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Periodical volume Nr. 99, 28.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Friedemer Akal-Anreirrr. 
sFrlederrauer 
Anparteiische Zeitung für kmmunale und bürgerliche 
Angelegenbeilen. 
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Nr. SS. = 
Zeitung.) 
Hrgan für den Friedmaner Krtsteil van Zihönebng und 
Hqirtsverkin Ziidivest. 
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Berlin-Friedenau, Montag, den 28. April 1913. 
Sv. Iahrg. 
Oepelckien 
beizte riacbricbten 
Brandenburg. Heute nacht in der vierten Stunde 
brach in dem Sportpark-Restauraut der Radrennbahn in 
Brandenburg ein Großfeuer aus, das im Laufe einer Stunde 
das gesamte Etablissement in mische legte. Der Vater des 
Pächters, der 65 jährige Deickert wurde von dem erwachten 
Dienstmädchen geweckt und wollte mit einem Eimer Wasser 
in das Feuer gießen. Dabei ist er jedenfalls im Rauch 
erstickt, denn man fand seine verkohlte Leiche mit einem 
Eimer in der Hand an der Brandstätte. 
Chemnitz. Ein Automobilomnibus der Motoromnibus- 
Linie Chemnitz—Annaberg verunglückte nachts gegen 12 Uhr 
unweit der Besenschänke bei Burkhardtsdorf. Von den 
27 Insassen wurden 25 verletzt, darunter mehrere schwer. 
Der Unfall entstand dadurch, daß der Chauffeur beim Ver 
sagen des Motors abstieg und wahrscheinlich die Bremsen 
festzustellen versäumte, so daß der schwere Wagen den 
abschüssigen Berg zurückrollte, umstürzte und völlig zer 
trümmert wurde. 
Frankfurt a. M. Die Frankfurter Zeitung meldet 
von zuständiger Stelle aus Karlsruhe, daß die dortige Polizei 
behörde von Berlin aus ersucht worden ist, anläßlich des 
Besuches des Kaisers besondere Vorsicht walten zu lassen 
im Hinblick auf Gerüchte über die Abreise verdächtiger Per 
sonen nach Karlsruhe. 
London. Nach einer Depesche aus Centinje hat sich 
Effad Pascha tatsächlich zum unabhängigen Fürsten von 
Albanien ausrufen lasten. Er dringt mit seinen Truppen 
langsam ins Innere von Albanien vor. In Allessio wurde 
er von der Bevölkerung begeistert-empfangen. Große Fest 
lichkeiten haben ihm zu Ehren stattgefutiden; Nachts wurden 
aus den Bergen Freudenfeuer angezündet, Albanier strömten 
von den Bergen nach der Stadt, um ihren neuen Herrn 
begriißen, und wurden ebenfalls festlich bewirtet. Die 
türkische Artillerie gab Ehrensalven zu Ehren des neuen 
Fürsten von Albanien ab. Heute wird Essad Pascha nach 
feiner Geburtsstadt Tirane weitermarschieren. 
Lokales 
(Nachdruck unserer »Originalcrrtikel nur niit Quellenangabe gestattet.) 
o Ein heißer Sommertag roar der gestrige Sonntag. 
Glühend schien die Sonne aus einem fast wolkenlosen 
Himmel auf die Erde herab. Der April, der uns vor 
kurzem erst bitterkalte Tage beschieden, hat uns nun auch 
den ersten Sommertag gebracht. Wer wollte an diesem 
Tage wohl zu Hause bleiben? Hinaus ging es in die früh 
lingsjunge Natur. Im Grunewald und an den Havelseen 
suchte man die frische, würzige Luft zu atmen. Die Eisen- 
bahn hatte wieder einen starken Ansturm zu bewältigen. 
Auch nach Werder wandetten viele in die Blütenpracht. 
