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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friedenauer 
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Seelen Mittwoch: 
Cöitjblatt „Seifenblasen". 
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Berlin-Friedenau, Mittwoch, den 16. April 1913. 
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Letzte IIacbrickten 
Berlin. Heute früh gegen 4 llhr kam in Mariendorf 
in der Fabrik der Deutschen Teerbeton-Werke G. m. b. H., 
dicht neben der Englischen Gasanstalt ein Großfeuer zum 
Ausbruch. Als man die Gefahr bemerkte, hatte der Brand 
schon die oberen Stockwerke des vierstöckigen Fabrikgebäudes 
erfaßt, die Situation war wegen der benachbarten Gasanstalt 
sehr kritisch. Das Fabrikgebäude ist größtenteils ausgebrannt; 
die Aufräumungsarbeiten zogen sich noch mehrere Stunden 
hin. Ueber die Ursache des Feuers war vorläufig nichts 
zu ennitteln. 
Bremerhaven. In letzter Nacht ist die Geestemünder 
Herings- und Hochseefischerci-Ä.-G. niedergebrannt. Wahr 
scheinlich ist Selbstentzündung neuer Netze die Ursache des 
Brandes. Der Schaden, der sich auf etwa 400 000 Mark 
beläuft, ist durch Versicherung gedeckt. 
Gelsenkirchen. Der französische Flieger Audemars 
ist auf seinem 50 PS Moräne-Eindecker auf dem Flug 
Paris—Berlin heute Vormittag 10 Uhr 55 Min. auf deni 
Flugplatz in Wanne glatt gelandet. 
Paris. Zwei Flieger sind heute in der Umgebung 
von Paris aufgestiegen, uni sich durch einen Flug in gerader 
Linie nach Deutschland hinein um die nächste Prämie des 
Pomery-Pokals zu bewerben. 6.15 Uhr morgens startete 
der Schweizer Audemars auf dem Flugfelde von Villa- 
coublay mit einem leichten Moräne-Saulnier-Eindecker 
(50 P8-Gnom-Motor). Der zweite Pilot ist der franzö 
sische Vorel-Flieger Daucourt, der mit einer ebenfalls 50 PS 
starken Maschine um 5 Uhr auf dem Flugfeld von Chateau 
Fort bei Versailles zum Flug nach Deutschland startete. 
Havelberg. In der Steinstraße sind gestern drei 
Geschäftshäuser vollständig niedergebrannt. Das im Laden 
der Firma Laute entstandene Feuer griff mit großer Schnellig 
keit um sich. Bald stand auch das Nachbargrundstiick, in 
dem sich eine Filiale der Zuckerfabrik Klingenberg befindet, 
und das Glasereigeschäftshaus E. Ahlemann in Flammen. 
Alle drei Geschäftshäuser brannten bis auf die Grund- 
mauern nieder. 
Warschau. Zwischen Meistern und Arbeitern einer 
Warschauer Baumwollfabrik kam es wegen der Lohn 
berechnung zu einem blutigen Zusammenstoß. Durch Schüsse 
wurden zwei Personen getötet und vier verwundet. Es 
wurden viele Verhaftungen vorgenomnien. 
Paris. Nach einer Blättermeldung aus Grenoble kam 
es bei der Aufführung eines sogenannten patriotischen Stücks, 
„Das Herz der Französin", in dem einzelne Schauspieler 
iu deutschen Offiziersuniformen auftraten, zu patriotischen 
Kundgebungen, Rufe wie „Hoch Frankreich" und „Nieder 
mit Deutschland" wurden laut. Deutsche Studenten, die 
der Vorstellung in einer Loge beiwohnten, verließen das 
Theater, um keine weiteren Zwischenfälle hervorzurufen. — 
Eine große studentische Demonstration, an der auch Schüler 
eines Lyzeums teilnahnien, fand gestern in Paris gegen den 
Lehrer der deutschen Sprache an der Sorbonne und am 
Lycöe Louis de Grand, Professor Milliod, statt. Er wurde 
mit den lauten Rufen: „Hu! Hu! Nach Berlin, nach Berlin! 
