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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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z« Nt. 
Die bunte Mocke 
Plauderei für den „Fricdcnauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 28. März. 
Der weiseste Mann Englands in Berlin. — Der „Erfolg-Klub" — 
Der Tpielprozef; Stallman. — Momentbilder aus dem Prozfst. — 
Eine Niederlage der Hochbahn. — Der Sieg des Dampfes über 
die Elektrizität. 
Mein Selbstbewußtsein ist seit drei Tagen derartig gestiegen, daß 
es mir in lichten Augenblicken manchmal bange wird. 
Seit drei Tagen weist ich, daß ich 
ad 1) zu Höherem geboren; 
ad 2) mit reichen Talenten ausgestattet; 
ad 3) zur Führung einer großen Masse vorzüglich geeignet bin. 
Und das habe ich alles schriftlich! Ich habe nnch wie so viele 
Sterbliche, an einen der eitglischen „Professoren" gewandt, die viel 
fach itt Berlin ihre Zentrale haben. 
Jeder Leser wird schon hier und dort die Anzeigen gelesen 
haben, die gewöhnlich mit den neckischen Worten beginnen: 
«Fragen Sie diesen hervorragend weisen Mann um Rat." 
„Ihr Schicksal ist in den Sternen geschrieben." 
„Wollen Sie wirklich keine Erfolge erzielen?" 
Ich bitte Sie! — Wer wollte das nicht? Und zur Unterstützung 
der Behauptungen ist dann noch irgend ein bärtiger „Professor", 
(mit Barett, bitte sehr), abgebildet .... Prof. A. C. Mixon, M. A. 
■H- Se- M. o. 8. Was das heißt, weiß der Kundige. Ter famose 
„Professor" ift_ im Zivilberuf vielleicht Barbier oder Eeldschrank- 
schlosser, Chauffeur oder Gott iveiß, was, gewesen. 
Ach, es laufen selbst bei uns so viele derartige Professoren 
herum, daß der „richtige" Professor sich oft scheut, seinen Titel zu 
nennen! Und jetzt erst in London J. D. (janz draußen)! 
Ktirz: Ich fragte einen dieser weiseit Männer um Rat und 
erhielt postwendend durch die Berliner Filiale dieses Geittlcman 
die nachstehende Rückäutzcrung: 
Sehr geehrter Herr! 
Herr Professor Mac C. B hat uns Ihre Anfrage 
zur näheren Bearbeitung übergeben. Unser Gewährsmann, der 
ohne Frage einer der bedeutendsten Männer Englands ist, erkennt 
aus Ihrer Handschrift, daß Sie ein Mensch sind, der iveit über 
den Durchschnitt ragt und der ohne Frage zu Höherem 
geboren ist. Ihre reichert Talente müssen nur gepflegt 
werden. Diese Pflege finden Sic bei uns, durch Mitgliedschaft 
in unserm Bund, der Ihnen einzig und allein den Weg zum 
Erfolg zeigen ivird. Gerade Cie scheinen, wie unser geistiger 
Leiter schreibt, zur Führung großer Massen wie berufen, so daß 
Sie innerhalb unseres Bundes bald eine führende Stellung ein 
nehmen können. 
Es ist vorläufig itnr notwendig, daß Sie unsere monatlich 
erscheinenden „Blätter des Erfolges" lbestellen (monatlich nur 
2,50 M.) und dann den Betrag von M. 15,— als Aufnahme 
gebühr und Jahresbeitrag zu unserem Bunde , einsenden. Wir 
teilen Ihnen nochmals mit, daß Sie ein Ausnahmemensch sind, 
der es verdient, auf Erden die Stelle einzunehmen, die ihm seine 
reichen Taleitte geivührlcisten. In der Hoffnung, Sie demnächst 
mit unserm Brudergruß begrüßen zu können, zeichnen wir niit 
bester Hochachtung! . . . 
