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Periodical volume Nr. 90, 17.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenauer 
Änpartettschk Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Ängelegmheiten. 
Aesosders 
'Jtitn CQittwodv. 
(ftit)Matt „Seifenblasen". 
ßrfcheint täglich aöends. 
'»l Dbholuna aus der Geschäftsstelle. 
Nheinslr. tö, k,SO M. viertekiähnich; durch 
Laren in-Haus gebracht 1,80 M., durch di« 
Lost bezogen 1,92 Hl einschl. Bestellgeld 
f«mspr«<b*ri Hmt ptaljburg 8139. 
Zeitung.) 
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Kerirksverein Züdwest. 
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Jjdcvi Sonntag! werden bis 12 Uhr mittags angenommen 
Blimr für d«utsd>c frauen. & m 'fSCÄ' Ä 
76 Ps. Belagnummer 10 Ps 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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$*• 90 > derii«-Frikdrnau Donnerstag, oen 17 April i9* t Li» Kahrg. 
Depeschen 
! £etjtc Dachrichten 
Rom. Das heute morgen über das Befinden des 
Papstes ausgegebene offizielle Bulletin lautet: Die Nacht 
mar ruhig mit einer ganz leichten Besserung. Am Morgen 
betrug die Temperatur 36,6 Grad. In der Bronchitis ist 
eine Besserung eingetreten. Gez. Marchiafaoa, Amici. 
London. Der Daily Erpreß bringt die Nachricht, daß 
Sir Edward Grey das englische Königspaar bei dessen 
Besuch in Berlin zur Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise 
begleiten wird. 
Wien. Wie der Neuen Freien Presse aus Saloniki 
gemeldet wird, ziehen die Serben im Hinblick auf die Ent 
sendung zweier bulgarischer Regimenter nach Doiran eine 
Division in Gewgeli zusammen. 
Antivari. Die Kommandanten zweier vor Skutari 
liegenden montenegrinischen und serbischen Bataillone gerieten 
heute' in einen heftigen Wortwechsel. Plötzlich nahnien die 
Truppen für ihre Offiziere Partei und gingen gegeneinander 
zum Angriff vor. Die Schlägerei artete in ein förmliches 
Bajonettgemetzel aus. Auf beiden Seiten blieben zahlreiche 
Tote und Verwundete auf dem Kampfplatz. 
Konstantinopel. Die vom Ausland hierher 
gelangte Meldung, daß zwischen den Kriegführenden auf 
dem Balkan ein zehntägiger Waffenstillstand abgeschlossen 
sei, hat hier einige Ueberraschung hervorgerufen. Die Meldung 
greift den Ereignissen voraus. Es handelt sich in Wirklichkeit 
nur um eine Waffenruhe für die Dauer einiger Tage, die 
zwischen dem türkischen Generalstabschef Izzet Pascha und 
dem Oberkommandierenden der bulgarischen Tschataldscha- 
Armse» General Sawsn», mündltzh vereinbart worden ist» 
und deren hauptsächlicher Zweck es ist. Türken wie Bulgaren 
Zeit zur Bestattung ihrer Toten zu geben. 
' . London/ Eine Prozession von Suffragetten, als 
Sandwichsmänner verkleidet,' die auf einem Plakate Ein 
ladungen zu einer Suffragettenversammlung zeigten, wurden 
von einer Anzahl von Frauen, die ihnen längere Zeit 
folgten, angefallen. Anfangs mischte sich niemand in den 
Kampf hinein. Die Männer sahen zu und erklärten, daß 
die Frauen am besten mit den verrückten Wahlweibern ab 
zurechnen verständen. Die Keilerei wurde jedoch so arg, 
daß die Polizei herbeigerufen wurde, die die übel zugerich 
teten Stimmrechtlerinnen in Sicherheit bringen mußte. 
Armenpflege u. Trinkerfürsorge. 
Bon Stadtrat L. Kalisch, Berlin. 
Die Erkenntnis bricht sich immer mehr die Bahn, daß 
mit allem Ernst gegen das Uebel der Trunksucht gekämpft 
werden muß. Mag man die Trunksucht als Laster, mag 
man sie als Krankheit betrachten, sie muß verhütet oder 
geheilt, die unendlichen Schäden, die sie in moralischer und 
in pekuniärer Hinsicht der Nation zufügt, müssen beseitigt 
werden. Daß jede Stadt große Summen — Berlin viele 
Millionen — infolge des übermäßigen Alkoholgenusses aus 
gibt, ist eine Tatsache, die nicht näher zu erörtern ist, aber 
die moralische Schädigung fällt stark in das Gewicht, das 
bedrohte Familienleben, der Mangel der Kindererziehung, 
das Heranwachsen eines schwachen Geschlechtes. 
