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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Beilage p Nr. 92 des „Friedenauer Lslal-Arrzeiger". 
Sonntag, den 20. April 1913. 
lokales 
(Nachdnick unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Polizei und Presse. Dazu schreibt der „Zeitungs- 
Verlag": Die Polizeibehörden mancher Städte haben es mit 
ihren Mitteilungen an die Presse bisweilen nicht sonderlich 
eilig. Das beweist eine Nachricht, die wir dieser Tage in 
einem Düsseldorfer Mart fanden, daß die dortige Polizei 
behörde die Mitteilung über einen schweren Einbruchs 
diebstahl erst zwei Tage uach dem Vorfall an die Presse 
gelangen lies;. Gerade bei Diebstählen ist aber die möglichst 
schnelle Venachrichtigung der Presse oft von ganz besonderem 
Vorteil. Sind doch genügend Fälle bekannt, in denen es 
gerade durch die schnelle Veröffentlichung in den Tages 
zeitungen gelang, der Diebe habhaft zu werden oder die 
Beute und deren Versteck zu ermitteln. Mit Recht wird 
denn auch über das Verhalten der Düsseldorfer Polizei 
behörde durch den dortigen „Generalanzeiger" folgendes 
gesagt: „Es mutet seltsam an, daß die Kriminalpolizei 
diese Nachricht an dem zweiten Tage nach dem Vorfall ver 
öffentlicht. Wenn wir auch die Notwendigkeit der Geheim 
haltung bei gewissen polizeilichen Feststellungen anerkennen, 
so können wir doch nicht einsehen, welchen Nutzen sich die 
Polizei in diesem Falle von der Geheimhaltung verspricht. 
Die Diebe werden nun doch nicht annehmen, daß ihre Tat 
noch nicht bekannt ist, und daß sic nicht verfolgt werden. 
Wenn die Polizei die Spitzbuben 'fassen will, dürfte es 
besser sein, diese nicht immer für dumm zu halten. Für 
ein solches System könnten am Ende nur die Verbrecher 
selbst der Kriminalpolizei dankbar sein." — Und in 
Friedenau? Hier hat der Herr Amtsvorsteher verfügt, 
daß überhaupt keine Nachrichten über Diebstähle usw. seitens 
der „Nachgeordneten" Polizeiorgane an die Presse gegeben 
werden. Grund: Friedenau soll nicht in den üblen Ruf 
komnien, daß hier Spitzbuben und Rowdys ihr Unwesen 
treiben! 
v Ausländische Losschwindler treiben wieder ihr Un 
wesen in Deutschland. Durch zahllose Briefe, Prospekte und 
Agenten empfehlen sie Prämien-Obligationen noie Otto- 
manische (Türkenlose), Braunschweiger, Pappenheimer, Holl. 
Grundkreditbanr, Holl. Fünfzehnguldenlose usw. Sie ver 
kaufen sie gegen Monatszahlungen oder auch nach neuestem 
Schwindlertrick gegen Beleihung. Das Publikum fällt leider 
immer wieder darauf hinein. Der Kauf solcher Obligationen 
ist in allen deutschen Staaten strafbar. Zahlreiche Käufer, 
und besonders Vermittler, find schon deshalb bestraft worden. 
Außerdem sind aber die ausländischen „Bankfirmen", die 
diese angeblichen Wertpapiere verkaufen, durchweg Schwindler. 
Es ist festgestellt, daß sie Papiere, über die sie Depotscheine 
und Zertifikate erteilen, garnicht besitzen. Wie uns die Kgl. 
Staatsanwaltschaft Cassel mitteilt, schweben gegen fast 100 
dieser Firmen Strafverfahren wegen Betruges und Wuchers 
und Zugleich Sperren für sämtliche Postsendungen Jeder, 
der mit den Firmen oder ihren Vernüttlern in Verbindung 
tritt, setzt sich also dem gerichtlichen Strafverfahren aus. 
