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Periodical volume Nr. 79, 04.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Fm-emer Lxlral-Amkizn. 
(Krtedenauer 
Anpartettsche Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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»r. 79. 
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Organ für den Krtedennuer Ortsteil nsn Zchdneberg und 
lerirksverein Zudwest. 
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Berlin-Friedenau, Freitag, den 4. April 1913. 
Sv. Jahr-. 
Oepelcken 
Leiste IIacbricklen 
Lunöoille. Die erregte Stimmung, die beim Landen 
der deutschrn Luftschiffes Z. 4 gestern entstand, herrscht 
heute noch an. Die Militärpatrouillen haben sich ver» 
mehrt. Das Wetter ist sehr neblig, die Jnsaffen des Luft 
schiffes haben die Nacht unter mililärischer Bewachung in 
der Gondel und im Laufgange der Luftschiffes zubringen 
müssen. Französische Offiziere haben daS Luftschiff voll- 
ständig durchsucht, auch die Ojfizirre und andere Insassen 
find einer genauen Prüfung unterzogen worben. Heute 
hat man durch Monteure, die auS FriedrichShafin nach 
Lunöoille gekommen sind, einen Motor abmontiert, um 
die Last des Luftschiffes etwas zu verringern, da der 
Führer Hauptmann a. D. Glund hofft, daß die Rückreise 
deS Fahrzeugs in der Luft gestattet werde. Vereinfacht 
wird dt« Sachlage dadurch, daß Z. 4 noch nicht von der 
deutschen Heeresverwaltung übernommen war. 
Wien. Die Neue Freie Presse bestätigt in einer 
Meldung aus Cattaro, daß die KciegSoperationen um 
Ekutari und am Tarabosch vorläufig unterbrochen worden 
find, weil die Verluste bet den letzten Gefechten überaus 
groß waren. Die Truppen sind damit beschäftigt, die 
Toten zu begraben und die Verwundeten wegzuschaffen. 
Rom. Wie auS Brindist gemeldet wird, hat der 
Kapitän deS gestern aus Durazzo dort eingetroffenen Post- 
dampferS berichtet, daß 15 000 Serben mit großen Vor 
räten an Lebensmitteln und Munition ungestört in Durazzo 
gelandet seien. 
Rom. Eine Nachricht, die hier daS größte Aufsehen 
erregt, ist auS Korfu eingetroffen. Danach sollen griechische 
TranSportdampfer, die nach San. Giovanni di Medua be 
stimmte serbische Truppen an Bord halten, von der in 
der Adria kreuzenden österreichischen Flotte angehalten 
worden sein. (Tine Bestätigung dieser Meldung ist von 
keiner Seite eingetroffen.) 
Sitzung cler Gemeinäeverlretung 
vom Donnerstag, dem 3. April 1913. 
Sturmszenen im Gemeindeparlament — Vollständiger Bruch 
zwischen Gemeindevorstand und Ortsausschuß für Jugendpflege 
— Der „Sündenbock" — Das: „Entweder — oder" des Ge 
meindevorstandes — G.-V. Kalkbrenner bedauert und nimmt 
zurück — Der neue (Gemeinde-) Ausschuß für Jugendpflege — 
Der Wohlfahrtsausschuß — 25 000 M.-2nftung aus Anlap des 
Regierungsjubiläums des Kaisers für die Jugendpflege — Die 
3. Sexta am Realgymnasium genehmigt — Rasenstreifen auf 
dem Straßenbahnkörper in der Rheinstraße. 
Nach der Tagesordnung hätte mau einen glatten und schnellen 
Verlauf der gestrigen Sitzung erwarten können. Doch er ging wüder 
einmal nach dem Evrüchwort: »Erstens kommt e» anders und zweitens 
als man denkt!' Der Antrag deS G.-V. Schultz, den VemeinbeauS- 
schuß für Jugendpflege wieder einzusetzen, da wie er gehört habe, durch 
Uusttmmtqk.iten zwischen Semetndevorjtaud und Ortsausschuß die 
Jugendpflege in Frikdenou jetzt völlig ruhe. gab dem Temeindevor- 
stand Veranlassung, die Verhandlungen zwischen Semelndrvorstaud und 
Ortsausschuß und die Gründe, die zu den Unstimmigkeiten und schließ- 
lich zum völligen Bruch führten, in aller Oeffmtltchkeit klar zu legen. 
