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Periodical volume Nr. 273, 20.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Biirgervereins habe diesem Vorschlage beigestimmt. Da cs 
sich in dem Südbezirk um einen harten Kampf mit der 
Sozialdemokratie handelt, so mußte man einen Kandidaten 
aufstellen, der die Gewähr leistet, daß die gesamte bürger 
liche Wählerschaft hinter ihm steht. lind diesen 
Kandidaten glaubte man in Herrn Landtagsabgeordneten 
Dr. Wendlandt gefunden zu haben. Nun hat sich aber 
der Handel- und Gcwerbcverein, und ihm haben sich 
verschiedene andere Vereine angeschossen, für eine 
Kandidatur des Herru Wermke entschieden. Diese Vereine 
hoffen, daß dieser Kandidat mehr Wähler hinter sich habe. 
Beide Kandidaten sind als gleichwertig anzusehen. Es ist 
weder gegen den einen, noch gegen den andern nachteiliges 
zu sagen und ebenso wenig könne man den einen mehr als 
den andern loben. Wünschenswert wäre allerdings eine 
Einigkeit, diese ist aber nach der gestrigen Versammlung des 
Gewerbevereins zu gunsten des Herrn Dr. Wendlandt aus 
geschlossen. Er bemerkt noch, daß Herr Dr. Wendlandt er 
klärt habe, in eine Wahl nicht eintreten zu können, wenn 
eine Zersplitterung der bürgerlichen Stimmen erfolgen würde. 
— Als der Vorsitzende seine Rede geendet, entstand zunächst 
eine längere Pause. Als er dann sagte, aus dem Schweigen 
anzunehmen, daß man mit dem Vorgehen des Vorstandes 
einverstanden sei, erhob sich durch Heiterkeit Widerspruch. 
Herr Dr. Badt meldet sich zum Wort und führt an, daß 
es eine riskante Sache wäre, an der Kandidatur des Herrn 
Dr. Wendlandt festzuhalten, wenn der Gemerbeverein an 
seiner Kandidatur Wermke festhalte. Man wiirde damit 
sicherlich Herrn Dr. Wendlandt keinen guten Dienst leisten. 
Herr v. Wrochem stellte an die anwesenden Herren, die 
Mitglieder des Gcwerbevereins sind, die Anfrage, ob sie 
sagen könnten, daß die Vorarbeiten der Agitation so weit 
vorgeschritten sind, daß sie mit Sicherheit auf einen Sieg 
ihres Kandidaten rechnen könnten. Es komme viel ans die 
Kleinarbeit an. Im Grnndbesitzerverein und im Vorstand 
des Bürgervereins sei diese Kleinarbeit bereits geleistet, hier 
liege alles fertig vor. Herr Prof. Fernbach bat, die Kan 
didatenfrage auch von den Grundsätzen abhängig zu machen, 
was der Betreffende für Friedenau leisten würde. Er glaube 
da, daß Herr Dr. Wendlandt wenig Zeit finden werde für 
die kommunale Arbeit. Der Vorsitzende erklärte nochmals, 
daß beide Kandidaten durckaus gleichwertig wären. Herr 
Dr. Wendlandt hätte sicher auch die Zeit, sich um sein 
hiesiges Amt zu kümmern, er sei nicht mehr Generalsekretär 
des Bundes der Industriellen, sondern vertrete nur noch 
einige kleinere Verbände, die ihn aber nicht so stark be 
schäftigen. Sein Hauptaiut wäre das als Abgeordneter. 
