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Periodical volume Nr. 209, 05.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

1. Beilage zu Nr. 10 des „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Sonntaff, den 12 Januar 1913 
Me öunle Woche. 
Plauderei für den »Friedenau« Lokal-Anzeiger-. 
Berlin, den 10. Januar. 
«•** S»tzer»an» — »Ttiwmev der Preff«^. — Mee 
Starts« (attl die So 000 Hg«»el — Der C d. S. — von 
Brillanten. Nnterhusra und Autowotziieu. 
Der neue Sudermann ist auf den Markt gekommen. 
Lessing, der längst unmodern geworben ist, meinte zu einer andern 
ä eit einmal, man brauche, um ein Bund Stroh aufzuheben keine 
«aschin« in Bewegung zu setzen... 
Ich kann leider über das Siück nicht selbst berichten», «eil ich an 
fevem Abend di« russische Tänzerin Pawlowna bet Kroll sah; 
»etl mich die nicht immer freudige Berufspflicht in ein Meer von 
Schönheit und Licht geführt hatte, aus dem ich für eine gute Weg. 
strecke eine dankbar« Erinnerung mit mir tragen werde. 
Aber neben den üblichen Größen war die Berliner Preffe doch 
wohl fo ziemlich bet der Premlerenschlacht voll und ganz vertreten. 
Sicher mehr voll, als ganz. 
Denn al» ich am andern Morgen die Berichte über den wunder- 
lichen Abend las, als ich vernahm, daß Sudermaon sich sechzehn Mal 
mit einem Lächeln nach der Galerie hinauf verbeugt hatte, da mutzte 
ich wohl annehmen, daß sich des HetmatSdichterS neuestes Werk rm 
grellen Licht der Rampe bewährt hatle . . . 
Ich will hier ein paar »Stimmen der Preffe- wiedergeben.... 
»ES war ein verlorener Abend. Trotz der äußerlichen Mache 
war e« ein eklatanter Mißerfolg-. 
.Dieses Theaterstück, das schon vor der Geburt verurteilt 
«erden sollte, ist vom Premiererpubl.kum glänzend freigesprochen 
»orden.- 
»Sudermann zeichnet in seiner bekannten Manier keine 
Charaktere, sondern nur auf rohen Theatereffekt zugestutzte 
Pappen, für deren Handlangen sich nicht die geringsten, psychologischen 
Erklärungen bringen laffen'. 
»Wiederein echterEudermann.rEtarke,vollblutigeMenschen. 
Eine straffe Handlung, von dem besten Routinier meisterhaft auf. 
gebaut und durchgeführt'. 
»DaS armseligste, waS dem alt werdenden Sudermann je miß- 
laug. Keine Spur von Handlung, keine Spur von Kaft. 
Weibchen und Laffen. Eine Sammlung von Zufälligkeiten, von 
denen man einen oder zwei Akte streichen könnte-. 
»Man wollte nicht durch c'n unvoisichtige- Gähnen unze- 
bildet«, als Nr Nachbarn erscheinen. D:s war kein Sieg, dar war 
Langeweile-. 
»Sudermann stillt, wie immer moderne Menschen mit atembe 
raubender Stimmung auf die Bietter. Menschen, die unter uns 
lebe», und die wir oft erst duich ihn kennen lernen' . . . 
Ich kinvte diese vlülenlefe roch beliedia fortsetzen, denn in 
Berlin erscheinen vielleicht 2(0 Zestungcn und Zeitlchnften, die sich 
mit dem neuen Stück deS Herrn Eudermann auseinandersetzen . . 
.Wat den eenen fien Uhl iS, iS den annern fien Nachtigall-. . . 
Die Herren, deren erster Beruf ist, die Theater zu besuchen und 
über Ibsen und Hasemarns Töchter zu schretben, sehen bekanntlich 
eine Sache utcht mit den gleichen Augen an. Aber zwischen der 
»Langeweile- und der »atemraubenden Spannung- ist doch immerhin 
ein kleiner, von dem Laien doch schließlich u ahrzunehmender 
Unterschied. 
Wie daS Stück nun ist, werden die Leser aus diesen Proben 
sicher wobl «kennen köirnn. ES pendelt also zwischen Gut und Böse, 
zwischen Goethe und Bendix. urd wird als letzte Neuheit deS ge 
wiegten Brelterfabrikanten sicher seinen vieiumstititenen Weg machen 
In Berlin ist e« übrigens schon wieder begraben und vergessen, 
denn hier steht nach einer ha den Stunde bekanntlich immer wieder 
etwas anderes in dem so überaus geschätzten Lordergrund. 