Der Schöffe v. Wrochem berichtete da auS einer Sitzung des Orts 
ausschusses, in der der G.-V. Kalkbrenner die Antwort des Gemeinde- 
Vorstandes auf die Eingabe deS AuSfchuffeS als »flegelhaft" be- 
zeichnete. Der Ausdruck wurde vom Vorsitzenden des Ausschusses nicht 
gerügt und erst auf feinen (v. Wrochem's) Einspruch, ermahnte der 
Vorsitzende zu sachlicher Verhandlung. G.-V. Kalkbrenner suchte klar 
zu legen, daß die Erregung in der betr. Sitzung groß war und daß 
er mit dem gekennzeichneten wort das traf, war wohl alle dachten; 
er sei stets geradeheraus Der Bürgermeister erklärte, daß nach diesen 
Ausführungen des G.-V. Kalkbrenuer eS unmöglich sei, daß der Ge- 
metndcvorstand noch mit dem Ortsausschuß zusammenarbeite; aus 
diesem Grunde ersuche er auch, keinen Ausschuß zu wählen, da in 
diesem kein Gemeindevorstaudsmitglied mitwirken werde. Gegen den 
G.-V. Kalkbrenner werde der Gemeisdevorllaud «egen der Beleidigung 
gerichtliche Schritte eiuleiten. G. V. Kalkbrenner führte aus, 
daß natürlich eine Erregung vorherrschte und daß auch in der Erregung 
dieser Ausdruck gefallen sei. Wenn man jedes Wort, das in 
AuSschußsitzungen falle, so auf die Goldwage legen und an 
die Oeffeutltchkeit bringen wollte, käme man wohl vom Gericht 
nicht mehr herunter. Er weide aber in Zukunft vorsichtiger mit 
Aeußerungen tn den Ausschüssen sein. Der Bürgermeister verlangte 
nun eine Erklärung deS G.-V. Kalkbrenner, daß er das beleidigende 
Wort zurücknehme und bedauere, eS gebraucht zu haben. G.-V. 
Kalkbrenuer sprach dieses Bedauern und die Zuiiicknahme auS unter 
dem Hinweis darauf, daß ihm als Beamter «in Zusammentreffen mit 
den Gerichten Schwierigkeiten bereite. Doch der Bürgermeister 
verlangte eine Erklärung ohne jeden Zusatz. Auch diese gab darauf 
der G. V. Kalkbrenner in der gewünschten Form, worauf der Bürger- 
meister die Angelegenheit für erledigt bezeichnete. — ES ist tm 
Interesse der guten Sache der Jugendpflege sehr bedauerlich, daß eS 
zu dieser Auseinandersetzung in aller O-ffenIllchkeit kommen mußte. 