Ich kann es natürlich nun kaum erwarten, bis ich die Gelder 
eingeschickt habe, um damit die Berechtigung zu erkatifen, Mitglied 
dieses Beieins zu iverden! Nach den Statuten darf ich auf meiner 
Visitenkarte dann noch die geheimnisvollen vier Buchstaben an 
bringen M. S. S. C., was so viel heißt, daß ich Membor (Mitglied) 
des „S. Siicees-Clnb" bin. Ich erkaufe damit aber auch gleicherzcit 
den Ehrentitel Les größten Ochsen in Zentraleuropa. 
TrützdeiU'tuI- cs"aber> wohl,-"setne- Fähigkeiten 'so'cklafrMd' 
uneigennützig bescheinigt zu erhalten. Zwar weiß ich, daß der 
Müllkutscher Minkefett das gleiche Schreiben auf Aufrage hin er 
halten wird; aber wenn er bescheinigt erhältz zur „Führung großer 
Massen" geeignet zu sein, dann meinen die Leute bei ihm das 
wörtlich und tatsächlich, während ich doch in die vergeistigte Sphäre 
des Bildlichen rücke! 
Und schließlich ist es noch nicht das schlechteste Geschäft, leitender 
Oberschieber dieses genial angelegten Schwindels zu sein! 
Wer weiß, ob Rudolf Stallmann, der jetzt mehr im Mittel 
punkt des Interesses steht, als der sanggekrönte König der Monte 
negriner, nicht auch durch ein solch aufmunterndes Schreiben auf 
feinen romantischen Schicksalsweg gestoßen worden ist! 
Wer heute Morgen hörte, wie dieser Mann über die größten 
finanziellen Transaktionen in sachlichem Plauderton sprach, wer 
vernahm, daß eine eigenartige Sehnsucht tu die Ferne diesen 
Abenteurer lenkte, mußte menschliches Mitgefühl mit ihm haben. 
In dem Zimmer 574 des neuen Landgerichtsgebäudes steht 
jetzt dieser Mensch, der sich Baron von.Korff-König nannte, 
um sich in der Welt des Scheins „einen Grad höher herauf zu 
setzen". Das sagte er mit solch überzeugender Schlichtheit, daß der 
joviale Borsitzende, Landgerichtsdirektor Lampe, ihm beistimmend 
zunickte. 
In diesem Prozeß bildet jeder Beteiligte eine Welt für sich. 
Selbst der eben genannte Vorsitzende fällt auf. Er hat nur einen 
Arm. Ter linke Arm wurde ihm bei- Gravelotte von einer 
Franzosenkugel zerschmettert. Und wie versteht dieser begabte 
Richter zu verhandeln! Er unterhält sich mit den Angeklagten; 
zwingt sie durch liebevolles Eingehen auf ifire Lebensanschauungen 
zur Offenheit, und gibt dem ganzen forensischen Spiel eine 
persönliche, fast reizvolle Rote. 
Soviel war aus der heutigen Verhandlung schon zu erkennen, 
daß die drei Angeklagten nicht umsonst aus allen Spiclklubs der 
Welt ausgewiesen worden sind. Sowohl Stallmann, als auch der 
frühere Leutnant Niem ela und Cramer sind berüchtigte Gestalten 
in der Welt des goldenen Leichtsinns. 
So sympathisch die Offenheit Stallmanns berührt, 
so peinlich wirkt die Aussage des Exleutnants Niemcla. Er hat 
sich zwei Jahre in Frankreich nur in Spielklubs Herumgetrieben; 
hat in ständiger Gemeinschaft mit den größten Hochstaplern 
und Falschspielern operiert; ist selbst von allen französischen 
Klubs des Falschspiels verdächtigt und ausgewiesen worden, — 
und jetzt hängt er sich ein gar geheimnisvolles Mäntelchen um. 
Er tut so, als sei er in wichtiger Mission in Frankreich gewesen 
und meint, daß er seine Aussage in staatlichem Interesse wohl er 
wägen und nur unter Ausschluß der Oeffentlichkcit machen müsse 
und könne. 
