Path:
Periodical volume Nr. 80, 06.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

zeit die Hauptsache ist, muh man im allgemeinen 
die bessere Kost, dann die abwechselungsreichen für Körper, 
Geist und Gemüt vorteilhaften Beschäftigungen in der 
Familie in Betracht ziehen, während eine Fabrikarbeiterin 
Tag iür Tag eine gcissiötende und neroenanftrengende. 
maschinenmäßige Beschäftigung hat. Darum: Dienst 
mädchen kennt man fast nur mit frischem Aussehen und 
heiterem Gemüt, Fabrikmädchcn dagegen mit bleichem 
Gesicht und abgelebten Zügen. Dazu kommt von be 
sonderem Wert, daß daS Dienstmädchen in allen häus 
lichen Arbeiten erfahren wird, waS sie befähigt, einstmals 
ihren Hauptberuf, den als Mutter und Hausfrau, zu er- 
füllen. Wie oft gibt nicht bei vielen Ehen das den ersten 
Anstoß deS Aergernisses, daß die Frau nichts von der 
nötigen häuslichen Tätigkeit versteht. Von nicht minderem 
Werte ist ferner die Gewöhnung an die Häuslichkeit. Ist 
daS Fabrikmädchen an tägliches Ausgehen gewöhnt, so 
will «S dieses auch später nicht missen. So hat da? 
Familienleben für Mädchen nicht nur moralischen Gewinn, 
sondern der pekuniäre bringt später reichlich ein, waS etwa 
im Anfang geringer erscheint. 
o Unsere Brandwache wird in den Sommer 
monaten des Sonntags wieder verstärkt. ES werden 
jeden Sonntag 1 Brandmeister oder Feldwebel und acht 
Mann anwesend sein. Die Kosten trägt der Feuerlösch- 
oercin. Er ist begrüßenswert, daß der Feueilöschv.rein 
diese Kosten aufwendet, um unseren Mitbürgern an den 
Sonntagen, wo sie sich auf Ausflügen befinden, die Ruhr 
zu geben, daß im Falle eines Feuers für schnelle Lösch- 
hilfe gesorgt ist. 
o Die liberalen LandtagSkaudidaten. Wie wir 
erfahren, hat sich Herr Pfarrer Traub gestern bereit 
erklärt, wieder für die vereinigten Liberalen in unserm 
Landtagswahlkceise zu kandidieren. Der zweite liberale 
Kandidat für die bevorstehende LandtagSwahl ist Herr Amts- 
gerichtSrat Liepmann (nall.) 
o Unsere angehenden ABC»Tchützen sind jetzt 
voll Eifer für die neue, noch so ungewohnte Tätigkeit. 
Der Eintritt in die Schule ist der erste ernste Abschnitt 
im sorgenlosen Lrbrn der Kindheit. Militärisch mit 
Tornister bepackt sieht man die »Schulneulinge" mit ernster 
Miene an der Hand der Mutter dem großen, fremden Ge 
bäude zuwandern, zum erstenmale den Anforderungen 
deS Staates nachkommend. Der kleine Rekrut fühlt in- 
flinktio, daß er einen besonderen Gang tut, und manches 
Elternherz ist besorgt dabei, denn es ist nicht gleichgültig, 
wie der künftige Staatsbürger, der später sein eigener 
Fortkommen finden soll, sich zum Lernen anstellt in unserer 
Zeit, da mit vielen Ansprüchen an daS Wissen und Können 
bei jedem herangetreten wird. Allein die Erfahrung lehrt, 
daß bei weitem die meisten Kinder den Ansprüchen der 
Schule gerecht werden. Und die modernen Einrichtungen 
derselben, die Vervollkommnung der Methoden, die neuere 
Berücksichtigung alles Praktischen bereiten die Kinder ge- 
wiß genügend für das spätere Leben vor. Bei nur einiger 
maßen gutem Willen wird dem kleinen Anfänger im 
Studierrn.die Arbeit nicht so . schwer, .nur sst..rk.Sache.-er 
Eltern, nicht etwa unvernünftiger Weise Furcht zu erzeugen. 
