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Periodical volume Nr. 88, 15.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriederrarrer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Wujblatt „Seifenblasen". 
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Organ für den Friedenauer Ortsteil von Zchdneberg und 
Oesirksverein Züdwest. 
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Nr 88 
Berlin-Friedenau. D'enstag, den 15 April I9H. 
20 Kahrg 
Depeschen 
Letzte nachritten 
Rom. DaS Morgenbullrtin über das Befinden der 
Papstes lautet: „Der Patient war heute früh fieberfrei. 
Die Temperatur betrug 39,7 Grad. Der Husten hat nach 
gelassen, der EchleimauSwurf ist leicht und reichlich. Der 
allgemeine Zustand ist andauernd befriedigend. Gezeichnet: 
Marchiafaoa. Amicl.' 
Karlsruhe. In dem Echwarzwaldstädtchen Triberg 
wurde das Fletgfche Dampfsägewerk durch Feuer voll 
ständig eingeäschert. 
Ettlingen. In einem Klassenzimmer der Gewerbe 
schule in Ettlingen wurden gestern Vormittag durch Aus 
strömen von Leuchtgas plötzlich 10 Schüler während des 
Unterrichts bewußtlos. Die sofort angstellten Wiederbe 
lebungsversuche waren bet neun Erkrankten von Erfolg. 
Tin Schüler konnte bis jetzt noch nicht zum Bewußtsein 
zurückgerufen werden. 
Innsbruck. In Fiave in Slldtirol brannten zwanzig 
Häuser nieder. Zahlreiche Familien find obdachlos. Der 
Schaden beträgt über 90 000 M. 
Worpswede. In der Künstlrrkolonie Worpswede 
hat gestern eine F ueribrunst eines der schönsten modernen 
Künstlerhäuser eingeäschert. DaS HauS gehörte der zur 
Zeit in Berlin weilenden Malerin Ilse Halm. 
Verkebrskragen. 
Man schreibt unS: 
Unser HauS- und Gruudbesttzerverein wird sich in 
seiner nächsten Versammlung u. a. auch mit VerkehrSfragen 
beschäftigen. TS ist frhr wünschenswert, daß die Ver- 
sammlung recht zahlreich besucht wird und jeder, frisch von 
der Leber weg. seine Beschwerden vorbringt, die dann ge 
sammelt weiter gereicht werden, damit wir wieder mal 
etwas vorwärts kommen. 
ES ist ja richtig, unsere VerkehrSverhältnisse haben 
sich in den letzten 8 Jahren bedeutend verbessert; da gtbt'S 
kein Tippen, daS ist nicht wegzuleugnen. Ich wundere 
mich daher auch gar nicht, wenn es Leute gibt, die mit 
dem ji-tz gen Zustande zusriedrn sind; bloß daS aber kann 
ich nicht verstehen, daß sogar solche ex stieren sollen, die 
da behaupten, wir hätten eigentlich schon zuviel. DaS ist 
meiner Ansicht noch nicht möglich, so «twaS kann bet unS, 
trotz der großen Nähe Berlins, gar nicht vorkommen, daS 
ist auSgeschlvffen. Ich behaupte vielmehr, je mehr 
VerkehlSmöglichketten ein Vorort hat, je leichter man von 
ihm nach den verschiedensten Teilen, nicht nur von Berlin, 
sondern überhaupt nach anderen Teilen Groß-Berlin» (auch 
nach dem Gcunewald) gelangen kann, desto mehr wird 
er zum dauernden Aufenthalt gewählt, nicht nur zum 
Vorteile der HauSb sitzer, die dann leichter ihre Wohnungen 
träumende Menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
19. lltechdnilt SftSolm.) 
10. Kapitel. 
Professor Reimann war sehr verstimmt. Er hätte die 
Dietrich erschlagen mögen. Solch eine maßlose Eselei, 
jemand fortzuschicken, der vielleicht einen wertvollen Fund 
gebracht, und der sich möglichenfalls nie wieder sehen lassen 
würde! . ^ ^ 
Hermann Wahl hatte auf der Karte gestanden! Was 
war der Mann, wo wohnte er? Hatte er wirklich etwas 
bringen wollen, wie die Dietrich gefaselt, das von Wert, 
von Wichtigkeit war? Und warum, wenn sie ihn schon 
nicht vorgelassen hatte, diese Gans, hatte sie nicht wenigstens 
nach seiner Lidresse gefragt? 