Es sei auch besonders gewarnt vor dem Kauf von Losen 
der dänischen Koloniallotterie; zahlreiche Bestrafungen find 
auch deshalb erfolgt. Alle, die mit ausländischen Firmen 
in Verbindung getreten sind, werden sich am besten an die 
Kgl. Staatsanwaltschaft Cassel wenden. 
o Unser Ferienheim in Zinnowitz nimmt während 
der großen Ferien auch solche Schüler auf, für die von den 
Ellern die Kurkosten gezahlt werden. Im vorigen Jahre 
wurde hiervon rege Gebrauch gemacht. Wir hoffen, daß 
sich auch in diesem Jahre wieder viele Eltern bereit finden, 
ihre Kinder in der Ferienzeit dort unterzubringen. Die An 
meldungen werden rechtzeitig erbeten an den Vorstand des 
Friedenaner Vereins für Ferienkolonien bezw. an Frau 
Josephine Wetzell, Kaiserallee 131, oder Herrn Lehrer 
Barsch, Stubenrauchstr. 21. Der Verein sendet in diesem 
Sommer drei Kolonien in das Ferienheim, eine im Juni, 
die andere im August und die dritte im Semptember. Die 
Auswahl der Kinder erfolgt bereits fetzt. Es werden ins 
gesamt rund 120 Kinder aus unseren Volksschulen auf 
Kosten des Vereins, der Gemeinde und der Ärmenvcr- 
waltnng uach Zinnowitz geschickt. 
o Zur Förderung des Obst- und Gemüseverbrauches 
wird beabsichtigt für die Provinz Brandenburg einen Landes- 
rerband als Zweigverein des Vereins zur Förderung des 
Obst- und Gemüseverbrauches in Deutschland zu begründen. 
Zu diesein Zwecke findet am 30. April um 1 Uhr im 
Landhause. Matthäikirchstraße 20-21, eine Versammlung 
statt, zu welcher die Frau Landesdirektor von Winterfeldt, 
Berlin, Einladungen hat ergehen lassen. Die Tagesordnung 
ist solgende: Eröffnung durch den Vorsitzenden Se. Exzellenz 
Herrn Generalleutnant z. D. von Bredow-Stechow. Zweck 
und Organisation des Vereins zur Förderung des Obst- und 
Gemüseverbrauches in Deutschland, Königlicher Gartenbau 
direktor Grobben. Das Interesse der Deutschen Volkswirt 
schaft an der Förderung des Obst- und Gemüseverbrauches, 
Professor Auhagen-Dahlcm-Berlin, Begründung des Landes 
verbandes für die Provinz Brandenburg. Der Besuch der 
Versammlung kann jedermann empfohlen werden. Näheres 
über die Vereinsziele ist durch die Geschäftsstelle, Berlin- 
Steglitz, Belfortstr. 31, zu erfahren. 
v Förderung der Jugendpflege durch die Schule. 
Der Kultusminister weist in einem erneuten Erlaß, nachdenr 
inzwischen zufolge des Rundcrlasses vom 18. Januar UM 1 
die in vaterländischem Geiste geleiteten Jngendvereine fast 
überall iveitcr ausgebaut sind, darauf hin, daß es im 
Interesse der Jugendpflege geboten erscheint, alle Schüler 
und Schülerinnen während des letzten Schuljahres in ge 
eigneter Weise aus derartige Veranstaltungen hinzuweisen 
und möglichst wirksam anzuregen, nach der Schulentlassung 
solchen Jugendvereinigungen beizutreten. 
o Vereinfachung im Schriftverkehr. Von Staats 
und Gemeindeverwaltungen rvird jetzt allgemein eine Ver 
einfachung im Schriftverkehr angestrebt. So hat jetzt das 
hessische Staatsministerium für den schriftlichen Verkehr der 
untergeordneten Regierungsstellen und der Bürgermeistereien 
unter sich und mit höheren Behörden bestimmt, daß 
künftighin alle Einleitungs- und Höflichkeitsphraseu bei der 
Abfassung amtlicher Schriftstücke zu unterbleiben haben, und 
daß die Schriftstücke ohne die Hinzusetzung von „hoch 
achtungsvoll", „ergebenst" „untertänigst" usw. zu unterzeichnen 
sind. Die gleiche Verfüg,mg hat auch für dienstliche Ein 
gaben von Beamten und Aehnliches Geltung. 
o Eine Uferpromenade am kleinen Wannsee wird 
zwischen der Jriedrich-Leopold-Brücke und den Schülerboots 
häusern von der Teltower Kreisschiffahrt geschaffen werden. 