Im Zirkus Busch trinkt eia Herr Mac Norton in fünf 
Minuten 50 bis 100 Glas Bier, verschluckt dann-rösche und Gold 
fische, behält dieses alles eine Zeit lang in seinem gewiß sehr inter- 
,flauten Magen und läßt zuerst da» Bier und daun die Goldfische 
wieder aus seinem Muade herauöspazieren. Gewiß ein ästhetisches 
vegtnren, das allabendlich brauserde Beifallsstürme entfesselt. 
Tann find aus Australien 30(00 gefrorene Hammel eingeführt 
»orten, was ebenfalls als eine Knltuttat gepriesen zu werden 
verdient. Wobei ich jedoch bemerken mochte, daß diese besagten 
Hammel weder mit dem Berliner Premiereripubstkum, noch mit der 
Berliner Kritik, noch mit dem Herrn Mac Norton tu irgend einer 
Beziehung stehen; obwohl ich mich nicht wundern würbe, wenn ich 
eine« TageS tu der Berliner Preffe lesen würde, daß Im ZtrkuS Bosch 
ein Herr dreißig Tausend Hammel verschluckt. Und wenn dann am 
anderen Morgen die verichie über diese Tiltgkeit ziemlich wett aus 
einander gehen würden, lönnte ich das Wundern auch noch 
nicht lernen. 
Denn an der Spree ist eben alles möglich. 
Und daher wundert cs mich auch garnicht, daß sich hier jetzt 
endlich ein B d. S. gegründet hat. Das in tun keineswegs ein 
Bereis dämlicher Sudermannkriliker, — mich kein Verband deulscher 
Süffel (angeregt durch die Leistungen deS Herrn Mac Norton) . . . 
ES ist der Verein der Suchenden! 
Der löbliche § 3 des reuen Vereins lautet: 
»Unter dem Namen eines GeselltzkeitkvereinS hat sich der 
B. d. E. die Vermittlung von Heiraten zum Zw.ck gefitzt. 
Dle Suchenden find die hiiratswilligen Märchen und heirais 
lustigen Witwen, die einen Mann, und die Männer, die eine 
bessere Hälfte suchen. Zur beffnen Erreichung des Ziele» soll 
der Verein in Gruppen «ach Slavd, Bildung usw. geleilt 
werden.- . . . 
Man sieht: Die Leutchen sagen klipp rnd klar, was sie wollen. 
Die Etaluten setzen ferner noch sest, daß man sich zwargNoS 
keuncu lernen soll. In Versammlungen und auf Bällen soll hierzu 
Gelegenheit gegeben werde». Und wenn man merkt, daß man die 
eme oder die andere Späne vllmälig lieb gewinnt, so soll man sich 
vertrauenivoll an den Vorstand wenden, soll ihm de» Herzrns heißes 
Hoffen milterlen, worauf der daun bei dem andern Teil so ganz vor- 
sichrig hinten herum anfragt, ob denn auch so eine Spur von dem 
vorhanden ist, was vorsichtige Leute tm geschäftlichen Lebe« als Gegen- 
liebe bezeichnen .... 
Ich war ein aller, böser Sünder, 
der sich znm Guten heut bekennt. 
Zum Büßer und zum Ueberwiuder 
vat ich nun einmal kein Talent. 
Ich hab jo manches hübsche Mädel 
im Mat und auch im Herbst geküßt, 
und gern danach mit srywercm Schäd« 
deS leichten Glückes Traum gebüßt. 
Bon Tanten',immer gern gemieden, 
von Müttern sorgend oft verwarnt, 
hab ich auf dies« Welt hieniedcn 
schon manche? junge Herz umgarnt. 
Doch nimmer wollte es sich schicken, 
daß ich bei einer blieb, — indeß 
cs wird demuächsten» mir wohl glücken, — 
denn jetzt geh ich zum v. b. S. 
Ich zahle pünktlich meine Gelder 
an unsern Vorstand, d« mit List 
doch sozusagen Feuermelder 
für neu enlfachte Liebe ist. 
Ich tanz auf Bällen uud Redoute», 
besuch Versammlung und Kongreß . . . 