Nieder Milliod! Demission! Demission! Das Elsaß wollen 
wir haben usw." ! begriißt. Die Manifestanten wurden von 
der Polizei zerstreut. 
frieclenau und der f eldftraßen- 
Babnbof* 
Ein Bewohner von Friedenau-Süd schreibt uns als 
Erwiderung auf den Artikel in Nr. 81 unseres Blattes 
folgendes: 
An der Neuordnung der Bahnhofsverhältnisse an der 
Wannseebahu sind die drei Gemeinden Schöneberg, Frie 
denau und Steglitz interessiert, und die Eiseubahnverwaltung 
legt natürlich den größten Wert darauf, daß sie sich einigen, 
bevor sie mit dem Umbau beginnt. Zwischen Schöneberg 
und Steglitz ist eine Einigung längst erzielt. Ersteres 
braucht einen Bahnhof am Südgelände, der zugleich Um 
steigebahnhof zur Ringbahn und zur Schöneberger Unter 
grundbahn sein soll, letzteres einen an der Feldstraße zur 
Erschließung des Lauenburger und Holsteinischen Mertels.- 
Der Plan dieser beiden Gemeinden verlangt die Umlegung 
des heutigen Bahnhofs Friedenau zwischen Saar- und 
Feldstraßenbrücke, und hiergegen hat sich bisher Friedenau 
heftig gesträubt. 
Sein Widerstand kommt indessen fast ausschließlich von 
dem Worte „Friedenau" her. Da der Bahnhof diesen 
Namen trägt, so denken die meisten, die Gemeinde gleichen 
Namens hänge mit ihm politisch und wirtschaftlich zu 
sammen. Die Verwirrung wird dadurch noch größer, daß 
die an den Bahnhof liegenden Bezirke postalisch zu Frie 
denau gehören, und daß ihre Einwohner tatsächlich denken, 
sie wohnen in Friedenau. 
Diese Irreleitung durch die Sprache trägt die Haupt 
schuld an dem Widerstände, den die Gemeinde Friedenau 
den Plänen von Steglitz und Schöneberg bisher entgegengesetzt 
hat, und wer sich von ihr nicht losmachen kann, wird fort 
fahren, die Herbeiführung einer Verständigung zu verhindern 
und wird seiner Gemeinde einen schlechten Dienst leisten, 
wenn er erreichen sollte, daß die Eisenbahnhehörde mit dem 
Gelde der Friedenauer Bürger die heutigen Verkehrswege 
vffenhält. Denn in Steuersachen wie in allen Fragen der 
f inneren Entwickelung einer Gemeinde ist die politische Zu 
gehörigkeit entscheidend, und politisch gehören die Bezirke 
um den Bahnhof nicht zu Friedenau, sondern zu Schöneberg. 
Das muß unter allen Umständen festgehalten werden, 
20. Iahrg. 
denn sonst muß die Gemeinde Friedenau unweigerlich dahin 
kommen, daß sie ihre Bürger zugunsten der Schöneberger be 
lastet, aber ohne letzteren durch die Opfer einen nennens 
werten Dienst zu leisten. 
Friedenau wünscht die Annäherung des Bahnhofs an 
die Saarbrücke und Schaffung eines Zugangs von dieser. 
Damit ist der Fiskus einverstanden, und Steglitz wäre es 
ebenfalls, vorausgesetzt, daß der Bahnhof auf die andere 
Seite der Saarbrücke gelegt wird, damit er einen zweiten 
Zugang von der Feldstraßenbrücke erhalten könne. Dagegen 
wehrt sich aber sowohl der Eisenbahnfiskus wie die Ge 
meinde Friedenau, weil die Schöneberger Adjazenten dadurch 
geschädigt würden. Letzteres ist richtig, aber erstens ist die 
Verioaltung von Schöneberg, die doch das wichtigste Wort 
hierbei zu sprechen hat, mit der Veränderung einverstanden, 
und zweitens macht es für die heutigen Adjazenten so gut 
wie gar keinen Unterschied, ob der neue Zugang von der 
nördlichen oder der südlichen Seite der Saarbrücke zum 
Bahnsteig führen wird. Denn auch wenn er von der nörd 
lichen Seite abgeht, werden den alten Zugang so wenig 
Personen benutzen, daß es nur eine Frage der Zeit sein 
kann, wann er kassiert wird. Seine unglückliche Lage ist ja 
gerade der Gnmd, warum ein neuer Zugang geschaffen werden 
soll. Die Prosperität der Läden in den anliegenden Häusern 
kommt daher, daß der gesamte Verkehr durch den heutigen 
Zugang hindurchgezwängt wird. Der Verkehr aber muß 
zum überwiegenden Teil abgelenkt werden, sobald der Saar 
brückenzugang eröffnet ist, während den alten Zugang nur 
ganz wenig Personen benutzen werden. Ein Blick auf die 
Karte macht dies sofort klar. 