o Ueber die Austrocknung der Grunewaldseen 
äußerte auf der letzten Sitzung bei ZweigvereinS der 
Deutschen Meteorologischen Gesellschaft Dr. Hennig eine 
neue Ansicht. Ec hält daS Sinken der Grunewaldseen- 
sptegel überhaupt für keine örtlich begrenzte Erscheinung, 
sondern nur für einen „Ausschnitt aus der großen Tragödie: 
Die Austrocknung der Ecde", womit er das allmähliche 
Entweichen allen Wassers aus dem festen Lande inS Meer 
meinte. Schuld daran sei im großen Maße die Ver 
schwendung, die heutzutage mit dem Trundwasser getrieben 
werde, das zum großen Teile nicht wieder dem Erdreich 
zufließe, sondern in die Ströme und damit zum Meere ge 
leitet werde. Die Wass rverschwendung der modernen 
Industriestaaten werde dereinst ebenso beurteilt werden 
wie die Waldoerwüstungen früherer Zeiten! Ju d-n Aus 
führungen deS Redners war die eigentliche Grunewaldseen- 
frag« die Nebensache, und auch in der Aussprache kam 
——i im in 1111 in 
man nur nebenbei auf ste zu sprechen. Erwähnt sei noch, 
daß Dr. Hennig meinte, daß, wenn daS Schwinden der 
Grunewaldseen durch Sinken deS GrundwassrrS verursacht 
werde, daS Aufpumpen keinen Zweck habe; rS käme auf 
eine „Danaidenaideti" hinaus! 
o Humboldt-Akademie. Auf Wunsch vieler Höcer 
wird Herr Dozein G Sacerdote in der Lehistälte Friede- 
nau der Humboldt - Akademie, Königin - Luise - Schule, 
Goßlerstr. 14, am Sonnabend, von 6—7^ Uhr abends, 
Beginn 12. Aplil, einen Kursus über „Jtoltenische Gram 
matik und Konversation" abhalten. Dieser Kursus, welcher 
bet den Teilnehmern einige Kenntnisse des Italienischen 
voraussetzt, bezweckt, den mündlichen Gebrauch der italie 
nischen Sprache zu üben, in die Grnndzüge der Grammatik 
einzuführen und da« Verständnis leichter Lektüre anzu- 
bahnen. ES wird benutzt G. Sacerdotes Italienische Kon 
versations-Grammatik, 1. Teil (Langenscheidtsche Verlags 
buchhandlung Berlin-Schöneberg). Der Kursus kann nur 
stattfinden, wenn sich 15 Hörer melden. Der erste Unter 
richt ist am Sonnabend, dem 12. April 6—7 1 / 2 Uhr. 
Karten sind bei Werihelm, Friedenau, Schmargendorser- 
straße 36, bei dem Schuldiener der Königin-Lutse-Schule. 
Goßlerstr 14, und im Hauptbüro, Kursürstenstr. 1661, 
Telefon 8794, auch gegen Einsendung deS Betrages dort 
hin, erhältlich. 
o Deutscher Technikerverbaud. Am Donnerstag, 
dem 3. April fand im Restaurant ,Zur Kaisereiche" eine 
gutbesuchte Versammlung deS Deutschen TechntkeroerbandeS 
statt, in welcher Kollege Reitelbach daS Referat über 
nommen hatte. Der Redner behandelte daS Thema: .Der 
Reichstag und die Konkurrenzklausel* anhand deS Bürger- 
lichen Gesetzbuches, deS Handelsgesetzbuches und der Ge 
werbeordnung. Seine Ausführungen, welche nachzuweisen 
suchten, daß unter den heutigen Verhältnissen der eigent 
liche Zw-ck der Konkurrenzklausel völlig illusorisch ist, fanden 
reichen Beisall. Eine Resolution, in welcher zum AuS- 
druck gebracht wurde, daß die Konkurrenzklausel völlig be 
seitig! werden oder doch wenigstens die günstigen Be 
stimmungen des Handelsgesetzbuches auch auf die Techniker 
übertragen werden möchten, wurde angenommen. 