Es muß also dem Uebel energisch entgegengetreten 
werde«, und zwar nicht erst von dem Augenblick an, wo 
es in Erscheinung tritt, sondern bereits früher, viel früher. 
Hiermit sind in Berlin schöne Anfänge gemacht worden. 
Die vorbeugende Tätigkeit beginnt bei der werdenden 
Mutter. Tritt diese mit der Armenpflege in Verbindung, 
so wird ihr klar gemacht, daß sie durch den Genuß von 
alkoholischen Getränken dem Kinde schadet, daß viele 
Kinder siech und elend in das Leben treten, weil die 
Mutter sich dem Alkoholgenuß ergeben hat. Diese Be 
lehrung wird in den Säuglingsfürsorgestellen durch fach-, 
kundige Aerzte und Schwestern erteilt. Gleichzeitig gilt es 
der werdenden Mutter passende, bekömmliche Nahrung zu 
schaffen, damit sie in Ruhe der Entbindung entgegensehen 
kann. Ist das Kind geboren, so miissen, wenn die Mutter 
hierzu nicht imstande ist, Säulingsfürsorgestellen, Schwestern 
und Vereine sich darum bemühen, daß es nicht im Trinker 
milieu aufwächst. Besonders müssen die unehelichen Kinder 
zum allergrößten Teil, sei es in geschlossener, sei es in 
offener Pflege, von öffentlichen Organen, wozu auch Ver 
eine zu rechnen sind, versorgt werden. Den Berufsvor 
mundschaften erwächst hieraus eine wichtige Aufgabe. 
Die junge Mutter muß veranlaßt werden, ihr Kind, 
wenn möglich, selbst zu nähren. Die Armenverwaltung 
weist sie an, die Ratschläge der Säuglingsfllrsorgestellen 
genau zu befolgen, gewährt ihr aber auch die nöttgen 
Mittel, damit nicht die Not sie zum Alkoholgenuß verleite. 
Bis zum sechsten Jahr muß das Kind sorgfältig vom 
Armenarzt beobachtet, und vom Berufsvormund behütet 
werden; dann übernimmt einen Teil dieser Aufgaben die 
Schule. Haben wir schon der Mutter kurzgefaßte, volks 
tümlich geschriebene Merkzettel über eine richtige Lebens- 
fiihrung eingehändigt, so tritt jetzt der Lehrer ein, der dem 
Kinde nach Maßgabe seines Verständnisses klar zu machen 
hat, wie schädlich der Genuß geistiger Getränke ist. Wohl- 
tättgkeitsmittel ermöglichen es den Lehrem, mit armen 
Kindern Ausflüge aufs Land zu machen, auf denen als Ge 
tränk Milch verabreicht wird. In den Schulzimmern bringen 
Vereine große gedruckte Plakate mit Lebensregeln an, ge 
eignet, die Kinder auf eine richttge Lebensweise und Ge 
sundheitspflege aufmerksam zu machen. 
Sowohl die Armen- wie die Waisenverwaltung sollte 
Sorge ttagen, daß Mütter, die Pflegegeld erhalten, oder 
Frauen, die Waisenkinder aufziehen, die also mit städttschen 
Organen in fortwährender Verbindung stehen, schlechthin die 
Kinder groß ziehen ohne ihnen Alkohol zu reichen. 
Verlassen die Kinder die Schule und treten ins Leben 
ein, so ist es Aufgabe der Fortbildungsschule und Eltern 
oder Vormünder, besonders acht zu geben. Die Waisen- 
verwaltungen, die mit den Armenverwaltungen Hand in 
Hand gehen müssen, haben nur solche Lehrmeister zu wählen, 
die selbst gefeit sind gegen den Alkoholmißbrauch. Wenn 
auch bei Mädchen die Alkoholgefahr geringer ist als bei 
Jünglingen, so ist sie eben doch vorhanden. Wenn die 
jungen Leute volljährig geworden sind, so sind sie jeder 
Beaufsichtigung entwachsen, und die öffentliche Armenpflege 
hat zunächst nichts mehr mit ihnen zu tun. Aber der 
Branntweinteufel ruht nicht; die Verführung tritt allerorten 
lockend auf und schafft ein ungeheures Maß von Trinker 
elend. Hier kann nur Trinkerfürsorge, Vereins- und 
Anstaltspflege helfen. In all den Füllen, wo die Heilung 
gelingt, geschieht die rettende Tätigkeit zugleich im Dienst 
der vorbeugenden Armenpflege. Die segensreiche Tätigkeit 
der Abstinenzvereine soll durch Zuwendung städtischer Mittel 
gefördert werden, damit sie ihre Aufgabe immer besser er 
füllen können. 