Doch eines fehlt in den Statuten 
des sonst sehr guten V. d. E. 
Ich setz den Fall: Im Lauf der Jahre 
vermillelt der B-retn mein Glück.... 
Nimmt er denn auch die Exemplare, 
wenn sie beschädigt find, zurück? 
Ist Umtausch späterhin auch möglich, 
(doch ohne Klage und Prozeß)? — 
Dann preis ich tief ergriffen täglich 
die Ziele unsre« V. d. S. 
Schade, daß der B. d. S. nicht schon seit längerer Zeit besteht. 
Bielletcht wir« dann dem Bankier Sattler, der nebenSudermanu, 
den 30 000 Hammeln und Herrn Mac Nörten augenblicklich auch im 
»Vordergrund- steht, daS traurige LoS erspart gebltebeno 
Vielleicht hätte er durch Vermittlung des V. d. S. eine Frau be 
kommen, die seinen Aufwand elwaS eingeschränkt hätte. Aber wenn 
das Herrchen in einem Jahre 24 Paar Stiefel für insgesamt 
SOS M. gebraucht, w:nn er nur Strümpfe im Werte von 10—18 M. 
daS Paar trägt, wenn er, — man verzeihe mir daS harte Wort, — 
Unterhosen zum Preise von 55 M. trägt, ja, dann wird all- 
mälig der Staatsanwalt auf diesen sogen. „Aufwand- aufmerksam. 
Eatiler, der j tzt wegen betrügerischen Bankrotts in Moabit um 
seine anscheinend doch etwas febr stark ramponierte Ehre kämpft, war 
ohne Krage ein eigentümlicher Mensch. Er verbrauchte hundentausende 
für sich, trug einen Spazicrstock mit 132 Brillanten besetzt, schenkte 
seiner grau etumal eineo Schmuck für 42000 M. — und als er 
verhaftet wurde, fanden sich noch ganze 28 Pfennige im Geld- 
schrank vor. 
Auch ein Stück Berlin. 
Eines wurde in dem Prozeß noch «wähnt, wobei vielleicht ein 
flüchtiges Lächeln selbst üb« die Züge deS Staatsanwaltes huschte: 
Innerhalb eines Zeitraumes von rund 2 Jahren hat Sattler nicht 
weniger als 50000 M. Strafe zahlen müffen wegen zu schnellen 
FahrenS mit seinem Automobil. An einem einzigen Tage ist 
er viermal wegen dieses Deliktes aufgeschrieben worden . . . 
Er war eben ein Mann, der im Leben nicht schnell genug vor- 
wärt» kommen konnte. Hetur. Binder. 
Aas Zafir und seine Monate. 
Eine »zeilliche- Plauderei von Georg Stier-Friedenau. 
1. 
Wenn wir unS am Ellvesterabeod im trauten Familien- oder 
FreundedkretS vereinen, um bei dampfendem Pansch und gold- 
gebräunten Pfannkuchen das neue Jahr zu begrüßen, denken wir wohl 
kaum daran, daß der Jahresanfa'rg nicht immer am 1. Janrar war. 
Bet den alten Aegyplern z. B fing daS Jahr am Tage des 
H-rbstöqainoktiumS an, am 22. September. Das Jahr hatte zwölf 
Monaie von je 30 Tagen — 380 Tage, denen man 5 Tage hinzu- 
fügte, um dem Sonnenjahr (365 Tage, 5 Std., 43 Min. 46 Sek.) 
möglichst nahe zu kommen. 
Da das Jahr etwa 6 Slunden = '/. Tag zu kurz war, so 
konnten r aiurgemäß die Jahreszeiten nicht immer in dieselbe Epoche 
fallen In vier Jahren war man 1 Tag zurück; in 4X365 Jahren 
(= 1460 Jahren) 365 Tage, sodaß d« Jahre-ansang nach und «ach 
alle Jahreszeiten durchlief, um endlich nach 1460 Jahren wieder auf 
dem ersten Ausgangspunkt anzugciangen. E» kam ,o vor, daß Feste, 
die im Winier zu feiern waren, in den Sommer fielen und umgc kehrt. 
Um diesem llebelstavd abzuhelfen, wurde unler Ptolemäus 111. 
