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Periodical volume Nr. 80, 06.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriederrauev 
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Nr. 80. 
Berlin-Friedenau, SvrliUag, den 6. April 1913. 
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Letzte Hachrichtcn 
Frankfurt a. M. Hier hat sich die Kabarett- 
künstlerin Olly Maicelli au» Wien in der vergangenen 
Nacht auf der Straße vor der Wohnung ihres Geliebten, 
eines bekannten Frankfurter Kaufmanns, rrschosien, weil 
dieser das Verhältnis mit ihr gelöst halte. 
Petersburg. Auf einem Teeabend, den der Minister 
des Auswärtigen Ssafonow den Vertretern der Duma gab, 
sprach er auch über Rußlands äußere Politik und über die 
Lage auf dem Balkan. Die Forderungen der Balkan- 
verbündeten würden, so führte Sfaionow weiter aus, 
mehr oder weniger erfüllt werden: die geringste Genugtuung 
würde Montenegro erfahren, denn eS würde Skutart nicht 
erhallen. Der Minister glaubt, daß der Streit um die 
bulgarisch-serbische Grenze noch groß« und schwere Ver- 
Wicklungen im Gefolge haben werde. 
Potsdam. In ihrer Wohnung in der Zimmerst«. 7 
wurde gestern das 53jähuge Fräulein Gertrud von Schön- 
feld eidioffclt aufgefunden, und es ist wahrscheinlich, daß 
eS sich nicht um einen Silbstmord handelt, sondern da» 
Fräulein von Schönfeld einem Verbrechen zum Opfer ge 
fallen ist 
London. König Nikolaus von Montenegro hct 
einigen englischen Berichterstattern abermals auf da» ener 
gischste versichert. daß Montenegro nnter keinen Umständen 
Cräutnende Menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
11. fltachdruck nftBoten.) 
„Du wirst schon kommen, Alterchen. Also weiter: 
Lena scheint endlich den richtigen Mann für Hans ge 
funden zu haben, einen stillen, feinen Menschen, der es 
trefflich verstehen soll, mit dem Jungen umzugehen. Lena 
schreibt: so etwas wie eine Künstlernatur." 
Der Professor schüttelte skeptisch den Kopf, das Mäd 
chen achtete nicht darauf. 
„Der Haken aber scheint, daß der junge Mensch sich 
einstweilen auf Klein-Wlossow noch nicht besonders heimisch 
zu fühlen scheint, daß er, wie Lena schreibt, über Gebühr 
scheu und zurückhaltend ist. Ich glaube, der eigentliche 
Kontrakt soll erst im April festgemacht werden." 
„Also eine Sache, die noch in der Luft schwebt. Ist 
das alles?" 
„I wo," Cornelie wurde ein wenig rot. „Edchen 
kommt auch zum Festdiner." 
„Edchen? Wer ist denn das schon wieder?" 
",Na aber, Papa! Edgar von Lersch doch, der Pots 
damer Gardeoffizicr, Lenas Neffe, den du hundertmal bei 
Lena gesehen hast." . ^ . 
Der Professor war wieder bei seinen Steinen gewesen; 
jetzt besann er sich. 
„Ich wußte nicht, daß er unter dem traulichen Kose 
namen Edchen geführt wird I" 
Cornelie wurde noch um etliche Nuancen röter und 
sah in Lenas Brief. „Ferner, Herr von Loewengard, euer 
kostbarer Loewengard, hat einen Korb Orchideen aus Paris 
geschickt, vermutlich für Lenas Geld. Zu Ostern wird er 
in selbstcianer Person zugegen sein." 
Professor Reimann sah verwundert auf seine Tochter. 
,Mas hast du nur immer auf Herrn von Loewengard 
zu sticheln?" 
„Ich kann ihn nicht ausstehen, Papa." 
„Das ist keine Antwort auf meine Frage, wenigstens 
keine logische, sachliche." 