Die dort erstehende öffentliche Anlage, die besonders den 
Schiffahrtszwecken dienen soll, wird zugleich jedermann einen 
angenehmen Aufenthalt bieten, von dem aus das schöne 
Landschaftsbild des kleinen Wannsees nnt seinem Wasser 
sport zu überschauen ist. Auf der Promenade werden über 
dachte Ruhebänke ausgestellt, ferner wird eine Wartehalle 
errichtet, die auch Fahrkartenschalter aufweist. Alle Bau 
lichkeiten werden sich im Stile den Ruderhäusern ihrer Um 
gebung anpassen. Die Uferpromenade an der Landestelle 
„Bahnhof Wannsee-Kleiner Wannsee" dürfte mit ihrer herr 
lichen Fernsicht ein Gegenstück zum Aussichtspunkt am Bis- 
marckdenkmal bilden. An der Promenade werden drei Aii- 
legestellen gebaut, die auch für Spvrtfahrzeuge vorübergehend 
benutzt werden dürfen. Eine bequeme Treppenanlage wird 
von der Chaussee herunterführen und dadurch den Weg zur 
Dampferanlegestelle verkürzen. Da die ganze Anlage mit 
großem Geschmack ausgeführt werden soll, dürfte sie sich schnell 
der Sympathien des Publikums erfreuen. 
o Der Heilpflegeverein für kränkliche und schwäch 
liche Kinder des Mittelstandes hat in seinem Heim in 
Henkenhagen bei Kolberg für die erste Kurzeit vom 3. bis 
30. Mai noch einige halbe Freistellen zu vergeben. An 
meldungen sind schlennichst an den Schriftführer Privatnmnn 
Gustav Petzold in Werder a. H. oder an den Vorstand der 
hiesigen Ortsgruppe, an die Herren Direktor Hanncmann, 
Königin-Luise-Schule, Goßlerstraße, Architekt Gustav Graß 
mann, Ringstr. 5 oder Buchdnickereibesitzer Leo Schultz, 
Rheinstr. 15 zu richten. 
o Das neue Programm des Biofontheaters in der 
Nheinstrafte 14, welches von heute ab zur Vorführung 
gelangt, hat eine gänzliche Aenderung erfahren, was wir 
berichtigend hiermit bekanntgeben. Verderbliche Leidenschaft, 
ein sehr interessantes Drama in 3 Akten, ist ein italienischer 
Film der Cines-Gesellschaft, welcher erst gestern heraus 
gegeben ist. Der zweite Schlager betitelt sich Die Juwelen 
des Nabob. Er spielt in Indien, im Lande Radscha von 
Palakvtta. Dieser läßt einem englischen Offizier Schmuck 
stücke von ungeheurem Wert als Geschenk für seine Braut 
überreichen, doch geht die Sache nicht so glatt ab, die 
Schmucksachen gelangen bei einem Ueberfall in fremden 
Besitz und es hätt schwer, sie wieder zu erlangen. Wie 
das endlich geschieht, zeigt der Film in einer äußerst 
spannenden Weise. Ein Ausflug nach den Pyramiden ist 
eine schöne Naturaufnahme. Der Dorf-Don Juan und die 
kleinen Lauscher sind spaßige Darbietungen und Wochenrevue 
von Gaumont und das Tonbild ist sehr abwechslungsreich. 
o Das große öffentliche Preiskegeln im Lauterplatz- 
Kasino zu Friedenau, Hauptstr. 80, ist bis jetzt von vielen 
Keglern aus Nah und Fern besucht worden. Es sind die 
nächsten Kegeltage Sonnabend, der 19. und Sonntag, der 
20. d. Mts, Anfang Sonnabend 0 Uhr, Schluß 11 1 /^ Uhr 
Nachts. Sonntags 3 Nachm., Schluß ll l / 2 Uhr Nachts. 
Zwei große Geldbahnen rechnen bis Schluß des Kegelns am 
1. Juni. 2 Lebensmittelbahnen, deren Verteilung jeden 
Sonntag stattfindet. Stundenpreise von 3—5 Uhr und 
5—7 Uhr Nachm., außerdem auf allen 4 Bahnen hohe 
Tagespreise. Näheres auf den Bahnen. Am Sonntag, dem 
13. d. Mts. erhielt zum 3. Male Herr Geh auf Bahn III 
den 1. Preis — 4 Kugeln — 34 Holz, auf Bahn IV den 
1. Preis — 4 Kugeln — 34 Holz Herr Techner. Alle 
Herren sind zu diesem Wettbewerb freundlichst eingeladen. 
