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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

zu lassen. DaS Ist unerhört. Ich habe mich gegen den 
Antrag ausgesprochen, weil ich hoffte, eS werde sich noch 
eine Brücke finden lassen. Wenn man aber wünscht, dass 
der neue Ausschuß die Sache in die Hand nimmt, so stehe 
ich nicht an, auch für den Antrag einzutreten. Ich bitte^dann 
den damaligen Ausschuß wiederzuwählen. G.-B. Kalk 
brenner: Er verzichte auf alles einzugehen, er möchte nur 
protestieren gegen einzelne Ausdrücke, die ihm nicht zukommen. 
Tr habe hier fein Recht, sich zu verteidigen. Er habe 
erklärt, unter welchen Berhältniflen die Aeußerung gefallen 
fei, er habe erklärt, daß er fehl vorsichtig fein werde, wo 
er weiß, daß solche Aeußerungen in der Gemeinde vor 
getragen werden, und daß er solche Aeußerungen nicht 
wiederholen werde. Ts ist allgemein parlamentarischer 
Brauch, dem Betreffenden, den man angreifen will, vorher 
davon Mitteilung zu machen. (Zuruf: Machen Sie auch 
nicht.) DaS habe man unterlassen/ ES ist nicht richtig, 
daß ec mit besonderer Berve die Sache heute hier vorge 
tragen habe. Tr habe nur gesagt, in welcher Aufregung 
sich der Ausschuß befunden. Andere Ausführungen habe 
er nicht gemacht. Bürgermeister Walger erklärt, daß der 
Borstand die Frage heute nicht vorbereitet habe, wie Herr 
Kalkbrenner meint. Der Borstand habe ausdrücklich be. 
schlossen, keinerlei Anträge zu stellen und nicht- vorzubringen. 
Schöffe v. Wrochem kann nur unterschreiben, was der 
Herr Bürgermeister gesagt habe. Er habe noch persönlich 
etwas zu erwidern. Nicht er, sondern Herr Kalkbrrnner 
habe die Schärfe hineingebracht, der den Ausdruck „stegel- 
haft" gebraucht hatte. Daß man im Ausschuß aufgeregt 
war, habe er nicht gesagt, er habe nur gesprochen von auf- 
gebracht. Bon aufgeregt und aufgebracht ist in ein weiter 
Weg. Herr Kalkbrenner sagte, eS wäre parlamentarischer 
Brauch, demjenigen, den man angreifen wolle, davon Mit 
teilung zu machen. TS ist schon gesagt worden, daß Herr 
Kalkbrenner diesem Brauche auch nicht huldige und bei der 
LtatSberatung auch die Jugendpflege angeschnitten habe. Tr 
mußte dem Borstand pflichtgemäß Kenntnis geben, was 
vorgefallen war in der Sitzung. Herr Kalkbrenner habe 
aber auch bei der EtatSberatung Aussprüche wiedergegeben, 
die er (v. Wrochem) in einer AuSschußsttzung gemacht habe. 
Im übrigen sei wohlgenug verhandelt. G.-B. Kalkbrenner: 
Der Herr Bürgermeister hat erklärt, daß der Gemeinde- 
Borstand nicht die Absicht hatte, die Sache vorzubringen; 
warum habe er dann nicht an dieser Absicht festgehalten? 
Warum habe man den von Herrn Schultz angeführten Fall 
des Lehrers abgelegt und habe an dessen Stelle den Fall 
Kalkbrenner vorgebracht? Herr v., Wrochem sagte, er hätte 
nicht von aufgeregt, sondern von aufgebracht gesprochen. 
Nun, den Unterschied werden kaum Juristen herausfinden. 
Herr o. Wrochem sagte, er stelbst hätteauch nicht Nachricht 
gegeben, als er bei der EtatSberatung über die Jugendpflege 
sprach. DaS stimmt nicht, der Gemeindevorstand wußte, 
daß er die Angelegenheit vorbringen werde. Der Gemeinde 
vorstand war da benachrichtigt. Wenn man nun nochmals 
künstlich betont, das wäre nicht so, so merkt man doch die 
Absicht. Ec habe gesagt, unter welchen inneren und äußeren 
Derhältnissen und unter welchen Gemütsstimmungen er 
den.,Ausdruck gebraucht chabe und daß er ihn unter anderen 
Umständen nicht gebraucht hätte. ES wurde gesagt, daß 
eine gerichtliche Klage gegen ihn angestrengt werden soll. 