Bei einigermaßen Entgegenkommen auf beiden Setten hätte sich dies 
wohl vermeiden lassen. Wir »ollen durchaus nicht da« Vorgehen 
des Herrn Kalkbrenuer im Ortsausschuß beschönigen, anerkannt aber 
muß werden, daß er durch daS Anschneiden dieser 8rage bei der Etats- 
beratung von guten Absichten geleitet wurde. Sein unnachsichtiges 
Draufgängertum mag ihn zur Vertretung mancher Sache nicht 
geeignet erscheinen lassen. Aber der Gemeinde»erstand wußte, daß 
der G.-v. Kalkbrenner die 8rage der Jugendpflege anschneiden würde, 
und daher hätte auch von dieser Seite vorgebeugt werden können, um 
eine friedliche Einigung herbeizuführen. So pl atzten harte Köpfe auf 
einander. Einen guten Eindruck macht eS sicher auch nicht, wenn man 
jemandem die Pistole auf die Brust setzt und ihn zu einer Erklärung 
ohne Zusatz drängt. Also weniger Schärfe auf beiden Seiten wäre 
mehrl — Im übrigen erledigten sich die anderen TageSordnungs- 
punkte glatt. Der VemeindeauSschuß für Jugendpflege wurde 
gewählt. Auf Antrag deS G.-V. Ott wurde noch der schon bei 
der EtatSberatung beantragte Wohlfahrtsausschuß gewihlt. — 
AuS Anlaß deS RegierungSjubiläumS deS Kaisers bewilligte die 
Gemeindevertretung eine Stiftung von 25 000 M.. deren Zinsen 
der Jugendpflege zu gute kommen sollen. Die Umänderung des 
EtraßenbahnkörperS ln der Rheinstraße in Rasenstreifen 
wurde gleichfalls genehmigt. — Sir bringen nun den VerhandlungS- 
bericht: 
TS fehlen die G.-V. Berger, Drrger, Haustein und 
Dr. Tänzler. Später erscheinen die G.-V. Finke und 
Heise. DaS Protokoll führt Bürodirektor Sudan. An 
wesend ist ferner Gemeindebaurat Altmann. 
Bürgermeister Walger macht zunächst folgende Mit 
teilungen: DaS Provinzialschulkollegium hat unterm 
29. März der Errichtung einer 3. Sexta am Reformreal- 
gymnastum genehmigt. Sollte die Klassenfrequenz auch 
ferner in der Quinta und Quarta anhalten, so wäre im 
Jahre 1915 die Errichtung einer neuen Realschule zu be 
antragen (Bravo). 
Die Umlage für den Zweckoerband ist sitzt mitgeteilt 
worden. Darnach hat die Gemeinde 2309,49 M. oder 
2215,49 M. an den Zweckorrband zu zahlen. Welcher 
Betrag in Frage komme, stehe noch nicht fest. 
Auf die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung wird 
dann noch ein Punkt: Errichtung einer Stiftung anläßlich 
des RegierungSjubiläumS deS Kaisers gesetzt. Auf die 
Tagesordnung der geheimen Sitzung kommt noch ein 
Punkt: Marklfache. 
Die SitzungStage für die Gemeindevertretung werden 
wieder auf jeden 1. und 3. Donnerstag im Monat fest 
gesetzt, jedoch soll in den Monaten April und Mai rin 
Verschieben der SitzungStage um 8 Tage eintreten. Der 
Beginn der Sitzungen bleibt wie bisher auf 7 Uhr Abend- 
bestehen. 
Zur Neuwahl der Ausschüsse führt Bürgermeister 
Walger auS, daß, nachdem im vorigen Jahre eine genaue 
Verteilung der Gemeindeverordneten auf die einzelnen 
Ausschüsse durch einen Sonderausschuß stattgefunden habe, 
man e» bei der bisherigen Zusammensetzung der Ausschüsse 
belassen könne. Es wären nur Ersatzwahlen in einzelnen 
Ausschüssen für den verstorbenen G.-V. Schu vorzunehmen. 
Der Gemeindeoorstand bittet da, seinen Vorschlägen in der 
Vorlage zu folgen und in den MarktauSschuß den G.-v. 
Finke, in den Einquartierungsausschuß den G.-V. Eggert 
und in den Fruerlösch- und den StraßenreinigungsauSschuß 
den G.-V. Stöcker zu wählen. AIS WaisenratSmttglied soll 
Frau Wetzell wiedergewählt werden und für den erkrankten 
Armenpfleger Wille bittet Schöffe Wosstdlo den Techniker 
Schwarz zu wählen. Die Wahlen werden nach diesen 
Vorschlägen erledigt. Ferner beantragt der Bürger 
meister, einen besonderen Ausschuß zur Prüfung der 
Geschäftsordnung einzusetzen und tn diesen zu wählen: 
Bürgermeister Walger, Schöffe Lichtheim, G.-B. Dr.Hetnecker, 
Dr. Lohmann und Ott. G.-V. Ott bittet, von seiner 
Wahl Abstand zu nehmen und in diesen Ausschuß einen 
Herrn zu wählen, der mehr im Verein-leben steht und 
mit den parlamentarischen Regeln und Gebräuchm 
bewanderter ist. Er schlägt dafür den G.-B. Kalkbrenner 
vor. Gleichzeitig möchte er seinen Antrag, den er ge 
legentlich der VoranschlagSberatung stellte: «inen Wohl 
fahrtsausschuß einzusetzen, wieder neu aufnehmen. 
