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Periodical volume Nr. 86, 13.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Anpatttltscht 
(Frredenauer 
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Besondere 
Seelen Cßittwochs 
Glujblatt „Seifenblasen". 
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Organ für den Friedenauer Ortsteil von Zchdneberg und 
Kerirksverein Ziidwest. 
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Jecken Sonnt»g> 
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Pr. 86. 
Berlin-Friedenau, Sonntag, den 13 April 1913. 
20. Jahrg. 
vepeMen 
Letzte Nachrichten 
Berlin. Heute morgen entstand ln der Haupistatlon 
des Elektrizitätswerkes Südwest ein Feuer, doS durch seine 
grobe Berqualmung erhebliche Schwierigkeiten verursachte. 
Schlt.ßlich gelang e8 aber der Schöneberger Feuerwehr, den 
Brand zu löschen. Durch daS Feuer wurde auch eine 
längere Betriebsstörung auf der elektrischen Bollbahn Berlin- 
Lichterfelde verursacht. Die Bahn mutzte zurzeit dcS Haupt- 
Verkehrs nach Berlin gegen 8 Uhr den Betrieb zeitweise 
einstellen, bis die Züge mit Dampflokomotiven befördert 
werden konnten. 
Berlin. Tine mehlköpfige Gaunerbande, die den 
Juwelenschwindel zu ihrer Spezialität gemacht hat, ist von 
der Berliner Kriminalpolizei hinter Schloß und Riegel ge 
bracht worden. DaS Haupt dieser Bande waren die beiden 
ehemaligen „BankicrS* Hugo Seemann und Egon Straube 
aus Steglitz. Mit thuen ist der „Kaufmann" Richard 
Durra aus der Gitfchiner Straße und die Wirtschafterin 
M zzi Steinbach verhaftet worden. Zwei Genossen (sind 
geflüchtet, wahrscheinlich nach Rußland. 
Stettin. Die See geht noch Immer außerordentlich 
hoch. Bon Swinemünde sind bis 11 Uhr Kreuzer zur 
Abfchleppung deS gestrandeten „Torpedobootes V. III" 
noch nicht eingetroffen. DaS Torpedoboot liegt hoch im 
Dünenfande. ES fragt sich, ob die AbfchleppungSverfuche 
bet der hochgehenden See noch einen Zweck haben. — DaS 
Linirnschulschiff ,Würltemberg", daS gestern im Hafen von 
Swinemllnde bet dem starken Sturm auf Grund geraten 
wir, Ist im Laufe der Nacht wieder freigekommen. 
Insterburg. Auf dem Bahnhof Groß-Bclttainen 
wurde der Jlsterburger Oberlehrer Dr. Koppetfch erhängt 
aufgefunden. Man vermutet, daß der Oberlehrer, der 
eine stadtbekannte Persönlichkeit war, die Tat infolge 
geistiger Umnachtung begangen habe. 
Recklinghausen. Im Grubenbenbetriebe deS Schachtes 
1II/1Y der Zeche General Blumental platzte aus unbe 
kann ten Ursachen der Kessel einer Grubenlokomotive. Durch 
die umherfliegenden Eisenstücke wurde ein Bergmann aus 
ter Stelle gerötet und ein zweiter schwer verletzt. 
Hrmen wesen 
und Wohlfahrtspflege. 
Ji Barmen sind Grundsätze brS WohlfahrtSvkrbandeS 
in Kraft getreten. Nach diesen ist eS Aufgabe der Der- 
. elnigung, alle an der Uebung von Armenpflege und Wohl- 
tätigkeit beteiligten Kräfte zu gemeinsamer Arbeit zu 
sammen zu fassen. 
Ziele der gemeinsamen Arbeiten sind: 
Qäumenüe Menlcften. 
Roman von Dora Duncker. 
17, (Raddruck »erkoren.) 
„Am ersten Mai auf die Stunde. Ein Jahr gerade 
vor der Verheiratung mit der gnädigen Frau, zwei vor 
der Geburt des jungen Herrn. Im ersten Jahr, da ging 
der gnädige Herr mit dem Gedanken um, er wollte dazu 
kaufen, das ganze Land drüben bis an die Koppel und 
rechts über das Luch und den Erlenbruch bis an den 
Wald, und ein Landgut daraus machen. Das heißt, e r 
wollte nicht, sondern der Herr von Loewengard, der dann 
ja woll so 'ne Art Verwalter hier werden wollte. Aber der 
Herr von Lersch ist denn doch festgeblieben und hat gesagt: 
„Nein, und der Mensch soll sich nicht verzetteln, und die 
Fabrik braucht einen ganzen Menschen. Meine Freude und 
Ruhe, die will ich hier draußen haben, wenn ich ab 
gerackert aus Berlin komme, und keine neuen Sorgen 
und neue Arbeit."" 
