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Periodical volume Nr. 77, 02.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Meister Bruno Hubert und Ernst Zuther zahlen. Sie 
sind zu den Pflasterkosten mit 788,69 M. bezw. 1381,83 i 
Mark bezw. 489,77 M. herangezogen worden. Der Ein 
spruch hiergegen wurde zurückgewiesen, worauf die gen. 
Hausbesitzer Klage beim Kreisausschuß erhoben. Sie 
widersprechen der Austastung der Gemeinde, daß die Hand- 
jerystraße im. Sinne deö OrtSstatutS eine neue Straße sei. 
Der tkelsauLschuh hLIt die Straße für eine neue Straße und also 
die Regulierung für die erste Einrichtung. In einem früheren Ver 
fahren »ar gellend gemacht worden, Laß Derjrhruvg eingetreten und 
auch, daß eS unbillig fei, jetzt noch mit der Forderung hervorzutreten, 
nachdem die Gemeinde dte Straße schon dreimal umgepflastert habe. 
Die erste Einrichtung sei nicht 1886 vorgenommen, sondern die 
Gemeind«.habe schon früher einmal gepflastert. Hierbei hat der Ver 
treter deS Klägers Bezug genommen auf Baurat Hoffmann Friedenau, 
der seit 1884 hier wohnt, aber schon vorher hier tätig gewesen ist. 
Im Termin wurde von ihm noch ausgeführt, die Gemeinde habe den 
Beweis nicht erbracht, daß eS sich um die erste Einrichtung der frag- 
ltchen Straße handele: Bei den Akten befinde sich lediglich ein Gesuch 
riueS Anwohners Nägel, der um.Nrupflaflerung eines Teils der 
Straße ' bitte zwischen Ringbahn und Maybachplatz. Die Handjery- 
sträße sei ebenso gepflastert gewesen wie alle anderen Straßen auf der 
östlichen Seite. ES sei Sache der Gemeinde, nachzuweisen, daß die 
Aussagen der von kligerischer Sette beigebrachten Zeugen unrichtig 
seien. Wenn die Auffassung der Gemeinde richtig wäre, dann könnte 
sie für alle seinerzeit von Herrn von Carstcnn-Berlin-Lichterfelde über 
nommenen Straßen Beiträge nachfordern. Der Vertreter der-Gemeinde 
betonte demgegenüber, letztere habe durch die Akten den Beweis 
erbracht» daß ihre Auffassung richtig sei. Die llägerischcn Zeugen be- 
schränkten fich auf Reoewendungen wie .ich glaube", „ich nehme an", 
.so «eit ich mich entsinne" usw, ist das Pflaster von Herrn C. gelegt 
worden; das könne die Beweiskraft der Akten nicht erschüttern. Die 
Straßen seien übernommen worden ohne jede Vorbedingung; die 
Gemeinde habe ganz unfertige Straßen übernommen, teilweise bloßes 
Etraßrnland. Wenn nur die östliche Seite gepflastert gewesen sei, so 
würde daS, zu Gunsten der Gemeinde sprechen, denn die Kläger 
wohnten auf der westlichen. — Da im Falle Zuther Unklarheit aus- 
tauchte, dessen Grundstück auch au der ViLmarckstraße gelegen ist. 
beschloß, der KreiSausschuß Vertagung, well die Sache nicht spruchreif 
sei. In bethen Fälle» Hubert wies er die Klage ab. 