Hier konnte aber der Staatsanwalt gleich mit der Tatsache 
dienen, daß Niemela mit irgend einem Kundschafterdienst (ein 
verflixt feiner Ausdruck für Spionage), nicht betraut war; und 
das mystische ■ Mäntelchen zcrflatterte vor der staatsanwaltlichen 
Sonne. Und sonderbar: Alle Angeklagten geben zu, leidenschaftliche 
Spieler zu sein. Aber nie haben sie die in den Klubs üblichen, 
auf Tod und Leben gehenden Glücksspiele gespielt! 
I, Gott bewahre! 
Aus die Frage des Borsitzenden: „Was haben Sic denn 
immer gespielt?", erklang es wie lächelndes Bekenntnis aus 
verschämtem, reinem Kindermund: 
„Skat." 
Dabei ist erwiesen, daß Stallmann an einem einzigen 
Abend 400000 Mark gewonnen hat! 
Vorausgesetzt, daß er also bei einem Dauerskat von 10 SMndcn 
auf 1500 gekommen ist (die Skatspieler werden bei dieser stolzen 
Zahl verträumt lächeln und mit stillem Augenaufschlag die Mög 
lichkeit zugeben); und daß die beiden anderen auf je minus 500 
standen, so hat er sicher nicht um die Zehntel und auch nicht um 
die Ganzen gespielt, sondern hat den Point mit IM Mark beivertet. 
Ich weiß nicht, ob Carnegie und der Fürst Donnersmarck sich 
diesen Luxus erlauben; wohl aber weiß ich, daß ich noch nicht um 
die Hunderter gespielt habe. Dies stelle ich fest selbst auf die 
Gefahr hin, daß die Leser es mir nicht glauben. 
74 des 'MxitUmm 
Sonntag, den 30 März 59!3 
Vom Skat bis zur Zigarre ist mit ein Schritt; und diese hat 
jetzt in Berlin einen Sieg davongetragen, der einzig dasteht in ihrer 
Geschichte, die bekanntlich zurückreicht bis zur Entdeckung Amerikas. 
Anfang Dezember hat die Berliner Hoch- und Unter 
grundbahn urplötzlich das Rauchen in den Zügen verboten 
und die Rauchcrwagcn abgeschafft. Es kam noch hinzu, daß auf 
dem weltberühmten" und berüchtigten Bahnhof „Gleisdreieck" der 
etwas sehr umständliche limsteigebetrieb aufgenommen wurde. Malt 
konnte sich getrost mit Seil und Spitzhacke versehen, wenn man 
ungefährdet durch den allgemeinen Wirrwarr die steilen Treppen 
nach den anderen Zügen erklimmen wollte. 
Der Erfolg war für das Unternehmen vernichtend. 
Ter Jahresbericht auf das Jahr 1912 zeigt ein Minus von 
400 000 Personen trotz vermehrter Wagen- und Zug-Zahl gegeik 
das Jahr 1911. Das Berliner Publikum zeigt also eine Ent 
wöhnung von diesem Verkehrsmittel, das sich diesen Rückgang aber 
lediglich selbst zuzuschreiben hat. Verschiedene verfehlte Bahnhofs 
anlagen, sehr teure Fahrpreise, dann die Unmöglichkeit, Wochen- 
odcr Monatskarten zu erhalten, und zuletzt das schroffe Rauch 
verbot, das alles zusammen, um der Hochbahn das Publikum zu 
entfremden. 
Ter Geschäftsbericht läßt erkennen, daß die Einnahmen seit 
Einführung des Rauchverbots um 3000 Mark in der Woche 
durchschnittlich zurückgegangen sind! 
