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Periodical volume Nr. 99, 28.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

damit unsere Mitbürger nicht mehr über mangelnden polizei 
lichen Schutz iü der Nacht zu klagen haben. 
o Der „Wochenmartt mit Musik". Unter vielem 
Titel war in einer der letzten Nummern der „Boss. Ztg." 
ein Aufsatz von Julie Jolowicz enthalten. Der^Friede- 
uauer Gemeindenorstand glaubt nun jedenfalls, der öffentliche 
Markt der Gemeinde werde durch diesen Aufsatz geschädigt 
und ersucht daher die oben augeführte Zeitung, mitzuteilen, 
das; der erwähnte Markt nicht auf Fricdenauer Gebiet, 
sondern in dem benachbarten Echöneberg belegen sei. Be 
kanntlich veranstaltet der Besitzer des Privatmarktes au der 
Hauptstraße Ecke Fregestraße jeden Mittwoch und Sonn 
abend Konzerte. Dieser Privat markt liegt unmittelbar neben 
unserem öffentlichen Markt. 
o Handclsgerichtliche Eintragung. Nr. 40 228. 
Automobilbetrieb Noske und Barth, Berlin-Friedenau. 
Gesellschafter: Arthur Roske, Kaufmann, Berlin-Friedenaü, 
Paul Barth, Fuhrherr, Berlin-Friedenau. Offene Handels 
gesellschaft, welche am l. Oktober 1912 begonnen hat. 
Branche: Autvmobilfuhrwescn. Geschäftslokal: Büsingstr. 2. 
o Allgemeiner Deutscher Sprachverein (Zweigvcrein 
Berlin—Charlotkeubürg). In der Aprilversammlung am 
Mittwoch, dem 16. sprach über die „Sprachpflege in den 
deutschen Kolonien" Herr Lic. Pfarrer Anz aus Schlachtensee. 
Redner hat lange Jahre als Seelsorger in Siidwestafrika 
gewirkt und konnte deshalb ein lebendiges Bild von dem 
sprachlichen Leben geben, das wir in unseren Siedelungen, 
insbesondere in Südwestafrika, finden. Während in den 
Siedelungen der Franzosen französisch, in denen der Eng 
länder englich, in holländischen oder portugiesischen hollän 
disch oder portugiesisch mit den Eingeborenen gesprochen 
wird, zeigen die Deutschen auf ihren Siedelungen eine 
schwächliche Nachgiebigkeit im Sprachgebrauch. In Kamerun 
spricht inan zu den Negern Pidgtn-Englisch, in Ostafrika 
Suaheli, in Südwestafrika ein minderwertiges Holländisch. 
Die nationale Würdelosigkeit ist neben dem deutschen Bier 
unser schlimmster Feind im Ausland. Die Lieger denken 
allgemein, daß diejenigen die Herren im Lande sind, deren 
Sprache gesprochen wird. Dazu kommt, daß Buren und 
Engländer schon nach ihrem selbstbewußten Auftreten einen 
stärkeretl Eindruck auf die Eingeborenen machen. Seit dem 
südioestafrikanischcn Feldzug ist es in Siidwest etwas besser 
geworden, infolge des unbefangenen, selbstbewußteren Auf 
tretens unserer deutschen Offiziere und Soldaten und infolge 
der stetigen Arbeit einzelner angesehener Männer, die auch 
mit Pfarrer Anz zusammen einen Zweigverein des Allge 
meinen Deutschen Sprachvereins in Windhuk gegründet 
haben. — Aber noch immer begrüßt der „Bambuse" oder 
schwarze Diener den Teutschen baas mit morrow, mister. 
Der „Bambuse" holt aus dem störe für einen Schilling 
oder Sirpettce (deutsches Geld!) kost, lekkers oder suppi! 
