Path:
Periodical volume Nr. 287, 07.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

seile der Karte soll ein möglichst große? Bild ausweisen. 
In gedrängter Kürze wird sie die wichtigsten Angaben über 
unseren Ort enthalten und ferner ist Raum für hand 
schriftliche Mitteilungen auf der Vorderseil? vorgesehen. 
Er habe zunächst, um eine möglichst billige Herstellung 
zu erzielen, eine Serie von 10 verschiedenen Karten in 
Vorschlag zu bringen. ES sollen 5000 Serien, insgesamt 
also 50 000 Karten angefertigt werden, dis insgesamt 
rund 500 M. kosten würden. Das wäre also für die 
Karte 1 Ps., für die Serie 10 Pf. Um den Karten einen 
gewiffen Wert zu geben, dürfte cs sich empfehlen, sie nicht 
vollständig kostenlos, sondern vielleicht für den halben oder 
ganzen Herstellungspreis an die Mitglieder abzugeben; 
man würde dadürch auch die Kosten ganz oder teilweise 
wieder einbekomnrrn. Er glaube, daß wir Karten be 
kommen, die besser sind, als st« jetzt in den Geschäften 
vorrätig gehalten werden. Herr Dresse! berichtet, daß er 
auf einem Spaziergangs nach verschiedenen Motiven 
Ausschau gehalten habe. Es würde sich empfehlen, da da- 
Bild meist anders ausfällt, alS die Landschaft von dem 
Auge gesehen wird, mehr Aufnahmen zu machen, alS 
Bilder verwendet werden sollen, um eine Auswahl treffrn 
zu können. Herr Flauger meint, daß, wenn man Straßen- 
bilder aufnehmen wolle, diese Aufnahmen bald erfolgen 
müßten» ehe die Bäume belaubt wären. Herr Beymel 
hält wiederum Bilder mit reichem Baumschmuck, die 
vielleicht von einem hohen Stand gemacht werden, für 
bester. Da Blumen und Bäume unsern Ort empfehlen. 
Herr Lemm fragt an, ob c§ nicht angängig sei, die 
Karten gleich mit Marke zu versehen. Herr Brücker 
erwidert, daß dieS wohl möglich wäre, aber der Verein 
müßte das Porto mit kleinem Aufschlag dann im voraus 
bezahlen. Herr Niemann wünscht, daß vielleicht nur ein 
Teil mit Marken versehen werde. Herr Knaak hält es für 
gut, wenn man die Serie in zusammenhängenden Karten 
herausbringt. Herr Schmidt spricht sich gegen die 
Frankierung auS. Herr Brücker bemerkt, daß die zusammen 
hängenden Karten die Sache wieder verteuern. Herr Lent 
fragt an, ob nicht die Karten auch einzeln abgegeben 
werden könnten. Es wird ihm geantwortet, daß in der 
Regel der Verkauf in der Serie geschehen soll. Es ließen 
sich aber vielleicht einige besonders begehrte starten in 
größerer Anzahl nachdrucken. Herr Flauger wünscht, daß 
die Karten auch durch die Papierhandlungen zu beziehen 
sind. Das wird vom Vorsitzenden als Beschluß des Vor 
standes zugesagt. Die Versammlung beschließt darauf die 
Ortöreklame in der vorgetragenen Form durch Postkarten 
tn 5000 Serien zn je 10 Karten. — Haler Interessen- 
fragen empfiehlt der Vorsitzende zunächst da8 „Friedenauer 
Adreßbuch" (Verlag Leo Schultz, Rheinftc. 15). Das 
Friedenauer Adreßbuch enthält gleichzeitig ein Mitglieder» 
Verzeichnis des GrundbesttzervereinS, das auf Genauigkeit 
Anspruch machen kann, da cS von dem Schriftführer selbst 
alljährlich durchgesehen und berichtigt wird. Außerdem 