Er möchte darauf Hinweisen, daß er sehr wohl der Gemeinde 
auch Dienste geleistet habe. ES wurde vorhin erst von Herrn 
Ott betont, wie er bet der Prüfung der Gemeinderechnungen 
mitgearbeitet hätte. Wenn nun mal derartiges vorkommt, 
brauche man auch nicht gleich nach dem Buchstaben de« 
Gesetzes vorgehen. Da könnten sehr leicht alle mit dem 
Strafrichter in Berührung kommen. Tr nehme garnicht 
Anstand zu bedauern, daß dies in die Oeffentlichkeit 
gebracht wurde. Wenn er etwas über Personen zu sagen 
habe, so brauche er nicht in geschlossene AuSschußsitzungen 
zu gehen, er spreche auch öffentlich seine Meinung aus. 
Er hätte sich auch anders äußern können. eS gibt auch 
andere Ausdrücke, die nicht gleich beleidigen. Wenn er 
gewußt hätte, daß man so empfindlich sei, hätte er auch 
einen anderen Ausdruck gewählt. Ec könne a!S Eindruck 
der Versammlung die Mißstimmung darüber mitteilen, daß 
Herrn Rektor Kaul kein Wort drS Danke« gesagt wurde. 
Bürgermeister Walger: Nachdem Her-Kalkbrenner gesagt 
hat, er hätte den Ausdruck nicht gebraucht, wenn er gewußt 
hätte, daß er an die Ocffenllichkeit kommen würde, so 
nehme er daraus, daß Herr Kalkbrenner Frieden wünscht. 
Er kann aber diese Erklärung nicht als genügend aner 
kennen. Wenn Herr Kalkbrenner hier öffentlich erklärt, 
daß er bedauert, den Ausdruck gebraucht zu haben 
und ihn zurücknimmt, ohne jeden Zusatz, so liegt 
darin die Anerkennung seine« Unrechter und liegt in dem 
Bedauern die Entschuldigung. Dann werden wir den 
Strafantrag zurückziehen. Will das Herr Kalkbrenner, 
so ist eS gut. G.-B. Kalkbrenner: Für mich als Beamter 
ist eS eine schwierige Sache, wenn ich mit Gerichtssachen 
zu tun bekomme und ä conto dessen bin ich bereit, die 
Erklärung abzugeben und um Entschuldigung zu bitten. 
Ich erkläre klipp und klar, daß ich bedaure. den Ausdruck 
gebraucht zu haben und freue mich, ihn zurücknehmen 
zu können. Ich spreche daS gern avS und bin Ihnen 
dankbar, daß Cie mir entgegenkommen. Bürgermeister 
Walger: Nachdem Herr Kalkbrenner gesagt hat, daß ihm 
ein Zusammentreffen mit den Gerichten als Beamter nicht 
angenehm sein kann und ä conto dessen gebe er die Er- 
klärung ab, hat er die gestellte Bedingung: ohne jeden 
Zusatz, nicht erfüllt. Wir gehen weiter. T. - B. 
Kalkbrenner: Diese Absicht lag mir fern, ich erkläre, 
waS gefordert wird: Ich bedauere, den Ausdruck 
gebraucht zu haben und bitte um Entschuldigung! 
Bürgermeister Walger: Wir können unS freuen, daß die 
Sache nun friedlich erledigt ist und ich nehme die Er- 
klärung der Herrn Kalkbrenner dankbar an. G.-B. 
Schultz erklärt, daß er selbst die Sache ohne Anregung 
vom Gemeindevorstand vorgebracht habe. Tr habe von der 
Mißstimmung gehört und habe, um die Jugendpflege nicht 
ruhen zu lassen, den Antrag gestellt. — Tr wird nun 
noch darüber gesprochen, ob man den Ausschuß nicht noch 
erweitern wolle. Man einigt sich dahin, daß dem Aus 
schuß daS Recht der Zuwahl zustehen soll. AlSdann wird 
der Ausschuß iür Jugendpflege eingesetzt und werden in 
ihm folgende Herren gewählt: Schössen v. Wrochem. 
Lichlheim, G.-B. Eggert, FranzeliuS. Heise, Kunow. 