Alan ißt mit fort oder meß (Gabel und Messer) bei einem 
Freunde in der „Store" Straße, nimmt nach Tisch eine 
samt (Zigarre) und' trinkt koffy statt Kaffee. Danach fährt 
man mit der heisterpad (Eisenbahn) oder mit offen (Ochsen) 
auf der pad (ins Land). — Noch schlimmer ist die Auf 
nahme von Negerbrocken in die Verkehrssprache der Deutschen 
untereinander: hm statt ja, dann weiter höö oder kak statt 
nein, amper beinahe, huka lange. Der deutsche Mangel an 
Nativnalg^ühl hat sich auch darin gezeigt, daß' man für 
Ortsnamen erst Hottentottennamcn gebildet hat. Mit Recht 
forderte Pfarrer Anz mehr Selbstbewußtsein und Mehr Hoch 
achtung vor dem eigenen Volke, vor der eigenen Mutter 
sprache. Die Gräber unserer Krieger in Siidwest geben uns 
ein heiliges Recht auf dieses Land, daß wir teuer erkauft 
haben, aber sie mahnen uns auch, daß wir selber unsre 
Pflichten gegen unser Volkstum erfüllen. —, Der van 
innerer Begeisterung und reicher Sachkenntnis durchdrungene 
Vortrag veranlaßte den anivesenden Vorsitzenden des Ge- 
samtvorstandes Herrn Gehcimrat Dr. Sarrazin zu der 
Bitte an den Vortragenden, er möchte diesen Vortrag in 
anderen, auswärtigen Zweigvereinen wiederholen. Dem 
lebhaften Beifall der Versannnlung schloß sich auch der Vor 
sitzende des Berliner ZweigverciNs, Präsident v. Mühlenfels 
mit herzlichen Dankesworten an, indem er mit kurzen 
treffenden Worten auf die Wichtigkeit der Sprachpflege für 
die! Erhaltung und Förderung des Deutschtums einging. 
Aus den geschäftlichen Mitteilungen ist hervorzuheben, daß 
die Mitgliederzahl jetzt schon 2000 wesentlich überschritten 
hat und daß die Werbearbeit in kaufmännischen Kreisen tu 
letzter Zeit freundlichere Aufnahme und mehr Verständnis 
zu finden scheint. . 
o Friedenaner Parochralverem. Das am letzten 
UnterhalwNgsabend verloste Bild ist aus die Nr. 213 ge 
fallen Der Gewinn kann ans der Wohnung des Herrn 
Rechnungsrats Luckwaldt, Kaiserallee 90, abgeholt werden. 
o Zn einem Ferienknrsns über Volkswirtschaft, 
staatsbürgerliche Fortbildung und Redekunst laden der Bund 
Deutscher Bodenreformer und der Reichsverband Deutscher 
Städte ein, der vom 13. Mai (Pfingstdienstag) bis zum 
18. Mai (dem Sonntag nach Pfingsten) in der Landwirt 
schaftlichen Hochschule, Berlin N., Jnvalidenstr. 42, statt 
finden soll. Volkswirtschaftliche Vorkenntnisse setzt der 
Kursus nicht voraus. Die Vorträge sind alle gemeinver 
ständlich. Auch sind, dem neutralen Charakter der beiden 
veranstaltenden Organisationen entsprechend, parteipolitische 
oder religiöse Fragen ausgeschlossen. Die Vorträge sind 
Vor- und Nachmittags. Besichtigungen und zwanglose gesell 
schaftliche Veranstaltungen sind ebenfalls vorgesehen. Aus 
denr reichhaltigen Stundenplan seien nur die Namen 
einzelner Dozenten hervorgehoben: Erz. Adolf Wagner 
(Staatsbürgerliche Bildung), Damaschke (Soziale Probleme, 
Redekunst), Geheimrat Tr. Schrameyer' (Kolonialfragen), 
Legationsrat Dr. v. Schwerin (Agrarfragen), Pohlmann- 
Höhenaspe (Volkswirtschaft, 2. Hypothek), Prof. Dr. Koppe 
und Bürgermeijter Dr. Vosberg (Soziale' Verwertung des 
Gemeinde-Grundeigentums), Biirgermeister Metzmächer (Be 
steuerung des Bodens), Pastor Onnasch (Heim und Arbeit 
für Arbeitslose). Herren und Damen können an dem Kursus 
teilnehmen. Die Teilnehmerkarte kostet 10 M. 