sind in dem Buche manch interessante Mitteilungen 
und Angaben über unseren Ort, die VerkehrSoei- 
bindungen, Post usw. enthalten. — Herr Lemm be 
mängelt unsere Berkehrsverbindungen nach Berlin; 
der Verein und die Gemeinde müßte sich dieser Sach- ein 
mal dringender annehmen. Der Vorsitzende erklärt, daß 
im Verein und in der Gemeindevertretung ein Ver'ehrS» 
ausschuß bestehe, der sich sehr eingehend mit BerrehrSfragen 
beschäftige. Vielfach aber liege die Sache, daß nichts er- 
reicht werde, an dem Widerstand der „Großen Berliner", 
die nur ausführt, was sie für gut hält. Herr Ruhemann 
erklärt, daß unsere VerkehrSoerhältnisse früher wohl noch 
schlechtere waren, aber sie sind auch heute noch sehr schlecht 
im Hinblick auf die Entwickelung Friedenaus. Er glaube, 
daß die Gemeinde doch wohl einen Druck auf die Große 
Berliner Straßenbahn ausüben könnte, wenn sie einmal 
eine Zählung vornehme und durch Zahlen das Bedürfnis 
für Verbesserungen feststelle. Tatsache ist, daß e§ nament 
lich in den Abendstunden unmöglich ist, am Echönebcrger 
Rathaus noch einen Platz in der Elektrischen nach Friedenau 
zu bekommen. Herr Lemm meint, daß man vielleicht durch 
Einführung elektrischer Omnibusse, wie in Steglitz, einen 
Druck auf die Straßenbahugcsellschaft ausüben könnte. 
Auf Antrag deS Herrn Flauger wird darauf beschlossen, 
den Punkt ,Verkehrsfragen" auf die Tagesordnung 
der nächsten Versammlung zu setzen. Der Vorsitzende er 
sucht, blS dahin für reiches Material zu sorgen. Herr 
Schmidt führt an, daß eine Anzahl Mitglieder sich gegen 
die Erteilung von Dispensen zum Ausbau des Duch- 
toetne 'ülidc waren ryeinauswürts gegangen, über Die 
grünen Kuppen des Siebengebirges hin, nach Rolandseck. 
Dort saß ein liebes, kleines, blondes Ding, ein echtes Rhein 
landskind, dos ihn erwartete, ihn, den frischen Burschen, 
der nichts von Sorgen gewußt hatte. 
Einen Augenblick lang war ihm das Her; weit ge 
worden bei dein Gedanken an jene schöne Zeit da rrirten 
am Rhein. Dann zog seine Seele sich irr bitterem Weh 
zusammen. Bald darauf war der schwere Schlag gekommen. 
Der Vater war gestorben — er hatte das Studium 
abbrechen müssen. 
Nichts — nichts mehr davon. Kein Rückwärtsschaucn 
-— nur ein Vorwärts. ' Hcitt girrg's nicht mehr ums 
Träumen, heut ging's ums tägliche Brot. — 
Rolf schritt langsam über den Fahrdamm gegen das 
Ausstelliingsgebärrde zu. Dort lag seine letzte Feierstunde. 
Danach durste es nichts mehr als eiserne Arbeit für ihn 
geben. 
Voller Andacht schritt er durch die stillen, feierlich ge 
schmückten Räume. Manch bekannter Meister, manch be 
kanntes Bild grüßten ihn. Sic waren ihm nicht fremd 
von der Zeit her, da er noch davon geträumt hatte, 
selbst ein Auserwählter zu werden. 
Da und dort standen Menschcnaruppen um ein oder 
das andere Bild, aber sie verteilten sich schnell wieder, 
laut banale Meinungsansichten tauschend. 
Rolf schritt immer weiter von den Menschen fort, bis 
in die hintersten Säle. Dort, wo niemand seine Andacht 
stören würde, versenkte er sich in seine geliebte Kunst. 
