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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Die bunte Mocke 
Berlin, den 25. April. 
Im roten Backsteinpalast des Herrn von Jagow am Alerander- 
plntz meldete sich gestern eine junge Dame. Meldete sich als 
mittellos und bat, in die Heimat zurückbefördert zu werden. 
Das mag oft vorkommen. Junge, hoffnungsvolle Menschenkinder 
kommen in diese große Stadt. Das Herz voller Glauben an ein 
leichteres Fortkommen, sien^ Sinn umnebelt von phantastischen 
Träumen. Alle leitet die Sehnsucht nach der riesigen, gleißenden 
Stadt. Nach der Stadt, in der man alles aus erster Hand haben 
kann: Die Kunst, die Arbeit, das Vergnügen. Den aus- und 
eingehenden Schutzleuten mag das junge Ding aufgefallen sein. 
Man sah ihm an, daß es aus guter Familie war. Ein Hauch der 
Kinderstube lag über dem scheuen Wesen. Und man führte das 
verschüchterte Mädel zum Hauptmann, dem sie die Geschichte er 
zählte .... 
Sie war mit ihren ziemlich reichen Ersparnissen nach Berlin 
aus einer größeren Provinzstadt gekommen. Hatte heftige Kämpfe 
zu Hause geführt, da der Herr.Papa nicht zugeben wollte, daß 
seine Tochter zur Bühne ginge. Der Vater Stadtrat, die Mutter 
überzeugt von dem vielen Talent der Tochter. Wie Nlütter nun 
einmal sind. Und da hatten die Mimen ihres Theaters den Rat, 
gegeben, einfach nach Berlin zu fahren und zu irgend einer Agentur 
zu gehen. 
So packte sie ihre Sachen und heimlich, in all der seligen 
Dummheit ihrer Jahre, „entfloh" sie mit ein paar hundert Mark 
nach der Stadt, die so leicht zu erreichen und so schwer zu ge 
winnen ist. Der Vater grollte, die Mutter weinte. Die alte Ge 
schichte. Und das Mädel, das sich tapfer hielt, war zuerst zu stolz, 
um reumütig zurückzukehren. Als aber die letzten Groschen zu 
Ende gingen, als sie, vielleicht durch irgend einen Zufall, — sich 
plötzlich dem grauenden Nichts gegenüber sah, lief sie zur Polizei 
und beichtete den Jammer ihrer großen Enttäuschung. 
Dieser vernünftige Entschluß hat das junge Ding vielleicht vor 
Leid lind Schmutz bewahrt. Hat ihni vor allen: hoffentlich die 
Theatersehnsucht ausgetrieben und hat das Mädel, was am wert 
vollsten ist, dem Elternhaus wieder zurückgegeben. 
Zwei Monate hatte es die junge Dame auf dem blinkenden 
Berliner Asphalt ausgehalten. Hatte tapfer gekämpft und war 
nicht gestrauchelt. Hatte sich durchgefressen durch einen Berg von 
Widrigkeiten und hat, was anzuerkennen ist, zur rechten Stunde 
den rechten Weg gefunden. 
Durch Zufall führte mich mein Weg im Polizei-Präsidium mit 
ihr im Zimmer des Hauptmanns zusammen. Und'was ich da ver 
nahm, läßt sich am besten vielleicht in die Form eines Briefes 
fassen, den sie hätte schreiben können, ivenn es ihr nicht so schwer 
ums Herz gewesen wäre. Was sie da unter Tränen erzählte, klang 
gewiß bitter. Aber es leuchtete und blitzte auch, dazwischen und ich 
sah das arme Ding in all seinem Kummer an dem rohen Holztisch 
eines der gräßlichen Mietszimmer Berlins sitzen und den nach 
stehenden Brief schreiben: 
„Liebe Käte! 
Ich will Dir in Eile meine dritte Adresse in Berlin mitteilen. 
•D, was ist das für eine entsetzliche Stadt! Denk Dir nur: In 
meiner vorigen Wohnung zahlte ich am Ersten pünktlich meine 
Miete. Ich laffe mir von den Wirtsleuten natürlich keine Quittung 
geben. Am 3. kommt der Mann zu mir iits Zimmer und verlangt 
die Miete. Ich sagte ihm, daß ich sie ihm doch bereits gezahlt 
habe. „Wo ist denn de Quittung?" — „Ich habe keine, ich habe 
Ihnen das Geld so gegeben" .... „Der mutz een Irrtum sind, 
ick nehme Feld nur jegen Quittung an." WaL sollte ich machen? 
Weinend lief ich zur Polizei. Die zuckten auf der Wache die Schulter. 