o Männer - Turnverein und Sportklub. Einem 
gcmeinsainen Wunsche entsprechend) haben sich der „Männtzr- 
Turnverein zu Friedenau" und der „Sport-Klub Friedenau" 
vereinigt. Im Interesse der Leibesübungen uNd des 
Sportes, sowie besonders im Interesse der Jugendpflege ist 
diese Vereinigung nur mit Freude zu begrüßen. Die Ver 
handlungen sind nunmehr abgeschlossen und der bisherige 
Sportklub tritt aur 1. Mai dieses Jahres mit 29 Mit 
gliedern und 27 Zöglingen geschlossen zUin M. T. V. über 
und wird von diesem Tage ab die Bezeichnung: „Sport 
abteilung des Männer - Turnvereins Friedenau" 
führen. Auch als solche wird sie, wie seither der Sportklub, 
Mitglied des Verbandes Berliner Athletik-Vereine bleiben 
und an dessen Wettkämpfen teilnehmen. Den Vorstand der 
Sport-Abteilung bilden folgende Herren: Richard Müller als 
Vertreter, Wohnung: Lauterstr. 5/6, Willy Stoltzenburg, 
Kassenwart, Roennebcrgstr. 3, Erich Albrecht, Schriftführer, 
Kurt Fitzner und Alfred Andersick, Sportwarte, Willy 
Fischer. Zeugwart. Die beiden erstgenannten Herren gehören 
dem, Turnrat des Vereins an. Die Geschäftsstelle der Ab 
teilung ist Lauterstr. 5/6, die weitere Auskünfte gern erteilt. 
o Das Pädagogium für Musik von Frau Emmi 
Born und Georg Hilgenberg, Friedenau, Rheinstr. 5, ver 
anstaltete am Donnerstag, dem 24. April im große Saale 
des Gemeindehauses den letzten Schülervortragsabend in 
dieser Saison. Es hatte sich wieder ein zahlreiches 
Publikum versammelt, welches den jungen Interpreten für 
ihre hervorragenden Leistungen großen Beifall spendete. 
Dem Programin lag, wie in allen Aufführungen, wieder 
ein hochkünstlerischer Geschmack zu Grunde. Von den 
Klavierspielern trug ein jeder sein Stück mit Frische, Sicher 
heit, weichen: Anschlag, perlender Technik und feiner 
musikalischer Auffassung vor, wie auch die Geiger durch 
ihren schönen abgerundeten Ton und tadellosen rechten 
Arm auffielen. Sehr klangschön und in feiner Abtönung 
wurde das Largo von G. Raphael, ein Canon für Violine 
und Cello vorgetragen. Was die Geiger und Cellisten 
unter tüchtiger und energischer Führung zu leisten vermögen, 
zeigten sie beim Largo von Händel, dessen Wiedergabe 
weihevoll klang, und mit dem Elfentanz von Jenkinsou, 
welcher mit leichtem Spikato und feiner Niiancierung wieder 
gegeben wurde. Die jungen Künstler, welche sich in 
Meisterhand befinden, haben Tiichtiges gelernt, und ein 
jeder behandelt sein Instrument mit viel Geschmack. Sie 
lassen daher auch nirgends musikalisch gesunde Auffassung 
und Rhytmus vermissen. Es erscheint zweifellos, daß das 
ihn vielen Kreisen unserer Bürgerschaft beliebt und sym 
pathisch. Jedem war er wohlgesinnt uud dies betätigte er 
vor allem in seinen Ehrenämtern. Die Beerdigung findet 
am Mittwoch, dem 30. d. Mts., um 4 1 / 2 Uhr Nachmittags 
von der hiesigen Kirche zum Guten Hirten (Friedrich 
Wilhelm-Platz) aus statt. 