Bild auf Bild trank er in sich hinein, Farbe, Zeich 
nung, Stimmung, Ausdrucksfähigtcit. Eine tiefe Reue 
packte ihn. Er, der die Menschen so innig geliebt hatte, 
als er noch harmlos-glücklich gewesen wa.r, er, der sie auch 
geschosseS im neuen RathanS gewendet hab?. Drr Herr 
Bürgermeister habe gesagt, daß dieses Vorgehen niedriger 
gehängt werden müsse. Niedriger gehängt werden müsse 
aber der Ankauf des bortigerl Grundstücks, für einen viel 
zu teuren Preis, so daß eö wünschenswert wäre, die Auf- 
stchisbehörde übe eine Kontrolle über die Ausgaben der 
Gemeinde auS. Daß durch die Verweigerung der Dispense 
der Gemeinde die Sache teuer werde, ist nicht der Fall. 
Wir brauchen keine Bürgermeisterwohnung und noch dazu 
eine solche Wohnung, die für den Bürgermeister von Frie- 
denau nicht angemessen ist. Dort könnten Büros usw. 
untergebracht werden. Wenn wir keine Bürgermeister- 
wohnung erhalten, wäre es möglich, daß unS bei Torso 
von Markt noch erhalten bleibt, sonst verschwindet auch 
der noch vollständig. Er werde alleL unterschreiben, 
war den Bau des Rathauses noch verzögert. 
Vielleicht kommt doch noch jemand und kauft uns das 
Grundstück ab. Der Vorsitzende frägt Herrn Schmidt, ob 
er eine 7 Zimrnerwohnung für den Bürgermeister von 
Friedenau nicht für angemessen halte. Herr Schmidt: ES 
hat doch in der Zeitung von 14 Zimmern gestanden. Vor 
sitzender: DaS hat in dem Artikel des Herrn Sturm ge 
standen! EL ist dies auch eine von den vielen Unrichtig 
keiten, die Herr Sturm verbreitet; cS kommt nur eine 
Wohnung von 7 Zimmern für den Bürgermeister in 
Betracht. Herr Lemm meint, die Gemeinde sollte doch 
eigentlich dem Privatbcsitz in der Innehaltung der Bau 
ordnung mit gutem Beispiel vorangehen. Der Vorsitzende 
erklärt, daß die Bauordnung für die öffentlichen Gebäude 
keine Gültigkeit habe; sie ist nur für Privotbauten er 
lassen. Herr Bering spricht sich auch dafür auS, daß die 
Gemeinde ihre Gebäude soweit wie angängig aus 
nütze, dos läge durchaus im Interesse der Bürger. 
EL wäre durchaus wünschenswert, daß der Bürger 
meister im Hause seiner Tätigkeit wohne, damit er 
jederzeit erreichbar ist. Der AmtSoorsteher müsse immer 
zu sprechen sein. Herr Bönrcke meint, daß der Bürger- 
merster froh sein werde, wenn er wieder auS dem Hause 
hinaus könnte; eine Annehmlichkeit sei das nicht süc ihn. 
Er wisse, wie er als Fabrikbesitzer im Hause seiner Fabrik 
wohnte und zu jeder Zeit verlangt wurde. Er war froh, 
alS er in ein anderes HauS ziehen durfte. Der Vorsitzende 
antwortet, daß diese Ausführungen genau den Ansichten des 
Herrn Bürgermeisters entsprächen. Die Bürgermeister 
wohnung soll ja auch nur eine Reserve bilden. Dieser 
Punkt wird durin oerlassrn. Herr Lemm kommt auf die 
beschlossen? Gemeindesparkasse zu sprechen. Ec halte 
eS für dringend notwendig, daß die Sparkasse schon jetzt 
geschossen werde, man komme damit viel zu spät. Die 
Kosten für die sofortige Einrichtung sind nicht so bedeutend. 
Die Kassen der Nachbargemrindcn schreiten immer weiter. 