o Der dritte FerienknrsuS über Volkswirtschaft, 
staatsbürgerliche Fortbildung und Redekunst, 
veranstaltet vom Bund Deutscher Bodenreform« und vom 
Reichsverband deutscher Städte findet vom 13. bis 18. Mat 
1913 (Pfingstwoche) in der Landwirtschaftlichen Hochschule, 
Berlin N., JnoalidenStraße 42 statt. Der FerirnkursuS 1911 
war von 300 Personen aus 96 Orten und der FerienknrsuS 
1012 von 561 Personen auS 199 Orten Deutschlands 
und Oesterreichs besucht. ES nahmen Bertreter aller Berufe 
teil: Beamte, Studenten Oberlehrer, Lehrer, Ingenieure, 
Kaufleute, Redakteure, Vertreter von Gewerkschaften und 
Genossenschaflen, höhere VerwaltungLbeamte, Vertreter von 
Gemeinden. Die Borträge werden durchaus gemein 
verständlich sein. Dein neutralen Charakler deS Bundes 
Deutscher Bodenformer und deS ReichSverbandeS Deutscher 
Städte entsprechend, bleiben alle parteipolitischen und 
.religiösen Fragen anLg«sch!osstu,^,^ D)e, Vprt^ige.,.fv^^n 
Bor- und Nachmittags statt. Ferner sind Bestchligungen 
unter sachkundiger Führung und zwanglose gesellschaii- 
liche Veranstaltungen vorgesehen. Damen und Herr n 
haben Zutritt. Die Mugliedcr dts Bundes Deutscher 
Bodenrefoimer, die Mitglieder der dem Bunde körper 
schaftlich angeschlossene Vereine und die Mitglieder d-8 
ReichkverbandcS Deutscher Städte zahlen nur eine ein 
malige Einschreibgebühr von 5 Mark. Andere Hörer lösen 
für drn ganzen Kursus eine Hörerkarte für 10 M. Die 
Einlaßkarten werden gegen Voreinsendung de« Betrages 
oder unter Nachnahme versandt. Anmeldungen und Geik- 
scndungen sind an den Bund Deutscher Bodenreformer, 
Berlin NW- 23, Lessiugstr. 11, dir spätestens Ende Ap u 
zu richte::. 
o Der Vaterländische Frauenverrin zu Frie 
denau veraujlaltkt am 19 Ap il eines seiner bekannter, 
vornehmen W hliätigkeilsieste. Ee findet im großen Fest 
saal des GesellschafishauseS des Westens, Schönebrrg, Haupt- 
Polizeiwachtmeister Tag und dem Polizeisergeanten Ewest, 
di« seit längerer Zeit kränklich sind, gewährt worden. Die 
Gemeinde - Vertretung bewilligte den beiden verdienten 
Beamten eine Beihilfe zur Kur 
o Abendmnrkt In der Rhringaustratz« Unsere 
Gemeindevertretung hat in ihrer letzten geheimen.Sitzung 
beschlossen, in der Rheingaustraße nun doch noch neben 
dem TageSmarkt einen Sonnabend Abendmarkt rinzurichren. 
o Zum Rendanten unserer Amts, und Ge» 
«eiudekaffe ist anstelle der verstorbenen Rendanten 
Echoen der bisherige Kassenkontrolleur Heid er bestellt 
worden. Die Gemeindevertretung hat in ihrer letzten ge 
heimen Sitzung hierzu ihr Einverständnis erklärt. Herr 
Helder steht seit dem 16. Januar 1905 im Dienst unserer 
Gemeinde. 