o Die Berliner Straßenbahnen in der Straße 
Unter den Eichen sind am Sonnabend Vormittag, wie wir 
mitteilten, für den öffentlichen Verkehr freigegeben worden 
und erfreuten sich bereits eines recht lebhaften Zuspruches: 
die Wagen mit den neuen Schildern „Lichterfelde-West 
Drakestraße" werden sicherlich bei weiterein Bekanntwerden 
dieser bedeutsamen Verkehrsverbindung noch eifriger benutzt 
werden, zumal sich ein Bedürfnis hierzu schon seit laugen: 
gezeigt hat. Bekanntlich werden die neuen Gleise dazu 
benutzt, um die Linien vom Zoologischen Garten und vom 
Potsdamer Platz dahin zu verlängern. Es wird jeder 
zweite Wagen der Linien IT und E bis zu dem neuen End 
punkt durchgeführt. Es werden so zwei ganz neue Linien 
.1 Bahnhof Zoologischer Garten—Kaiserallec—Steglitz— 
Lichterfelde-West und K Potsdamer Platz—Schöneberg— 
Steglitz—Lichterfelde-West eingerichtet. Die neuen Linien 
verkehren alle 15 Minuten. J ergänzt sich aber mit der 
Linie F zwischen Steglitz und dem Zoo zu einem Betrieb 
von 7 J / 2 Minuten, ebenso die neue Linie K mit E zwischen 
Steglitz und dem Potsdamer Platz. Die Fahrpreise be 
tragen für die ganze Strecke der beiden neuen Linien 
je 20 Pfg. — Die Verkehrsverbesserung, die die Straßen 
bahn mit der Einlegung der Linien K uud J getroffen hat, 
ist aber nur eine halbe Maßnahme, solange diese Wagen 
ohne Anhänger fahren. Bei der Linie E wurde es bisher 
schon bitter empfunden, daß die Wagen von Steglitz aus hier 
bereits „besetzt" eintrafen. Nachdem die Linie K, die den 
Weg der Linie E zurücklegt, noch weiter nach Lichtcrfelde 
verlegt ist, dürfte es noch häufiger vorkommen, daß man 
auf dieser Strecke nicht mitkommt. Hoffentlich läßt also 
die Gesellschaft die Wagen der Linie K künftig mit An 
hängern verkehren. 
o Eine Einfamilienhaus-Siedlung soll in Steglitz 
geplant sein. Die Anlage wird mitten im besten Wohn 
viertel von Steglitz, unmittelbar an dem großen Gemeinde- 
park, entstehen und in Reihenhausgliedennig für Personen 
gebaut werden mit etwas höherem Einkommen, die sich eine 
„herrschaftliche Villa" nicht leisten können oder sich aus 
anderen Gründen nicht an den Besitz eines Hauses fesseln 
wollen. Zur Anwendung komint das System der Erbmiete. 
Nach diesem System ist der Erwerb des Hauses nicht er 
forderlich, und trotzdem kann kein Bewohner gegen seinen 
Willen ausgemietet werden, wenn er seinen vertraglichen 
Pflichten pünktlich nachkommt. Da das Unternehmen nicht 
geschäftlichen, sondern gemeinnützigen Charakter trägt, ist 
auch eine willkürliche Steigerung der Mietpreise ausge 
schlossen. 
o Zur weiteren Ausgestaltung des Wilincrsdorfcr 
Seeparks wird die Mannheimer Straße, insoweit sie den 
Park durchschneidet, kassiert werden, da dieser Straßenteil 
durch die Herstellung der Brücke im Zuge der Barstrnße 
entbehrlich geworden und die Beseitigung im Interesse einer 
einheitlichen Sceparkaulage zwischen der Barstmße uud der 
Augnstastraße erwünscht ist. 
o Ueber die Unsicherheit in unserem Ort ivurde 
letzthin vielfach geklagt. In der letzten Versammlung des 
Handel- und Gewerbevereins wurde vorgebracht, daß Nachts 
wiederholt harmlose Passanten von jungen Burschen ange 
fallen worden sind. Selbst in der belebten Nheiustraße 
sind wiederholt lieberfälle vorgekommen. Als man den 
Rvivdys bedeutete, daß man einen Polizeibeamten rufen 
werde/ antworteten sie dreist: „Dem sind nur eben begegnet, 
der läßt sich vorläufig hier nicht mehr blicken". Von anderer 
Seite wnrde festgestellt, daß während einer ganzen Stunde 
sich Nachts kein Schutzmann in der Rheinstraße sehen ließ. 