o Unser öffentlicher Markt am Lauterplatz zeigte 
sich heute in veränderter Gestalt. Mit Rücksicht auf den 
bevorstehenden Neubau des Rathauses, war heute zum 
ersten Male die Veränderung der Stände vorgenommen 
worden, Sämtliche Stände auf dem Hofe des Grundstücks 
Laulerstr. 19-20 sind aufgehoben und nach dem Marktplatz 
verlegt-worden. Während bisher die Niedstraß- gesperrt 
war, ist jetzt die Lauterstraße bis zur Niedstratze für den 
FuhrwerkSverlehr gesperrt. Die Fischstände haben ihren 
Plqtz auf dem Damm der Lauterstcaße erhalten, während 
die'Fleischstände wieder in die Mitte deS Markt S verlegt 
wurden. Die Blumenstände haben ihren Platz unmittelbar 
vor dem zukünftigen Rathaus erhalten (sicher ihre« DufteS 
wegen!) Der Bürgersteig in- der Lauterstraße ist jetzt 
ebenfalls für den Markt verwendet; eS befinden sich hier 
die.Obststände. Der Verkehr wickelte sich auch heute be- 
friedigend ab. DaS Publikum fand sich mit der Neuerung 
sehr gut zurecht. — Neu eröffnet wurde heule auch der 
Privatmarkt (genannt Hauptmarkt) an der Haupt- und 
Fr?gMaße. Um das Publikum anzulocken, spielte dort 
heute eine vollbesetzte Musikkapelle, für die in der Mitte 
deS Platzes ein Podium errichtet war. DaS zahlreiche 
Publikum konnte also, während es zwischen Apfelsinen, 
Fischen, Fleisch und anderen Verkaufsartikeln einherwanderte, 
hübschen Weisen lauschen. ES wurden dort ferner billige 
Streichhölzer und Kinderluftballons verlauft, die reißenden 
Absatz fanden und sehr bald ausverkauft waren. Vielleicht 
bütgert sich die Neuerung der musikalischen Unterhaltung 
auch bei unserem öffentlichen Markt noch ein: wenn wir 
erst dar „Gemeindeocchester* besitzen! — Für den zweiten 
öffentlichen Markt an der Rheingaustcaße haben heute 
die Pflasterarbeiten begonnen. Voraussichtlich wird dieser 
Mark bereits am 2. Mai eröffnet. 
o Tubmisfionsblüten. Die Submission für den 
Bauzaun zum Rathausbau hat wieder recht intereffante 
Blüten gebracht. Von acht Baugeschästen verlangte der 
Mrtstfordernde 2320 M. der Mtndestfordernde 640 M. 
Der Durchschnittspreis der 8 Submittenten betrug 1350 
Mark. -Für denselben Zaun in gehobelter Bearbeituikg 
war: die Meistforderung 3620 M., die Mindestforderung 
1040- M., Durchschnittspreis der 8 Submittenten 1950 M. 
Gin derattigrS SubmiffionSergebniS beleuchtet den Unfug 
der» Submisston. recht grell. \ 
o Unsere Aprilscherze in der Montagnummer 
haben im allgemeinen bei unseren Lesern die von uns er 
wartete heitere Aufnahme gefunden. So erhielten wir 
dem manch lustige Zuschrift. U. a. schreibt un§ ein Herr: 
„TtzLhkte..R«daktion! ES wäre erwünscht, wenn Sie sich 
übtt.ryi?nche Sachen genauer erkundigten. So stimmt Ihre 
VWtklllwg, über, den RathauZbau und über dir dort vor. 
... Während der Kellner die Ansternschalen abservierte 
und den Spargel auftrug, erzählte Helene von dem alten 
Jfivaliden im Torwärterhäuschen in Klein-Wlossow. 
, „Eigentlich sind sie Leidensgefährten, die beiden Un 
zertrennlichen, Hans und Mürbe. .Seit dein Tage, da 
Mürbe das Kind aus den einbrechenden Eisschollen des 
Teiches gezettet hat und dabei das Bein so unglücklich ge 
brochen, daß man es amputieren mußte, und Hans die 
schwere Lungenentzündung davongetragen, sind sie beide 
lernen Tag niehr so recht gesund gewesen," schloß Frau 
vay Lxrsch mit ernstem Gesicht ihren Bericht von dem Alten. 
. Cornelie ober wollte keinen Ernst und keine Trauer 
aufkommen lassen. Sie wollte die geliebte Schwester, die 
so viel allein war und Trübsal spann, heut einmal froh 
sehen..., 
„Hans ist solch ein junges Kind. Er wird es über 
winden. Und der alle Mürbe möchte, glaube ra),- um 
nichts in der Welt sein Bein wiederhaben, so verwöhnt, 
wie er als Invalide bei dir wird, und so sehr er dich dafür 
anbetet. Komm, sei fidel. Wir wollen auf Hans' Gesund 
heit trinken." 
. j Die Gläser klangen zusammen und gaben einen hellen 
Klang. 
