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Periodical volume Nr. 84, 10.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Krledenarrer 
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Nr. 84. 
Berlin-Friedenau, Donnerstag, den 10. April 1913. 
20. Iahrg« 
Vepescken 
Metzle IIackricKlen 
Berlin. Im Fieberwahn stürzte sich heute Nacht 
der Briefträger Weitzel aus dem Fenster seiner Wohnung 
im Hause Wipperstr. 18 in Neukölln auf daS Straßen- 
Pflaster. Ec war sofort tot. 
Rom. Der Papst hat die Nacht ruhig verbracht und 
ein wenig geruht. Heute früh 7.45 Uhr besuchten die 
Aerzte Marchiafava und AmKi den Papst. Der Besuch 
dauerte biS 8,30 Uhr. Die Aerzte konstatierten, daß die 
gestern eingetretene Besserung andauere. Der Papst ist 
fieberfrei, seine Temperatur betrug 36,6. 
Hannover. In hiesigen welsischen Kreisen berührt 
eS außerordentlich angenehm, daß der Kaiser den Herzog 
und di« Herzogin von Cumberland nach Homburg und 
nicht nach Berlin eingeladen hat, wohin der Herzog nur 
sehr ungern gegangen wäre. Biele Welfen sind von hier 
nach Homburg abgereist, um an den EmpfangSfeierltch- 
leiten teilzunehmen. Ob das Herzogpaar zur Hochzeit deS 
Prinzen Ernst August am 24. Mai nach Berlin fahren 
wird, ist noch nicht bestimmt; doch gilt ihre Teilnahme 
nicht als ausgeschlossen. 
Wien. Die Blätter erfahren von unterrichteter Stelle 
zu den Nachrichten, wonach König Nikita für seinen Verzicht 
auf Skutari durch territoriale und finanzielle Zugeständnisse 
entschädigt werden solle, daß daS Konzert der Großmächte 
sich mit dieser Angelegenheit noch nicht befaßt habe. 
Andererseits fei eS wohl möglich daß einzelne Mächte 
untereinander bereits Besprechungen darüber gepflogen 
hätten. Jedenfalls sei eS aber ganz ausgeschlossen, daß 
Montenegro ein« territoriale Enlschäitgung auf Kosten 
Albaniens erhalten werde, dessen Grenzen tm Norden nach 
Nordosten bereits endgültig festgesetzt seien. 
London. Die Streikunruhen in Bussalo hobenernst 
hafte Dimevsienen angenommen. DaS Publikum stellte 
sich auf Seilen der Straßenbahner, als eS sah, daß 
Militär zum Echrtzr der Etraßenbahngesellschaft in die 
Stadt gezogen wurve. Publikum und Streikende griffen 
auf das Hastigste alle Straßenbahnwagen an, von denen 
viele zertrümmert und verbrannt wurden. Die Streikenden 
gebrauchen Bomben und Revolver. Auf die Truppen 
wurde wiederholt gefeuert, und eS wurde der Versuch ge 
macht. die Straßenbahngleise in die Luft zu sprengen. 
La Röchelte. Der russische Konsul hat die gesamte 
Besatzung des russischen Dreimasters „valtzer" verhaften 
lassen, weil die Mannschaft sich geweigert hatte, infolge 
der schlechten Ernährung wieder an Bord zu gehen. Unter 
der Mannschaft sollen sich auch mehrere deutsche Matrosen 
befinden. 
Deutsche ^urnerschakt unci Kailer- 
Iubiläumskeier am 8. Juni 1913. 
Die Deutsche Turnerschaft beteiligt sich sehr stark an 
den Feierlichkeiten zur Einweihung de« neuen Stadions tm 
Grunewald, am 8. Juni, und wenn auch die Turner- 
träumende Menschen. 
Roman von Dora Sünder. 
15, (Nachdruck ott?olm.) 
„Also en avant, Kind. Fahr' mit dem Jungen herauf 
und sage Herrn Kühne einen Gruß, und Hans soll gleich 
zu Bett und seine heiße Milch trinken." 
„Es ist ein kostbares Orchideenbukett von Herrn von 
Loewengard für dich oben und ein Paket. Soll ich dir 
die Sachen mit herunterbringen?" fragte Cornelie mit 
einem Anflug lustiger Ironie. 
Helene wehrte ab. „Zeit bis morgen. Und eil' dich, 
Nellie. Ich möchte kein Wort von Ibsen verlieren." 