Wenn solche Fälle schon für die Rheinstraße vorliegen, wie 
mag cs da erst in den Nebenstraßen mit dem polizeilichen 
Schutz bestellt sein? In der Nacht zum Sonntag trieben 
wieder in der Jllstraße radaulustige Burschen ihr Unwesen. 
Sie entfernten ein Arztschild vom Vorgarten und spielten 
damit Fangcball. Es ist unbedingt notwendig, daß eine 
andere Organisation unserer Polizei durchgeführt wird, 
Hier t;t Herr Leutnant von Lersch, der ein Butterbrot mit 
uns essen will: Es werden sogar, soviel ich weiß, Back- 
hendeln mit Salat werden. Bitte, möchtest du Herrn Wahl 
nicht loslassen, Papa! Wahrhaftig, du siehst aus wie ein 
Blauer, der sein armes Opfer auf die Wache schleppt." 
Sie ntußten alle lachen. 
Ehe sie zu Tisch gingen, nabm Reimann seine Tochter 
beiseite. 
„Um Gottes willen, Ncllie, halte mir den Menschen 
fest," sagte er mit dem Versuch, zu flüstern. „Er ist mir 
unersetzlich. Ich gebe dir Reiseurlaub so viel und lo lanae 
du willst, lieber heut als morgen." 
„Ich will sehen, was sich tun läßt, Papa," gab Nellic 
mit ihrer hellen, frohen Stimme zurück. „Aber heut und 
morgen, nein. Die Frucht muß erst reif werden, ehe man 
sie pflückt." Und dabei sah sie mit langem, zärtlichem 
Blick zu Edgar hinüber, dessen Augen verklärt . an den 
ihren hingen. 
14. Kapitel. 
Das Gespräch, das sie mit Kühne auf der Veranda 
geführt hatte, ging Helene von Lersch lange Tage noch 
durch den Kopf. 
Sie faß in ihrem Karbsluhl uud blickte scheinbar ganz 
versunken zu den Herrlichkeiten der Bergwelt auf. Zu 
dem Stauffcn mit seinem weißen Kreuz aus. dem Gipfel, 
das so hell in der Sommersvnne, Uberblaut von einem 
wolkenlosen Himmel, lag, daß ein gutes Auge wic Hclcuens 
jeden Streifen Neuschnee in den Rinnen des grauen Ge 
steins ohne Glas erkennen konnte. 
Zu dem Zwiesel mit seinen grünen Alpenmatten und 
den verstreuten Häusern, die er auf seinem Rücken trug, 
und die rüie Kinderspielzeug in der Sonne glitzerte». 
Aber die nachdenkliche Frau sah dies alles so recht 
eigentlich nicht. Iinmer wieder gingen ihre Gedanken rück 
wärts. , Weiter noch als zu dem Gespräch mit Rolf, das 
sich nie wiederholt oder weiter zwischen ihnen ausgebaut 
hatte. . 
Sie waren nicht oft allein gewesen, und wenn sie es 
gewesen, hatte es zu einem Austausch persönlicher Ge 
danken nicht mehr recht kommen wollen. Rolf war wieder 
in seine alte verschlossene Scheu zurückgefallen. Nichts 
mehr von dem Ton ihrer Briefe war zwischen ihnen auf 
geklungen. Und auch Helene fühlte, daß sie in diesen ge 
dankenschweren Tagen wohl kaum die Frau von Nirgendwo 
für ihn gewesen sei. 
In dieser Sommermuße, aufgerüttelt durch das, was 
Rolf ihr gesagt, kam Helene von Lersch eigentlich zum 
erstenmal zu der Erkenntnis, wie unreif sie in die Ehe 
getreten, wie weltfremd und verträumt, wie in Vorurteilen 
. befangen sie durchs Leben gegangen war. 