>, Draußen schien warm die Mittagssonne und kündigte 
den Frühling an. Da ließ auch Helene die trüben Gedanken 
fahren und willigte in den Vorschlag der Schwester, nach 
dem Essen eine Fahrt durch den Tiergarten zu machen 
und, danach den Papa zu überraschen. Ob er wollte oder 
nicht, er mußte sich mal von seinen gräßlichen Steinen los 
machen und seinen Töchtern eine Stunde schenken. — 
Als Frau von Lersch.in das Hotel zurückkehrte, war 
gesehenen Dachgärten auch wieder nicht. Sie haben ver> 
geffen zu erwähnen, daß Her RathauLturm so angelegt 
wird, daß er bet festlichen Gelegenheiten, hohen patrio- 
tischen Festtagen usw. um 15 Meter erhöht werden kann. 
ES ist dafür eine hydraulische Einrichtung vorgesehen. Der 
verlängerte Turm soll dann jedesmal reichen Flaggen 
schmuck erhalten. Ein Mitglied deS RathauSbauauS« 
schusses." — Allerdings fehlt eS auch nicht an solchen 
Lesern, die Dichtung für Wahrheit nahmen und sich daher 
verletzt fühlten. Das beweisen unS Zuschriften, in 
denen diese Leser ihrem Aerger Luft machen. Aber auch 
daS Lokalblatt unserer Nachbarstadt Wilmersdorf, die 
„WilmerSdvrfer Zeitung", hat sich zu einer energischen 
Abwehr aufgerafft, indem eS in seiner gestrigen Ausgabe 
folgenden Artikel bringt: 
.Ein gemeinsames Krematorium Wilmersdorf-Friedenau." Unter 
dieser, unter dem Eindruck deS auSschlagenden Frühlings stehenden, 
stark knospenden Spitzmarke bringt der „Frieden. Lokal-Anzetger" eine 
wundervolle Auslassung über Eingemeind rngsbeziehungen, die in dem 
schönen Zitat austllnge«, daß die Verhandlungen über „dar gemein 
same Krematorium" durch das grundgütige Entgegenkommen unserer 
Nachbargemeinde bereits dem Abschluß nah: find. W:nn es dem 
„Frieden. Lokal-Anzeiger" gelingt, einige Dutzend Dumme von seinen 
Lesern durch diese klangvolle, edelmütige Notiz in den April zu 
schicken, so dürste der Zweck der großen Anspannung serrelcht sejn. 
Jedenfalls aber wird eine kühlere Temperatur — denn die etwas 
rapide Frühltngswärmc hat dem Lokal-Anzeiger ohne Zweifel stark 
zugesetzt — bald wieder das überschäumende Wäfferletn so beruhigen, 
daß cs ebenso seicht wird wie die Auslassungen über das „gemeinsame 
Krematorium", denen dte Lebenden unserer Nachbargenuinde hoffent 
lich ebensowenig Gffchmack abgewinnen, als unsere Wilmersdorser 
Leserschast, die trotz .stürmischer Agitation" genau weiß, was ein Bär 
ist und wie man jemanden einen Bären aufbindet. Der olle Jochen Nüßler 
wußte nie, was er dazu tun sollte, und seine Philosophie des Unbe- 
wußten «ar nie so fad wie die sproffcnden Worte deS Lokal Anzeigers, 
der nun bald ganz an der Oberfläche schwimmt. 
Wir dürfe» wohl auf jeden Kommentar verzichten. 
Der Artikel beweist es zu deutlich, daß auch unsere 
liebe Kollegin auf den Aprilscherz hineingefallen ist. 
