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Periodical volume Nr. 76, 01.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Frikdkmm LiKal-Amnm. 
^Krirderrauer 
Anparteiische Zeitnng für kammnaie ««!> bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Krsonderr 
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ditjblatt „Seifenblasen". 
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Zeitung.) 
Trga« für den Friebenauer Lrtsteil van ZchSneberg und 
Gerirtsvereln ZLinvest. 
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Blätter für deutsche stauen, 
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Berlin-Friedenau, Dienstag, den 1. April 1913. 
20. Iahrg. 
vepelcken 
Letzte Hadmchten 
Hanau. Hier wurde heute morgen 6 Uhr der Fabrik 
arbeiter Koch auS Bergen hingerichtet, der seine 15 jährige 
Tochter, an der er das Berbrechen der Blutschande be 
gangen hatte, am PfingstdienStage vorigen Jahre- er 
drosselte. 
Kufstein. An der bayerisch-österreichtschen Grenze, 
in der Nähe von Kufstein, zwischen dem Längensee und 
dem Hechtsee, stehen große Waldungen des Majors Flüger 
in Brand. Die Hoffnung auf Eindämmung des Feuer- 
ist gering. 
London. Offiziell haben weder Montenegro noch 
Serbien auf den kürzlich in Belgrad und Crttnje wegen 
SkutariS und Albaniens unternommenen Schritt geant 
wortet. Beide haben nach einer Meldung der Reuterschen 
BuroS inoffiziell mitgeteilt» daß sie ihre verbündeten zu 
Rate ziehen müßten. 
Paris. Eine Note der Agence HaoaS besagt: Ent 
gegen einem im Auslande umlaufekdtti Gerücht glauben 
wir zu wissen, daß es unzutreffend ist, daß Mänkreich sich 
entschlossen habe, an einer Flottendemonstration gegen 
Montenegro teilzunehmen. 
Konstantinopel. Wie verlautet, ist der erste Eindruck 
von der Ausnahme, die die Note der Mächte in der 
Friedensfrage gefunden hat, der, daß die Pforte die 
Friedensgrundlagen im ganzen annehmen dürfte, über 
Einzelheiten aber zu verhandeln wünsche. 
Tanger. Der englische Postdampfer „Agadlr*. der 
den Dienst zwischen England, den marokkanischen Küsten 
und den Kanarischen Inseln versteht, .lstvist 150 Reisenden 
bet Masagan gestrandet und befindet sichln einer schwierigen 
Lage. Der französische Kreuzer „Frtant" ist zur Hilfe- 
letstung abgegangen. 
Murajewo. Hier fand rin Zosammenfloß zwischen 
einem Perfoiirn- und einem Güterzug statt, bei dem 
17 Personen schwer verletzt und drei getötet wurden. 
kommunale Angelegenheiten 
Erläuterungen des Gemeinde-Vorstandes zm Tagesordnung 
der Sitzung der Gemeindevertretung am Donner-tag, dem 
3. April 1913, Abend- 7 Uhr. 
Borl-ge betreffend »estsetzung der ordentlichen Sl-nng-tag« für 1918. 
Gemäß tz 2 der Geschäft-ordnung für die Gemeinde- 
Vertretung sind die ordentlichen Sitzung-tage für die Dauer 
de- Rechnungsjahre- in der ersten ordentlichen Sitzung 
nach dem 1. April festzusetzen. Wir empfehlen, als I 
SitzungStage wie bisher den 1. und 3. Donner-tag jeden 
MonatS zu bestimmen. 
Vorlage betreffend Neuwahl der Ausschüsse usw. für 1913. 
Nach 8 14 der Geschäftsordnung für die Gemeinde 
vertretung sind bei Beginn eine- jeden Rechnungsjahres 
für die verschiedenen Berwaltung-zweige die Ausschüsse 
neu zu wählen. Wir schlagen vor, eS^bei der derzeitigen 
Besetzung der Ausschüsse zu belassen und demgemäß sämt 
liche Mitglieder wiederzuwählen und nur an Stelle des 
verstorbenen Gemeindeverordneten Schu in den MarktauS- 
schuß den Gemeindeverordneten Finke, in den Etnquar. 
tierung-auSschuß den Gemeindeverordneten Eggert und in 
den Ausschuß für da- Feuerlöschwesen den Gemeindever- 
ordneten Stöcker neuzuwählen. Ferner bedarf nach der 
Ansicht des kollegialischen Gemeindevorstandes die Ge 
schäftsordnung für die Gemeindevertretung in einigen 
Punkten der Aenderung, die in einem besonderen Aus 
schuß oorberaten werden soll, der bei dieser Gelegenheit 
gleich mitgewählt werden kann. Als Mitglieder des 
selben schlagen wir vor: Bürgermeister Walger, Schöffen 
Ltchtheim, die Gemeindeverordneten Dr. Heinecker, Dr. 
