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Periodical volume Nr. 78, 03.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Fmdkmm fokttl'litfipt. 
(Keiedenauev 
Anparteiische Zeitung für kmmunule und bürgerliche 
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düjblatt „Seifenblasen". 
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Organ für den Kriedenaner Ortsteil von Zchdneberg und 
Kerirksnerein Züdwest. 
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Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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»r. 78. 
Berlin-Friedenau, Donnerstag, den 3. April 1913. 
SO. Jahr-. 
Oepelcken 
Metzle riacbrlcblen 
Berlin. Der vierzehnjährige Sohn d«S Portiers 
Drenka wurde heute nacht in dem Haufe Suerickestraße 41 
daS Opfer einer Leuchtgasvergiftung. In einer leerstehenden 
Wohnung war ein Defekt in der Gasleitung entstanden. 
DaS ausströmende TaS drang durch die Decke in die 
darüberliegende Wohnung, in der der Knabe schlief. Man 
fand den Knaben heute früh leblos im ©eit. 
Nordhausen. Im Zuge Nordhausen—Nordheim ist 
eine amtliche GeldbesöcderungStasche mit 8000 M. Inhalt 
gestohlen worden. Di« Etsenbahnverwaltung setzt auf die 
Ermittlung der DiebeS 800 M. auS. 
Mainz. Die Stadtverordneten in Mainz beschlossen 
gestern in geheimer Sitzung einstimmig, den Betrag von 
42 150 Mark den Uebirschwemmten der Bereinigten Staaten 
von Nordamerika zu überweisen. Mainz ist somit |bie 
erste Stadt, die den Ueberschwemmten von Nordamerika zu 
Hilfe eilt. 
Paris. Der Korrespondent deS Echo de Paris in 
Costa telegraphiert seinem Blatte, daß die russische Re- 
girrung sich einem weiteren Vorgehen der Bulgaren an 
der Tschataldschalinie widersetze. ES seien in dieser Richtung 
bereits freundschaftliche Vorstellungen in Sofia erfolgt. 
Rußland soll als Gegenleistung versprochen haben, für die 
Forderung einer Kriegsentschädigung einzutreten. 
Paris. Der GauloiS veröffentlicht heute eine mit 
Vorsicht aufzunehmende Depesche auS London, wonach die 
votfchafterkonferenzen 'sich auf unbestimmte Zeit vertagt 
und die einzelnen Mächte ihre vollkommene AkrtonSfreiheit 
wieder aufgenommen haben sollen. Die Gründe dieses 
unerwarteten Schrittes sollen darin liegen, daß die Bot 
schafter gestern trotz ihrer dringenden Vorstellungen bet 
ihren Regierungen keine endgültigeZustimmung zu ihren Ent 
schlüssen betreffs der Flottendemonstration erhalten konnten. 
Barcelona. Auf dem hiesigen Bahnhof San Paulo 
stieß rin Prrsonenzug mit einem Güterwagen zusammen. 
Der Anprall war so heftig, daß mehrere Wagen zertrümmert 
wurden. Drei Personen waren auf der Stelle tot, zehn 
andere haben schwere Verletzungen davongetragen. 
Jugenäpttege. 
In einem Kulturstaate fordert im allgemeinen jede 
Zeit diejenigen BtldungSanstalten, sowie schul- und volkS- 
erzieherischen Maßnahmen, die notwendig sind, um die 
Mitglieder der Gemeinschaft zu lebendiger Teilnahme an 
dem Volks- und StaatSleben fähig zu machen. Solchen 
Forderungen verdanken manch« unserer modernen Ein 
richtungen ihre Entstehung. Wenn nun gegenwärtig von 
Behörden und weiten Volk-kreisen immer wieder die Not 
wendigkeit erhöhter Jugendpflege betont wird, so müssen 
wichtige Gründe hierzu veranlassen, und man muß sich 
von ihrer Durchführung bedeutende Erfolge versprechen. 
Die veränderten WirtschaftS- und ErwerbSverhältnisse 
bringen er mit sich, daß die Familie vielfach in erzieherischer 
Hinsicht nicht mehr da« leisten kann, was sie früher ver 
mochte. Zahlreiche Frauen müssen erwerbend tätig fein 
und können sich deshalb nicht mehr ausschließlich dem 
HauSwesen und der Erziehung der Kinder widmen; eS 
schwindet vieler von dem, war man unter dem ,gemüt 
lichen deutschen Heim* versteht. DaS Leben in den 
Städten, die schwere, zumeist eintönige Fabrikarbeit, die 
so wenig Befriedigung für dar Gemüt bietet, die auf- 
regende und aufreibende Tätigkeit in Kontor und Laden 
kostrn Körper- und Nerveakraft. Dem Manne sucht man 
in größeren Orten einigen Ersatz zu schaffen durch Ein 
richtung von Volksbibliotheken und Lesehallen, Volkshoch 
schulen, VolkSbildungSoereinen und ähnlichen Veranstaltungen. 