Warum soll's ihr nicht ähnlich ergehen, wie denen, die 
glaubten, daß nun wirklich die Vorgärten in der Kirch- 
straße usw. fallen werden, oder denen, die schon nach 
neuen Reklamenamen suchen, welche sich alS Straßennamen 
bestens eignen. Vergeblich hielt auch am 1. mancher 
Ausschau nach den zweistöckigen Straßenbahnwagen bei der 
Linie 66, wartete vergeblich auf den Beginn deS Roll- 
schuhwettlaufenS am Elektrizitätswerk. Der Zirkus Sarasani 
hat inzwischen sein Angebot wieder zurückgezogen und 
Herr Kapellmeister Max Lönge ist von der Direktion des 
Gemeindeorchesters zurückgetreten, da er bei der Gemeinde 
verwaltung so wenig Entgegenkommen gefunden hat, waS 
anderen übrigens auch schon passiert sein soll. Doch wir 
wollen auf letzteres Thema lieber nicht näher eingehen, um 
nicht in den Verdacht zu kommen, nach dem chinesischen 
Orden zu streben, den Herr Bürgermeister Walger jetzt 
verleihen darf. 
o Ei» seltenes Jubiläum feierte gestern der 
Herr Königl. Sekretär Hans Gehrecke, Friedenau, Albe- 
straße 19 wohnhaft. Herr Gehrecke bezog seine hiesige 
Wohnung vor 20 Jahren,- feierte also das 20 jährige 
Mietsjubiläum. Von der Wirtin wurde ihm auS diesem 
Anlaß ein prachtvoller Blumenstrauß überreicht und ihm 
gleichzeitig eröffnet, daß für 1 j i Jahr als Ehrenmieter be 
trachtet werde. Vielleicht raff 1 sich auch der Hausbesitzer 
verein zur Ehrung eines solch treuen Mieters auf. 
o In der Ortsgruppe Berlin-Feiedenau des 
Deutschen FloltenvereluS sprach Herr Geh. Ober 
baurat Tincauzer, Vortragender Rat im Ministerium der 
Okffentliche» Arbeiten, über .Den Bau des Panamakanals." 
Im Jahre 1902 traten die Vereinigten Staaten von 
Amerika an die Riesenaufgabe heran, die neue Weltstraße 
zu schaffen, eine Aufgabe, die schon Goethe, in einem Ge> 
spräch mit Eckermann, als notwendige Kulturtat Amerikas 
bezeichnet hatte. Bereits 1904 wurde der Vertrag mit der 
französischen Gesellschaft abgeschloffen und dieser daS Unter 
nehmen. daS sie nicht durchzuführen im Stands gewesen, 
für 168 Millionen Francs abgekauft. Gleichzeitig be 
gannen die Landerwerbungen: ein Gelände von 85 km 
Länge und 16 km Breite mußt« erstanden werden; es 
wurden 42 Millionen Francs hierfür gezahlt. Im Jahre 
1907 waren die Vorarbeiten soweit gefördert, daß der erste 
Spatenstich getan werden konnte. Der Kanal führt von 
dem Städtchen Colon auf der atlantischen Seite nach 
Panama am Großen Ozean. Gegen die See schützen 
Wellenbrecher, auf der stürmereichen Pazifischen Seite von 
3,2 und 1,7 km Länge, auf der atlantischen Seite, die 
weniger Stürmen als der Versandung ausgesetzt ist, von 
es sieben Uhr vorüber. Sie bestellte sich einen Tee auf 
ihr Zimmer, vertauschte das Straßenkleid mit einem be 
quemen, weichen Morgenkleid und setzte sich an den 
Schreibtisch, um die Korrespondenz durchzusehen. 
Zuerst griff sie nach dem Brief von Hans, der in 
zwischen eingetroffen war, und oben aus dem Paket lag. 
„Liebe Mama," schrieb das Kind mit seinen großen, 
noch ungefügen Buchstaben. „Komm bloß bald wieder. 
Ich habe schreckliche Sehnsucht nach Dir. Denk' Dir, Mörbe 
konnte heut nicht mit mir spielen; er hatte so große 
Schmerzen in seinem Bein. Fräulein hat den ganzen 
Tag Briese geschrieben und war böse, wenn sie mit mir 
spielen sollte. Sie ist überhaupt furchtbar eklig und färbt 
immerzu ihre Haare. Ich huste ein bißchen, aber nicht 
sehr viel, und bin Dein treuer Sohn 
Hans von Lersch. 
Bitte, bringe mir ein schönes Buch aus Berlin mit." 
Helene strich zärtlich mit der feinen, schlanken Hand 
über die ungefüge Schrift ihres kleinen Sohnes. 
„Morgen bin ich wieder bei dir, mein Junge," 
dachte sie. 