(247—222 v. Chr. G.) beschlossen, alle 4 Jahre einen Echaltlag ein- 
zufügen, und zwar zwischen den 5 ErgäuzungStagen uud dem neuen 
Jahr. Im Jahre 25 v. Chr. G. «ahm Aegypten den .Jullanischen- 
Kalender ae; seit 1879 ist der »Gregorianische- eingesührl. 
Bei den alten Römern, unter dem ersten König Romulus (753 
kiS 716 r. Chr. G.), begann das Jahr am 1 Mär, und hatte zehn 
Monate: MartiuS (3l Tage), ApriliS (30 T). Maju» (31 T.), 
JmituS (30 T), QuivtiliS (31 T.). SexllliS (30 T.). September 
(30 T.) Oclobn (31 T ), November (30 T.), D-eember (30 T.) DaS 
Jahr zählte also 304 Tage. Der zweite römisch- König Numa 
PompiliuS (715—672) fügte den Januarius mit 29 Tagen als eisten 
Monat hinzu, den Kebruarius mit 28 Tagen als zwölften. Zu gleicher 
Zeit «ahm er den Monaten, die btS setz« 30 Tage gehabt hatten, 
einen Tag fort, sodaß « ein Jahr mit 355 Tagen erhielt. Mau 
überließ e« den Prtesteru, dieses Jahr mit dem Sonnenjahr (365 T., 
5 Std., 48 Mia., 46 Sekunden) tu Einklang zu bringen. Um ihr 
Ziel zu erreicheu, fügten sie gewiffe Schaltage ein, verfuhren aber mit 
solcher Willkür, daß allmählich ein- sehr große Verwirrung in der 
Zeitrechnung entstand. Zur Zeit Julius Cäsars z. B. war der 
Jahresanfang bis nahe an das Herbstäquinokitum zurückgegangen. 
Um diesem unhaltbaren Zustande ein Ende zu machen, bestimmte 
Ji-liuS Cäsar (im Jahre 46) daß daS Jahr 365, jedes vierte Jahr 
aber 366 Tage zählen solle (Schaltjahr). Dm Monaten gab Cäsar 
die Zahl der Tage, dle sie noch hmle haben. Der Jahresanfang 
wurde auf den 1. Januar festgesetzt, weil an diesem Tage die 
Konsuln seit 153 v. Chr. G. ihr Am« antraten. Der von Cäsar ver- 
befferle Kalender wirb nach ihm „Julianischer- Kalender genannt. 
Durch Cäsars Einführung des SchastjahreS von 366 Tagen, 
hatte ein Jahr tm Durchschnitt 365/ 4 Tag, d. h. 865 Tage, 6 Stunden. 
Dies war aber gegen das Sonnenjahr 11 Mlnuien 16 Sekunden zu 
viel. Es mußten sich somit tm Lause der Jahre abermals Uuregel- 
Mäßigkeiten einstellen. Diese wurden 1582 vom Papst Gregor Xlll. 
beletttgt, indem er bestimmte, daß der von Julius Cäsar eingeführte 
Schalttag bei den Säkularjahren ausfallen solle, mit Ausnahme der 
durch 400 teilbaren; mit anderen Worten: die gewöhnlichen Jahre 
sind Schal'jahrr, wenn sie durch 4 teilbar sind; die Säkularjahre sind 
Schaltjahre, wenn sie durch 400 teilbar find. Gregor bestimmte ferner, 
daß — um die Frühlings - Tag und Nachtgleich- wieder auf den 
21. März zurückzuführen — im Oktober 1582 zehn Tage fortgelassen 
w-rd:n follien, indem man palt des 5. Oktober dm 15. schrieb. Dieser 
von Gr-gcr vclbrssirle Kalender heißt »Gregorianischer- Kalender. 
Er i»r ln allen zivil,"reiten Ländern eingeführt, auSg-nommen in 
Rußland und Griechenland, wo man noch nach dem Julianischen 
Kalender, dem Kal.nder „altm Stils' rechnet. Da der Gregorianische, 
der Kalender »neuen Sills, jenem 13 Tage voraus ist, find die 
Rüsten und Griechen gegen uns um ebeujoviel Tage zurück. 
