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Periodical volume Nr. 101, 30.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

irifirrnoHtr 
(Kriedenauer 
Anparietische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Kugelegenheiteu. 
kezugsprers 
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sefondere 
'Jeden DQittwod): 
CHujblatt „Seifenblasen“. 
Erscheint täglich aöends. 
Zeitung.) 
Organ für den Kriedenauer Ortsteil non Zchilneberg und 
Gerirksnerein Zndwest. 
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Jeden Lonnt»gr 
klarier für cieutfcke grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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Ur. 101. 
Berlin-Friedenau, Mittwoch, den 30. April 1913. 
20. Iahrg. 
Fjimm eifahrt 
Von Adamine von Diemar, Freienwalde. 
Du festlicher Tag voll heiliger Wonne! 
Im Geiste erschau ich des Heilands Gestalt, 
Umflossen vom Glanze der strahlenden Sonne, 
Befreit von des Todes, der Menschen Gewalt, 
Emporgehoben ans seltsame Art 
Durch Himmelfahrt! 
O danket dem Dulder, der schuldlos getragen 
Die Sünde der Welt und erlitten den Tod, 
Den schmerzhaften, als man ans Kreuz ihn geschlagen! 
Erfüllt hat er treulich des Vaters Gebot: 
Er hat uns'rer Seele das Leben gewahrt 
Durch Himmelfahrt! 
„Mir nach!" so hat unser Heiland gesprochen, 
„Was wollt Ihr noch zagen, versunken im Leid?! 
Ich habe den Bann des Todes gebrochen. 
Nun führ' ich Euch sicher zur Herrlichkeit; 
Es bleibt Euch Müden noch aufgespart 
Die Himmelfahrt!" 
O möchte der Tag heut' zur Mahnung dir werden: 
Erhebe, du Menschenkind, Herz und Gemüt! 
Denn über dem Dunkel, dem Leid dieser Erden 
Verheißend die ewige Liebe noch glüht. 
Ja, irdisches Glück mit geistigem paart 
Nur „Himmelfahrt!" 
Und strebt denn nicht alles hienieden nach oben, 
Zur Quelle des Lichtes, mit heißem Begehr?! 
Die Vöglein, sich,himmelanschwingend, sie loben 
Und preisen den Schöpfer, so hoch und so hehr; 
Es feiert das Weltall auf jegliche Art 
Auch Himmelfahrt! 
vepelcken 
Letzte Uachricbten 
Berlin. Professor Erich Schmidt, der berühmte Literar 
historiker der Berliner Universität, ist heute nacht in seiner 
Wohnung in der Augsburger Straße 43 an den Folgen 
eines Schlaganfalls gestorben. 
Passau. Im Dorfe Scherleinsöd bei Unter-Grienbach 
brach heute morgen ein großer Brand aus. Das ganze 
Dorf steht in hellen Flammen. Da Wassermangel herrscht, 
so dürfte alles unrettbar verloren sein. 
Köln. Wie der Mailänder Korrespondent der Kölnischen 
Zeitung telegraphiert, wird von dem dortigen Albanen- 
komitee auf das bestimmteste versichert, daß die ehrgeizigen 
Pläne Essad Paschas nicht die geringste Unterstützung des 
albanischen Volkes fänden. Die Albaner wünschten einen 
Prinzen aus einem europäischen Herrscherstamm zum König 
und weisen ein Albanien unter türkischer Schutzherrschaft 
entschieden zurück. 
träumende menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
32 (Reibrad »etboUnJ 
Nachdem er über den Garten berichtet und die Unauf 
merksamkeiten des Gärtners während dieser schönen Jahres 
zeit getadelt, kam Helene zu einem Passus, der ihre be 
sondere Aufmerksamkeit und ihren heftigen Unwillen er 
regte. Mörbe schrieb: 
„In voriger Woche, als cs Sonntag war, ist Herr von 
Loewengard hier gewesen. Er wollte unsere neuen Süden 
zimmer „inspektieren", wie er sagte. Na, ich wußte ja 
nicht, ob gnädiger Frau das recht sein würde, aber was 
sollte ich machen, wo ich doch nur ein kleiner Invalide 
von der Gnade der gnädigen Frau bin. Also denn, so 
führte ich ihn herein. Es schien ihm nicht sehr recht zu 
sein, daß ich ihm gerade sozusagen vor die Füße ge 
laufen war. ...... 