Lehment, Sachs, Dr. Tänzler und als BUrgervertrrter 
Geh. Hofrat Fehler, Pastor Better, Rektor Schildberg, 
Oberlehrer Nägele und Lehrer Kühn. 
G.-B. Kalkbrenner lehnt nochmals die Wahl im 
RechnungSprüfungSauSschuß ab, er habe dazu in diesem 
Jahre keine Zeit. G.-B. Ott meint, daß dann eine Neu 
wahl nicht erforderlich sei, er werde für dieses Jrhr 
die Arbeit für Herrn Kalkbrenner noch mit übernehmen. 
(Bravo.) 
Schöffe Bache bittet, für die Schulkinderfpeisung 
einen Ausschuß einzusltzen, bestehend aus dem Rektor, den 
beiden HauShaltSlehrerinnen, Herrn G.-B. Sachs und zwei 
Damen aus der Bürgerschaft, die noch auszuwählen wären. 
Dieser Ausschuß wird gewählt. 
Die auS Anlaß der Jahrhundertfeier entstandenen 
Mehrkosten im Betrage von 176,25 M. werden bewilligt. 
Der Antrag, dar neuerworbene Gemeindegrundstäck 
Laubacherstr. 13 zur Hälfte an Herrn Architekt Graßmann 
zu vermieten, wird vorläufig zurückgezogen, da erst auf 
Vorschlag deS Schöffen Draeger nachgeprüft werden soll, 
wie wett die Gemeinde selbst jdaS Grundstück zur Unter 
bringung der in der Rheinstraße freiwerdenden Bordschwellen 
benötigt. 
Baurat Altmann berichtet über die Beilegung der 
Niedstraße vor dem Rathausgrundstück. Für Stampf 
asphalt sind 12 500 M., für Gußasphalt 9000 M. er- 
forderlich. Der BauauSschuß schlägt die Ausführung in 
Gußasphalt zu. ES gehen von dem Betrage noch etwa 
1000 M. ab für Bordschwellen, die man auS der Nhrin- 
straße herausbekomme. Die Gemeindevertretung stimmt 
dem Antrage zu. 
Baurat Altmann teilt ferner daS Ergebnis der Aus 
schreibung für den Bauzaun deS RathauSgrundstückS mit, 
worüber wir schon berichtet haben. Er schlägt vor, den 
Zuschlag für die Aufführung eines gehobelten Zaunes der 
Firma Mazellter-Friedenau für 1240 M. zu übertragen. 
Dem wird zugestimmt. 
Bei Anlegung von Nasenstreifen auf dem Straßen- 
bahnkörper in der Rheinstraße verweist Schöffe Lichtheim 
auf die eingehende Vorlage. Die Kosten würden ins 
gesamt 18 596 M. betragen. Hierzu leistet aber dir 
Straßenbahngesellschaft einen Zuschuß von 9420 M. Ferner 
beträgt der Wert der Bordschwellen, die hinauskommen, 
7908 M., sodaß die eigentlichen Kosten 1500—2000 M. 
ausmachen. Schöffe Draeger wünscht, daß nochmal« der 
BauauSschuß gefragt werde, da er statt der Rillen, eine 
andere billigere Ausführung in Vorschlag bringen möchte. 
Schöffe Lichtheim bittet, dann aber heute grundsätzlich zu 
beschließen und die nähere Ausführung dem BauauSschuß 
unter Hinzuziehung deS GartenbauauSschusseS zu über- 
lassen. Die Gemeindevertretung beschließt in diesem Sinne. 
Ueber die Errichtung einer Stiftung auS Anlaß deS 
RegterungSjubtläumS des Kaisers berichtet Bürger 
meister Walger, daß man aus Anlaß des RegierungS. 
jubiläumS eine Stiftung errichten wolle, aus der künftige 
Geschlechter Nutzen und Freude haben sollen. Eine solche 
Stiftung liege ja auch im Sinne deS Kaisers, der perfö r- 
liche Geschenke abgelehnt habe. Er möchte vorschlagen, 
die Stiftung für den Zweig, der in der Neuzeit von d-r 
Regierung bevorzugt werde, für die Jugendpflege zu be- 
stilnmen. 25 000 M. halte er für unsere Verhältnisse für 
angemessen. Die Zinsen dieser Kapitals sollen also für 
die Jugendpflege verwendet werden. ES wird nach dem 
Antrage ohne Erörterung beschlossen. 