Helene hatte Mörbe aufmerksain zugehört. 
„Herr von Loewengard wollte Verwalter werden?' 
fragte sie gedehnt. „Was verstand er denn von der Land 
wirtschaft ? Ich dachte, er wäre immer in kaufmännischen 
Berufen gewesen?" , . , 
Mörbe schüttelte vielsagend den roten, graugesprenkel- 
ten Kopf. ^ , 
„Nicht an dem, gnädige Frau von Lersch. Er hat ein 
Gut gehabt, oben in Preußen. Das hat er in Grund 
und Boden gewirtschaftet. Und als er keinen roten Dreier 
mehr hatte, da hat der gnädige Herr als alter Freund sich 
seiner angenommen." ,, 
Helene sah verwundert mit suchendem Blick vor sich hm. 
„So. so," meinte sie dann. „Ich glaubte nach seinem 
jetzigen Auftreten, er wäre immer ein ziemlich vermögender 
Mann gewesen.". t . _ 
„Damals nicht. Da lebte er aus der Tasche des Herrn 
von Lersch," sagte Mörbe mit seltsamer Betonung und 
Nachhaltige und vertiefte Fürsorge für die wahrhaft 
Bedürftigen unter Schonung ihres Ehrgefühls herbeizu- 
führen; das Bettelwesen und den Mißbrauch der Wohl- 
tätigkeit planmäßig zu bekämpfen; gesunde Grundsätze über 
Armenpflege und Wohltätigkeit zu unterbreiten; zweck 
mäßige Verbesserungen und Ausfüllung etwaiger Lücken auf 
dem Gebiete der Wohlfahrtspflege anzuregen. 
Die gemeinsame Arbeit vollzieht sich unbeschadet der 
Selbsttätigkeit der beteiligten Kräfte, deren besondere 
Grundsätze und Aufgaben unangetastet bleiben; auch soll 
eine Entlastung der städtischen Armenpflege dadurch nicht 
stattfinden. 
Teilnehmer der Vereinigung können alle Körperschaften 
und Vereine sein, die im Nahmen der öffentlichen und der 
konfessionellen Armenpflege sowie der organisierten Privat- 
Wohltätigkeit in irgend einer Form Fürsorgetätigkeit aus- 
üben. Außerdem sind als Teilnehmer auch Privat- 
Personen zugelassen, die sich ohne Anschluß an eine Körper- 
schaft oder an einen Verein der WohltätigkeitSpflege widmen. 
Der Errichtung der bezeichneten Ziele dienen: die 
Einrichtung einer gemeinsamen, der städtischen Verwaltung 
angegliederten Geschäftsstelle und die Anlegung von Karten 
und Listen über die einzelnen Bedürftigen zum Zwecke der 
AuSkunftserteilung; wechselseitige AuSkunstserteilung, die 
Sammlung und Verarbeitung von Material über die Ver- 
hältnisse der Bedürftigen und über allgemeine Fragen der 
Wohlfahrtspflege; die Erteilung von Auskunft und Rat 
an die Hilfesuchenden. 
Jeder Teilnehmer verpflichtet sich: Vor Erledigung der 
an ihn gerichteten Unterstützungsgesuche mit Ausnahme 
eiliger und vertraulicher Gesuche bei der Geschäftsstelle 
Auskunft einzuholen; die von ihm bewilligten Unter 
stützungen der Geschäftsstelle anzuzeigen, soweit nicht be- 
sondere Gründe entgegenstehen. 
Wünscht ein Beteiligter in besonderen Fällen eine 
Unterstützung geheim behandelt zu sehen, so macht er die 
betreffende Mitteilung oder Anzeige an die persönliche 
Adresse deS Vorsitzenden deS Ausschusses. Ueber diese 
Kategorie „verschämter Armer" wird ein besonderes geheim 
zu haltendes Verzeichnis geführt; bei etwaiger Benutzung 
dieses Materials wird in schonendster Weise vorgegangen. 