Auch ein Brief aus Paris von Loemengard lag 
zwischen den Papieren. Er schrieb in seiner gewohnten, 
etwas gekünstelten, sehr devoten Manier, berichtete von 
großen Erfolgen und Errungenschaften und hoffte, seine 
gnädige Gönnerin werde mit ihm zufrieden sein. — 
Drei Reflektanten auf die ausgeschriebene Stelle hatten 
sich gemeldet: Ein Kandidat der Theologie, der freiwillig 
zugab, in den Anfangsstadien einer Lungenerlrankung zu 
flehen, und die Hoffnung aussprach, daß es sich um die 
4 km Länge. Die größte Schwierigkeit bilden Aufstieg 
und Auffüllung deS Gatunsees, der mit einem Flächen- 
tnhalt von 426 qkm und einer Länge von mehr als 
40 km, die Hälfte der ganzen Kanals ausmacht, und der 
Uebergang über daS Culrbragebirge, deffen tiefste Ein 
sattelung 83 m über dem Meeresspiegel liegt. Je drei 
Schleusenpaare, deren Torflügel allein 22^ Mill. Mark 
kosten, besorgen den Auf» und Abstieg. Den Gatunsee 
schlttßt ein 2350 m breiter und 41 m hoher Damm gegen 
den Kanal ab. Den Durchstich durch daS Cunebragebirge 
erschweren die außerordentlichen Erdrutsche, die daS Werk 
immer wieder hintanhalten. Sehr lebendige Bilder ver 
anschaulichten das Entstehen deS Riesenwerkes. Die großen 
Wohnbagger, wie sie auf dem Gatunsee arbeiten, zogen 
an dem Auge deS Beschauers vorüber, und die mächtigen 
Dampfschaufeln, die den Durchstich durch den Cunebra be- 
sorgen. Tine einzelne solche Schaufel fördert 3000 cbm 
Erde täglich. Zur Beförderung deS ausgeschachteten BodenS 
gehört ein Park von 4500 Kipploren und 350 Loko 
motiven. Ein Heer von Arbeitern, meist Farbige, aber 
auch zahlreiche Weiße, meist Italiener und Spanier, im 
Ganzen 35 000 Mann, arbeitet an dem Riesenwerk. 
4000 Mann führen allein den Kampf gegen die MoSkitoS, 
die Träger deS mörderischen FirbergifteS. DaS CanitätS- 
wesen, der Unterhalt der großen Krankenhäuser kostet den 
Vereinigten Staaten allein 60 Millionen Dollar. Auf dem 
Kanal wird Schlcppverkehr durch Lokomotiven stattfinden, 
daS Durchfahren unter eigenem Dampf soll verboten sein. 
Der politische Vorteil der neuen Weltstraße wird in erster 
Linie Amerika selbst zugute kommen, namentlich durch den 
Anschluß seiner Ost- an die Westküste; der ersteren wird - 
außerdem der astatische Markt erst richtig erschlossen. Für 
Deutschland kürzt sich nur der Weg nach San FranziSko 
und Valparaiso ab. Der sehr lehrreiche Vortrag fand in 
dem dicht besetzten Saale lebhaftesten Beifall. Dem Vor 
tragenden wurde durch den Vorsitzenden, Herrn Profeffor 
Steig, eine Plakette als Dank der Ortsgruppe Berlin- 
Friedenau überreicht. 
o Das Lernmsche Konservatorium (Direktorin 
Frau Elise Lemm, Pianistin) veranstaltete gestern Abend 
eine Schüleraufführung der Mittel- und Elementarklaffe. 
Der obere „Hohenzollernsaal* erwies sich als viel zu klein, 
um alle diejenigen aufzunehmen, die sich von den Fort 
schritten der Schüler und der Leistungsfähigkeit deS in 
bestem Rufe stehenden Instituts überzeugen wollten. Hilde 
Reffe! und Marg. Köppen begannen die Vortragsreihe 
um l / 2 6 Uhr mit dem leicht und fließend gespielten 
Kindermarsch von Schubert (vierhändig). In der Folge 
war eS dann ein Genuß, zu bewundern, wie sich daS 
musikalische Talent unter der sicheren und sachgemäßen 
Führung einer befähigten Lehrerin entwickelt. ES wurde 
durchweg — selbst von den Kleinsten — auswendig 
gespielt und hieran erkennt man, daß die Leiterin nicht 
einfach .Noten paukt", sondern bemüht ist, ihre Schüler 
näher mit den Musikwerken bekannt zu machen und sie 
eindringen zu lassen in den Gcdankengang deS Komponisten. 