Unter dm Karolingern (752-897) begann daS Jahr zu Werh- 
nachteu; uni« dm Kapetingern (987-1589) zu Oftem. Da dieses 
Fest bekanutlich nicht immer auf denselben Tag fällt, sondem einmal 
früher, einmal später, so war das Jahr natürlich bald länger, bald 
kürzer. Im Jahre 1317 z. B. fiel Oflem auf dm 1. April, 1348 auf 
den 20. April; somit zählte dieses Jahr 20 Tage zu viel. Um einen 
Ausgleich zu schaffen, berechnete man die ersten 20 Tage von 1343 
mtt je 48 Stunden. Diesem trostlosem Uebclstand wurde endlich durch 
dm französischen König Karl IX. (1560-1574) abgeholfen, indem er 
1564 den Jahresbeginn wieder auf dm 1. Januar vttlegte. In 
England fiel Neujahr auf den 25. März. Erst im Jahr 1572 fetzte 
man den Anfang auf den 1. Januar fest, indem man das Jahr am 
31. Dezember schloß und so um etwa 3 Monate kürzte. Ueber diese 
von Lord Chestnfield eingeführte Reform war daS Volk so «regt, daß 
cS feinen Reformator fast gesteinigt hätte. »Geben Eie uns unsere 
drei Monat: wieder!- schrie man Ihm zu in der Einbildung, 3 Monate 
vom Leben eingebüßt zu habm. 
Der arme Kalender kam immer noch mcht zur Ruhe. Er wurde 
ei»« neuen Aenderung während d« französischen Revolution unter- 
worfen. Die Gründe waren besonders folgende: 1. Der Nalional- 
kouveut (die Volksvertretung vom 21. September 1792 bis 26. 
Oktober 1795) wollte durch Beseitigung deS bisherigen Kalent«» eine 
in den Hä« den seines Gegners, der Geistlichkeit, befindliche Waffe 
zerbrechen, eine Waffe insofern, als die Geistlichkeit durch Aufzählen der 
vielen kirchlichen Feste, der Heiligen usw. einen großen Einfluß 
auf daS Volk auSüdle. 2. Der Konvent wollte lm neuen Kalender 
für Verbreitung alles besten folgen, was beim Lotte Liebe zur Republik 
uud zur Freiheit erzeugen könnte.- 3. Er wollte das zehnteilige 
System, das schon für Maß und Gewicht Gültigkeit hatte, auch auf 
die Zeüberechnung ausdehnen. Im Auftrag des - NationalkonventS 
wurde der .republikanische' Kalender von Gilbert Romme, dem 
Präsidenten vom „Ausschuß des öffenliichcn Unterrichts' unter Mit 
wirkung verschiedener Gtlehiier ausgearbettct. Am o. Oktober 1793 
wurde er dem Konvent vorgelegt und genehmigt. Da di« Republik 
am 22 September 1792 proklamiert worden, so beschloß man' d ft 
di« neue Aera mit diesem Tag und Jahr beginnen sollte. Das' I hc 
war in 12 Monate zu je 30 Tagen eingeteilt. Diesen 360 Tu, er 
fügte man in gewöhnlichen Jahren 5, in Schalljahren 6 Eraänzur aS- 
tage hinzu, d e man vom Jahren III ab „sans-enlotiides" oder 
' . 5. ' " Z. ; HUI KW, VII, .-C/C4VJJHUIICJ, oei o. Äislu 
war Nalionalfest. Ueber die Namen der Monate und Tage erlspann 
sich ein langer Streit. Schließlich winde Fabre d'Eglantine, Lichter 
und Konventmitglied, mrt der Lösung dieser Frage beauftragt 
Ueber die Monatsnamen geben wir daS Nötige am Echluft unseres 
Artikel«. Zu den Tagen sei folgendes bemerkt: Fabre fchaffte zunichst die Ein- 
teiluug in Wochen als unnötig ab. Jeder Monat umfäßte 3 D-kad-". 
d. h. 3 Gruppen von je 10 Tagen; das Jahr hatte somit 35'/, Dek de. 
Jeden Tag einen besonderen Namen zu geben, hielt Kadre für über- 
flüssig Hauptsache sei nur, zu wiffen, der wirvlelte deS Monats sei. 