Da er, nur dieses Amt auszuüben, nur iu Berlin tätig sei, so 
wäre er wohl in der Lage, sich auch'als Gemeindeverordneter 
zu betätigen. Es wäre sicher sehr vorteilhaft, wenn bei den 
vielen komnmnalen Fragen, die dem Abgeordnetenhause dem 
nächst vorliegen, die Abgeordneten einen lieferen Einblick in 
die Komniunalverwaltungen erhalten. Herr Prof. Förster 
beantragte, daß die Vereine nochmals zusammentreten, um 
doch noch eine Einigung zu erzielen. Herr Dr. Badt meinte, 
es wüM HSrtn" Dr. 'Wendlandt -sichersehr" unangenehm 
sein, wenn er unterliegen würde. Herr Köpp sprach sich 
dahin aus, daß nach seiner Ansicht Herr Wermke die meisten 
Aussichten für die Wahl habe. Der Gemerbeverein könne 
auch garnicht mehr zurück. Er glaube, man würde Herrn 
Dr. Wendlandt einen größeren Dienst leisten, wenn man 
ihm anheimstelle, von der Kandidatur diesmal zurück zu 
treten. Man könne ihn ja für die Wahlen im nächsten 
Jahre vorschlagen, wo ihm dann eine sichere Wahl geboten 
werden kann. Herr Lange bat gleichfalls, für Herrn Wermke 
einzutreten und diesmal auf Herrn Dr. Wendlandt 
zu verzichten. Wie schon in der Versammlung des Ge 
werbevereins gesagt wurde, werde man auch von dieser 
Seite bei der nächsten Wahl für Herrn Dr. Wendlandt 
eintreten. Die Herrn v. Wrochein und Lange kamen dann 
noch auf die Wahlen im Vorjahre und ihr Ergebnis zu 
sprechen. Herr Obersekretär Borck erklärte, daß der schwache 
Besuch der Versammlung, 24 von 200 Mitglieder, ein sehr 
geringes Interesse der Vereinsmitglieder für die wichtige 
Sache bezeuge. Nach seinem Gefühl sei hier die Mehrheit 
für Herrn Wermke. Er erwähnt noch die Kosten- und 
Arbeitsfrage für die Agitation und hält es nicht für so un 
günstig, mit zwei Kandidaten in die Wahl zu gehen, da 
man dann sicher eine größere Wählerzahl an die Wahl 
urne bringe. Der Vorstand der Gemeindebeamtenver 
einigung habe beschlossen, jedem Beamten freie Hand zu 
lassen, jeder möge wählen, wen er wolle. Herr Schwart; 
äußert die Ansicht, daß bei einer Zersplitterung der 
Stimmen sehr wohl der Sozialdemokrat nichr Aussicht habe, 
gewählt zu werden. Dieser Ansicht wird von anderer Seite 
entgegengetreten. Herr v. Wrochem, führte dann noch aus, 
daß der Grundbesitzerverein keinen Kandidaten aufge 
stellt habe und auch keinen Kandidaten aufstellen könne. 
Der Vorstand des Grundbesitzervcreins habe sich nur über 
legt, wen er wohl vorschlagen könne. Bezgl. der Kosten- 
frage erklärt Herr v. Wrochem, daß er ein Versprechen, der 
Grundbcsitzerverein werde zu den Kosten beitragen, nicht 
geben könne. Er warne, in dieser Sache zu optimistisch 
zu sein. Herr Professor Fernbach bat, sich auf Herru 
Werinke zu einigen, da nach den Erklärungen des 
Herrn Dr. Wendlandt es doch sicher erscheine, daß 
dieser Herr auf die Kandidatur jetzt verzichte. ' Herr 
Borck appellierte nochmals an die gut gefüllte Kasse 
des Grundbesitzervereins. Herr v. Wrochem konnte aber 
kein Versprechen in dieser Hinsicht geben. Herr Dr. Badt 
hielt es für gut, die Kandidatur Wendlandt aufrecht zu 
erhalten. Würde man sie fallen lassen, wäre es möglich, 
daß viele Bürgerliche nicht an dem Wahltisch erscheinen. 