So geht es mir Schritt auf Schritt. Der Agent, der mich bei dem 
Komödienhaus anbringen wollte, hat 25 Mark Vorschuß genommen 
und seit der Zeit ist er nicht mehr für mich zu sprechen. In seinem 
Bureau wurde mir gesagt, er sei krank. Ich hörte ihn aber im 
Zimmer sprechen. AIs ich dieses feststellte, haben sie mich hinaus 
geworfen. Die Stadt ist schrecklich. Alles scheint sich gegen mich 
verschworen zu haben. Meine neue Bude ist so groß wie Mutters 
Speisekammer. Ich muß doch sparen, weil es mir mein Stolz ver 
bietet, nach Haus zu schreiben. Ich habe einen Gasautomaten im 
Zimmer. Mau muß immer einen Groschen hineinwerfen, wenn 
man Licht oder für den Gasherd zum Milchwärmen eine Flamme 
haben will. Ich jage Dir, Käte, selbst dieser Automat schwindelt. 
Kaum habe ich einen Groschen hineingesteckt, so brennt die Flamme 
ein paar Minuten und dann geht die Geschichte wieder aus. Ich 
sitze ganz betrübt auf meinem Bettrand und betrachte die Schwaben, 
die über den Fußboden ihren Morgenspaziergang machen. Ich 
sagte der neuen Wirtin, daß viele Schwaben in meinem Zimmer 
wären. Da meinte sie, ich sollte sie doch einsangen und braten. 
Ich solle nur nicht so anspruchsvoll sein und für l> Mark die Woche 
wohl gar junge Hunde und Papageien verlangen Gestern 
traf ich den Agenten auf der Straße. Er sah mich verächtlich an 
und sprang auf eine Elektrische. Ich wollte hinter ihm her springen 
und fiel dabei. Ein Schutzmann hob mich auf, er schrieb aber auch zu 
gleich meinen Namen auf, da ich meine Hutnadel nicht geschützt 
habe. — Wenn ich aus meinem Zimmer aus dem Fenster sehe, 
stecke ich den Kopf fast in das Fenster eines anderen Hauses, so 
dicht wohnen die Menschen hier aufeinander. — Hier traut keiner 
dem andern und alle Menschen sind schrecklich eingebildet. Heute 
Morgen war ich bei einem andern Agenten, der mich für 500 Mark 
an einem Theater unterbringen will. Er meinte, ich habe ein ganz 
hervorragendes Talent. Er fragte mich, ob wir zu Hause auch richtige 
Schulen und Kirchen hätten. lind ob ichschonjemals in einer Elektrischen 
gefahren sei. Dann erzählte er mir, er wolle mit mir einmal nach 
Wannsee fahren. Wir müßten aber mit der Bahn fahren, weil 
er sein Auto aus Mitgefühl mit den Pferden verkauft habe. 
Auch soll ich Aktionärin von einem neuen großen Berliner Theater 
iverden. Ich habe hier jedenfalls in den zivei Monaten mehr ge 
lernt, als zu Hause im ganzen Leben. Ich sehe noch diese Woche 
dem Elend zu. Mein Geld ist dann zu Ende. Frag mal Hermann, 
ob es ratsam scheint, den Agenten wegeil der 25 Mark zu verklagen. 
Ich schreibe Dir alles rnrter tiefster Verschwiegenheit. Ich muß 
meinem Herzen nur einmal Lust machen, wegen der doppelten 
Miete, der Schwaben, der schlechten Luft, des teuren Kaffees (iir 
jedem Kaffee 35 Pfennig die Tasse!), ivegen der schlechten Menschen 
und meiner Wirtin, die mich heute wieder beleidigt hat. Ich hatte 
gesagt, sie sollte mir den Kaffee doch warm hereinbringen. Darauf 
sagte sie mir: „Erstens jiebts nur um 7 Uhr rvarmeu Kaffee un 
denn haben Se doch een Antematen znnr Wärmen. Den Jroscheu 
iverden Se doch ivoll ieba haben." — Ich habe die feste Ueber 
zeugung, daß die mit dem Gasautomaten unter einer Decke steckt. 
Auf baldiges Wicderschci'i. De-°- entsetzlich unglückliche, 
' Hanna." 
Vielleicht dient der kleine,Vorgang allen denen zur Warnung, 
die in dem Glauben leben, dcks; das große, grausame Berlin ein 
besonders geeigneter Boden für Talentpftegekinder sei. Gerade hier 
tobt doch ein derart rücksichtsloser Kampf, daß ihm nur die härtesten 
Eharaltere gewachsen' sind. 
Krieg auf allen Linien! , 
Die Sezession, die anscheinend die Eigenschaften einer gewissen 
Art von Spaltpilzen hat,'spaltet'sich soeben schon wieder rn zwei 
weitere Gruppen. Tie Künstler, die gegen den Vorsitz des Herrn 
Kassierer gestimmt hatten, wurden jetzt bei der bevorstehenden Aus 
stellung von der „Jury" zurückgewiesen. Nun schließen sich die 
Zurückgewiesenen zu einer neuen Sondergruppe zusammen und 
stellen für sich ans. Wenn die „Spaltung" innerhalb der Sezession 
so weiter geht, so kann mau in vielleicht 10 Jahren mit 24 637 465 748 
Gruppen rechnen, von denen jede für sich das Recht in Anspruch 
nimmt, .als allein gütige KnnstUasse geachtet zu werden. Wobei 
dann selbstverständlich auch die Gepflogenheit besteht, die andern 
als Vollidioten anzusehen. 