Helene war spät aufgestanden. Der Junge war mit 
Herrn Kühne längst ausgeflogen, als sie zum Frühstück in 
den Salon kam. Sie öffnete gleichgültig das Paket 
Loewengards, das mit den Orchideen neben ihrem Gedeck 
stand. Jedenfalls das bereits angekündigte Pariser An 
gebinde. 
Ein lauter Ruf der Ueberraschung kam von Helenens 
Lippen, als die letzte Hülle von dem Paket fiel. 
Bor ihr stand eine alte assyrische Schmuckschatulle, ein 
viereckiger, aus Silber getriebener Kasten, mit gewölbtem 
Deckel. Altägyptische Pharaonenköpfe schmückten das Meister 
werk orientalischer Kleinkunst. 
Helene wandte die Schatulle nach allen Seiten. End 
lich entdeckte sie das Schloß. Als sich der Kasten öffnete, 
fand sie auf seinem Grunde auf einem verschlissenen Seiden- 
tüchlein einen Zettel, mit deutscher Frakturschrift bedeckt, 
liegen; am Ende der Schrift den Namenszug eines be 
kannten Pariser Raritäteiihändlcrs. 
scharen, die dabei mitwirken, etwa 15 000 M, bet weitem 
nicht heranreichen an die 80 000 beim Deutschen Turnfest 
auftretenden Turner, so bildet doch diese Feier eine 
prächtige Vorprobe für daS vom 12.—16. Juli d. IS. in 
Leipzig stattfindende Deutsche Turnfest, und eS wird gewiß 
viele Turner und auch Fernstehende interessieren, waS 
die Turnerschaft bei der Weihe deS Berliner Stadions 
bieten wird. 
Mit der Eröffnung soll die Feier deS Regierung?- 
Jubiläums deS Kaisers verbunden werden. Unserm Kaiser, 
dem Gönner und Förderer unserer Bestrebungen, werden 
die Turner, ferner die sporttreibenden Verbände in einem 
Festzuge im Stadion huldigen. Darauf findet eine Vor 
führung auSerwählter Mannschaften deS Garde-KorpS 
statt, dem solche der Turner, Leichtathletik und der 
Schwimmer folgen. 
Von der Deutschen Turnerschaft werden der Ausschuß 
und je 25 Turner aus jedem Kreise teilnehmen. Die 
Hauptmasse wird Großberltn, die 4 Gaue Berlins, Gau 
Charlottenburg und die angrenzenden Teile deS Havel- 
Spree-Ostbabn-GauS stellen, sodaß 10—15 000 Turner 
etwa Platz finden dürften. 
Der Andrang der Teilnehmer, vor allem der Zu 
schauer tm Stadion selbst, seiner nächsten Umgebung und 
an und auf den ZufahrtSwegen wird ein großer sein. Zu- 
tritt ist nur durch AuswetSkarten zu erlangen. Wenn die 
Meldungen zu zahlriich eingehen, kann auch nur ein Teil 
der Turner berücksichtigt werden, entsprechend der unS zu- 
gestandenen Zahl, und daS werden die rechtzeitig ge- 
meldeten sein. 
Der turnerische Teil umfaßt folgende Uebungen: 
1. Keulenschwingen der Frauen, 2. Freiübungen der 
Männer, Frauen und Jugendturner (2. und 3. Gruppe 
der Leipziger allgemeinen Freiübungen), 3. Spiele der 
Mädchen, 4. Sonderoorsührungen und 5. Gerätturnen 
(Rcck. Barren, Pferdsprünge und Stabspringen — nicht 
unter 2 m anfangen). Die Punkte 1, 2 und 3 sind wegen 
der Schwierigkeit de§ gemeinsamen UebrnS von den Ber 
liner Gauen übernommen, die Vereine der Kreise be- 
teiltgen sich an der Ausführung der Punkte 4 und 5. Zu 
einer Riege gehören einschl. deS Vorturners 8 Turner. 
Jede Riege muß in sich einheitliche Kleidung haben. Am 
Festzuge nehmen Schüler und Schülerinnen der Turn- 
vereine, jedoch nicht unter 12 Jahren. Jugendturner. 
Männer und Frauen teil. Ueber die Kleidung erfolgen 
später nähere Angaben. 
Die an irgendeiner turnerischen Vorführung teil- 
nehmenden Männer, Frauen, Jugendturner, Knaben und 
Mädchen machen den Festzug nicht mit. 