Die Leitung der Geschäfte erfolgt durch einen AuS- 
schuß von 15 Mitgliedern, die von den Teilnehmern immer 
auf ein Jahr gewählt werden. Wiederwahl ist zulässig; 
der Ausschuß wählt aus seiner Mitte einen Vorsitzenden, 
Schriftführer und Schatzmeister. Er führt die laufenden 
Geschäfte und tritt nach Bedarf zusammen. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ueber die Abwanderung steuerkräftiger 
Bewohner von Berlin nach den Vororten haben wir 
einem Ausdruck zornigen Grimms in dem kleinen, lpltzen, 
zusammengedrückten Gesicht. 
.Helene war aufgestanden. In der Tasche knisterte der 
Meraner Brief. 
„Ich möchte bald reisen, Mörbe; ich habe Sehnsucht 
nach dein Jungen. Ich wollte, die Arbeit im Hause wäre 
erst gemacht." 
„Ich darf nicht bitten, daß gnädige Frau mir die 
Oberaufsicht darüber anvertraut?" 
„Danke, Mörbe. Aber das find Sachen persönlichen 
Geschmacks. Da muß ich doch selbst dabei sein. Ich wollte 
ja eigentlich auch nicht vor Ende Mai fort. Nicht erst nach 
Meran, mich in Reichenhall mit dem Jungen treffen. 
Nur daß —" Sie seufzte gepreßt und sah auf die Uhr. 
„Erst zwei! Wenn's nur schon fünf Uhr vorüber wäre! 
Mein Gott, wie kann man so lächerlich feige sein!" 
Sie gingen auf die Richtung des Tannensteges zu. 
„Für eins muß ich gnädige Frau aber bitten, mir 
Vollmacht zu geben. Nämlich, wenn gnädige Frau den 
ganzen Sommer über fortgehen, und überhaupt wäre es 
längst nötig gewesen. Wegen der Sicherheit, da wollte 
ich gnädiger Frau schon längst einen Vorschlag machen." 
Helene lächelte ein wenig zerstreut. 
„Ich denke doch, unsere Türen sind mehr als massiv, 
Mörbe!" 
„Woll, woll, gnädige Frau I Am Hause schon, aber 
draußen das Parkgitter und die Auffahrt von der Land 
straße her. Für die zwar will ich wohl einstehen. Wer 
da rein oder raus will, muß bei mir vorüber. Aber das 
Parkgittertor, nein, da müssen andere Sicherheitsvorrich 
tungen dran. Das sollte auch bei Tag» geschlossen sein. 
Ganz gewiß, gnädige Frau. Man kann nie wissen." 
Helene fing über den ängstlichen Eifer des Alten nun 
doch zu lachen an, so ungern sie ihn kränken wollte. 
„Mörbe! Sie .tun ja gerade, als ob's eine Räuberbande 
auf uns abgesehen hätte. Aber meinetwegen, tun Sie, 
was Sie nicht lassen können. Nächste Woche kommt der 
Schlossermeister ohnedies heraus. 2n dem^ einen , der 
bereits berichtet. Es dürfte unsere Leser interessieren, 
welcher Anteil der von Berlin in die Vororte gewanderten 
Bevölkerung auf Friedenau entfällt. Unsere Gemeinde 
erhielt von den Steuerpflichtigen mit einem Einkommen 
von 1350—3000 M. 340, mit einem Einkommen von 
3000—9500 M. 104 und mit einem Einkommen von 
9500-50 000 M. 4. 
o Pfarrer Gvrnandt, der erste Geistliche an unserer 
Kirche zum Guten Hirten, ist wieder gesundet und gedenkt 
mit Anfang nächster Woche seine Amisarbeit in vollem 
Umfange wieder aufzunehmen. 
o Die Nektoratsprüfuug hat Herr Lehrer Hoke 
meyer von unserer 2. (Mädchen-) Gemeindeschule be 
standen. Herr Hokemeyer ist seit dem 1. April 1906 in 
unserer Gemeinde angestellt. 
o Die Weiterführung von Straßenbahnlinien 
«ach Lichterfeide auf der Straße Unter den Eichen ist 
noch nicht erfolgt. Die Verzögerung hat, wie wir hö«en, 
ihren Grund in den noch durchzuführenden technischen 
Arbeiten, insbesondere handelt «8 sich noch darum, die 
Schtenenoerbindungen fertigzustellen, was stets einige Zeit 
erfordert. Von der Straßenbahn selbst war die Aufnahme 
deS Betriebs auf den 5. April angesetzt worden, doch 
dürfte sich diese wohl erst in der zweiten Hälfte de« 
Monats ermöglichen lassen. Nähere bestimmte Angabe 
über die nunmehrige Eiöffnung der Verkehrs liegt noch 
nicht vor, dürfte jedoch nach dem Fortgang der Arbeiten 
nicht mehr allzu lange auf sich warten lasten. 
o Die Zehnklasstge private Höhere Mädchen, 
schule mit lyzealem Lehrplan von Frau E. Rudel (vorm. 