Er stelle daher den Antrag, an derZKandidatur Wendlandt 
festzuhalten und wenn dieser ablehnen sollte, für Herrn 
Wermke einzutreten. Der Vorsitzende nieinte, daß nach dem 
Verlauf der Erörterung er einen solchen Antrag nicht befür 
worten könne und fornmliert einen Antrag wie Eingangs 
erwähnt. Herr Prof. Förster beantragte noch, daß für den 
Fall, daß Herr Dr. Wendlandt ablehnen sollte, der Bürger 
verein für Herrn Wermke stimmen möge und beantragte 
ferner, falls beide Kandidaten iu die Wahl gehen, ein 
Stichwahlabkvmnien zu treffen. Die nun folgende Ab 
stimmung hatte das in der Einleitung schon bekannt ge 
gebene Ergebnis. — Auf Antrag des Herrn Davidsohn 
wurde Punkt 4, Rückblick ans das verflossene Geschäftsjahr, 
der Gemeinde, mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Stunde 
vertagt. Unter Verschiedenes beantragte Herr Dr. Badt, 
ins Protokoll aufzunehmen, daß er die Absicht hatte, etwas 
über Herrn Kalkbrenner vorzubringen und er sich dies für 
eine spätere Versammlung vorbehalte. Darauf wurde die 
Versammlung um 3 / 4 12 Uhr geschlossen. 
£okaks 
(Nachdruck unserer o-Origiualartikel nur mit Qilellcnangabc gestattet.) 
o Dr. Wendlandt tritt zurück. Herr Dr. Wendlandt 
hat heute dem 2. Vorsitzenden des Bürgervereins, Herrn 
Dr. Tänzlxx erklärt,..daß er unter,-den obwaltenden Vec- ^ 
hältnissen von der ihm angetragenen Kandidatur zur Ge 
meindewahl zurücktrete. Er bezeichnete es als erwünscht, 
daß die Bürgerlichen geschlossen in den Wahlkampf 
eintreten und nicht der Anschein erweckt werde, als würde 
durch seine Kandidatur in diese Geschlossenheit Bresche gelegt. 
— Darnach besteht also nur noch die eine Kandidatur 
des Herrn Bäckermeister Wermke. Wir erwarten, daß die 
biirgerlichen Wähler nun geschlossen für die Wahl des Herrn 
Wermke eintreten und der Sozialdemokratie einen durch 
Lässigkeit der Biirgerlichen leicht zu erringenden Sieg streitig 
machen. 
o Zum Schiedsmann für den Bezirk Nr. 13, Berlin- 
Friedenau I, hat der Präsident des König!. Landgerichts II 
dm Kaiserlichen Nechnungsrat Wilhelm Lange, Güßlerstr. 20, 
auf eine dreijährige, vom 28. März d. Js. ab laufende 
Amtsperiode verpflichtet. 
v Das Helnil,oltz-Nealgyninaiium ZBegasstraße Ecke 
Rubensstraße) besuchten nach dem 11. Jahresbericht — Ostern 
1913 — am 1. Februar d. Js. 731 Schüler, und zwar 
490 die Hauptanstalt, 232 die Vorschule. Von diesen 
Schulen waren in der Hauptansta-lt 465 ev., 10 kath., 
2 biss., 10 jüd., 400 Preußen, 2 nichtpreußische Staats? 