Wo bleibt aber die schulentlassene Jugend in der Zeit der 
stürmischen Entwickelung mit all ihren Gefahren, mit ihrem 
Drange nach freier körperlicher Betätigung, nach Wissen 
und fröhlicher Geselligkeit? Leitet man diesen Tätigkeits 
drang nicht in die rechten Bahnen, so gerät er auf üble 
Wege. Man muß die Jugend widerstandsfähig machen 
für die Mühen deS Berufes, sie sittlich festigen gegenüber 
den Gefahren des LrbenS. 
Unter Jugendpflege versteht man die Summe aller 
besonderen Maßnahmen zur Förderung der schulentlassenen 
Jugend im Alter von 14—20 Jahren. In früherer Zeit 
waren Erziehung und Bildung der genannten Jugend 
lichen ganz und gar Sache der Familie, soweit sie nicht 
durch die Schule deS Lebens bewirkt wurden. Die 
Vereine, welche sich der schulentlassenen Jugend seit längerer 
Zeit in dankenswertester Weise angenommen haben, sind 
die Männer - Turnvereine und die kirchlich - religiösen 
Vereinigungen. DaS Ziel der Turnvereine bildet eine 
allseitige, harmonisch« Ausbildung deS Körpers zu höchster 
Gewandtheit und möglichster Kraftentfaltung unter gleich 
zeitiger Betonung echt nationaler Gesinnung. Ein gesunder 
Körper setzt aber eine gesunde Seele voraus, deshalb lassen 
es sich die Turnvereine angelegen sein, edle Geselligkeit zu 
pflegen und nach jeder Richtung hin gute Gesinnung und 
frische- Streben bei ihren Mitgliedern zu fördern. Die 
kirchlich-religiösen Vereinigungen müssen zielgemäß der 
Pflege der religiösen Sinnes ihr Hauptaugenmerk zu 
wenden. Sie haben in den letzten Jahren das Gebiet 
ihrer Tätigkeit bedeutend erweitert durch Gründung von 
Turn-, Spiel- und Wanderabteilungen, durch Einrichtungen, 
die der Geselligkeit und geistigen Förderung ihrer Mit 
glieder dienen sollen. Die erneuten Rufe nach umfassenderer 
Jugendpflege deuten darauf hin, daß die schulentlassene 
Jugend nur zum kleinen Teile von den genannten Be 
strebungen erfaßt worden ist. ES müssen Einrichtungen 
geschaffen werden, die auch anderen Neigungen der jungen 
Leute Rechnung tragen, so daß möglichst alle auch bei 
ihrer freien Betätigung unter dem wohltätigen Einflüsse 
erfahrener Männer stehen. 
Bei dem unstäten Wesen der Jugendpflege ist die 
Berufswahl von höchster Bedeutung. Wenn junge Leute 
den für sie passenden Beruf ergreifen und einem tüchtigen 
Meister oder Lehrherren zugeführt «erden, dann ist sofort 
eine gewisse Garantie für ihr geordneter Weiterkommen 
gegeben. Gewiß müssen die Eltern bei der Berufswahl 
der Kinder daS entscheidende Wort sprechen; doch werden 
gar oft die Anlagen der Kinder falsch eingeschätzt, noch 
häufiger aber spielt der augenblickliche Verdienst die Haupt 
rolle, selbst wenn die häuslichen Verhältnisse nicht dazu 
zwingen. Ein wichtige- Stück Jugendpflege muß deshalb 
die Schule leisten, bevor sie die jungen Menschen inS 
Leben treten läßt, nämlich umsichtige Beratung bei der 
Wahl deS Berufes. Ebenso muß sie die Kinder vor ihrer 
Entlassung zu gewinnen suchen für diejenigen Ver 
einigungen, in denen ihren Neigungen zu freier körper 
licher oder geistiger Tätigkeit am meisten entsprochen wird. 