Aus der Alten war nichts rauszukriegen. Sie say 
im Wohnzimmer und heulte und schwur darauf, einen Dienst 
aufzugeben, in dem man keine Stunde wußte, was man 
zu tun habe. Heute wollte der Herr bei der Arbeit gestört 
sein, gestern hätte einen das Donnerwetter erschlagen, wenn 
man es gewagt hätte. 
Woher sollte sie wissen, was aus dem dünnen Herrn mit 
den dünnen, blonden Haaren geworden war? Hatte sie 
ihn in der Tasche? Und wenn er seine Steine schon wieder 
mitgenommen hatte! Es lagen doch, weiß Gott, mehr 
als genug hier rum. Und überhaupt, nur ein Verrückter 
konnte sich jahraus, jahrein mit ekligen, kalten, toten 
Steinen abgeben! Wenn der hohe Lohn und die wenige 
Arbeit und das gute Essen nicht gewesen wären und 
Fräulein Nellie nicht, die wohl manchmal geradezu, aber 
immer lustig war, sie wäre schon seit zehn Jahren über alle 
Berge. Ja wahrhaftig, mehr als zehn Jahre saß sie schon 
in dieser Steinhöhle I 
„Und weiß noch immer nicht, warum es sich handelt," 
schrie der Professor wütend. Er batte die Monologe der 
vermieten, sondern auch direkt zum Vorteil der Gemeinden, 
deren Steuerzahler ja dadurch vermehrt werden. Darum 
geben sich alle Vororte auch die größte Mühe, ihre 
Verkthrßverbindungen zu verbessern. 
Friedenau hätte sicher nicht den Aulschwung ge 
nommen und seine Einwohnerzahl in den letzten 5 Jahren 
vrrdoppilt, wenn unsere BerkehrSmöglichkeiten sich nicht so 
günstig entwickelt hätten. DaS darf un« aber nun nicht 
veranlaflen, auf unseren Lorbeeren auszuruhen und zu 
denken: Na, die Karre ist ja im richtigen Gleise, die wird 
nun schon von selbst weiter gehen. — Da» wäre verkehrt, 
denn außer unS existieren auch noch andere Gemeinden, 
z. B. unsere Nachbarn, die da» lebhafteste Jatereffe haben, 
auch einen Platz an der Sonne zu besitzen, die mit 
scheelen Augen auf unsere Entwicklung sehen und be 
haupten, wir hätten schon übergenug, sür unS wäre das 
nur Kompott, während sie noch darben wüßten. So z. B. 
Schöneberg jenseits der Wannseebahn und ebenfalls Steglitz 
im B'smaickoiertel. Daß diese Wünsche berechtigt sind, läßt 
sich nicht wegleugnen und da liegt meines Erachten« die 
Gefahr für uns, daß wir bei ihrer Berücksichtigung 
vollständig über, oder vielmehr umgangen werden, also 
keinen Vorteil sondern nur Nachteil haben werden. Denn 
wenn die Wogen direkt von der Ringbahn durch die 
RubenSstraße und weiter geleitet werden, hat Friedenau 
doch nicht den geringsten Vorteil davon, dann geht der 
Verkehr unS an der Nase vorbei, gerade so wie bei der 
Untergrundbahn, wo trrtz unserer heißesten Wünsche und 
trotzdem unsere Gemeindevertretung bis 2 Millionen be 
willigte, eS doch nicht gelang, diese durch unsern Ort zu 
leiten und wir daher in absehbarer Zeit noch nicht zu einer 
Schnellbahn-Verbindung kommen werden. 
WaS uni dadurch entgangen ist und wie sehr wir 
dadurckr in» Hintertreffen geraten werden, daS läßt sich 
vorläufig noch garnicht absehen. ES kommt sür unS nun 
darauf an, dies soviel wie möglich abzuschwächen und 
zwar durch Vermehrung und Verdichtung der elektrischen 
Straßenbahnlinien. 