Auch Herr Bönecke sprach für recht baldige Errichtung der 
Sparkasse. Von Herrn Beymel angeregt, fand dann eine 
Aussprache, über die Miete für GaS-, Wasser- und Elek> 
trizilätSzählcr statt. Herr Flauger kam auf das von uns 
veröffentlichte SchössengerichtSurteil zu sprechen, wonach die 
Messcrmiete ungesetzlich ist. Aber cs läßt sich gegen diese 
Miete nur eiwaS machen, wenn eine große Masse von 
Abnehmern die Zahlung verweigert. Der Einzelne würde 
einfach von den Werken ausgeschlossen werden. Herr 
-Schmidt hätte es für erwünscht gehalten, wenn die Ge 
meinde mit Steglitz, dos jetzt ein eigenes Wasserwerk bauen 
will, darüber in Verhandlungen getreten wäre, um Frie 
denau vielleicht später an dieser Werk anschließen zn können. 
Der Vorsitzende erwidert, daß in dieser Hinsicht die Der- 
Handlungen mit Steglitz schon aufgenommen sind. Herr 
Schmidt: Bravo, das ist doch endlich mal was Vernünftiges! 
(Heiterkeit). Herr Ruhemann wünscht, daß in der Messer- 
miete unsere Gemeinde zuerst einmal entgegenkommend 
sein möchte, indem sie dcn Mietspreis für die elet- 
trischen Zähler bedeutend ermäßigt. ES wird sodann 
noch die Frage einer öffentlichen Badeanstalt für Friedenau 
gestreift, welche Einrichtung eivzeiue Herren für wllnschens- 
wert, andere für nicht erforderlich halten. Herr Beymel 
wünscht Auskunft, ob es wahr sei, daß die Gemeinde 
100 000 M. für Verlegung deS WannseeüahnhofS einmalig 
gezahlt habe und 4000 M. weiter jährlich zahle. Herr 
Ruhemann erklärt, daß die Sache noch garnicht so weit 
sei. Der Bürgermeister habe nur in seiner EtatSrede in 
den noch zu erwartenden Ausgaben auch eine Summe von 
100 000 M. für den Wannseebahnhof genannt und Herr 
Sturm habe darauf in einem Artikel gcschiioben, daß dies 
4000 M. Zinsen jährlich wären. Der Vorsitzende erklärt, 
ein wenig zu rennen gcglauvi, wesyatv halle er ffcy nicht 
an das Studium des Menschenbildes gemacht? 
Weshalb? Warum? Er hatte kein Recht mehr zu 
fragen. Mutmaßlich hätte auch dazu seine halbe Kraft 
ebensowenig ausgereicht, als zum Empfinden, zum Durch- 
dringcn der Natur. 
Plötzlich rüttelte ihn etwas ans seinem Sinnen und 
Grübeln, etwas Gewaltiges, ein Eindruck, wie er ihn, 
außer von den Alten, niemals zuvor von einem Kunstwerk 
empfangen hatte. 
ßj war ein Franenbildnis, ungemein schlicht in der 
Auffassung, aber so voll von Leben, daß es zu atmen, zu 
fühlen, zu denken schien. 
Eine zarte, dunkelblonde Frau um das Ende der 
Zwanzig etwa. Der Kopf frei und stolz ans dem schlanken, 
ein wenig entblößten Nacken. Graue, dunkel bewimperte 
Augen blickten ilug und offen in die Wett. Der Mund 
vielleicht ein wenig zu groß, aber wundervoll geschwungen. 
Die Riffe gerade und sein. Bte Hautfarbe zart, von einem 
schwachen Rosenschimmer überhaucht. Sie trug ein schwarzes 
Kleid ans seinen, durchsichtigen Stoffen. Die schmalen, 
lässig niederhängenden Hände hielten einen vollen Strauß 
blaßlila Hyazinthen. 
Rolf hatte sich einen Sessel herbeigezogen und faß 
stumm und voll heißer Andacht vor dem Bildnis. Wie 
lange, er wußte es nicht. Es mochten Stunden, es mochten 
Minuten gewesen sein. Er vermochte nicht sich klarzu 
machen, was ihn tiefer ergriff, die eigenartige Schönheit 
dieser fremden Frau, der Reiz und Zauber ihrer Persön 
lichkeit oder die Meistcrarbeit des Malers. 