o Zn« RechnungSrat ernannt sind die in Friedenau 
wohnenden Geh. expedierenden Sekretäre und Kalkulatoren 
im Ministerium der össentlichenArbeiten Bernhard Trampedach 
und Otto Beeck. 
o Kostenlose Impfung als Mittel gegen die 
Ausbreitung der Diphtherie. Während der im 
vorigen Winter herrschenden Dtphtherierpidemie waren die 
städtischen Armenärzte in Berlin ermächtigt, bei Er- 
krankungen Unbemittelter an Dipthetherte entweder Schutz 
impfungen der übrigen Familienmitglieder, insbesondere 
der Kinder, mit Heilserum selbst vorzunehmen, oder diese 
Personen dem zunächst gelegenen städtischen Krankenhause 
zur kostenlosen Ausführung der Einspritzungen zu Über 
meisen. Die angestellten Beobachtungen haben gezeigt, 
daß durch eine möglichst frühzeitige Serumbehandlung der 
Erkrankten (tunlichst innerhalb der ersten 24 Stunden) und 
dt« vorbeugende Impfung der Ansteckungsgefahr aus- 
gesetzten Personen, namentlich der Kinder, außerordentlich 
günstige Erfolge erzielt werden. Die Deputation für die 
städtischen Krankenanstalten und der öffentlichen Gesund 
heitspflege hat deshalb beschlossen, die Schutzimpfungen, 
die, wie ausdrücklich betont wird, kostenlos erfolgen, auch 
in diesem Winter in allen städtischen Krankenhäusern 
wieder ausführen lassen. Es kann der Erwartung dadurch 
Ausdruck gegeben werden, daß bei ausgiebiger Benutzung 
dieser Einrichtung eS gelingt, der Ausbreitung der 
Diphtherie erfolgreich entgegenzutreten und die Sterblich- 
kritSzifler erheblich herabzusetzen. Von der Mitwirkung 
der Armen» und Schulärzte wird ausgiebiger Gebrauch ge 
macht werden, damit in allen geeigneten Fällen die in 
Betracht kommenden Personen den Krankenhäusern zur 
Serumtmmunisterung zugewiesen werden. Auch in Frie 
denau ist das Heilserum an Bedürftige kostenlos abge 
geben worden. 
o Schulentlassene Mädchen. Auch für viele 
Mädchen ist Ostern ein wichtiger Wendepunkt im Leben. 
Nicht viele können im elterlichen Hause unter nachsichtiger 
mütterlicher Anweisung und unter der wohlmeinenden Hut 
der elterlichen Liebe verbleiben oder ein Institut besuchen, 
wo ihnen immer gegen gute Bezahlung rücksichtsvolle Be 
handlung zuteil wird. Ein sehr großer Teil der Mädchen 
muß nach beendeter Schulzeit dem Elternhaus«, dpS durch 
keinen Ort mehr ersetzt wird, für immer den Rücken kehren 
und in daS Getriebe deS geschäftlichen LebenS hinaus. 
DaS Mädchen, das gewöhnlich als Kind von den Eltern 
mit besonderer Nachsicht behandelt wurde, fühlt wohl den 
Unterschied mit am meisten, um auf einmal bloß als ein 
geschäftlicher Faktor angesehen zu werden, von dem nur 
dte Leistungen, die aber meist noch gering sind, in die 
Wagschale der Wertbeurteilung fallen. Manchem fällt eS 
da schwer, einzusehen, daß der Umgang mit den Menschen 
alle- Ideale verliert, so bald der Nutzen und der Gewinn 
dte erste Frage wird. Unzweifelhaft ist eS in praktischer 
wie moralischer Hinsicht am besten, ein so unerfahrenes 
Mädchen findet möglichst starken Anhalt in einer Familie, 
wenn auch als dienende Person. So bleibt immer der 
Verkehr mir den Familienmitgliedern ein intimerer, als 
beim Eintritt in ein« Fabrik. Dahin zieht freilich der 
höhere Lohn und di« Freiheit in der arbeitslosen Zeit. 