Die Direktion hat aus diesen nüchternen Zahlen gelernt. Sie 
hat jetzt eine Bekanntmachung erlassen, daß in allerkürzester Zeit 
die Raucherwagen wieder eingeführt werden. Ja, sie geht 
in ihrer Liebenswürdigkeit noch weiter. Früher waren die Raucher 
wagen in der Zugreihe inimer unregelmäßig eingestellt, so daß man 
oft von: einen zum andern Ende rennen mußte, um den Raucher 
wagen, der morgens noch am hinteren Ende angehängt war, an 
der Spitze des Zuges zu erreichen. Bei einem Turchschnittsauf- 
enthalt von 20—25 Sekunden auf einer Station war das, besonders 
für etwas korpulente Herren, kein Vergnügen. Jetzt besagt der 
Erlaß, daß die Rauchcrwagcn in Zukunft auch stets an der gleichen 
Stelle einrangiert iverden, so daß das verzweifelte Wettrennen nicht 
niehr erforderlich ist. 
Wir können also in Zukunft die Luft in den Wagen mit den 
Zigarren wieder verbessern. Oder auch verschlechtern. Je nach 
Qualität. Können in Zukunft iviedcr getrost mit dem milden Daiiipf 
der nervcnberuhigenden Zigarre den hastenden Geschäften nachgehen. 
Die Hochbahn wird durch Elektrizität betrieben. 
Die neueste Verordnung dieses Unternehmens ist also ein glatter 
Sieg des Dampfes über die Elektrizität. Heinr. Binder. 
lokales 
(Nachdrlick unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ueber die Tätigkeit deS Friedeuauer 
Gewcrbegerichts entnehmen wir dem Geschäftsbericht 
für das Jahr 1912 das Folgende: (Dir in Klammern 
gesetzten Zahlen beziehen sich ans dir Zeit vom 24 11. 
bis 31.12.11). Die Zahl der anhängig gemachten Klagen 
beträgt (26) 194. Hierzu treten aus dem Vorjahre die 
unerledigt gebliebenen Sachen (—) 15. Insgesamt waren 
also (26) 209 Streitsachen zu behandeln. Vor Abhaltung 
d«S ersten Termins wurden zurückgenommen (4) 20, sodass 
(22) 189 Klagen für die Rechtsprechung verblieben. 
Davon wurden erledigt (7) 178 Sachen, während auf da? 
folgende Jahr übernommen wurden (15) 11, In (1) 11 
^Fallen haben mehrere Kläger durch genteinschaslllchen 
Antrag Klage erhoben. Die Höchstzahl der zu einer 
Slreilgcnoffenschaft vereinigten Kläger betrug 6, die Zahl 
der Kläger überhaupt (2) 31. Sämtliche Klagen sind von 
Arbeitnehmern gegen die Arbeitgeber angejtrengt worden, 
(4) 17 Klagen von weiblichen Personen. Die Streitsachen 
verteilen sich aus die einzelnen Gewerbe wie folgt: Bau 
gewerbe: Maurer und Putzer (4) 23, Zimmerer (—) 3, 
Bauarbeiter (3) 10, Bautechniker (—) 1, Terrazzoarbeiter 
(—) 1, Staker (—) 1, Bildhauer und Stuckateure (—) 5, 
Elektromonteurs (—) 8, Klempner und Rohrleger (1) 7, 
Tischler und Einsetzer (2) 3, Maler (2) 8, Tapezierer 
4, Schlöffet und Anschläger 5, Installateure 4, Steinsetzer 
(2) —, Töpfer 1, Glaser 1, Bauwächter 3, zus. (14) 88, 
die übrigen Gewerbe: Bäcker und Konditor (1) 6, Buch 
drucker 2, Chemiker, Ingenieure 2, Friseure (2) 5, Gärtner 
(Blumenbinder) (I) 3, East- und Schwankwirte (2) 14, 
Goldschmiede 1, Hausdiener (1) 14, Kinematographsn- 
ihrater 10, Kraftfahrgewerüe (1) 7, Mechaniker, Optiker 
(1) 7, Musiker 2, Putzmacherinnen 7, Schlächter 1, 
Schmied 1, Schneider (Herren) 2, Schneider (Damen) 3, 
Schumacher 3, Spedition 4, Zigarrenmachrr 2, Sonstige 
Betriebe (3) 10, zusammen (12) 106. Mit den Klagen 
wurden geltend gemacht Ansprüche auf: rückständigen Lohn 
(15) 118, Schadcriersatz infolge unrechtmässiger Lösung deL 
QrbeitsoerhältnisskS bczw. wegen Einbehaltung der Papiere 
(10) 61, Ausstellung bezw. Aenderung von Zeugnissen 4. 