Sr schlug daher im Anschluß an die lateinischen Zahlen und da« 
lateinische die, = Tag folgende Bezeichnungen vor: Primidi (erster 
Dnodi (2. Tag), Tridi (3. Tag, Qaartidi (4. Tag), Quintidi (5. Tag), 
Sextidi (6. Tag), Septidi (7. Tag), Octidi (8. Tag), Xoniäi (9. Tag), 
Decadi (10. Tag). — Primidi bezeichnete den 1. Tag jeder Dekade, 
also den 1., den 11., den 21. Tag deS Monats. — Tridi bezeichnete 
den 8. Tag jeder Dekade, also den 3,, den 13., den 23. Tag des 
MonatS usw. Eine Verwechselung, meinte Fabre, kann nicht vor- 
kommen, da man doch wohl weiß, ob man sich am Anfang (1. Dekade), 
tu der Mitte (2. Dikade) oder am Ende deS Monats befind« 
(3. Dekade). Der Tag begann um Mitternacht, hatte 10 Stunden, 
die Stunde 100 Minuten, die Minute 100 Sekunden. 
Der republikanische Kalender führte ein Dasein von uur 13 Jahren. 
Durch Verordnung Napoleons I. wurde am 1. Januar 1806 d« 
Gregorianische Kalender wieder eingeführt. 
2. 
Gehen wir zuz den Monaten über, indem wir zunächst die 
lateinrsch-n und deutschen Namen betrachten: 
1. Jannams (Januar) ist nach dem Gott Janus benannt, dem 
Regierer ec« Jahres, dem Gott der Zeit und allen Anfangs. BiS 
ins 18. Jahrhundert gebrauchte man die volle lateinische Form. 
Daneben bildeten sich die Formen jtnner und jenner. Jetzt sagt man 
meistens Januar. Daneben finden sich tn einzelnen Ländern ver- 
schieden- Bezeichnungen wie: EiSmönd, Cchneemond. Früher nannte 
man Januar das Große Horn, zum Unterschied von Februar, der das 
Kleine Horn hieß. (Näheres bei Februar). 
2. Fedruariu, (gebruar) war uach Februa benannt, einem großen 
Sühne- uud RrinigungSfest, das man im alten Rom vom 18.-28. 
Februar zu Ehren des etruskischen Gotte« Februu» feierte. Der alte 
dentsche Name ist Hornung, oder das Kleine Horn. — Hornung ist 
eine Ableitung von How, daS jedenfalls mit Horn (Gehörn) zusammen- 
hingt und von hornhartem Frost hergeleitet wird. 
8 Martins (Mär ) war Mars, dem Gott des Krieges geweiht. 
— Karl der Große gab ihm d.-n Namen Lenz- oder FrühlingSmond; 
er wird auch heute uoch vielfach Lenzmond genannt. Neben der 
lateinischen Form schrick man vom 15. Jahrhundert ab merz oder 
mertz. Im 16. Jahrhundert war allgemem die Form merz üblich. Dle 
Schreibweise märz tritt «st um die Mitte deS 18. Jahrhunderts auf. 
4. Aprilis (April) hat seinen Namen von aperirs — öffnen. 
Avril ist 0« Monat, in dem sich die Erde dem «nachStum der 
Pflanzen von neuem öffnet. — Karl der Große nannte den Monat 
Ostermond, da Ostern gewöhnlich hineinfällt. Woher der Gebrauch 
kommt, jemand in den April zu schicken, ist noch nicht aufgeklärt. 
Vielleicht — wie Grimm meint — ist cs der Rest eines' alttellischen 
Festes, daS bei Frühlingsanfang gefeiert wurde. — Die Franzosen 
schicken fich am 1. April Attrappen, schreiben scherzhafte Briefe, um 
jemand anzuführen und neunen DieS „donner un poisson d’arril.“ 
Diese Elite kam erst im l6. Jahrhundert auf und häugr mit der oben 
geuanr-ten Verordnung Karls H. zusammen, daß daS Jahr am 
1. Januar anfangen solle. Seit dieser Zeit geben sich die Franzosen 
ihre NeujahrSgeschenke am 1. Januar; am 1. April ab« senden sie 
sich nur Echeingeschenke, scherzhafte Gratulationen usw, und da im 
Monat Apnl die Sonne das Etcrubtld der Fische verläßt, — die 
Fische also sozusagen nicht mehr existieren, so nennt man diese Schein- 
gejchenke eben „ponsons d’avril“ — AprMche. 
5. Majas (Mai) war der Göit.n Maja, der Tochter deS Atlas 
uud Mutter des Merkur, gcwismei. — Neben der lateinischen Form 
bildeten fich die Farmen meio, meie. Dom 15. Jahrhundert ab scyrteb 
man: mei, mai und mcy, may. 