Für gute Speisen und Getränke bürgt der gute Ruf des 
Kasinos. 
Die bunte Mocke 
Plauderei für den „Friedcnauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 18. April. 
Berlin in französischer Beleuchtung. — Aus dem dunkelsten 
Berlin. — Die gestörte stille «Andacht. — Die abgewiesene Post 
behörde. — Der findige Kaufmann. — Der Affessor und die 
Bonlette. 
Man hört nicht allzuselten, daß besorgte Mütter im Lande 
draußen ihre Söhne vor dem großen, weiten Berlin warnen. Und 
wie die Väter lächelnd zu ihren Jungen sagen, die sich studierens- 
halbcr nach Bonn begeben wollen: „Zieh nicht an den Rhein", so 
sagen viele, ohne das gütige Bcrstehen und ohne Lächeln fröhlicher 
Nückerinuerung, — „Zieh nicht nach Berlin" . . . . 
Gewiß: Wer eine wissenschaftliche und künstlerische, dem 
Idealen zugewandte Tätigkeit sucht, der findet sic besser in den 
mondbeglänzten Musenstädten voller Eigenart. Hier zerfließt alle 
Persönlichkeit im breiten Strom der Menge. Das Leben pulst hier 
rascher und auch unerfreulicher, als irgendwo ftnst. 
Aber daß man soweit geht, wie das biedere Blatt „Matin" 
in feiner letzten Beschreibung unserer Stadt, erscheint wenig geeignet, 
den an sich schon etwas ramponierten Ruf Berlins zu heben. 
Es hieß u. a im „Matin", der gerade in den letzten Tagen 
allen Grund zu scheuer Zurückhaltung hatte, daß Berlin auf junge 
Leute ivirke wie Gift. Leider müßte jeder junge Teutsche in Berlin 
studiert haben, das wäre Vorschrift für das Eramcn ! 
Diese genaue Kenntnis deutscher Verhältnisse ist äußerst lobens 
wert: Wenn man aber die Schilderung des Blattes liest, muß man 
sich wundern, daß alle die jungen Leute, die hier studiert haben, 
nicht gemordet, beraubt, in Stücke gehackt und nachher von den 
habgierigen Berlinern verzehrt worden sind. 
Der" „Matin" schreibt für seine Leser wörtlich: 
„Kein Mensch ist in Berlin seines Lebens sicher. Abgesehen 
davon, daß die Schutzleute sich einen Sport daraus machen, 
bei der kleinsten Veranlassung auf die Passanten zu schießen, leben 
in Berlin Millionen «Rowdies, die ohne Frage roher sind, als 
irgend wo sonst. Sie stehlen alles, was sie sehen. Das Messer 
sitzt ihnen lose und es ist tatsächlich immer mit einer gewissen 
Lebensgefahr verbunden, am Abend allein durch die Straßen 
Berlins zu gehen. 
Nun gehen — leider — die hierher kommenden Fremden in 
den seltensten Fällen allein durch die hell erleuchteten Straßen. 
Und sicher hat der Schreiber jener Zeilen böse Erfahrungen gemacht. 
Das kann man unter Umstünden, wenn man auf Abenteuer 
ausgeht. Das kann man aber auch in Tuttlingen und in Nancy 
machen. Dazu braucht man nicht erst nach Berlin zu kommen. 
Bedauerlich ist allerdings, daß hier an jeder Straßenecke so 
ein blau uniformierter Schutzmann steht, der bei jeder passenden 
und unpassenden Gelegenheit explodiert. Der, nach der französischen 
Schilderung, so ein Mittelding ist zwischen Sternickel und einem 
Pariser Apachen.... 
Ich habe noch nie einen Schutzmann explodieren, mit Dynamit 
werfen oder schießen sehen. 
Tatsache aber ist, daß die Berliner Schutzleute als Beamte 
mustergültig und von einer geradezu verblüffenden Nachsicht sind. 