Abgesehen von neuen Linien, die dringend erforder 
lich aber nur sehr schwer zu erhalten find, auf deren Er- 
langung wir aber unausgesetzt unser Augenmerk richten 
müssen, können wir jetzt schon ziemlich viel erreichen durch 
Verlängerung der auf dem Wartburpplatz. Eisennacher- 
und Mühlenstraße endenden Linien. Denn da» ist doch 
nur noch eine Frage der Zeit, daß über kurz oder lang 
diese Endhaltestellen eingehen und weiter nach außen ver 
legt werden, diesen Zeitpunkt dürfen wir auf k-inen Fall 
vergkffen. Zur rechten Zeit müssen wir auf dem Platze 
sein und nicht erst ankommen, wenn daS Fell deS Bären 
bereit» verteilt ist. Seien wir nicht zu tdralisttsck», sonst 
ergeht eS unS wie dem Dichter bet der Verteilung der 
Güter, der auch erst ankam, als nichts mehr zu haben 
war und infolgedeffen leer aus sing. 
Alien satt, aus denen kein vernünftiges Wort zu ent 
nehmen war. 
Er ging wieder in sein Zimmer hinüber, trat an 
seinen Arbeitstisch und warf die rätselhafte Visitenkarte 
ärgerlich hin und her. 
Hermann Wahl! Hatte er diesen Namen nun schon 
einmal gehört, oder nicht? Bedeutete er etwas, oder 
nicht? 
Er trat ans Fenster und stieß ganz gegen seine Ge 
wohnheit die Scheiben auf. 
Wo das Mädchen, die Cornelie, nur blieb? Jedesmal, 
wenn sie aus dem Hause war, passierte irgendein Unfug, 
wurde man gestört. 
Der Professor schmunzelte unter seinem dichten, blonden 
Bart. Sie war doch ein Prachtkerl, seine Kleine, und 
wenn er daran dachte, daß sie ihm einmal fortgeholt 
werden könnte — daß einer kommen könnte wie dieser 
Bogislaw, der ihm die Helene als halbes Kind aus dem 
Hause geführt II Nichts da — nein. Helene hatte er 
entbehren können — sie war immer ein Traumulus ge 
wesen — ein liebes, schönes Geschöpf, aber keine Spur 
von Nellies Energie, ihrer raschen, praktischen Art. 
Er strich sich mit der Hand nervös durch die Löwen 
mähne. Wo er nur blieb, der kleine Racker? Wo 
steckte sie überhaupt? Er hatte es über Arbeit und Aerger 
ganz vergessen. 
Er lehnte den Kopf weiter zum Fenster hinaus. Die 
Luft ging fast sommerwarm. Auf der Straße spielten 
und schrien die Kinder. Drüben auf dem Wasser stand 
ein Spreekahn, der Steine geladen hatte. Hinten am 
Steuer hockte ein junger Mciilch und sang, über das ganze 
Gesicht lachend, in falschen Tönen und mit greulicher Be 
tonung „Santa Lucia". 
Junge Mädchen, in niedlichen hellen Kleidern, schritten 
Arm in Arm unter seinem Fenster fort. Alles freute sich 
des Lebens und des Frühlings. 
Er konnte seine Nellie nicht einsperren, nicht halten wie 
eine Gefangene, sie von aller Lebensfreude abschließen, nur 
Bet Weitelführung dieser L nien liegen meiner Ansicht 
nach die Verhällntffe sür F-iedenau nicht ungünstig. Wir 
müssen der Großen Berliner eS schmackhaft zu machen ver 
suchen, indem wir darauf Hinweisen, daß der erste Teil 
der Rubei-Sstraße sich in nur dünn bevölkerter Gegend be 
findet, daß dort also ein bis höchstens zwei Linien ge 
nügen, daß aber bei Führung der Linien durch die Rhein- 
und Schloßstraße resp. Saarstraße die finanziellen Ergeb- 
niffe sich viel günstiger für sie gestalten werden. 
Auf den ersten Hieb fällt kein Baum, nur nicht gleich 
zurückschrrcken. Nur immer munter auf dem Platz, nur 
nicht nachlassen, der Erfolg wird dann sicher nicht aus 
bleiben. s- 
Lokales 
(Nachdruck unserer o°Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Der Armenausschuß und der Gemeinde 
walsenrat halten heule eine gemeinsame S-tzung ab. 
o Ueber die LtadtwerdnvgSfrage wird die Ge 
meinde Sregtttz eine Denkschrift herausgeben. In der 
letzten Gemeindeoertretersitzung unseres Nachbarortes fragten 
einige Gemeindeverordnrte an, wie eS mit der Denkschrift 
tn Sachen Stadtwerdung stehe und baten um Be 
schleunigung. Bürgermeister Buhrow führte hierauf au»: 
Herr Schöffe Jochem hat die Denkschrift ausgearbeitet, die 
Beratung im Gemeindevorstand dauert aber noch an. 