Lohmann und Ott. Schließlich läuft die Wahlzeit de- 
WaisenratLmitgliedeS Frau Rentiere Wetzell am 8. April 
1913 ab. Wir empfehlen die Wiederwahl dieser Dame 
auf weitere 6 Jahre. 
Borlage betreffend Nachbewilligung von Kosten der Jahrhundertfeier. 
Durch den Kommers anläßlich der Jahrhundertfeier 
am 10. März sind insgesamt 376,25 M. Kosten entstanden, 
sodaß der von der Gemeindevertretung bewilligte Betrag 
von 200 M. um 176,25 M. überschritten worden ist. 
DieS ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß für daS 
Leihen von Uniformen und Kostümen zur Stellung der 
lebenden Bilder allein eine Ausgabe von 170 M. ent 
standen ist, ein Betrag, der bet der Anforderung der Mittel 
nicht berücksichtigt werden konnte, da da- Programm erst 
später festgesetzt wurde. Wir beantragen zu beschließen: 
Die auS Anlaß der Jahrhundertfeier entstandenen Mehr 
kosten im Betrage von 176,25 M. werden auS dem DiS- 
posttion-fondS für 1912 bewilligt. 
Vorlege betr-ffend Vermietung der Gemeindegrundstücks Laubacher 
Straße 13. 
Der Architekt Graßmann» der bisher ein bei dem 
Friedhofgelände liegende- Grundstück von der Gemeinde 
gemietet hatte, ist darum eingekommen, ihm einen Teil 
d«S neu erworbenen Grundstücks Laubacher Straße 13 zu 
Lagerzwecken zu vermieten. Wir sind bereit, dem Antrage 
stattzugeben, wenn er eine Miete von 200 M. zahlt und 
sich verpflichtet, das Grundstück weder aufzufüllen noch 
anzurampen, «ine angemessene EingangStür herzustellen 
und ferner für jeden Schaden, der an den Bordschwellen 
oder den Bürgersteigen entsteht, aufzukommen. Einen mit 
ihm in diesem Sinne abzuschließenden Mietsvertrag be 
antragen wir, genehmigen zu wollen. 
Vorlage betreffend Verlegung der Niedflraße vor dem RathauS- 
grundftück und Bewilligung der Mittel und 
Vorlage betreffend Aufstellung eines Bauzaunes daselbst -und Be- 
willigung der Mittel. 
Da zur Zeit die öffentliche Ausschreibung der AbbruchS- 
arbeiten für das Haus Lauterstraße 19/20 vorbereitet ist 
und das Ergebnis der Ausschreibung der Gemeinde 
vertretung am 17. April vorgelegt werden soll, ist eS er 
wünscht, vor Beginn der Abbruch-arbeiten die nach dem 
genehmigten veränderten Fluchtlinienplan in Aussicht ge 
nommene Umlegung der Niedflraße vor den Grundstücken 
Nr. 1 und 2 vorher vorzunehmen und da- RathauS- 
grundstück mit einem Bauzaun einzufriedigen. Da der 
RathauSbauauSschuß sich mit den hierfür aufgestellten 
Kostenanschlägen und Verdingungsergebnissen erst in seiner 
Sitzung am 1. April d. I». beschäftigen wird, wird Näheres 
über die von der Gemeindevertretung anzufordernden 
Mittel in der Sitzung am 3. d. Mts. berichtet werden. 
Wir beantragen daher, die Gemeindevertretung wolle be 
schließen: 1. Die Umlegung der Niedstraße vor den Grund 
stücken Nr. 1 und 2 und Lauterstraße 19/20 ist nach Maß 
gabe der vorgelegten Planskizze und de- Kostenanschlages 
schleunigst in Angriff zu nehmen. 2. Vor Beginn der 
Abbruch-arbeiten ist da- gesamte RathauSbaugmndstück 
mit einem Bauzaun nach Maßgabe de- vorgelegten Ber- 
dingungSanschlageS einzufriedigen. Die dafür erforder 
lichen Mittel werden aus den für den Rathausbau be 
willigten Raten zur Verfügung gestellt. 