Ich habe selbst schon, noch letzthin beim Einzug des Prinzregenten 
von Bayern, Straßenszenen beobachtet, in denen ich die Ruhe und 
den Langmut unserer Schutzleute bewundern mußte. Sie ließen 
sich mehrere Male von angeheiterten Rowdies „anstänkern", — mir 
fällt kein anderer Ausdruck dafür ein. Sie überhörten Rufe wie 
„Ick war ooch llnteroffzicr", — „Wer muß denn die Kerle bezahlen?", 
und was dergleichen neckische Redewendungen mehr sind, mit denen 
die sogenannten „harmlosen Spaziergänger" die Beamten zu reizen 
versuchen. Man weiß ja, wie es oer Schaupöbcl systematisch darauf 
anlegt, die Leute, die für Ordnung zu sorgen haben, aus der Ruhe 
zu bringen. Es muß aber auch wirklich schon schlimm werden, 
ehe hier die Schutzleute zu den einfachsten und gerechten Mitteln 
der Selbsthilfe greifen. 
Gewiß: In Berlin treiben sich viele lichtscheue Elemente 
umher. Ten Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen, hieße Binsen 
wahrheiten immer und immer wiederholen. Und gerade in der 
letzten Woche ereigneten sich zwei Fälle, die ein sonderbares Licht 
aus das dunkelste Berlin werfen. 
Fülle, die vielleicht anderswo nicht so leicht vorkommen. 
Vielleicht! Es mag ja sein, daß der großberliner Gauner roher und 
rücksichtsloser ist, als seine Kollegen in andern Kulturzentren. Der 
harte Lebenskampf, der hier tobt, hat vielleicht auch schon dieses 
Gewerbe in die schroffsten Bahnen geleitet. In Bahnen, auf denen 
man selbst nicht vor dem Ernst des Todes zurückschreckt .... 
In der Pflügerstraße 03 war ein Schlosser gestorben, der sich 
und seine zahlreiche Familie redlich ernährt hatte. Gestern wurde 
der Mann beerdigt. Als die Witwe und die Kinder von dem 
schweren Weg zurückkamen, hatten Gauner, die offenbar über die 
Stunde der Beerdigung unterrichtet waren, die ganze Wohnung 
ausgeräumt. Was an Möbeln gut war, fehlte. Alle Kisten und 
Kasten waren erbrochen. Das bischen Silberzeug, die Freude 
karger Lebensarbeit, die beschcideucu Wcrtsacbeu, das Vermächtnis 
des Verstorbenen an seine jetzt mittellose Familie, alles fehlte. 
Alles war gestohlen von Menschen, deren gemeine Skrupellosigkeit, 
deren Gier und Vcrrvorfenheit tatsächlich von keinem Tier über 
troffen werden kann. 
Ein anderes Bild vom Tode. Ein Bild, das gleichfalls in die 
Tiefen des Lebens führt. 
Ein Kaufmann in Schöncbcrg war gestorben. Die Leiche lag 
aufgebahrt im Zimmer und seine Kontoristin kam, um Abschied zu 
nehnreu von ihrem früheren Chef. Kaum war das Mädchen iin 
Zimmer, als die Witwe und deren Sohn die Tür abschlössen und 
über das Mädchen herfielen. Die Frau' glaubte Grund zur Eifer 
sucht zu haben. Es mag dahingestellt sein, ob dieser Grund vor 
handen war. Jedenfalls schlugen Mutter und Sohn das Mädchen 
im gleichen Zimmer, in dem die Leiche lag, braun und blau, rissen 
ihm die Kleider in Fetzen voin Leibe, zerrten es am Haar durch 
daS Zimmer und warfen es dann in diesem Zustand aus dem 
Hause hinaus auf die Straße. 
Gewiß wird das Mädchen jetzt sein Recht finden, nachdem es 
bereits Anzeige erstattet hat. Es kommen dann die für solche 
Vergehen vorgesehenen Delikte der Körperverletzung, Beleidigung 
und Freiheitsberaubung in Frage. Aber kein Gericht nennt und 
ahndet die unglaubliche moralische Verkommenheit, die dazu gehört, 
in eines Taten bedrückend ernster Gegenwart solche Roheiten zu 
begehen! 
Aber gottlob gibt cS auch noch lichtere Erscheinungen im 
dunkelsten Berlin. So hat jetzt die verchrlichc Rcichspost einen 
Prozeß gegen einen Berliner Geschäftsmann verloren, der die soeben 
erzählten Jammerbilder vergessen macht. 