Roenneberg'sche Höhere Mädchenschule), Moselftr. 5 hat 
soeben den 4. Jahresbericht herausgegeben, dem wir 
folgendes entnehmen: Am 2. Februar besuchten die Schule 
325 Schülerinnen. 236 waren kv., 21 kath., 17 jüd. und 
1 Dist., 320 waren Preußen und 5 Ausländer. AuS dem 
Schulort stammten 138, von außerhalb 187. Am 16. 
April begann das Schuljahr 1912-13. Da die Schule 
zum Lyzeum ernannt worden war, wurde auch ein Wechsel 
der Lehrkräfte notwendig; kS traten in daS Kollegium ein 
die Obelehrerinnen Frl. Margarete Dieck und Frl. LiOia 
Stöcker, die Lehrerin Frl. Else Geyer, die schon früher 
dem Kollegium angehörte, und Frl. Katrrine Pohl, eine 
ehemalige Schülerin der Anstalt. AIS Ordinarius der 
5. Schulklasse trat Oberlehrer Dr. Fr. Heers ein, die 
naturwissenschaftlichen und Mathrmatlkstunden erteilten 
Herr Oberlehrer Bretschneider und der Kandidat deS 
höheren Lehramts Herr Träumner. Aus dem Kollegium 
schieden die Mittelschullehrer Koch. Hokemeyer und Laehne 
und die Lehrerin Frl. Elisabeth Liebig, die in den städt. 
Schuldienst nach Charlottenburg berufen wurde. .Die dies 
jährigen Sommerau! fliige gingen mit den Klassen X, XI, 
VIII nadb dem Echlachtenfee zur alten Fifcherhürte; die 
Klassen VII, VI, V und IV fuhren mit der Bahn 
neuen Zimmer ist allerlei Reparatur vonnöten. Dann 
können Sie mit ihm reden. Bei Tage aber bleibt mir 
das Parktor offen. Warum sollen wir den Dorfleuten 
die Freude nehmen, auch mal einen Blick in den schönen 
Park zu werfen, oder ein Viertelstündchen darin spazieren 
zugehen ? Ein Fremder verirrt sich ja doch nicht hierher." 
Mörbe schüttelte mißbilligend den Kopf, aber er mußte 
sich fügen. 
Sie bogen in den Tannenweg ein. Wie anders er 
aussah in dein stumpfen Grau des Tages! Wo war das 
weiße, weiche, flimmernde Mondlicht? Wo der Mann, 
der an ihrer Seite geschritten war und Worte gesprochen 
voller Tiefe und Wärme, voll von Lebensidealen, wie 
sie sie nie wieder von seinen Lippen gehört hatte I 
Mörbe war weit zurückgeblieben. Jetzt hörte sie 
seinen stapfenden, ungleichen Schritt und gleich darauf 
seine Stimme hinter sich, die ärgerlich sagte: 
„Alles, was recht ist. Dafür muß der Baumann seinen 
Rüffel kriegen. Die Tannen sollten längst beschnitten sein." 
Helene wandte sich nach ihm um, und hastig abwehrend 
sagte sie: „Nein, nein. Hier im Tannensteg bleibt alles, 
wie es ist." 
Dann kehrte sie langsam und nachdenklich allein ins 
Haus zurück. 
Um ihrer Erinnerungen Herr zu werden, überlegte 
sie, ob man für das immerhin bescheidene Einkomme», 
das Bogislaw für Herrn von Loewengard bestimmt hatte, 
samt den mit ihr vereinbarten Reisespesen leben könne, 
wie Herr von Loewengard lebte. Aber sie kam nicht weit 
damit. Das Leben nach Zahlen auszurechnen, war Helenens 
starke Seite nicht. 
Pünktlich um fünf Uhr hielt die Halbchaise mit Herrn 
von Loewengard am kleinen Seiteneingang. An der 
Terrasse fuhr Johann nur die Herrschaft vor. Mit stolzer 
Würde saß er in seiner kaffeebraunen Livree auf dem Bock 
und legte die Hand nur eben an den Hut, als Herr von 
Loewengard ausstieg. ,
        
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