So notwendig und wichtig die verschiedenen Ver 
einigungen auch sind, so kann doch nicht ausdrücklich genug 
davor gewarnt werden, diese Einrichtungen an sich zu 
überschätzen. ES ist hoch anzuerkennen, wenn politische 
Gemeinden und Kirchengemeinden kein Geld scheuen bei 
der Herrichtung von Versammlungsräumen, Spielplätzen 
und Bibliotheken, wenn sie bedeutende Mittel aufwenden 
für Wanderungen, für wissenschaftliche Vorträge und 
künstlerische Unterhaltungsabende; aber die Hauptsache 
bleibt doch die rechte persönlich« Einwirkung. Für die 
praktische Arbeit an den Jugendlichen sind charaktervolle 
Persönlichkeiten mit reicher MenschrnkenntlniS erforderlich, 
die sich uneigennützig diesem Werke widmen. ES tun 
Männer und Frauen not, die Geschicks besitzen zum Um 
gang« mit werdenden Menschen, die deren Eigenheiten 
kennen und schonen, die zu leiten verstehen, ohne viel zu 
verbieten, welche Voreiligkeit und Selbstüberschätzung einzu 
dämmen vermögen, ohne durch ihre Art zu verletzen. Der 
rechte Jugendpfleger achtet auf das innere und äußere Wohl 
feiner jungen Freunde; er kann sich auf ihren Standpunkt 
stellen, er spielt, scherzt und unterhält sich in üngt-' 
zwungener Weise mit ihnen. Dabei läßt er die Zügel 
seinen Händen nicht entgleiten, gewinnt aber durch solche 
Anteilnahme genauen Einblick in ihre seelische Verfassung, 
um ihnen in schwierigen Lagen ein sicherer Berater zu 
werden. An Gelegenheit hierzu fehlt eS nicht. Wie oft 
sind junge Leute unzufrieden mit der Behandlung und den 
Erfolgen im Berufrleben! Sie suchen die Schuld gewöhn 
lich überall, nur nicht bet sich selbst. Wie segensreich kann 
dann ein erfahrener Mann wirken, der es versteht, den 
Verhältnissen auf den Grund zu gehen, Ausgleich zu 
schaffen oder gar selbst Anleitung zu geben, damit der 
Entmutigte in den Stand gesetzt wird, berechtigten An 
forderungen zu genügen! Die Meister und Lehrherren sind 
heute wirklich dankbar, wenn sie merken, daß sie gut be 
ratene Lehrlinge und Gehilfen haben, und gewähren auf 
rin empfehlende- Wort hin oftmals gerne Erleichterungen 
und äußere Vorteile. Immer wieder kommt es vor, daß 
junge Leute den Beruf wechseln müssen, weil st« sich 
Fehler zuziehen oder ihre Kraft nicht ausreicht; andere 
werden von übelgesinnten Kameraden wegen ihrer poli 
tischen oder religiösen Gesinnung beiseite geschoben. Dann 
heißt eS, schnell beraten und helfen, damit keine kostbare 
Z>it verloren geht, sich nicht etwa Ueberdruß einstellt und 
die jungen Menschen auf die Stufe derer htnabzwtngt, 
denen dar Geld als Mittel zur Befriedigung äußerer Be- 
dürfnisse die Hauptsache ist. und die sich auf alle Fälle in 
träumende menschen. 
Roman von Dora Duncker. 
(SR»<$btud »erboten.) 
6. Kapitel. 
Rolf hatte die letzten Tage in einem seltsamen Doppel 
zustand verbracht. Er hatte sich Wort gehalten. Erhalte 
nichts unversucht gelassen. Arbeit und Verdienst zu suchen. 
Weder mit dem Zeitschriftenverlag noch mit der Vertrauens 
stellung in dem Fabrikbureau war es etwas geworden. 
Wieder einmal war er an dem Zickzack seines Lebensganges 
geschntert-o^^ andere, neue Versuche gemacht, zum Teil 
mit guten Aussichten, zum Teil mit vollkommen negativen 
Resultaten. Und während er hastig durch die Straßen 
eilte unzählige Treppen hinaufstieg, in Vorzimmern wartete, 
ln den Bureaus sich ausfragen ließ und selber fragte, war 
er nie allein gewesen. Immer war eine neben ihm, 
eine zarte Frau mit dunkelblondem Haar und grauen, 
schwarz bewimperten Augen, in leichtem, durchsichtig 
schwarzem Gewand, in der Hand einen Strauß blaßlila 
Blumen — die Frau mit den Hyazinthen! 