Vorlage betreffend Anlegung von Rasenstreifen auf dem Straßenbahn- 
körper der Rheinstraße. 
lg Der mangelhafte Zustand deS Bahnkörpers in der 
Rheinstraße ist wiederholt Gegenstand von Besprechungen 
in der Gemeindevertretung gewesen und hat zu lang 
wierigen Verhandlungen zwischen der westlichen Berliner 
Vorortbahn und dem Gemeindevorstand geführt. Wenn 
auch die Straßenbahngesellschaft selbst von vornherein eine 
durchgreifende Aenderung für erforderlich erachtete und auch 
der von uns gewünschten Schaffung einer Rasenflächen- 
anlage zwischen den Gleisen, wie solche bereit- in Char 
lottenburg und Berlin-Steglitz besteht, nicht abgeneigt war, 
konnte doch lange über die hierbei zu beachtenden Be 
dingungen keine Einigung erzielt werden. Erst jetzt ist 
eS gelungen, die Verhandlungen zu Ende zu führen. 
Die Straßenbahn hat sich nun mit der Einrichtung der 
Rasenanlage gelegentlich der Jnstandsetznng deS Bahn 
körper- einverstanden und bereit erklärt: 1. Die vor 
handene Pflasterung in einer Breite von 5,75 Meter, d. t. 
für jeden Bahnkörper 2.87'/z Meter, aufzunehmen und 
aufzusetzen, 2. die Beton- ooer Steinschlagkoffer für die 
Schienen herzustellen und zu unterhalten, 3. da- Pflaster 
zu den HauSeingängen und Straßenübergängen in einer 
Breite von 2 60 Meter wieder herzustellen und zu unter 
halten, 4. die an den Straßenkreuzungen erforderlichen 
EntwässerungSschächte einschl. Gitter, soweit nötig, zu 
liefern und einzubauen, 6. für die erstmalige, von der Ge 
meinde zu bewirkende Herstellung deS Rasen- pro Quadrat 
meter 2,90 M. und für die gleichfalls von der Gemeinde 
auszuführende Unterhaltung des Rasen- in einer Breite 
von 2.87*/, Meter, jährlich 0,2Ö M. pro Quadratmeter 
träumende Menschen. ( 
Roman von Dora Duncker. 
^ (JJadjbtuä »«loten.) 
Rolf nahm ein paar Schlucke von dem dünsten, heißen 
Trank, aß ein paar Brocken von der trockenen Schrippe 
dazu. Dann überlas er noch einmal das Eingegangene. 
Drei von den Briefen legte er beiseite. Es war 
ausgeschlossen, daß er den gestellten Anforderungen jemals 
würde genügen können. 
Auf zwei Zuschriften machte er sich zum Antworten 
bereit Von einem Berliner Zeitschriftenverlag wurde für 
sofort ein Propagandist für schriftliche Jnseratenakquisition 
gesucht. 
Er war nicht ungewandt im Schreiben, er hatte einen 
Begriff von buchhändlerischem und Zeitungsbetrieb. Biel 
leicht würde er für diese Stelle tauglich erfunden werden. 
Ueber das Gehalt sollte mündlich Nach Einsendung des 
Lebenslaufes verhandelt werden. Erwachte die gewünschten 
kurwn Notizen über seine Erziehung, sein Studium, seine 
Dienstzeit, seine Versuche in der Malerei, seine Arbeit in 
dem mütterlichen Geschäft. 
Das zweite Angebot betraf eine Vertrauensstellung in 
einem großen Fabrikbureau. Dort handelte es sich um 
die persönliche Vorstellung und Anmeldung zu derselben. 
An Wochentagen zwischen zehn und elf Uhr morgens, um 
vier bis fünf in den Nachmittagsstunden. 
Rolf meldete sich für den drittnächsten Tag. Bis dahin 
konnte eine Antwort von dem Zeitschriftenverlag, auf den 
er berechtigtere Hoffnungen setzte, möglichenfalls schon ein- 
gegan^en^eiMe Schnitzereien beendigt hatte, dunkelte es 
bereits Was nun? Petroleum verbrennen oder noch 
einmal ausgehen, sich in ein Cafe setzen, nochmals Inserate 
studieren? 
Er entschloß sich für das Zuhausebleiben. Er war zu 
abgeschlagen, um die vier steilen Treppen nochmals zu 
steigen. Auch stellten sich das Petroleum und Frau Beck 
manns Schwarzbrotschnitte mit Salami noch immer billiger 
als das Cafe. 