Er fand an allem was auszusetzen, was wir jo schon 
gemacht haben, gnädige Frau, und besonders in dem 
Zimmer für Herrn Kähne, den ich ganz ergebenst zu 
grüßen bitte, war alles zu kostbar und reich, meinte er, 
für einen —, und er gebrauchte ein ausländisches Wort, 
was ich nicht verstanden habe, und machte ein Gesicht dazu, 
als ob er sauren Wein tränke. 
Aber es kommt noch schlimmer. Nämlich, wo alles 
schon fir und fertig ist, hat der Schlosser noch immer nicht 
eine Schuldigkeit getan. Das große Parktor, was ich 
mmer zugeschlossen haben wollte, solange gnädige Frau 
auf Reisen ist, das hat der Kerl immer noch nicht fertig 
gemacht, und so kommt, was ich für ein Malheur zu halten 
mir erlaube. Nämlich. Zwei Tage später kommt durch das 
Wien. Wie die Reichspost meldet, hatte der Thron 
folger Franz Ferdinand gestern Nachmittag im Auswärtigen 
Amt mit dem Grafen Berchtold eine längere Besprechung. 
Mittags konferierte Graf Berchtold mit dem italienischen 
Botschafter Avarna über die Skutarifrage. 
Wien. Die Reichspost läßt sich aus Cattaro tele 
graphieren: Die Konzentration der montenegrinischen Streit 
kräfte im Raume Cetinje-Njegus hat bereits begonnen. Von 
der Armee in Skutari wurden gestern 5000 Mann an die 
österreichische Grenze dirigiert. Die Bataillone aus Njegus 
und Centinje haben während des Krieges wenig gelitten, 
da der König sie meist zu seinem persönlichen Schutze ver 
wendete. Die montenegrinischen Attmitionstransporte dauern 
sott. Die Montenegriner haben auf dem Loocen gegenüber 
Cattaro 12 Geschütze und Maschinengewehre in Position 
gestellt. Der österreichisch-ungarische Gesandte in Cetinje 
Baron Giesl hatte gestern eine Audienz beim König 
Nikita. Der König bleibt hartnäckig, die Serben unter 
stützen ihn. 
Nom. In informierten politischen Kreisen gilt es als 
absolut sicher, daß Italien sich an den militärischen Zwangs 
maßmaßregeln gegen Montenegro beteiligen wird, und dieses 
selbst dann, wenn die militärische Aktion selbständig ohne 
ein europäisches Mandat unternommen werdens sollte. 
Den ganzen Tag über herrschte heute zwischen Wien und 
Rom ein lebhafter Depeschenwechsel, um ein gemeinsames 
Vorgehen Italiens und Oesterreichs genau zu bestimmen. 
Paris. Ueber die in der letzten Zeit in Paris fest 
gestellte ungewöhnliche Zunahme der Typhusfälle wurde in 
der gestrigen Sitzung der Akademie der Medizin mitgeteilt, 
daß die gegenwärtig insbesondere in einigen Vierteln des 
linken Seineufers herrschenden Typhusepidemie auf die Un 
achtsamkeit eines bei der Ausstellung für körperliche Er 
ziehung beschäftigten Arbeiters zurückzuführen ist, der im 
Gebäude der medizinischen Fakultät ein Rohr der Seine 
wasserleitung mit einem Rohr der Trinkwasserleitimg ver 
bunden hatte. Drei Wochen später wurden dem Gesund 
heitsamte überaus zahlreiche Typhusfälle gemeldet. 
Kommunale Arbeitsvermittlung 
uncl Arbeitslofenfürforge für 1910 
unci 1911* 
Für den soeben erschienenen 19. Jahrgang des 
„Statistischen Jahrbuchs Deutscher Städte" hat Beige 
ordneter Dr. Otto Most-Düsseldorf den Abschnitt Arbeits 
vermittlung und Arbeitslosenfürsorge bearbeitet. Aus seinen 
Darstellungen über die Arbeitsvermittlung 1911 ergibt sich, 
daß in Anlage und Umfang gleich denen des Vorjahres, die 
Uebersichten über Arbeitsnachweise und ihre Vermittlungs 
ergebnisse die vorjährigen Tabellen unter vollkommener 
Wahrung ihrer Vergleichbarkeit weiter geführt werden 
konnten, nur daß die Städte Beuthen, Elbing und 
Spandau diesmal im Gegensatz znm Vorjahre von der Be- 
Parktor, wo ich doch nichts von seyen kann» wenn ich 
nicht zufällig um das Haus herum bin, der Herr von 
Loewengard schon wieder und bringt noch zwei andere 
Herren mit und schnüffeln im ganzen Hause rum und 
machen Notizen und Schreibereien und sagen sich leise 
was, und die Minna, die mich hat holen wollen, hat nicht 
dürfen, und Giese auch nicht. 