Er sprach mit ihr, er erzählte ihr von seinem ver 
fehlten Leben von seinen unerfüllten Hoffnungen, von 
seiner ungestillten Sehnsucht nach der Kunst! Jede ver 
borgenste Falte seines Herzens öffnete sich vor ihr. Und 
ihre klugen, offenen Augen blickten ihn gütig an. und ihr 
Mund sprach: „Ich kenne dich lange. Ich weiß, wie es in 
dir aussieht Ich bin schon immer bei dir gewesen, ohne 
daß du es gewußt." 
Nachdem er wiederum drei Tage vergebens gesucht, 
hatte er den Brief nach dem Westminster abgeschickt. Er 
konnte nicht verhungern. Auch die Mutter und Berta be 
durften, wenn nicht heute, so doch vielleicht morgen oder 
übermorgen seiner Hilfe. Es war damit gerechnet worden, 
es mußte fein. 
Vorgestern früh hatte er die Antwort erhalten. Heut 
vormittag sollte er sich vorstellen. 
Rolf war sehr beklommen zumute. Frau von Lersch! 
Wer war das? Er hatte diesen Namen nie gehört, was 
bei seinem abgeschlossenen Leben wenig, überhaupt nichts 
bedeutete. Aber die vollkommene Fremdheit des Namens 
bedrückte ihn. Es war lächerlich, aber es war so. Mut 
maßlich eine Dame von auswärts, die ihn Gott weiß wo 
hin würde engagieren wollen, nach Rußland oder in die 
Kolonien. Die Ferne lockte ihn. Aber eignen Stimmungen 
folgend, wollte er einmal in die Welt hinaus, nicht in 
einer abhängigen Stellung, als Wärter eines kranken 
Kindes. .. . . , , 
Was nützte das Kopfzerbrechen? Er wurde >a sehen. 
Er brauchte ja nicht ja zu sagen, sich zum mindesten nicht 
gleich zu binden. Fremder Leute Brot essen, war immer 
ein hartes Ding. Er hätte sich nicht melden sollen! Nun 
war es einmal geschehen. Er wurde erwartet. Er mußte 
wenigstens die Pflicht der Höflichkeit erfüllen und hingehen. 
Zuerst galt es, sich mit Frau Beckmann abzufinden. 
Ob sie ihm gutwillig den schwarzen Anzug herausgeben 
würde, den er ihr vor ein paar Wochen verpfändet hatte ? 
Die robuste Frau mit den groben Händen und dem 
weichen Herzen hatte selbstverständlich nichts Eiligeres 
zu tun.. 
»I, wo wer ich denn nich,". meinte sie und hglf ihm 
selber in den Anzug hinein. „Wo Sie doch so bildscheen 
sind in die schwarze Kluft und Ihr Jlück da drin machen 
wern, Herr Kähne." 
Rolf schlug denselben Weg wie vor zehn Tagen nach 
der Ausstellung ein. Wie viel lieber wäre er zu der Frau 
mit den Hyazinthen gegangen! Aber was hatte er nötig, 
das teure Eintrittsgeld nochmals zu bezahlen I Sie schritt 
ja neben ihm. Und ihre grauen Augen sprachen: Habe 
nur Mut! 
So raffte er sich denn zusammen und schritt ins 
Westminster hinein. 
Als er seinen Namen nannte, schob sich aus der Portier 
loge an dem großen imponierenden Hauswart in seiner 
reichen Livree ein kleiner Mann mit einem Stelzfuß vorbei. 
Er zog den Hut und überreichte Rolf ein kleines 
Billett. „Von der gnädigen Frau. Der Herr möchte dann 
selbst entscheiden." 
Rolf erbrach den Umschlag einigermaßen verwundert. 
Er enthielt in liebenswürdiger Form die Anfrage, ob 
Herr Kähne sich entschließen würde, mit dem Ueberbringer 
des Briefes auf den Landsitz der Frau von Lersch, ein und 
eine halbe Stunde von Berlin, hinauszufahren. 
Der Zustand ihres kleinen Kranken verhindere sie, 
heut hereinzukommen, auch könne sie noch nicht bestimmen, 
wann es wieder der Fall sein werde. 
Während Rolf las, hatte der kleine Invalide ihn scharf 
aus seinen klugen Augen beobachtet. Das blaffe, sorgen 
volle, sommersprossige Gesicht des kleinen Menschen erhellte 
sich mehr und mehr, je länger die Augen Gesicht, Gestalt 
und Haltung des Fremden prüften. 
Rolf behielt, nachdem er gelesen, den Brief ein paar 
Augenblicke in der Hand und sann nach. Der Zufall war
        
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