Als er die Lampe angesteckt hatte, sah erzwischen den 
Papieren auf seinem Tisch das Zcitungsblatt, das Lotte 
Heine ihm gestern nachmittag gegeben hatte, mit dem 
Feuilleton über die Kunstausstellung liegen. 
Er schlug es noch einmal auf, um zu lesen, was der 
Referent über „die Frau mit den Hyazinthen" geschrieben 
hatte. Er suchte lange, bis er das Bildnis nur mit dem 
Titel erwähnt fand. 
„Banause," dachte Rolf und warf das Blatt ärgerlich 
beiseite. 
Als es wieder auf den Tisch auffiel, bemerkte er zum 
erstenmal das von Lotte mit Blaustift angekreuzte Inserat. 
Er las ohne sonderliches Interesse: „Für einen kränk 
lichen, intelligenten, sehr lebhaften Knaben wird ein junger 
Mann aus guter Familie als Erzieher und Reisebegleiter 
gesucht. Bedingung Studium, wenn auch ohne ab 
schließendes Examen, sympathisches Wesen, geduldige 
Freundlichkeit. Schriftliche Meldungen mit bisherigem 
Lebenslauf unter Chiffre H. v. L., Hotel Westminster. 
Vorstellungstage Mittwoch und Sonnabend von 12—2 Uhr 
ebenda." ^ 
Rolf Kühne schnitt das Inserat aus und steckte es in 
seine Brieftasche. Erst wollte er die Antwort des Zeit 
schriftenverlags abwarten, bevor er sich zu dem Dienst 
eines Kindererziehers meldete, der schwerlich etwas anderes 
als den eines obersten Bedienten in einem vornehmen, 
vielleicht auch in einem Parvenühause bedeuten würde. 
5. Kapitel. 
* Frau von Lersch saß in ihrem wohnlich eingerichteten 
Emvfanassalon im Hotel Westminster und hörte mit 
liebensroürdigem, etwas zerstreutem Lächeln auf die Beichte 
des jungen Gardeosfiziers, der ihr in einem der bequemen 
Sessel gegenübersaß. 
Nachdem er eine Weile gesprochen hatte, stand der 
hübsche, sehr schlank gewachsene, elegante Mensch auf, 
beugte sich auf die Hand der jungen Frau und bat: „Sei 
nicht böse, Tante Lena. Ich weiß, es ist nicht in der Ord 
nung, daß ich dich schon wieder um Hilfe anspreche. Ich 
weiß, ich bin ein jämmerlich schwacher Charakter, ein 
Mensch, der niemals widerstehen kann, wenn irgendeine 
Versuchung an ihn herantritt, der er besser aus dem Wege 
gehen sollte. Weshalb hat auch Onkel Bogislaw mich 
durchaus zum Gardeoffizier machen wollen!" 
Er seufzte gepreßt auf und sah die junge Frau dabei 
mit einem so drollig hilflosen Ausdruck aus seinen hübschen, 
blauen Augen an, daß Helene von Lersch, ob sie wollte 
oder nicht, herzlich lachen mußte. 
Gleich aber wurde sie wieder ernst. 
„Es ist viel Wahres an dem, was du sprichst, Edgar. 
Mein Mann hatte sich nun einmal darauf versessen, daß 
— da ein grausames Schicksal ihn, wie er zu sagen 
pflegte, zum Fabrikanten gemacht hatte — wenigstens 
einer aus der Familie des Königs Rock tragen sollte. 
Schlimm für dich, mein lieber Edgar — schlimm aber auch 
für mich." 
Der junge Offizier erschrak und sagte beklommen: 
„Wird es dir denn so schwer, Tante Lena, mir beizustehen? 
Bin ich dir zur Last?" 
Frau von Lersch wehrte hastig ab. 
„Wie magst du so etwas auch nur denken, Edgar? 
Ich sage mir nur, wenn du etwa für einen kaufmännischen 
oder juristischen Beruf erzogen worden wärest, wie gut du 
mir zur Seite stehen, sachlich beurteilen könntest, ob ich 
meines Mannes blindes Vertrauen rechtfertige. Ich tappe 
meist ganz unschlüssig umher. Bogislaw hat mir, trotz aller 
fürsorglichen testamentarischen ^Bestimmungen, mit seiner 
reichen und komplizierten Hinterlassenschaft zu viel auf 
die Schultern gelegt."
        
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