Mit Hülfe der Karte wird man sich auch leicht davon 
überzeugen, daß Friedenau-Süd den größten Vorteil hätte, 
wenn der neue Bahnhof seinen Zugang von der Feldstraßen 
brücke erhielte. Heute braucht das Publikum, um von 
diesem Ortsteil zum Bahnhof zu gelangen, 10—15 Minuten, 
wird ein Zugang von der Saarbrücke geschaffen, verkürzt 
sich die Zeit etwas, aber weitaus ani günstigsten wäre es, 
wenn man die Bahn von der Feldstraßenbrücke erreichen 
könnte. Warum sorgt unser Bürgermeister so wenig für 
das Wohl der Bewohner des südlichen Teiles unserer Ge 
meinde? Er soll mit dem Gedanken umgehen, eine nam 
hafte Summe — man spricht von 100 000 M. — und 
große laufende Beträge zu bewilligen, damit der heutige 
Zugang zum Bahnhof erhalten bleibe. Der Grund ist, 
daß auch er sich im Banne des Wortes „Friedenau" be 
findet und denkt, daß seine Bürger durch Verschwinden des 
heutigen Zugangs geschädigt werden. Tatsächlich aber hat 
er sie durch seinen Widerstand schon geschädigt und wird sie 
noch viel mehr schädigen, wenn er bei ihm verharrt, oder 
gar dem Eisenbahnfiskus die verlangten Summen bewilligt. 
Es haben wiederholt Kundgebungen von Friedenauer 
Bürgern stattgefunden, in denen die Verlegung des Bahn- 
träumende Mulchen. 
Roman von Dora Duncker. 
20. fli.chdruck »ertöten.) 
„Ich begreife nicht recht. Meine Tochter ist ja Draußen 
in Klein-Wlossow!" 
Edgars Gesicht verriet eine große Enttäuschung. 
„Fräulein Tochter hat sich doch jedenfalls erst heut 
entschlossen, hinauszufahren?" 
„Ich glaube, ja. Nur für ein paar Stunden — 
Cornelie wollte abends zurück sein. — Mit dem Siebenuhr 
zug, glaube ich." 
Edgars Gesicht erhellte sich. 
„Na, dann ist Polen noch nicht verloren. Aber jeden 
falls eine Generalkonfusion! Tante Lena schreibt mir" — 
er griff in seinen Aermelaufschlag und holte einen Brief 
heraus — „hier das beglaubigte Dokument, ich möge Fräu 
lein Cornelie mobil machen. Die Schwester des Herrn 
Kähne sei heute mit einer Freundin in Berlin. Es läge 
ihr daran, dem Fräulein sich freundlich zu erweisen. Da 
sie selbst nicht hereinkommen könne, möchten Fräulein 
Nellie und ich uns der Fremden annehmen. Rendezvous 
zwischen sieben und acht Uhr Zoologischer Garten, Terrasse. 
Kassaanwrisung folgt anbei. Das beste wird sein, Herr 
Professor, ich telephoniere von irgendwoher nach Klein- 
Wlossow und stelle mich, wenn Sie gestatten, Fräulein 
Tochter auf dem Bahnhof zum Siebenuhrzug zur Ver 
fügung. Per Auto sind wir spätestens halb acht im Zoo." 
Reimann brummelte Unverständliches. Dann erinnerte er 
sich der guten Vorsätze, die er vor kaum einer halben 
Stunde am Fenster seines Arbeitszimmers gefaßt hatte, 
und gab seine Zustimmung, indem er brummig hinzusetzte: 
„Im Grunde eine recht überflüssige Aufmerksamkeit. 
Was geht Lena die Familie ihres Hauslehrers an?!" 
Edgar zuckte mit den Achseln. Immer geneigt, zu seiner 
Tante, zu stehen, insbesondere heut, wo Lena ihm zu 
einen» Abend mit Cornelie verbalf. meinte er gutmütig: 
„Ich weiß doch nicht, Herr Professor. Die nächste Um 
gebung, die nahen Verwandten der Menschen, mit denen 
inan zusammenlebt, sind am Ende nichts Gleichgültiges. 
Jeder Mensch "t mehr oder weniger das Produkt seiner 
Kinderstube." 
„Ich > gebe nichts auf Erziehung, nur auf Anlage. 