Es muß vorausgeschickt werden, daß ich 25 Mark zahlen muß, 
wenn ich verziehe und in die neue Wohnung mein Telephon ver 
legen lassen will. Die Postvcrwaltung könnte vielleicht etwas 
entgegenkommender sein. Könnte vielleicht die Verlegung kostenlos 
bewerkstelligen. Tenn es ist an sich schon ein ungeheures Opfer, 
in Berlin überhaupt an das Telephonnetz angeschlossen zu sein. 
Man wird nicht verbunden, muß stets uni seine Nerven besorgt 
sein und sobald die Galle überläuft, wird man einfach auf die 
schwarze Liste gesetzt und was dergleichen Annehmlichkeiten mehr sind. 
Jedenfalls hatte ein Kaufmann, der mit seinem Betrieb umzog, 
keiue Lust, die Verlegungskostcn für 5 Anschlüsse zu zahlen. Er 
machte es daher so furchtbar einfach, wie es vielleicht noch nie 
vorher gemacht worden war: Er kündigte ordnungsgemäß in seinen 
rlten «Räumen die Anschlüsse und bestellte für seine neuen Gcschäfts- 
aäume ganz kostenlos und vorschriftsmäßig neue Anschlüffe. 
Als die höchwohllöbliche Postbehörde sich die Angelegenheit 
nun bei Licht besah, sagte sie sich, daß sie doch eigentlich um 125 M. 
geschädigt sei. Und daher versuchte sie auf gütlichem Wege diese 
Summe von dem findigen Kanfmaiin zu erlangen. Aber man weiß 
sa, wie solche Herrn tuen: Sie lächeln, wehren mit der linken 
Hand ab und sagen womöglich: „Wenn ick so mache, dann is 
nischt", wobei sich das „so" auf'die abwehrendeHandbcwegung bezieht. 
Die Post wollte nun natürlich den „Fall" prinzipiell klaren, — 
und so klagte sie. In einem wilden Tanz vieler Instanzen kamen 
die Gerichte dann endlich zu der Ansicht, daß der Mann in seinem 
guten Recht sei und daß von einer Schädigung der Post keine 
Rede sein könne. 
Dieses Urteil sollen alle die sich merken, die demnächst umzu 
ziehen gedenken. Man kann nicht wiffen! Und bekanntlich freut 
sich der gute Teutsche nicht niehr, als wenn er irgend einen Herrn 
Fiskus auf irgend eine Weise um irgend welche Gelder bringen kann. 
In allen Ehren natürlich. — 
Jedenfalls kaun man aus diesem Prozeß weise Lehren ziehen, was 
man auch aus der nachstehenden Begebenheit kann, die zwar nicht 
die Tragweite des Postprozesses hat, die aber dafür klarlegt. das; 
der Ausdruck „Boulcttc" für ein junges Mädchen in Berlin 
nicht beleidigend ist. 
Man nennt eine Boulette in Berlin das, was man anderswo 
eiue Fricandclle. so wird ja wohl das Zeugs geschrieben, einen 
Flcischkloß, ein deutsches Beafstcak oder Gott weiß wie nennt. Im 
Großen verbrochen nennt es die praktische Hausfrau „Falschen 
Hasen"; sie bereitet ihn stets Sonnabends und mancher junge Ehe 
mann hat das Gefühl, als ob die Zutaten zu diesem sonderbaren 
Wild während der ganzen Woche unter den Küchenschränken heraus- 
gekehrt worden wären. 
Kurz: Man weiß jetzt, was eine Boulette «st. » 
In einer lustigen Gesellschaft in den Fejthallcn des „t>ov 
versucbtc ein junger 'Mann einer jungen Dame einen Kuß zu geben. 
Das soll manchmal vorkommen, obwohl ich selbst noch nicht dabei war. 
Tie Mutter der jungen Dame wollte das nun nicht leiden. 
Man"weiß ja, wie eklig Mütter seist können. Und so wehrte die 
besorgte Dame den jungen Herrn mit verweisenden Worten ab. 
Am Nebentisch aber saß ein lustiger Assessor. Herrgott, wes- 
halb sollen «Assessoren nicht auch einmal lustig sein. Und er rief 
der Mutter die Berliner Redensart zu: 
„Aber nu lassen se den Jungen doch schon die Bou-> 
leite, er hat ja schon dran geknuppert " 
Die Frau schickte nun ihren Ehemann gegen den Assessor vor, 
der durch rnchts zu überzeugen war, eine so furchtbare Sünds auf
        
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