Sind alle Bemühungen zum Zweck der Heilung: 
Pflege im Trinkerrettungsverein, Anstaltsbehandlung, 
Familiensürsorge, erfolglos, dann muß der Trinker aus 
seiner Familie entfernt werden, damit nicht auch sie unter 
gehe. Bei den besser gestellten Ständen hat die Armen- 
pflege keinen Einfluß. In den Wärmehallen aber, in den 
Asylen für Obdachlose sind zu jeder Tages- und Nachtzeit 
Gäste anzutreffen, die eine sorgfältige Erziehung genossen 
haben — frühere Aerzte, Geistliche, Lehrer. Die Be 
kämpfung des Alkoholismus in höheren Gesellschaftskreisen 
ist demnach auch eine Art vorbeugender Armenpflege. 
Der Zeichen dafür, daß alle die Ansttengungen, den 
Alkoholmißbrauch einzudämmen, nicht vergeblich sind, gibt 
es viele. In allen städtischen und der Mehrzahl aller 
privaten Bettiebe ist der Alkoholgenuß verboten. Die 
Durchführung dieses Verbotes wird durch den Ausschank 
von Ersatzgetränken erleichtert. In den städtischen oder 
privaten Wohltätigkeitsanstalten ist das Mitbringen von 
Branntwein verboten, und die Gäste haben sich daran 
gewöhnt. In den studentischen Vereinigungen macht sich 
niemand mehr lächerlich, der alkoholstei lebt: der Abstinent 
ist keine komische Figur mehr. Zu diesen Fortschritten 
gehört auch, daß die Zahl der notorischen Trinker in 
Kranken- und Irrenanstalten zurückgeht. Je stärker solche 
Erfolge zutage treten, desto niehr werden auch unsere Vereine 
und FUrsorgestellen in ihrer mühevollen Arbeit bestärkt werden. 
In Berlin hat die Irrenhaus-Verwaltung eine Trinker- 
Fürsorgeerziehung errichtet, die für die aus den Irren- 
anstalten entlassenen Trinker sorgt, sie nicht aus den Augen 
läßt, ihnen lohnenden Verdienst verschafft, sie vom Trinken 
zurückhält. Die Einrichtung ist neu, die bisher erzielten 
Resultate sind recht befriedigend. Freilich wäre die Ent 
mündigung das geeignetste Mittel, um notorischen Trinkern 
beizukommen, und es müßten nach dieser Richtung noch 
geeignete Schritte geschehen, wozu die Berufsvormundschaft 
wohl als geeignetes Mittel dienen könnte. 
Viel ist bereits geschehen, viel mehr muß geschehen, 
um der verheerenden^ Trunksucht Opfer zu entreißen. 
Qäumrnüe Menschen. 
■ J • Roman von Dora Duncker. 
21, (IU4kia< intotm.) 
Edgar sah sehr zufrieden aus, als er Nellie in den 
Wagen half. Er hatte in seiner natürlichen Liebenswürdigkeit, 
einer ganzen Veranlagung nach, die fern von jeder ge- 
cllschaftlichen Uebcrhebung war, gar nicht daran gedacht, 
laß ihm dieser Kavalierdienst irgendwie angerechnet werden 
öunte. Es war ihm nur selbstverständlich gewesen, Lena 
ür ihre immer gleiche Güte gegen ihn auch einmal gefällig 
u sein. Aber da er so vieles gutzumachen hatte, kam ihm 
>as Lob nicht ungelegen. 
Dabei hatte er überhört, daß Nellie seine Order durch» 
reuzt und dem Chauffeur zugerufen hatte, zuerst nach 
icm Kupfergraben zu fahren. 
Er war sehr erstaunt, aü' der Motor vor dem Hause 
lielt, das er vor wenigen Stunden erst verlassen hatte. 
„Was denken Sie?" sagte Nellie scheinbar entrüstet. 
.Meinen alten Herrn nicht erst begrüßen, den ich einen 
,anzen Tag lang nicht gesehen habe! Das fehlte noch! 
Ilußerdem kriegt er auch ein Lob, dafür nämlich, daß er 
nich noch einmal freigegeben hat." 
Sie sprang leichtfüßig aus dem Wagen. „Sie können 
,ier auf mich warten, Edchen, ich bin gleich wieder da." 