Endlich entschloß er sich aufzustehen. Er trat dicht 
an das Bild, um den Namen des Malers zu suchen. 
Nirgends ein Zeichen. Nur links in der Ecke fand er mit 
daß wohl niemand gegen die Umänderung des Wannse?« 
badnhvsS, dessen Bahnsteig nach der Saarstratzr umgelegt 
werden soll und der einen zweiten Eingang an^ der Saar 
straße erhalte, einzuwenden habe. Das liege durchaus im 
Interesse Friedenaus. Die Versammlung wird hierauf um 
12 Uhr geschlossen. 
o Die zweistöckiger» Strasienbah»wagett, wie 
wir sie kürzlich beschrieben haben und wie sie in illu 
strierten Zeitschriften, u. a. im .Weltspiegel", abgebildet 
wurden, werden von morgen ab probeweise in Betrieb ge 
nommen. Sie sollevf zunächst auf der Linie 66 fahren, 
und zwar jede Stunde. Die Wagen haben elegante Plüsch- 
sitze, hohe facettierte Spiegelscheiben und tragen einen vor 
nehmen, goldtönigen Lackanstrich, der den Gefährten ein 
elegantes Ansehen gibt. DaS zweite Stockwerk, das völlig 
überdacht ist, wird durch eine kleine Wendeltreppe von der 
Hinteren Plattform auS erreicht. 
o Zur Vorgartenfrage. Der hiesige AmtLvor- 
steher hatte die Kgl. Eisenbahndirektion aufgefordet, vor 
ihrem Gelände in der Handjerystraße Vorgärten von sechs 
Meter Tiefe anzulegen. Hiergegen erhob der Kgl. preuß. 
EisenbahnfikkuS, vertreten durch die Eisenbahndirektion 
Berlin, Einspruch, ohne ihn näher zu begründen. Der 
AmtSoorsteher wies den Einspruch zurück und ersuchte noch 
mals, binnen 14 Tagen Zeichnungen einzureichen. Inder 
hiergegen vom FiSkuS vor dem KreiSauSschuß erhobenen 
Klage wird geltend gemacht, ■ die Anlegung von Bor- 
gärten könne nur für bebaute Grundstücke gefordert werden, 
bei dem ktägerischen handle eS sich nnr um Schuppen, 
provisorische Baulichkeiten. Die Vorgärten dienten ästhe 
tischen unb hygienischen Zwecken vor bebauten Grundstücken, 
hier aber handele es sich um ein Kohlenlager. Für das 
Grundstück seien auch weder Straßen noch Baufluchtlinien 
festgelegt, also auch nicht Vorgärten. Der Beklagte ent 
gegnet, der Einspruch sei nicht fristgerecht eingegangen; er 
bestreitet auch, daß Vorgärten nur vor bebauten Grund 
stücken gefordert werden können. Der KreiSauSschuß wies 
wegen des formellen Mangels die Klage deS Tisenbahn- 
fiskns ab. 
o Um eine Regelung ihrer Lohnverhältnisse 
sind das Warte- und HauSpersonal, die Heizer und 
Arbeiter diS Auguste Viktoria-KrankenhauseS in der 
RubenSstraße beim Schöneberger Magistrat erneut vor 
stellig geworden. In einer stark besuchten Versammlung 
wurde berichtet, daß die im Oktcbrr o. I?. eingereichten 
Anträge betreffend Lohnauförsserung unberücksichtigt ge 
blieben seien. In der Stadtverordnetenversammlung am 
24. Februar sei diese Nichtbecücksichiigung nur vom Ver 
treter der sozialdemokratischen Stadloerordnetenfraktion 
scharf gerügt worden. Der Magistrat habe die Ablehnung 
damit zu begründen versucht, daß schon jetzt im Schöne 
berger Krankenhaus die höchsten Löhne gezahlt würden. 