ungehörige, 1 Ausländer, 417 aus dem Schulort, 82 von 
außerhalb; in der Vorschu le 203 -ev-, 20 kath., 2 diss., 
7 jüd.,' 232 Preußen, 210 aus dem Schulart, 10 von außer 
halb. Die Reifeprüfung fand am 20. Februar unter dem 
Vorsitz des Direktors statt. 0 Oberprimaner erhielten das 
Zeugnis der Reife; es sind das: Harry Grottewitz (ge 
wählter Beruf: Elektrotechnik), Wolf Dietrich Hellgrewe (Ge 
schichte und Philologie), Otto Hoffmann'(Jura), MarLoewen- 
thal (Medizin), Kurt v Rohrscheidt (Offizier), Walter 
Schreiber (Medizin), Ernst Günther v. Siemens (Seeoffizier), 
Paul Thiere (Nationalökonomie), Ernst Winkler (Neuere 
Philologie). Von der mündlichen Prüfung befreit waren 
Grottewitz und Loewenthal. Das Dezernat für das Helin- 
holtz-Realgymnasium wurde am 11. Oktober v. Js. Herrn 
Provinzialschulrat Doblin übertragen: " Am 11. Dezember 
wohnte Herr Provinzialschulrat Doblin der Revision des 
Gesangunterrichts durch Herrn Prof. Rolle bei und nahm 
an einer Sitzung des pädagogischen 'Seminars teil. Am 
12. Dezember wurde Herr Oberlehrer Dr. Ramm zunr 
Professor ernannt; der Kaiser verlieh ihm unterm 6. Januar 
1013 den Rang der Räte 4. Klasse.' --Das ' pädagogische 
Seminar revidierte Herr Provinzialschülrat Doblin am 
10. Februar. Herr Maler Schaum verließ zum 1. April 
1013 die Anstalt und folgte einem Rufe als Zeichenlehrer 
an die 2. städtische Ober-realschule iu Wilmersdorf. In das 
Kollegium traten folgende Herren ein: Zu Ostern 1012 der 
Oberlehrer Dr. Mueller; zu Michaelis 1912 der Oberlehrer 
Prof. Dr. Lorch. Als Hilfslehrer unterstützten die Anstalt 
die Kandidaten des höheren Lehramts Dr. Schulz und 
Kochn und der Maler John. Michaelis verließ Herr 
Chawick, der ein Jähr lang als englischer Lehramtsassistcuk 
tätig war, die Anstalt. Dein mit der Anstalt verbundenen 
pädagogischen Seminar zur Ausbildung von Lehramts 
kandidaten gehörten im Schuljahr 1012/13 au die Herren 
Dr. Regen, 'Dombrowski, Richten,-' Duhr, Dr. Zopf, Tr. 
Lampe, Dr. Venn, Mack, Dr. Winzer,'' Dr. Gille. ^ Vom 
Turnunterricht waren aus Grund ärztlichen Zeugnisses be 
freit im Sommer- 44 (9,12 Proz.)/'im --Winter 53 (10,72 
Proz.), von einzelnen Uebungen im Sommer 5 (103 Proz.), 
im Winter 4' (0,80 Proz.). Der Bericht' bringt dann noch 
Mitteilungen ' über die biologisch-chemische Uebungen, über 
physikalische Uebungen, ferner über des'Rudern, den Haud- 
sertigkeitsunterrrcht, über die Herbstwandcrunaen der Ober 
und Mittelklassen, über die Pfadfinder -und über den Unter 
richt in Stenographie. Die Mitteilungen an die Eltern be 
ziehen sich auf: Acußere Schuidisziplin, Ausweiskarten, 
Schülermützen, Turnschuhe, Milchtrinken, Schulversäumnis, 
Schülerbibliothek, Rücksprache, Versetzung, Än- und Ab 
meldung, Wohnungsveränderung, Aufnahme und Schul 
anfang. Dem -Jahresbericht, beigegeben ist die Wissenschaft^ 
lichc Beilage „Nietzsche und Christus'^ von Oberlehrer Dr. 
Jesinghaus. 
. o Zubehör von Grundstücken. Für das'Wirtschafts 
leben ist die Feststellung, ob eine zu einem Grundstück in 
Beziehung tretende bewegliche Sache Zubehör oder wesent 
licher Bestandteil desselben wird, von großer Bedeutung. 
Denn im ersteren Falle können an ihr bcsoiidere Rechte, 
insbesondere ein Eigentumsvorbehalt, bestehen, während bei 
letzterem ein solcher nicht geschaffen werden kann. Jene 
Feststellung ist nach den heute geltendeil Vorschriften schwierig 
und führt zu zahlreichen Prozessen. Die Handelskammer in 
Chemnitz hat nun, um diesem Uebelstcmdc abzuhelfen, den 
Vorschlag gemacht, daß dciii Grundstückseigentümer das Rech: 
offen stehen solle, durch eine im Grundbuch unter Ein- 
williguiig des betr. Verkäufers' zu bewirkende Eintragung 
im Augenblick des Erwerbes von znnl Grundstücke be 
nötigten beweglichen Sachen die. Eigenschaft derselben als 
Zubehör mit öffentlich rechtlicher' Wirksamkeit zu begründen. 
oder nicht. Die Empörung des Jungen war zu orolllg. 