Der Professor strahlte, als seine Kleine so plötzlich vor 
hm stand. Mit der Arbeit hatte es. nach dem Aerger mit 
lein verpaßten Besuch, doch nicht recht gehen wollen. Gleich 
iber fing er auch sein Lamento über den verschwundenen 
ütselhaften Herrn Wahl an. ., , _ 
Nellie lachte ihn aus. „Er wird scyon nicht In die 
Versenkung gefslleti sein. Wetten, daß ich ihn dir wiedcr- 
chaffe?" 
„Vorlautes, kleines Ding. Tust gerade, als ob du 
Menschen und Dinge nur so um deinen kleinen Finger 
wickeltest." 
„Tu ich auch, Papa. Nur abwarten! Und wenn ich 
ihn dir bringe, diesen kostbaren Steiümenschen, zahlst du 
meine Rechnung beim Schneider. Da gidt's nichts. Ab 
gemacht!" 
Sie küßte ihm die bärtige Wange und war wie ein 
Wirbelwind wieder draußen. — 
Auf dem Wege zum Zoo erzählte Cornelie von Klein- 
Wloffow. Don den guten Nachrichten der Reisenden, 
auch ans Neichenhall, wohin sie seit Eintritt der Wärme 
übergesiedelt. 
Von den neu eingerichteten Zimmern und wieviel 
Geschmack doch Lena für dergleichen habe. 
„Ich hätte gar nicht die Geduld zu solcher Kleinarbeit. 
Seit Ostern basteln sie nun schon — Mörbe immer mit 
— und Pfingsten steht vor der Tür. Uebrigens find' ich 
cs sehr nett von Lena —" 
Der junge Offizier lachte. 
„Weshalb lachen Sie denn?" 
„Weil Sie heute augenscheinlich die kritische Sonde in 
der Schublade gelassen haben, wo sie am tiefsten ist, und 
alle und alles mit dem schmückenden Beiwort —" 
„Sie dürfen ruhig epitbeton ornans sagen. So viel 
Griechisch und Latein versteh' ich auch." 
„Danke für die Belehrung. Also weil Sie heut alle 
und alles „furchtbar nett finden"." 
Nellie lachte über das ganze, frische Gesicht. 
„Muß man nicht an einem so himmlischen Frühlings 
abend ? Es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig." 
Sie sah mit lachenden Augen in das Dickicht des 
Tiergartens hinaus, den das Auto gerade kreuzte. 
„Also wirklich kritiklos?" 
„Völlig!" 
„Ich werd' es mir merken." 
Er nahm ihre Hund, von der sie den langen Marseiller 
Handschuh abgestreift hatte, und küßte sie feurig. 
Nellie wollte schelten, aber sie sah ein, daß sie sich 
selbst eine Falle gestellt hatte, und machte ein ganz desperates 
Gesicht. 
„Sie brauchen keine Angst zu haben, Nelliechen. Ich 
übernehme die Kritik statt Ihrer." 
Sie drückte ihm die Hand. Er war und blieb eben 
ein kreuzbraver Mensch und ein Kavalier comme il saut. 
Ein kleiner Stoßseufzer quittierte über diese Er 
kenntnis. — 
Nach langem Umhersuchen auf der dicht mit Menschen 
besetzten Terrasse bemerkten sie endlich an einem kleinen 
Tischchen ein sehr einfach gekleidetes, älteres Mädchen, auf 
das die Beschreibung, die Rolf beiläufig von Berta geliefert 
hatte, allenfalls paffen konnte. Doch saß sie allein, ohne 
jede Begleitung. Als sie das schöne, junge Paar gewahrte, 
sprang sie nach kurzem, prüfendem Blick auf und nannte 
ihren Namen. Es war in der Tat Fräulein Berta Maaß. 
Man war froh, sich überhaupt gefunden zu haben. Cornelie 
fragte nach der Freundin. 
„Fräulein Heine hat einen Iugendbekannten ge 
sunden aus unserem Städtchen. Ein Naturwissenschaftler, 
der eben erst von einer Expedition aus Afrika zurück 
gekommen ist. Sie haben sich jahrelang nicht gesehen und 
ganz zufällig heute auf der Straße getroffen. Fräulein 
Heine, die ein bißchen in Berlin Bescheid weiß, führ) den 
Herrn durch den Garten und zeigt ihm, was zu der späten 
Stunde noch zu sehen ist." 
Während der Offizier in einiger Entfernung von dem 
Tischchen ein Souper für fünf Personen und eine Bowle 
bestellte, sagte Berta zu Cornelie: 
„Wenn ich das gewußt hätte, mit Fräulein Heine 
nämlich, daß sie hier Gesellschaft finden würde, ich hätte 
die Einladung Ihrer Frau Schwester dankend abgelehnt." 
»Aber weshalb denn? Sind Sie nicht gern mal in
        
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