Neben der strengen Beachtung von Tonmaß und Tonsatz 
wird damit auch der besonderen Veranlagung des Schülers 
Rechnung getragen. Es ist unmöglich, jeden Vortrag des 
umfangreichen Programms besonders zu besprechen. TS 
muß anerkannt werden daS rhythmische Spiel, die Ruhe 
und Sicherheit, mit der auch die Kleinsten ihre Aufgabe 
erfüllten. Reicher Beifall wurde jeder einzelnen Leistung 
zuteil. Ganz besonders gefielen aber die vier-, sechs- und 
achthändigen Klavierstücke, in denen das pünktliche und 
saubere Zusammenwirken erfreute. Vom ersten Teil 
nennen wir von den Klavieroorträgen die Russische 
Nationalhymne (achth.) von Looff (Ewald Müller. Siegfried 
Hindemith, Paul NeichSner und Hane Werwach), Bolero 
(sechsh.) von Ctreabbog (Clara Süßmann, Marg. Schwerin 
und Liselotte Ballin), Alla turca (vierh.) von Diabellt 
(H. und O. Schäfer). Im zweiten Teil gefiel besonder- 
Gavotte (achth.) von Gluck (Elly Jenner» Elly RastalSky, 
Marg. Hahm und Gerhard Wittig). Hilde Müller erzielte 
für ihre geradezu künstlerische Leistung in dem Klavier-' 
aortrag „Albumblatt" von Dorn nicht' endenwollenden 
Beifall. Wilhelm Hahm spielte Sonate, Satz I von Haydn, 
und Die Mühle von Jensen verständnisvoll. Jenny 
Müller und Eise Fanselau entzückten in dem Menuett von 
Bendel. Auch Hilde Reiubacher, Irmgard Reichelt und 
Werner Vogt spielten gut. Gertruds Auschwitz brachte 
den Pilgerchor a. d. Tannhäuser von Wagner vortrefflich 
aufgefaßt zu Gehör. Auch Hanna Mannheim gefiel mit 
Reisebegleitung: eineN 'kranken^ Knaben in den Süden 
landle. 
Ein Jurist ließ durchblicken, daß er die Absicht habe 
ind zuversichtlich auf die Zeit dazu hoffe, sich für das 
Zeferendar-Examen vorzubereiten. 
Den dritten Brief las Helene mehrere Male durch, und 
>e öfter sie ihn las, um so besser gefiel er ihr. Stil, 
Sprache, Ausdrucksweise muteten sie ungemein an. Die 
kurze Darstellung des nicht eben vorn Glück begünstigten 
Lebenslaufes erweckte ihre Sympathien. Sie rechnete es 
dem Schreibenden hoch an, daß er aufrichtig bekannte, sich 
niemals bei Kindern betätigt oder auch nur andauernd sich 
mit ihnen beschäftigt zu haben, daß seine Zukunftspläne 
weit andere gewesen seien, daß er aber ein Herz für Kinder 
habe und sich ohne Ucbcrschützung. zumuten dürfe, einem 
kranken Kinde ein geduldiger und freundlicher Gefährte zu 
sein. 
Ob er sich auf diese sehr bescheidene Grundlage hin am 
kommenden Sonnabend um die gewünschte Zeit einstellen 
dürfe? 
Helene besann sich nicht lange. Es war der erste Brief, 
der ihr wirklich gefiel, der erste Schreiber, auf den sie Hoff 
nung setzte. 
Sie schrieb ein paar Worte in ihrer großen, steilen, 
englischen Schrift und ersuchte, sie am nächsten Sonnabend 
im Wcstminster aufzusuchen. Sie zeichnete mit ihrem vollen 
Namen Helene von Lersch. Dann adressierte sie den Brief 
an Herrn Rolf Kühne, Tiekstraße, Hinterhaus vier Treppen, 
bei Frau Beckmann. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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