Allein gesundheitlich. waS namentlich in der TntwickelungL- 
„<so, und nun sei brav und gehorsam. Schlaf erst 
ein halbes Stündchen, aber nicht mehr. Die Dietrich wird 
dir um vier Uhr deinen Kaffee bringen. Dann gehst 
du eine Stunde spazieren, aber nicht weniger. Um halb 
sechs darfst du dich wieder an deinen Arbeitstisch setzen, 
aber nicht früher. Um halb neun bin ich zum Abendbrot 
wieder hier." 
„Aber nicht später," fiel Reimann ihr gutlaunig in 
die Rede. „Wir wollen nach dem Abendbrot noch zwei 
Stunden arbeiten." 
Cornelie wollte ihm entschlüpfen, aber er hielt sie 
beim Aermel fest. 
„Was hast du denn wieder so Wichtiges vor, daß du 
mich der Dietrich überläßt?" 
„Englischer Nachmittag, Papa! Du kannst ganz ruhig 
sein,. ich brenne dir mit keinem Bogislaw und auch mit 
keinem Loewengard durch." 
Der Professor sah ihr lächelnd nach. „Ein Wildfang 
ist sie und ihren Kopf hat sie für sich, aber ein Pracht 
mädel ist sie doch." 
In Klein-Wlossow war das schwere Eichenholz des 
dunkelgetäfelten Eßsaals mit Weidenkätzchen und hellen 
Frühlingsblumen geschmückt. 
Die Tafel, mit kostbaren Kristallen und schwerem 
Silber bestellt, war zwischen den Geräten über und über 
mit Blumen bedeckt. 
Vor jedem Gedeck lag ein, mit zartfarbenem Bändchen 
gebundenes, verhülltes Paketchen, das Helenens Oster 
angebinde für ihre Gäste enthielt. 
Hans war durch die klare, warme Luft nach dem 
Torwärterhäuschen hinübergelaufen, um seinen alten 
Freund Mörbe zu holen. Wenn der kleine Invalide zu 
Hans' Leidwesen sich auch versteckte, sobald die Gäste 
kamen, vorher mußte er in jedem Fall die Festtafel sehen 
und den Eßsaal, den Mama eigenhändig geschmückt hatte. 
Eilfertig, die blassen Bäckchen ein wenig gerötet, zog 
Hans den Alten uni den Tisch. „Sieh mal, Mörbe, fein, 
was ? Hier, oben sitzt die Mama. Sie hat kein Paketchen 
vor sich, aber ich habe eins kür sie in der Taicke. Ein 
wunderschönes Osterei. Tante Nellie hat es mir in Berlin 
besorgt. Eine ganze Mark aus meiner Sparbüchse tostet 
es. Da, neben ihr, sitzt der Großpapa und auf der anderen 
Seite Onkel Loewengard. Mama hat gesagt, ich muß 
freundlich gegen ihn sein. Aber du weißt, ich mag ihn 
nicht, Mörbe, auch nicht, wenn er mir was Hübsches 
aus Paris mitgebracht hat." 
„Deshalb mußt du aber der Mama doch geyor>am 
sein, Hans." 
„Das sagt Herr Kühne auch!" seufzte der Junge. 
„Neben Onkel Loewengard auf der anderen Seite sitzt 
Edchen und dann Tante Nellie und dann Herr Kühne 
und dann ich, und dann kommt wieder der Großpapa." 
Mörbe sprach seine Bewunderung über die schön 
geschmückte Tafel aus. Besonders über den Osterhasen, der 
vor Hans' Platz stand und ein ganz großes, fest zu- 
gewickeltes Paket am rosa Bändchen um den Hals trug. 
„Wenn Mama erst an der Tafel sitzt, wird der Tisch 
noch einmal so schön aussehen. Sie zieht das schwarze 
Kleid an, in dem sie gemalt ist, und frische Veilchen dazu. 