Herausgabe von Arbeitspapieren und Kleidungsstücken (l) 
3, Zahlung von unrechtmäßig einbehaltenen Krankenkassen» 
und Jnvalidenbeiträgen 8. Der Wert d;S Streitgegen 
standes betrug in (10) 65 Fällen bis einschließlich 20 M., 
(7) 48 Fällen von 20—50 M., (6) 44 Fällen von 50 
bis 100 M.. (3) 29 Fällen mehr als 100 M. In 
8 Fällen wurde der Wert deS Streitgegenstandes 
nicht festgestellt. Die höchste Klagesumme belief sich 
auf 478,50 M., die geringste auf 1,50 M. Die 
anhängig gewesenen Streitsachen wurden erledigt durch 
Zurücknahme (3) 35, durch Vergleich (1) 64, durch Verzicht 
(1) , durch Anerkenntnis 5, durch rechtSkräsliges BersäumniS- 
urteil: gegen Kläger (!) 11, gegen Beklagten 34, durch 
andere Endurteile: Verurteilung nach dem Klageanträge 
(2) 7, teilweise Verurteilung nach dem Klageanträge (—) l, 
Abweisung der Klage (2) 20, durch Ruhenlassen 21, 
auf andere Weise (1), hierzu die nicht erledigten Sachen 
(15) 11. zusammen (26) 209. Außer den aufgeführten 
lechtSkräftlgen VrrsäumntSurleilen wurden noch 13 Ber- 
säumnisurteile erlassen, gegen die rechtzeitig Einspruch ein- 
gelegt worden ist. Die Streitsachen wurden in (15) 282 
Terminen verhandelt und zwar in (9) 195 Terminen vor 
dem Vorsitzenden, (6) 87 Terminen mit Beisitzern. ES 
find erledigt worden in der Zeit von weniger als 1 Woche 
(4) 31, von 1—2 Wochen (2) 53, von 2 Wochen biS ein 
Monat (5) 65, von 1—3 Monaten 41. von über 3 Mon. 
8 Klagen. BeweiSbeschlüsse ergingen (6) 54. Es wurden 
,15) 60 Zeugen und 2 Sachverständige vernommen, neun 
Zeugen» und 2 Pgrteieide geleistet. In 3 Sachen wurden 
Ginachten eingeholt. Berufung wurde gegen die End- 
urteile oes GewerbegerichlS nicht eingelegt. Ordnung 
strafen mußten in zwei Fällen gegen Sachverständi. 
festgesetzt werden. (1) 34 Klagen wurden schriftlich ei 
gereicht, dagegen (25) 160 zu Protokoll des Gericht 
schreiberS erklärt. 