Krieg auf allen Linien! 
Der Magistrat hoffte, sich den Säckel füllen zu können mit 
einer neuen Lnstbarkeitsstener. Es ist bedauerlich, wenn selbst 
die Berliner Bürger nicht einsehen wollen, daß es keine schönere 
Pflicht gibt, als dem Staat und der Stadt freudigen Herzens 
der Stenern Lasten lächelnd zu entrichten. Bor allein sind der 
„Wintergarten" und das „Metropolthea ter" sehr hart von 
der neuen Lustbarkeitssteuer betroffen. Für alle Theater, in denen 
geraucht werden durste, hatte die, Stadt bekanntlich eine unverhältnis 
mäßig hohe Steuer vorgesehen. Für das Metrvpoltheater betrug 
die Steuer allein für den Tag 607 Mark, was der runden 
Summe von 300 000 Mark im Jahr gleich kommt. Dieser Steuer 
entging die Direktion nun dadurch, daß sie sofort das Rauchverbot 
einführte und keine „Getränke" mehr im Znschanerraum verschänkte. 
Nun sucht die Stadt, die Cache von einer andern Seite anzufassen. 
So sind die Städte mm einmal! Sie sind tlug ivie die Schlangen 
und anscheinend mild wie die Tankten, ivenn eS gilt, ans den 
Krieqspfad neuer Steuern zn gehen. 
Aber die betroffenen Lokale holen zu einem'Streich ons, der 
vielleicht doch noch eigenartige Folgen zeitigen kann. Im Sommer, 
wenn zn den Inbilänins feierlich ketten Hnnderitausende ans 
aller Welt herbeiströmen, dann schließen sie ihre Lokale. Die 
Fremden iverden dann Berlin als eine lvte Stadl vorfinden. 
Das ist eine Selbsthilfe, die sicher vrn großer Tragweite sein wird. 
Bis dahin gibt die Stadt auch noch in diesem eigenartigen Kampf 
nach. Vielleicht. Tenn in Stenerfragen zeigt sich oft eine Hart 
näckigkeit, die an die nachstehende kleine Episode erinnert: 
Zwei Gutsherren begegnen sich auf einem schmalen Landweg 
mit ihren Fuhrwerken. Keiner will zurücksahren, und so halten sie 
einander gegenüber, in stoischer Ruhe. Dem einen wird die Sache 
nllmälig- zu langweilig und er zieht eine Zeitung ans der Tasche 
und fängt an zn lesen. 
Der andere sieht eine gute halbe Stunde zu und sagt daun: 
„Wenn Sie die Zeitung auSgelestu haben, dann geben Eie 
mir das Blatt vielleicht auch mal rüber". Heinr. Binder. 
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jeden Sonnabend von G Uhr Nachm, bis ! / a 12 ühr nachts und 
* Sonntag , 3 „ » , * , » 
Schlusskogoln am Sonntag den 1. Juni 1913. 
2 grosso Geldbahneu: M. 3500,— nur bares Gold. 
2 Lebensmittel bahnen: für ca. M. 2000,— Lebensmittelpreiso, 
deren Verteilung jeden Sonntag stattfindet. — Hohe Tageeprämien 
für die besten Würfe auf allen 4 Bahnen. Nähere Bestimmungen 
aas den Bahnen. Um freundlichen Besuch bitten 
Willi Mandel, Vorsitzender des Kegelklubs Friedenau 1909. 
Eduard V/artemann, Vor ritzend d. Klubs d. Krglerfrnunde Friedenau. 
ÜJklk&Slf n»©h C4s5wlclit» 
Eisrkranz GOPf. p.P/d. 
Karlsbader Zwieback 70 , , , 
Friedrlslifidsrfer , SO ... 
Patsdainer Zwieback 80 Pf. p. Pfd. 
Sahnsa-Zwieiiack 1,— M. n , 
Suppea-yakrooen 1,40 , , , 
gortlialEl Millers Feinbäckers! 
Friedenau. Friedr.-Wilh-Platz 6 a. d. Kirch«. Tel. Pfbz. 2I0G. 
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Rrrvielfüttrimagsn | 
auf der Schreibmaschine 8 
Rnbensstr. 43 Ecke Peter-! 
Vifcherstr. Amt Steglitz(755). 
naLVCllL: ■ SfafrV 
Mll-Ummi 
Lponholzstraße 35 park. 
^MWlIWkll« 
ernste u. heitere Vorträge, Tafel 
lieder, Tischreden, Hochzeitszeitung, 
rc., auf die Person passend, schnell, 
gut, billig. Will). Hauffstr. 7, UL 
Meziekttlnbelleii 
werden sauber u. billigst auSge-i 
führt. Schütt, Peschkestr. 16. 
MimgkMM-ötlSMi. 
Rheinstr. 14.
        
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