Diese Behauptung sei unzutreffend und die Ablehnung 
durch nichts gerechtfertigt. Besonderes Befremden errgte 
die Mitteilung, daß der Stadtrat Rabnow behauptet habe, 
„dem Hauspersonal sei im vergangenen Jahre eine nicht 
unerhebliche Lohnzulage gewährt worden, darum sei eS 
untunlich, in diesem Jahre etwas zu bewilligen." Dem 
gegenüber sei festzustellen, daß der größte Teil deS HauS- 
personals — der weibliche — überhaupt keine Zulage be 
kommen hab? und der Anfangslohn der Hausdiener um 
ganze 50 Pfg. pro Monat erhöht worden sei, nach einem 
Jahre um 1 M. und nach 2 Jahren um 1,50 M. — 
Einstimmig nahm die Versammlung cine Erklärung an, in 
der die Vertrauensleute und die OrtSverwaltung des Ver 
bandes der Gemeinte- und Staatsarbeiter beauftragt 
werden, bei der Deputation für das Krankenwcsen und bei 
dem Magistrat vorstellig zu werden, damit endlich eine 
Regelung der Lohnverhältnisse bezw. eine durchgreifende 
Lohnerhöhung herbeigeführt werde. 
o Mn Gemeinde-Orchester werden wir demnächst 
erhalten. Der hier bestens bekannte Kapellmeister Herr 
Mox Länge bat den Entschluß gefaßt, mit Unterstützung 
der Gemeinde ein Musikkops zu gründen. Die Gemeinde 
vertretung hat bereits beschlossen, hierzu eine namhafte 
Summe jährlich beizutragen, um das Orchester lebensfähig 
zu erhalten. Als Gegenleistung wird das Orchester bei 
patriotischen Festlichkeiten: KatsersgeburtstagSfeiern usw. die 
Musik kostenlos stellen. Ebenso wird es an hohen Feier 
tagen in der Kirche die Choräle vom Chor blasen und bei 
Begräbnissen von hochgestellten Persönlichkeiten im Orte 
die Trauermustk spielen. In den nächsten Tagen soll ein 
Ausruf in unserer Zeitung erscheinen, daß sich junge 
steilen Buchstaben in den dunklen Grund gezeichnet die 
Worte: „Frau mit Hyazinthen." 
Hyazinthen, Frühlingsblumen! Wie ein holder, süßer 
Hauch von Frühlingsahnen schien es aus dein Bildnis zu 
strömen, die ganze Luft anzufüllen, das Herz schwer und 
weit zugleich zu machen mit sanfter und doch unwider 
stehlicher Gewalt! 
Rolf war der Geschmack an den nbriacn Bildern ver 
dorben. Noch einen letzten, abschiednehmenden Blick warf er 
auf die Frau mit den Hyazinthen, dann verließ er die 
Ausstellung, um in den Alltag zurückzuschreiten. 
Beim Hinausgehen stieß er auf Müller, ohne den 
alten Herrn auch nur zu gewahren. 
Der berühmte Mann nickte mit dem Kopf und dachte 
befriedigt: 
„Verträumt und elend genug sieht er aus. Aber 
wenigstens hat er sich nichts angetan, und zum Bilder 
ansehen hat's auch noch gereicht. Kein Mensch soll sich 
vor der Zeit ängstigen." 
Auf dem wackligen Tischchen seiner kahlen Mansarde 
lagen Briefe für Rolf. Antworten auf ausgeschriebene 
Stellungen, zu denen er sich gemeldet hatte. Alle Kraft 
nahm er zusammen, sich auf den Inhalt dieser Briefe zu 
konzentrieren, das Bild der Frau mit den Hyazinthen 
aus seinen Gedanken zu verbannen. 
Nach und nach gelang es ihm, in schwerem heißen Be 
mühen. — Ohne, daß er sie daruni gebeten, hatte Frau 
Beckmann ihm eine Kanne Kaffee und eine Schrippe hin 
gestellt. Sie hatte cs ihm beim Nachhansekommen an 
gesehen, daß er wieder einmal mit leerem Manen kam. 
(Sortsetzrmg solgt.l
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.