Unter „Kleine Anfragen', fragt G.-B. Finke, ob H rr 
Baurat Altmann Auskunft geben könnte über die Risse, 
die sich in der Decke der Turnhalle des Realgymnasiums 
gezeigt hätten. ES hätten dort Träger gestützt werden 
müssen. Ob die Turnhalle benutzt werden könnte? Baurat 
Altmann erwidert, daß man Über die Ursache noch nicht 
ganz klar sei. Man stelle da noch Untersuchungen an und 
habe Herrn Siegmund Müller von der Technischen Hoch 
schule mit herangezogen. ES ist die Eisenbetonkonstruktion 
noch nicht genau ergründet. Eine Gefahr bestehe nicht. 
Doch werde man die Aula und Turnhalle einige Wochen 
sperren, um in aller Ruhe die Prüfungen und Aus 
besserungen vorzunehmen. Die Risse sind nicht neu und 
eS haben sich keine Folgen gezeigt, obwohl die Aula schon 
wieder benutzt wurde. 
G.-V. Kalkbrenner wünscht, daß über die Jahres 
berichte der Höheren Schulen und über den DerwaltungS- 
bericht in einer der nächsten Sitzungen eine Besprechung 
stattfindet. Es gäbe da doch mancher zu erwähnen. 
Bürgermeister Walger ist damit einverstanden, bittet aber, 
die einzelnen Punkte, über die gesprochen werden soll, 
schon vorher kurz dem Gemeindevorstand schriftlich anzu 
zeigen, damit er in der Lage ist. Auskunft zu erteilen. 
Die öffentliche Sitzung wird darauf nach Verlesung 
und Unterzeichnung de» Protokolls gegen 8 / 4 ll Uhr ge 
schlossen. ES folgt eine geheime Sitzung. 
Die bunte Mocke 
Plauderei für den „Jriedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 4. April. 
Berliner Telephonschmerzen. — Die Telephon-Verzweiflung. — 
Falsche Verbindungen. — Die Juwelen derFrauWolfWertheiin. — 
Die neueste Sensation der „Truth". 
In Berlin ist jedem unbescholtenen Staatsbürger reichlich Ge 
legenheit geboten, sich langsam aber gründlich zu Tode ärgern zu 
können. 
Man braucht nur viel und oft zu telephonieren, um dieses 
Ziel zu erreichen. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß alle ge 
mütskranken und gelbsüchtigen Berliner ihre Leiden lediglich durch 
das Telephon erwischt haben; denn das sanfteste Lamni kann hier 
in die heftigsten Gemütserregungen verfallen. 
Das Fernsprechnetz der Stadt Berlin ist in verschiedene 
Bezirke eingeteilt, die ihren Namen nach dem betreffenden Stadtteil 
erhalten haben: Zentrum,Norden,Königsstadt, Moritzplatz, Pfalzburg,' 
Kurfürst usw. , y . 
Ist der gewünschte Teilnehmer an eine andere Vermitteluugs- 
anstalt angeschlossen, so nennt der rufende Teilnehmer zunächst nur 
die andere Bermittelnnqsanstalt, z. B.: „Amt Norden". Ter Be-i 
amte wiederholt die Angabe und ruft. Nachdem Ami Norden sich 
gemeldet hat, nennt der Teilnehmer — der mit dem Fernhörer 
ain Ohr diese Meldung abwartet — die Nummer des gewünschten 
Anschlusses, der Beamte wiederholt sie und verbindet — falsch. 
Vorschriftsmäßig muß man nun selbst nach einer falschen 
Verbindung 8 Minuten warten, und dann kann der Tanz von 
Neuem beginnen. 
Mittlerweile steht das Opfer aber schon mit hochrotem Kopf 
in der Telephon-Zelle, wird nervös, tritt von einem auf das andere 
Bein, fängt an zu schünpfen und ehe der Himmel ein Einsehen 
hat, ist die zweite falsche Verbindung hergestellt. 
Ich weiß ganz genau, weshalb die Berliner Fernsprechzellen 
ganz besonders stark gepolstert sind. Ich habe selbst schon nach 
weislich 8 und 9 Minuten auf eine Verbindung gewartet, wobei 
zu bemerken ist, daß ich seit langen Jahren in der Presse tätig bin. 