Anmeldungen sind bis 10. April an die Turnwarte 
zu richten. 
Bei späterer Meldung kann auf Berücksichtigung nicht 
gerechnet werden. 
Am Sonnabend, dem 7. Juni, findet als ein Teil 
der Feier Fünfkampf in folgenden volkstümlichen Uebungen 
statt: 1. Schleuderballwerfen, 2. 100 m Lauf, 3. Weit 
springer! mit Sprungbrett, 4. Hochspringen ohne Sprung 
brett. 5. Kugelstoßen (10 kx). Anmeldungen zu diesem 
Der Text des Zettels lautete: 
„Diese Schatulle ist ein Geschenk Napoleonsl. au seine 
erste Gemahlin IosephineBcauharnais. Als-Napoleön im 
Jahre 1799 als Obcrgeneral in Aegypten weilte, sandte er 
von Kairo aus — bereits auf dem Rückweg aus Syrien 
begriffen — General Reynier mit kostbaren Geschenken an 
seine Gemahlin nach Paris, unter denen sich auch diese 
assyrische Schmuckschatulle befand. Sie zählte lange Jahre 
zu de» liebsten Gebrauchsgegcnständen Iosephinens. gez. 
Dcaudlair, Raritätenhändler, Paris." 
Helene konnte den Blick nicht von dem kleinen Kunst 
werk wenden. Sie vertiefte sich in all seine reizenden 
und zierlichen Einzelheiten. Welch eine große Aufmerksam 
keit Loewengards, ein so seltenes Stück für sie aufzutreiben. 
Andererseits aber auch ein viel zu kostbares Geschenk, um 
es so ohne weiteres annehmen zu können. 
Wie bei allem, was mit Herrn von Loewengard zu 
sammenhing, geriet Helene in einen Zwiespalt. 
Sie konnte einem so guten Bekannten ein Geschenk 
weder zurückweisen, noch es als eine Besorgung betrachten 
und das Entgelt dafür anbieten! 
Nahm sie es aber ohne weiteres als Geschenk an, so 
bekundete sie dainit ein starkes Freundschaftsgefühl für den 
Geber, der diese Bekundung jedenfalls mit erneuten Hoff 
nungen für sein Werben ansehen würde. Und gerade jetzt, 
wo sie nach den Erfahrungen des Ostersonntags Loewen 
gards Werbung in ausgesprochener Form hatte zurück 
weisen wollen! 
Als sie noch darüber grübelte, wie ihr Handeln ein 
zurichten sei, ließ Loewengard sich melden. Nein. Sie 
tonnte ihn jetzt nicht sehen. Sie ließ sich mit starkem 
Köpfweh entschuldigen. Wenn Hans und Herr Kühne 
Fünfkampf, an dem sich Turner aller Kreis« der Deutschen 
Turnerschaft beteiligen werden, sind bis 1. Mai an den 
Hauptturnwart der Berliner Turnerschaft G. Kossag, 
Berlin 8. 14, Prinzenstr. 70, zu richten. 
Die Wertung geschieht nach der Deutschen Wetturn- 
ordnung. Ort und Zeit des WetturnenS wird später be 
kannt gegeben. 
Vom Männer-Turnverein Friedenau sind bereits 
zur Teilnahme angemeldet: 70 Männerturner, 40 Turne 
rinnen und 30 Jugendturner. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Königin.Luise-SchuIe (OtffenilicheS Lyzeum). 