Rolf stand noch iinmcr unterhalb der Veranda ans dein 
Gartenweg. 
„Aber, so kommen Sie doch herauf, Herr-Kühne. Wir 
wollten Mülli doch endlich das Blatt mit den Glyzynien 
zeigen, das Sie in Meran zuletzt gemacht haben. Alle Tage 
wollten wir das tun. Ich weiß, es steckt in Ihrer Brief 
tasche. Geben Sie es nur endlich her!" 
„Bitte, Herr Kühne. Ich habe so lange nichts von 
Ihnen gesehen." 
Rolf nahm das Blatt heraus. Es war ein schmaler 
Streif. Auf weißem Grunde zog sich ein zartes Gewinde 
blaßlila Glyzinienlrauben. 
„Ist das nicht reizend, Mutti?" rief Hans, der zwischen 
den beiden über den Tisch lehnte. 
„Ich habe eine eigene Idee damit," sagte Köhnc. 
„Wenn es nicht unbescheiden ist, möchte ich sie Ihnen 
erzählen, gnädige Frau." 
Drüben auf dem Wiesenhang, der den Garten gegen 
den Wald abschloß, stand Elsie und winkte mit dein 
Taschentuch. 
„Darf ich hinüber?" fragte Hans. 
Kaum, daß Helene ja gejagt, war er davongeflogen 
wie ein Pfeil. 
„Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Kähne?" 
Rolf nahm auf dem Korbstuhl Helene gegenüber 
Platz. 
Helene hielt das Blatt in der Hand. 
„Es erinnert mich an die kleine Gartciistudie mit 
dem schmiedeeisernen Gittertor." 
„Es ist ein Motiv aus demselben Garten. Sie werden 
beinerkcn, keine eigentliche Blumenstudie." 
Helene nickte. „Es liegt etwas Stilisiertes darin," 
meinte sie ein wenig enttäuscht. 
Rolf lächelte. 
„Gerade das wollte ich. Ich dachte nämlich, ob diese 
Anwendung der Glyzinien auf dem glatten weißen Grund 
nicht am Ende.ein verwendbares Motiv für einen. Wand 
behang abgäbe? Weißer Seidengrund mit blaßlila. 
Farbeytöncn." 
Helene lächelte ein wenig zerstreut. „Wakirhaftia. sehr 
hübsch und originell und, wie ich glaube, nicht einmal 
besonders kostspielig in der Herstellung." 
Dann ließ sie das Blatt fallen und sagte ärgerlich: 
„Wie konnnen Sie nur darauf? Für so etwas ist Ihre 
Kunst doch wahrhaftig, zu schade!" Und wollte sich's nicht 
eingestehen, daß sie einmal selbst bei einem Blatt von ihm 
daran gedacht, ivie schön es in praktischer Verwendung sich 
ausnehmen müsse ! 
Er lächelte ein klein wenig sarkastisch. 
„Das sollten gerade Sie nicht sagen, gnädige Frau. 
Sie, die Sie das Urteil Müllers über mich kennen." 
Damals auf dem Tannenstcg hatte er zu ihr davon 
gesprochen. 
Unwilliger noch als damals schüttelte sie den Kopf. 
„Ich habe doch meine eigenen Augen und brauche Müllers 
Urteil nicht, das, wie jeder weiß, immer befangen ist, wenn 
es sich um eine neue Erscheinung handelt. Man braucht 
nur Ihre kleinen Skizzen anzusehen, sie sind echte Kunst." 
„Und braucht die Industrie, auf dem Standpunkt, 
auf dem sie heut steht, nicht die Mitarbeit der echten 
Kunst? Wer nicht das Zeug dazu hat, ein Künstler im 
großen zu werden, weshalb füll er mit seiner — sagen 
wir Kleinkunst — nicht die Industrie unterstützen? Be 
sonders, wenn cs ihm" — er fügte es halblaut in sehr 
Warmem Ton hinzu — „eine besondere Freude ist.!' 