G.-B. Schultz beantragt, den GemeindeauSschuß für 
Jugendpflege wieder einzusetzen. G.-V. Kalkbrenner 
dankt Herrn Ott für den Vorschlag seiner Person zur 
Wahl im GeschäftSordnungSauSschuß, lehnt jedoch ab und 
bittet, den G.-B. Richter zu wählen, der schon im vorigen 
Jahre diesem Ausschuß angehörte. Bürgermeister Walger 
meint, die Ausführungen deS G.-V. Ott, einen Herren zu 
wählen, der im Vereinsleben stehe, hätte etwas für sich. 
Er beantrage daher für Herrn Ott Herrn Lehment zu 
wählen, der lange Vorsitzender einer der größten Verein 
im Orte war. War den Ausschuß für Jugendpflege an 
betrifft, so möchte er sich heute auf den Boden der Mehr 
heit bei der Etatsberatung stellen und bitten, diesen Aus 
schuß nicht einzusetzen. Den Wohlfahrtsausschuß bitte 
er noch zu vertagen, da sich mit ihm der Gemeindevorstand 
noch nicht beschäftigt habe und der Geschäftskreis dieser 
Ausschusses erst genau aufs Einzelne festgelegt werden 
müsse. Dann erst kann der Ausschuß gewählt werden. 
G.-V. Ott ist bzgl. deS Wohlfahrtsausschusses anderer 
Ansicht. Der Ausschuß könne später seinen Geschäftskreis 
träumende menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
ly lNachdruck ottEolm.) 
' Rolf hatte das Gefühl, daß das Herz ihm stille stand 
vor unbegreiflichem, entzücktem Staunen. Oder war es nur 
das Traumbild, das er all diese Tage gesehen, das ihm 
entgegentrat? . „ 
Mit großem, dunkelm, fragendem Blick starrte er auf 
die Eingetretene. Mit Mühe nur hielt er den Aufschrei 
zurück, der ihm in derKehle aufgestiegen war. Die Frau mit 
den Hyazinthen trug statt des schwarzen Kleides eines aus 
feinem, braunem Stoff, sie hielt keine Hyazinthen in den 
Händen — und doch konnte nur sie es sein. 
Rolf riß sich zusammen. Er durfte sich nicht lächerlich 
machen. Nichts von dem verraten, was in ihm tobte und 
stürmte. Er verbeugte sich und nannte seinen Namen. 
Helene hatte den Fremden mit raschem Blick ge 
mustert. Etwas wie ein Lächeln schwebte um ihren blassen 
Mund. Der alte, einfältige Mörbe hatte wieder einmal 
den richtigen Blick gehabt. 
Unzweifelhaft ein Mann aus gutem Haus, ein Mann, 
wenn nicht alles trog, mit vornehmer Gesinnung, ein Mann, 
zu dem man, dem äußeren Anschein nach, Vertrauen haben 
Frau von Lersch reichte Rolf Kähne die Hand und 
dankte ihm, daß er herausgekommen sei. Er war scheu und 
verlegen. Am liebsten hätte er seinen Hut genommen und 
wäre still davongegangen. Was wollte er mit seinem zer 
fahrenen Leben bei dieser Frau, diesem Hause? 
Helene schien in seiner Seele wie in einem offenen Buch 
zu lesen. Sie sprach gütig und verständig zu ihm. Sie 
erzählte ihm'von dem einfachen und regelmäßigen Leben, 
das sie auf Klein-Wlosfow führten. 