Was halle sie bisher von den Wirklichkeiten des Daseins, 
von seinen harten Anforderungen gemußt? Was von 
der Arbeit, von dem Berufsleben des Mannes? 
Sic hatte Beamte, Kaufleute, Offiziere, Künstler ge 
kannt. Das heißt, sie waren an ihr vorübergezogen, er 
starrt in schablanenhasten Begriffen, oder sie waren ihr 
dargestellt worden in verzerrter Uebertreibung. 
So hatte ihr Baker, immer ein Stück Revolutionär, sic 
an der Bewertung des Beamten vollständig irregemacht. 
; Ihm selbst waren wiederholt große Stellungen angeboten 
■ worden, er Hatto sie alle lachend ausgcschlogen. 
„Ein Mensch, der was kann, soll unabhängig bleiben," 
das war seine Devise. „Nichts tönner, kleine Seelen mögen 
, unterkriechen unter das flache beengende Schutzdach des 
Siaats." 
So war er's auch sehr zufrieden gewesen, daß seine 
i Aelleste, kaum flügge geworden, einen unabhängigen Mann 
geheiratet, Fabrik- und Grundbesitzer! Abgesehen von der 
, glänzenden Vermögenslage dieses besonderen Falles, stets 
ein erträgliches, bürgerliches Los. 
Dem Kaustuannssland war sie dann durch die Ehe 
selbst nahegetrcten. Aber niemand halte sie individuali 
sieren gelehrt. In der vornehmen Abgeschlossenheit ihres 
Lebens stellte sich ihr der gesamte Kausmaniisstand als 
ein Begriff, ohne Unterschiede dar. Kaufleute waren Handel 
treibende, bei denen es um nichts anderes als um die Höhe 
des Gewinnes ging, ob sie'mit Stoffen und Tapeten, 
mit Blusen und Iupons, mit Aktien und Jndustriepapiercn, 
ob sie mit Büchern oder Kolonialwaren handelten. Ein 
Beruf, an dem als einziges besonderes Merkmal der wider 
liche Geruch des schmutzigen Geldes klebte. 
Das Militär! Es mußte sein, obwohl ihr Vater durch 
aus anderer Ansicht war. 
Was Helene persönlich davon sah und hörte, drehte sich 
um wirtschaftliche Kalamitäten, Schulden, Spiel. Keiner 
hatte so viel, als er brauchte. Der äußere Glanz lockte die 
Not aus allen Ecken. 
Zuletzt der Künstler: der Dichter, der Maler, der Bild 
hauer — die Musik lag ihr fern — er war immer ihr Gott 
gewesen, zu dem sic gläubig aufgesehen, ihre stille Liebe. 
Alles, was sie an Idealen gehegt, an holden Träumen ge 
träumt, häufte sic auf sein Haupt, das eine Gloriole 
umwob. 
Heute schüttelte Helene, mißtrauisch gegen sich selbst 
geworden, den Kopf. Auch hier mochte sie geirrt und, wie 
in allen realen Lebcnsdingcn, falsches Augenmaß ge- 
iioiumcn haben. 
Sie hatte schlechte Lebenslehrer gehabt und war immer 
eine vcrträumie, unaufmerksame Schülerin gewesen! — 
Unten ii» Garten schritt Frau von Kappwoldt. Helene 
sprang auf und ging zu der alle» Dame hinüber. 
Wie die schlanke Gestalt in dein weißen Sommerkleid 
so mit raschen, fliegenden Schritten über den Rasen eilte, 
machte sie den Eindruck eines eben erwachsenen Mädchens. 
Rolf, der drüben über die Anhöhe ging, um Hans 
von der Inhalation abzuholen, blieb mit gepreßtem Atem 
stehen und sah der weißen Gestalt nach. Seine Augen 
tranken ihr Bild, gierig- in langen, durstigen Zügen. 
Wie schön sie ist! 
(Fortsetzung f-lgt.k
        
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