Cornelie dielt sich die Obren zu. 
auf Skutart verzichten werde, und daß er die Stadt bereits 
zu seiner künftigen Residenz ausersthen habe. 
Zürich. Bei Bauarbeiten an der Furkabahn ober 
halb von Gletsch im Kanton WalliS wurde eine Arbeiter- 
kolonne von einer Lawine verschüttet, wobei zwei Arbeiter 
getötet und, soweit bisher bekannt, vierzehn verletzt wurden. 
Schul; gegenTuzugarmenrechllich 
Hilfsbedürftiger. 
Die Zentralstelle deS Deutschen StädtetageS hat im 
August v. I. an die Großstädte — mit Ausnahme der 
bayerischen — die Frage gerichtet, welche Maßnahmen bei 
ihnen getroffen sind, um die Stadt vor zuziehenden Per 
sonen zu schützen, die nicht hinreichende Kräfte besitzen, 
um sich und ihren nicht arbeitsfähigen Angehörigen den 
notdürftigen Unterhalt zu verschaffen, und die offenbar nur 
in der Hoffnung zuziehen, nach Ablauf der einjährigen 
Frist die Armenoerwaltung auszunutzen (8 4 des Frei- 
zügigkeitSgesrtzeS). Die Rundfrage hat, so berichten die 
M'tteilungen der Zentrale, einen neuen und besonders 
sicher erscheinenden Weg nicht ergeben. Während manche 
Städte die Resultate ausdrücklich als günstig hinstellen, 
äußern andere sich recht skeptisch; wer wolle, würde sich 
das Jahr hindurch doch über Wasser halten, dis Kosten 
ständen in keinem Verhältnis zum Erfolge usw. Einige 
Städte legen deshalb besonderes Gewicht auch nur auf da» 
Zusammenarbeiten von Armenpfleger und privater Wühl 
tätigkeit (Schaffung von Zkntralausknnftrstellen usw.) 
Dieser Weg der Zrntralisterung durch engen Zusammen 
schluß der öffentlichen und privaten Armenfürsorge dürfte 
auch noch immerhin da» brauchbarste Mittel darstellen. 
Im einzelnen war dar Ergebnis folgender: 
1. In einer Anzahl von Srädten erfolgt eine Sichtung 
der Meldungen durch die Polizei (Meldeamt) und Benach- 
richtigung der Armenverwaltung von den zweifelhaften 
Fällen. Letztere nimmt regelmäßig eine Nachprüfung vor 
zum Teil durch besondere Ermittelungsbeamte. Es sind 
dies: Barmen. Berlin - Wilmersdorf, Bochum. Caffel, 
Dresden, Duisburg, Hamborn, Neukölln, Saarbrücken, 
Stuttgart. Stettin. 
2. Eine Sichtung der Meldungen durch die Armen- 
Verwaltung selbst findet statt in: Düsseldorf, Elberfeld, 
Gelsenkirchen, Halle, Posen. 
3. Die Polizei nimmt NiederlaffungSoerhandlungen 
auf und übermittelt sie der Armenoerwaltung in Danzig, 
Königsberg, Mainz, ferner in einem Teil von Berlin- 
Lichtenbcrg (früher Boxhagen - Rummelsburg). Hannover 
hatte die König!. Polizei um NiederlaffungSverhandlungen 
„Ach, bester Popo, red' bloß nichts von Logik und 
Sachlichkeit. Nein, logisch und sachlich bin ich nicht, aber 
einen guten Riecher hab' ich, das haben die Mädel in der 
Pension schon immer gesagt. 
Wenn wo was mulmig war — deine ungeratene 
Tochter war die erste, die es weghatte." 
Der Professor machte ein ernstes Gesicht. 
„Ich halte den Mann für außerordentlich tüchtig. 
Sonst hätte Boaislam ihn auch schwerlich in seinem Testa 
ment zum Generalbevollmächtigten über die Fabrik er 
nannt." 