Ich weiß ja nicht, ob dies alles ist geschehen mit 
Bewilligung von der gnädigen Frau. Jedenfalls aber, bis 
das Lu . . . von Schlosser kommt, bleib' ich mit gnädiger 
Frau gütiger Erlaubnis unten im Souterrain nach, vorne 
Tag und Nacht. Da soll mir keiner wieder rein ins Schloß, 
bis ich nicht von der gnädigen Frau weiß soundso. Womit 
ich verbleibe und viele Grüße an meinen jungen gnädigen 
Herrn und einen ergebensten Handkuß für die gnädige 
Frau, gnädigster Frau ganz gehorsamster Diener und 
Invalide. ■ • 
Gustav Morbe." 
Zwischen Helenens seinen Brauen stand eine dichte 
Falte. Was hatte das zu bedeuten ? Was nahm Loewen 
gard sich heraus? Bogislaw hatte ihm die Vollmacht über 
die Fabrik, nicht aber über Klein-Wlossow gegeben. Nie 
zuvor hatte es jemand gewagt, in ihrer Abwesenheit ein 
zudringen, Kritik zu üben. 
Etwas Dunkles, Unheimliches schwebte auf sie zu, das 
in ihr Leben einzudringen drohte. Aber sie wußte nicht, 
wie es bei Namen nennen, nicht, wie es zu fassen sein 
würde. 
Kam es wieder über sie, das Gefühl schutzloser 
innerlicher Vereinsamung? Sie schüttelte hastig den Kopf. 
Nein, das sollte nicht mehr sxin. Rolf hatte sie aufgeweckt. 
Sie wollte nicht länger tatenlos und verständnislos auf 
das, was um sie her vorging, blicken. Sie wollte auch ihr 
Recht auf Arbeit haben, auf tätige Anteilnahme an dem, 
was ihr und Hansens war. Stazid. sie^rst estrmal mitten 
richterstattung absahen, während Heidelberg, Hildesheim 
Osnabrück, Regensburg und Solingen, die 1911 nicht be 
richteten, für dieses Jahr die Fragebogen beantworteten. 
Es vereinigten sich danach 85 (Vorjahr 82) Groß- 
und Mittelstädte zur Berichterstattung über den Stand der 
Arbeitsvermittlung. Von diesen 85 Städten besaßen 1911 
50 (51) einen eigenen Arbeitsnachweis, d. i. verglichen mit 
dem Vorjahr und unter Außeransatzlassung der neu hinzu 
getretenen Städte mit eigenem Nachweis (Heidelberg, 
Hildesheim, Osnabrück, Regensburg), 1 mehr, der in 
Offenbach durch Uebergang der Geschäfte des Kreis-Arbeits 
nachweises auf die Stadt entstanden ist. Hinsichtlich der 
Städte, die nichtgemeindliche Arbeitsnachweise unterstützten, 
ist keine Veränderung eingetreten, ihre Zahl belief sich auf 
24 (24), unter denen wieder 6 waren, die solche Subven 
tionen neben der Unterhaltung eigener Nachweise zahlten. 
Keine pekuniäre oder Naturalunterstützung fand die Sache 
der Arbeitsvermittlung seitens der Städte Altona, Bremen, 
Gelsenkirchen, Harburg, Königshütte, Lichtenberg, Lübeck, 
Remscheid, Rostock und Zwickau. 
Im übrigen war das Jahr 1911 für die Arbeits 
nachweissache eine Zeit zielbewußter Weiterentwickelung. 