Dem 6. Jahresbericht — Ostern 1913 — unserer Königin- 
Luise-Schule entnehmen wir dar Folgende: Am 19. März 
fand zum ersten Male die Entlassung der Schülerinnen 
der 1. Klasse statt. Der Direktor legte seiner Ansprache 
daS Wort der Königin Luise zu Grunde: „ES kann nur 
gut werden durch die Guten". Im Anschluß an die Ent 
lassungsfeier beglückwünschte der Direktor namenS deS 
Kollegiums und der Schule Herrn Oberlehrer Professor 
Bender anläßlich seiner 25 jährigen Lehrtätigkeit, dankte 
ihm für seine pflichttreue und erfolgreiche unterrichtliche 
und erziehliche Arbeit an unserer Schule und gab dem 
Wunsche Ausdruck, daß ihm seine Kraft, Frische und 
ArbeitSfreudtgkeit noch recht lange erhalten bleiben und 
Gottes Segen auch ferner mit ihm fein möge. Al« SchuP 
feste fanden statt: die Sedanfeier, das R-formationSfest, 
die Weihnachtsfeier, die Feier des GeburtStageS unseres 
Kaisers und am 10. März die Feier zur Erinnerung an 
die ruhmreiche Zeit von 1813. Die Unter- und Mittel 
klassen machten Ausflüge nach dem Grunewald, die 
4 0 Klasse nach Potsdam, die 3 0 Klaffe nach Buckow und 
nach Oranienburg, die 2 0 Klasse einen TageSautflug 
nach Schönhausen-Tangermünde-Stendal und einen Nach- 
mtttagSauLflug nach Großbeeren> Mahlow, die 1 0 Klasse 
nach dem Spreewald. Die 5 0- und 5 Ll Klasse besuchten 
daS Kolonialmuseum, die 2 0 Klasse daS Hohenzollern- 
Museum, die 10 Klasse die Nationalgalerie, daS Kaiser 
Friedrich Museum und die Kunstausstellung. Am 2. und 
3. Mai sowie am 23. August fand eine Revision von 
Mittel- und Oberklassen durch Herrn Provinzialschulrat 
Doblin statt. Am 1. April 1913 wurde Herr Oberlehrer 
Hilke, am 1. Oktober 1912 Herr Oberlehrer Dr. Falk« 
und die technische Lehrerin Fräulein Crantz angestellt, vom 
1. Oktober an Fräulein Münch als HilsSlehrerln für den 
j Gesangunterricht beschäftigt. Im Winterhalbjahr waren 
die englische Lehramtsassistentin Fräulein Campbell und 
die französische Lehramtsafsistentin Fräulein DIcop tätig. 
ES wirkten an der Anstalt im verflossenen Jahre außer 
dem Direktor 6 Oberlehrer, 3 Oberlehrerinnen, 4 Ordent 
liche Lehrer, 7 Ordentliche Lehrerinnen, 1 Zeichenlehrerin, 
3 technische Lehrerinnen, 1 HilfSlehrertn für Gesang, 
1 französische und 1 englische Lehramtsafsistentin. Am 
1. Oktober 1913 wird die Oberlehrerin Fräulein Dr. Hanna 
Lohmann angestellt. Am 1. Februar d. IS. besuchten die 
abgereist waren, würde sie mit Loewengard zusammen 
kommen und die richtige Form für ihre Abweisung finden. 
Jetzt war sie zu unruhig, mit zu vielem beschäftigt. Der 
Abschied von ihrem Jungen mußte erst überstanden sein! — 
Die zwei Tage Berlin gingen im Fluge dahin. Rolf 
sah so gut wie gar nichts mehr von Frau von Lerfch. Daß 
sie Hans am ersten Abend durch Fräulein Reimann hinauf- 
gcschickt hatte, schien seinem überreizten Feingefühl die 
Mahnung zu bedeuten: Wir sind hier nicht in Klein- 
Wlossow, sondern in Berlin. Hier ist dein Platz bei deinem 
Zögling, der meine in der Gesellschaft. 
So schwer es ihm wurde, handelte er nach dieser ver 
meintlichen Mahnung. Sobald Hans ihn nicht brauchte, 
ging Rolf aus, oft für viele Stunden, während der Junge 
bei der Mutter oder bei den Verwandten war. Er schützte 
Besorgungen, Besuche bei alten Bekannten und Freun 
den vor. 
Helene hatte nie gewußt, daß Köhne so viele Be 
ziehungen in Berlin hatte. Sie hatte ihn vielmehr völlig 
gegenteilig verstanden. Aber sie sagte nichts darüber. Daß 
sie selbst die Veranlassung gegeben haben könnte, daß 
Köhne sie mied, kam ihr nicht in den Sinn. 
Was sie dazu getrieben, Rolf an jenem ersten Abend 
nicht zu begrüßen, war ein so keusches Empfinden ge 
wesen, daß sie es sich selbst kaum einzugestehen wagte. 
Ihr war gewesen, als habe sie einen Raub an seinem 
Innersten begangen, da sie das kleine Blatt mit dem 
mondbeschienenen Tannengang in der Hand gehalten hatte. 
Als ob sie dieser unbeabsichtigten Indiskretion sich schämen 
müßte I — 
Am Nachmittag vor der Abreise hatte Frau von Lersch 
ihre Schwester lind ihren Neffen zum Five u’clock zu sich
        
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