Doch auch das erste Gewitter ging gestern in der Umgegend 
Berlins nieder, das leider auch ein Opfer fordette. In 
Müncheberg wurde der Gutsbesitzer Lehmpfuhl vom Blitz 
erschlagen. Ob dieses warme Wetter nun anhaltend sein 
wird? Wer kanns wissen! Noch stehen uns die drei Eis 
heiligen bevor und sie erscheinen in diesem Jahre gerade 
am Pfingstfest! Hoffen wir, daß sie es gnädig meinen und 
uns Großberlinern nicht die Freude an einem schönen Pfingst- 
ausflug rauben. Ist es doch etwas Herrliches um den Frühling, 
wenn es überall keimt und sproßt. Der Baum prangt bis 
zur höchsten Spitze in knospendem Grün, wie kurze Zeit ist 
es doch erst her, daß er kahl und dürr dastand. Vergebens 
war das Bemühen, zu erspähen, wie die Blättlein an ihm 
keimten, keine Regung und kein Treiben war an ihm zu 
gewahren, bis er eines Tages im Schmucke des Friihlings 
prangte. Ja, ganz über Nacht hat die Natur Toilette ge 
macht, wie jede keusche Maid hat sie sich dabei nicht be 
obachten lassen, insgeheim, verschämt, wie ein junges 
Mädchen, das nicht einmal dem Mond seine Reize zeigen 
mag. Die Blüte kam und sie ist da. Es ging mit ihr 
wie nach des Dichters Wort der Liebe. Ehe man sich 
dessen versieht, liegt im Winter eine Schneedecke über 
Wiesen und Felder ausgebreitet, aber ebenso rasch duften 
die Veilchen wieder wohlgemut in die Welt hinein und 
ebenso rasch erfaßt das Menschenherz ein Freudenjubel, den 
kein noch so harten Winter erdrücken kann. Heute heißt es 
hinaus in den lachenden Frühling, man will wieder auf- 
attnen aus voller Brust, der Stadt enteilen und draußen 
im Walde und auf der Höhe jauchzend der Lerche nach 
rufen, die an ihres Liedes Sprossen emporklettert gen 
Himmel. Ja: 
Die Welt wird schöner mit jedem Tag, 
Man weiß nicht, was noch werden mag! 
o In letzter Stunde seien die bürgerlichen Wähler 
gebeten, am Wahltische in der Tumhalle der Gemeinde- 
Mädchenschule, Eingang Goßlersttaße, zu erscheinen, um den 
Sozialdemokraten den Sieg zur Gemeindewahl streitig zu 
machen. Es kommt auf jede Stimme an, dämm seien die 
bürgerlichen Wähler auf dem Posten. Alleiniger Kandidat 
der bürgerlichen Parteien und der sämtlichen kommunalen 
Vereine ist Herr Bäckermeister Paul Wermke! 
o Zur Landtagswahl ist Berlin-Friedenau in 23 Be 
zirke eingeteilt. In jeder Abteilung aller Bezirke sind zwei 
Wahlmänner zu wählen. Mithin müssen in unserer Ge 
meinde insgesamt 138 Wahlmänner gewählt werden. 
o Zum Rathausbau. Wir erhalten folgendes 
Schreiben: Als Friedenau vor einer Reihe von Jahren 
den ersten Anlauf nahm, sich ein Rathaus zu leisten, 
veranstaltete man eine Ausstellung der eingegangenen Ent 
würfe, sodaß jeder Bürger Gelegenheit hatte, hiervon 
Kenntnis zu nehmen und sich eine Vorstellung von dem 
geplanten Repräsentanten kommunaler Größe zu machen. 
Es blieb beim Anlauf, aber man sprang nicht. Jetzt, wo 
dem erneuten Anlauf der Sprung folgen zu sollen scheint, 
hält man es nicht der Mühe wert, den Bürgern eine Vor 
stellung in Bild und Modell von dem zu errichtenden acht 
stöckigen Wolkenkratzer ohne Fahrstühle zu geben; sie sollen 
warten, bis das große Werk zu Ende gediehen, sodaß sie 
nur den Preis zu verzinsen brauchen und die Ueberraschung 
um so wirkungsvoller ist! Die Friedenauer Verwaltungs 
behörden sind doch sonst nicht so engherzig, vielleicht ver 
helfen uns diese Zeilen zu einer Ausstellung, einschließlich 
eines Planes über die geknickte Niedstraße. Die Gymnasial 
aula bietet einen herrlichen Platz dazu. — (Der Bitte des 
Einsenders können wir uns voll und ganz anschließen. 
Schriftl.) 
o Es geht los! — mit dem Nathansbau! Die Bäume 
am Marktplatz, soweit sie dem Rathausbau hinderlich sind, 
sind bereits entfernt worden. Die Niedsttaße wird jetzt 
ebenfalls reguliert und die Bretter für den Bauzaun sind 
bereits angefahren. Man sieht daraus, es wird nun endlich 
einmal Ernst gemacht mit dem Rathausbau! 
o Ordensverleihung. Dem Friedrich-Wilhelm-Platz 11 
wohnhaften Königlichen Baurat Herrn Otto Hoffmann ist 
der Rote Adlerorden verliehen worden. Herr Baurat 
Hoffmann ist der Erbauer der deutschen Kirche in 
Jerusalem. 
o Aenderung der Sonntagsruhe vom 1. Mai ab. 