Rolf halle sich im eifrigen Sprechen, hingerissen von 
einem Gegenstand, den er schon längst gern zur Sprache 
gebracht hätte, ein wenig über den Tisch zu Helene hinüber- 
gcbeugt. 
Unten über den Kiesweg kamen Tritte, leise, vorsichtig. 
Eine eingeschnürte, gesucht jugendlich gekleidete, korpulente 
Figur. Ein moderner Strohhut mit wippenden Federn und 
üppigem Rosenflor auf strohblondem Haar. 
Eine langstielige Schilvpatilorgnette vor impertinent 
suchenden, kurzsichtigen Augen. 
Rolf, der mit dem Rücken zum Garten saß, hatte 
nichts von der katzenartig vorüberschleichenden Nelbe be 
merkt. Nur Helene hatte, ohne daß es zu einem Gruß 
zwischen den Frauen gekomMn war, den hämischen Blick 
der alternden Kokette aufgefangen. 
. ..Rolf sprach fort, ohne zu.gewahrem,daß der Schatten' 
eines Unbebaaens über Kelenens Antlitz aellöaen war. ' 
„Wenn' Die mich ein . bißchen einftd'iheil wollten ln 
die Geheimnisse Ihrer Fabrikation,' vielleicht daß ich, doch 
dann und wann eine Idee beisteuern 'könnte. Es' wäre 
mir eine große Freude. Ich habe eins ganze Menge Ent 
würfe im Kopf. Es wäre doch so-etwas wie ein kleiner 
Dank." Er hatte das letzte kaum hörbar gesprochen. 
Sie freute und wunderte sich, zugleich über seinen Eifer, 
über diese rasche, zupackende Art. die sie noch nie an ihm 
bemerkt hatte. 
Er las in ihrem ausdrucksvollen Gesicht. 
„Sie wundern sich über den ' Pränmulus, gnädige 
Frau? Ich bin gar 'nicht solch ein HanS-Guck-in-die-Luft, 
solch schlapper Idealist, wie Sie wohl-annehmen und die 
meisten Menschen mich beurteilen. Sie haben ja auch recht, 
die Menschen, nach-dem, was. sie tmvntir sehen." 
Helene wollte einen Eijumuill- zä seinen Gunsten 
machen. Rolf schüttelte lebhaft abwehrend den Kops. 
„Sie werden das süße lllr vicvtc-sy Ihrem Hause nicht 
als ernsthafte Arbeit bewerten, danach müh messen wollen, 
gnädige Frau! Hab', ich nur desJumgeu Herz gewonnen 
und damit die Autorität über ihn, fm ist das Glückssache. 
Nehme ich Ihnen für den Augenblick- damit eine Last 
von den Schultern, so ist sie es doppelt,. -'Mer Mannesarbeit 
ist es nicht. Sie . kennen meinen. Lebessgang. Hätte ich 
festhalten, fortschreiten können, da, ’-tüa.'c'i um meine Ueber 
zeugung ging, cs wäre nicht solch ejn Halber aus mir 
geworden." 
„Denken Sie an das Studium oder an die Kunst, 
Herr Kühne?" 
. „Mehr'an das. Studium, -und- auch an das eigentlich 
nur als Mittel zum Zweck. Oie Kunst! Mehr und mehr 
sehe ich ein, sie ist mir doch mahl..mehr eine unglückliche 
Geliebte, denn eine gewährende. Hätte 'ich das Studium 
vollenden können, wie gejagt, nicht einmal ein rein wissen 
schaftlicher Beruf hätte mir vorgeschwebt. Wohl aber die 
wünschenswerte abgeschlossene al.aMm.sche Bildung, wie 
sie für. ein Berlagsgeschafh . wie -cphitzefties Vaters, wenn 
aych nicht gerade vonnöten, so böcheksireoenswurt gewesen 
wäre. 
(KerchetzMv kÄLl.)
        
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