Cornelie saß mit aufgestützten Armen, den hübschen 
Kopf in beiden Händen, und sah aufmerksam auf ihren 
Vater. 
Nach einer kleinen Weile fragte sie wie aus der Pistole 
geschossen: 
„Weshalb hat Lena eigentlich Bogislaw geheiratet?" 
Der Professor sah sein Kind an, als ob es Chal- 
däisch rede. 
„Was meinst du, Nellie?" 
„Ich frage, warum Helene Reimann Bogislaw von 
Lersch geheiratet hat. Der Mann kann ja doch kaum 
jünger gewesen sein als du, Papa, und keinesfalls, ich habe 
zwar nur eine sehr dunkle Erinnerung an ihn, so schön 
wie du." 
Reimann sah nachdenklich und ein wenig betroffen 
vor sich hin. Er hatte sich lange nicht, vielleicht nieinals, 
so recht ernsthaft mit dieser Frage beschäftigt. Eines Tages, 
Helene mochte damals nicht viel älter gewesen sein als 
Cornelie heut, war Bogislaw von Lersch zu ihm ge 
kommen und hatte um Lenas Hand angehalten. Lena 
hatte eingewilligt. Gegen den Bewerber war nichts zu 
sagen gewesen. Er war ein Mann von bestem Ruf, mit 
Glücksgütern gesegnet, der Lena abgöttisch zu lieben schien. 
Freilich, er war weder jung noch schön gewesen, darin 
hatte Nellie recht. Dagegen in seiner bürgerlichen Stellung 
völlig unabhängig, was bei dem Professor schwer wog. 
„Sie muß ihn doch gern gehabt haben." 
„Gern vielleicht, aber lieb?" 
„Was verstehst du von Liebe," sagte der Professor 
ärgerlich und war im Begriff, da der Nachtisch bereits ver 
zehrt war, aufzustehen und in sein Zimmer hinüberzugehen. 
ersucht, ist aber von dieser auf die der Armenverwaltung 
zugehenden Meldung-nachrichten verwiesen ' worden. Von 
Bearbeitung dieses Materials ist jedoch wegen seiner Un 
zulänglichkeit Abstand genommen worden. Ebenso be 
dauert Halle, daß dort die Königl. Polizei von Nieder 
laffungSverhandlungen abgesehen hat; die Meldezettel böten 
nur einen teilweisen Ersatz. Günstig über ihre Erfolge 
und Erfahrungen sprechen sich von diesen Städten ins- 
besondere Bochum, Halle, Stettin und Stuttgart aus, 
während sich beispielsweise mehr oder weniger ungünstig 
auslasten Duisburg (.Ergebnis in keinem Verhältnis zu 
der Arbeit'), Dresden („kein bemerkbarer Erfolg"), 
Königsberg („Durchführung der Abweisung sehr schwer'), 
und insbesondere in längeren Ausführungen Posen („gegen 
solche Berhältniffe kämpfen Großstädte vergeblich an"). 
4. Nicht durch Sichtung der Meldungen usw., sondern 
durch die Tätigkeit der ZentralauSkunftSstelle für Armen 
pflege und Wohltätigkeit erreichen hauptsächlich die ge 
wünschten Erfolge Karlsruhe, Mannheim und Plauen. 
Diese Städte haben infolgedessen und wegen der zu dem 
Erfolge in keinem Verhältnis stehenden Kosten auf Ver 
einbarungen mit der Polizei verzichtet. In den beiden 
erstgenannten Städten haben außerdem die ehrenamtlichen 
Armenorgane sowie die besonderen ErmittrlungSbeamten 
ihr Augenmerk auf solche Fälle zu richten. Sehnlich haben 
Aachen, Braunschweig, BreSlau mit den Privatwohltätig- 
keitSoereinen usw. sich in Verbindung gesetzt und diese vor 
Unterstützung Neuzuziehender gewarnt. Ebenso auch 
Straßburg (ohne verbindliche Abmachungen). 