Im Landkreise Berlin — in sämtlichen Orten mit königlicher 
Schutzmannschaft, also anch in Schöneberg und Wilmersdorf 
— tritt mit dem 1. Mai eine andere Geschäftszeit an den 
Sonntagen ein. Nach den für diese Gemeinden geltenden 
Ottsstatuten dürfen in der Zeit vom 1. Mai bis 30. 
September an Sonn- und Festtagen in offenen Verkaufs 
stellen des Handelsgewerbes Gehilfen, Lehrlinge und 
Arbeiter — abgesehen vom ersten Pfingsttage, an welchem 
ihre Beschäftigung überhaupt untersagt ist — nur von 8 
bis 10 Uhr Vormittags beschäftigt werden. Auf den Handel 
mit Nahrungs- und Genußmitteln sowie auf den Handel 
mit Blumen findet diese Bestimmung keine Anwendung. — 
Wie wir erfahren, werden auch in Berlin-Friedenau, 
obwohl hier eine gesetzliche Bestimmung noch nicht besteht, 
verschiedene Geschäfte vom 1. Mai ab des Sonntags bereits 
um 10 Uhr schließen und von 12—2 Uhr nicht mehr ge 
öffnet sein. 
o Geheimrat Earow f. Infolge Herzschlags verstarb 
plötzlich am 26. d. Mts. der Geheime Rechnungsrat Herr 
Richard Carow im 60. Lebensjahre. Der Verstorbene 
war ehrenamtlich in unserer polittschen wie auch kirchlichen 
Gemeinde tätig; er gehörte dem Kuratorium der höheren 
Schulen und dem Gemeindekirchenrat an. Sein liebens 
würdiger vornehmer, Charakter, sein schlichtes Wesen machte 
Crätittiendc Menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
80. kN«ckdr»ck tnltln.) 
„Nun," meinte "Nellie in aufmunterndem Ton, „bis 
zum Herbst laufen noch viele Wasser die Spree und allerlei 
andere Flüsse hinunter. Der Papa hat Ihnen einen Vor 
schlag zu machen. Gehen Sie jetzt hinein zu ihm. Man 
braucht Ihnen ja nicht extra Nachsicht mit seinen gereizten 
Sttmmungen anzuempfehlen." 
Wahl wehrte eifrig ab. Zuversicht und Freudigkeit be 
lebten sein kluges, feines Gesicht wieder. 
„Der Herr Professor ist ja doch mein Ideal," sagte er 
und klopfte rasch an die Tür des Schreibzimmers. —- 
Die Herren steckten noch tief in der Arbeit, als das 
Stubenmädchen Herrn Leutnant von Lerfch meldete. Nellie 
hatte ihn längst kommen sehen, mit seinem raschen, federnden 
Gang drüben am Wasterlauf entlang. Aber die Dämmerung 
war schon zu tief hereingesunken, als daß sie trotz ihrer 
falkenscharfen Augen den Ausdruck seines Gesichtes hätte er 
kennen können. 
Als er jetzt eintrat, Frau Dietrich hatte kurz vorher 
die Lampe gebracht, erschrak sie. 
„Mein Gott, Edchen, wie sehen Sie denn aus ! Ganz 
blaß. Und als ob Sie Schweres durchgemacht HättenI" 
Der junge Offizier fuhr sich mit der Hand ärgerlich 
über das Gesicht. ....... 
„Zu dumm," sagte er, „daß man mir alles gleich ansieht. 
Uebrigens, deshalb komme ich ja zu Ihnen, Nellie. Ich 
hab' mich ein bissel aufgeregt und danach ein bissel rasch 
getrunken im Kasino." . ..... 
Er hatte ihre Hand ergriffen und küßte sie andächtig 
und lange, um ihr nicht ins Gesicht sehen zu müssen. 
Sie sah ihn mit ihren hellen Augen gütig und aus- 
fordernd zugleich an. _ . , 
Nach kurzem Kampf beichtete er die Nacht am Spiel- 
tisch, die Warnung Wulfens. 
Cornelie machte ein sehr ernsthaftes, ja zorniges 
Gesicht. 
„Hab' ich Sie nicht oft genug vor diesem abscheulichen 
Loewengard gewarnt? Wie können Sie sich von solchem 
Menschen verschleppen lassen, in Gott weiß welche Räuber 
höhle! Und konnten Sie sich an den tausend Mark nicht 
genug sein lassen, wenn Sie nun schon einmal hinein 
geraten waren?" 