Vor allem gewann der Gedanke des Zusammenschlusses der 
öffentlichen Arbeitsvermittlungsstellen zu Provinzialverbänden 
weiter an Boden. Dabei ist der Wunsch maßgebend, nicht 
allein die bereits bestehenden Nachweise zwecks einheitlicher 
und einander ergänzender Arbeit in größeren Verbänden 
zusammenzufassen, sondern vor allem auch in Landesteilen, 
in denen die Arbeitsvermittlungssache noch iin Rückstände 
ist, diese durch Gründung von Provinzialverbänden, denen 
eineTebhafte Propaganda zur Aufgabe gemacht werden soll, 
zu fördern. Von dahin zielenden Plänen ist aus Pommern, 
Posen und Schlesien berichtet worden; nach ihrer Errichtung 
werden dem Verbände „Deutscher Arbeitsnachweise", der 
sämtliche Bezirksoerbände umfaßt, 18 Landes- und Pro- 
vinzialverbände angeschlossen sein. Letztere ersttecken sich, 
um sie wegen ihrer Wichtigkeit auch für die kommunalen 
Arbeitsämter, besonders hinsichtlich ihrer Fördemng des 
interlokalen Verkehrs an dieser Stelle zusammenhängend auf 
zuführen, auf: Brandenburg einschl. Berlin, Regierungs- 
bezirk Liegnitz, Provinz Sachsen einschl. Anhalt, Schleswig- 
Holstein einschl. die drei Hansastädte, Hannover einschl. 
Oldenburg sowie Braunschweig und Schaumburg-Lippe, 
Westfalen, Hessen-Nassau einschl. Großherzogtum Hessen und 
Waldeck, Rheinprovinz, Bayern, Rheinpfalz, Wütttemberg, 
Baden, Elsaß-Lothringen, Thüringische Staaten, und König 
reich Sachsen, wo die Gründungsverhandlungen im Jahre 
1911 zum glücklichen Abschluß kamen. 
Die Bemühungen der gemeinnützigen Arbeitsnachweise, 
die Arbeitsvermittlung immer mehr in ihrer Hand zu kon 
zentrieren, waren ebenfalls zum Teil von Erfolg gekrönt. 
So haben sich seit der letzten Berichterstattung wieder eine 
ganze Reihe von Facharbeitsnachweisen irgendwelcher 
Korporationen zugunsten der paritätischen Arbeitsämter auf 
gelöst. Unter anderen haben die Metallschläger in Fürth 
drin, mußte es ja mit dem Gefühl ver Vcyutziojigrell, oer 
Vereinsamung vorüber sein. 
Sie verschloß Mörbes Brief. Sie wollte ihm noch 
heute antworten und ihm Vollmacht geben, niemand mehr 
in Klein-Wlossow einzulassen. 
Helene sah flüchtig die anderen Briefe durch, die nur 
Gleichgültiges brachten. 
Corneliens Schreiben hatte sie in der Tasche. An dem 
wollte sie sich erfreuen, wenn sie nachmittags mit Hans 
und Köhne ihre Wanderschaft machte. Es machte den 
beiden immer Spaß, wenn sie aus Nellies lustigen Briefen 
vorlas. 
Heute aber kamen sie nicht recht dazu, obwohl sie 
allein waren und des heißen Tages wegen öfters Rast 
machten. Hans hatte wieder eine Menge neuer Erlebnisse 
zu erzählen. Es waren Volksschauspieler in Reichenhall 
angekommen, die ein Volksstück aus dem Berchtesgadener 
Land aufführen wollten. Da mußten sie in jedem Fall 
hingehen. Hans war noch nie in einem Theater gewesen, 
auch Elsie nicht. Sie mußte die Großmutter um Erlaubnis 
bitten. Uebermorgen war die erste Vorstellung. Mutti 
»sollte nur Herrn Köhne beauftragen, morgen gleich die 
Karten zu holen. 
„Und München?" neckte Lena, die mit dem Jungen 
auf dem schmalen Waldweg neben der Solleitung vor 
Köhne herging. 
Der Junge blieb stehen und ließ Rolf herankommen. 
„Wir beide aber auch!" sagte er lachend. „Jetzt haben 
wir über dem heimlichen Plan, zu den Schauspielern zu 
gehen, München vergessen." 
„Ich nicht, mein Junge!" Rolf wandte sich zu Helene: 
„Hans hat mir die Freudenbotschaft gebracht. Ich 
danke Ihnen schon im voraus, gnädige Frau. Es muß 
ein unbeschreiblicher Genuß sein, die Stadt und die Samm 
lungen —" Er stockte einen Auaenblick. Er batte laaen
        
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