o Einen öffeutlichen Arbeitsnachweis einz 
richten, ist bekanntlich in unserer Gemeinde beabsichtic 
Es dürften da dir Ausführungen interessieren, dis Obe 
bürgermeister DominicuS-Schönebcrg kürzlich in ein 
öffentlichen Versammlung der Gesellschaft für Sozia 
Reform, Ortsgruppe Berlin, über die Organisation ein> 
öffentlichen Arbeitsnachweises für Großberlin machte. Nuc 
dem er in kurzen Zügen die Unzulänglichkeit der heutig, 
Arbeitsvermittlung beleuchtet hatte, ging er zu positiv, 
Vorschlägen über und führte aus: 
Wena wir in Len Kommunen Arbeit zu vergeben haben, so darf 
wir auch verlangen, Laß Li« Arbeitgeber, die den Zuschlag erhalte 
ihre Arbeiter aus dem städtijchen Arbeitsnachweise beziehen. D 
jetzige Zustand der Arbeitsvermittlung befriedigt in keiner 23ti 
N-uerding8 scheinen allerdings einige Kommunen auf diesem G.-bü 
Verbessilungen auzustrebcn. So hat der Magistrat von Schönebc 
schon im September 1911 die Stadtverordnetenveriammlung ersuct 
eine Kommunalisierung des Arbeitsnachweises für Großberlin in L 
Wege zu leiten. Die Stadt Berlin steht einem solchem Plane syr 
pathisch gegenüber. Die Hauplstadt zahlt von 1913 ab einen Beitrc 
von 144 000 M zu den Unkosten der Arbeitsvermittlung, Schöncbri 
ebn 4: 000 M., was hivsichlltch der 7 mal geringeren Einmohnerza! 
SchönebergS ein Mißverhältnis darstellt. Der von der Regierung jui 
rentionicrle Märkische Verband der Arbeitsnachweise hat zwar crfrei 
liche Rksullaic auszuweisen, doch fehl! ihm die genügende Autorib 
über die Nachweise in Großberlin. Er kann seine Ansichten nicht m 
Nachdruck durchsetzen, weil er auf Beihilfen von Kommunen ui 
privaten Albertsnachwrisen angewiesen ist. In den süddeutsch! 
Staaten liegen die Verhältnisse günstiger. Doit stellt der Staat de 
Zentralverbande für Arbeitsnachweis erhebliche Mittel zur Dersüguu 
Diese Gelder werden dann nach Bedarf den lokalen Nachweisen a> 
Uuierflützungen und Zuschüsse überwiesen, wodurch sich der Zcntra 
verband eine Kontrolle über die Handhabung der lokalen Vermiitlan 
sichert E>n solcher mit Jaspizierungsrechlen ausgestatteter Verbau 
kann wesentlich besser wirken als der Märkische Verband. Wie muß 
nun für die Provinz Brandenburg der Arbeitsnachweis orgauisiei 
werden? Für Berlin selbst eischcint s-ine Kommunalisierung nolwendi« 
An der Cpihe der Organisation müßte ein erstklassiger Fachmann i, 
Hauplamte stehen. Auch ist eine einheitliche Leitung der Großderiine 
Nachweise erstrebenswert, da hierdurch Tausenden von Arbeitssuchende 
Wege und Unkosten erspart werden könnten. Dies- großzügige Cir 
heittichkeit bleibt wohl einstweilen ein frommer Wunsch, zumal der 
Großierliner Zwcckverbandc die Organisurung und Unterhaltung de 
NachweiSwesens nicht übertragen worden ist. Vielleicht aber getrau 
eine Verständigung einiger Kommunen, um durch Zusammenschluß a> 
Li-s-m Gebiete bahnbrechend vorzugehen. ES lönnlc hier ein neue 
Zweckoerband entstehen, dem mit der Zeit sich wohl auch die absei! 
petzenden D-meindm anschließen würden. An diesen Zwcckoerban 
hätte sich der Prvvinzialvcrband (Märkischer Verband) arzuglieden 
Ihm würde cs obliegen, aus den erhaltenen staatlichen Mitteln Be 
Häfen an die kommunalen Aibei-Snachweise zu gewähren. Allcrdiug 
müßte seine noch mangelhaste Organisation noch viel besser ausgebau 
werden. 
o Schiffsjungen der Kaiserliche» Marine. B, 
den Schulentlassungen tritt an manchen Familienvater di 
Frage heran, welchen Beruf der jetzt der Schule ent 
wachsen« Junge wählen soll. Bei dieser Gelegenheit so! 