„Ihre Schwester —?!" 
„Ach was. Meine Schwester braucht die tausend Mark 
nicht. Aber Sie. Sie hätten doch wenigstens ein bißchen 
Schulden davon abzahlen können." 
Edgars helle Augen wurden groß und weit. 
„Wie denn, Sie wissen?" 
Sie zuckte mit den Achseln. 
„Gott, Edchen, wie töricht Sie fragen I Als ob man 
das extra zu wissen brauchte! Als ob ein Gardeoffizier, 
selbst wenn er ganz brav und ordentlich ist, wie Sie nicht 
sind, mit einem Zuschuß auskommen könnte, wie Bo- 
gislaw ihn Ihnen hinterlassen hat!" 
Er hing den Kopf: Mein Gott, dachte er, was bin ich 
für ein erbärmlicher Wicht. 
Das Mädchen schlug ihn sanft auf die Schulter. Er 
faßte nach ihrer Hand und streichelte sie. 
Nellie wurde ein wenig rot und entzog ihm die Hand. 
„Kopfhängenlassen ist ja nun auch nicht nötig. Ich 
will nicht strenger mit Ihnen sein, Edchen, als der Kom 
mandeur mit Ihnen war, obwohl ich mehr Recht dazu 
hätte. Er hat Sie zum erstenmal gewarnt. Ich wohl 
ein halbes dutzendmal." 
Edgar nickte beschämt. 
„Denn nämlich —" Das Mädchen unterbrach sich und 
sah von ihm fort, dessen Augen gespannt an ihren Lippen 
hingen. „Denn nämlich, wenn es denn doch mal durchaus 
nicht weitergeht — was mich betrifft nämlich — mir ist 
es ganz egal, in welchem Rock ein Mensch steckt, Herr 
Leutnant." 
Edgar war aufgesprungen und hatte Corneliens beide 
Hände ergriffen. 
„Ist das Ihr Ernst, Nellie?" 
„Würde ich es sonst sagen?" 
Sie ließ ihm jetzt ruhig ihre Hände und fuhr fort zu 
sprechen, ohne die hellen Augen von ihm fortzuwenden. 
Mit eindringlichem Ernst sagte sie: „Wenn ich Sie wäre, 
Edgar, zöge ich den bunten Rock freiwillig aus. Glauben Sie 
mir, Ihnen würde wohler sein. Sie passen ja gar nicht 
hinein. Und ein tüchtiger Kerl findet überall sein Brot. 
Wenn Sie lohnende Arbeit, die Möglichkeit des Erwerbes 
vor sich sähen, mit dem Spielteufel wäre es ein für allemal 
vorbei. Darauf ginge ich jede Wette ein." 
Sie drückte flüchtig seine Hände, die die ihren noch 
immer fest umschlossen hielten, und ließ sie dann fallen. 
Dann, ehe er auch nur Zeit fand, etwas zu erwidern, 
sagte Nellie in leichtem Ton: 
„Dies meine ganz unmaßgebliche Meinung, Herr 
Leutnant. Und nun, wollen wir mal sehen, ob die Stein 
menschen noch immer nicht zu haben sind." 
Sie wollte auf die Tür zueilen. Er hielt sie am 
Aermel ihres weißen Batistkleides fest. 
„Ich danke Ihnen," sagte er leise und bewegt. „Nie 
werde ich vergessen, was Sie mir heute abend gesagt 
haben, Cornelie." 
„Ich auch nicht," sagte sie fest und sah ihm gerade 
und ehrlich in die Augen. „Und, wenn es einmal not tut. 
Sie dürfen mich beim Wort halten, Edchen." — 
Draußen grollte die Stimme des Professors. 
Der breitschultrige, prachtvoll robuste Mann zog die 
lange, schlottrige Gestalt Mahls hinter sich her. 
„Redensarten," sagte er, ohne seine Tochter und den 
jungen Offizier auch nur zu bemerken. „Ausflüchte. Sie 
müssen sich entscheiden, Herr Wahl. Ich brauche absolute 
Ruhe für meine Arbeit. Ich kann mich auf Ihre Bedenk 
zeit nicht eintasten." 
Der lange, schüchterne Mensch sah hilfesuchend zu 
Cornelie Reimann hinüber. 
Nellie trat rasch an ihren Vater heran. 
„Hinterm Berge wohnen auch noch Leute, alter Herr.
        
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