Sie erzählte von ihrein Knaben, welch eine weiche, 
sensible Seele er bei aller Lebhaftigkeit und jungenhaften 
Wildheit habe, wie zart sein Körper durch einen jähen 
Unglücksfall geworden fei, wie sie nur Mörbe das Leben 
ihres Lieblings zu danken habe. Sie sprach davon, wie 
notwendig dem vater- und geschwisterlosen Knaben eine 
liebevolle männliche Leitung und Erziehung sei. 
Rolf wandte ein, daß er unfertig in seinen eignen 
Studien wäre, daß es ihn jetzt, nachdem er den Zuschnitt 
der häuslichen Verhältnisse gesehen, vermessen dünke, 
ungeübt wie er sei, die Erziehung eines Knaben, der 
in solcher Umgebung aufwachse, zu übernehmen. 
Kaum aber, daß er diese Worte gesprochen hatte, so 
bäumte sich seine freie, stolze Seele dagegen auf, diese 
Frau, gerade diese könne ihn mißverstehen. Sie könne 
glauben, er habe sich von dem unerwarteten Reichtum des 
Hauses einschüchtern lassen. 
Das durfte nicht sein. Er fing von neuem an. Aber 
da er ihr nicht sagen konnte, daß der Eindruck des lebendig 
gewordenen Bildes ihn überwältigt, ihn fassungslos ge 
macht hatte, wand er sich nicht geschickter heraus. 
Sie kam seiner Verlegenheit zu Hilfe. 
Sie lehnte sich aus dein Stuhl, auf dem sie Rolf 
Kähne gegenübersaß, ein weniges zu ihm herüber. Ihre 
Augen sahen ihm offen und klar ins Gesicht, während 
sie sprach. 
„Ich möchte ganz aufrichtig zu Ihnen sprechen, Herr 
Kähne. Ein Verhältnis wie das von mir angestrebte, 
zwischen Ihnen und meinem Hause, ist in .erster i'" s 
einziger Stelle Sache des Vertrauens. Eine Frage von 
Mensch zu Mensch, bei der nichts, aber auch gar nichts 
Aeußerliches mitspricht. Ich bin entschieden im Vorteil 
Ihnen gegenüber. Ich kenne ein Teilchen von Ihnen aus 
Ihrem Brief, aus der Schilderung Ihres Lebensganges. 
Sie aber wissen nichts von mir — gar nichts" — Helene 
lächelte ihr feines, kluges Lächeln. „Schlimmer als gar 
nichts, denn Sie haben augenscheinlich mein Bild gesehen, 
und das hat Sie vielleicht erst recht in die Irre geführt. 
Welcher Mensch entspräche wohl ganz dem Bilde, das Lein 
wand und Farbe — selbst von Meisterhand gemalt — von 
ihm geben?" 
Er wollte etwas sagen, aber er brachte kein Wort 
über die Lippen. Nur seine dunkeln Augen sprachen: „Du 
tust es, du bist so voll von schlichter Anmut, als dein 
Bild es ist." 
„Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Herr 
Kähne. Vor Ostern ist an eine Abreise meines Jungen 
nicht zu denken. Wir haben noch vierzehn Tage bis dahin. 
Auf dem Lande kann man sich in zwei Wochen schon ein 
wenig näher kommen. Kommen Sie für diese zwei Wochen 
als Gast nach Klein-Wlossow. Versuchen Sie. es, mit 
meinem Jungen Freundschaft zu schließen. Und dann, 
wenn Sie wollen, vereinbaren wir am ersten April unseren 
Vertrag und Sie begleiten meinen Hans hinaus, irgend 
wohin, wo es schön und warm ist und seine arme, kleine 
Lunge genesen kann." 
Er war aufgestanden und zu ihr getreten. Er ver 
neigte sich und sagte einfach: „Ich danke Ihnen für Ihr 
Vertrauen, gnädige Frau. Ich nehme mit Dank Ihre 
Einladung an." 
Die Hand zu küssen, die sie ihm reichte, wagte er nicht.
        
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