans dein früheren Willmaunschen 
Gelände, das bereits mehrmals als Müllabladestelle benutzt 
wurden ist, haben den Komniunatverein Friedenancr Orts 
teil veranlaßt, eine Petition an das Kgl. Polizeipräsidium 
abzusenden, in der um Beseitigung der Mißstände und Tun 
Einfriedigung dcL Geländes nach der Hauptstraße gebeten wird. 
v Die Barbier-, Friseur- und Perückeumacher- 
ZwaugsiilMUkg beging ihr 30. Stiftungsfest im Schloß 
park. Im Borsaal war eine Ansstellung von Lehrlings- 
abeitcn und fachlichen Gegenständen zu besichtigen. Das 
Schaufrisieren durch die Lehrlinge ivie das Damcnfrisieren 
gingen programmäßig vor sich und erregten viel Interesse. 
Den 2. Teil des Abends bildete die Festtatel. Obermeister 
Paul Wilcke hielt die Festrede und brachte ein dreifaches 
Hoch ans die Innung ans. In der ersten Abteilung des 
Lchrlingsfrisierens erhielten Hilzeubecher und Rosenow die 
Staatspreise, Abraham den Preis des Kreises Teltow, Fvth 
den der Gemeinde Steglitz. In der zweiten Abteilung er 
hielt Paul den Preis des Kreises, Demassier den Steglitzer, 
Stein den Lankivitzer Preis. Dritte Abteilung: l. Thimm, 
2. Arendt, 3. Schütz. Beim Damcnfrisieren wurden die 
Jnnnngsmitglieder Nickel-Zehlendorf, Bürse-Steglitz und 
Pressel-Friedenau, mit Preisen bedacht, ferner die Berliner 
Kollegen Lindner und Klamann. 6. 
0 Äreiskric'ger-Bcrünnd Teltow. Ter zweite dies 
jährige Verbandstag fand am 20. April in Wilhelmshof 
in Berlin statt; war sehr zahlreich besucht und wurde von 
dem ersten Bcrbandsvorsitzcnden, dem Kameraden Fabrik- 
direktor Hauptmann d. L. Hansen-Adlersdorf mit einem be 
geistert aufgenommenen dreifachen Hurra ans Se. Majestät 
Alles in Rolf drängte danach, Helcnsns Hand zu 
fassen, seine Sippen in langem Kuß darauf zu pressen. 
Aber der Junge saß schon ivieder zwischen ihnen auf dem 
Baumstamm. So legte er Hans die Hand auf den Kopf 
und streichelte zärtlich sein reiches Haar. Beim Herabaleiten 
rührte seine Hand für eine Sekunde an die der geliebten 
Frau. Ohne daß er es gewußt, hatten Helenens Finger um 
den Nacken des Knaben gelegen. 
Wie ein Fcuerstrom ging diese Berührung durch ihn 
hin. — 
Erst nach dem Nachtmahl, al§ Kühne und Hans schon 
auf ihren Zimmern waren und Helene allein auf ihrer 
Veranda saß, knin sie dazu, Nellies Brief zu lesen. 
Eie hatte die kleine elektrische Lampe mit dem grünen 
Seidenschirm ausgedreht und sah ein paar Augenblicke mit 
frohem Lächeln vor sich hin. Der Waldspaziergang war 
so köstlich gewesen, daß sie den Aerger über Loewengards 
unberufenes Eindringen beinahe vergessest hatte. 
Und wie schön würde erst München werden! 
Sie malte sich's aus in zarten und warmen Farben, 
wie sie den Beiden ihre Lieblinasschätze zeigest würde. Die 
alten Meister und die jungen! "Und wie sie vor der „Frau 
mit den Hyazinthen" stehen, und Rolfs warme Blicke an 
dem Bilde hängen würden. Konnte cs ein schöneres 
Nirgendwo für sie geben, als die alte, liebe Kunststadt 
mit ihren tausendfachen Reizen, die sic zusammen würden 
genießen dürfen mit offenen Augen und dürstenden Seelen? 
Lange, lange, wenn das Alltagsleben wieder in seine 
Rechte trat, würden sic: noch davon zu zehren haben. 
Mit einem sonnigen Schein von Glück ariff Helene nach 
dem Brief der' Schwester. 
Wie drollig und liebenswürdig Nellie wieder schrieb! 
Helene sah den Baker ordentlich vor sich, wie er. die 
Löwenmähme schüttelnd, voll Ungeduld durch die Zimmer 
und ans das Ausbleiben dieses Herrn Wahl schalt. 
Ein Gluck ühriocus, daß er bieten tüchtigen, jungen Menschen 
gefunden hatte! 
Und weiter schrieb Eornelic: „Ich fürchte nur, unseres 
alten Herrn Freude au diesem sehr.vortrefflichen Hermann 
Wahl wird nur von kurzer Dauer sein und Vaters Zu- 
tunftsabfichten werden schnöde zu Wasser werden. Daß 
Wahl sich der neuen Expedition im Herbst anschließen wird, 
kommt mir jetzt als ziemlich gewiß vor, da die Dame 
seines Herzens das ihre woanders einlogiert zu haben 
scheint. 
. Du kennst übrigens diese Herzcnsdame, Lena. Es ist 
das Fräulein Lotte Heine, das starke, rotblonde Mädchen) 
das Dir einmal im Museum gegen einen Frechdachs bei 
gestanden hat. Sie war ja auch, wie ich Dir erzählte, bei 
dem Zoo-Souper gegenwärtig. Da Du weißt, daß sie eine 
intime Freundin der Kühnes ist, brauche ich Dir nicht erst 
zu sagen, .wo bu gute, brave, dicke Lotte ihr Herz mut 
maßlich einquartiert hat." 
Helene las diesen Satz ein-, zweimal. Als sie die Stelle 
znm drittenmal gelesen, lag es wie ein grauer Schleier 
zwischen ihr nnb dem Briesblatt. Mechanisch entglitt es 
ihren Fingern und siel aus'den Tisch. 
Grübelnd, die Hand über den Augen, faß Helene da. 
E:n langsames Dämmern, ein Lichtwerden, danach eine 
grelle, gnalvolle Klarheit, vor dex sie in tiefem Erschrecken 
oie Augen schlosi. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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