6. dnnins (Juni) halte man d?r Göllin Juno, der Gemahlin 
JnpitcrS, geweiht. — Im 16. und 17. Jahrhundert schrieb man, 
neben der lateinischen Form junIuS, den Genitiv junil; späler juny. 
(So z. B. Goethe). Vom 15. Jahrhundert ab wurde oer Juni auch 
Biachmond genannt. 
7. Quintilis, mensis Qoinlilis, bedeutet der 5. Monat; denn 
März Wut ja ursprünglich der 1. Monat. Im Jahre 46 v. CH. G. 
wurde bi-ser Monat vom römischen Senat Justus genannt, zu Ehren 
des KalenoenesormatorS Julius Cäsar, der in diesem Monat geboren 
war (am 12. Just 100'v. CH. G) — Der volle lateinische Name 
findet fich noch bet Lcsfiug (13. Jahrh) Seit dem 16 Jahrhundert 
schrieb man neben jultus auch jully, euolich juli. — Deutsch heißt er 
auch Heumond,'weil dann die Heuernte stattfindet. 
8. Lextilis, mensis Lextilis, heißt der 6. Monat. Im Jahre 
7 v. Ch. G. gab ihm der römische Kaiser AugupuS seinen eigenen 
Namen Augustut, weil er in dem 6. Monat die meisten Siege er- 
rungen hatte. — Neben Auguflus schrieb man im 15. Jahrhundert 
angst, augstmond. Dieser Monat wird auch Emtemond genannt. 
9. Die Monate September bis Dezember haben im Deutschen die 
lateinische Bezeichnung beibchalien, ebenso im Englischen. Dle Be- 
deutung der Namen entspricht aber nicht mehr der Wirklichkeit: S:p- 
iember, von reptem sieben, bedeutet der siebente Manat — heute ist 
cB der neunte. Oktober, von oelo acht, war der achte Monat — herUe 
ist se8 der zehnte, November, von uovsm neun, war der neunte 
Monat; jetzt ist eS der elfte. Dezember, von deceta zehn, war der 
zehnte Monat; bei unS ist es der zwölfte. Die Franzosen kürzen diese 
Monate noch «ach der alten Bedeutung ab: Septcmbre = 7die, 
Oktober--8bre, Novembre--- 9 bre, Decembpe ---10bre (oder Xbre). 
Den September nennt man deutsch auch Herbstmond; Oktober: Wein- 
mond; November: Windmond; Dezember: Wintrrrr.ond oder Christ 
mond, weil das Weihnachtsfesl hineinfällt. 
Die nachfolgende Zusammenftelluu-z wird in übersichtlicher Weise 
die «ehnlichkett, «sp die Verschiedenheit der Monatsnamen in den 
betreffenden fünf Sprachen zur Anschauung bringen: 
deutsch: englisch: srauzösilch: spanisch: italienisch: 
Januar Jrumary janvier enero gennaio 
Fcbruar Febrnary icviier febrero febbraio 
März March mars marzo marzo 
Apiil April avril abiü aprile 
Mai May mai mayo maggio 
Juni Jnne jnin jnnio giagno 
Juli Jaly galtst jalio luglio 
August August aoüt agosto agosto 
September September septembre seliembra settenbre 
Oktober Cctober octobro octubre ottobre 
November Nevember novembre noviembre novembre 
Dezember December decembre dioiembre dicembre 
Bei Benennung der französischen MonatSuamen lehnte sich Fabre 
an die Naturerscheinungen und an die Landwirtschaft an. 
Der Herbst umfaßte die Monate: 1. vendörniaire (22. 9.—21. 10 ), 
vom lateinischen vindemia (Weinlese), also Weinlesrmonat. 2. burmaue 
(22. 10.—20.11.), von brnrno (Nebel), also Nebelmonat. 3. fnmsüe 
1,21. 11.—30. 12.), von frimts (Rauhreif, Frost) --- Frostmouat. Die 
Wintnmonate hießen: 4. nirose (21. 12.—19. 1.), 1>. lat. nivosns 
(schneeig) — Schneemonat. 5. plaviSse (20.1.—IS« 2), v. lat. plima 
(Regen) = Regenmonat. 6. ventöse (19. 2.—20. v. lat. veritosns 
(windig) — Windmonat. Die Flühlingkmonate waren: 7. germmal 
(21. 3.—19. 4.), v. lat. germen (Keim) — Keimmonat. 8. floral
        
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