Ich hab' ihr gesagt, sie solle doch lieber Hyazinthen nehmen, 
damit es ganz ähnlich ist, aber sie wollte nicht. Wenn 
nur das Bild erst da wäre! Ich denke mir das zu lustig, 
wenn die Mama so unter ihrem Bilde sitzt." 
„Warum kommt es denn nicht, Jungchen?" 
„Ich weiß es nicht, Mürbe; da ist Herr Kühne, den 
frag' du nur." 
Rolf, der soeben in den Saal trat, bezeigte scheinbar 
wenig Interesse an der Frage. Er meinte, die Ausstellung 
sei wohl noch nicht geschlossen, oder das Bild würde noch 
auf eine andere Ausstellung geschickt. Er hatte so etwas 
von München reden hören. Dann wandte er sich etwas 
hastig an den Jungen: 
„Komm, Hans. Du sollst hinübergehen in den kleinen 
Salon. Herr von Loewengard ist schon mit einem 
früheren Zuge gekommen, die Mama wünscht, daß du ihn 
begrüßt." 
Der Junge zog ein Gesicht, aber er folgte willig. 
Mörbe humpelte, so rasch er dazu imstande war, 
davon, auf einem Wege, auf dem er sicher war, niemandem 
zu begegnen, vor allem Herrn von Loewengard nichts 
Mitten im hastenden Lauf hielt er inne. Wenn er das 
noch erleben sollte, daß der Herr auf Klein-Wlossow 
würde, dann adieu Schloß und Park und Torwärterhaus. 
Dann packte er sich und feine» Stelzfuß zusammen, und 
wenn ihm das Herz darüber brechen sollte. — 
Herr von Loewengard stand am Fenster des kleinen 
Salons und sah mit sehr verstimmtem Gesicht in den 
kahlen Park hinaus. Er drehte nervös an seinem starken, 
an den Spitzen ein wenig nachgefärbten, dunklen Schnurr 
bart und fuhr mit der wohlgepflegten Hand über das 
sorgfältig frisierte, nicht mehr allzu üppige Haar. 
Unerhört, ihn, den nächsten Freund des Hauses, so 
lange warten zu lassen! Die Gnädige noch nicht in 
Toilette, der Junge wahrscheinlich wieder Gott weiß wo 
mit dem alten, einbeinigen Narren, dem Mörbe, zu 
sammensteckend. 
Da fiel ihm ein, er hatte etwas von einem neuen 
Hauslehrer läuten hören. Vermutlich einem verhungerten 
steifledernen Kandidaten. Hoffentlich bot der ein gehöriges 
Gegengewicht gegen den Einfluß des alten Stelzbeins auf 
den Knaben! Lächerlich von Helene, die Dankbarkeit so 
zu übertreiben. Jeder, der zufällig in der Nähe gewesen 
wäre, hätte den Jungen aus dem Teich herausgeholt. 
Wenigstens jeder, der nicht gerade mit dem Ansatz zu 
gichtischer Anlage behaftet war. 
Draußen hörte er Schritte. Er reckte seine noch schlanke 
Figur in dem tadellos sitzenden schwarzen Anzug mit der 
dunklen Seidcnweste. 
Es war nicht Helene, die er erwartet hatte. Ein Teil 
der Schritte verlor sich draußen wieder. Durch die Tür kam 
nur, ein wenig zögernd und linkisch, der Knabe. 
Loewengard begrüßte ihn mit oberflächlicher Freund 
lichkeit. Er zog ein Paket aus der Rocktasche, eine kleine, 
zierliche Spieluhr, die er Hans aus Paris mitgebracht 
hatte. Er fragte nach dem Ergehen des Jungen und dem 
der Mutter. 
Hans bedankte sich höflich und gab kurze Antworten. 
Sein drittes Wort war Herr Kühne. 
(Fortsetzung folgt.!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.