5. Ausdrücklich mitgeteilt, daß sie von einer MeldungS- 
Eichtung usw. wieder Abstand genommen haben, haben 
Köln, Frankfurt-Main und Straßburg. In Köln hatte der 
Polizeipräsident bis 1905 die NiederlaffungSverhandlungen 
der Armenoerwaltung zugesandt; wegen de» Mißver- 
hältnifseS von Arbeit und Erfolg ist seitdem aber darauf 
verzichtet worden. 
Frankfurt-Main hat bis zur UnterstützungSwohnsitz- 
nooelle gesichtet, seitdem aber, „da die bisherigen geringen 
Erfolge durch die Novelle künftig zumeist in Frage gestellt 
wurden', von jeder Maßnahme abgesehen. In Straßburg 
hat die Armenverwaltung vor Jahren den Versuch gemacht, 
auf Grund polizeilicher Meldungen den Zuzug zu kon 
trollieren, er erwies sich aber auf die Dauer praktisch als 
undurchführbar („§ 4 deS FreizügigkeitSgesetzeS ist in groß 
städtischen Verhältniffen unwirksam"). 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ei« längerer Erholungsurlaub ist dem 
„Einen Augenblick, Papa. Du darfst mir nicht bös 
sein über das, was ich dir sagen will. Es findet auf 
dich und mich auch gar keine Anwendung, denn Lena 
ist aus ganz anderem Holz geschnitten als ich, und sie 
hat die Mutter noch gekannt und liebgehabt, während ich 
in der Fremde und bei dir, ohne Mutter, als halber 
Junge aufgewachsen bin und mich sehr wohl dabei befinde." 
Nellie holte tief Atem. 
„Sieh mal, Papa, ich meine so. Die Lena hat sich 
nach Mutters Tode einsam bei dir gefühlt. Ich war ein 
kleines dummes Ding, bei der Tante und dann in der 
Pension. Wir Schwestern haben.uns kaum gekannt. Da 
kam der Bogislaw und hat sie aus der verwunschenen Hütte 
des löwenmähnigen Steinklopfers erlöst. Und wenn be 
sagter Bogislaw nicht zum Glück bald gestorben wäre, 
würde unsere Lena kreuzunglücklich geworden sein, denn 
sie hat ihn nicht liebgehabt, dabei bleib' ich, sondern bloß 
gern und mit töchterlicher Achtung." 
„Du bist verrückt, Mädchen." 
„Aber gar nicht, Papa. In diesem Fall sogar logisch. 
Und ich gehe noch viel weiter. Wenn bei Lebzeiten des 
seligen Bogislaw der Nichtige für Lena gekommen wäre, 
härte es ein großes Unglück gegeben. Denn wenn Lena 
einmal liebt, liebt sie auch mit ihrem ganzen herrlichen 
Herzen." 
„Ich sage noch einmal, du bist verrückt, Mädchen. 
Im übrige» werde ich dein Taschengeld kassieren." 
„Was fällt dir ein, Papa! Ich wollte dich gerade um 
Zulage bitten. Ich habe Schulden, und nicht zu knapp." 
„Zuerst wird das Leihbibliotheksabonnement auf 
gegeben. Nach dem, was du da eben zum besten gegeben 
hast, taxiere ich dich auf die faulste moderne Roman 
literatur mit Ichbewußtsein, Recht auf Glück und was 
dergleichen Kram mehr ist. Lies Walter Scott und Gustav 
Freytag, die stehen in meinem Bücherschrank. Gesegnete 
Mahlzeit!" 
„Mahlzeit. Papa." Sie bot ihm den frischen Mund 
zum Kuß. „Wenn man dich mal beim Wickel hat, läßt 
sich ganz nett mit dir plaudern. Bist gar nicht so ver 
steinert, Alterchen, als du dir den Anschein geben möchtest." 
Sie hielt ihn bei den Schultern und sah ihm zärtlich 
ins Gefickt.
        
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