Sowie die Verhandlungen abgeschlossen seien, werde der 
von der Gemeindevertretung eingesetzten Kommission Be 
scheid gegeben werden. 
o Der Hutnadel-Erlaß deS Berliner Polizei- 
Präsidenten ist heute tn Kraft getreten. E» wird darnach 
in Zukunft den Damen das Tragen ungesicherter hervor 
stehender Hutnadeln polizeilich verboten. Die Dame, die 
gegen diese Vorschrift handelt, hat empfindliche Strafe zu 
erwarten: bis 60 M. Geldstrafe, im UuoermögenSfalle ver- 
hältniSmäß'ge Haft! 
o Zur Einführung der NeichSverficheruug«, 
ordnuug. Nachdem durch Bekanntmachung deS Reichs 
kanzlers vom 17. März 1913 die behördlichen Muster- 
satzungen sür die nach der RetchsonstcherungSordnung in 
Betracht kommenden Krankenkaffen der O.ffentlichkett zu 
gängig gemacht worden sind (Heymann'S Verlag-Berlin), hat 
die ärztliche Organisation unter Anpaffung an diese 
Satzungen Musterverträge sür den kaffenärzllichen Dienst 
im Verlag der Buchhandlung deS AerzieoerbandeS in 
Leipzig erscheinen lassen, denen die Beschlüsse deS 
Stuttgarter Aerztetage» von 1911 über die Regelung d»S 
VertragSoerhältniffe» zwischen Aerzten und Kaffen zugrunde 
gelegt sind. 
o Ein Theater in Tchöneberg. Wie der „B. Z." 
mitgeteilt wird, schweben zwischen Prof. Reinhardt, 
der Berlinischen Bodengeselllchait und dem Schöneberper 
weit niemand sonst es verstund, ihm die Ruhe zur Arbeit 
zu schaffen und zu erhalten. Pfui, nein. Er durfte kein 
so schäbiger Egoist sein. Und wenn mal einer käme, der 
sie verdiente, seine kleine Nellie — und den sie gern hatte — 
na dann, ja dann würde er schließlich auch ja sagen 
müssen. Aber hoffentlich war es noch recht lange bis 
dahin. 
Und nun fiel ihm plötzlich wieder ein, wo Nellie 
eigentlich steckte: In Klein-Wlossow draußen, bei Lena, 
die dieser Tage in die Berge zu Hans wollte. Vor 
Abend würde sie kaum wieder da sein. Auch ein Wahn 
sinn, anderthalb Stunden weit von Berlin sich anzukaufen! 
Draußen wurde heftig an der Klingel gezogen. Ein 
mal, zweimal, dreimal. Niemand schien öffnen zu wollen. 
Eine heillose Wirtschaft das! Der Professor stürmte 
hinaus. 
Im Vorzimmer saß noch immer die Dietrich und 
brumnite: Sie würde sich hüten, aufzumachen. Sie könne 
ja wieder etwas verpatzen, wie mit dem dünnen, ver 
hungerten Herrn. Nein, sie hatte genug davon. Und das 
Stubenmädchen habe Ausgang. 
Reimann warf der Dietrich einen wütenden Blick zu 
und öffnete selbst. 
Draußen stand der Gardeosfizier Edgar von Lersch, 
schlug die Hacken zusammen und war ein klein wenig 
erschreckt, den Gestrengen selbst an der Tür zu finden. 
„Pardon, Herr Professor. Ich wollte nicht stören. Ihr 
Fräulein Tochter nicht zu Haus? Ich komme mit einer 
Botschaft von Frau von Lersch." 
„Bitte doch näher zu treten, Herr Leutnant." 
Das Gesicht der Dietrich grinste vor Schadenfreude, als 
die beiden Herren an ihr vorübergingen. 
„Geschähe dem alten Grobian ganz recht, wenn der 
hübsche Leutnant ihm seine Cornelie wegholte." 
Merkwürdig, daß Herr von Lersch von einen Auftrag 
Lenas spricht, dachte der Professor, während er Edgar 
einen Stuhl in dem kleinen behaglichen Wohnzimmer anhot. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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