Das heißt soviel, daß man Nerven wie ein Zebu hat und daß 
man sich die größte Praxis in der Behandlung der Telephondamen 
aneignen konnte. Allxrdings hat jeder andere Hilfsmittel, um sich 
vor der sonst sicheren Verzweiflung zu schützen; genau wie jeder 
Mensch ein besonderes Mittel gegen Rheumatismus und ein selbst 
zurecht gelegtes System in der Behandlung von Dienstboten hat, 
das er natürlich für das beste hält. 
Ich werde immer liebenswürdiger. 
„Fräulein, ich wollte doch Nollendors 2618, achtzeh'.n". „Damit 
sind Sie ja verbunden." „Liebes Fräulein, Sie haben mich aber 
mit Nollendors 2680, achtzig verbunden. Das ist doch die Hoch- 
bahugesellschaft, und mit der habe ich doch garuichts zu tun." 
„Ich werde rufen." 
Jetzt meldet sich ein BeerdigungSgeschäft, mit dem ich erst recht 
nichts zu tun haben will. Es ist vielleicht ganz sinnreich gedacht, 
uns im Telephonverkehr ab und zu solche Firmen vor Augen zu 
führen, damit mau sich gleich begraben lassen kann 
Jetzt krampfe ich den Hörer mit der linken Hand und balle 
die Rechte zu einer drohenden Faust. Dazu flöte ich in den süßesten 
Tönen, wie Borneo, in: zweiten Aufzug, 2. Szene, als er sagt: 
„Horch! 
Sie spricht. O, sprich noch einmal, holder Engel!" 
Ja, so schmelzend spreche ich: 
„Aber mein liebes, bestes Fräulein, ich war wieder falsch 
verbunden." 
Und ich lächle ganz giftig liebenswürdig dabei 
Den „holden Engel" mutz ich mir leider schenken, da unsere 
Berliner Telephondamen sehr leicht verletzt sind. 
Es ist ja auch schließlich verständlich, daß sie nervös werden. 
Die Schuld an dem einer Millionenstadt unwürdigen Zu 
stand liegt doch nur an den mangelhaften technischen Einrichtungen 
und an dem anscheinend verfehlten, vielleicht zu billigen, System! 
Aber die Aermsten, die so wenig Freude in ihrem furchtbar mecha 
nischen Beruf erleben, werden dafür verantwortlich gemacht. Alle 
Welt schimpft auf sie ein, und nicht bei allen Menschen steigt die 
Liebenswürdigkeit proportional mit dem Gefühl der Verzweiflung. 
Nicht allen geht es auch so, wie dem temperamentvollen Chef 
redakteur eines der größten Blätter Berlins, der heute Morgen, 
während der Rednttionskonferenz, seiner Telephonoerzweislung durch 
die etivas erregte Frage Luft machte: 
„Fräulein! Zum zweiten Mal falsch verbunden! Bin ich denn 
Ihr Affe?" 
Woraus „Fräulein Amt" ganz ruhig erwiderte: 
„Das weiß ich ja nicht; ich kenne Sie ja nicht!" 
Nicht immer hat man mit dem Telefon solchen Aerger. Man 
erlebt auch manchmal tiefe, zu Herzen gehende Freuden. 
So habe ich im Augenblick durch den Fernsprecher erfahren, 
daß Frau Wolfs Wertheim ihren Ersatzanspruch gegen die 
Deutsche Transport-Versicherungsgesellschaft zurückge 
zogen hat. 
Das ist gewiß an sich so belanglos, als ob ich die erschütternde 
Tatsache melde, daß meine Tante Amalie ihr Gebiß aus Versehen 
im Traume hinuntergeschluckt hat, woraus sie, »ach einem alten 
Hausmittel, sofort drei Suppenteller Kartoffelbrei zu sich nahm. . . 
Aber die Angelegenheit üer.Frau-.Wertheim hat doch öffent 
liches Interesse. Das mag aus dem Tatbestand, der nur 
Wenigen bekannt ist, hervorgehen. Fx^u,Wplf Wertheiux, die durch 
ihre Tochter Dolly, durch ihre Momäne und durch oen Gräfin 
Metternich ohne Frage zu einer europäischen Berühmtheit geworden 
ist, hat vor etiva 3 Wochen (!) ihrL Juwelen bei der genannten 
Gesellschaft in Höhe von 350 000 Mark versichert. 