auf die Laufbahn der Schiffsjungen der Kaiserliche 
Marine aufmerksam gemacht werden. Junge Leute, di 
zu dem jährlichen Einstellungstermin — im Oktober - 
nicht jünger sind a!§ 15 und nicht älter als 18 Jahcc 
können, sofern sie vollkommen gesund irnd kräftig sinl 
gute Schulbildung (Volksschule) und einen in jeder Be 
ziehung einwandfreien Leumund besitzen, in die Schiffs 
jungendivision an Bord S. M. S. „König Wilhelm" i: 
Mürwik bei Flensburg eingestellt werden. Dis Ver 
pflegung, Lelleidung und Erziehung als Schiffsjunge ij 
kostenlos für die Angehörigen. Ein Schiffsjunge wir! 
2 Jahre nach dem Eintritt Matrose, nach zirka Jahre: 
Obermatrose, 5—6 Jahren Maat (Unteroffizier), 8 bi 
9 Jahren Obermaat (Sergeant). Nach 12 jähriger aktive 
Dienstzeit erhält er den ZioilversorgungSfchein. We 
weiter dient wird Deckosfizier. Der Deckossizier ist Ee 
haltSempsänger und penstonSbercchtigt. Der Dienftgra 
eines Deckojfiziers kann auch früher als nach 12 jähriger aktive 
Dienstzeit erreicht werden. Das monatliche Einkomme: 
alS junger Maat beträgt neben freier Bekleidung, Der 
pflegung und Unterkunft etwa 55 M., als Obermaat (nr.d 
8 jähriger Dienstzeit) 85 bis 60 M. Der Deckojfiziir bc 
zieht monatlich etwa 210 M-, der Oberdeckossizikk 250 M 
Wer in die SchiffSjungendiviston eingsstcllt werden will 
meldet sich persönlich beim nächsten BezirkSkommando ode 
an Bord S. M. S. „König Wilhelms Beibringn» 
eines Zeugnisses, daß der Anwärter schwimmen kann, if 
eine gute Empfehlung. Meldeschluß ist der 20. Juli 
Alle die Einstellung betreffenden Bestimmungen und aus 
sührliche Beschreibungen von Laufbahnen sind in einen 
kleinen Heft „Nachrichten für Freiwillige, die in die Schiffs 
jungendivision eintreten wollen" zusammengestellt; an 
Wunsch wird das Heft kostenfrei durch das nächste Bezirks 
kommando oder S. M. S. „Königin Wilhelm" (Adresse 
FlenZbnrg-Mürwik) zugesandt. 
o Nmzngszeit! Eine alte Redensart sagt: „Dreimo 
umgezogen, ist so gut wie einmal abgebrannt." Dabc 
lange vor- und nachher die Arbeit, Aufregung, Störung 
Unmut, Unfriede. Aerger! Dann ist es eine Schreck-nsz-i 
für den Wirt, der in der gedrängtesten Zeit das nötigst 
wieder herstellen lassen möchte und zuletzt auch süc di 
Maler, Tapezierer. Ofensetzer, MöbeltranSporteure. derc: 
Haupttätigkeit vom ganzen Jahre sich auf den 1. Apri 
und 1. Oktober konzentrieren dürste. Auch verteuert bei 
Zusammendrängen die Arbeit für drn Umziehenden uni 
den Wirt. Demnach wäre vielen Uebelsiänden abgeholfen 
wenn die UmzugSzeit ans den Beginn aller vier Quarta! 
im Jahre eingerichtet würde zur besseren BequemstSkei 
für Mieter wie für die HauSwirte. Nicht paffende Mirt 
Verträge könnten eher gelöst werden und die Arbeit würd 
sich nicht so stauen. Die Gelegenheit zmn Wieder 
vermieten bleibt dieselbe, und kommt eine Wohnung zun 
Leerstehen, so ist hiernach die Aussicht, daß dos nur au 
ein Vierteljahr geschieht, während cs jetzt ein halbes Iah 
der Fall ist.
        
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