Anlage ist alles, Erziehung Nebenwerk, zu dem wir 
unseren Kindern gegenüber selbstverständlich verpflichtet sind." 
„Bleiben wir also bei der Anlage, Herr Professor," 
meinte Edgar liebenswürdig, „dann erst recht, ist die Fühlung 
mit einer "Schwester Herrn Kühnes nicht uninteressant." 
„Sie ist nur eine Halbschwester, dieses Fräulein Berta 
— Maaß heißt sie, glaube ich. So hat mir Cornelie erzählt. 
Ihr erster Vater scheint verständiger als der zweite gewesen 
zu sein, nach dem, was ich so gehört. Das ganze schöne 
Köhnesche Verlags- und Sortimentsgeschäft zum Deibel. 
Mein Vater hat noch seine ganze reiche Fachbibliothek aus 
der Köhneschen Buchhandlung in der Wilhelmstraße be 
zogen. Na, Lena scheint auf diese Weise wenigstens zu 
einem brauchbaren Menschen für Hans gekommen zu sein, 
und das ist auch was wert." 
Edgar war aufgestanden, sich zu empfehlen. 
„Ich muß leider aufbrechen, Herr Professor. Ich 
könnte sonst mit dem Telephonieren Pech haben, und was 
sollte ich ohne Fräulein Cornelies muntere Hilfe mit den 
beiden fremden Provinzialinnen anfangen?" 
Reimann nickte einverstanden. Er hatte schon längst 
wieder Sehnsucht nach seinem Arbeitstisch. 
„Grüßen Sie mir meine Tochter, und sie soll nicht 
später als zehn zu Haus sein." 
„Sagen wir halb elf," bat Edgar treuherzig mit seinem 
gewinnenden Lächeln, dem schwer zu widerstehen war. 
„Der Frühlingsabend verspricht, sehr schön zu werden." 
Der Professor nickte stumm Gewähr. Er hatte sich's 
ja zugeschworen, kein Egoist zu sein, Nellie nicht um ihre 
Jugend, ihre Lebensfreude zu verkürzen! — 
Auf dem Stettiner Bahnhof herrschte das übliche Ge 
tümmel der warmen Jahreszeit. Dennoch hatten sich 
Edgars und Cornellens belle Augen bald gesunden. 
„Ein Auto! Herrlich!" riesiCornelie munter, Dem jungen 
Offizier die Hand schüttelnd. ?,Alles andere weiß ich schon 
von Lena. Na, wenn die beiden nur nicht zu spießig 
sind! Was meinen Sie, Herr Leutnant?" 
„Wenn dieses Fräulein —" 
„Berta l" 
„— auch nur die geringste Aehnlichkeit mit ihrem 
Bruder hat — schwerlich. Ein Spießer ist der nicht. Eher 
scheint er ein etwas komplizierter Mensch zu sein, dieser 
Herr Kähne. Was inan so auf modern eine differenzierte 
Natur nennt. Nicht so eins, zwei, drei, los!" 
Nellie lachte. „Er ist ja auch kein Gardeofsizier, Herr 
Leutnant." 
Edgar hob drohend den Finger. „Fangen Sie schon 
wieder zu sticheln an, Fräulein Nellie?" 
Das schlanke, frische Mädchen stand mitten im Gewühl 
der Bahnhofshalle und lachte den jungen Offizier mit ihren 
übermütigen Augen an. 
„Gerad' wollt' ich Ihnen was sehr Nettes sagen. Nun 
kriegen Sie's nicht zu hören — das haben Sie davon." 
Sie war dicht vor der Kontrolle stehengeblieben. Die 
Menschen drängten und schoben. 
„Erst mal Ihre Fahrkarte, Fräulein Nellie. Ihre Rache 
an mir können Sie im Auto üben." 
Cornelie zog gehorsam ihr Billett aus dem kleinen 
Täschchen ihres Sportgürtels, den sie über dem hellen 
Blusenkleid trug. 
Draußen wollte Edgar ein Auto herbeiwinken, aber 
sie legte ihm energisch die Hand auf den Arm. 
„Erst will ich meine Last von der Seele haben." Sie 
sah ihn schelmisch von der Seite an. „Nämlich wirklich, 
ich muß Sie loben. Ich finde es ganz furcytbar nett von 
einem Gardeoffizier, daß er zwei so einfache junge Mädchen 
wie diese Provinzlerinnen auf der Terrasse des Zoo 
chapronicren will. So, nun können wir einsteigen." 
(Fortsetzung folgt.1
        
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