Diese Tage reiste sie nach Rom. Wollte, als Schriftstellerin, 
sicher auf Goethes Spuren wandeln. Bedauerlich ist, daß ihr bei 
diesem Bestreben ihre gesamten Juwelen gestohlen wurden. Sie 
meldete den Diebstahl ganz sormgerecht und machte die Gesellschaft 
für die nette Sunime von 350 000 Mark haftbar. 
Tie römische Polizei schenkte, das ist erweislich wahr, der Ver- 
lustmelduug keinen Glauben und nahm Frau Wertheim im Beisein 
eines Direktors der Gesellschaft in ein strenges, mehrere Stunden 
währendes, Verhör. 
Im Laufe dieser Verhandlung gab Frau Wertheim klein bei. 
Sie setzte den Wert der gestohlenen Juwelen auf 180 000 Mark 
herab. So etwa 60"/^, wie es bei solchen Geschäftchen üblich ist. 
Zuletzt fühlte sie sich bewogen, ihre Ersatzansprüche gegen die 
Gesellschaft überhaupt fallen zu lassen. 
Ehe die Akten über diesen neuesten Fall der interessanten Dame 
nicht vorliegen, muß man sich des weiteren Urteils enthalten. Man 
kaun aber, nach Lage der Dinge, schon jetzt wehmütig in die Saiten 
greifen und in Anlehnung an einen gewissen Herrn Heinrich Heine — 
plagiatur et altera pars — die stimmungsvollen Strophen zupfen: 
Du hast Diamanten und Perlen, 
hast alles, was Menschenbegehr. . . 
Du hast Romane geschrieben, — 
mein Trudchen, was ivillst Tu noch mehr! 
Auf all Dein Tun und Lieben 
hat man ein ganzes Heer 
von Leitartikeln geschrieben . . . 
Mein Trudchen, ivas willst Du noch mehr: 
Jetzt machen Dir Deine Juwelen 
Tein weites Herze schwer. 
Tu hast sie zu hoch versichert . . . 
Hier, Trudchen, wolltest Dü mehr! 
Man nahm Dich unter sechs Augen 
eindringlich ins Verhör. . . 
Ta wurdest Du weich, wie Butter! 
Mein Trudchen, was willst Du noch mehr! 
Jetzt schleichst Du ohne Perlen 
durchs Jammertal einher . . . 
Du selber bist eine Perle! 
Mein Trudchen, was ivillst Tu noch mehr! 
_ Frau Werthen», die vor 7 Jahren in Berliit eine Zeitschrift 
„Spitzen" herausgegeben hat, in der alle ihr Mißfälligen ihr redlich 
Teil abbekamen, wird mir meine Verse verzeihen. Genau so, wie 
ihr viel vergeben werden wird. 
Aber es berührt doch immer peinlich, wenn solche Damen sich 
nicht in ganz taktvoller Art in das große Land des Schweigens 
zurückziehen. Wenn sie nicht so tun, als seien sie längst gestorben. 
Tie „Spitzen" der Frau Wertheim haben seiner Zeit manchem 
wehe getan. WaS die temperamentvolle Dame damals unter dem 
Namen „Truth" geschrieben hat, wirkt heute noch im Berliner 
Tiergartenviertel nach. Noch heute dainpfen die üblen Fettnäpfchen, 
in die sie mit ihren Spitzen hineingestochen hat. 
Jetzt verbietet Herr von Jagow das öffentliche Hervorkehren 
von „Spitzen" auf den Hüten unserer Damen. Ja, noch mehr: 
Er hat eine drakonische Bekanntmachung verordnet, daß jede Dame, 
die ohne Hutnadelschützer die Augen der Zeitgenossen in Gesahr 
bringt, mit einer Geldstrafe bis zu 60 Mark bedacht werden 
soll. Am 15. Llpril tritt diese neue Verordnung schon in Kraft, 
Hätte er damals schon für die „Spitzen" der Frau Wertheim 
eine Verbotsformel gefunden, dann hätten die Sippen und Magen 
des Berliner Westens jetzt nicht die hämische Freude, daß ihre 
große Sibylle die angeblich gestohlenen Brillanten nicht ersetzt 
bekommt. Heinrich Binder«
        
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